- Post date: 22. Juni 2012
Alle Jahre wieder im Juni treffen sich die besten deutschen Blitzmannschaften und spielen den deutschen Meistertitel aus. Und wahrlich, man höre und staune, an diesem Samstag öffnet sogar eine Kirche in Aachen ihre Pforten, auf dass der schöne und vielleicht sogar heilige Turniersaal für Erleuchtung, Inspiration und trotz allem auch ein wenig Seelenfrieden bei den Spielern sorgen möge. Wer von uns ohne Fehler spielt, der setze den ersten Stein.
Frischauf also, Aachen lockt – und auch in diesem Jahr sind wieder gefährlich viele Top-Mannschaften am Start. Neben dem berühmten Porzer Blitzteam (mit der Hamburger Schachfußballlegende Loek van Wely) wird auch der amtierende Deutsche Meister Bayern München mit dabei sein. Die Chessfriends Berlin (mit dem berühmten Levon Aronian?!) reisen ebenso aus der Ferne an wie Nickelhütte Aue, Forchheim und Tarrasch Nürnberg. Aus dem Norden werfen neben Diogenes Hamburg, dem SK Hameln und dem SC Neukloster auch Werder Bremen, der berühmte Hamburger SK und der Bundesliga-Neuling aus Norderstedt ihre Hüte in den Ring. Gens una sumus – alle Jahre wieder ist es fürwahr ein schönes Erlebnis, wenn man dabei sein kann!

Die Bibel für alle Blitzschachspieler
DJK Aufwärts Aachen ist der Verein, der all das auf die Beine stellt (nicht zu verwechseln mit Salonremis Aachen, dem laut Homepage "geilsten Schachverein des Universums", und wohl ebenfalls nicht mit dem Aachener Schachclub Tigerli ).
Mitten im Zentrum der Stadt gibt der DJK Aachen dieser Blitzmeisterschaft wahrlich einen für Schach beinahe schon untypischen Event-Charakter. Der Spielort in der City-Kirche ist inspiriert gewählt, und rund ums Heilig´s Schächle (schwäbisch für Blitzschach in der Kirche) sorgt auch ein buntes zweitägiges Rahmenprogramm für ein wundervolles Ambiente. Hinzu kommen natürlich auch noch das Viertelfinale der Fußballeuropameisterschaften, und das gute Wetter!
Als Sahnehäubchen haben die Aachener sogar einen Live-Ticker eingerichtet, der am Turniertag immer wieder schnell über den aktuellen Stand der Meisterschaften informieren wird. Beeindruckend! Auch Radiosender und Zeitungen berichten in für uns Normalschachliche kaum glaublicher Fülle. Mehr dazu findet sich auf der sehenswerten Homepage des Vereins, bzw. auch genau hier.

Blitzschach könnte so schön sein, wenn nur die Zeit nicht immer so knapp wäre
Die viele Mühe der Aachener ist wirklich aller Ehren wert. Es steckt ja oft schon einiges an Arbeit dahinter, ein Grillfest für den Verein zu organisieren, und auch ein beliebiges Vereinsturnier veranstaltet sich nicht von alleine. Um so beeindruckender ist es zu sehen, mit wie viel Engagement und (wie man so sagt) freiwilligen Helfern in der Domstadt für diese Meisterschaften ein schöner Rahmen geschaffen wurde.
Nun bin ich nicht wirklich oft zu Gast auf Deutschen Meisterschaften, doch manchmal war es schon so, dass dort in punkto Öffentlichkeitsarbeit und Schachwerbung Chancen vergeben wurden. Es waren zum Teil heimliche Veranstaltungen, bei denen oft sogar das berühmte Schild an der Tür fehlte, das neugierige Besucher in den Saal hätte locken können. Schade!
Ob ich gläubig bin? Das weiß nur Gott allein. (Stanislaw Lem)
Und siehe, wer also Samstag noch nichts vorhat, kann sich aufmachen zum Turnier oder das bunte Treiben virtuell am Live-Ticker verfolgen. Beides lohnt gewiss. Ich freue mich schon drauf, auch wenn wir Werderaner zwar wieder nicht die allerheißesten Favoriten auf irgendeinen Titel sind. Doch was soll´s - solange wir gegen den HSK und Norderstedt und Bayern München gewinnen, ist sowieso alles gut. Viele Grüße nach Aachen!
- Post date: 19. Juni 2012
Man glaubt es ja kaum – schon wieder läuft der Fußballsport dem Spiel der Könige den Rang ab. Erst vorgestern gewann Deutschland sein letztes Vorrundenspiel gegen Dänemark mit viel Mühe und viel Not – und schon hupten die Autos auf den Kreuzungen, Menschen umarmten und küssten sich, und die Welt war für einen kurzen Augenblick wieder in Ordnung.
Vor einem Dreivierteljahr, wie war es da? Die deutsche Schach-Équipe punktete sich voller Energie durch eine phantastische Europameisterschaft in Porto Carras/ Griechenland und wurde beste Mannschaft des Kontinents. Georg Meier schoss das entscheidende Tor gegen Armenien, doch die breite Masse hat es kaum registriert - wie schade. Oder hat jemand ein hupendes Auto gehört? Sah man tanzende Menschen auf blockierten Straßenkreuzungen? Wurde ich etwa von bezaubernden Frauen umarmt? Wir sind und bleiben eine Randsportart.


Das Gute an unserem Randsport: für Kaffeesponsoren sind wir jederzeit offen!
Nun sollte uns das ja eigentlich gar nicht stören. Randsport sein, das muss ja nichts Schlimmes bedeuten. Manche Menschen sammeln Briefmarken und finden dabei ihr Glück. Andere widmen sich dem Extrembügeln, rauchen, angeln oder machen Square Dance - klein, aber fein und vom Glanz der Medien unbemerkt.
Außerdem sind wir als Randsportler in guter Gesellschaft - laut ZEIT ist sogar Basketball in Deutschland seit neuestem wieder auf diese Bewusstseinsebene zurückgefallen. Doch wen von uns soll es schon groß stören, ob und wie uns die anderen wahrnehmen? Hauptsache, wir sind glücklich mit dem, was wir tun. (Und das sind wir doch, oder?)
Wer es aber doch ein wenig schillernder liebt, kann seine Hoffnungen (wie immer) auf die Zukunft richten.
(Nun hätte eigentlich ein Wort folgen sollen zum Tal Memorial in Moskau, das augenscheinlich Magnus Carlsen knapp vor Fabiano Caruana und Jörg Hickl für sich entscheiden konnte. Leider hatte ich leichte Probleme, die russischsprachige Webseite zu verstehen – darum für heute nicht viel mehr zu diesem Thema. Glückwünsche aber an den unglaublichen Magnus!)

Magnus Carlsen - in Moskau der Konkurrenz wieder weit voraus
Gerne surfe ich ja zum Beispiel auf die Seite des Schachbundes, beklage meine aktuelle DWZ und schaue, was es Neues gibt in der weiten Welt. In letzter Zeit allerdings scheint allerdings nicht mehr viel passiert zu sein - zumindest nicht in der weiten Welt. Aber war da nicht eine Weltmeisterschaft? In Moskau sogar? Der Schachbund berichtet von diesem und von jenem, aber so ungefähr das weltgrößte Schachereignis fand nicht so richtig den Weg in seine Nachrichten.
Zum Glück für uns berichtete ja aber unser aller Hauptsponsor Chessbase liebevoll auf seiner Seite – und da wäre es vielleicht sogar etwas störend gewesen, hätte der Schachbund Leser abgeworben mit eigenen Berichten.
Im Laufe der Jahre sahen wir viel Gutes und viel Interessantes auf der Schachbund-Seite. Klaus-Jörg Lais hat sich dort viel Mühe gemacht, ebenso wie seine Nachfolger Frank Hoppe und Raymund Stolze. Alle waren ausdauernd am Wühlen. Aber es wird auch gute Gründe dafür geben, dass sie alle ihr intensives Engagement früher oder später nicht mehr fortsetzen wollten.
Nun schickt sich der Schachbund an, die Stelle eines Referenten für Öffentlichkeitsarbeit ein weiteres Mal neu zu besetzen und damit den lange Zeit sehr guten Stand seiner Homepage-Berichterstattung zu bewahren.
Die Suche nach einem ehrenamtlich wirkenden Pressereferenten (Frauen werden in der Ausschreibung nicht angesprochen) ist schon seit einigen Tagen hartnäckig die Top-Meldung beim Schachbund. Wir unterstützen das gerne. Leider wird auch dieses Ehrenamt den Kandidaten deutlich mehr Arbeit als (wenn überhaupt) Geld bringen, aber so ist das wohl beim DSB. Offenbar sind wir nur ein sehr kleiner Verband, für irgendeinen Randsport ohne Ambitionen, und da ist einfach nicht mehr drin an Bezahlung. Bitte melde Dich!
Auch eine Etage höher tut sich einiges. Das Weltschach meldet sich zu Wort, und hier fließt im Gegensatz zum verwaisten Pressebereich des Schachbundes eine Menge Geld. Andrew Paulson, Chef des AGON-Unternehmens, schickt sich an, das Spiel der Könige fernsehtauglich zu machen. Und klar, warum auch nicht? Zuerst kaufte er der großen Mutter FIDE die Rechte für den nächsten WM-Zyklus ab, und nun bekräftigte er in einem Interview in Moskau noch einmal seine Pläne, beizeiten auch die Übertragung von Schach auf den Fenseh-Bildschirm zu revolutionieren: "If poker can make it on telly, so can chess".

Schach im Fernsehen - schalten wir um oder bleiben wir dran?
Was würde besser werden, wenn Schach nun auch noch im Fernsehen zu sehen wäre? Wer würde zuschauen – und was genau würden wir sehen? Beim Dart schalte ich ja immer gleich weiter, trotz all der herumfliegenden Pfeile und der johlenden Menschen im Zuschauerraum. Noch schneller geht es mit dem Umschalten, wenn Pokertische und goldene Kettchen zu sehen sind. Sogar wenn die Schach-Bundesliga oder ein Superturnier im Internet übertragen wird, bleibe ich nicht stundenlang vor dem Bildschirm sitzen –auch wenn das natürlich verwerflich ist und man das nicht sagen soll. Der einzige Sport neben Schach, der mich im Moment fesselt, ist Fußball. Ist leider so. Fußball!
Vielleicht ist das Problem, dass man beim Schach insgesamt zu viel denken muss, auch als Zuschauer. Wenn es mit weniger Denken gehen würde, wäre das schon eine Hilfe.

Auch abseits des Schachbretts ist es ohne Nachdenken manchmal schwierig
Ansonsten lässt es sich aber auch als Randsportler ganz gut leben. Nur fremde Frauen könnten uns Schachspieler gerne öfter umarmen, da beneide ich die Fußballer schon sehr. Und ein(e) gut bezahlte(r) Pressereferent(in), das fände ich auch schön. Aber sonst fehlt mir außer ein paar DWZ-Punkten eigentlich nichts.
PS Croatia - Espana 0 : 1. Olé!
- Post date: 02. Juni 2012
Nach der für viele enttäuschenden WM in Moskau richten sich unsere schachlichen Hoffnungen einmal mehr auf die Jugend.
Wir blicken nach Oberhof zu den Deutschen Jugendmeisterschaften, die dort seit einer Woche in großem Stil ausgetragen werden. Das Turnier macht einen ausgezeichneten Eindruck – ein echtes Festival des Schachs für Kinder, Jugendliche und Begleitpersonen. Und es ist gut besucht – allein in den U10 und U12-Turnieren spielen jeweils fast 100 Jugendliche mit.

Dieser junge Mann weiß seinen Optimismus geschickt zu verbergen.
(Alle Photos: Deutsche Schachjugend - herzlichen Dank!)
Das Organisationsteam der Deutschen Schachjugend (DSJ) hat zahlreiche Highlights eingebaut: es gibt Radio DEM und Chessy TV, eine App-Zeitung (moderne Zeiten!) und auf der interessanten Homepage kann man jeden Tag über die Partie des Tages abstimmen (ich habe auch schon mitgemacht, aber - wie das immer so ist – nichts gewonnen). Auch die Spitzenbretter jeder Altersklasse werden live übertragen.

Ein Kandidat für die Partie des Tages war auch die wilde Begegnung zwischen Guido Stanau - Christopher Noe.
Wie setzte Schwarz hier fort? (Die Auflösung findet man hier.)
Oberhof! Sogar Jan Gustafsson war schon da, spielte simultan und trennte sich in einem spannenden Zweikampf unentschieden von Großmeister David Baramidze, der vorher gleichfalls simultan gegen die Jugend angetreten war. Hinter vorgehaltener Hand wird sogar erzählt, dass auch der WM-Kampf in Moskau nur Rahmenprogramm für die Deutschen Jugendmeisterschaften war - ein echter Clou der DSJ, die beide Veranstaltungen klug miteinander kombiniert hat.


Was Anand und Gelfand für das Weltschach sind, sind Spartak Grigorian und Jan-Christian Schröder für die U14 in Oberhof. Beide lieferten sich in den ersten acht Runden ein – wie man so sagt – Kopf an Kopf-Rennen und liegen vor dem heutigen letzten Spiel zusammen in Führung. Zwar führte Jan-Christian nach der siebten Runde mit einem halben Punkt, doch ein Remis in der achten Runde ließ Spartak postwendend wieder gleichziehen. Man könnte es so sagen: heute werden die Weichen gestellt für große Schachkarrieren!
Spartak Grigorian, Nachwuchsfachkraft beim SK Wildeshausen (nahe Bremen!), ist auf den Meistertitel indes nicht mehr unbedingt angewiesen. Seit er im Frühjahr zum Sportler des Jahres gewählt wurde, hat er schachlich eigentlich schon alles erreicht und kann das heutige Meisterrennen ganz entspannt angehen.

Spartak, rechts im Bild, auf der Suche nach dem vollen Punkt
Jan-Christian Schröder ist ein ebenso aufstrebendes Talent wie Spartak, von der ELO/ DWZ her aber favorisiert. Zusammen mit unserem Leitstern Jörg Hickl punktet er sich beim Zweitligisten SV Hofheim durch die Liga und sammelt dort ebenso eifrig Punkte wie auf diversen Jugend-Weltmeisterschaften.
Die Schlussrunde wird hier live übertragen. -


Wir schauen nach Oberhof und freuen uns über ein toll organisiertes Turnier. Wenn auch sonst nicht unbedingt, aber für dieses Turnier wäre ich gerne nochmal Jugendlicher. Vielleicht kann ich ja nächstes Jahr mit einer Wildcard bei der U14 einsteigen? Ich werde mich mal erkundigen.
- Post date: 28. Mai 2012
Gestern konnte die Welt einen Ruhetag einlegen, doch heute müssen wir wieder gebannt nach Moskau schauen. Die letzte Runde der WM wird gespielt, und Anand und sein Herausforderer Gelfand setzen sich zum letzten Mal zu einer Partie im klassischen Turnierschach zusammen, bevor es übermorgen in die Verlängerung geht. Falls erforderlich, wird ab dann im Schnell-und Blitzschach weitergespielt.
Manche spekulieren, dass der Weltmeister in dieser letzten Partie vor dem Elfmeterschießen noch einmal einen Trick aufs Brett zaubert – eine hübsche Überraschung mit den weißen Steinen, eine Finte, etwas Hübsches in dieser an Erbauungen doch irgendwie recht armen WM.

Bevor es losgeht, ein kurzer Blick nach Moskau - die Spielbedingungen scheinen ok zu sein!
Andererseits ist diese letzte Runde eben die letzte Runde. Ähnlich wie beim Fußball könnte es gefährlich sein, so kurz vor dem Ende nochmal ein Risiko einzugehen. Also lieber kein Königsgambit heute –schließlich reicht ein Patzer, und das grundsolide Ergebnis des bislang unentschiedenen Wettkampfes wäre verspielt. Da kann man lieber auf die Verlängerung warten, denn da zumindest ist wieder mehr Zeit für Risiken – und sollte es schiefgehen, kann man es dann immer noch ausbügeln.
Während ich bei Topalow – Anand klar für Anand die Daumen drückte, und auch damals in Holland stärker mit Euwe als mit Aljechin sympathisierte, bin ich mir bei dieser Weltmeisterschaft gar nicht so sicher, wer es denn nun werden soll.
Schon in der Zeit vor dem Kampf hat mich das Ganze merkwürdig wenig interessiert, und die ein wenig öden Unentschieden der Auftaktrunden trugen nicht dazu bei, die Euphorie weiter zu entfachen. Spannung kam auf mit dem ersten Sieg Gelfands, doch dem folgte sogleich wieder Ernüchterung nach dem sofortigen Ausgleich in einer merkwürdig ruckelnden Partie.

Anand oder Gelfand - einer von ihnen wird den Weltpokal mit nach Hause nehmen
Doch ein Weltmeister ist ein Weltmeister, und der Titel hat sein Recht. Auch wenn vielfach gemäkelt wird, dass hier ja gar nicht die beiden aktuell besten Spieler der Welt beisammensitzen, so kann man nur sagen: selbst Schuld! Carlsen hat (allerdings auch aus Protest gegen die FIDE) darauf verzichtet, sich durch die Qualifikation zu kämpfen, andere haben ebendiese Qualifikation nicht überstanden – auch weil Gelfand sie einfach rausgeschmissen hat aus dem Turnier.
Und nun sind sie da, der Israeli und der Inder, und einer von ihnen wird der nächste Weltmeister sein. Auch wenn der Kampf nicht immer atemberaubend war - verdient haben sie sich den Titel auf jeden Fall!
PS In Oberhof haben die Deutschen Jugendmeisterschaften begonnen. Junge Menschen aller Altersklassen ermitteln bei strahlendem Sonnenschein ihre Meister, Jan Gustafsson und Spartak Grigorian sind dabei, und es gibt eine imposante Homepage. Ein Blick lohnt.

Jeder Weltmeister hat mal als Jugendlicher angefangen
Photo: Deutsche Schachjugend - vielen Dank!
PS 2 Der Hamburger SK, von vielen (und mir) manchmal leichtfertig immer noch als HSV bezeichnet, hat bei Chessbase einen sehr hübschen Artikel zum Bremer Fußballschachturnier online gestellt. Alle Spiele, alle Tore, viele Photos und eine Analyse des Turniers aus HSV-Sicht von Eva Zickelbein - auch hier lohnt ein Blick!
- Post date: 24. Mai 2012
Erwiesenermaßen ist es für niemanden ganz leicht, bei großer Hitze Sport zu treiben. Das ist nicht nur beim Fußball so, dem großen Seelenverwandten des Schachs, sondern auch beim Trendsport Fußball-Schach.
(Erst kürzlich konnte ein HSK-Allstar-Team ein Turnier in Bremen trotz guten Wetters souverän für sich entscheiden.)
Auch für das königliche Spiel sind die dramatischen Folgen erhöhter Sonneneinstrahlung bekannt:
- - Schon 1921, als Lasker gegen Capablanca um den Weltmeistertitel rang, schien die Sonn´ ohn´ Unterlass. Niemanden indes wunderte das sehr – schließlich fand das Match in Havanna, direkt vor der Haustür Capablancas statt!
Wie man so hört, litt der deutsche Titelverteidiger sehr unter der Hitze und präsentierte sich auf Kuba nicht in der gewohnten Form. Capablanca dagegen schnappte sich einfach immer den Platz am Spieltisch, der im Schatten und näher am Ventilator stand. Ergebnis: der Titel ging an den Kubaner!
Der Gouverneurspalast in Habana: wo sind die schattigsten Plätze?
(Photo Madaki, Wikicommons, gracias, senor!)
- - Beim (hierzulande eher wenig beachteten) Oxford Weekender 2004 saßen sich einst Jonathan Rowson und Colin Crouch gegenüber. Es war die letzte Runde von insgesamt fünf, und der schöne Sonnenschein außerhalb des Turniersaals hätte die Welt beinahe um eine nette kleine Partie gebracht. Rowson berichtet:
- „ It was a warm Sunday afternoon in the beautiful city of Oxford. I was looking forward to finishing this game and getting out in the sunshine to meet up with some old friends. […] This factor, in addition to the general desire to get outside, made it all more tempting to end the game.” (Chess for Zebras, S.187 f.)
- 
J Jonathan Rowson aus Schottland: Schach ist schön, aber Sonnenschein auch!
(Photo Frank Hoppe - moin nach Berlin)
- - Der Wunsch, sowohl Schach zu spielen als auch gleichzeitig den Tag beim Baden, auf einer Wiese oder radfahrend zu verbringen, stellt schon seit Jahrzehnten Schachspieler auf der ganzen Welt vor ein nur schwer lösbares Rätsel. Wir alle kennen diesen tiefen moralischen Konflikt. Wie soll man sich da bloß entscheiden?
Sogar in Bremen ist jetzt der Frühling angekommen.
Will man da wirklich noch Schach spielen?
Trotz WM: Frühling wird fortgesetzt
Wie Fotos nahelegen, scheint in Moskau ja schon seit Beginn der Weltmeisterschaft die Sonne. Der plötzliche Frühlingseinbruch erklärt nun endlich auch, warum sowohl Anand als auch Gelfand die ersten sechs Partien mit farblosen Remisen schnell hinter sich brachten – der Winter war lang, und sie wollten einfach raus in die Sonne! Ob zwischenzeitlich sogar der frühlingsbedingte Abbruch der Weltmeisterschaft gedroht hat?
Mittlerweile scheinen sich Anand und Gelfand an der frischen Luft ausgetobt zu haben. In den letzten drei Runden saßen sie schon wieder mit großer Ausdauer im dunklen Turniersaal und verdrängten den Rest der Welt und das gute Wetter aus ihrem Bewusstsein. Allerdings wurde noch schnell nachverhandelt – der Spielplan sieht von nun an nach jeder Partie eine eintägige Pause vor. Zeit genug für das Schwimmbad und ein kühles Bier an der Moskva. Wir sind glücklich – die ehrenvolle Fortsetzung der Weltmeisterschaft ist damit gesichert!
Die heutige zehnte Partie zauberte schon wieder ein paar bunte Bilder aufs Brett. Gelfand mit den schwarzen Steinen ließ es sich nicht nehmen, in einer sizilianischen Partie ein paar exaltierte Manöver zu zelebrieren. Erst zog er seinen e-Bauern nach e6, dann wenig später schob er ihn weiter nach e5 – was hätte wohl Tarrasch dazu gesagt?

Anand hat sich während der Partie zu diesen Zügen noch nicht geäußert. Stattdessen ließ er Taten sprechen und eroberte schon bald ebenjenen Bauern auf e5. Das aber rief Gelfands Dame auf den Plan, die nun einige Züge lang herumschwirrte, ihrerseits einen Bauern gewann und dann zusammen mit der weißen Dame vom Feld gestellt wurde.

Seitdem sehen wir eine Massagestellung – Anand hat es sich im heraufziehenden Endspiel gemütlich gemacht und drückt auf den gegnerischen Doppelbauern c5/c6. Das ist keine Stellung, die man im Vereinsturnier gegen einen gleichstarken Gegner verteidigen möchte – und gegen Anand bei einer WM schon gar nicht! Ob Gelfand das alles so geplant hat?

Wir werden sehen. Die Partie kann noch lange dauern, und die Kontrahenten werden wohl noch einige Zeit auf ihrer dunklen Bühne verbringen müssen. Damit sinken zwar auch die Chancen auf ein Sonnenbad für heute, aber wie gesagt – morgen ist ja Ruhetag!
Update: nichts da mit noch langem Spielen - die Partie wurde soeben Remis. Neuer Zwischenstand: 5 : 5. Nun sind es noch zwei Partien bis zum Elfmeterschießen.

Well, it´s been a long, hard day: die Spieler einigten sich auf Unentschieden!
- Post date: 21. Mai 2012
Da kommt man arglos nach Hause nach einem Arbeitstag in der Schule, und was ist? Anand hat Gelfand geschlagen und glich damit aus zum 4:4 in Moskau.
Ein Paukenschlag – denn die Partie dauerte lediglich siebzehn Züge!
(Was soll ich sagen – ich fühle mich erinnert an so manche finstere Begegnung in der Zweiten Bundesliga, wo ich auch schon nach weniger als 20 Zügen mehr oder weniger platt stand. Schön war/ ist sowas nicht.)
Nach acht Runden und zwei aufregenden Partien in Folge folgt nun ein Ruhetag, den sich beide Spieler und auch die Zuschauer redlich verdient haben. Anand ist wieder zurück im Match und hat nach seiner gestrigen ernüchternden Niederlage – wie sagt man so schön - postwendend dagegengehalten. Ein echter Champion!

Wir spitzen die Ohren - Anand ist wieder da!
Gelfand dagegen wird sich ob der so schnell vertanen Führung ärgern. Zwar verstehe ich nicht alle technischen Feinheiten der Eröffnung so gut, aber sein Spiel wirkte heute unerwartet leichtfertig, sehr zweischneidig und fast unsolide. Eine eigenartige Veränderung seines Stils, der in den ersten sieben Runden doch von soviel Umsicht geprägt war.
1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. f3 c5
Heute mal kein Grünfeld - Gelfand neuert erneut in diesem Wettkampf und versucht es mit einer Art Benoni.
4. d5 d6
5. e4 Bg7
6. Ne2 O-O
7. Nec3
Subtile Manöver im weißen Lager!
7. .....Nh5
Subtile Manöver im schwarzen Lager!

8. Bg5
Anand verhindert das handelsübliche e7-e6, doch gefährlich wirkt sein Aufbau irgendwie nicht.
8..... Bf6
Tauscht den schönen Läufer g7 ab - ich glaube, so mancher Trainer wäre nicht glücklich über diesen Zug.
9. Bxf6 exf6 10. Qd2
Überdeckt die entblößten schwarzen Felder. Doch was kommt nach f6-f5?
10. .... f5 11. exf5 Bxf5 12. g4

So geht es ab in Moskau - keine Geschenke für niemanden! Nachdem die ersten Partien des Wettkampfes ja
gemeinhin als etwas fade beschrieben wurden, holen die Spieler heute in nur einer Partie alles nach und bringen die ungewöhnlichsten Bilder aufs Brett.
12.... Re8+ 13. Kd1 Bxb1

Schon wieder so eine Partie, die man in keinem Jugendtraining zeigen dürfte. Remmidemmi! Sind wir im Kaffeehaus oder bei einer WM? Die Stellung gibt keine Antwort.
14. Rxb1 Qf6

14..... Sg7 wäre eigentlich völlig ok gewesen - Schwarz sitzt solide hinter seinen Bauern und kann abwarten, was Weiß nun zeigt. Mit dem Partiezug läuft Gelfand in eine furchtbare Falle - und trägt dazu bei, dass diese Partie wohl in die WM-Geschichte eingehen wird.
15. gxh5 Qxf3+ 16. Kc2 Qxh1

Und nun?
17. Qf2
Die schwarze Dame findet nicht mehr heraus: 1-0.
Ein bitterer Partieverlauf für Gelfand - alldieweil diese Niederlage kaum durch seinen Gegner, sondern vor allem auch durch sein eigenes überambitioniertes Spiel zustande kam.
Oder - wie sehen das die Leser, wie sehen das die Leserinnen? Kommentare sind willkommen!

Der Meister - heute mit dem ersten vollen Punkt
- Post date: 20. Mai 2012
Da kommt man arglos nach Hause nach einem schönen Fußball-Schachturnier in Bremen, und was ist? Gelfand hat Anand geschlagen und führt 4:3 bei der WM in Moskau!
Ein Paukenschlag - nach sieben Runden liegt der Herausforderer nun in Führung, und es ist an Anand, das Match wieder in seine Bahnen zu lenken. Dafür hat der Titelverteidiger noch gute fünf Spiele Zeit. Wir können neugierig sein, wie das Ringen der beiden Großmeister sich nun entwickeln wird.
Gelfand hatte heute ein weiteres Mal die weißen Steine, und so wie ich es verstehe, zauberten die Spieler wiederum die slawische Eröffnung auf das Brett.
Im Gegensatz zu den sechs Runden davor blieben diesmal aber eine Menge Figuren nach der Eröffnung auf dem Brett, und Gelfand konnte einigen Druck aufbauen auf dem Damenflügel. Was soll man sagen - seine Dame besetzte die siebte Reihe, die Springer drangen in die schwarze Stellung ein, und obwohl Anand einen Bauern gewinnen konnte, fand sein Läufer auf c8 kein gutes Versteck mehr und ging im Gegenzug verloren. Mehrfigur für Gelfand!
Der Weltmeister fischte noch im Trüben und sandte einen Freibauer gefährlich weit in Richtung Grundreihe. Doch sein Herausforderer hatte das bereits einkalkuliert - und führte die Partie elegant mit einem stillen Zug zum Gewinn.

Gefährlich droht der schwarze Freibauer, der nach Th1+ sogar mit Tempo einziehen würde.
Doch nach dem schönen Sxe6 half auf Dauer nichts mehr gegen Sg6+ und Tg7 matt.
Mit welchem Konzept wird Anand morgen kontern? Wir gucken uns das an - und melden uns wieder!
PS Das Bremer Fußballschach-Turnier gewann der unglaubliche Hamburger SK - zwar ohne Viswanathan Anand,
dafür aber mit Loek van Wely (kein Scherz!), Niklas Huschenbeth, Merijn van Delft und anderen bärenstarken
Spielern. Glückwunsch!
- Post date: 19. Mai 2012
Während die Weltöffentlichkeit ihren prüfenden Blick nach Moskau richtet, finden an allerlei anderen Orten allerlei andere unbeschwerte Veranstaltungen mit schachlichem Bezug statt. Schach-Welt, der Blog mit der globalen Note, schaut sich darum einfach mal ein wenig um – auf dass alle davon erfahren mögen.
1) US- Meisterschaften in Saint Louis
Hiraku Nakamura hat sich mit einem satten Schwarzsieg gegen Gata Kamsky an die Spitze der Tabelle gespielt. Kurz vor Schluss hat er alle Chancen, sich in diesem bestens besetzten Turnier den ersten Platz zu sichern und damit den sich anbahnenden Titel-Hattrick von Kamsky zu verhindern.
Viele sagen ja, die amerikanischen Meisterschaften zeigen das wahre Schach – hier wird noch gekämpft, gerechnet und auf den vollen Punkt gespielt.
Der parallel dazu ausgetragene Showdown in Moskau wird dagegen oft nur noch als Schatten eines Wettbewerbs wahrgenommen. Ob wir bei Weltmeisterschaften wohl jemals nochmal eine gewonnene und/oder spannende Partie sehen werden?
Verfolgt man die engagierten Diskussionen im Kommentarbereich von chessvibes.com, stößt die nun schon einigermaßen lange Serie von Unentschieden zwischen Anand und Gelfand nicht auf große Sympathien – dabei ist doch die Punkteteilung das natürlichste aller Ergebnisse im Schach! Immerhin sehen wir bei der WM fehlerfreie Partien. Ich für meinen Teil wäre froh, würde ich sechsmal in Folge gegen Anand nicht verlieren. Auch würde ich mich freuen, sechs Spiele hintereinander gegen Gelfand zu remisieren. Das ist doch schon ein schöner Erfolg!
2.HaSpa-Pokal in Bargteheide
Beim Pokal der Hamburger Sparkasse, der eigenartigerweise im schleswig-holsteinischen Bargteheide stattfindet, wird gerade die sechste von sieben Runden gespielt. Ähnlich wie bei den Open in Wunsiedel, Potsdam, Ditzingen oder den US-Meisterschaften nutzen viele Spieler das Himmelfahrtswochenende, um in der Hektik des Berufslebens ein kleines Turnier einzustreuen.

Bargteheide - ein schachbegeisterter Ort zwischen Hamburg und Lübeck
Wir sehen heute die Spitzenpaarungen zwischen Michail Kopylov (Norderstedt) und Dusan Nedic (SF Hamburg), und gleich am Brett daneben ringt Schachwelt-Leser Holger Hebbinghaus (SK Marmstorf) ein weiteres Mal mit den Meistern – heute mit Weiß wieder einmal gegen GM Dorian Rogocenko (HSK), der (entsprechend dem Moskauer Trend zum Remis) bislang zwei Unentschieden abgegeben hat.
3) Champions League Finale in München
Findet heute statt! Doch es hat fast keinen schachlichen Bezug, und darum gleich weiter zum ...
4) Fußball-Schachturnier in Bremen
Die Saison ist zu Ende, doch im fußballverrückten Bremen wird einfach immer weitergespielt. Morgen zum Beispiel – am Sonntag treffen sich trotz Schach-Weltmeisterschaft und HaSpa-Cup sechs Mannschaften aus der ganzen Welt und stellen sich einem herausfordernden Wettbewerb, in dem nicht nur Fußball, sondern auch Schachkunst gefordert ist.

Aus der Region sind der SK Bremen West, der Delmenhorster SK und Vorjahressieger Werder Bremen dabei. Als quasi internationale Gäste gehen der Hamburger SK (im letzten Jahr mit IM Merijn van Delft und GM Dorian Rogocenko – ebenjener, der heute gegen Holger Hebbinghaus spielt!) und die Werksmannschaft von Deep Chess aus dem Ruhrgebiet an den Start. In Bremen noch unbekannt sind die Fußbrothers aus Jena – man darf gespannt sein, ob sie ähnlich wie die Bluesbrothers mit einem besonderen Outfit an den Start gehen!
Die Teams treten am Vormittag zunächst im Fußball gegeneinander an, bevor am Nachmittag ein Blitzturnier der Mannschaften folgt. „Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.“ – denn die Punkte aus beiden Wettbewerben werden verrechnet. (Gespielt wird ab 9:30 Uhr in den Räumen/ Hallen des Werder Vereinsheims in der Hemelinger Straße 17.)
PS Nur am Rande - der Bremer Teamchef hat mich nachnominiert für das Fußball-Schachturnier. Morgen muss ich also schnell laufen, schnell denken, Tore verhindern und keine Bauern einstellen - das sind die Zutaten zum Erfolg. Ob ich das alles so auf die Reihe bekomme? Und dann kommt ja auch noch Deep Chess und dreht vielleicht wieder einen Film! Aber was soll´s, Sorgen gehören zum Sport dazu - und am Ende wird es bestimmt ein feiner Tag, der schnell vorbeifliegen wird.
Mehr kann man sich doch eigentlich nicht wünschen. Obwohl, doch - vielleicht einfach mal eine spannende Partie bei der WM!
- Post date: 12. Mai 2012
Hmhm, hmhm, hmhm. Ich weiß ja, dass ich nicht ganz so viel verstehe vom Schach wie so manch andere. Dennoch: nun sind in Moskau die ersten beiden Partien gespielt zwischen Vishy Anand und Boris Gelfand, und nach meinem Gefühl waren beide nicht besonders aufregend.
Kaum hatten sich interessante Konstellationen angebahnt, waren die meisten Figuren auch schon wieder vom Brett verschwunden. Jede Partie steuerte schon bald nach der Eröffnung in den sicheren Remishafen. Insgesamt sahen wir bisher 49 Züge – 24 Züge waren es gestern, und auch heute 24 Züge (plus ein Bonuszug) mit erneutem Remis.

Anand - Gelfand : Remis!

Gelfand - Anand: Remis, obwohl der schwarze Springer hängt!
Tjaja, kein Aufreger, noch nicht. Nur schön für die Freunde des gepflegten Figurentausches.

I always feel like somebody´s watching me.
(Alexej Yushenkov/ FIDE World Cup Homepage)
Doch alles hat seine zwei Seiten, und wir wollen ja geduldig sein. Es geht um viel Geld, das ein russischer Sponsor ausgelobt hat, und beide Spieler müssen sich auch erst einmal hineinfinden in den Wettkampf.
Man kennt das ja selbst von eigenen Turnieren: in der ersten Runde stolpert man herum und erobert - wenn überhaupt - nur mit Mühe und einigem Glück den ersten Punkt.
Und auch die Fußballteams, die in der Champions League im Finale stehen, tasten sich dort erst einmal vorsichtig ab! Die Zuschauer sehen dann erstmal nur Rasenschach, und die ersten Tore fallen frühestens nach 30 Minuten.
Bis dahin aber ist es traditionell die Aufgabe des Publikums, zu singen, zu klatschen und zu hoffen – und tatsächlich, irgendwann zündet dann doch das erste Feuerwerk, und alles wird gut.
Wird es uns auch so gehen in diesem WM-Finale? Gestern zumindest gab es schon einige hübsche Handgemenge und einen gefesselten Springer auf c6.

Ein Kaffee aus dieser schönen Tasse könnte auch in Moskau Wunder wirken.
Am Ende zählt nicht, wie aufregend die Partien waren - am Ende zählen nur das erfolgreiche Gesamtergebnis und der Titelgewinn. Doch es wird schon noch werden mit einer spannenden WM.
Morgen ist zwar erst einmal Pause, aber am Montag sehen wir dann vielleicht 26 Züge in nur einer Partie - und mit etwas Glück den ersten vollen Punkt.
- Post date: 10. Mai 2012
Das Warten hat ein Ende: Boris Gelfand und Viswanathan Anand treffen sich in dieser Woche im schönen Moskau und beginnen am Freitag mit einem zwölfrundigen Match um die Weltmeisterschaft.
Zwölf Runden – das ist eigentlich nicht sehr viel, aber andererseits auch nicht sehr wenig. Zumindest, und das zeigte der WM-Kampf Anand vs Kramnik, ist es lang genug für einige Überraschungen und starke Züge (Se3!).
Wichtig ist ja immer, dass man als Spieler auch nach einer Niederlage noch einmal –wie Fußballer so sagen - zurückkommen kann ins Match. Doch genau das könnte schwierig sein bei dieser kurzen Distanz. (Allerdings nicht so schwierig wie beim Kandidatenfinale, in dem sich Gelfand gegen Grishuk in nur sechs Spielen für diesen WM-Kampf qualifizierte.)
Früher, als die Spieler noch Boris Spassky und Robert Fischer hießen, wurden glatt 24 Spiele angesetzt für so ein Match. Heutzutage scheint niemand mehr so lange zusehen zu wollen. Vielleicht war auch der Moskauer Spielsaal nur verfügbar bis zum 31.Mai? Schade ist es dennoch – 12 Runden sind eigentlich sehr kurz. Wie wäre es mit 17? -
Herausforderer Gelfand gilt gemeinhin als Außenseiter. Worauf gründet sich diese Einschätzung? Wenn wir in guter investigativer Tradition die DWZ-Liste studieren, finden wir unter Gelfand eine aktuelle DWZ von 1722. Wir vermuten, diese Zahl wird es ihm kaum erleichtern, gegen den amtierenden Weltmeister zu bestehen.
Zudem hat Olexandr Gelfand beim Tus Makkabi Wiesbaden seit einem Jahr kein Ligaspiel mehr bestritten – seine letzte Auswertung liegt schon ein Jahr zurück und war mit 4 von 6 möglichen Punkten (66%) in der Bezirksliga 8 (Hessen) zwar solide, jedoch nicht wirklich außergewöhnlich gut. Anand schaffte zwar nur 50%, doch das immerhin auch in der Bundesliga am ersten Brett.

Boris Gelfand bei der Olympiade in Dresden, 2008
(Photo: Frank Hoppe, vielen Dank!)
Doch blicken wir lieber auf den Gelfand, um den es hier wirklich geht – Boris Gelfand nämlich, den wir auch in Moskau sehen werden! Im Gegensatz zu Anand kam Boris Gelfand in der letzten Bundesliga-Saison bei keiner einzigen Mannschaft zum Einsatz. Ein schlechtes Zeichen?
Allerdings wissen wir natürlich, dass Boris Gelfand ein bärenstarker Spieler ist, der sich schon seit Jahren in der (mal engeren, mal erweiterten) Weltspitze hält. Er ist ein Mann der russischen Schachschule, und die ist ja immer für ein paar gut sortierte Punkte gut.

Aroniand – Gelfand, Dresden 2008: Schwarz am Zug hat eine gute Idee!
Anand dagegen, Weltmeister seit seinem Sieg gegen Kramnik in Bonn 2008, glänzte schon in jungen Jahren mit dem Blick fürs Taktische und beeindruckte schon früh damit, starke Züge in rasant kurzer Zeit zu finden. Der Inder hat sich nunmehr in Baden-Baden unter Führung von Teamchef Sven Noppes und als Teamkollege von Jan Gustafsson den letzten schachlichen Schliff geholt und konnte in der Bundesliga seinen universellen Stil vervollkommnen. Ein sympathischer Weltmeister!

Anand - Kramnik, Bremer Meisterschaften 2005:
mit welchem feinen Manöver widerlegte Weiß hier das ungenaue 17....De4?
Beide allerdings, Anand ebenso wie sein israelischer Herausforderer, präsentierten sich in den letzten Monaten eher mit durchwachsenen Ergebnissen. Doch was soll man da sagen - so ist eben der Modus (und das ist auch das Problem daran), und verdientermaßen spielen beide trotz ihrer aktuell mauen Ergebnisse nun den Weltmeistertitel unter sich aus.
Als Anand AnLand (i)Gelfand
Erstaunlich genug: die Namen der beiden Kontrahenten enden beide mit der eleganten Buchstabenkombination –and. Ob das ein Omen ist? Ein Vorzeichen? Doch wie sollen wir es deuten?
Anand – Gelfand – wir stellen fest: das -and erweist sich im modernen Schach zunehmend als Qualitätsmerkmal. Vielleicht werden von nun an nur noch jene Weltmeister, die das and in ihrem Namen tragen? Berechtigte Titelhoffnungen gäbe es dann nun nur noch für die folgenden Andidaten:
- Jan Timmand
- Anandtoli Karpov (den kennen wir schon als Weltmeister)
- Luke McShanand
- Dr John Nunnd
- Levon Aroniand
- Fabiano Caruanand
Schade, wird mancher denken, gibt es denn schon wieder gar keine deutschen Spieler in diesem Feld? Ja, doch, auch wir können auf einen Weltmeister hoffen:
- Daniel Fridmanand (ist ja bereits Europameister!)
- Rainer Buhmannand (ebenfalls)
- Janand Gustafsson (auch so)
- Herbert Bastianand (Präsident!)

Daniel Fridmanand - der zukünftiger Weltmeister? (Photo: Stefan64, danke!)
Diejenigen unserer Leser, die über einen Internetzugang verfügen, können dort täglich so dies und das rund um das Match auf der offiziellen Wettkampfseite verfolgen.
Es scheint auch Live-Kommentare zu geben – das ist wiederum sehr schön. Wir hoffen, sie sind nicht nur auf Russisch! Doch Chessbase meldet, und das ist gut so, dass es auch englischsprachige Kommentare geben wird. Auf der Seite der Hamburger fanden wir auch einen Hinweis auf den sehenswerten WM-Blog des Holländers Eric van Reem.
Zusammen mit den sehr ansehnlichen Standards, die der Weltcup im russischen Khanty-Mansiysk bei den Übertragungen gesetzt hat, können wir hoffnungsvoll sein, dass es neben der rein schachlichen Freude auch wieder ein Genuss sein wird für Augen und Ohren, wenn die beiden Finalisten ins Rennen gehen.

Da ist er, der stärkste Spieler der Welt!
Anders als beim WM-Kampf 1935 zwischen Euwe und Aljechin habe ich diesmal vor dem Match noch keine ganz großen Emotionen gespürt – um ehrlich zu sein: die anstehende Fußball-EM hat mich bisher rein emotional eigentlich mehr beschäftigt.
Doch das will ja nichts heißen – Freitag geht es los in Moskau, und mit den ersten Bildern, Zügen, Entscheidungen wird sich schon langsam der Fokus auf die Begegnung der beiden Top-Spieler richten. Freitag also – freuen wir uns drauf!
Schach-Welt.de, der Blog für die wahren Prognosen, fragt heute einfach mal rum bei seinen Lesern:
a) Ist der kommende WM-Kampf ein Aufreger?
b) Wer gewinnt, und wie hoch?
c) (Bonusfrage) Wird Deutschland Fußball-Europameister?

