- Post date: 21. April 2012
Nachdem es an gleicher Stelle bereits einen Text mit dem Titel „Aufgeben – aber wann“ zu lesen gab, soll es heute mal einen geben, der sich mit dem Remis anbieten beschäftigt. Wann sollte man es tun? Was gibt es noch dazu zu sagen?
Zunächst mal so viel: ein Remisangebot ist eine Option, welche jeder Spieler gleichermaßen ein Mal in der Partie zur Verfügung hat, und nach dessen Aussprache und Ablehnung man, laut Regeln, erst wieder das Recht dazu erhält, wenn der Gegner eines ausgesprochen hat und man dies seinerseits abgelehnt hat.
Selbst wenn sich dies von der Formulierung her halbwegs kompliziert anhört, so ist es doch eigentlich jedem Schachspieler eingängig. Man kann seine Option einmal ziehen, danach ist man – außer bei Annahme – zum Schweigen verurteilt und kann NUR NOCH seine Züge sprechen lassen.
Es gibt nun einige interessante Aspekte daran. Hier sollten einmal locker angeführt und aufgezählt werden:
1) Was hat das Verhältnis der Spielstärken für einen Einfluss auf die Aussprache des Angebots?
2) Gibt es ein paar ethisch-moralische, nicht in den Regeln verankerte Grundsätze, die man beachten sollte?
3) Welche Absichten können sich hinter einem Remisangebot verbergen?
4) Wann sollte man die Option zwecks Erreichens der Absichten ziehen?
5) Wie sollte man persönlich auf Remisangebote reagieren?
6) Wie lehnt man ein Remisangebot ab?
Da man als Autor selbst während der Aufzählung erst auf ein paar Aspekte traf, sollen diese nun doch systematisch abgearbeitet werden, natürlich möglichst nicht zu sehr in „Arbeit“ ausartend sondern eher in „Unterhaltung“ übergehend, selbst wenn gerne zum Nachdenken darüber anregend.
Bevor dies geschieht hier noch der kurze Hinweis, dass das Remisangebot nach hier vertretener Ansicht genau den gleichen Stellenwert wie ein Schachzug hat. Wenn man am Zug ist, muss man alle Möglichkeiten erwägen. So lange man diese Option noch nicht gezogen hat, müsste man bei jedem Zug darüber nachdenken, ob es ein günstiger Zeitpunkt für ein Remisangebot wäre – egal, mit welchen Absichten verbunden. Und: man kann diesen speziellen „Zug“ ausführen an einer beliebigen Stelle, nur gilt auch bei ihm: er kann gut oder schlecht sein.
Die Option eines Remisangebots ist im Übrigen ganz gut vergleichbar mit dem Verdopplungswürfel im Backgammon. Man muss diesen auch sehr gekonnt einsetzen, um ein Optimum aus einer Partie zu holen. Ab und an gibt es den Aspekt, den Gegner hinein zu doppeln, indem man ihn zum rechten Zeitpunkt zwingt, ihn anzunehmen, in der Hoffnung auf eine fortan günstige Entwicklung, muss dies aber vor dem Wurf tun, ab und an hat man die Absicht, diesen möglicherweise günstigen Wurf noch abzuwarten, um den Gegner danach heraus zu doppeln, ihn also zur Kapitulation zu zwingen. Analog das Remisangebot. Wenn man die Option zum falschen Zeitpunkt ausspricht, ohne Aussicht auf Annahme, so hat man den Würfel aus der Hand gegeben, im auf Backgammon übertragenen Sinne. Man kann ihn (oder eben die Option) danach nicht mehr ziehen, man hat sein Recht verwirkt und hätte möglicherweise einen viel günstigeren Zeitpunkt verpasst, die Chance dazu vergeben, zu welchem der Gegner vermutlich kaum hätte widerstehen können.
Der Autor hat persönlich ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu dieser Option. So hat man in der eigenen Karriere diese Option sehr selten (vielleicht viel zu selten?!) gezogen, andererseits eine hohe Prozentzahl von Angeboten ausgeschlagen, etliche davon ohne eine sinnvolle Begründung, und vor allem, von diesem Angebot irgendwie herausgefordert, oftmals auf dem Brett den Blick für die besten Züge verloren, stattdessen Harakiri Aktionen durchgeführt, die oftmals weder das Remis in Reichweite hielten, geschweige denn, der eigentlichen Absicht, einen Sieg zu erzwingen, näher rückten, sondern stattdessen häufig genug geradewegs in den Abgrund führten.
Dennoch bleibt das Votum entgegen einer zu friedlichen Gesinnung. Dies hat einerseits die Ursache, dass man doch bitte schön, zwecks Entwicklung der eigenen Spielstärke immer mal schauen sollte, wie sich die Partie entwickelt und was noch so alles passieren kann (dies sollte sehr wohl eingedenk der lauernden Gefahren sowohl VOR gegnerischer Aussprache als auch DANACH geschehen). Dieser Vorschlag richtet sich vor allem an sich entwickelnde Spieler, die ruhig ihre Partien ausspielen sollten und nicht zu sehr die reinen Ergebnisse in den Vordergrund rücken. Andererseits gibt es stets den Aspekt des Zuschauerinteresses, welches gerade heutzutage, dank Internet live Übertragungen wieder einen mächtigen Aufschwung erlebt und es im Geiste des Spieles liegt, sich einen fairen Kampf zu liefern, und so lange es noch beiderseitige Chancen gibt, diese nicht dem Zuschauer – und auch nicht sich selbst – vorzuenthalten.
Insofern ist der Vorschlag, alle Partien einfach ausspielen zu lassen – wohl derzeit als „Sofia-Regel“ in die Praxis übergegangen -- eine sehr willkommene und wohl unterstützte, so gut sie denn praktikabel ist und friedfertig gestimmte Spieler nicht auf andere Art dahin treibt, wohin man sie nicht haben möchte: zu Zugwiederholungen oder Dauerschachvarianten, die möglicherweise gar auf Absprache hin erfolgen könnten, um die Regel zu umgehen. Der Grundgedanke an der Regelidee ist jedenfalls gut.
Bevor es nun wirklich hinein geht, die weitere Erläuterung der Regeln: man muss zu einem Remisangebot einen Zug ausführen und es mit diesem Zug aussprechen. Wenn man die Reihenfolge nicht einhält und zuerst anbietet, ohne zu ziehen, so hat der Gegner das Recht, sich einen Zug zeigen zu lassen, und danach das Remisangebot anzunehmen oder abzulehnen. Insofern ist die Einhaltung dieser Reihenfolge nicht bindend, nur sollte man es grundsätzlich vermeiden, den Gegner zu verärgern, da man ja ein Spiel spielt und keinen Krieg führt, und zugleich der Spruch „Gens una sumus“, wir sind alle des gleichen Geschlechts, alle eine Familie, der Leitspruch der Schachspieler ist.
Unbedingt vermeiden sollte man jegliche Aktionen während der Gegner am Zug ist. Vor allem nicht lange nach dem eigenen Zug Remis anbieten, wobei hier in den Regeln keine Zeitspanne verankert ist. Man muss einen Zug ausführen und mit der Ausführung Remis anbieten. Was nun, wenn der Gegner gar nicht am Brett ist? (nur ein Beispiel). Es gibt also eine Zeitspanne, aber es sollte sicher nicht mehr als wenige Sekunden nach dem Zug erfolgen.
1) Was hat das Verhältnis der Spielstärken für einen Einfluss auf die Aussprache des Angebots?
Sicher ist dies der meist diskutierte Aspekt daran. Wann hätte der schwächere Spieler überhaupt das moralische Recht, ein Remisangebot auszusprechen? Von den Regeln her kann es ihm niemand verbieten, insofern dürfte man die Aufregung der stärkeren Spieler nicht ganz nachvollziehen. Er bietet Remis an, verschleudert sinnlos diese Option, man lehnt ab – und hat fortan Ruhe. Es ist wie ein schlechter Zug, den der Gegner ausgeführt hat. Es ist kein Schwein da, welches einen Baum anpinkelt und kein Hund, der den Mond anbellt. Der Unterlegene hat sich des Regelparagraphen bedient, hat eine Option gezogen, und, genau so wenig, wie er wusste, dass er DIESEN Springer nun wirklich nicht für JENEN Läufer hergeben sollte, oder er nicht wusste, dass in diesem Abspiel des Königsinders das Feld d4 eine tödliche Schwäche darstellt, so wusste er auch nicht, dass es nicht ein winziges Mikroprozent gab, welches den Gegner zur Annahme hätte verlocken können. Er hielt seine Stellung für komfortabel, dachte, er machte mit seinem Aufmarsch Eindruck, hielt sich ohnehin vor der Partie schon für „underrated“ und ist überzeugt, dass der Gegner das spürt, hatte gar in einer Runde zuvor schon einen ähnlich guten Gegner am Rande einer Niederlage, was auch immer die Motivation sein mag, und welcher Fehleinschätzung sie unterliegt: er tut es, absolut regelkonform, mit der Ausführung des Zuges.
Andererseits ist es auch klar, dass man sich als schwächerer Spieler auch in dieser Hinsicht weiter entwickeln kann, etwas lernen kann, so, wie man eben lernt, dass man einen Angriff möglichst erst nach Entwicklung aller Figuren und gesicherter eigener Königsstellung tun sollte oder dass man möglichst einen vereinzelten rückständigen Bauern auf einer offenen Linie vermeiden sollte. Genau so gilt auch, dass man sich doch am liebsten nicht blamieren möchte und, genau so, wie man schlechte Züge am liebsten vermeidet, gar grobe Einsteller, oder es lieber vermeiden sollte (siehe: Aufgeben – aber wann?), mit einem nackten König auf einem nur noch von gegnerischen Figuren besiedelten Feld herumzuirren, vielleicht in der völlig albernen Hoffnung, dass der Gegner einen ins Patt entweichen lässt oder – Gott bewahre – tot vom Stuhl kippt. In diesem Sinne eben sollte man sehr wohl die Aspekte im Auge behalten, mit welcher Chance das Remisangebot angenommen werden könnte und vor allem, welche spätere, viel günstigere, Situation man sich damit vergeben hätte, in der man vielleicht wirklich die Überredungskünste erfolgreich zum Einsatz hätte bringen können.
2) Gibt es ein paar ethisch-moralische, nicht in den Regeln verankerte Grundsätze, die man beachten sollte?
3) Welche Absichten können sich hinter einem Remisangebot verbergen?
Nun, ganz so einseitig wie zunächst oben beschrieben ist das Remis anbieten natürlich auch nicht. Denn: außer, dass man das Angebot zwar nicht zurücknehmen kann und, ab dem Moment der Aussprache, bis zur möglichen Ablehnung, durchgehend mit der Annahme und damit der Manifestierung des Ergebnisses in der Tabelle rechnen muss, gibt es jedenfalls den Aspekt des „taktischen Remisangebots“.
Dieses wäre dann auszusprechen, wenn man der Überzeugung ist, dass der Gegner tatsächlich ablehnt, da man ihn charakterlich sehr ordentlich einschätzen kann, dass aber in der Fortdauer der Partie, von diesem Angebot beeinflusst, plötzlich in der Zugwahl weit unter optimal abschneidet. Möglicherweise geht er Risiken ein, nur um den Nachweis der Sinnlosigkeit und Dummheit des soeben ihm zu Ohren gekommenen Vorschlages zu führen.
So könnte also ein „taktisches“ Remisangebot mit der verschleierten Absicht ausgesprochen werden, vielleicht selbst dem Sieg ein Stückchen näher zu rücken. So wenig man Werbung machen möchte für ein derartiges Vorgehen – aus eigener schlechter Erfahrung damit, aber auch aus anderen ethischen Überzeugungen heraus --, so Erfolg versprechend mag es dennoch sein.
Explizit soll hier NICHT auf derartige taktische Angebote eingegangen werden, welche sich auf Mannschaftskämpfe beziehen. Nur so viel möge einmal am Rande erwähnt sein – in der recht festen Überzeugung, dass der Leser ein derartiges Argument zuvor noch nicht gehört oder gelesen hat: sofern man beim Stande von 4:3 Remis anbietet, unabhängig von einer möglichen mehr oder weniger klaren Überlegenheit in der Stellung, so kommt dies, zu Ende gedacht, dem „Angebot“ gleich, den Gegner (also demnach die gegnerische Mannschaft) zur Aufgabe aufzufordern. „Gebt ihr den Kampf jetzt auf?“ ist etwa synonym mit „ich biete Remis“. Auch darauf möge man lieber verzichten und dieses Angebot (beziehungsweise die Kapitulation) dem Gegner überlassen.
4) Wann sollte man die Option zwecks Erreichens der Absichten ziehen?
a. Als besserer Spieler
i. in vorteilhafter Stellung
Dies sollte nun das kleinste Problem sein. Wenn denn nun die Zeit drängt oder turniertaktische Erwägungen Vorrang haben, womöglich gar eine eigene Unpässlichkeit einer Verwertung des Vorteils im Wege zu stehen scheint, so „darf“ man natürlich als besserer Spieler jederzeit das Remis anbieten. Dass der Unterlegene sich verwundert die Augen reiben mag wird ihn wohl kaum daran hindern, einem vor Freude um den Hals zu fallen – und einzuwilligen.
ii. in ausgeglichener Stellung
Natürlich auch ein derartiges Angebot zur Freude des Unterlegenen, der sich vielleicht noch auf eine längere Abwehrschlacht bis zur Erringung des Traumzieles eingestellt hat, und nun durch dieses Angebot „erlöst“ wird. Er schlägt vermutlich ein – ein kaum erforderlich zu erläuternder Ratschlag – und ist stolz und glücklich, wobei man als Besserer dann schon damit rechnen darf, dass man alsbald erfährt, wie einfach denn die Stellung Remis zu halten wäre – nur um während dieser Vorführung vielleicht doch leicht entsetzt den Kopf zu schütteln, da DIESER Weg nun ausgerechnet Schwierigkeiten bereitet hätte.
Jedenfalls ist es absolut legal und zulässig, wird aber wohl auch eher selten anzutreffen sein, höchstens, der von der Wertzahl her schwächere hat schon eine Weile lang konstant die besten Verteidigungszüge aufs Brett gebracht und so überzeugt, dass er weiß, wie es geht.
iii. in nachteiliger Stellung
Dies ja eigentlich erst der diskutierbare Punkt. Wie groß darf der Nachteil sein, in welchem sich der Bessere befinden dürfte um dennoch ein Remisangebot ohne Rot zu werden über die Lippen zu bringen? Genau dies die (eine) heikle Frage.
Natürlich ist es jedem selbst überlassen, wie weit nach unten er seine Schamgrenze verschiebt. Beispiele aus der eigenen Praxis: als der Autor im Sommer 2011 in einer (wichtigen) Schnellpartie einmal einen klaren Vorteil verspielt hatte und dieser sich erkennbar ins Gegenteil verkehrte, der Gegner nur noch über einen deutlichen Zeitnachteil verfügte, kam auf die rettende Idee, einen Friedensschluss zu offerieren. Der Gegner dankte höflich, führte seinen Gegenzug aus – und nach selbigem war man undeckbar in zwei Zügen Schachmatt. Das war natürlich so peinlich wie es eben sein konnte, da man sich persönlich gut kannte, wurde jedoch die Entschuldigung sofort akzeptiert. „Kein Problem“ und „ebenso gute Freunde wie zuvor“.
Damit soll es für heute erst einmal genug sein, es folgt ein zweiter Teil, vielleicht gar ein dritter mit ein paar (mehr) praktischen, hoffentlich unterhaltsamen, teils kuriosen Beispielen. Bis dann!
- Post date: 24. Februar 2012
Sicher hatte man beim Herangehen an die Vorstellung dieses Systems gewisse Erwartungen. Aus Erfahrung weiß man, dass eine derartige Idee eigentlich nur auf Widerstand stoßen kann. Kasparov schreibt in seiner Buchserie „My great Predecessors“ einmal, dass er eine unglaubliche Kombination gefunden hatte, natürlich mit einem Opfer eingeleitet, und dass ihm diese Kombination von allen Seiten um die Ohren gehauen werden sollte. Warum die Konkurrenz nun, anstatt womöglich Beifall zu klatschen, einzig Freude daran hatte, die Fehlerhaftigkeit der Kombination aufzudecken, sich lediglich mühte, eine Verteidigungsidee zu finden, und selbst wenn es im Variantendschungel nur diesen einen winzig schmalen Grat gegeben haben sollte, den man nur mit übermenschlichen Kräften zu finden imstande wäre, und welcher auch, bei optimaler Spielführung beiderseits, nur im Remis (und nicht etwa in Gegners Sieg) mündet, dann, so die Überzeugung, würden sie wieder ruhig in den Schlaf finden, während sie andernfalls etwas quälen (dies eine eigene Weiterleitung der Gedanken), beantwortete er so:
„Brillance always seems to cause some kind of envy.“ Die Brillanz erzeugt Neid. Er führt weiter, dass sich jeder irgendwie die Frage aufwirft: „Why can´t I do that?“ Warum bin ich nicht darauf gekommen? Es kann nicht gut sein, so ist man überzeugt.
Nun ist dies eine kleine Geschichte, nur eine, zur Einleitung, zum Aufwärmen, zum Schmunzelnd vielleicht, und soll um Gottes Willen nicht zu irgendeinem Vergleich herhalten, am allerwenigsten mit der eigenen Person.
Es war jedoch bereits erwähnt, dass man mit der Aufdeckung von Schwachstellen rechnen würde, dass sie, speziell von dem Mathematiker, dem das System ursprünglich vorgestellt war (in ziemlich anderer Form) sogar in gewisser Weise gelungen war („das gibt es schon, Herr Paulsen!“), dass man aber dennoch bei der Überzeugung blieb, dass es besser ist als das verwendete System, und also zu dem Entschluss gelangte, es einmal darzulegen.
Nun stellte sich weiterhin die Frage, in welcher Form man es hier anbieten könnte. Auch damit hat man sich beschäftigt, vor allem in Absprache mit dem Betreiber der Webseite. Kürzere Texte, so das (eine) Zauberwort. Das andere war jenes: nur keine Formeln (dies eine eigene Überzeugung, dass es nicht gerade anziehen wirkt mit denselben). Also: verbal erörtern, herleiten, logisch erklären.
Die kleineren Häppchen bedeuten lange nicht, dass man auf noch ausstehende (oder eben in den Kommentaren gestellte) Fragen keine Antworten wüsste. Andererseits ist es ja unmöglich, ALLE Probleme auf einmal aus der Welt zu schaffen. Wie ginge das? Nur in einem kompletten Text, und dieser sollte ja gerade vermieden werden.
Also: man fühlt sich in einer Schusslinie und weiß nicht recht, wie man in sie geraten ist.
Ein weiteres Zauberwort lautet übrigens so: Kompetenz. Wie erlangt man sie? Es gibt hierzulande eine Neigung, diese ausschließlich an akademischen Graden festzumachen. Da diesseits der Tastatur kein derartiger Grad ins Feld geführt werden kann – und der kritische Leser vermutlich darüber sehr wohl informiert ist – wird eh alles in Frage gestellt. Es kann ja gar nicht stimmen, was der Mann schreibt, da er nachweislich von nichts eine Ahnung hat. Nun ja, in diesem Problem sah man zweifellos die größte Hürde (und fühlt sich bestätigt). Insofern jedoch dienten die kleinen, kurzen Textpassagen bisher der möglichen Zusprache einer gewissen Kompetenz. Möglich, dass dieser Versuch bereits jetzt als gescheitert angesehen werden muss.
1) Eine einfache Überprüfungsmöglichkeit für die Formel
kurz vorher noch einmal die „Formel“. Man dividiert seine Spielstärke p1 durch 1-p1, also p1/(1-p1). Dieser Quotient ist die Maßzahl für das Verhältnis von gewonnenen Punkten zu abgegebenen Punkten. Für den Gegner tut man das gleiche. Sein Quotient ist p2/(1-p2). Diese beiden Quotienten dividiert man durcheinander und erhält den Quotienten q. Dieses Ergebnis q ist die Zahl, in welchem Verhältnis sich die 100 zu vergebenden Prozente aufteilen müssten. Um also für beide Seiten ihre Prozentzahlen zu ermitteln muss man nun 1/(q+1) errechnen. Dies ist die eigenen Erwartung, Der Gegenwert 1- 1/(q+1) davon ist die Erwartung des Gegners. Die Summe der beiden Erwartungen ist 1.
Es wurden also derartig viele Kritikpunkte angefunden, allesamt untermauert mit Kommentar Verfassers eigener, überragender und jene des ursprünglichen Autors weitaus in den Schatten stellender Kompetenz (welche sich oftmals in der Bombardierung mit Formeln und Zitaten, also rein und anerkannt „wissenschaftlicher Arbeit“, darstellt), dass man kaum weiß, wo man anfangen soll mit der Aufarbeitung.
In Teil 3 war zu lesen, dass die Formel stimmt und nicht weiter überprüft werden müsse. Nun ist dies anerkanntermaßen unzulässig, wie angemerkt wurde. Nur war es eben andererseits nicht geplant, einen Formelwald zu hinterlassen. Wie man auf Formeln kommt, dies muss jeder, der daran Freude hat, für sich selbst herausfinden. Man spürt, dass es eine korrekte, richtige Verrechnungsmöglichkeit der verfügbaren Größen gibt und man muss sich dieser annähern. Sofern die Verrechnungsmöglichkeit fehlerhaft ist, wird es sich recht bald herausstellen.
Eine exzellente Möglichkeit, es herauszufinden, besteht immer darin, Anforderungen an das System für Trivialfälle zu überprüfen: erfüllt sich das, was ich als Ergebnis erwarte, in jedem dieser einfachen Fälle?
Hier gibt es zwei Trivialfälle: der eine ist der, dass vor einer Schachpartie einer der beiden Spieler 50% als Spielstärke hat. Hier war die Voraussetzung gemacht, dass die Spielstärke eines jeden Spielers ausdrücken soll, wie viel Prozent er gegen den Durchschnittsspieler erzielt (oder besser: zu erzielen erwartet). Insofern müsste man, bei Einsetzen in die Formel der Werte „eigene Spielstärke“ und „Gegners Spielstärke bei 50%“ als Ergebnis eine Erwartung für die Partie in Höhe der eigenen Spielstärke herausbekommen.
Dies ist auf einfachste Weise erfüllt: man dividiert, laut Formel, die eigene Prozentzahl, also die SpielSTÄRKE, durch die abgegebenen Prozente, in dem Sinne also die „SpielSCHWÄCHE“. Dieser Quotient ist eine Verhältniszahl, welche die Spielstärken untereinander vergleichbar macht. Wenn man dies für beide Spieler tut, dann erhält man für den Spieler mit den 50% einen Quotienten von 1 (50/50=1). Bei Division des eigenen Verhältniswertes durch 1 bleibt man stets auf seinem eigenen Verhältniswert. Wenn man nun die Erwartung zurückrechnet auf 100%, so hat man exakt die eigene Spielstärke als Erwartung für die Partie gegen den Durchschnittsspieler. Trivialfall 1: die Formel erfüllt die Bedingung.
Der andere Fall ist der, zwei gleich starke Spieler gegeneinander antreten zu lassen. Nun ist der Fall auch hier denkbar einfach: man erhält für beide den gleichen Quotienten bei der oben beschriebenen Division, dividiert man diese beiden Quotienten durcheinander, so erhält man garantiert eine 1, wenn man diese 1 nun auf 100% aufteilen möchte (nach der angegebenen Formel: 1/(1+1)), so erhält man eine 1/2 beziehungsweise eine 50% Erwartung für beide Spieler.
Nichts anderes hätte man (abgesehen von der Schwarz-Weiß Problematik, die später erörtert werden soll) zu erwarten: zwei gleich starke Spieler haben gegeneinander jeweils 50%. Also: Trivialfall 2 ist ebenfalls von der Formel abgedeckt.
Ein sehr gutes Indiz dafür, dass die Formel richtig ist. Bei weiteren wesentlichen Berechnungen stellt man im Übrigen fest, dass man niemals den Bereich 0 bis 1 verlassen kann. Auch dies ein Kriterium für Stimmigkeit.
Rein intuitiv, und da möge man sich an die eigene Kindheit entsinnen, bringt übrigens die Formel genau das zum Ausdruck, was eben Kinder ab und an untereinander sagen: „Ich bin 10 Mal besser als du.“ Wenn es tatsächlich so ist, so wäre die Aufteilung nicht etwa 90:10, denn das wäre ja nur 9 Mal so gut, sondern tatsächlich müsste sie sein 90.9090 : 9.0909, wie man ziemlich einfach, allein an den beiden Zahlen sieht: sie dividieren sich mit dem Ergebnis 10.
Ergeben täten sich diese Werte auf höchst vielfältige Weise (wie man in einem selbstverständlich kritischen Kommentar auch auf komplizierteste Art hergeleitet, mühsamst erkennen konnte). Es gäbe dementsprechend keine ganz schlichte Funktion, an der man erkennen könnte, dass man nun gerade gegen einen derartigen Gegner die Erwartung von 90.0909 hätte. Andererseits: wozu bräuchte man diese?
Die angegebene Formel ist so einfach, dass sie jeder Schachspieler ohne jeglichen Aufwand innerhalb von kürzester Zeit erlernt hätte und sie damit stets zur Hand hätte, um die Erwartung in seiner anstehenden Partie zu bestimmen. Und dies, so sei versichert, steht im sehr krassen Gegensatz zur Elo-Formel, bei der selbst die vereinfachte Form (welche durch die Vereinfachung noch dazu unrichtig ist) kaum je einer aus dem Ärmel schütteln könnte.
2) Die Notwendigkeit eines Prognosesystems
Eventuell darf man ja, zur Erlangung von Kompetenz, eine kleine Vorgeschichte aus dem eigenen Leben erzählen, diese in der Ich-Form, wenn es genehm ist?
Im Jahre 1983 begegnete ich das erste Mal dem Wetten auf Sportereignisse. Es handelte sich um einen englischen Anbieter, SSP Overseas Betting. Da ich parallel an der Uni bereits ein erstes Fußballprogramm entwickelt hatte, welches sich mehr und mehr in Richtung Prognosenerstellung entwickelte, schien mir dies ein ideales Betätigungsfeld. Zeitgleich hatte ja nebenbei auch noch eine (recht erfolgreiche) Backgammon Karriere begonnen (unter anderem mit dem Gewinn des Superjackpots bei den Weltmeisterschaften in Monte Carlo im Jahre 1988), so dass das Denken in Wahrscheinlichkeiten mir ein mehr und mehr vertrautes wurde.
Dennoch habe ich zunächst eine Ausbildung (Software Entwickler) abgeschlossen (anstelle des Mathe-Studiums, denn in jener Zeit waren Entwickler gefragt), und mich ein paar Jahre als Angestellter verdingt. Jedoch ruhte ich nicht, meine Entwicklung daheim voranzutreiben.
Im Jahre 1990 war es so weit: pünktlich zur WM hatte ich ein lauffähiges Programm auf dem heimischen PC, welches sich mit Voraussagen (im Sinne von Wahrscheinlichkeiten) auf Fußballspiele verstand. Der Job wurde gekündigt und eine Karriere als professioneller Spieler eingeschlagen, selbst wenn eingangs noch nicht ganz bewusst (ich war überzeugt, dass man die Software oder die Ergebnisse derselben gut verkaufen konnte, was sich eigentlich auch bestätigte, nur spielte ich einfach „nebenbei“ auf diese Zahlen).
Das Ergebnis war, über die Jahre gesehen, in etwa ein (ziemlich genau aufgezeichneter) Gewinn von 3.5%.
Natürlich kommt man mit der Zeit mit diesem und jenem Menschen zusammen, aus der gleichen Branche, und begegnet auch dieser oder jener für den Wettmarkt interessanten Sportart. Ich hatte einen leidenschaftlichen „Tennismann“ kennen gelernt, der mich fragte, ob da nicht etwas ginge.
Ich setzte mich daran und entsann einen Algorithmus, mit welchem man möglichst gute Prognosen auf Tennis Matches erstellen konnte. Der Grundstein war rasch gelegt, die Formel zur Berechnung eines Matches (nach einem Einstiegsdenkfehler, welcher über die erbeuteten Einzelpunkte versuchte, sich anzunähern, bei welchem man jedoch alsbald feststellte, dass er die Realität nicht abbildete. Der Grund, eher ein Reporterbegriff, aber zufällig ein wirklich stimmiger: es gibt die „Bigpoints“, bei welchen sich die Spreu vom Weizen trennt; gerade Pete Sampras war dafür bekannt, sich auf ein Break oder auch den tiebreak zu konzentrieren, und er schenkte viele Punkte und damit Spiele einfach her als Rückschläger, sogar, letztendlich ökonomisch gesehen, aus Gründen der Zeitersparnis, wenn man es zu Ende denkt).
Die Formel ist jene, welche in dieser Serie hier präsentiert wird. Sie ist also entstanden im Zusammenhang mit dem Spiel Tennis. Die Idee, dieses System auf den Schachsport zu übertragen, kam erst viel später (selbst wenn mir bewusst war, dass die gefundene Möglichkeit auf jeden Einzelsport abbildbar wäre).
Dies alles ist nur erwähnt, um begreiflich zu machen, dass man auf ein System zur möglichst guten Prognose – im Sinne von Wahrscheinlichkeiten beziehungsweise von Punkterwartungen, wenn man so möchte – angewiesen war. Ich MUSSTE gute Prognosen erstellen können. Dafür muss einerseits der Algorithmus logisch, mathematisch korrekt, einwandfrei und nachvollziehbar sein, zugleich aber auch die beiden Probleme der Neueinsteiger (bis heute ein unleugbares, auch auf Schach bezogen) und jenes der Update Geschwindigkeit, also der Anpassungsparameter gelöst werden, welche – wie in einem Kommentar vorzufinden, damit zum Versäumnis erklärt – unabdingbar hinzugehören.
3) Die Anpassungsparameter
Dieses Problem war ich grundsätzlich bereits angegangen im Jahre 1990. Selbst wenn damals vom Sport des Fußballs her, so ist doch die Überlegung, wie man es tut, analog, Schach, Fußball, Tennis, beliebig. Auch dieses Vorgehen erschien mir sehr einfach und logisch. Das System dazu, hier möglichst kurz, hoffentlich anschaulich, erörtert:
Sofort einsichtig scheint doch, dass man die Qualität einer Prognose daran erkennt, inwieweit sie von der Wirklichkeit abweicht. Bevor dies näher erläutert wird, zunächst noch die wichtige Vorüberlegung, dass man, sobald man zwei verschiedene Prognosen hätte, die bessere der beiden anhand der Höhe der Abweichung bestimmen könnte.
Nun, auf Schach bezogen (warum nicht, da es gleichgültig ist, dank der Analogie), heißt das doch dies: wenn man eine Prognose abgibt, auf eine einzelne Partie, von 0.62 Punkten für den Favoriten, dann wird man auf jeden Fall eine Abweichung erhalten. Wenn der Favorit gewinnt, wäre sie 0.38, wenn die Partie Remis ausgeht wären sie um 0.12 Punkte verfehlt, wenn der Außenseiter gewinnt, wären es gar 0.62 Punkte. Eine Abweichung ist unvermeidlich und es wäre fraglich (aber hier nicht näher erörtert), ob Gott es tatsächlich vorhersagen könnte, oder ob er es den kleinen, nichts ahnenden Menschenkindern überlässt, was sie ausbaldowern, er es also selbst nicht einmal weiß und auch nicht wissen möchte.
Falls die Partie denn nun Remis ausginge, so könnte der Favorit mit den Schultern zucken (natürlich jeder andere auch), und behaupten, dass er gerne ein Match über 100 Partien gegen den Gegner spielen würde, dann würde er sicher auf seine 62 Punkte kommen. Er könnte weiterhin behaupten, stets näher am Sieg gewesen zu sein, sich also von oben ans Remis angenähert zu haben, und damit seiner Favoritenrolle, selbst wenn nicht zählbar, so doch irgendwie „moralisch“ gerecht geworden ist.
Unstreitig dürfte aber dennoch sein, dass derjenige, der, mit einer alternativen Prognose, nur 0.61 Punkte prognostiziert hätte, im Falle des Remis eine geringere Abweichung und damit, für diese Partie, eine bessere Vorhersage getroffen hätte.
Wenn man dieses Verfahren nun fortsetzt, auf viele Partien anwendet, und jeder der beiden mit seinem eigenen Prognosesystem vorhersagt und anpasst, so würde man doch ziemlich gewiss einen Sieger küren können. Der hat eine geringere Abweichung insgesamt, dieses System wird demnach (erst einmal) als besser angesehen.
Nun verfügt man leider, im Sinne der Optimierung, nicht über zwei unabhängig voneinander eingehende Prognosen. Oder halt, vielleicht ja doch? Was, wenn man sie selbst und höchst eigenhändig einfach erzeugt? Man vergleicht zwei von einem selbst gefertigte Prognosen miteinander, wie wäre das denn?
Die Datenbasis ist da. Es muss nur die Chronologie eingehalten werden. Und eine gewisse Logik bei der Abarbeitung. Jede Partie wird, in chronologischer Reihenfolge, einzeln ausgewertet. Der Unterschied, den die zwei „Systeme“ haben, ist lediglich die Anpassungsgeschwindigkeit. Man tut dies selbstverständlich mit einem Programm, welches so instruiert wird (und dieses kennt zwar die Ergebnisse der zukünftigen Partien, jedoch berücksichtigt es diese nicht, um eine bessere, dann natürlich möglich: optimale Prognose, zu erstellen).
Also, sozusagen „heureka“, hier ist die Methode zur Ermittlung der optimalen Anpassungsgeschwindigkeit. Man arbeitet alle Daten systematisch ab, mit einer gewissen Anpassungsgeschwindigkeit. So erhält man pro Partie eine gewisse Abweichung zwischen prognostizierter Punkterwartung und eingetroffenem Ergebnis. Da, wo die Summe der Abweichungen am geringsten ist, hätte man den optimalen Wert.
Nun, so ganz ist man noch nicht am Ziel. Denn: was tut man mit den Neueinsteigern? Und dann noch diese Frage: sollte man davon ausgehen, dass es Spieler gibt, bei denen sich verlässlich weniger tut und solche, wo es sich garantiert mehr bewegt? (denn das ist, was tatsächlich im Elo-System vorausgesetzt, angenommen einfach so, getan wird). Dies betrifft einerseits die Neueinsteiger, die ja, selbst bei erfolgter Initialisierung, noch über ein höheres Entwicklungspotenzial (in der Regel nach oben) verfügen, andererseits aber womöglich auch die wirklich etablierten Spieler, bei welchen sich viel weniger bewegen sollte (dies zu überprüfen).
Einen Sinn ergäbe die Überlegung auf jeden Fall, nur stellen sich selbst da noch die folgenden, weiter gehenden Fragen: ist die Entwicklung der Neueinsteiger eine logische oder hängt sie doch viel mehr mit dem Alter zusammen? Neueinsteiger sind meist jung, aber vielleicht entwickelt sich ein älterer Neueinsteiger nicht sprunghaft sondern ähnlich gemächlich wie ein älterer, etablierter Spieler? Und diese noch: hängt die Entwicklungsgeschwindigkeit nicht doch vielleicht am meisten von der Höhe der Zahl ab? Kriterium dafür (dies jedoch ein speziell schachliches Problem): aufgrund der Komplexität des Spiels erscheinen die Ausgänge bei niedrigeren Spielstärkekategorien weitaus zufälliger. Es fehlt ein Turm – kein Problem, man bekommt ja gerade die Dame zurück, aufgrund eines Einstellers, oder hat eine Mattdrohung aufgestellt, die der Gegner übersieht. Mal ein Figürchen mehr, mal zwei Bauern weniger, mal einem eigentlich tödlichen Angriff ausgesetzt – für die Prognose der Partie unter Anfängern noch lange keine Anhaltspunkte.
Nun, sofern allseits akzeptiert (wie ja bei Elo wohl der Fall) könnte man diese Phänomene natürlich, nach ebenso festen Kriterien, mithilfe der Zahlenbasis und des beschriebenen Vorgehens überprüfen. Man versucht nach und nach, den insgesamt gemachten Fehler zu reduzieren mit den eigenen Prognosen. Sobald man das Minimum hat, hätte man die optimale Einstellung.
Zur Neueinsteiger Problematik noch dieser kurze Vorschlag: in Ermangelung anderer Kriterien (welche im Übrigen stets subjektiv und damit ungeeignet wären) habe ich beim Tennis alle Neueinsteiger stets mit dem Durchschnittsergebnis der Neueinsteiger belegt. Da sie insgesamt über die Jahre auf etwa 42% gewonnene Matches kamen, hatten sie auch diese Einstiegszahl (sie hatten natürlich eine Performance von 42%, was aber vermutlich in etwa 1:1 ist mit der Anzahl gewonnener Matches). Selbstverständlich könnte man zu jedem Zeitpunkt diesen Wert aktualisieren. Wenn es also in 20 Jahren im Schach so wäre, dass die Neueinsteiger auf 45% kämen, dann würde man sie vernünftigerweise auf diesen Wert initialisieren.
Dies ist nur eine Einstiegswertung, eine, die Grundannahme ist für die erste gespielte Partie (das erste gespielte Match). Das Ergebnis wird selbstverständlich ausgewertet, die Spielstärke angepasst und fortan mit diesem Wert weiter gerechnet. So weit man es beurteilen kann, dürfte es darüber keine besonderen Beschwerden geben. Zumal es natürlich klar ist, dass man in den ersten Partie stets (wie bei ICC und anderen Schachservern längst üblich) mit einem hohen – bei dem System jedoch derart optimierten – Anpassungswert startet. Die Anzahl der Partien, oder ob es mit jeder Partie abnehmend geschieht, sollte man zunächst abstimmen gut überlegen (nur wegen der Transparenz), und dann dem Optimierungsdurchlauf im Programm überlassen.
Da gäbe es natürlich noch ein paar weitere Verbesserungsmöglichkeiten, dies soll nur andeuten, dass man sich durchaus, und vor allem aus gegebenem Anlass, darüber Gedanken gemacht hat.
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Spielstärke Maßzahlen -- Teil 2
- Post date: 16. Februar 2012
Da es nun offensichtlich sehr lebhafte Diskussionen gibt soll der dritte Teil schon jetzt angeführt werden. Dabei soll, anstatt in Kommentaren auf die einzelnen Problempunkte eingegangen zu werden, dieser Text im Wesentlichen an den vom Leser hinterlassenen Kommentaren orientiert sein, ohne selbstverständlich eine gewisse Weiterentwicklung des vorgestellten Systems gänzlich zu vernachlässigen.
1) Die Bandbreite der Zahlen
Ein angesprochenes Problem war die Bandbreite der Zahlen, wie es hier bezeichnet werden soll. Man möchte sich ungern als 30%-Spieler bezeichnen, so hieß es, und auch ein 53%-Spieler zu sein klänge nicht gerade prickelnd.
Dazu sei angemerkt:
Punkt 1: der allseits so bewunderte Albert Einstein hat uns beizubringen versucht, dass sich alle Dinge nur relativ zu einander verhalten. Es ist also ausgeschlossen, eine Sache als uneingeschränkt oder objektiv „groß“ zu bezeichnen. Sie ist es bestenfalls im Verhältnis zu einer anderen. Dies betrifft ebenso die Spielstärkemaßzahlen.
Punkt 2: Ein früherer Arbeitskollege brachte das Phänomen derart komödiantisch auf den Punkt: „Man gewöhnt sich an allem. Auch am Dativ.“ Ja, so ist es. Man gewöhnt sich zwangsläufig an die Höhe der Zahlen, ebenso in ihrer Vergleichbarkeit. Wenn jemand also tatsächlich in der Spielklasse der 30%er auftritt, so wird es ihm sicher nach einer Weile genau so viel Genugtuung verschaffen, von 30% auf 35% aufzusteigen durch gute Ergebnisse, wie es einem 1500er dereinst, wenn er auf 1600 anstieg, durch zwei gute Turniere als Beispiel.
Punkt 3: Zwischen zwei beliebigen reellen Zahlen befinden sich unendlich viele reelle Zahlen. Dieser mathematische Satz zeigt nur, dass man die Spielstärken auf jedes beliebige Intervall abbilden könnte, insofern bietet sich das Intervall 0 bis 1 viel mehr an als jenes zwischen –unendlich und +unendlich, weil es dort eben unbeschränkt wuchern kann, mit völlig unabsehbaren Folgen. So war beispielsweise jüngst nachzulesen (ohne die Quelle angeben zu können), dass das Problem von negativen Wertzahlen auftauchte, bei Nachwuchsturnieren. Die Elo-Inflation geht also nicht nur in den positiven (und auch dort unbeschränkten) Bereich, sondern auch anders herum. Man könnte dies virtuell beliebig erzeugen und damit das Problem nachweisen, indem man eben eine Vielzahl von Ergebnissen erzeugt, bei einer Menge von zugrunde gelegten Schachspieler, unter realistischen Bedingungen. Man könnte sehr wohl nach einer Zeit (seien es auch 100 simulierte Jahre) sehen, dass es sich um ein systemimmanentes Problem handelt. Sofern man sich mit möglichen, aber vorsätzlich unrealistischen, Ergebnissen müht, könnte man vermutlich nach einer gewissen Vielzahl von Partien das Intervall sowohl ins Positive, also zwischen 3000 und 6000 verschieben, als auch es auf –2000 bis +1000 tun. Dies soll nur die angeführte Willkür der Zahlen unterstreichen.
Übrigens wurde eine Bremse auch dort eingebaut, damit es nicht zu diesen negativen Zahlen kommt, in Form einer Untergrenze. Natürlich auch dieser „Kunstgriff“ mathematisch unsauber, wie vieles andere am Elo-System. Andererseits nachvollziehbar, da man sich gut vorstellen kann, dass ein Kind nach der ersten Auswertung, sobald es erfährt, dass es eine Spielstärke von –60 Punkten hat, die Figuren mitsamt dem sie befördernden Händen (möglichst nicht gleich dem Kopf!) an den Nagel hängt. „Ich hab gehört, du spielst Schach. Wie gut bist du denn?“ „Na, ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll. Äh, meine Spielstärke lag im negat... aber ich spiele ja längst nicht mehr.“
Punkt 4: Gerade, um die Inflation unmöglich zu machen sollte ja das neue System vorgeschlagen werden (um nur einen Pluspunkt zu nennen). Die Inflation geschieht zwangsläufig bei Elo. Wobei gerade hier die Ansicht vertreten wird, dass der zwar zufällig aufgetretene(und nicht unbedingt gewollte) Effekt tatsächlich ebenso zufällig das Anwachsen der Spielstärken von Generation zu Generation zum Ausdruck bringt. So dürfte es kaum Zweifel geben, dass ein reinkarnierter Bobby Fischer, mit seiner exakten Spielstärke von 1972 – also dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft – nicht mithalten könnte mit der Weltelite von heute. Bitte dabei berücksichtigen, dass er EXAKT MIT DEM WISSEN VON DEM ZEITPUNKT direkt ans Brett gerufen werden müsste. Sobald er eine „Vorbereitungszeit“ eingeräumt bekäme, wäre natürlich vieles denkbar, je nach ihrer Dauer (so dass er sich auf den Wissensstand bringen könnte).
Punkt 5: Da das angebotene System sich auf viele andere Sportarten übertragen ließe (selbst auf Mannschaftssportarten), wäre es möglich, diese Sportarten untereinander zu vergleichen. Also: jemand, der im Snooker bei 65% liegt könnte behaupten, dass er in seiner Sportart besser wäre als ein Schachspieler, der bei 60% liegt. So problematisch dies wäre (eine genaue Untersuchung dessen an anderer Stelle), es gäbe immerhin diese Möglichkeit. Dies führt direkt zu...
Punkt 6: Da man sich nun Sportarten übergreifend vergleichen könnte, bestünde natürlich die Möglichkeit, dass sich jemand noch mehr zu schämen hätte, sofern er angeben müsste, in seiner geliebten und betriebenen Sportart „lediglich bei 30%“ zu liegen. Andererseits: ist es denn wünschenswert, dass man einem Laien einfach seine 1500 an den Kopf knallt, und dieser dann, aus Unwissenheit, die Kinnlade runterklappt, um staunend zu erwidern: „Wow, bist du gut.“? Abgesehen davon könnte man dem Laien einfach anraten, einmal ein Turnier mitzuspielen, um zu sehen, wie schwer es ist, dort mitzuhalten. Er könnte keinesfalls unter 0% landen, jedoch sich bedrohlich in die Nähe bewegen...
Man würde dies wohl nach und nach sogar einstufen können. Vielleicht empfindet man 30% gar nicht mehr als so peinlich, wenn man erfährt, dass der Nachbar im Tennis nur bei 22% liegt und der Vorgesetzte sich im Badminton bei stattlichen 33% befindet, womit man gleich einen Motivationsschub erhält, ihn alsbald zu überflügeln?
2) Die Anpassungskoeffizienten
Dies jedenfalls ein heiß diskutiertes, aber zugleich heikles Thema. Bekannt ist noch aus sehr viel früheren Tagen, dass man zum Einstieg, altersunabhängig, mit einem Koeffizienten von 25 berechnet wurde. Dieser diente, im Vergleich zu den später verwendeten 15 beziehungsweise, ab Elo 2400 einem von 10 und ab 2600 nur noch von 5, der rascheren Anpassung an die wahre Spielstärke. Denn: es schien ausgeschlossen, dass ein Spieler gleich im ersten Turnier, durch puren Zufall, konsequent eine seinen Fähigkeiten entsprechende Leistung bringt. Das ist weit mehr als nur vernünftig.
Ebenso trifft es auf Jugendliche zu, dass sie sich schnell entwickeln und dabei meist in die eine Richtung: nach oben. Insofern wird diesen wohl bis heute eine raschere Entwicklung ermöglicht durch die Verwendung eines höheren Anpassungskoeffizienten. Die Realität wird damit abgebildet, es kann nicht falsch sein. Nur hat man sich damit zugleich das kleine, erst später erkannte Problem aufgehalst: dem gesamten System werden dadurch permanent mehr Punkte zugeführt als ihm entzogen werden. Ein sich entwickelnder Jugendlicher gewinnt mehr Punkte hinzu, als der ältere, von ihm soeben besiegte Gegner, dem System entzieht. Einer gewinnt 10 Punkte, der andere verliert 4. Im Übrigen wird es sich (in allen Sportarten) wohl verlässlich so verhalten, dass die Talente dabei bleiben und jene, die nach und nach erkennen müssen, über keines zu verfügen (sprich: sie stagnieren irgendwann in der Entwicklung), das Spiel aufgeben (beileibe nicht alle, aber sicher einige). Dies hat den zusätzlichen Effekt, dass jene, die dem System ihre Punkte nach und nach zurückgeben könnten (da sie eben stagnieren, nichts mehr für das Spiel tun, außer ab und an zu spielen und Punkte zu verlieren), dies eben durch den Rückzug nicht tun. Die Folge: die beobachtete Inflation, der man sich unmöglich verschließen kann.
Ein kleiner Beweis übrigens für den Effekt der Inflation: als im Internet beim ICC-Server, die Spielstärken recht rasch angepasst wurden, nur um für mehr Action zu sorgen, konnte man fast live und täglich (und in Farbe, ja, ja!) beobachten, wie die Zahlen explodierten. So waren bald Zahlen von 3200 keine Seltenheit mehr (und dies würde sich locker übertragen lassen, sofern die gleiche Anzahl von Turnierpartien gespielt würde wie Blitzpartien, fast noch unabhängig von der willkürlichen, schnelleren Anpassung).
Der nächste Teil dieses Problems lässt sich besser auf den folgenden Abschnitt, jenen mit dem Titel...
3) Beide Systems sind Prognosesysteme
übertragen.
Vor der Partie wird im Prinzip eine Punkterwartung berechnet. Dies bringt zum Ausdruck, dass man sich mühte, eine möglichst gute Prognose zu erstellen. Es besteht sowohl ein Erfordernis dafür, als auch hat dies Folgen: man muss möglichst gut liegen mit der Prognose, um die daran orientierte Anpassung möglichst gut vornehmen zu können. Wenn man also quasi willkürlich für eine Spieler in einem Turnier eine Gesamterwartung von 6.23 Punkte errechnen würde, diese aber in Wahrheit bei 5.48 liegen würde, dann würde er, sofern er denn 5.5 Punkte erzielt, trotz des objektiven Erfüllens der Erwartung eine Strafe in Form von einem Elo-Verlust erleiden. Nein, die Erwartungen sollen möglichst exakt die Wirklichkeit abbilden, no matter what...
Das Elo-System ist ein Prognosesystem, egal, wie sehr man es auch weiterhin als „Spielerei“ (was die Spieler selbst übrigens, wie auch unter anderem kritisch angemerkt wurde an manchen Stellen, in den Kommentaren, absolut nicht tun; eher im Gegenteil) ansehen mag: so ist es und so ist es auch beabsichtigt.
Nun sollen diese Vorhersagen also möglichst exakt sein, um vor allem für eine korrekte Anpassung zu sorgen. Jeder wird sicher seine eigene Entwicklung im Auge haben und sich vielleicht auch an sprunghafte Steigerungen erinnern (waren sie bei Ihnen zufällig auch in den Jugendjahren?), wird sich an die schlechte Phase erinnern, als man die Trennung hatte oder auch jene Zeit, als man frisch verliebt war und alles andere in Kopf und Gliedern hatte, nur noch so „nebenbei“ der Pflicht in den Mannschaftskämpfen nachgegangen ist und dabei, aus eigener Sicht „zwangsläufig“ nach und nach 100 Punkte einbüßte, wohingegen man später, mit neu gewonnenen Enthusiasmus heranging und tatsächlich einen Schub beobachten konnte bis zum persönlichen Peak, welchen man sicher, so meint man, dann wieder erreichen könnte, wenn einen Familie und Job nicht so sehr in Anspruch nehmen würden und man vor allem am Wochenende, wo Körper und Geist so dringend die Erholung nötig hätten, auch noch um 7 Uhr aus der Koje müsste, um sich rechtzeitig um 9 Uhr, weit außerhalb, zum Mannschaftskampf am Brett einzufinden, und unter diesen Umständen nun garantiert nicht zu der Höchstleistung fähig ist.
Also: man erkennt einen gewissen Zusammenhang zwischen Befähigungen, Leistungen, Engagement und auch zeitgleich der angegebenen Maßzahl für die Spielstärke. Sie entspricht, hier mehr, dort etwas weniger, den gezeigten Leistungen und, selbst wenn sich eigentlich jeder für besser hält, erkennt man doch an, dass sie so halbwegs stimmt (wehe nur, man gibt sich mal richtig Mühe!).
So soll es sein und möglichst für jeden bleiben. Insofern sind die veränderten Anpassungskoeffizienten erforderlich, da sie ein, selbst wenn nur frei ersonnenes, Abbild der Wirklichkeit darstellen. Also: die Bemerkung: „Es ist nicht gerecht, dass ein Jugendlicher mehr Punkte gewinnt als ein älterer, trotz des gleichen Ergebnisses“ ist schlichtweg falsch, irrig. Die schnellere Anpassung des Jugendlichen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer besseren Prognose für die nächste Partie führen. Man nimmt seine Spielstärkeentwicklung ein wenig vorweg, aber dies aus gutem Grund. Bei dem Älteren, der doch schon so viele Partie gespielt hat, weiß man doch in etwa, was man von ihm zu erwarten hat. Heute Hui, morgen Pfui, das ist schon seit Jahrzehnten so bei ihm. Warum ihm den gleichen Zugewinn bescheren wie dem jüngeren? Er wird die Punkte nur schön brav im nächsten Turnier wieder abführen, da man nämlich mit der schnelleren Anpassung die Realität nicht abgebildet hätte.
Auch das eigens entwickelte, wirklich sehr schlichte, aber dadurch nicht schlechtere, System ist dafür geeignet, nein, noch mehr ist es so ausgelegt.
4) Die einfache Formel
Um nun noch ein bisschen voranzukommen, soll die einfach Formel hier einmal kurz vorgestellt werden: die Zahlen sollen in den Bereich von 0 und 1 abgebildet werden, und damit natürlich viel mehr Verwandtschaft mit dem hergestellt werden, was man tatsächlich erzielt. Man erzielt nämlich Prozente und nicht etwa eine Performance von 1755, die absolut nichts sagt, außer für den, der damit zufällig etwas anfangen kann. Diese Abbildung könnte einmalig erfolgen, als Beispiel könnte man zunächst in etwa den weltweiten Elo-Schnitt nehmen und diesen zur 50%-Marke erklären, nur um einen Einstieg zu haben.
Alle anderen Zahlen werden daran orientiert, gerne kann man dies tun mit der (keineswegs insgesamt schlechten) Elo-Formel. Wie gesagt, dabei handelt es sich um eine einmalige Initialisierung des Systems. Also, wie ein Schachfreund im Kommentar vorrechnete, entsprechen 80 Punkte Differenz in etwa 10 Prozentpunkten Unterschied, so könnte man jede Zahl in das Prozentsystem übersetzen. Wenn also der weltweite Elo-Schnitt derzeit, nehmen wir an, bei 2000 liegt, dann hätte ein Spieler mit Elo 2000 die Spielstärke 50%, jener mit 2080 hätte (in etwa) 60%, derjenige mit 1920 hätte 40% (wobei man auf den später wichtigen, erkennbar nicht linearen Verlauf der Kurve achten sollte).
Zu jedem Zeitpunkt übrigens könnte man, so man denn ein Erfordernis sieht, die Spielstärken wieder auf einen Schnitt von 50% „normieren“. Man nimmt alle gelisteten Spieler zusammen, errechnet also die Summe, dividiert sie durch die Anzahl der Spieler, hätte so einen Wert von 48.3% oder 54.6%, und würde jede Spielstärke mit dem Korrekturwert 50%/48.3% beziehungsweise, im anderen Fall, mit 50%/54.6%, multiplizieren, um im Anschluss bei Aufaddierung und Division wieder bei exakt 50% zu landen, dem Schnitt aller Spieler. Es würde in gewisser Weise der Realität entsprechen, da ja weiterhin nur 50% der Punkte zu vergeben sein werden (es sei denn, dass im Schach auch demnächst die 3-Punkte-Regel eingeführt würde!).
Dies nur für den Fall, dass weiterhin irgendjemand Angst vor einer Inflation hätte. Sie könnte jederzeit eingedämmt, nein, aufgehalten werden, man könnte dies sogar einmal jährlich routinemäßig durchführen. Der Aufschrei der einzelnen Spieler dürfte recht mäßig ausfallen, da jedem einzelnen bewusst sein dürfte, dass er absolut keine Punkte eingebüßt hätte durch den Eingriff (sofern der Schnitt zum Zeitpunkt des Eingriffs bei über 50% lag), sondern dass jeder vertretene Spieler die im Verhältnis exakt analoge Einbuße erfahren hat.
Übrigens gäbe es keinerlei Probleme mit dem System, an keiner Stelle, sofern man diese Normierung nicht, niemals, vornehmen würde. Eine „Inflation“ entstünde bestenfalls in dem Sinne, dass sich alle allmählich näher an 100% heranarbeiten (also der Schnitt, aufgrund der oben erklärten „Jugendlichenregelung“, sich langsam nach oben bewegen würde). Dies könnte jedoch tatsächlich, wie ebenfalls oben erklärt, ein Abbild der Wirklichkeit sei. Denn: von Generation zu Generation werden die Spieler wirklich besser. Es gibt mehr Wissen und es ist leichter zugänglich. Es kann nicht anders sein als in anderen Sportarten, selbst wenn der Weitsprungweltrekord in den letzten 40 Jahren nur einmal verbessert wurde (da allerdings von ZWEI Springern)...
So, nun wirklich die ganz schlichte Formel, zunächst intuitiv hergeleitet: wenn ein Spieler eine Spielstärke von 80% hätte, dann bedeutete dies, dass er 80% seiner Partien gewinnt und 20% verliert (Remisen bitte vergessen, es ist eine verbale Erklärung; man könnte hier auch sagen, dass er 80% erzielt und 20% abgibt, egal, wie viele Partie gewonnen oder verloren). Also ist sein Verhältnis eines von 80 geteilt durch 20. 80 macht er, 20 gibt er her, 80 geteilt durch 20 ist gleich 4.
Wenn sein Gegner nur 60% Spielstärke hat, dann hat dieser analog ein Spielstärkeverhältnis von 60 zu 40, also 60 geteilt durch 40, dies ist gleich 1.5. Es spielt also der Spieler mit einem Verhältnis von 4 gegen einen Spieler mit dem Verhältnis von 1.5. Für die Partie ergibt dies (noch unabhängig von dem später möglichen Schwarz-Weiß Korrekturfaktor) ein Verhältnis von 4 geteilt durch 1.5 zugunsten des Besseren. 4 geteilt durch 1.5 ist gleich 2.667.
In diesem Verhältnis nun, so erzählte uns die Erwartung, müssten sie sich die zu vergebenden 100% aufteilen. Der Bessere bekommt 2.667 Mal so viel von 100% als der Schwächere. Damit man auf diese Zahl kommt, muss man 100% durch 2.6667 + 1 teilen. Genau dann teilen sich diese beiden Werte so auf, dass beide Bedingungen erfüllt sind (wie man hoffentlich einfach erkennt). Der Schwächere erhält dadurch 100 geteilt durch 3.667.
Dies wären 27.27%, der Favorit hätte die verbliebenen 73.73%. Wenn man nun, nur zur Probe, 72.73 durch 27.27 teilt dann erhält man, oh Wunder der Mathematik, genau 2.667, das Verhältnis ihrer Spielstärken.
Eine Überprüfung der Formel ist wohl nicht weiter erforderlich, man könnte sich höchstens fragen, warum man so (scheinbar) kompliziert vorgehen muss. Es liegt daran, dass man eben im Bereich von 0 bis 1 (dort, wo sich Prozente befinden), immer in Verhältnismäßigkeiten rechnen muss. Der vorgestellte Weg ist der einzig richtige zur Berechnung.
So viel nun erstmal für heute, ob man nun wieder für angeregte Diskussionen sorgen kann oder möglicherweise etwas mehr Klarheit hineinbrachte?
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Spielstärke Maßzahlen -- Teil 2
- Post date: 10. Februar 2012
Hier nun der Teil 2 der versprochenen Serie
Natürlich soll die Serie am Ende darauf hinauslaufen, dass ein verbessertes System vorgestellt wird. Die Mängel des Elo-Systems sind sicherlich zu einem Gutteil bekannt, sollen dennoch hier nach und nach angesprochen werden – um zugleich eine Umgehungsstrategie anzubieten.
Da nun ein vielfältiges Vorgehen möglich ist, soll es heute doch bereits geschehen, dass zumindest eine Beschreibung für das von mir als einfacher, besser und anschaulicher angebotene System vorgestellt wird.
Zunächst aber noch so viel über das Elo-System: die Grundannahme, dass die Spielstärken normal verteilt sind, kann natürlich nicht wirklich falsch sein. Nur hat es sich nach meiner Ansicht in der Praxis herausgestellt (dies sozusagen als „intuitive Qualitätskontrolle“, welche negativ ausfiel), dass die Berechnungen bei sehr hohen Elo-Differenzen falsch sind. Einerseits könnte man in diesem Zusammenhang nun nach Ursachen dafür forschen, andererseits die Auswirkung (damit die gemachte Beobachtung) erklären.
Zunächst: was konnte beobachtet werden, was einen bedenklich stimmt in Fragen der Zuverlässigkeit und Wirksamkeit des verwendeten Systems? Das größte wohl dieses: sofern eine große Differenz in der Elo-Zahl zweier Spieler vorliegt, entsprechen die errechneten Erwartungen nicht den tatsächlichen Ergebnissen. Darüber liegen mir keineswegs genauere Zahlen vor, jedoch die Beobachtung, dass sehr starke Spieler regelmäßig Elo-Punkte einbüßen, sobald sie bei Open Turnieren mitspielen und dort, zwangsläufig, gegen (meist deutlich) niedriger eingestufte Gegner spielen müssen.
Sicher könnte man nun meinen, dass dies zuerst nachzuweisen wäre. Das System ist so logisch aufgebaut – so die einhergehende Argumentation --, dass es ja gar nicht sein kann. Gegen einen 100 Punkte schlechteren Gegner hat man diese Erwartung, gegen 150 Punkte schlechter jene, dann muss sie doch, streng nach Formel, gegen einen 500 Punkte schlechteren so sein? Nein, ein Nachweis ist nicht ganz einfach zu führen, da man ja eine gewisse Festlegung der Auswahlkriterien für eine ausgewertete Partie für diese Statistik festlegen müsste, und dazu das Ergebnis eine zufällige Abweichung darstellen könnte, noch dazu vom die Statistik Anfertigenden zu dessen eigenen Gunsten (traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, nicht wahr?) durch eine günstige Auswahl oder die frei wählbaren Auswahlkriterien manipuliert worden sein könnte.
Nein, verlässlicher ist diese Beobachtung: sehr gute Spieler meiden die Teilnahme an Turnieren, in denen sie deutlich niedriger eingestufte Konkurrenz zu erwarten hätten. So wurde schon mehr als einmal das Argument vernommen, von hochrangigen Spielern: „Ich spiel kein Open. Ich mach mir doch meine Zahl nicht kaputt.“ Trotz der zu erhoffenden günstigen Chance, das eigene Budget aufzubessern wird dies vermieden. Alternativ: man verzichtet auf die Eitelkeit und findet sich, als Open-Spieler, damit ab, etwas unter Wert eingestuft zu sein. Höheren Ambitionen steht dieses Verhalten jedoch im Wege.
Das Elo-System funktioniert recht gut, keine Frage. Man sollte eben nur wissen, dass man am besten stets mit ähnlich eingestuften Spielern spielen sollte, und dort nach und nach, bei besonderen Ambitionen, allmählich in den Klassen aufsteigen. Wenn man unter 2000ern spielt, dann kann man sich bis 2200 verbessern, mit normalem Spiel und normal (guten) Ergebnissen. Danach sollte man jedoch in der Klasse von etwa 2200ern spielen, um einen weiteren Aufstieg realistisch zu machen. Wenn man sich dann dort bis zur 2400 aufschwingt (beispielsweise als Heranwachsender) sollte man dringend (natürlich dann vom Verband gefördert) die Kräftemessen mit 2400ern suchen, um sich bis in die Großmeisterriege hochzukämpfen. So ein normaler, natürlicher Werdegang eines Talentes.
Eine Konsequenz übrigens dieser gemachten Beobachtung: ab Elo-Differenzen von 600 Punkten tritt der sehr bedenkliche Fall ein, dass die Erwartung des Favoriten (mit den verwendeten, vereinfachten Formeln) gegen 1 tendiert. Es gibt dadurch Fälle, die bedeuten, dass man, durch die Verschlechterung des Schnitts durch einen solchen Gegner, trotz des eingefahrenen Sieges, Elo-Punkte einbüßt. Und dies kann nun wirklich nicht Sinn der Sache sein. Da ist was faul, das ist offensichtlich. Bekannt dürfte das Problem ebenfalls sein, selbst wenn nur, auf die beschriebene Art „intuitiv“.
Um nur zwei praktische Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit anzugeben, die dieses Problem plastisch machen: beim Pfingst Open in Berlin, ausgerichtet vom SC Zugzwang, im Mai 2011, erzielte Großmeister Jakob Meister ein, wie ich finde, achtbares Ergebnis mit 4.5 aus 5. Man kann einfach nicht erwarten, an seiner Stelle und auch sonst wohl kaum, alle Partien in so einem Turnier zu gewinnen. Gegen die Nummer 2, meine Wenigkeit, blieb das Duell bei der geringen Rundenzahl (und recht hoher Teilnehmerzahl) aus, dennoch kam er gegen einen seiner um 2000 rangierenden Spieler, nach meiner Ansicht „erwartungsgemäß“, nicht über ein Remis hinaus, übrigens mit den schwarzen Steinen (wofür Elo keine veränderte, geringere Erwartung anbietet). Die Folge: da seine Elo-Zahl weit über 2400 lag, so meinte das stupide System, hätte er 4.56 Punkte zu erzielen gehabt. Eine Einbuße von 3 Elo-Punkten waren die Folge – und die musste er in Kauf nehmen. Nicht verwunderlich, wenn er sich sagen würde: „Nun spiele ich ein wirklich gutes Turnier, ohne größere Wackler, und bin mit der Ausbeute durchaus zufrieden. Mehr war kaum drin. Ich verliere aber Elo? Nein, bei so etwas spiele ich nicht mehr mit.“ (Möge es der Leser der Eitelkeit zuschreiben, dass hier erwähnt wird, dass ich ihm den 1. Platz mit der gleichen Punktausbeute dennoch vor der Nase wegschnappen konnte. Dank meiner geringeren Elo-Zahl von um die 2370 habe ich ein kleines Plus erwirtschaftet. Nur spürt man einfach, dass man das Optimum erzielen muss, um nicht Punkte einzubüßen).
Ein anderes Beispiel war dieses: beim Winter Open Ende 2011 bekam ich es, als Nummer 2, mit der Nummer 1 und der Nummer 3 zu tun. Die Ausbeute von 5.5/7 war durchaus stattlich, zumal sie 1.5 Punkte gegen die beiden (mit)besten Spieler einschloss. Gegen den Rest, ebenfalls um die 2000 angesiedelt, reichte es „nur“ zu 4 aus 5. Insgesamt zu wenig, meint Professor Elo. Eine Einbuße von 0.6 Elo-Punkten ging einher. Kann das wirklich richtig sein?
Als Antwort auf die Frage, ob es denn nicht besser ginge – in vielerlei Hinsicht – und das erfolgte „Ja, es geht“, besteht natürlich die Aufgabe darin, dieses eigens entwickelte System vorzustellen.
Da es sich hierbei erst um den zweiten Teil der Serie handelt und auch längst noch nicht alle Probleme des Elo-Systems aufgedeckt wären (von denen hier nur kurz, in gewisser Weise zum Erwecken der Vorfreude gedacht, diese erwähnt sein mögen: Elo-Inflation; Schwarz-Weiß Problematik; Zufälligkeit der Zahlen, welche sich genauso zwischen 300 und 1000 oder 6 und 15 bewegen könnten anstatt zwischen 1000 und 2800, im Vergleich zu einem logischen Aufbau; Vorhersage der Remiswahrscheinlichkeit für ein wahrhaftiges Prognosesystem; vergleichbar machen von verschiedenen Spielen und/oder Sportarten), soll nur kurz, entgegen obiger Ankündigung, die Metrik dieses neuen, vorgeschlagenen Systems vorgestellt werden.
Da man jedermanns Turnierergebnisse auch gerne in Prozentangaben macht, und diese sogar für das Elo-System zwecks Auswertung errechnet werden müssen, erschiene es doch zweckmäßig, die Spielstärken in diesen Prozentzahlen zu messen? Ein Spieler der Spielstärke 70% hätte demnach in etwa, auf sein Leben gerechnet, 70% der möglichen Punkte erzielt, ein Spieler der Spielstärke 40% dementsprechend 40%.
Ganz klar, dass es hier nur lauten kann, von Lesers Seite aus: „Veto!“. Wurde doch gerade an dieser Stelle, ein paar Zeilen zuvor, darauf aufmerksam gemacht, dass sich jeder Spieler nach Möglichkeit innerhalb seines Spielniveaus vergnügen solle. Eine Folge des permanenten Spielens auf dem „eigenen Niveau“, also dem Nachkommen dieses Vorschlages, für alle Spieler, wäre ja diese: jeder Spieler spielt in etwa um die 50%. Demnach wären ja dann, diese Metrik zugrunde gelegt, alle Spieler gleichstark?
Nein, das genaue Gegenteil wäre der Fall. Selbst wenn man das Maßsystem verwenden würde, für jeden Spieler seine Spielstärke in Prozent anzugeben, würden sich die Unterschiede ganz zwangsläufig ergeben. Zunächst mal würde ja ein Aufstieg in eine höhere Klasse dann erfolgen, wenn ein Spieler sich aus der Klasse, aus welcher er gerade hervorgehen möchte, deutlich abhebt, also weit mehr als 50% erzielt. Angenommen, er spielte bisher in der Klasse der tatsächlich 50%-Spieler. Wenn er dort zuverlässig und regelmäßig 60% erzielen würde, so gehörte er, von der Spielstärke her, natürlich viel mehr in die Kategorie der 60% Spieler. Steigt er nun auf, so würde er, sofern er nun in der Klasse seiner tatsächlichen Spielstärke angelangt ist, zwar „nur noch“ in etwa 50% der Punkte erzielen, dies würde aber, da er ja gegen Gegner der Spielstärke 60% spielt, sein Niveau von 60% halten.
An dieser Stelle noch zwei kurze Anmerkungen, bevor dieser Abschnitt geschlossen werden soll: sobald man sich müht, mathematische Inhalte vorzutragen, hat man diese zwei Möglichkeiten: sich wirklich als mathematisch denkender Mensch zu „outen“ (denn, wie einem die Erfahrungen lehren, ist es tatsächlich ein „outen“) und zwar möglicherweise einigen Respekt zu ernten, jedoch keineswegs Verständnis geschweige denn, dass es gelänge, auf Menschen zu treffen, die sich die Mühe machen würden (außer vielleicht ein paar der sich bereits vorher selbst geoutet habenden Leidensgenossen), diesen mathematischen Argumentationen (in Form von Formeln) nachzugehen.
In diesem Sinne soll die erfolgte verbale Argumentation verwendet werden, welche jedoch zugleich die Gefahr beinhaltet, als absolut nicht mathematisch denkendes Hirn aufgefasst zu werden – und insofern der Sinn entfiele, den weiteren Ausführungen, da offensichtlich von einem blutigen Amateur ersonnen, Folge zu leisten. Dieser „Drahtseilakt“ wird versucht, in dieser kleinen Serie zu bewältigen. Hört man dennoch zu, obwohl einem Scharlatan aufgesessen? Hörte man dann zu, wenn mit Formeln bombardiert?
Eine kleine Geschichte am Rande, nicht unbedingt zum Studium empfohlen:
Eine weitere Anmerkung bezieht sich auf die folgende kleine Geschichte: da ich mit diesem System an der richtigen Stelle bei einem mathematischen Institut vorstellig wurde, gibt es natürlich eine, nennen wir es „Beurteilung“ (ohne dass der Leser das System anhand der wenigen einleitenden Worte bereits kennen würde). Diese fiel so aus: „Es gibt nichts Neues, Herr Paulsen, das kann ich Ihnen versprechen, dass das schon jemand vor Ihnen entdeckt hat.“
Tatsächlich förderte der Herr nach drei Nächte langer Suche zutage, dass ein gewisser Ernst Zermelo im Jahre 1929 bereits in diesem Sinne fündig wurde. Ich erhielt die Zuschrift per Mail – und damit war seinem Ego Genüge getan. Die Tatsache, dass das System dennoch unabhängig entdeckt wurde, spielte natürlich (und zurecht) gar keine Rolle. Dass es aber tatsächlich besser ist als das derzeit verwendete, war demzufolge kein Gesprächsthema mehr. Es gibt es, es gab es vor Ihnen, das genügt doch?
Nun, um die kleine Anekdote zum Abschluss zu bringen: ich hatte dem ungenannten Herren dieses kleine, von mir, so darf ich in unendlicher Arroganz behaupten, „nebenbei“ entdeckte System (es gelang in ein paar Tagen, ohne übertriebenen Zeitaufwand, damals aber noch in der festen Überzeugung, dass es, da so einfach, natürlich längst existieren würde, ich es also nur kurz für mich herleiten müsse anstatt nachzuschlagen, was ich eh nie tue), nur vorgestellt, um ihm zu zeigen, dass ich durchaus in der Lage bin, mathematische Modelle eigenständig zu entwickeln und logisch zu präsentierten.
Das, was ich ihm eigentlich vorstellen wollte, war ein ganz anderes, wirklich komplexes, aber nachweislich funktionstüchtiges System (zur Qualitätsprüfung von Wahrscheinlichkeitsvorhersagen), von welchem er selbstverständlich die gleichen Auffassungen vertrat: „Das gibt es schon.“ Als er nicht wirklich fündig wurde, begann er, alternativ dazu (aber natürlich logisch nachvollziehbar, da es nach seiner Ansicht nur deshalb nicht existiert, weil es nicht funktioniert, klar), die Schwächen des Systems zu suchen. Als er meinte, mit zwei Dingen fündig geworden zu sein, antwortete ich, dass mir diese beiden Schwachstellen bekannt seien, dass ich sie nur, da bisher nicht erforderlich, noch nicht behoben hätte, die Behebung aber spielend leicht nachliefern könnte.
Als er zwei Tage später die Nachricht mit den behobenen Schwachstellen erhielt, gab es gar keine Reaktion mehr. Wie deutet man das?
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Spielstärke Maßzahlen -- Teil 2
- Post date: 13. Januar 2012
Dies soll der Beginn einer kleinen Serie werden, da mir Jörg Hickl gewisslich versichern konnte, dass ihr, liebe Leser, bevorzugt mundgerechte Häppchen gegenüber einem kompletten Menü, dies aber in einem Gang serviert, bekommt. Da ich mich nun gerne als völlig ungebildet bezeichne – und dies nicht aus Koketterie sondern aus voller Überzeugung heraus tue – überlasse ich euch die Freude, meine Ideen nicht nur als bekannt und uralt zu bezeichnen, sondern zugleich sie als weder praktikabel noch überhaupt richtig, sowie allesamt als längst verbessert, aber dennoch aus guten Gründen alsbald, von sicher weit klügeren Köpfen, verworfen, nachzuweisen.
Eine kleine Anekdote hier nur noch zum Nachweis meiner völligen Ahnungslosigkeit: als ich einen Schachfreund bei einer S-Bahn Anfahrt zu einem Schachturnier traf, welche er sich mit einem guten Buch vertrieb, ich hingegen mit dem Lösen eines Sudokus beschäftigt war, schaute ich zwar durchaus interessiert auf den Buchtitel und den Autoren, jedoch kannte ich weder dies noch jenes. Als ich dann von meinem eigenen Leseverhalten erzählte, meinte er, es gäbe dazu Vorbilder (und dies das Zitat eines mir ebenfalls namentlich nicht bekannten größeren Schriftstellers) : „Das bisschen, was ich lese, schreibe ich mir selbst.“ Genau so ist es. Wie, bitte schön, soll man nur auf diese Art den eigenen Horizont je erweitern können?
In gewisser und allmählicher Überleitung zum Thema: die Spielstärken werden in Elo-Zahlen gemessen. An dieser Stelle darf ich für mich in Anspruch nehmen, nicht völlig ungebildet zu sein, denn, ein befreundeter Schachspieler, zugleich Mathematik Professor (bei welchem ich einige Vorlesungen hörte), empfahl mir das Buch des Arpad Elo als Lektüre – und ich konnte seinen Vorschlag, welcher einer Bitte gleichkam, kaum ausschlagen. Sicher ist eine Menge Gutes daran, an diesem System.
Es ist sogar das beste mir bekannte Spielstärkemesssystem, welches wirklich und offiziell im Einsatz ist. Im Vergleich zum Tennis, dem Fußball oder noch schlimmer, dem Bridge: nur im Schach sind die Berechnungen halbwegs vernünftig (ohne die anderen Systeme an dieser Stelle mit all ihren offensichtlichen Mängeln vorstellen zu wollen).
Jedoch, man hört es heraus, eben nur halbwegs. An dieser Stelle soll zunächst einmal die Frage aufgeworfen werden, wozu das System eigentlich verwendet wird und wozu es verwendet werden sollte. Denn: mathematisch gesehen müsste die Absicht sein, eine möglichst gute Prognose für den Ausgang einer Schachpartie zu liefern.
An dieser Stelle beginnen bereits die erheblichen Mängel. Bevor ich jedoch darauf näher eingehe: Sicher nehme ich kaum an, dass es ein Schachspieler ernsthaft als „Prognosesystem“ auffasst?! Es wird eher als kleine, aber doch ziemlich realistische Zahlenspielerei aufgefasst, bei der man sich nach den gewissen und bekannten Gegebenheiten zu richten hat. Man muss sozusagen akzeptieren – und denkt selbst darüber nur in geringen Maßen nach --, dass man bei einer Niederlage gegen einen Schwächeren so und so viele Punkte einbüßt, bei einem Remis so viele und bei einem Sieg so wenige hinzugewinnt. So gehen die Berechnungen, so ist es halt. Was diese Veränderung in der Spielstärke für den Ausgang der nächsten Partie bedeutet, inwieweit sich die Chancen für die folgende Partie mit der eigentlich nun veränderten Zahl verschieben, das ist nun wirklich eine Frage, die nur Kleingeister interessiert. „Ich habe 10 Punkte verloren. Jetzt muss ich mich anstrengen, um die zurückzuholen.“ ist das Maximum, was einen gewöhnlichen Schachspieler interessiert. Und wenn es nicht in diesem Turnier oder in dieser Auswertungsperiode gelingt, dann vielleicht in der nächsten.
Eigentlich jedoch dient die Berechnung der Erwartung, welche im Anschluss mit dem tatsächlichen Ergebnis abgeglichen wird (und somit die Veränderungen der Zahlen der beiden Spieler bewirkt), als eine Prognose. Da es sich jedoch um eine Prognose handelt, bestünde ja die Möglichkeit, die Qualität dieser Prognose zu überprüfen. Eine mögliche Absicht davon wäre: die Berechungsformel der Veränderungen zu optimieren. Nun, die Qualität dieser Prognose kann auf zwei Arten überprüft werden – welche beide später vorgestellt werden sollen. Jedoch gibt es diese, und darauf möge sich der Leser zunächst verlassen.
Bevor ich aber auch darauf näher eingehe, möchte ich die im verwendeten System bereits verankerten „Korrekturparameter“ untersuchen. Tatsache ist nämlich, dass es offensichtlich als bekannt gilt, dass die Ergebnisse für jeden Spieler und dessen Entwicklung unterschiedliche Bedeutungen haben. Hierbei werden zwei Größen – welche, zugegebenermaßen am besten objektiv sein sollten, und nicht individuell (selbst dazu viel später ein paar Ideen) – verwendet: die eine ist die Spielstärke, die andere das Alter. Ohne ganz genau die Bedingungen dafür zu kennen, kann ich nur so viel gesichert sagen, dass die Folge diese ist, dass sich jüngere Spieler rascher entwickeln sollen (sicher der Realität entsprechend), und dass sich höher eingestufte Spieler, die einen gewissen Nachweis der Qualität ihres Spieles erbracht haben, sich danach langsamer entwickeln sollen. Sprich: der Einfluss des letzten Ergebnisses ist unterschiedlich je Spieler, jedoch ausschließlich abhängig von diesen beiden Größen.
Abgesehen davon gibt es, so weit mir bekannt, nur drei verschiedene Anpassungswerte, mit welchen gerechnet wird. Wenn dies der einzige Mangel wäre: nach meiner Einschätzung sind diese Werte eines Tages völlig willkürlich festgelegt worden. Selbst wenn sich ein vernünftiger Grund dahinter verbirgt – welchen ich nicht in Abrede stelle --, so wäre die Größe der Werte dennoch zunächst zu ermitteln und nicht einfach festzulegen. Im Internet Chess Club beispielsweise wird, rein zur Unterhaltung und, nach Ansicht der Veranstalter zum größeren Spielspaß, ein wesentlich höherer Anpassungsparameter verwendet, nur damit sich die Zahlen schneller bewegen und verändern. Hier wäre sogar der Nachweis, dass die reine Willkür Einzug gehalten hat, in der (anerkannten) Absicht, den Spielspaß zu erhöhen. Ob das wirkt ist die eine Frage, ob die Anpassungen etwas mit der Realität zu tun haben die andere, welche an dieser Stelle schlichtweg und ziemlich überzeugt sowie garantiert mit „Nein“ beantwortet werden kann.
Ob man nun mit diesen einleitenden Worten einen Vertrauensvorschub verdient hat, welcher den Verzehr des nächsten kleinen Häppchen schmackhaft macht, bleibt abzuwarten (und dem Leser überlassen). Dennoch soll dieser Text zunächst, quasi als Aperitif, genügen.
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Spielstärke Maßzahlen -- Teil 2
- Post date: 11. Januar 2012
1) Ein paar philosophische Vorüberlegungen
Sicher wird sich jeder schon mal darüber Gedanken gemacht haben, wann denn der richtige Zeitpunkt zur Partieaufgabe wäre. Sicher wird es jedem auch schon einmal passiert sein, dass ihn ein Gegner in längst verlorener Stellung noch über Stunden hinhielt, obwohl die Stellung glasklar als „aufbagereif“ eingestuft wurde. Traut er mir nicht zu? Will er mich quälen? Sieht er nicht, dass er verloren ist? Hofft er auf ein Wunder, auf einen Herzinfarkt oder einen Gehirnschlag?
Genauso mag es einem aber schon passiert sein, dass man nach einem übersehenen Schockzug oder gar nach reiflicher Überlegung die Hoffnungslosigkeit einer Stellung einsah, das Pfötchen rüberreichte, aber auf der Heimfahrt plötzlich die rettende Idee hatte, möglich aber auch, dass ein Gegner diesem Anfall von Schachblindheit erlegen war und kapitulierte, woraufhin man zwar dankend aber dennoch verblüfft die Aufgabe annahm (in einer anderen Kinderpartie diskutierten die Kleinen jüngst, ob man denn gezwungen sei, eine Aufgabe anzunehmen; eine interessante Überlegung), nur um dem Gegner im Anschluss vorzuführen, wie fern man nach jenem Verteidigungszug der Realisierung des Vorteils – falls es je gelänge – wäre.
Natürlich ist es eine Charakterfrage. Der eine hasst sich selbst so sehr dafür, in eine so grausame Stellung geraten sei, dass er nicht länger in diese Kloake blicken will und sie schlichtweg so schnell wie möglich über Bord schmeißt, ungeachtet der vielleicht noch möglichen Rettungsideen, welche, Ungenauigkeiten des Gegners vorausgesetzt, einen winzigen Hoffnungsschimmer in Aussicht stellten. Der Andere hingegen flüstert stets und ständig die Parole „Schach ist ein Kampfsport.“ vor sich hin und sucht in jeder Stellung nach den absurdesten Möglichkeiten, den Gegner irgendwo in einen dunklen Hinterhalt zu locken, um ihm dort entweder nur ein Bein zu stellen oder ihn gar in den Abgrund hinabzustoßen. Vielleicht erfreut er sich sogar an der gewissen Hoffnungslosigkeit der Stellung, da er, als Sanguiniker, sich bereits vorab mit einer wie der anderen möglichen Niederlage abgefunden hätte, aber nun, in dieser konkreten Partie, dies ebenfalls längst getan hat – um fortan wie der angeschlagene Boxer, nach dem „lucky punch“ zu suchen, welcher, falls er denn ausbleibt, einem selbst keinen weiteren (moralischen) Schaden anzurichten imstande ist.
Natürlich wurden längst im Bekanntenkreis Stimmen eingefangen, welche teils als Ergebnis reichlicher Überlegung, ab und an aber auch spontan und an praktischen Beispielen orientiert getätigt werden. Es gibt jene „Pakettheoretiker“, welche der Ansicht sind, dass meist zu zeitig kapituliert wird und man doch bitte ausschließlich Pakete (und selbst jene nicht zur Unzeit) aufzugeben hätte. Andererseits gibt es ganz sicher jene Schachästheten, welche sich dazu eine eigene Aufwertung versprechen davon, dem Gegner den Respekt zukommen zu lassen und ihm die Gewinnführung ab einem gewissen Moment zutrauen, zugleich die Blamage nicht eingehen möchten, dass vielleicht Zuschauer vorbeischauen (oder beim Nachspielen feststellen), dass doch dieser Spieler nur über ein geringes Schachverständnis verfügt, wenn er einen derartigen Schrotthaufen weiter betreuen wollte.
Eine eigens entwickelte Theorie lautet so: man möchte aus Respekt vor dem Schachspiel, selbst wenn es immer eine theoretische Chance gibt, die sich sowohl an reinen Stellungsgegebenheiten als auch an der gegnerischen Unpässlichkeitschance festmachen ließe, nicht, dass eine derartige Stellung noch verhunzt wird, nein, das würde der Ästhet einfach nicht hinnehmen können. Diesem (rein schachlichen) Desaster, so die vage Theorie, beugt der Rechtzeitig-Aufgeber vor.
Einen weiteres Aspekt hat das Sinnieren über den richtigen Zeitpunkt der Aufgabe übrigens noch zutage gefördert, da man jahrelang neben dem Schachgroßmeister Robert Rabiega spielen durfte und immer und immer wieder sah, wie er seinen Gegnern keine Chance ließ – in Schnell-, Blitz- aber auch Turnierpartien – und sie quasi zur Aufgabe zwang durch konsequentes und unbedingtes Nachsetzen, aber auch durch sein Brettverhalten.
Man selbst hat nämlich folgende Eigenschaft entwickelt – mit den zugehörigen Konsequenzen, welche einem erst spät klar wurden: Sobald ein Spieler nämlich in einer klar gewonnenen Stellung beginnt, gründlich nachzudenken, Bedenkzeit zu investieren, selbst wenn sich Zuschauer dabei fragen sollten, worüber er denn grübelt, und er darauf zur Antwort geben könnte: „Natürlich über den besten Zug, wie in jeder anderen Stellung auch.“ oder aber, das fast noch einleuchtendere „Ich überlege, wie ich den Gegner am schnellsten von der Sinnlosigkeit der Partiefortsetzung überzeugen kann.“. Gerade dieses Verhalten ist es, welches den Gegner beinahe zum Gegenteil, also zur Fortführung der Partie zwingt.
Die leserseitige Verblüffung – so sie denn ausgelöst – dürfte sich bald legen, wenn man die beiden Gründe schlüssig erläutert: der erste ist jener, dass man mit dem längeren Nachdenken dem Gegner irgendwie suggeriert, dass man noch Probleme sieht. Man beginnt darauf, überhaupt Ansätze für diese Probleme zu erkennen – und wird vielleicht gar fündig von einer versteckten, erträumten Möglichkeit, auf die man sonst niemals gestoßen wäre. Der zweite Grund ist aber noch viel überzeugender: wenn man lange nachdenkt, egal, wie einfach die Stellung auf diese oder jene Art gewonnen wäre – vielleicht auch einer ganz banalen, welche der Gegner aber erkennbar nicht einschlägt, da er beispielsweise den möglichen Damentausch verschmäht und stattdessen den König in noch größere Bedrängnis bringt, trotz des bereits erwirtschafteten Materialvorteils, so wird es bald zur Verpflichtung, sich die ausgeheckte, vielleicht traumhaft schöne Kombination, das hübsche Schlussspiel, zum Erhalt für die Schachwelt vorzeigen zu lassen.
2) Der Anlass: ein Kinderschachturnier
In jüngster Zeit hat man eingedenk der Tatsache, dass sich der eigene Nachwuchs mit wachsender Frequenz bei Turnieren, insbesondere Kinderturnieren, zur Teilnahme einschrieb, die Gelegenheit gehabt, in die kindliche Perspektive Einblick zu gewinnen. Da werden mit teils wachsender Begeisterung absolut hoffnungslose Stellungen weitergespielt, jedoch ohne, dass das kindliche Gemüt je einen Schatten der Beeinträchtigung der Freude zu erkennen gibt.
Als der eigene Sohn einmal eine Stellung mit Turm und Springer gegen einen außer dem König figurenlosen Gegner, ohne jegliche Zeitbedrängnis, zum Siege führen wollte, den König auch bereits vorbildlich auf die Grundlinie abgedrängt hatte, jedoch nun, in der Auffassung, den Gegner mit der Maßnahme, vor der Mattsetzung zunächst sämtliche Bauern abzuräumen, endgültig hilflos zu machen und damit den Widerstand zum Erlahmen zu bringen, gewann man höchst selbst die Erkenntnis, dass gerade das Gegenteil der Fall wäre. Man besann sich einer 1-Minuten-Blitzpartie gegen Hans-Jörg Grupe, gespielt bei einer Deutschen Meisterschaft (zum Chill-out), als er einmal strahlend nach und nach haufenweise Figuren einbüßte, dazu aber im dem seiner Heimat entsprechenden Karlsruher Dialekt den legendären Satz sprach: „Nimm du nur“, erkennend, dass jeder Schlagzug für mehr Zeiteinbuße sorgte und er somit bald danach auf „Zeit“ reklamieren konnte.
So dachte wohl dieser Gegner auch: „Nimm du nur.“, fortgesetzt mit „nur so kann ich zwar kampf- und zugunfähig gemacht werden, aber wenn ich mich zu dem Zeitpunkt der endgültigen Handlungsunfähigkeit keinem Schachgebot ausgesetzt sähe, so wäre die Partie dank des ausgeklügelten Regelwerks eben nicht verloren sondern Remis.“ Tatsächlich war der Gegner für einen Moment in einer Pattsituation, welche Ben-Luca jedoch aufhob – und den Punkt einfuhr. Obwohl er nach der Partie glaubhaft versichern wollte: „Ich setz doch nicht Patt“, so hat man doch diese oder jene Schweißperle gelassen und den Rat erteilt: „Einfacher UND sicherer ist es UND schneller geht es auch, auf das Abräumen überzähliger , nutzloser Bauern zu verzichten und direkt den König ins Visier zu nehmen.“
a. Der Pattwitz

Weiß: Mert Acikel Schwarz: ???
Den Weißspieler kannte man bereits und hatte ihn ab und an beobachtet (eine Chance hier: Namen merken, er spielt erst kurz, hat aber glänzende Anlagen), der Name des Schwarzspielers war nicht festzustellen. Der 10-jährige Mert hatte schon seit vielen Zügen einen Turm und einen Springer weniger, dennoch schaute man ab und an vorbei. In einem Moment fand man die folgende Stellung vor, auf welche sein Coach aufmerksam gemacht hatte. Sicher, ja, auf den zweiten Blick erkannte man die sich hier bietende Chance. Sein Coach – Heinrich Burger – war höchst skeptisch, ob er die Idee 1. h2-h4 finden würde, denn, für dieses eine Mal hätte sich das Weiterspielen doch gelohnt haben können, sofern Schwarz der Verlockung des Bauernraubes auf g3 nicht widerstehen könnte. Der weiße König stünde auf Patt und man müsste sich nur noch mit beliebigen Schachgeboten des überzähligen Turmes entledigen, beginnend mit 2. Tg7-b7+ (Anmerkung: auch dies dürfte objektiv nicht ausreichen für eine Rettung, sofern der schwarze den korrekten Königsmarsch findet und entweder mit dem Td6 entlang der d-Linie den Schach bietenden weißen Turm schlagen kann, oder aber der Springer dasselbe tut; im Kinderschach aber könnte man mit allem rechnen, vor allem mit dem sofortigen Nehmen auf b7).
Tatsächlich wurde Heiner bestätigt: der Junge sah den Bauernraub auf g6 – und griff dort zu. Man wendete sich wieder ab, Chance vertan, damit aber Partiefragment noch lange nicht verloren sondern zur Vorführung geeignet.
Riesig die Verblüffung, als man an ebenjenem Brett kurze Zeit später helle Aufregung erlebte und mehr und mehr das Wörtchen „Patt“ die Runde durch den gesamten Turniersaal machte. Man warf nur einen kurzen Blick auf die Stellung und rekonstruierte mühelos:
1. Tg7xg6 Td6xg6+ 2. Kg5xg6 Sg4xh2 3. Kg6xh5 (!) Tc3xg3 4. Kh5-h4 Tg3-g8 5. Kh4-h3 Sh2-f3 Patt1, 1/2:1/2
Tatsächlich war es zu einer zweiten Pattchance gekommen in dieser Partie, welche mit dem Motiv der ersten absolut nichts zu tun hatte. Und, noch kurioser: diesmal wurde sie genutzt!
Das Weiterspielen hatte sich gelohnt. In diesem Falle. Wie die Wirkung allerdings sein mag, auf alle Kinder, die Zeugen dieses Spektakels wurden? Sagt sich denn jetzt nicht erst recht jeder, dass man doch sähe, was so alles passieren kann und das sich ein Weiterspielen demnach nachweislich immer lohnt? Wie wären die Folgen davon, wenn sich jeder tatsächlich der Theorie hingibt, dass es in jeder Stellung, so lange noch legale Züge ausführbar sind, eine Chance gibt, selbst wenn es jene des Handyklingelns oder der plötzlichen Malässe des Gegners sei? Und, on top of that, ist, selbst wenn man keine legalen Züge mehr hat, nicht einmal dann der Partieausgang in allen Fällen der Partieverlust, wie gerade gesehen?
b.Katharina Du – Dennie Shoipov Weiß am Zuge

In dieser Partie aus dem jüngst besuchten Turnier trafen ausgerechnet zwei der begabtesten eigenen Schützlinge – zwei Teilnehmer einer Trainingsgruppe – aufeinander. Natürlich war man gespannt, da Dennie, der Schwarzspieler, in seiner Altersklasse (er ist Jahrgang 2002) zumindest in Berlin so ziemlich alles klar in den Schatten stellt, während Katharina, Jahrgang 2000, selbst in der Konkurrenz mit den verschiedengeschlechtlichen Altersgenossen ebenfalls ganz vorne mitmischt. Katharina hat noch einen kleinen Vorsprung, welcher sich auch in der DWZ widerspiegelt.
Es war ihr in einer beiderseits recht gut geführten Partie, ihre leichte Überlegenheit aufs Brett zu bringen. In der oben abgebildeten Stellung nun war es soweit: der Sieg stand unmittelbar bevor. Denn immerhin verfügt sie über das (wie man zuvor sah, vorbereitete) eigentlich tödliche 1. Dc2-c8+. Der König hat sozusagen nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera, kann also nach e7 ausweichen, wonach unvermeidlich der Turm auf c7 eindringen würde, mit vernichtenden Folgen, oder dem Partiezug 1. ... Kd7-d6. Katharina dachte eine Weile lang nach, was einen allmählich in dem Sinne besorgte, dass man sich, angesichts ihres längst festgestellten Topniveaus in dieser Klasse, einfach nicht vorstellen konnte, dass sie das auf der Hand liegende 2. Tf2xf6+ nicht sah. Man sah Dennie an seinem verstohlenen Blick an, dass er es natürlich bemerkt hatte, den Zug, welcher unvermeidlich das Shake-Hand zur Folge gehabt hätte. Sie zog überraschend 2. Dc8-b8+.
Schulter zuckend bewegte Dennie seinen König zurück nach d7. 2. ... Kd6-d7. Nun erkannte das Mädchen, dass das (wie sie später verriet) geplante 3. Tc1-c7+ nicht ginge und korrigierte. 3. Db8-c8+. Selbstverständlich – jeder Computer hätte den gleichen Reflex – stellte Dennie den König nun wieder nach d6. 3. ... Kd7-d6. Immerhin gab es ja nun die entfernte Chance einer versehentlichen Zugwiederholung,
Diesmal wanderte die Dame auf ein ganz anderes Feld, noch immer hat der weibliche Nachwuchsstar nicht das Auge auf die bis f6 offene f-Linie gerichtet. 4. Dc8-f8+. Nicht, dass man sich direkt Sorgen machte, immerhin war es ja die Paarung der beiden zuletzt Betreuten, so dass jedes Ergebnis recht zu sein hätte. Viel eher traf es das: Verwunderung. Der König trat erneut zurück. 4. ... Kd6-d7. Nun könnte ja vielleicht die Dame erneut nach c8 bewegt werden, vielleicht gar den längst forcierten Gewinn erkennend und Schwarz hätte die Ausflucht in die Regelparagraphen gehabt, in denen fest verankert ist, dass man dann ein Remis einfordern könnte, wenn man mit seinem folgenden Zug (diesen hätte man vorzuzeigen) die gleiche Stellung ein drittes Mal herbeiführen könnte? Nichts da, Katharina hatte andere Pläne. Sie fasste die Dame an – und schwebte tatsächlich für einen Moment über dem Felde f7 – nicht loslassen! – um dann auf g7 zu landen. 5. Df8-g7+. Der König hatte kaum Alternativen, denn nun wäre die Flucht nach d6 gewisslich ohne Perspektive, den erneut verpassten Turmeinschlag auf f6 der Weißspielerin nicht zuzutrauen. 5. ... Kd7-d8. Jetzt war der Plan erkannt – und erschien flugs auf dem Brett:
6. Dg7xf6+ Db6xf6 7. Tf1xf6. Danach diese Stellung auf dem Brett:
Katharina Du – Dennie Shoipov, Berlin 2011, Schwarz am Zuge

Man selbst verließ den Turniersaal, in der Gewissheit, dass, nach dem verzogenen Pulverdampf, Weiß seinen klaren Vorteil sicher demnächst verwerten würde. Verblüfft war man, als man wenige Minuten später die beiden einträchtig miteinander ebenfalls den Turniersaal verlassen sah. Was war geschehen, so plötzlich und abrupt? Nun, die Nachfrage belehrte einen: Schwarz hielt den Zeitpunkt für gekommen, in der abgebildeten Stellung die Waffen zu strecken! 1:0.
Ausgerechnet nachdem er dem Tod sehenden Auges von der Schippe gesprungen war – und es ihm damit viele Male besser ging als noch Minuten zuvor, sieht er keinerlei Hoffnung mehr? Dies ist, so hoffnungslos die Stellung auch sein mag, rein psychologisch gesehen, kaum vorstellbar – und führte entsprechend zu den weitergehenden Philosophien zu dem Thema. Sicher, ja, wenn diese Stellung auf „normale“ Art zustande gekommen wäre und der Damentausch gerade die letzte Hoffnung geraubt hätte, dann wäre es nachvollziehbar, selbst wenn man ja gerade kurz davor Zeuge werden konnte, wie wesentlich schlechtere Stellungen ohne Bedenken und ohne Gram oder Scheu oder Scham weitergespielt werden im gleichen Turniersaal. Aber nachdem man gerade so das Matt, welches man selbst erkannt hatte mit Schwarz abgewendet hatte? Tja, wie auch immer: Dennie ist natürlich absolut kein Vorwurf zu machen und sicher wird diese Partieaufgabe von mindestens einem der oben angeführten Punkte abgedeckt. Selbst wenn von einem Kind von kaum 9 Jahren ausgesprochen, es zeigt vielleicht seine persönliche, etwas höhere Reife gegenüber den altersgleichen Kindern.
c.Jirawat Wierzbicki
Weiß: ??? Schwarz: Wierzbicki Weiß am Zuge

Jirawat Wierzbicki, ein schon lange bekannter Jugendlicher, mittlerweile ebenfalls 10 Jahre alt, hatte schon eine ganze Weile lang in ziemlich verlorener Stellung nach einem Rettungsweg gesucht, oder, man könnte sagen, er hat einfach weiter Schach gespielt so gut er konnte. Die Stellung war lange Zeit vorher schon wesentlich schlechter als die abgebildete, er hatte im Prinzip beständig seine Chancen verbessert.
Hier nun zog sein Gegner 1. Dd6-d5. Sicher kein ganz schlechter Zug, obwohl man vielleicht einen Mattangriff inszenieren könnte mit Dame und Turm, aber der erzwungene Damentausch hat auch seine Meriten.
Jirawat führte die Partie nach Beendigung draußen vor – übrigens, von seinem Vater angeleitet, sollte er alles aus dem Kopf vorspielen und es gelang ziemlich gut – und man war ehrlich gespannt, wie es denn nun weiter ginge, zumal der Weißspieler, selbst wenn DWZ-Favorit, zuvor eine ganze Menge Luft reingelassen hatte. Wie ging es also weiter? Auch Jirawat hielt, nachdem ihm sein weichtiges „Spielzeug“ abhanden käme, ähnlich wie Dennie Shoipov, den Zeitpunkt zur Kapitulation gekommen. 1:0.
Ein noch etwas kurioserer Fall als jener zuvor. Vergleichbar zwar der Teil, dass der Weißspieler zuvor nicht immer die stärkste Fortsetzung gefunden hatte und man somit Anlass hätte, sich wachsender Hoffnung hinzugeben, analog auch der Teil, dass die gewichtigste Figur in nachteiliger Stellung abgetauscht wurde und somit vielleicht wieder ein zusätzlicher Anlass gegeben wäre, Hoffnungen schwinden zu sehen. Absolut nicht vergleichbar jedoch der Charakter der Stellung sprich: die Überlegenheit des soeben zum Sieger gekürten.
Man schüttelte ein wenig verwundert den Kopf und begann, ein paar Züge auszuführen, nur um nachzuschauen, ob der Junge denn tatsächlich einen „einfachen Gewinn“ für den Gegner gesehen hätte. Man zog abwechselnd, mit vertauschten Farben, aber von der falschen Brettseite aus, und rasch 1. ... Da2xd5 2. Td8xd5 h7-h6 3. Td5xd3 Sg8-f6, und an dieser Stelle machte Kinderhand den leichten, aber den Gegner sicher nach vorher gesehenem „zuzutrauenden“ Zug 4. Td3-b3? (stattdessen sollte man mit 4. Td3-d8+ gefolgt von Annäherung an die Bauern von hinten gewinnen können, trotz vorhersehbarer, geringer Schwierigkeiten und trotz der Erkenntnis, dass dies nur im Fernschach oder in einem WM-Kampf der Aufgabe wert wäre) und danach gesellte sich sogar GM Kalinitschew zur Analyse hinzu, welche nicht einmal einen klaren Gewinn für Weiß – falls überhaupt einen – ergab nach den Zügen 4. ... b7-b6 5. Tb3-a3 a7-a5 6. Ta3-b3 Sf6-d7!
Welche Erkenntnisse liefert die Summe der Beobachtungen? Geben Kinder zu früh auf? Geben sie zu spät auf? Was veranlasst sie, was veranlasst einen Erwachsenen, was veranlasst einen überhaupt zur Aufgabe, was zum Weiterspielen?
3) Figura - Paulsen
Man selbst hat aus der eigenen Praxis natürlich ein paar Beispiele beizusteuern, eines davon das nun folgende: die Partie wurde gespielt im Firmenschach, also kein übertrieben bedeutsamer Anlass. Dennoch natürlich will man als ehrgeiziger Schachspieler unter keinen Umständen schlecht spielen geschweige denn verlieren. Das Firmenschach – in den letzten 20 Jahren nach und nach aufgewertet und ernster und ernster genommen – bietet nach wie vor die Chance zu Kräftemessen außerhalb der regulären Spielzeit, in welchen man eventuell ein wenig experimentierfreudiger zu Werke geht.
In einer wirklich spannenden Partie hatte der Schwarzspieler seinen erklecklichen Vorteil, welcher bereits eine Bauerneinheit (deutlich) überschritt gegen einen kampfeslustigen, versierten und wild entschlossenen Gegner nach und nach verspielt. Die abgebildete Stellung entstand und man hatte gerade, der Not gehorchend, aber zuvor mit ein paar unsauber berechneten Varianten, den weißen Turm auf f1 geschlagen. Nun verblüffte der Gegner mit dem Zug...

Figura – Paulsen, Berlin 2007, Weiß am Zuge
1. Sf4xg6! Natürlich war einem dieser Einschlag entgangen, natürlich war man geschockt, natürlich rechnete man dennoch rasch ein paar Varianten, mit entscheidendem Nachteil, natürlich wollte man sich keine Blöße geben, einen solch offensichtlichen Zug nicht vorhergesehen zu haben, dennoch gäbe es Anlässe zur Besonnenheit, vor allem jener, das Formular nicht stehenden Fußes abzuzeichnen mit dem Resultat von 1:0.
Man hatte wirklich aufgegeben, ja, fast spontan und fast ohne Besinnen der Vielfältigkeit des Schachspiels und ohne eine einzige Variante wirklich zu Ende zu berechnen, abgesehen von jenem Gedanken, eine versteckte Möglichkeit zu suchen.
Die erste Überraschung folgte direkt nach dem gegnerischen Zugriff auf die ausgestreckte Hand. „Ja, danke, äh, aber, wieso gibt’s du denn auf?“ Nun, man führte rasch vor was man (einzig) gesehen hatte: 1. ... h7xg6 2. Dg5xg6+ Kg8-h8 3. Dg6-h6+ Kh8-g8 4. Dh6xf8+! mit Gewinn. Der Gegner, mittlerweile längst Freund, Atila, überrascht: „Oh, das habe ich ja gar nicht gesehen. Ich dachte, es wäre Dauerschach.“ Nun, zuzutrauen ist ihm allemal, dass er den Zug noch vor der eigens eingeleiteten Zugwiederholung mit sich wiederholenden Schachgeboten von g6 und h6 aus, gesehen hätte, aber dennoch: eine Chance war es ja zumindest, die man da verpasst hat.
Man setzte sich zur Heimfahrt ins Auto, sicher ein wenig schockiert, ebenso nachdenklich, aber nicht zur längeren Analyse mit Gegner bereit. Im Auto begannen die Gedanken um die Schlussstellung zu kreisen. Was wäre eigentlich, wenn...? Die erste Idee war diese: Warum habe ich Hornochse denn aufgegeben, wo die Stellung doch gewonnen war? Wie?
Nun, man verfiel auf die Idee, zunächst den Springer herzugeben, dann den Turm zu retten und schließlich den Freibauern zu stoppen : 1. ... Sf1-g3+ 2. h2xg3 Tf8-f1+ 3. Kh1-h2 Kg8-f7. Selbstverständlich hätte man, wenn man gesehen hätte, dies Zugfolge gewählt, ausprobiert. Nur erkannte man doch bald, dass in der Schlussstellung dieser Variante der Zug 4. Dg5-e5! gewänne. Man hätte sich zeigen lassen, na klar, man hätte sich zeigen lassen müssen, keine Frage, Nur beruhigte man sich insoweit, als die Stellung ja „glücklicherweise“ doch verloren war.
Zu Hause angekommen und Kopf noch lange nicht in Ruhe befindlich fütterte man sein (archaisches) Schachprogramm mit der Stellung. Würde jener die Berechtigung akzeptieren? Gab es nicht doch noch eine Möglichkeit?
Fritz grübelte wirklich nur ganz kurz und spuckte den total verblüffenden Zug (in der Aufgabestellung {nicht etwa der AufgabeNstellung!} nach 1. Sf4xg6) 1. ... h7-h6! aus. Zugleich schätzte er die weiße Stellung, wenn überhaupt vorteilhaft, dann nur sehr gering und keinesfalls als aufgabereif ein, hätte doch der weiße zumindest noch diese oder jene Klippe zu umschiffen gehabt.
Nun schlug man sich wirklich gegen den Kopf. Eine völlig sinnlose, total übereilte Aufgabe in (halb) spielbarer Stellung, ohne auch nur den leisesten Gedanken an das Auffinden versteckter Ressourcen (wie den beiden gezeigten Varianten) zu verschwenden? Nein, das war nun wirklich mehr als dumm.
Ein paar Minuten später war der Computer so weit. Er hatte die folgende Variante gefunden:
1. Sf4xg6 h7-h6 2. e7xf8D+ Db4xf8 3. Dg5-e5! Df8-g7 (einziger Zug) 4. De5-e8+ Kg8-h7 5. Sg6-f8+ Kh7-h8 (einziger Zug) 6. Sf8-e6+ Dg7-g8 7. De8-e7! (droht 8. De7-f6) 7. ... Dg8-g6 8. De7-d8+ Dg6-g8 (auf 8. ... Kh8-h7 folgt 9. Se6-f8+) 9. Dd8-f6+ Kh8-h7 10. Se6-f8+ mit Damengewinn.
Alternativ rettet auch 7. ... Dg8-g4 die Partie nicht, jedoch gewinnt hier Weiß „nur“ prosaisch den Springer f1 durch den (noch zu findenden) Zug 8. h2-h3, wonach Schachgebote nicht helfen ( 8. ... Sf1-g3+ 9. Kh1-h2 Sg3-f1+ 10. Kh2-g1) und die Dame die g- Linie halten muss wegen Matt auf g7, aber den Angriff auf den Springer e6 nicht aufrecht erhalten kann.
Insgesamt schließt der Computer irgendwann mit soliden +5 (oder mehr) für Weiß, wonach man getrost aufgeben dürfte.
Keine Frage, dass man nicht nur im Sinne eines eigenen. möglichen guten Ergebnisses die Partie hätte fortsetzen müssen, nein, man hätte auch der Schachwelt ein kleines Kunstwerk mit der hübschen Gewinnführung vorenthalten -- so sie denn der Gegner gefunden hätte. Immerhin wurde hier der Versuch gestartet, sie zu erhalten.
4)Was beendet eine Partie?
Ein kleiner philosophischer Exkurs zum Abschluss, selbst wenn man reichlich weitere Beispiele parat hätte für Aufgabe zur rechten oder zur Unzeit (und diese vielleicht in einer Fortsetzung präsentieren könnte).
Man lernte autorenseitig im Schiedsrichterlehrgang Mitte des Jahres 2011, dass sowohl eine Pattstellung als auch eine Mattstellung die Partie unwiderruflich beenden würde. Ebenso wurde erwähnt, dass eine Partieaufgabe diese beendet und das ein spontanes shakehand – aus einem praktischen Beispiel – weder als Danksagung noch als Entschuldigung noch als Akzeptanz des Remisangebots ausgelegt werden könne ohne andere Anhaltspunkte, sondern ebenfalls die Partieaufgabe bedeutete.
Andererseits erfuhr man in dem gleichen Lehrgang, dass es den kuriosen Fall gab, dass ein Spieler eine Partie aufgab, beide den ausgelegten Zettel mit dem eingetragenen Ergebnis unterzeichneten und diesen bei der Turnierleitung abgaben. Als sich am Ende der Runde herausstellte, dass das Ergebnis verkehrt herum eingetragen war, bestand der davon Bevorteilte aber auf Beibehaltung des Ergebnisses. Seine Argumentation insoweit logisch (selbst wenn damit nicht zum Vorbild empfohlen): „Er hat unterzeichnet, dass er verloren hat. Also hat er verloren.“
Tja, was beendet eine Partie also wirklich? Die Aufgabe ist es nicht ... höchstens hätte man jene, dies herauszufinden.
- Post date: 29. Dezember 2011
1) Die gewohnten „philosophischen“ Vorüberlegungen
Als Autor hat man es nicht ganz leicht, wird man doch durch die Veröffentlichung von Texten – selbst bei nur kleiner Leserschar – immer ein wenig exponiert. Es ist ein vertrautes Phänomen, dass, sofern man „alles richtig macht“ (natürlich, eine Illusion), als einziger Effekt -- dem Auftreten und der Beurteilung eines Schiedsrichters gleich, welcher angeblich dann am besten war, wenn er gar nicht erwähnt wird – zur Folge hat, dass man gar nichts hört, wohingegen im umgekehrten, aber doch Normal-, Fall der Fehlerhaftigkeit oder Verbesserungswürdigkeit man von Ratschlag um Ratschlag ereilt wird. Dies hat eine weitere Folge: anders als erwartet – es wird gerne zur Nachahmung empfohlen, zum Austesten der Wirkungsweise – legt man sich einfach ein dickes Fell zu. „Lass die ruhig erzählen. Einzig wichtige Erkenntnis: wenn die Leute was zu Meckern haben, heißt es doch immerhin, dass sie gelesen haben.“
Nun war es ja nicht einmal direkt ein Meckern, welches einem zu Ohren kam, jedoch enthielt es den gut gemeinten Ratschlag, doch von dem unpersönlichen „man“ dann abzusehen, wenn „man“ persönliche Erlebnisse einbezieht. So lobenswert die Absicht auch sein mag – so der unerwähnte Kritiker – sich selbst in den Hintergrund zu stellen: sobald die möglichst lebhaft geschilderten Erlebnisse zu sehr von eigenen Beobachtungen, Empfindungen begleitet sind, das eigene Handeln mit einbeziehen, klingt es, im Mindesten, etwas staksig und unbeholfen. „Dringend“, so der Rat, „dies einzustellen.“
Insofern war ich zwar selbst nicht beteiligt an jenem Turnier – sofern man nicht die philosophischen Gedanken weiter trägt, nach welchen man (und dieses „man“ betrifft jedes Elter) doch in den eigenen Kindern weiter lebt – und dennoch war ich irgendwie Teil des Ganzen. Also: für heute möge der Leser mal wieder mit einem Bericht in der Ich-Form vorlieb nehmen – und die Kritik ab nun vorformulieren, um sie mir bei passender Gelegenheit persönlich unter die Nase zu reiben.
Am Sonntag, dem 18. Dezember 2011 sollte, sozusagen als krönender Jahresabschluss, die Berliner Jugendblitzeinzelmeisterschaft ausgetragen werden. Sohn Ben-Luca war bereit und willens, sich den Altersgenossen im traditionellen auf 5 Minuten Bedenkzeit pro Spieler und Partie beschränkten Wettstreit im Kampf um Titel zu stellen. Immerhin winkte dem Sieger doch ein solcher. Dabei ist der Begriff „dem Sieger“ bereits irreführend, denn, selbst wenn alle Spieler in einer Gruppe in einem Schweizer System Turnier spielten und es somit nur einen Erstplatzierten des gesamten Turnieres gab, so wurden doch die Sieger sämtlicher Altersklassen im Anschluss – gar mit Medaillen von Platz 1 bis 3, in der entsprechenden Legierung -- geehrt.

Obwohl es sich in Erzählungen des Autors selten um Turnierstände oder deren Ausgänge dreht: hier ein „Einstiegsbild“ nach der Entscheidung in der entscheidenden Partie. Der Mine des gegenübersitzenden Turniersiegers Jan Paul Cremer könnte man höchstes ein „Job erledigt“ entnehmen, wenn überhaupt irgendetwas. Dem Gegner Alexei Kropman gelang es ein klein wenig schlechter, die Gefühle zu verbergen. Seine Mine könnte den Gedanken verraten: „Das wars dann wohl mit dem Titel“. Es war Runde 6 von 11 und beide zuvor makellos. Die beiden Topfavoriten haben übrigens zwei Bewunderer, die beide im Turnier für einige Furore sorgten und bald schon die Fußstapfen der Größeren ausfüllen könnten:: Jirawat Wierzbicki, sitzend, 10, und Dennie Shoipov, stehend, 9. Dennie erzielte 7 Punkte und einen phantastischen 5. Platz, Jirawat gute 6 Punkte und Platz 14. Dahinter ein Trainer, sich gerade zum Gehen wendend: Dr. Marcos Kiesekamp.
2) Die „Turniervorbereitung“
Tja, einer alten Tradition folgend – unerwähnt sollte, bei allen vorab aufgezählten Nachteilen des Autorenjobs, nicht bleiben, dass es parallel zur Kritik ebenso Motivationsschübe gibt in Form von Zuspruch für die Texte – soll die Turniervorbereitung inklusive Anfahrt etc. nicht fehlen.
Da der größere, bereits seit einiger Zeit eifrig Schach spielende Sohn Ben, wie man dem Nachnamen entnehmen kann nicht einer Ehe entspringend, nicht dauerhaft bei mir sondern bei der Mutter wohnt, und an diesem Wochenende nicht bei mir war – er spielte am Samstag in Potsdam ein Kinderturnier, während ich beim SK Präsident um Grand-Prix Punkte kämpfte – musste man sich am Samstagabend kurzschließen, um sich möglichst irgendwo auf dem Weg zwischen Spandau, seinem Wohnort, Lichterfelde-Süd, meinem, und Weißensee, dem Austragungsort, in der Absicht, möglichst nahe an 10 Uhr – dem Registrierungsbeginn -- am Zielort einzutreffen, um nicht verantwortlich zu werden für einen möglichen verspäteten Turnierbeginn, welcher, laut Ausschreibung, alsbald nach Registrierungsschluss -- dieser 10:30 Uhr -- stattfinden sollte. Sofern nämlich jeder diesen zwar einhalten aber auch nicht „unterbieten“ würde, würde es stets zu einer Verspätung kommen – was im Übrigen der Praxis entspricht. Der eigene – ja, ich gewöhne mich daran: „Unser“ – Beitrag sollte dennoch möglichst gering sein, wenn überhaupt einer geleistet würde.
Die Vereinbarung war einfach, nachdem man ja im Zeitalter des Internet (und des Handys, welches übrigens die unerfeuliche Begleiterscheinung hat, dass man mittlerweile in Bahn und Bus ständig Ohrenzeuge von Verabredungen wird, wer sich gerade wo befindet und wann wo eintreffen wird etc. – und dies eigentlich nicht unbedingt wissen möchte) über www.bvg.de in Windeseile alle An- und Abfahrtszeiten aufgelistet bekommt, gepaart mit der kürzesten Verbindung und den Laufwegen (bitte um Nachsicht für die unvollständige Aufzählung), kamen Sohn und Vater überein, sich um 9:41 am S-Bahnhof Greifswalder Straße zu treffen, um ab dort mit der Tram M4 bis Hansastraße/Buschallee beziehungsweise dem Stadion dort den Weg gemeinsam fortzusetzen. Da jedoch die Stationen ab S-Bahnhof Gesundbrunnen auf dem Ring gemeinsam und theoretisch im gleichen Zug überbrückt würden, sollte der letzte Wagen der Treffpunkt werden.
Mein Fahrplan verlief vorschriftsmäßig, wobei ich bereits einkalkulierte, dass ich einen Zug früher da sein könnte. Gelegentlich sollen ja in letzter Zeit ab und an Züge ausgefallen sein. Geduscht, mit einem Kaffee und einem rasch verspeisten Brot im Magen, traf ich tatsächlich um 9:25 am Gesundbrunnen ein. Die Ringbahn S 41 traf ein auf dem Nebengleis, im letzten Wagen keine Spur von Ben.
10 eisige– trotz Abwanderns in die unteren Etagen – Minuten später der vereinbarte Zug. Nix Ben. Nun, vielleicht war er versehentlich in einem anderen Waggon? Also: Einsteigen bitte – Zurückbleiben bitte. Um 9:41 an S-Bahnhof Greifswalder. Kein anderer Wagen, nix Ben – nix verwundert. Wieso klappt es nicht? Weitere eisige 10 Minuten Wartezeit, die sich doch schon mal in Bangezeit verwandeln könnten. Denn: was, wenn er in dem nächsten Zug auch nicht wäre? Das Handy hatte immerhin die mütterliche Auskunft „er ist rechtzeitig los“ eingebracht. Wie lief das nur vor 20 Jahren? Irgendwie gefühlt: da klappte es. War sich jeder der Tatsache bewusst, dass man Absprachen unbedingt einzuhalten hätte, eingedenk der Unmöglichkeit, sich von Veränderung in Kenntnis zu setzen? Heute, so denkt man vielleicht, ist ja egal, ob ich pünktlich und am rechten Ort bin? Man könnte ja per Handy jederzeit umdisponieren?
Nun, ich schlenderte zur Zeitüberbückung (und Aufwärmung; der Wind war wirklich frisch) zur Tram rüber. In 4 Minuten und in 13 Minuten eine. Die müssten wir kriegen. Und: auf dem Aufdruck standen auch die gesuchten Stationen: Hansastraße/Buschallee und das Stadion, ZWISCHEN welchen beiden sich das Spiellokal befinden sollte.
Um 9:51 traf der Zug ein, und Ben stieg aus dem letzten Wagen aus. Aha, nicht geklappt weil ... U-Bahn verpasst. Wie geht das? Nun ja...
Die Tram brachte uns zum Stadion – auf die Station fiel die Wahl, da es doch gleichgültig sein sollte. Man vermisste bereits in der Tram wenigsten ein einziges kindliches Gesicht, welchem man (ja doch: „wir“), selbst wenn nicht bekannt, die Teilnahme zugetraut hätte. Nix, alleine marschierten wir los. Hausnummer 190 – gegenüber. 182 sollte es sein. Welche Richtung? Na klar, logisch, zurück zur vorherigen Station. Nummer 188 nach 100 Metern. „Aha“, so dachte man, „könnte ja werden.“ Exponiert, abgeleitet, extrapoliert ergäben es so 400 Meter – wenn sich doch wenigstens überhaupt Häuser auf jener Straßenseite befunden hätten. Da war nur das Stadion, in welchem ein einsamer Pensionär seine Runden eher neudeutsch „walkend“ als „joggend“ bewältigte.
Da wir nach ca. 300 Metern die Mitte der beiden Stationen erreicht hatten, mussten wir ja, so meine Schlussfolgerung, ohnehin bereits falsch sein. „Strafverschärfend“ kam jedoch hinzu, dass sich noch immer weder Hausnummer noch Gebäude in Sichtweite befand. Nach 400 Metern jedoch das kleine, bereits gefühlte Wunder. Ein einsames Schild mit einer Hausnummer, und nicht nur das. Die Aufschrift: „182“. Angekommen?
Na, man kann das Drama nicht immer auf dem Höhepunkt erwarten. Abgesehen von der Tatsache, dass man nach wie vor weder Kinder- noch Erwachsenengesicht zu sehen bekam und auch keinerlei Transportmittel – von welchen Autos am ehesten erwartet worden wären – und abgesehen von jenem Eindruck, dass dieses winzige Häuschen, über einen schlammigen Weg erreichbar, eher Umkleidekabine als Schachlokal war, wuchs doch die Zuversicht, nun eigentlich nicht mehr falsch sein zu können.
Der nach der Menschenleere befragte Sohn gab zu Protokoll: „Die sind alle schon drinnen.“ Dies allerdings konnte ich, ganz persönlich ich, ja, der Lerneffekt setzt ein, nicht etwa „der Autor“, zunächst belächeln – und dann ins Reich der Fabel verweisen.
Jedoch lehrte mich der Blick in das Lokal eines Besseren. Tatsächlich waren „alle“ schon da. BEIDE Turnierleiter nämlich, Andreas Rehfeldt UND Olaf Sill. Nun wurden wir freudig begrüßt – und um 10 Uhr 33 verkündete Olaf Sill gleichzeitig Anmeldeschluss und Turniersieger.
Da er es lächelnd tat und wir doch alle um des Schaches Willen erschienen waren, wurde den erwarteten Teilnehmern großzügig der Aufschub gewährt. (es macht übrigens ein Scherz in Berlin die Runde: kein Turnier startet je pünktlich, das gibt es eigentlich nicht; demnach hat man sich angewöhnt, den Anmeldeschluss an einem anderen Kriterium festzumachen. So heißt es, bevor man schließt, „ist Phillippe Vu da?“ „Ja!“ „Dann kann es ja losgehen.“)
Und bitte MIR (Übung macht den Meister) die schriftstellerische Pointierung bis hierher nachsehend, vor allem die nun Erwähnten: es WAREN ein paar weitere Teilnehmer dort, etwa zwei fast zeitgleich mit uns eintreffend (unter anderem übrigens Mathe-Genie Markus Penner) sowie mindestens ein weiterer, die Familien Schnabel und Schmidek ebenfalls kurz davor/danach eintrudelnd. Das Gros jedoch fehlte.
Als gegen 10:45 die Tür aufging und sich eine Reihe jugendlicher Schachfreunde einfand, konnte in Erfahrung gebracht werden, was denn nun im Wege stand. Heinz Großmann, Vorvater und Organisator der Jugendgruppe der BSC Rehberge – bei welcher ich das Mittwochstraining leiten darf – hatte zunächst ein Kind vergessen, deshalb die anderen am gewohnten Spielort des Ausrichtervereines – der Hausnummer 190 – abgesetzt, in der Gewissheit, dass sich das Spiellokal dort befinden müsste. Die Kinder, begleitet von einem unwissenden Erwachsenen (einem weiteren Fahrer, deshalb viele Kinder), wohl einem Vater, irrten sicher 15 Minuten in der Gegend umher, da sie, im Gegensatz zu uns, nicht einmal den Anhaltspunkt der korrekten Hausnummer hatten. Wie es die Runde machte, waren auch andere betroffen von dem Irrtum, dass der Ausrichter Chemie Weißensee wäre und man diesen Spielort ja zu kennen meinte.
Immerhin konnte man (denn das betraf ja nicht nur mich) beim „Einblitzen“ Zeuge werden, wie zwei der U 18 Spieler, Alexei Kropman und Jan Paul Cremer in Windeseile die Figuren über das Brett fliegen ließen. Da sie es zugleich in einer tollen Partie absolut gekonnt taten war das Urteil nicht schwer zu fällen: das müssen die Favoriten sein. Markus Penner mit seinen knapp 2000 DWZ wollte auch gerne ein Wörtchen mitreden, und sogar die am Vortag beim Grand-Prix erstmals gesehene Margarita Kostré war als Mitbewerberin einzustufen (trotzdem waren die beiden die 1 und die 2; alle vier saßen auch beisammen).
Der Hauptgrund: Sie hat am Samstag in diesem Turnier eine beeindruckende Leistung abgeliefert mit 5.5/9 (genau so vielen wie Jan Paul Cremer) und vor allem im Schlussspiel gegen Shapiro in einem Turmendspiel mit einem Minusbauern mit 19 Sekunden auf der Uhr gegen dessen 4 Minuten ihre Versiertheit im Schnellspiel auf dem Brette vorgeführt und das Remis gehalten.
Für das leibliche Wohl war gesorgt mit Kaffee (für die Erwachsenen) und ein paar geschmierten Brötchen, wozu sich am späten Vormittag jede Menge Knabbereien gesellten. Die Räumlichkeiten waren zwar klein, aber gerade so ausreichend für die Teilnehmerzahl von 39, inklusive der Begleiter. Man stand sich gerade so nicht auf den Füßen, sondern es war eher gemütlich. (Seit die Bilder da sind, kann man sich ja eines davon machen)
3) Ein einzügiges doppeltes Figurenopfer – statt Matt
Wie man (!) als Leser sicher schon festgestellt hat nutzt der Autor – also ich – bei jeder sich bietenden Gelegenheit schamlos die sprichwörtliche Geduld des Papieres, dabei zugleich jene des Lesers aufs Äußerste strapazierend. Wo ist denn nun das „Thema“ außer uns plaudernd hinzuhalten? Erzählen könnte man (! Ja, denn es gilt doch für jeden Beobachter; hinschauen, niederschreiben) so viele verschiedene Dinge, so dass man eigentlich gezwungen wird, sich auf ein paar wenige zu beschränken.
Da es 39 Teilnehmer waren, hatte man die Chance, 19 verschiedene Partien zu beobachten, in jeder Runde. Worauf fiel die Wahl? Wofür sollte ich mich entscheiden? Der erste Zwiespalt bereits bei Überlegungen auf der (einsamen) Anfahrt: hatte Ben wirklich recht, dass es ihn verunsichern würde, wenn ich zuschaute und somit – dies die von mir gezogene Schlussfolgerung, er sagte das nicht -- seine Leistung beeinträchtigen? Ja, man konnte es sich gut vorstellen. Selbst wenn ich in dem damaligen Gespräch die Überzeugung vertrat, dass er so gut wäre wie er wäre und dass er damit leben müsse, dass dieser oder jener ihm über die Schulter schaue. Als Konsequenz dessen: bitte lieber heute schon daran gewöhnen, weil man sich, wie mit jedem geschriebenen Wort so auch mit jedem ausgeführten Zug, der Öffentlichkeit und deren vielschichtigen Urteil in gewisser Weise ausliefert. Dazu kann selbstverständlich ein (verhohlenes) belächelt werden gehören, andererseits aber auch zu Beifallsstürmen führen, welche man doch sicher gerne über sich ergehen ließe.
Die Gefahr – dies eine grundsätzliche Überlegung – ist die, dass vielen Nachwuchstalenten, und das nicht nur im Schach, die Freude durch überzogene Ansprüche, welche oftmals gar von Erwachsenenseite ausgestrahlt werden, verloren geht – und sie dem einstmals geliebten Spiel frühzeitig den Rücken kehren. Für heute – und jedes andere von ihm gespielte Turnier – gibt es zunächst den Rat, der sich auf alle anderen betreuten Jugendlichen erstreckt, zunächst Hauptaugenmerk auf die Qualität der ausgeführten Züge zu legen und weder Resultat der Partie noch und geschweige denn die gewonnenen oder verlorenen DWZ-Punkte als Gradmesser zu nehmen. Wobei gerade an dieser Stelle ein kleines Problem einsetzt: wer beurteilte denn diese Qualität, außer, dass sie per Eintrag in die Tabelle Niederschlag findet?
Nun, an dieser Stelle bringe ich einfach meine Spielstärke und meine Aufmerksamkeit ins Spiel: ich sehe das sehr wohl, wenn es Qualitätssprünge gibt und ich sehe auch, wenn eine Partie gut angelegt wird, wenn planvoll und mit guter Zeiteinteilung gespielt wird, selbst wenn das Ergebnis ab und an und unvermeidlich (selbst bei offensichtlicher Verbesserung) negativ ausfallen mag.
Ein weiterer philosophischer Gedanke war übrigens jener: da man meist auf eine vergleichbare Gegnerschaft trifft stellt sich grundsätzlich die Frage, inwieweit die eigenen Fortschritte jenen der Konkurrenz überlegen sein sollten? Auch dabei gibt es außer der Trainerwahl und der eingeplanten und durchgeführten Trainingszeiten (sowie der letztendlichen Anzahl von Turnierteilnahmen) eine Reihe anderer Kriterien, angefangen schon allein mit dem Alter... Andererseits: wer könnte je die empfundene Freude messen?
Ja, ach so, apropos Geduld und Thema. Ich schaute einfach beinahe beliebig herum, dabei bevorzugt bei Ben-Luca (auf seinen Wunsch hin), wenn überhaupt, aus der Ferne. Von den anderen Teilnehmern rückte mal dieser, mal jener in den Fokus und ich machte mir keinerlei Vorgaben. Mal sehen, wohin das Auge schweift. Eine interessante Beobachtung machte ich noch beim Schweifen lassen des Blicks: ich persönlich tue es in den meisten Fällen vor allem aus Liebe zum Schach, mit der weiter gehenden Konsequenz, dass ich mir in jeder Stellung einfach überlege, was der beste Zug wäre. Wenn der am Zug befindliche – ohne Betrachtung der emotionalen Bindung zu ihm oder seinem Gegenüber – einen ungeeigneten, einen schlechten, gar einen Katastrophenzug macht, so tut es mir weh, egal, ob ab und an der eigene Schützling davon profitiert. Dabei gibt es sehr wohl den Unterschied, ob der schlechte Zug in bereits verlorener oder zumindest klar nachteiliger Stellung geschah – wo die Bedeutung gering wird – oder ob er in vorteilhafter oder gar Gewinnstellung geschah. Selbst dann noch fallen jene Züge heraus, welche den Gewinn nur erschweren gegenüber solchen, die ihn gänzlich verderben. Auf diesen Aspekt hin – warum schaut man? – möge sich ruhig jeder Trainer oder (andere) Beobachter hin überprüfen: fühlt er mit dem Kind, denkt er an seinen Schützling, hofft er nur einseitig oder interessiert ihn das Spiel, liebt er die Kunst, liebt er gelungene Aktionen, Züge, Strategien, Kombinationen, unabhängig vom Profitierenden beziehungsweise dem Opfer?
Es gab sogar einen speziellen Anlass, auf diesen Gedanken zu stoßen. Dennie Shoipov, der Star mit den gerade 9 Jahren, aber zuletzt in meiner Trainingsgruppe in Rehberge befindlich, insofern einer derjenigen Teilnehmer, dem man den Erfolg selbstverständlich (mehr) gönnt, hatte sich einmal diese Stellung „erwirtschaftet“.

Weiß: (Es war wohl Ole Jannes Karge aus Runde 4; Rechercheergebnis), Schwarz: Dennie Shoipov
Der Gegner hatte zuletzt mit einem Königsmarsch bis nach f6 so ziemlich alles richtig gemacht, Dennie hatte eine bessere Verteidigung verpasst und gewohnt weiter schnell gezogen. Ich hatte genügend Gründe, den Gegenspieler, welcher ihm an Leibesgröße kaum überlegen war, zu beachten, hatte er doch sicher zuvor ebenfalls schon eine Menge richtig gemacht um diese Stellung gegen den klar favorisierten Gegner zu erreichen. Ja, apropos Liebe zum Spiel: wenn der Gegner, dem es unbedingt zuzutrauen war, nun den Entscheidungszug 1. Tc1-h1(nebst)# gefunden hätte, so wäre man sicher ein wenig traurig für den Schützling, andererseits hätte man die Chance, auf die Sorglosigkeit und auf das teils zu rasche Ziehen bei ihm aufmerksam zu machen – mit fortan erhoffter Besserung. Im Sinne des Schachspiels jedenfalls wünschte ich mir unvermeidlich diesen Zug. Schachmatt ist Schachmatt, das, dem im Fußball gleichen „TOR“, als ultimatives Ziel des Spiels ausgerufene. Der Ball MUSS rein, der Turm gehört nach h1.
Der Gegner verfiel auf den Zug 1. g2-g4. Nun die große Frage: würde Dennie das Matt selbst erkennen? Wie wäre es abzuwenden? Zumal man mit g4-g5+ eine weitere Drohung hätte, die Partie sogar auf andere Art zu gewinnen. Sicher, es geht. Bei gründlicher „Analyse“ stellt man fest, dass es entweder die Aufgabe beider Zentralbauern, mit 1. ... Ta5-a2, täte, um auf h2 zwischenstellen zu können, oder aber das Läuferopfer mit 1. ... Ld6-e7+. Ja, wenn man es gesehen hätte. Und, ich erinnerte mich an das (von mir nie gelesene) Buch „Chess for tigers“: würde der Autor da raten, das Matt, wenn selbst erblickt, abzuwenden, oder würde er raten, möglichst rasch und unerschrocken den Zug 1. ... Ld6-f4, den Partiezug, auszuführen, nach dem Motto „hat er einmal nicht gesehen, wird er wieder nicht sehen.“? Fragen über Fragen und dies in nur einer einzigen kleinen Stellung...
Der Zug 1. ... Ld6-f4 schien den Gegner komplett zu überfordern, während ich über die Sinnhaftigkeit, selbst als „tiger“, dieses Zuges sinnierte: wenn man den Turm auf c1 angriffe, so zwänge man doch eigentlich den Gegner, ihn hinfort zu bewegen. Auf welches schönere Feld als zumindest eines den König bedrohendes könnte man ihn denn nun ziehen? Nein, die eigene Lehre war gezogen: der Zug „erzwang“ das Matt. Ein Kind hat einen angegriffenen Turm zu bewegen, welcher mit Schach (rein zufällig einem Matt) entweichen kann. Das wird er, das MUSS er einfach finden.
Schon zog der Junge 2. Le6xd5. Hand aufs Herz: ein solcher Zug tut doch weh, muss doch jedem Schachliebhaber wehtun? Nun hatte er den Gewinn beinahe erreicht, es fehlte nur noch das Tüpfelchen auf dem i, er hatte den starken Gegner so weit, dass er nicht einmal mehr auf eine Kapitulation angewiesen wäre, da dieser Sieg sogar von der Turnierleitung zuerkannt würde, unabhängig von der Blättchenposition (gut, nein, ihr habt Recht: es ginge noch Lf4-h2 auf Turmschach von h1), er hatte alle stürmischen Winde in der sicher bereits lange hinziehenden Partie schadlos überstanden, alle Fehler vermieden, und nun das? Ein einzügiges, doppeltes Figurenopfer, ohne jede Not?
Dennie zuckte kurz mit den Schultern, welches der Geschenke er denn nun annehmen sollte, und, keine Frage, seine erste Wahl fiel auf das größere: 2. ... Lf4xc1 mit baldigem Sieg.
Ist es wirklich immer so, dass, sobald in einer Partie eine wirkliche Entscheidung möglich ist, ausgerechnet dann die größten Fehler passieren? Denn: diese Zugqualität zugrunde gelegt (von 2. Le6xd5) hätte die Partie keine 15 Züge dauern können, bis zum Sieg des Favoriten. Einen derartigen Klops, ausgerechnet, wo man Matt setzen kann ist doch eine unglaubliche Kuriosität, da es sich in der gesamten Partie mit einiger Sicherheit um den mit Abstand größten handelte?
4) Lehren -- was für Lehren?
Ich hoffe, für die Allgemeinheit zu sprechen, wenn ich hier sage, dass man(n) sich über jedes weibliche Gesicht im Schachcircuit freut, da das Spiel so sehr männerlastig ist und jede Teilnehmerin zugleich dafür sorgen könnte, dass auch andere Mädchen den Schritt wagen, sich nicht so verloren vorkommen, und somit einen weiblichen Schachboom auf den Weg bringen könnten.
In diesem Turnier gab es drei Mädchen: Margarita Kostré, Katharina Du und Luise Schnabel, was prozentual vielleicht schon überdurchschnittlich ist. Dazu waren ein paar Mütter da, so dass sich die Weiblichkeit in diesem Fall nicht einsam oder verloren fühlen musste. Katharina Du befindet sich in der gleichen Rehberger Trainingsgruppe und ihr Schicksal bewegt mit am meisten, seit jener ersten Begegnung, als sie gegen Ben-Luca die unfassbare Partie spielte, in welcher sie einen klaren Gewinn herausgespielt hatte, dazu ein Bedenkzeitplus von 10 Minuten hatte, Ben also nur noch über Sekunden verfügte. Als Ben tatsächlich eine Wunderrettung – mit ihrer Hilfe – gefunden hatte und mit zwei Türmen auf der siebten das Dauerschach verkündete – lehnte sie ab. Sie ging mit dem König auf ein anderes Feld. Danach wäre sie sofort Matt gewesen bei richtiger Spielführung (der stille Zug h6-h7 war erforderlich). Stattdessen stellte Ben seinen Turm ein, gab mit dem falschen Turm Schach (das Dauerschach wäre sonst noch immer garantiert und man hätte gar nach ein, zwei Zügen einen Turnierleiter herbeirufen können, da es so eindeutig war). Dieser Turm hätte nun von ihr ersatzlos geschlagen werden können, mit sofortigem Gewinn. Stattdessen stellte sie den eigenen Turm ein. Dies wäre ohne Veränderung des Endergebnisses gewesen, da lediglich das Endspiel Turm plus Bauern gegen Dame plus Bauern herausgekommen wäre, mit leichtem Sieg für das Mädchen wegen der Zeit. Sie zog stattdessen ihren letzten Turm weg anstatt seinen zu schlagen – und war im nächsten Zug doch Schachmatt, welches Ben mit hängendem Blättchen und zitternden Fingern mit der Damenumwandlung ausführte.
Hier, bitte, in Kleinformat, kurz das Finale vom Frühsommer:

Weiß: Ben-Luca Schreiber - Schwarz: Katharina Du
Weiß am Zuge
Zuletzt war Td6-d7 geschehen, in zuvor klarer Gewinnstellung. Das Matt ist abgewendet, das Dauerschach, wegen der wenigen Sekunden, vorgezeichnet, trotz des möglichen Turmgewinns. Ben zog ein paar Mal den Turm von f7 nach g7 und zurück. Ben bot Remis aber sie lehnte ab. Katharina wich dann einmal nach h8 aus ( ähnlich sinnlos wie Ben in dem späteren Beispiel; siehe unten). Ben schlug auf h7, was am Ausgang nichts ändern sollte, sofern der König ab nun zwischen g8 und h8 pendeln würde. Als er dann nach f8 ging, diesmal ohne schwarzen h-Bauern, hätte h6-h7 gewonnen, wegen der unparierbaren Drohun h7-8D#. Ben zog stattdessen Te7-f7+??. Dieser Turm hätte ohne Kompensation und Hoffnung geschlagen werden können. Sie ging stattdessen weiter nach e8. Kein Problem, denn nun ist der König raus aus dem Dauerschachkäfig. Ben zog Tf7xd7, sie Td8xd7. Nun zog Ben den letzten Pfeil aus dem Köcher: h6-h7. Einen einfachen Sieg hätte nun der Zug Td7xg7 gebracht, trotz des möglichen Damenschachs auf h8. Sie zog aber den Turm nach d1 zum Schach, woraufhin das Matt unabwendbar war. 1:0, mit ca. 2 Sekunden auf der Uhr.
Ja, Katharina sorgt immer für einiges Spektakel. In der einen Partie in diesem Turnier war es so: in absoluter Gleichmäßigkeit hatte sie ihren noch jüngeren Gegner (sie ist 11, Duc Anh Tran, ebenfalls von Rehberge, ist 9) an die Wand gespielt. Der Sieg stand völlig außer Zweifel, nur hat ausgerechnet Duc Anh die Fähigkeit, ein hohes Zugtempo anzuschlagen. Dennoch beachtete ich die Partie kaum noch, da Katharina mit Qualität und einem Haufen verbundener Freibauern zu eindeutig auf der Siegerstraße war.
Später richtete sich die Aufmerksamkeit fast zwangsläufig zurück auf diese Partie, denn – im Gegensatz zu allen anderen – lief sie noch immer. Der Sieg war nur in dem Sinne näher gerückt, dass weiteres Material vom Brett verschwunden, jedoch nicht neue Vorteile angehäuft waren, abgesehen von längst möglichem Schachmatt.

Weiß: Katharina Du - Schwarz: Duc Anh Tran
Weiß am Zuge
Nun ja, Fortschritte gab es also doch. Der Freibauer auf der f-Linie hatte wohl einen Turm eingebracht. Dennoch erstaunlich: noch lief die Partie. Katharina zögerte einen Moment, dachte das letzte Mal nach, hatte den Turm auf h8 schon fast in der Hand, vermutlich, um ihn nach h7 zu stellen, entschied sich um und opferte sofort auf f7. Natürlich ist ein Gewinnweg so gut wie der andere, vor allem, wenn man die letzte gegnerische Figur vom Brett befördert. Der Unterschied nur: mit etwa verbliebenen 15 Sekunden pro Partei stellte sich allmählich die Frage, ob es zur Mattführung reichen sollte.
Duc Anh machte im gleichmäßigen Tempo seine Züge. Sicher, im Duell zwei asiatisch stämmiger gaben sich beide im konstanten Lächeln kaum eine Blöße, vielleicht lag aber Duc Anh, angesichts der längst im Geiste besiegelten Niederlage um eine Nasenlänge vorne, denn von Zug zu Zug machte sich mehr Nervosität bei der Weißspielerin breit. Nun, man hätte ihr den Rat erteilt, zuerst die Bauern abzuräumen um wenigstens das Remis zu sichern. Vor allem ist es so, dass man damit einen klaren Plan hätte und demnach Zug um Zug ohne Nachdenken ausführen könnte. Den Turm nach a8, zuerst den Bauern a5 weg, dann den Turm nach b5, Bauer b4 abgeräumt, im nächsten den Bauern d4 schlagen.
Auf dem Weg zum Mittagstisch, welcher an der alten Spielstätte, der Hausnummer 190 also, verabreicht wurde (nach Runde 5) konnte ich beim gemeinsamen Marsch endlich herausfinden, was sie abgehalten hatte, den kompletten Bauernraub durchzuführen: sie war mit den Regeln nicht vertraut und sich nicht sicher, ob es tatsächlich zum Remis reichen würde. Ihr Gegner war übrigens mit dabei, sowie Sohn Ben, auf der, für den aufmerksamen Leser leicht zu errechnenden Wegstrecke von 800 Metern, welche man mit einigem Geschick durch Morast und Schlamm (versehentlich) auf etwa 1.2 km ausweiten konnte, im malerischen Weißensee am Stadion entlang, bei anwachsender Anzahl zu beobachtender Walker und Jogger.
Zurück zur Partie:
Die Sekunden tickten beidseitig herunter, die Anzahl der Zuschauer wuchs. Man hat bei ihr aber noch nie den Eindruck gehabt, dass sie irgendetwas von der vollen Konzentration auf die Partie abhalten könnte, nur suchte sie einen Gewinnplan: wie ging das noch mit einem Turm? Der Gegner verschaffte sich durch das Ausführen einzig legaler Züge einen hauchdünnen Vorteil. Kurios war, dass Katharina die Regeln des Bauernendspiels wohl etwas zu sehr beherzigt hatte, in denen das EINNEHMEN der Opposition oftmals die Entscheidung bringt, während es bei der Mattführung auf das ERWZINGEN der Opposition mit dem gegnerischen Zug ankäme. Man sollte den König oftmals am besten auf das um eins versetzte Feld stellen. Sie stellte immer wieder die Opposition auf, der Gegner wich ihr aus. Einmal wäre per Zugzwang eine Mattstellung möglich gewesen, nur dadurch, dass der a-Bauer noch hätte ziehen können, hätte es selbst dabei eine Verzögerung gegeben. Und, man bedenke bitte: nach a5-a4 müsste Weiß mit b3xa4 schlagen, wonach der weitere Zug b4-b3 zur Ausführung bereit stünde.
Es gelang ihr weder dies noch jenes, kein Matt, kein Bauernraub, keine Zeitüberschreitung beim Gegner, welcher, mit einer verbliebenen Sekunde, seinerseits reklamieren konnte: 0:1! Ein unfassbares, beinahe tragisches Ende.
Nur sollte es nicht das einzige bleiben. Der Lerneffekt stellte sich beinahe unmittelbar ein. Es mussten nur ein paar Runden vergehen, bis sie in die gleiche Lage kam. Ich traf auf sie und ließ mir von der Partie erzählen. Ja, sie hatte ebenfalls einen Turm mehr gehabt, der Gegner nichts mehr, nur noch ein paar Bauern. Diese hätte sie, nach beschriebenem Ratschlag, allesamt vernichtet. Die Frage nach dem Partieausgang erübrigte sich .. eigentlich. Denn: das Ergebnis lautete Unentschieden! Sie hatte den Gegner Patt gesetzt! Sie sagte, lächelnd (aber insgeheim sicher sarkastisch, so gut es ein Kind sein kann): „Immerhin habe ich doch alle Bauern geschlagen?“
Was lehrt einen das insgesamt? Vielleicht erweist sich auch der Trainer als lernfähig? Die erlernte Regel: es gibt keine Regel (außer dieser). Räume die Bauern dann ab, wenn es richtig ist. Spiele auf Matt, dann, wenn es richtig ist. Mache immer das, was am Besten ist, in jeder Situation, Ja, ein toller Ratschlag. Nur: wo sind die Anhaltspunkte, das herauszufinden?
5) Ein Läufer auf g5
Erneut war ein Problem, an allen Brettern zu sehen, mit welchem anscheinend sowohl die Kinder als auch ihre Trainer nicht zurechtkommen – natürlich beziehe ich mich mit ein. Es taucht in einer von drei Partien ein Läufer auf g5 (g4) auf, oftmals je einer. Keiner weiß, wie er die Fesselung abschütteln soll. Fast immer kommt es irgendwann zu einer geschwächten Königsstellung, da man entweder sofort mit der Dame ausweicht oder auf den Springerzug nach d5/d4 wartet.
Frage 1 dazu lautet: ich selbst befürworte zwar die Zak-Methode, nach welcher man zunächst die drei Goldenen Regeln beachten sollte: 1) Zentrum besetzen mit Bauern, 2) Leichtfiguren raus, 3) Rochade. Dennoch gibt es andere Wege, die Figuren ins Spiel zu bringen als mit 1. e2-e4, woraufhin der Gegner reflexartig 1. ... e7-e5 entgegnet. So wenig ich auch Einfluss nehmen möchte, speziell auf die Eröffnungswahl: sagt denn jeder Trainer, dass ist die ultimative Eröffnung, mit welcher man es bis zum richtigen Schachspieler schafft? Die (eigens betreuten) Kinder sind oftmals gar nicht davon abzubringen, mit beiden Parteien den Königsbauern im ersten Zug im Doppelschritt zu bewegen. Auf die Frage, warum sie es denn täten unisono: „Wir können nichts anderes.“
Genau hier liegt aber das Problem, wie es scheint. Erstens ist es ziemlich offensichtlich, dass sie auch das nicht wirklich können (insofern ein Wechsel gar nicht zu viele Probleme bringen würde), aber zweitens scheint es sich bereits eingefressen zu haben, dass man nur Züge ausführen darf, die man auch kennt. Denn: das schreibt die Zak-Methode genau nicht vor. Entwickle dich nach deinem Geschmack, stelle die Figuren auf Felder, wo sie möglichst nicht gleich vertrieben werden können, besetze das Zentrum (nimm aber nicht dafür zwangsläufig den e-Bauern, denn auch der d-Bauern tut es) aber, die damit vertretene Auffassung lautet doch: vergiss alle Theorie.
Der Springer raus, jawohl, aber der Damenspringer darf sowohl gerne mal nach d2, ebenso aber auch hinter den c-Bauern gestellt werden. Ein Läuferfianchetto: warum nicht? Widerspricht keinem Prinzip. Rochade ja, aber nicht immer nur die kurze.
Es war eigentlich kaum zu ertragen, dass es in jeder Runde wieder und wieder geschah. Kurios jedoch, dass man Katharina vor der einen Partie noch den Rat gab, eventuell ein vorbeugendes h2-h3 oder h7-h6 einzuschalten, was Meister aus früheren Jahren aus drei Gründen getan hätten: a) der Läufer kann nicht mehr nach g5(g4), b) der Springer kann nicht mehr nach g5(g4), und c) man hat schon ein Luftloch.
Sie hatte Weiß und es gelang ihr, wie üblich, den Springer auf f6 zu fesseln. Nur hatte sie einen Moment Zeit zur Abwehr der gegnerischen Fesselung, und konnte den Zug h2-h3 einschalten. Sie verpasste den Moment, und alles wurde wieder symmetrisch, beide mit dem gleichen Problem konfrontiert: wie werde ich die Fesselung los?
6) Katharina Du – Alexander Czerniak
Gleich mal eine Partie zu dem Thema, in welcher das Motiv auf beiden Flügeln auftauchte. Alexander, ihr Gegner, gehört zur gleichen Trainingsgruppe. Katharina dennoch in der Favoritenstellung.

Immerhin habe ich ein Bild entdeckt mit Alexander Czerniak. Es ist der hübsche Junge mit der perfekten Frisur neben Maximilian Hüls, Brett 12, mit Schwarz

Weiß: Alexander Czerniak - Schwarz: Katharina Du, Schwarz am Zuge
Bemerkenswert hier: Zunächst ist Alexander freiwillig in diese Fesselung gegangen, mit dem Zug Dd1-d2. Nun folgte 1. ... Sf6-e4 und er fluchte ein klein wenig, dies übersehen zu haben. Noch verwunderlicher aber, dass es eine Weile später am anderen Flügel zur gleichen Konstellation kam. Man sehe:

Weiß: Alexander Czerniak- Schwarz: Katharina Du, Schwarz am Zuge
Sie hatte also auf c3 mit dem Läufer geschlagen, nachdem er den Läufer mit a2-a3 angegriffen hatte (vorbildlich von ihr, denn viele, so auch Ben in dem Turnier einmal, tauschen mit der Erzwingung des Doppelbauern, nur geschieht es ohne Not, da der Gegner noch nicht einmal droht, die Fesselung abzuschütteln). Beide haben die nun offene b-Linie besetzt. Auch gut. Weiß hatte klugerweise das Feld b3 betreten, wovon sie sich ein Vorbild hätte nehmen sollen/können: ihr Turm stünde auf b6 gut. Der Abtausch wird unattraktiv für Weiß, zugleich droht man die Verdoppelung. Aber auch der Zug Lf5-g4 hatte seine Meriten, vor allem, da Alexander ein zweites Mal die Möglichkeit dieser Fesselung erschaffen hat mit dem Zug De1-e2.
Es folgte der Zug 7. ... Se4-g5, woraufhin Alexander mit 8. Kg1-h1 reagierte. Natürlich kein schlechter Zug, ein vorbeugender Zug, aber zugleich kein wirklich hilfreicher Zug. Diese Fesselung wäre nur mit dem Zug Le5-f4 zu bekämpfen, abzuschütteln, aber immerhin gäbe es noch diese Möglichkeit. Ganz kurios an dieser Geschichte, dass wir in einer Pause – Ben, Katharina und ich – über diese Dauerkonstellation sprachen, mit der Fesselung. Und sie erzählte gleich ganz eifrig: „Die meisten spielen dann immer so.“ Bei der Bemerkung zog sie den König nach h1. Der Beweis war erbracht: die meisten, so auch Alexander, ziehen den König nach h1. In dieser Partie mit noch mehr Sinn als in anderen, denn man beachte den Läufer auf e5, welcher bereits bedrohlich nach g7 schielt...
Sie tauschte an diesem Flügel vorzeitig (also nicht vorbildlich). Zunächst folgte aber noch 8. ... Tb8xb3 9. a2xb3 und nun erst 8. ... Sg5xf3. Es folgte 9. g2xf3 Lg4-h3 10. Tf1-g1. Ich schaute kurz woanders hin, dachte an nichts anderes als 10. ... f7-f6 und erfuhr Sekunden später, dass Alexander gewonnen hatte. Sie konnte der Verlockung des Bauernraubes – welcher nach dem Einschub f7-f6 gut möglich gewesen wäre – nicht widerstehen und schnappte zu: 10. ... De7xa3.
Beide zeigten mir den Fortgang und Alexander beschuldigte sich zunächst, nicht gleich nach 11. Tg1xg7+ Kg8-h8 mit 12. Tg7-g3 Matt gesetzt zu haben, konnte jedoch insoweit zunächst belehrt werden, dass dies kein Matt sei, wegen des möglichen 12. ... f7-f6, wonach sogar der Gewinn fern bliebe. So erkannte er, dass er absolut richtiger-, aber unbeabsichtigterweise zunächst den Bauern f7 verspeist hatte. 12. Tg7xf7+ Kh8-g8 13. Tf7-g7+ Kg8-h8. Nun zog er 14. Tg7-g3+, verheimlichte aber nicht, dass er dieses lediglich wegen der Eroberung des Läufers auf h3 getan hätte. Das Matt (nach Tf8-f6 Le5xf6#) war ein willkommenes Beiwerk... 1:0.
7) Katharina Du – Kilian Damerow

Ganz vorne links der Kopf von Jirawat Wierzbicki, daneben kämpft Maximilian Hüls, 8, mit Weiß gegen Robert Denkert, dahinter die Partie zwischen Katharina und Kilian; Ben-Luca führt gerade elegant einen Zug aus. Sein Gegner in der Runde übrigens: Sander Breitzmann (wenn auch kaum im Bild). Eine Partie, von der noch die Rede sein wird. Ein weiteres „Beweisfoto“: ich habe Ben nicht immer nur aus der Ferne zugeschaut. Der rote Pulli und die Kaffeetasse verraten es am Bildrand...
Die Partie zwische Katharina und Kilian war beinahe die spektakulärste von allen beobachteten. Vor allem in der Endphase gab es ein Kuriosum, welches dafür sorgte. Kilian ist auch Rehberger und im gleichen Alter. Gerade er hat in den letzten zwei Trianingssessions urplötzlich Züge aufs Brett gezaubert und Ideen entwickelt, die man nicht für möglich gehalten hätte. Entsprechend war sein Selbstvertrauen im Vergleich zu den nach wie vor Besseren (auch Katharina gehört dazu) gewaltig angestiegen
Dennoch dominierte Katharina diese Partie. Sie baute eigentlich einen ganz ansehnlichen Königsangriff auf, tauschte dann aber den Springer ab, der für Gefahr hätte sorgen können, hielt aber stets ein Übergewicht.

Weiß: Katharina Du -Schwarz: Kilian Damerow. Weiß am Zuge
Dies der Moment, in welchem die Zugfolge 1. f2-f4 Se5-c6 2. f4-f5! Sc6-d4 3. Lb3-c4 oder auch gleich 3. Se3-g4 Weiß einen viel versprechenden Angriff gegeben hätte.
Sie zog, ziemlich spontan 1. Se3-c4 Se5xc4 2. Lb3xc4, wonach der Vorteil nur noch klein war, wenn überhaupt. Nur machte sie im nächsten oder übernächsten Zug Lc4-b5, woraufhin Kilian erneut spontan zugriff: Ld7xb5 a4xb5. Mit der geöffneten a-Linie hatte Weiß wieder klaren Vorteil, selbst wenn der Bauer a7 noch zu verteidigen wäre.

Weiß: Katharina Du - Schwarz: Kilian Damerow, Weiß am Zuge
In dieser Stellung nun begann das Spektakel, von welchem man alleine durch Abspulen der Züge absolut keinen Eindruck bekommen könnte. Kilian hatte zuletzt unscheinbar und in in jeder Hinsicht trügerischer Absicht – der Zug deckt ja nicht einmal den Bauern a7 wirklich – die Dame von d8 nach c7 geschoben. Ein Allerweltszug, so könnte man meinen. Katharina führte nicht ohne Nachdenken den Zug 1. Df3-c6 aus. Dieser Zug erscheint auf den ersten Blick ganz ordentlich, selbst wenn man sich als Zuschauer schon seit einiger Zeit ein energischeres Vorgehen gewünscht hätte (der Bauern war bereits mindestens einmal davor zu schlagen und wenn er einmal weg ist, ist der b-Bauer Partie entscheidend). Die Partie sollte natürlich auch so gewonnen sein, wenn da nicht...
Kurz nach der Ausführung schien ihr der Zug nicht mehr zu gefallen, nein, ganz im Gegenteil, sie haute sich in Selbstkasteiung mit der Hand gegen die Stirn. Selbstverständlich registrierte dies der Gegner Kilian und er schaute sie kurz verwundert an. Kurz danach bewegte er – der Leser hat es natürlich auch längst gesehen – den Turm von e5 Richtung e1.
1. ... Te5-e1+. Dies schien der Weißen nichts auszumachen. Sie schlug den Turm. 2. Ta1xe1. Kilian hatte auch nichts Besseres gesehen und zog 2. ... Te7xe1+. Katharina zog völlig ungerührt 3. Kg1-h2. Kilian war mindestens zum zweiten Male verwundert, deutete bald auf seine Dame, bald auf ihren König, woraufhin sie sich ein zweites Mal gegen die Stirn haute, aber dem Gegner sofort die Hand reichte. 0:1, nur kann man diese Stellung eben nicht mehr als Schachmatt bezeichnen. Ebenso endete die Partie nicht etwa durch Matt sondern durch einen illegalen Zug, was einen weiteren Exkurs auslösen könnte (der Leser bleibt verschont).
Was hatte dieses Verhalten am Brett nun zu bedeuten? Das erste Mal Hand gegen den Kopf schlagen konnte ja – was man übrigens an der Blickrichtung schon erkennen konnte – nicht bedeutet haben, dass sie das Matt gesehen hatte in dem Moment. Nein, so gut konnten ihre schauspielerischen Fähigkeiten – bei aller Wertschätzung -- nicht sein. Vor allem nicht, den König seelenruhig nach h2 zu bewegen, nachdem man doch erkannt hätte, dass es Matt war in zwei Zügen. Nein, es musste eine andere Erklärung her, welche sie auch gerne lieferte: „Das Matt habe ich überhaupt nicht gesehen. Ich fand den Zug Df3-c6 nicht gut, weil ich dachte, dass Ta6-c6 viel besser gewesen wäre und bald gewonnen hätte.“
Nun gewinnt man daraus mindestens zwei Erkenntnisse:
1) Wenn das Versäumnis einer minimalen Verbesserung im Spiel, also die Erkenntnis, einen etwas besseren Zug ausgelassen zu haben, stets dazu führen würde, dass man sich mit der Hand gegen den Kopf schlagen würde, dann hätten alle Spieler nach dem Turnier mindestens eine Gehirnerschütterung gehabt.
2) Wenn jeder Spieler den Gegner durch eine derartige Geste auf ein eigenes Versäumnis, auf eine Ungenauigkeit, vielleicht auf einen möglichen Gewinn – einen verpassten oder einen vom Gegner nun möglichen – aufmerksam machen würde, dann hätte dieses Turnier einen völlig anderen Ausgang genommen. Schlussfolgerung aus Letzterem: Pokerface gehört dazu und nützt.
Die eigentlich entscheidende Frage stellt sich so dar: hätte Kilian das Matt überhaupt gesehen, wenn sie sich nicht mit der Geste „verraten“ hätte? Kilian behauptete später, ja, er hätte. Zweifel sind nur insofern gestattet, als ich seinen verwunderten Blick auf sie in Erinnerung habe, als sie die Geste ausführte (na, ein Schlagen an den Kopf ist schon fast mehr als eine Geste; im Pokern werden derartige „Gesten“ übrigens als „tells“ bezeichnet; man verrät mit der Körpersprache, welches Blatt man auf der Hand hat).
Dennoch könnte man weiter phantasieren: wenn sie tatsächlich das Matt gesehen hätte in dem Moment, dann wäre es keine Irreführung gewesen, sondern sie hätte sich per „tell“ verraten. Ob der Gegner es nun zuvor oder selbst gesehen hatte oder nicht: spätestens nach der „Geste“ findet er den Zug Te5-e1+, auch wohl ein schwächerer Gegner.
Angenommen nun aber, er hatte das Matt nicht gesehen. Sie hätte sich an den Kopf geschlagen, weil sie das leicht bessere (?!) Ta6-c6 nicht gezogen hätte, er wäre dennoch genau durch die (deplatzierte, da sie ja mit der Sichtung des Matts nichts zu tun hatte) Geste aufmerksam geworden, in dem Sinne „Was ist denn los in der Stellung? Warum macht sie das? Ich stehe doch so schlecht. Moment, ich schaue mal genau hin: Ach ja, Te5-e1+ und sie ist Matt. Danke, Katharina, ohne deine Hilfe hätte ich es nie gefunden.“?
Ob nun dieses Szenario das wahrscheinlichste (wie ich zunächst recht sicher war) sei dahingestellt: Ein Kuriosum ist es allemal, oder?
Aus meiner eigenen Praxis ist mir ein Beispiel von „tells“ unauslöschlich im Gedächtnis haften geblieben: ich war blutiger Anfänger und spielte gegen einen anderen, erfahreneren Jugendlichen.

Weiß: Andreas Scherer Schwarz: Dirk Paulsen, Berlin, 1973, Weiß am Zuge
In dieser Stellung hier führte mein Gegner den Zug 1. Sf3xe5 aus. Nun drehte er sich entsetzt weg und haute sich mit der Hand sichtbar, laut und vernehmlich gegen die Stirn. Eine prachtvolle Geste, perfekt ausgeführt, selbst wenn er später über Kopfschmerzen geklagt haben soll(te)...
Mein kindliches Gemüt registrierte zunächst, wie übel der Bock war, den er da geschossen hatte, war doch soeben seine Dame dem Schlage des Läufers g4 ausgesetzt worden. Noch größer die einhergehende kindliche Naivität: „Du kannst den Zug ruhig zurücknehmen.“ Er, ganz Gentleman: „Nein, nein, das geht doch nicht.“ Nun gut, zuckte ich mit den Schultern, und war endgültig eingelullt. 1. ... Lg4xd1.
Nun war seine Zeit gekommen: 2. Lc4xf7+ Ke8-e7 3. Sc3-d5#. Natürlich jedermann bekannt, aber dennoch, innerhalb einer Geschichte vielleicht ein wenig zum Schmunzeln geeignet?
Da sieht man mal, wie wenig man selbst mit dem Rat „verrate bloß nichts mit deiner Körpersprache am Schachbrett“ anfangen könnte. Sobald man es sich umgekehrt nutzbar machte ...?
8) Das Niveau
Eine kleine Anmerkung zum Niveau und zum Blitzschach generell. Als Heranwachsender hatten wir oftmals viel Spaß im Schachclub und es wurde reichlich sowohl geblitzt als auch dazu gescherzt. Ein bonmot – vielleicht weit verbreitet? – wurde aus meiner Erinnerung damals kreiert: „Das Blitzen ist dem Schachspiel nicht unähnlich.“
Da ist viel Heiteres – aber auch viel Wahres – dran. Es ist eben kein Schach, was gespielt wird. Ob es Kinder tun sollten steht für mich zur Diskussion. Eine sinnvolle schachliche Entwicklung kann so schwerlich gefördert werden. Natürlich, so räume ich ja stets ein, stelle gar in den Vordergrund, soll der Spaß niemals fehlen, sollte die Hauptantriebsfeder sein und der Spaß sollte nicht ausschließlich an Ergebnissen orientiert sein. Man hat gewonnen – man ist glücklich. Man verliert – man trauert. Nur gibt es eben auch die Gefahr, eine negative Entwicklung, trotz Spaßes, auszulösen.
Wenn Kritik, dann bezieht sie sich auf die ausgelöste, eingeforderte Oberflächlichkeit im Spiel. Im Blitzschach muss man rasch reagieren. Da steht die Zugqualität oftmals an zweiter Stelle. Auch hübsche Wendungen, Kombinationen, tief angelegte strategische Partien sind kaum zu erwarten, scheinen auch nicht Ziel zu sein im Blitzschach.
Sicher ist zwar auch: sobald man ein gewisses Niveau erreicht hat, verschwindet das Problem wieder. Selbst wenn es auf hohem Niveau weiterhin spezielle Blitzexperten gibt und andere denen es weniger liegt: die Ähnlichkeit mit Schach wird bei steigendem Verständnis immer größer.
Was im Kinderschach gezeigt wurde, an jenem Sonntag, war nicht besonders hochwertig. So sehr ich an anderer Stelle das erkennbar gewachsene, ständig steigende Niveau hervorgehoben habe und auch mein Erstaunen darüber bekundete, gepaart mit Bewunderung und Anerkennung, so sehr muss ich doch für die heutigen Partien meine Zweifel anmelden: es war nicht wirklich gut, was gespielt wurde. Die Ausnahmen waren ganz klar die Startpositionen 1 und 2, welche dies in ihrer Vorbereitungspartie bereits andeuteten. Ansonsten war es sehr viel Stückwerk, ständig verpatzte Partien, überall grobe Fehler, gedrehte Partien, übersehene Entscheidungen und verpasste Mattchancen. Nein, so unmöglich es war, die Augen überall zu haben. Wenn man einen Zug sah, dann war es in der Vielzahl der Fälle nicht der beste.
Die vorgezeigten Partien bilden keine wirklichen Ausnahmen und die Kritik soll auch nicht überzogen werden. Die Kinder haben es so gut gemacht, wie sie es konnten. Wenn es um Verbesserungsideen geht, dann sei hier Katharina zitiert, auf dem Weg zum Mittagstisch, als sie sagte: „Warum spielen wir denn nicht 10 Minuten?“
Die 5 Minuten sind zu kurz für Schachspieler, die sich noch in der Entwicklung befinden. Das die Erkenntnis, die gewonnen wurde – und von mir ab jetzt vertreten wird. Falls man die Entwicklung der Kinder positiv fördern möchte (wer könnte da „nein“ sagen?), sollte man sie möglichst nicht all zu viel Blitzschach spielen lassen, selbst wenn Schäden ebenso nicht nachweisbar zu erwarten wären. Spaß hat es allen gemacht, das steht wohl außer Frage.
9) Ein kleiner Streifzug durch die Bretter und Runden
Ohne auf eine Reihenfolge zu achten möchte ich ein paar besondere Partien zeigen, die mir bei meinen Streifzügen durch die Bretter in der Erinnerung haften geblieben sind. Weder die Bedeutung der Partie noch das Spektakel in der Partie noch die Rundennummer sind dabei ein Ordnungskriterium. Es ist erzählt frei nach Schnauze, wie es der Berliner auszudrücken pflegt.
- a.Margarita Kostré – Bennet Schnabel

Vorne die Partie Margarita Kostré gegen Bennet Schnabel
Wie man am Bild sieht war ich gar nicht so aufmerksam wie ich tue. Der weiße Turm stand auf c1, nicht auf a1. Unwahrscheinlich, dass sie ihn dort je wegbewegt hat. Vor allem nicht zurück nach a1. Bennets Haltung spricht Bände. Stets Sieges gewiss (und in dieser Partie trotz völliger Pleitestellung gar erfolgreich damit). Übrigens, zu meiner Ehrenrettung (der männlichen): ich hatte zuvor die Partie an Brett 2 zwischen Jirawat und Dennie verfolgt. Dennie machte ein geschicktes Manöver, was ihm die Qualität hätte einbringen sollen. Jirawat war geschockt, das übersehen zu haben – und warf der Qualität eine ganze Figur hinterher. Damit war die Partie entschieden, kurz nach der Eröffnung, und ich ließ den Blick schweifen.
Um nicht in den Verdacht der einseitigen Berichterstattung zu geraten: ich habe durchaus andere Partien als die Katharinas beobachtet. Hier der Beweis. Dass es sich auch bei Margarita um einen weiblichen Teilnehmer handelte, war natürlich purer Zufall...

Weiß: Margarita Kostré - Schwarz: Bennet Schnabel, Schwarz am Zuge
Ein beiderseits vorbildlich geführter Sizilianer. Schwarz hatte den Springer auf d4 getauscht, Weiß hatte den Angriff am Damenflügel mit a2-a3 pariert. Nun plante sie die Überführung der Dame nach h4, um vielleicht mit dem Turm über f3 nach h3 einen Mattangriff inszenieren. Es wäre nun sowohl ein Vorstoß des e-Bauern zu erwarten von Schwarz, als auch der Partiezug 1. ... d6-d5.
Die Entwicklung bald danach dramatisch. Es folgte: 2. e4-e5 Sf6-d7 3. Ta1-d1 f7-f6 Dies natürlich ein Fehler, denn man sollte diesen Zug mit e7-e6 vorbereiten. Nun geschah weiter 4. e5-e6 Sd7-f8 5. g2-g4 Td8-c8 (geraten) 6. f4-f5 g6-g5 Ein weiterer Fehler, welcher das Schicksal ZWEIER Figuren besiegelt. Der Springer von f8 kann nie mehr raus (ohne verloren zu gehen, und der Läufer g7 kann es nicht einmal per Opfer schaffen (na, erst den Springer opfern, dann einen Bauern vorziehen ginge). Insofern ist der Sieg des Weißen nur mehr eine Frage der Zeit, es sei denn...

Weiß: Margarita Kostré - Schwarz: Bennet Schnabel, Weiß am Zuge
Als diese Stellung wenige Züge später auf dem Brett stand (für Freunde der Retro-Analyse ein Kinderspiel) ließ mein Interesse etwas nach. Es spielt sich wie von selbst. Die Türme auf der a-Linie abtauschen, am besten die Dame auch noch, später einen Königsmarsch zum Damenflügel. Schwarz hätte mindestens zwei Figuren weniger, mit dem abgeklemmten König sogar drei! Ein baldiges 1:0, ohne Widerstand, war zu erwarten. Fünf Sekunden später der Blick zurück zu dem Brett. Bennet reckte den Finder in die Höhe und vermeldete den Sieg!
Nun, es war völlig unspektakulär, dennoch nicht weniger tragisch. Eine Figur durfte unter gar keinen Umständen ziehen in dieser Stellung. Das war der Läufer auf d4. Genau ihn bewegte sie aber – nach b6. Bennet packte ohne Zögern zu: 10. Ld4-b6 d5-d4+! 0:1
b .Ein weiteres dramatisches Finale
Hier ein Finale zweier unbekannter Kinder. Bringt mich bloß auf die Idee, dass sich diese beiden melden könnten, sobald sie das Diagramm erblicken und sich erinnern, und die Namen entsprechend später ergänzt werden könnten.

Weiß hatte in den letzten Zügen mit einwandfreier Technik den König zu den Bauern geführt und stand bereit, sie abzuräumen. Schwarz blieb nichts als 1. ... Ka5-b4, woraufhin 2. Kc6xb6 Kb4-b3 geschah. Nicht weiter erwähnenswert, dass jeder erfahrene Blitzschachspieler nun, nach kurzem Restzeitcheck, den Bauern c5 abgeräumt hätte. Das Remis wäre sicher. Danach spielt sich die Technik auch wirklich viel einfacher, wenn der Gegner nichts mehr hat. Die verbliebenen Sekunden waren wieder einmal je um die 15. Eine Mattsetzung wäre möglich mit dieser Zeit, jedoch sollte dann jeder Zug sitzen. Den einen Zug MUSS man hergeben für den Bauernraub. Unklar, wer als erster die Zeit überschreitet im vorliegenden Fall (das heißt, es gibt natürlich auch Fälle, in denen die überlegene Partei deutlich weniger Zeit hat, der designierte Verlierer also sicher dann nicht verliert, wenn er nicht Matt gesetzt wird).
Ab nun geschahen bestimmt 20 Züge pro Seite. Der Junge holte sich eine Dame und begann, seine schwindenden Sekunden registrierend, mit wilden Schachgeboten, bei denen der gegnerische König bald über das gesamte Brett gejagt wurde. Der intuitive Gedanke dabei: ich muss nur schnell sein. An Technik zu denken verblieb keine Zeit. Nur hätte man als Zuschauer am liebsten hineingerufen, nach dem siebten sinnlosen Schach, „jetzt schlag doch wenigstens den Bauern!“. Es gelang nicht, weder eine Mattsetzung noch die bessere Zeiteinteilung. Das Ergebnis: 0:1, ZÜ gegen 2 Sekunden. Wie ist es nur möglich, dass es bald pro Runde ein derartiges Drama gibt?
c.Elais – Ben-Luca
(im Schlussranking steht der Gegner als Elli Gleb Zahars, im Training – er auch Rehberger – stellte er sich als, gesprochen, Elais vor)

Ein kleiner Eindruck vom Turnier direkt vor dem Anpfiff. Selbst wenn die meisten Gesichter dem Weihnachtsmann (er war es nicht wirklich, wie sich bald herausstellen sollte) Andreas Rehfeldt zugewandt waren und aufmerksam seinen Worten lauschten, so kann man doch immerhin hier jenes des Elais entdecken, welcher neben Johann Donath sitzt und sich bald Fabian Alcer ... beugen musste.
Natürlich habe ich auch bei Ben geschaut, nur tatsächlich oftmals aus der Ferne und nicht Zug für Zug verfolgt. In einer frühen Runde musste er gegen diesen weiteren Rehberger ran. Katharina, die direkt daneben spielte, hatte dem Vereinskameraden noch vor Partiebeginn geflüstert, dass er verlieren würde.
Die Eröffnung aber bereits ein kleiner schwarzer Reinfall.

Nicht etwa, dass diese Stellung verloren wäre, nein. Nur hat er freiwillig zunächst den Läufer auf g3 abgetauscht, ohne Not. Die h-Linie ist jetzt geöffnet und man wird doch dadurch zu erhöhter Aufmerksamkeit gezwungen? Abgesehen davon hat er den Übergang in der Eröffnung verpasst. Der Gegner spielte nämlich 1. d2-d4 und nach 1. ... Sg8-f6 zog er 2. Sb1-c3. Nun wäre es möglich, in seine geliebte, nämlich die Pirc-Verteidigung, einzulenken mit dem Zug 2. ... d7-d6. Er bemerkte das nicht, zog also alle anderen Züge normal, nur niemals den Zug d7-d6 (wie man unschwer erkennen kann).
In dieser Stellung jedoch der Gipfel der Sorglosigkeit. Er sah, dass der Bauer ungedeckt war und schnappte zu: 1. ... Lg7xe5.
Elais hatte ein paar Ideen, wie man sah, aber plötzlich erspähte er das frei betretbare Feld direkt beim König und zog... 2. Dd2-h6.
Die Gedanken von Ben versuchte er später, zu schildern. Ich selbst dachte nur nach, ob er sich überlegt, direkt aufzugeben, oder lieber den einzig möglichen Zug 2. ... Tf8-e8 zu spielen.
Seine Gedanken müssen in etwa vergleichbar gewesen sein mit einem Schachcomputer in den 80er Jahren. Er rechnet und rechnet, findet in allen Varianten nur Matt, und entschließt sich also, erst den Springer auf c2 zu opfern, um dann mit dem Läufertausch auf c3 noch einen Zug hinauszuzögern. Natürlich käme dies der Partieaufgabe gleich und man hätte sich das Intermezzo mit Springer schlägt c2 sparen können, als Mensch, sofern das Matt unabwendbar wäre. Die Stellung ist übrigens gar nicht so schlecht in Wahrheit. Nur hätte ein Großmeister, wenn er Dd2-h6 gesehen hätte und die Stellung danach als ok eingestuft hätte, es dennoch niemals gezogen. Aber dies nur nebenbei....
Die nächsten Züge wären auch nicht gerade schwer zu rekonstruieren. Der Weiße brachte den Springer von c3 über e4 nach g5 (anstatt vielleicht den von g1 über h3?), Ben zog den d und den e-Bauern auf, sowie den Läufer zurück nach g7. Nun hatte Elais den Geistesblitz mit Th1-h6.

Sicher ist der Turm unverletzlich wegen Matt auf f7. Aber: was droht er dort? Ein richtiger Gewinnplan bestünde in der Springerüberführung nach e5, dazu müsste aber zuerst c2-c3 geschehen. Am besten, man macht erst noch die lange Rochade. Möglich aber, dass Schwarz sich verteidigen könnte. Viele Gedanken...
Ben war offensichtlich besorgt von so vielen dicken Figuren vor seinem König und fand nicht den guten Verteidigungszug Dd8-f6. Damit drohte man, den Turm sogar zu schlagen, aber auch sonst steht die Dame dort gut (man beachte den Fall der langen Rochade, wo man bereits b2 angreift). Vielleicht hätte Schwarz nun schon Vorteil (nein, ich befrage NICHT den Computer). Vielleicht gibt es einen Einschlag auf f7 nebst g6? Nun ja, der Leser möge das bei Interesse prüfen.
Ben zog jedenfalls das unsägliche 1. ... f7-f6, worauf Elais den Bauern auf g6 schnappte, leicht irritiert aber doch zuversichtlich, Ben zuckte zuerst zum f-Bauern, worauf Vater dachte „Nur das nicht“, nahm die Hand wieder zurück, dachte nach, und --- landete wieder beim f-Bauern! 2. .... f6xg5 3. Dh7xg7#
Nun stubste Elais Katharina in die Seite: „Von wegen: ich verliere!“
d.Alexei Kropman – Ben-Luca
In der zweiten Runde hatte Ben das Vergnügen, am ersten Brett aufzutauchen, gegen einen der beiden Topfavoriten. Alexei Kropman luchste mir vor gut einem Jahr in der Landesliga an Brett 2 einen halben Punkt ab, war mir dort natürlich als talentiert aufgefallen.

Ben-Luca, mit rotem Pulli, an Brett 1 gegen Alexei Kropman, Daneben Dennie Shoipov, vorne, gegen Jan Paul Cremer. An 3 Markus Penner, vorne, gegen Bennet Schnabel. Der Blondschopf an 5 ist Luis Stratos Rose, neben ihm Margarita Kostré, und ganz vorne Ogus, ebenfalls in meiner Gruppe bei Rehberge, ihm gegenüber Jirawat Wierzbicki. An 4 müsste sich Emil Schmidek (ungewollt) verstecken.

Alexei Kropman – Ben-Luca Schreiber, Schwarz am Zuge
Diese Stellung müsste Ben halbwegs bekannt gewesen sein, da er doch zwangsläufig mit der Pirc-Verteidigung immer wieder in vergleichbaren Situationen landet. Er spielt immer den Läufer nach g4 und tauscht, sobald der Läufer angegriffen wird, aber auch ab und an, wenn er es nicht wird. Was wäre das Ziel des Tausches? Natürlich: man schwächt durch Abtausch den Felderkomplex d4/e5, welche der Springer überwachte. Hier drängt sich der Zug 1. ... e7-e5 so sehr auf, dass man es sich kaum vorstellen kann, dass er nicht gespielt wird. Man könnte ganz eventuell auch über Sf6-d7 nachdenken, um sowohl d4 anzugreifen, als auch dem bevorstehenden Angriff mit e4-e5 auszuweichen. Jedoch muss man sich sehr gut überlegen, wie man nach dem dennoch erfolgenden e4-e5 das Zentrum nun anzugreifen gedenkt. Nein, ich bleibe dabei: 1. ... e7-e5 ist Pflicht für jeden Pirc-Spieler.
Ben meinte später, er hätte den Zug oftmals gemacht, wenn er nicht gut war. Ich konnte mich kaum erinnern. Der ausgeführte Zug 1. ... Tf8-e8 kann jedenfalls nicht gut sein. Die Absicht könnte nur sein, e7-e5 zu spielen, was man auch sofort tun könnte, und gegen den Vorstoß e4-e5 richtet der Zug nichts aus. Diesen sollte Weiß spielen, mit klarem Vorteil. Stattdessen entschied sich Alexei, fast a tempo, für den Zug 2. 0-0-0.
Dies räumte Ben die Möglichkeit ein, seinen kleinen Fehler zu korrigieren, indem er nun 2. ... e7-e5 spielt. Die Gegenüberstellung von Dame und Turm auf d macht nichts, denn, nach 3. d4xe5 d6xe5, wohin sollte der Läufer (unangenehm) abziehen? Ja, nach Ld3-b5 steht Weiß sicher etwas besser, aber eine normale Partie stünde bevor. Ben entschied sich für den Zug 2. ... Dd8-d7.

Selbst wenn man nun wieder als gestrenger Lehrer aufgefasst werden sollte: einen Bauernvorstoß wie den Zug e4-e5 kann man doch nicht einfach ignorieren als Möglichkeit, zumal, wenn man häufig ähnliche Stellungen spielt? Der Zug ist eine Drohung, das gewiss. Er greift eine Figur an und erobert Raum. Es ist ein zentraler Vorstoß. Er ist häufig in der Pirc-Verteidigung Thema. Er dachte nicht an den Zug? Der Damenzug raubte dem Springer das letzte sinnvolle Rückzugsfeld, und nach 3. e4-e5 Sf6-h5 4. g2-g4 mit Springerverlust, war, wie der Engländer es ausdrückt, „ the game over as a contest“, die Partie als Wettstreit beendet, selbst wenn noch etliche Züge ausgeführt wurden. Das Endergebnis, bei Kropmanscher Technik fraglos 1:0.
e.Ben-Luca – Ogus Gencaslan
Auch dieser Name musste nachgelesen werden. Ogus kommt auch von Rehberge und ist in der gleichen Trainingsgruppe, obwohl mit seinen 17 Jahren mit Abstand der älteste. Er sagt, man spricht seinen Namen „Oos“ (oder ist es die Kurzform? Jedenfalls will er so genannt werden). Auch Oos hat beachtliche Fortschritte gemacht in letzter Zeit, sammelte bei einem seiner ersten Turniere (mit Erwachsenen) im Rathaus Schöneberg gute 4.5 Punkte aus 9 Partien. Er ist ebenfalls stets fröhlich/freundlich und motiviert, ohne je über eine Niederlage zu klagen, zumindest ist ihm äußerlich nichts anzumerken (es gab auch ein paar Kinder, welche regelmäßig nach Niederlagen, insbesondere den tragischen, Tränchen vergossen). Auf Nachfrage bestätigte er: ja, er arbeitet zu Hause alleine am Schach. Gerade diese Eigenschaft ist es übrigens, auf die jeder Trainer hinarbeiten sollte: wie schafft man es, dass das Kind aus Eigenantrieb zu Hause beginnt, Partien nachzuspielen, Bücher zu lesen oder Aufgaben zu lösen? Bei Ben geschieht es zwar auch in letzter Zeit mehr und mehr, aber noch immer etwas zu wenig, um im Vergleich mit den Altersgenossen die Nase entscheidend nach vorne zu bekommen.
Nun, selbstverständlich soll es, bei keinem Kind, nicht in empfundene „Arbeit“ ausarten, sondern allein aus Freude geschehen und außerdem soll bitte schön zunächst für die Schule alles erledigt sein (vornehmlich die Zensuren stimmen). Dieser „Ratschlag“ hat natürlich Allgemeingültigkeit und bezieht sich nicht speziell auf Ben. Das Blitzen im Internet, wie es sicher einige tun, gilt in dem Sinne nicht als ernsthaftes beschäftigen mit Schach, wie überhaupt noch ein paar Worte über das Blitzschach ausstehen.
Ben hatte diese Position erreicht, als mein (gestrenger?) Blick so en passant auf die Stellung fiel:

Das, so hätte ich ihm gerne bescheinigt, muss bis zu diesem Zeitpunkt vorbildlich gespielt gewesen sein. Die Rochade wurde zwar aufgeschoben, dies jedoch aus gutem Grund, hatte doch der Turm von h1 glänzende Beschäftigung auf der offenen h-Linie. Der gegnerische König ist, wenn auch unter Figurenopfer und inklusive Damentausch freigelegt. Positionell sieht es am Damenflügel nach gutem Gelingen aus: der Läufer b7 ist richtig schlecht und der c-Bauer rückständig. Weiterhin hat er unnütze Bauernzüge komplett vermieden. Hut ab!
Nur, was war das? Früher hieß es mal : „Wenn ein Patzer ein Schach sieht, dann gibt er es.“ oder auch „Never miss a check, it could be mate.“ (Versäume nie ein Schach, es könnte ja Matt sein; genau dieser Rat ging auch an Ole Jannes Karge in der Partie gegen Dennie Shoipov, dort sogar höchst treffend, da tatsächlich Matt). Allmählich faszinierte mich der Anblick der Stellung. Es war für mich nicht vorstellbar, dass er den Zug Th1-h7+ mit Läufergewinn übersehen konnte, nein, im Scherze sagte ich oftmals zu ihm, wenn eine kleine Taktik möglich war, „das ist Stufe 4“, oder „das ist Stufe 3“. In dieser Stellung würde ich schwanken zwischen Stufe 1 und Stufe 2 aus der Stappenmethode. Ben dachte auch noch ausgesprochen gründlich nach. Verpasste Chancen, wenn man a tempo zieht, waren in dem Turnier Gang und Gäbe. Aber nach mindestens 30 Sekunden war es wirklich kaum denkbar, dass er ihn auslassen konnte.
Er zog 1. f2-f4 und landete bald darauf in dieser Stellung:

Hier war zwar die Blitzphase angebrochen, aber gerade in jener scheint es noch viel wirksamer (und liegt noch näher), den gegnerischen König anzugreifen. Der Zug Th4-h7+ liegt nicht nur auf der Hand, sondern er gewänne auch stehenden Fußes. Der Läufer oder der Turm geht verloren, wonach die überzähligen Bauern gepaart mit dem aktiven Turm die Partie leicht entscheiden. Stattdessen traute ich den Augen ein zweites Mal kaum: Ben verfiel auf 5. g4-g5. Oos schnappte sofort zu: 5. ... Ld7xf5. Natürlich übersehen von Ben, keine Frage. Führt nur dazu, dass man ab und an (das betrifft jeden Schachspieler) sofort den Gegenzug ausführt, nur um dem Gegner zu suggerieren, dass es nicht übersehen sondern geplant war. Bei Ben fiel die Wahl auf den weiteren Fehler 6. Th4-f4. Nach dem offensichtlichen 6. ... Kf7-g6 blieben von der einstmals so prächtigen Bauernmasse nichts als Trümmer. Der Partieverlust bahnte sich an – und wurde bald Realität: 0:1.
f.Sander Breitzmann (nach Recherche) – Ben-Luca

Hier nun ein Beispiel einer viel besseren Spielführung des eigenen Jungen. Ebenfalls im Pirc lief hier alles so weit nach Plan, selbst wenn (beiderseits) nicht alle Züge perfekt waren. Das materielle Gleichgewicht ist (noch) nicht gestört, was gerade im Blitzschach bereits ein wichtiges Kriterium ist für eine vernünftige Partie.
Ben hatte systematisch den Springer auf d6 „eingekreist“. Erst zog er b7-b5, dann Ta8-b8. Der Plan war erkennbar. Ihm auch die Folgen? Ich fand seinen Plan klasse und war natürlich zufrieden, obwohl mir klar war, dass längst nicht alles Gold war, was da glänzte. Statt des Partiezuges (die Frage, ob der Gegner seinen Plan gesehen hat, ist zwar interessant, kann aber nicht beantwortet werden; jedenfalls geschah als letztes c2-c3) käme natürlich 1. ... d4xc3 in Frage, sicher mit schwarzen Vorteil. Aber Plan ist Plan und Springerfang ist Springerfang. Oder?
1. ... Lg7-e5 2. Sd6xf7 (hatte er das gesehen?) 2. ... Tf8xf7 3. Sg5xf7 Kg8xf7 4. c3xd4. Weiß hat Turm plus zwei Bauern für zwei Figuren, also rein rechnerisch, ein nicht zu verachtendes Geschäft. Ein schwarzer Gewinn in ganz weiter Ferne, jedoch spielte Ben in der Folge weiterhin stark.

Sie landeten einmal in ziemlich genau dieser Stellung. Ich überlegte kurz, ob das Eindringen des Turmes auf d8 den Sieg bringen würde (weiß nicht sicher), da ging die Partie auch schon, bei knapper werdender Bedenkzeit, weiter.

Ein paar Züge später war diese Stellung auf dem Brett. Nun, der mutige Königsmarsch war bis zu einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mal so schlecht. Aber auf den letzten Zug Tc2-c3+ hätte man doch lieber den Läufer für den Turm hergeben sollen. Natürlich ein häufig beobachtetes Phänomen: auch sehr starke Spieler neigen dazu, ihren Gegnern Züge „zu glauben“. Wenn man also einen groben Einsteller macht – gelegentlich gar auf ein Schach nicht reagiert – dann passiert es schon mal, dass der Gegner aus Verblüffung und aus Respekt gar nicht merkt, dass er sofort gewinnen kann, und nimmt einem den Zug ab. Dafür gäbe es x Beispiele (aber hier stehen nur y Seiten insgesamt zur Verfügung).
Jetzt hatte der Gegner die Gelegenheit erkannt, das Remis zu forcieren. Es geschah einige Male Tc1-c2+, Kd2-d1, Tc2-c1+, Kd1-d2. Ich wollte mich schon abwenden, plötzlich dieses Kuriosum, was man mal wieder in Tiefe analysieren könnte; Ben wollte dem unvermeidlichen Remis einmal ausweichen (?!?!) mit dem Zug Kd2-e1 anstatt immer nur nach d1 zu gehen. Was war die Idee dabei? Denn leicht erkennbar, dass man dort auch nicht rauskäme, wenn der Gegner bei seiner Abfolge bliebe. Andererseits hat man ihm durch die Abweichung suggeriert, dass man nach einem Gewinn sucht und überhaupt.... Der Gegner reagierte wie folgt: Er zog nicht erneut den Turm nach c1 zurück, sondern stattdessen den anderen nach e3. 46. (?) Tc3-e3+.
Nun blieb nur das Ausweichen nach d1. 46. ... Ke1-d1, woraufhin der Gegner seine „Zwickmühle“ wieder aufbaute mit 47. Te3-e2.
In dieser Stellung fand Ben, fast ohne Nachdenken, den einzigen Rettungszug mit 47. ... Lg7-f6.

Dies ist natürlich nur objektiv gesehen der Einzige, dennoch eine exzellente Wahl. Er möchte den Turm ziehen können und er hat auf die überraschende Wendung überhaupt nicht irritiert reagiert. Nun machte der Gegner erneut Gebrauch von der möglichen Zugwiederholung. Allerdings wäre der Mattplan auch nicht aufgegangen, denn auf 48. Kg1-f1 folgt 48. ... Te8-d8. Also war alles korrekt. Der Gegner zog etwa drei Mal hin und her. Ben reichte ihm nach dem dritten Mal die Hand, mit 5 Sekunden auf der Uhr gegen 10 beim Gegner, dieser schlug ein.
Obwohl man kaum ein Wort hörte (und ich mir schon bewusst war, dass Ben nicht das Recht hätte, einfach das Remis zu bestimmen, also drei Mal die gleiche Stellung im Blitzschach nicht gilt), war ich sicher, dass es die Remisvereinbarung war.
Es gab nur einen weiteren Zuschauer, der meinte, dass, wenn er die Hand reichen würde ohne Angebot, dies die Aufgabe bedeuten würde. Irgendwie hatte er schon ein klein wenig Recht, aber der Junge gegenüber meldete sofort das Remis. Natürlich die korrekte Entscheidung, dennoch sollte Ben daraus lernen.
g. Johann Donath – Robert Denkert
Ein weiteres Partiebeispiel, dieses aus der Schlussrunde. Robert Denkert ist mir in diesem Turnier das erste Mal so richtig aufgefallen. Sicher hatte ich ihn schon gesehen und sicher hatte er auch ab und an schon gute Ergebnisse. Aber diesmal konnte man wirklich staunen über seine Entwicklung. Er saß fast immer vorne – bei der ersten Sichtung rieb ich mir wirklich noch etwas verwundert die Augen --, aber zeigte auch auf dem Brett, wie versiert er bereits ist. Bisher kannte ich natürlich seine Schwester Anna besser, da sie mit Katharina nicht nur im gleichen Alter, sondern auch schachlich auf Augenhöhe ist.
Robert hat sich diesmal wirklich nach vorne gespielt. Die Partie gegen Margarita Kostré habe ich in Auszügen gesehen, und es war exzellent, was er da aufs Brett zauberte.
Johann Donath ist natürlich längst bekannt. Nicht nur hat Ben-Luca eine seiner ersten Glanzpartien gegen ihn, Johann, den damals bereits weit renommierteren, gespielt (die in einem vorherigen Bericht kommentiert ist), wenn auch diese am Ende verloren, nicht nur haben wir gemeinsam den Schiedsrichterlehrgang im Sommer besucht, nein, darüber hinaus haben wir auch am gleichen Tag Geburtstag, was ihn, dank des „richtigen“ Geburtsjahres, exakt drei Tage älter als Ben-Luca macht.
Johann hat sich beständig weiter entwickelt und vor allem sind seine Objektivität und sein Brettverhalten beeindruckend. Er ist stets freundlich, lächelt Stellung und Gegner an, kann aber selbstverständlich auf dem Brett dennoch die Krallen ausfahren.

Vorne links im Bild Robert Denkert, rechts der Gegner Johann Donath. Hinter Robert, mit weißer Mütze, Kilian Damerow
In der Schlussrunde trafen diese beiden Beschriebenen aufeinander und ich widmete mich eine Weile lang dieser Partie. Johann hatte schon frühzeitig Vorteile und, wie er anmerkte, hatte der Gegner schon in der Eröffnung eine Ungenauigkeit begangen (er vergaß in einem Wolga Gambit den Zwischentausch mit dem Läufer auf f1). Dieser „Fehler“ aber keineswegs tragisch. Johann vergrößerte sein Übergewicht und hätte in dieser Stellung hier..

Weiß: Johann Donath- Schwarz: Robert Denkert, Weiß am Zuge
bereits einen ziemlich einfachen Sieg gehabt. Er hatte den Zug 1. f2-f3 zuvor gespielt, der Springer war von e4 nach g3 gehüpft, 1. ... Se4-g3, in der Hoffnung, nach 2. Td1xd6 mit der Gabel 2. ... Sg3-e2+ den Läufer einzuholen. Nur wäre dann, nach 3. Td6-d8+ gefolgt von c6-c7 der schwarze Turm verloren gegangen, so dass eine Qualität und ein Freibauer mehr (der auf a3) auf der Habenseite stünden, mit eigentlich einfachem Gewinn.
Johann meinte nach der Partie, er hatte das gesehen, aber versprach sich von der Partiefortsetzung noch mehr.
Er spielte 2. Kg1-f2 Sg3-f5 3. g2-g4 Sf5-d4 4. Lc1-e3

Nun hatte Schwarz zwar die Chance, den Bauern zu nehmen, und die Stellung wäre nach Td1xd6 gefolgt von Td6xe6 bei zwei Mehrbauern gewonnen für Weiß. Trotzdem kann natürlich von „mehr“ aus Sicht des Weißen gegenüber dem Qualitätsgewinn nicht die Rede sein (Johann hatte sicher etwas anders geplant oder gerechnet, kein Vorwurf natürlich). Robert aber entschied sich anders, nämlich für...
4. ... e6-e5 Nach 5. Le3xd4 e5xd4 6. Td1-c1 schien die Partie aber dennoch so gut wie entschieden. Es sah aber vielleicht besser aus als es war, denn Schwarz verteidigte sich gekonnt und schnell, indem er den c-Bauern mit dem Turm aufhielt und den König heranbrachte. Der Springer fand keinen ganz überzeugenden Weg, den Turm zu fangen (gab es überhaupt einen?), und bald danach stand diese Stellung auf dem Brett:
Hier nun war Schwarz dran und eliminierte den a-Bauern mit 8. ...Kb6xa6. Darauf stellte Johann seinen König nach e3, also behielt ihn auf einem schwarzen Feld (besser mal endlich eine weiße Figur auf Weiß). 9. Kf2-e3. Robert spielte sehr stark weiter mit 9. ... d6-d5. Nun ist die Stellung wirklich nahe am Remis. Der Läufer ist eine starke Figur, oftmals stärker als der Springer. Trotzdem gibt es auf Seiten des Weißen einen Mehrbauern ... und diesen setzte Weiß (, zum Entsetzen seiner Fans, hätte ich fast gesagt) in Bewegung! 10. f4-f5. Alle Figuren auf Schwarz, da dürfte das Auge schon mal „Alarm“ an das Gehirn senden? Schwarz zog reflexartig 10. ... g6xf5 und Weiß ebenso 11. Sd4xf5. Nun hielt Robert den Läufer in der Hand, wollte zuerst nach c5, sah, dass das Feld gedeckt war vom Turm, schwebte in der Luft... hier die Chance am größten, dass er das Feld g5 findet!
Aber er setzte ihn auf f8 ab. 11. ... Le7-f8. In beiden Zügen hätte Le7xg5+ den Turm erobert – und die Partie sicher entschieden.
Auch so blieb der Schluss dramatisch, wenn auch nicht in allen Einzelheiten erinnerlich (deshalb hier vorenthalten). Schwarz konnte aber das (verdiente) Remis retten.
Hier die Schlussstellung.

1/2:1/2.
Nach der Partie war Johann zunächst leicht enttäuscht, was nur bedeutet, dass er genau so nett lächelt wie davor, sich dies also innerlich abspielt („Dann bin ich ja nur Dritter?“ sagte er). Als er auf den möglichen Turmverlust aufmerksam gemacht wurde, reagierte er erleichtert, aber seinem Charakter entsprechend. „Dann habe ich ja sogar Glück gehabt.“, so der lapidare, ehrlich-aufrichtige, objektive aber auch irgendwie treffende Kommentar.
10) Ein atmosphärisches Foto

Ein Foto zum Beweis, dass der Umgang mit meinem Sohn nur vertraut und angenehm ist, keineswegs streng oder belehrend. Dieses sanfte Lächeln, beiderseits, selbst wenn seines der Bauart „kindlich“, ein ganz klein wenig in „verlegen“übergehend, ist doch einfach nur schön, oder? Auch Beobachter Emil Schmidek scheint angesteckt von dieser Atmosphäre. Ganz rechts sieht man Alexei Kropman, welcher gerade dabei war, die Turnier entscheidende Partie zu verlieren. Neben ihm Dennie Shoipov mit der souveränen Verwertung seines Turmübergewichts gegen Jirawat beschäftigt. Zugleich war es die Runde der Partie zwischen Margarita Kostré gegen Bennet Schnabel. War dies der Moment, in welchem sie den Läufer verhängnisvoll von d4 verschob (da ich ihn ja verpasste)?
11) Zwei falsche Rochaden
Ein weiteres Kuriosum: in einer Runde verloren zwei Spieler an den ersten vier Brettern durch die falsche Ausführung einer Rochade. Dass Vater Schmidek seinen Sohn in gewisser Weise in Schutz nahm, ins Felde führend die Tatsache, dass er nur durchs Schach rochiert hätte, während Dennie Shoipov zuerst seinen König nach d8 zog (um eine Dame zu schlagen), ihn nach e8 zurückbewegte um den Punkt f7 zu verteidigen und weil in einem Moment die Situation so günstig erschien, dass er sich zur (irregulären) Rochade entschloss, konnte nicht wirklich akzeptiert werden. Ob nun ein schwereres Vergehen oder ein gröberer Fehler: dies ist kaum auszumachen und Rochadefehler bleibt Rochadefehler.
12) Der Turniersieger
Ein paar Worte über den Turniersieger: Jan Paul Cremer war bereits in der vorbereitenden Blitzpartie gegen Alexei Kropman als Favorit auszumachen, selbst wenn zwischen den beiden kein erkennbarer Unterschied war. Die Trainingspartie wurde zwar von Jan Paul gewonnen, jedoch in einem Schlussspiel, da sich Alexei bereits des Sieges zu sicher war (es hat mich ein paar Stunden gekostet, das Bemühen um die beinahe mögliche Rekonstruktion dieser Partie durchzuführen – und es aufzugeben; irgendein Detail stimmte nicht).

Man ahnt ein wenig, wie es zur Punkteteilung an Brett 2 kam... Jan Paul Cremer scherzend mit Alexei und der Gegnerin, Margarita, verdeckt durch Markus Penner, der sich ebenfalls an der Spaßrunde beteiligt, obwohl ihm mit Robert Denkert ein nicht zu unterschätzendes Kaliber gegenüber sitzt – und jener gar tatsächlich die weiße Armada zum Siege führte. Fabian Alcer an 1 musste Alexei Kopmans Überlegenheit anerkennen, während Jirawat Wierzbicki erkennbar zuversichtlich mit den schwarzen Steinen in den Kampf gegen Emil Schmidek ging – und wirklich die Oberhand behielt.
Immerhin: am Vortage hatte ich ganz persönlich ein Kräftemessen mit Jan Paul Cremer in der Schlussrunde des Grand Prix Turnieres beim SK Präsident. In jener Partie konnte ich ihn in einer von mir gut gespielten Partie bezwingen, musste aber sowohl nach ihr als auch am nächsten Morgen von Jan Paul zur Kenntnis nehmen, dass er das ganze Turnier „ganz schwach gespielt habe“, und auch weiterhin außer Form befindlich sei.
Ein paar Stunden später konnte ich per Nachfrage immerhin erfahren, dass er nun doch wieder zufrieden sei. Sicher, es war die eine Partie, auf die es ankam, gegen Alexei – und diese konnte er für sich entscheiden. Dennoch war der Eindruck insgesamt: der Turniersieg war verdient, auch wenn der halbe abgegebene Punkt gegen Margarita nur bösartigen Gerüchten zufolge ein „Kavaliersdelikt“ war.
Ich nehme für mich frecherweise in Anspruch, ihn in unserer Turnierabschlusspartie vom Vortage „so richtig in Form gebracht zu haben“, selbst wenn es sich erst am nächsten Tag und von ihm bis dahin nicht wahrgenommen zeigte. Er hat sozusagen schnell gelernt...

Vorne links im Bild Johann Donath, mit dem typischen, wissenden, freundlichen Lächeln. Hier spielte er (bald) gegen Sergii Polutskyi. Neben ihm Katharina, im anstehenden Duell gegen Gugulaschwili, welchen sie bezwingen konnte. Das Bild vor Runde 2.

Ein weiterer Schnappschuss, dieser aus der Schlussrunde, von den Brettern eins bis viereinhalb. Jirawat an 1 gegen Jan Paul Cremer führt gerade einen Zug aus, ohne den letztendlichen Verlust abwenden zu können. An 2 scheint Alexei kleinere Probleme zu haben (wieso sonst drehte er eine Locke?) gegen Margarita Kostré, selbst wenn diese nur lauteten: „Ob ich gewinne oder verliere: ich bin eh 2., weil Jan Paul gewinnt.“An 3 vergräbt sich Sergii Polutskyi, auf der Suche nach Vorteil, aber auch Emil Schmidek macht einen hoch konzentrierten Eindruck – und verteidigte mit dem Remis den 3. Platz. Coach Heinz Großmann schaut leicht besorgt auf Dennie Shoipovs Partie, da dieser bereits gegen Schwarzspieler Markus Penner eine Qualität eingebüßt hat. Er gewann diese zwar zurück (Markus danach: „Ich hab gar nicht gesehen, dass er den Turm angegriffen hat. Mein Glück war, dass der gedeckt war.“), konnte aber im ungleiche Läufer Endspiel nach Verlust des f-Bauern den frei gewordenen f-Bauern des Gegners nicht aufhalten – und verlor haarscharf.
Johann Donaths Gesicht, ganz vorne links, verrät kaum, wie nahe er sich dem Sieg wähnte – um ihn am Ende zu verpassen (Gegner war Robert Denkert).
Eine kleine Anmerkung zum Schluss: Ein Prinzip von mir ist es, keine Recherchen anzufertigen. Die Gründe: es verliert die Authentizität, wenn man recherchiertes Wissen als eigenes verkaufen möchte beziehungsweise den Leser im Unklaren lässt, ob denn dieses Wissen speziell für diesen Moment angeeignet war oder ob es aus der Erinnerung erzählt ist. Insofern mögen Fehler gar als Beweis dienen, dass man NICHT recherchiert hat, denn die penible Vermeidung würde nur den Rückschluss zulassen, dass man es doch getan hat.
Nur habe ich für diesen Bericht eine Ausnahme gemacht. Auch hierfür ein spezieller Grund: die Namen vieler Teilnehmer waren nur teilweise oder gar nicht bekannt, sowie das winzige Problem der korrekten Schreibweise eines Namens als möglichst zu vermeidendes erkannt. Olaf Sill sandte mir die Schlussrangliste zu, so dass ich etliche Namen korrigieren oder ergänzen konnte.
Die Bilder sind ausnahmslos von Johann Schmidek geschossen und wurden mir von ihm großzügig zur Verfügung gestellt.
- Post date: 12. Dezember 2011
Das Schachspiel hat sicher einen besonderen Stellenwert und einen besonderen Ruf – auch in der Auffassung der Gesamtbevölkerung. Es ist das Spiel, bei dem die geistigen Fähigkeiten optimal zum Einsatz kommen können. Man kann ein Kräftemessen durchführen, bei welchen, so die vermutlich gängige Ansicht, sich der Bessere auf dem Spezialgebiet des Menschen – dem Denken – herauskristallisiert.
Selbst wenn man eines Tages weiß, dass dem nicht ganz so ist, so hat diese gängige Ansicht dennoch einige Konsequenzen. Unter anderem macht es einem Angst. Jene Angst, sich dem Gegner beugen zu müssen und dessen Überlegenheit einzugestehen, gerade auf dem Gebiet der Denkfähigkeit. So wird den Schachspielern sicher stets ein gewisser Respekt entgegengebracht werden, andererseits der Zulauf nicht unbedingt (entscheidend) gefördert. Abgesehen davon, dass jeder Anfänger alsbald feststellt, dass diese Figuren mitsamt dazugehörigem Brett zwar wunderhübsch und ästhetisch aussehen, und dringend danach rufen, sie doch wenigstens einmal gekonnt über das Brett zu führen, dass man jedoch selbst nach der siebenten Trainingsstunde noch immer nicht die geringste Ahnung hat, wie man denn nun den gegnerischen König zur Strecke bringen soll bevor einen selbst dieses Schicksal – ohne jede empfundene Vorankündigung – ereilt. Zur achten Trainingseinheit erscheint man nicht mehr, in der Anerkenntnis, hinter die tiefen Geheimnisse dieses Spieles nur mit einem erheblich höheren Zeitaufwand, wenn überhaupt jemals, kommen zu können.
Nun sind beim Schach die Glückselemente vorsätzlich ausgenommen – Schach, das König der Spiele, wie man es in gewisser, aber
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Robert Hübner: |
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hoffentlich gelungener Abwandlung gerne nennt. Sicher, irgendwie schon wahr und man dreht eigenhändig unheimlich gerne bei allen sich bietenden Gelegenheiten die Werbetrommel. Nur sind einem die Schattenseiten sehr wohl bewusst: die Elimination der Glückselemente ist es, zu einem Gutteil.
Es bedeutet nicht nur, dass man sich nach Niederlagen so elendig schlecht fühlen kann, weil man eben auf dem wichtigsten Territorium des Menschen versagt hat – dem Denken. Ganz anders als ein Läufer etwa, der beim 100 Meter Lauf als Zweiter oder gar Letzter eintrudelt, sich dennoch damit trösten könnte, der bessere Mathematiker zu sein. Beim Niederlegen des Königs hat man sozusagen als Mensch versagt. Vergleichbar wäre dies vielleicht mit einer Gazelle, die einen Wettlauf verliert oder einem Löwen, der in einer körperlichen Auseinandersetzung den Kürzeren zieht und mit eingezogenem Schwanz davon trotten muss – falls er überhaupt noch trotten kann.
Dies hat viele Schachspieler längst dazu bewogen, sich anderen Spielen zuzuwenden. Man hat in den 80er bis 90er Jahren einen Boom im Backgammon zu verzeichnen gehabt, einem Spiel, welchem selbst die damalige Nummer 1 im deutschen Schach, Robert Hübner mit warmen, anerkennenden Worten huldigte, und er war bei weitem nicht der Einzige. Man suchte sich vorsätzlich Spiele, bei denen die Glücksfaktoren – beim Backgammon die Würfel – hinzugefügt waren, nicht nur, weil dies für unerwartete Wendungen im Spiel sorgte, was einem beim Schach gelegentlich fehlte – dies gilt vor allem für die Zuschauer, die höchstens respektvoll schauten, wie denn nun Karpov seinen Minimalvorteil verwertet, und nicht etwa, ob er, geschweige denn, ob er vielleicht gar verlieren würde, sondern vor allem, weil man bei Turnieren plötzlich Börsen erzielen konnte, bei welchen man nach hypothetischem Gewinn tatsächlich mehr als die nächsten drei Wochen, bei Brot und Wasser und im Zelt, versteht sich, überleben konnte.
Der Grund ganz einfach: Schwächeren Spieler, die bei Schachturnieren bei Erhebung höherer Startgelder abwinken würden, in der Erkenntnis, eh niemals an die (dann ausgelobten) Fleischtöpfe herankommen würden, sondern lediglich dafür sorgen würden, dass die großmeisterlichen Hyänen darüber hermachen würden, vermutlich noch in einer ihrem Gusto entsprechender Aufteilung, durch abschließende Remisen, bei denen man also nicht einmal rollende Köpfe begutachten könnte, sondern fein säuberlich und nach einer halben Stunde bereits in der Grundstellung befindliche Spitzenbretter. Nein, diese Mogelpackung, so der zur Kasse gebetene Amateur, würde man garantiert nicht finanzieren.
Ganz anders beim Backgammon, wo sogar ein Anfänger bei ausreichender Anhäufung von auserwählten Würfen durchaus in der Lage wäre, selbst den Weltmeister zur Strecke zu bringen. Hier, so beschied der (dennoch am Ende gemolkene) Laie, lohnt sich das Investment, hier, so fand er, hatte er eine faire Chance und wenn ihm das Würfelglück nicht hold war, so nutzte er jede erdenkliche Chance, seine „Pechgeschichte“ an den Mann zu bringen, als dem Gegner in dieser Stellung hier dieser unfassbare Wurf gelang. Er macht jedenfalls nicht geringeres Spielvermögen dafür verantwortlich – und zahlt, beim nächsten Turnier mit noch größerer Leidenschaft, da er doch so dicht dran war...
Vor ca. 10 Jahren lief das Pokerspiel Backgammon den Rang ab, vor allem, was den Abzug der Spitzenspieler zu diesem Spiel hin anbetrifft. Viele gerade der herausragenden Schachspieler erkannten das Problem sehr wohl: Schach – winzig kleine Börsen (siehe oben), Poker – gigantische Monsterbörsen.
Die Gründe allenthalben dieselben wie beim Backgammon erwähnt. Poker hat als Glückselement die Kartenverteilung, was jenem des Würfelns in nichts nachsteht. Poker hat gar noch den einen riesigen Vorteil, dass Fehler eines unterlegenen Spielers dann nicht recht auffallen, wenn er seine Hand, mit welcher er sinnlos ein „raise“ bezahlte im Anschluss für niemanden ersichtlich „folded“, die Karten also verdeckt auf den Ablagestapel schiebt.
Selbst professionelles Gambling in Form von Sportwetten hat einen gehörigen Zulauf erfahren, und gerade der Autor finanzierte große Teile seiner Lebenszeit durch diese Form des Spielens. Es ist auf jeden Fall möglich und beim Sportwetten gibt es einen großen Grad an Geschicklichkeit, der ausreichen kann, die Bankvorteile zu überwinden. Das Internet bietet heutzutage ein breites Spektrum an Plattformen für Online-Wetten aller Art, z. B. Live Wette auf Digibet.com
Anm. der Red.: Der Artikel spiegelt die Meinung des Autors wider. Glücksspiel kann süchtig machen.
- Post date: 18. November 2011
Wie bemerkte jüngst ein befreundeter westfälischer, aber längst in Berlin ansässiger Schachspieler, als man mit einem geliehenen Wagen gemeinsam unterwegs war und ein wenig Vortrieb erforderlich wurde, um einen Überholvorgang zum Abschluss zu bringen so trefflich – und belegte damit die Markigkeit der Sprüche seines Herkunftsbundeslandes? „Der zieht ja keinen Hering vom Teller.“
So wird vermutlich auch mit dieser Überschrift kaum ein Hering vom Teller zu ziehen sein, geschweige denn einem Schachspieler, außer einem müden Gähnen, irgendeine andere Geste der Vorfreude, Euphorie oder Begeisterung zu entlocken sein. Man wird dennoch freundlich zum Weiterlesen gebeten, denn es verbirgt sich etwas ganz anderes dahinter als möglicherweise ein neuerlicher Vorschlag – wie jüngst gelesen gar von einem Deutschen geplant --, den Simultanweltrekord in dieser Disziplin zu brechen.
Nun muss man jedoch noch ein wenig Geduld aufbringen, wohin das Ganze führen soll und was sich hinter dem bereits anderweitig vergebenen Begriff in diesem kleinen Text verbergen soll. Dazu muss man, wie vom heutigen Autor sicher schon gewohnt, ein paar Vorüberlegungen anstellen. Diese beginnen beinahe ein wenig anekdotisch.
Die erste Begegnung mit diesem „Problem“ hatte man bei einem Blitzturnier, ausgetragen anlässlich der Deutschen Jugendmeisterschaft 1977 in Wallrabenstein – wo man im Übrigen die erste Begegnung mit dem damals für einiges Aufsehen sorgenden, noch sehr jugendlichen (und NICHT Teilnehmer der DJEM) Jörg Hickl, ebendort bis heute ansässig, hatte --, bei dem sämtliche lokalen Schachspieler herzlich eingeladen waren zu einem Kräftemessen mit der jugendlichen Elite. Nun geschah es in einer Partie, dass man persönlich in eine völlig hoffnungslose Lage geriet, der Gegner aber plötzlich so heftiges Muffensausen bekam – spürbar am Brett, da ihm das Skalp einer vermeintlichen Größe winkte – dass er die Partie unmittelbar danach verdarb.
Der eingefahrene Punkt wurde zwar vermeldet, sicher nicht gänzlich ohne Scham, er fand auch Eintrag in die Turniertabelle, versteht sich, jedoch hatte er auch diese frühe Folge: man begann, darüber zu sinnieren, ob einem möglicherweise nur die (vermutete) Größe des Namens, nicht aber die Größe der auf dem Brett ausgeführten Züge diesen Punkt eingebracht hatte.
Diese Überlegungen wurden beständig weiter geführt und auch hier nach Möglichkeit ein Erfahrungsaustausch vorgenommen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Bis heute wird jedenfalls an allen Ecken und Enden der berühmte Spruch des ebenso berühmten „Praeceptor Germinae“, des deutschen Vorkämpfers, Dr. Siegbert Tarrasch zitiert, der sich vermutlich zu seiner Zeit bereits ähnliche Gedanken gemacht hatte: „Es genügt nicht, ein guter Spieler zu sein. Man muss auch gut spielen.“
Dieser Spruch hat natürlich noch etwas mehr Gehalt und kann auch an anderen Stellen sinnvoll eingesetzt werden, man sollte aber stets bedenken – und damit ein wenig anlehnend an einen Vorgängertext über Glück im Schach --, dass man Schachpartien an sich nur über möglichst konstant ausgeführte gute Züge gewinnen kann, sich bei jedem Zug erneut so gute wie mögliche Gedanken macht und ein wenig auf das Schicksal vertraut, dass sich dies auch in Resultaten niederschlägt. Sobald man versucht, mithilfe des Namens oder der Elo-Zahl, einfach aufgrund der ausgewiesenen und von Professor Elo mit der ausgeklügelten Formel errechneten Gewinnvorteils, die Punkte einzufahren, kann man recht bald und ebenso leicht Schiffbruch erleiden.
Aber halt; genau darum ging es ja eigentlich: welchen Einfluss hat nun die Kenntnis des Gegners und das Wissen um seine Überlegenheit auf den Partieausgang? Ist vielleicht die Zugauswahl davon beeinflusst? Kann man befangener werden und zu schwächeren Zügen greifen als gewohnt, nur, weil man in der Eloliste 250 Punkte weniger auf dem Konto hat? Kann man beflügelt werden von der Aussicht, ein Schwergewicht vor die Flinte zu bekommen und nun und gerade heute sein bestes Schach auspacken? Oder würde man vielleicht, unter dem gewaltigen Eindruck des Namens gar wie das Kaninchen vor der Schlange, gar nicht mehr agieren und auch nicht reagieren, sondern sich willenlos abschlachten lassen (was das Kaninchen ja mit der Taktik gerade zu verhindern gedenkt und so widersprüchlicherweise den Einzug in die Sprichwörterwelt fand)?
Nun ja, eine Vielzahl von Fragen, die vielleicht jeden – auch alle noch nicht Befragten – schon einmal in dieser oder jener Form angestellt haben – mit sicherlich offenem Ergebnis. Nur gäbe es dennoch diese kleine weitere Geschichte „aus dem Nähkästchen“ preis zu geben, die eine verblüffende Antwort zutage förderte.
Man hatte nun im Verlaufe der (noch andauernden, aber nicht mehr ganz jungen) Schachkarriere doch ausreichend viele Begegnungen mit etlichen Spitzenspielern, aus denen sich auch die eine oder andere anhaltende Bekanntschaft ergab. So wenig zugänglich der Mensch vielleicht wirken mag, aber man darf doch immerhin erwähnen, dass man einen gewissen Einblick in die Gedankenwelt des Dr. Robert Hübner – beinahe jahrzehntelang der deutsche Vorkämpfer ca. 100 Jahre nach dem vorzitierten anderen Doktor – erhalten zu haben. Man traf sich bei den zahlreichen Erstligakämpfen zumindest einmal jährlich (man war gar für zwei Jahre Reisepartner) und hatte auch sonst ein paar Begegnungen – beispielsweise einen Nachwuchstrainingslehrgang, welchen besagter Doktor leitete.
Nun tat man jedoch so ziemlich alles andere als Schachspielen und hat nicht eine einzige Partie gegeneinander ausgetragen. Vielmehr rühmte Robert Hübner die Eigenheiten des Backgammon – wessen man sich regelmäßig befleißigte --, bei welchem er vor allem auf den Umstand aufmerksam machte, dass man doch glücklicherweise im Anschluss an eine verdorbene Partie einen Verantwortlichen ausgemacht hätte, an denen sich die Wut entladen kann – natürlich, ja, die Würfel – während man im Schach sehr eigenhändig nach fünfstündigem Kampf den Turm auf jenes Feld platziert, wo ihn der Springer nach einem Doppelangriff auf König UND Turm im nächsten Zug vom Brett entfernen darf – damit sicherlich auf seine tragische Niederlage gegen Viktor Kortschnoi anspielend, in welchem ihm dieses Missgeschick widerfuhr und er die vorteilhafte, und zur Teilnahme an einem Kampf um die Krone bei Sieg, berechtigende Partie verdarb.
Aber auch sonst hatte man die Chance, ihn privat etwas näher kennen zu lernen und er überreichte einem gar zwei Mal sein Buch „Olli“, in welchem er Kurzgeschichten aus dem Finnischen übersetzt hat – um nur einen winzigen weiteren ihn so besonders machenden Charakterzug vorzustellen. So kam es auch zu einem Gespräch über die mögliche Auswirkung der Bekanntheit der Größe des Gegners: hilft es dem Besseren oder schadet es ihm? Wen anders als den praktisch immer Besseren könnte man dazu schon befragen?
Nun verblüffte eben Roberts Reaktion. Er war der Ansicht, dass es ein Nachteil für den Besseren wäre (ohne sich dabei endgültig festlegen zu wollen). Er meinte, dass sich die Außenseiter immer sehr besonders auf diese Partie freuen und vorbereiten würden, dass sie, noch dazu, sich praktisch immer mit Remisfortsetzungen begnügen würden, wodurch der zu brechende Widerstand noch anwüchse, anders als wenn jemand der Weltspitze gegen ihn mit offenem Visier kämpfen würde.
Nun, so sehr diese Argumente auch bedenkenswert erschienen, so wenig konnte man sich doch mit der letztendlichen Aussagen anfreunden. Man blieb bei der Konsequenz, dass es ein Vorteil für den Favoriten sei, dass er mit seinem Namen und seiner Elo-Zahl den Eindruck schindet, welcher dem Anderen die Lähmungserscheinungen – sich niederschlagend in schlichten Denkblockaden – zufügt. Man hat genügende Beispiele persönlich erlebt, in denen die Gegner zwar die Gewinnstellung herausspielen, aber in dem Moment, da sich der Sieg tatsächlich abzeichnet, aufgrund der Aufregung plötzlich völlig den Faden verlieren und die Partie wenige Züge später bereits komplett wegstellen.
Ebenso hat man selbstverständlich auf der Gegenseite die schmerzvolle Erfahrung gemacht, dass man, sobald der Gegner ein gewisses Potenzial ausweist, selbst in diesen Strudel geriet: die Stellung ist klar gewonnen, das weiß man wohl, aber auf einmal ist Tabula Rasa im Kopf, die Gedanken springen hin und her, die logische Gewinnführung bleibt aus – und gar der halbe Punkt entschwindet. So hat man zwar in letzter Zeit eine Reihe ausgezeichneter Ergebnisse erzielt in allen möglichen Schnellturnieren in und um Berlin, jedoch ausgerechnet gegen die beiden Externen mit der höchsten Elo-Zahl – Arik Braun und Normunds Miezis, mit jeweils 2550 etwa – sang- und klanglos verloren, jeweils mit Weiß, und dies zwei Mal mit groben Einstellern.
IM René Stern stand zwar mit seiner (sehr vernünftigen) Ansicht zur Verfügung und bemerkte, dass man gegen die Besseren aufgrund der länger andauernden Partie ohne derenseitige Fehler öfter die Gelegenheit hätte, selbst etwas einzustellen, jedoch genügt dies nicht, um die eigenen wirren Gedanken wahrhaftig zu erklären (diese verfluchte Eitelkeit: in beiden Turnieren waren dies die einzigen schwachen Partien und auch die einzigen Niederlagen; jeweils gewann der Favorit die Turniere klar und deutlich, für den Autor sprang einmal ein 3., einmal ein 4. Platz heraus, bei sehr guten Besetzungen).
Sicher mag es auch eine Frage des Charakters sein, ob man möglicherweise die David-Rolle lieber einnimmt und quasi unerschrocken einen Angriff anzettelt – vergleichbar vielleicht mit dem angeschlagenen Boxer, welcher, einmal auf der Verliererstraße, beinahe beliebige offensive Schläge austeilen kann, ohne Rücksicht auf eigene Malässen oder die Verteidigung, und gerade dadurch so gefährlich wird --, bei dessen Gelingen man das Schwergewicht zu Boden zwingt, und bei dessen Misslingen man einfach nur mit den Schultern zuckt, oder aber die etwas ängstlichere Spezies, welche ja keine unüberlegten Züge machen möchte, am liebsten auch dem Großmeister vorführen möchte, dass man durchaus in der Lage ist, sehr vernünftige spielen, letztendlich nach 48 Zügen das Partieformular doch unterzeichnet, aber im Bekanntenkreis nicht ohne Stolz herumerzählt, dass man „immerhin 48 Züge durchgehalten hat“, dass der Großmeister einem Lob gezollt hat und dass man kurz vor Schluss gar noch einen Remisweg ausgelassen hätte. Aber dennoch gibt es einen Einfluss, der für jeden gilt. Nur bleibt die Beantwortung der Frage – vorteilhaft für diesen oder für jenen – auf Dauer unbeantwortet.
Und damit wäre beinahe schon die Überleitung zur Erläuterung der Überschrift geschafft. Muss die Frage wirklich für immer unbeantwortet bleiben, schlichten Thesen, bald dieser oder bald jener, unterworfen, welche sich als reine Spekulationen ohne jede Nachweisbarkeit darstellen? Gibt es nicht doch eine Möglichkeit, sich der Beantwortung der Frage anzunähern, diesem Geheimnis auf die Schliche zu kommen? Und die Antwort auf diese letzte Frage lautet: JA, es gibt eine Möglichkeit!
Das Experiment erfordert eigentlich im Zeitalter des Internet (und dessen zahlreichen Blitzschachmöglichkeiten) kaum einen nennenswerten Aufwand. Man müsste lediglich Vertreter finden, die sich unter diesen Bedingungen zu einem Turnier anmelden. Wie müsste der Modus nun sein?
Die ganz schlichte Idee lautet: man meldet sich an zu dem „Blindschachturnier“, man wird normal ausgelost (natürlich am besten ohne Setzlisten), man bekommt, wie gewohnt, seinen Gegner, nur erfährt man von diesem weder Namen noch Rang. Man spielt einfach nur an seinem eigenen Brett seine eigene Stellung und seine eigenen Züge.
Wie anders wären die Überlegungen, welche man anstellte? Könnte man sich dies überhaupt noch vorstellen? Wäre es auf der anderen Seite nicht überaus spannend, sich nicht mit dem Gegner zu beschäftigen – selbst wenn ungewohnt? Wäre es nicht wirklich spannend, später zu erfahren, wie man nun „performed“ hat, gegen welchen viel schwächer eingestuften Gegner man meinte, es mit einem Großmeister zu tun zu haben, tatsächlich auch willenlos verloren hat, aber jener eben nur 1865 Elo hatte? Wie oft würde man glauben, es mit einem unterlegenen Gegner zu tun zu haben, jenen auch an den Rand einer Niederlage bringt, dieser einem aber ins Remis entfleucht, und man später doch konstatieren muss, dass es der Turnierfavorit war, der da so gar keinen Eindruck machen konnte, bis zum Schluss?
Natürlich würde, außer dem möglichen Unterhaltungswert und diesen vielen spannenden Fragen, jene auch möglicherweise beantwortet: hat nun der Schwächere den Vorteil oder der Stärkere, sobald man den Gegner kennt und eben nicht „blind“ spielt? Warum man dieses Ergebnis herausbekäme? Allein schon das Gefühl, mit welchem man spielt könnte einiges klären und den Teilnehmern darüber Aufschluss geben. Letztendlicher Gradmesser wäre natürlich (bei fortgesetzter Durchführung) die Entwicklung der Elo-Zahlen: würden die Schwergewichte bei derartiger (blinder) Ausführung langfristig eher Punkte einbüßen oder eher hinzugewinnen? Daran könnte man es ablesen, es wäre tatsächlich messbar.
Wer wäre dabei, wer führt ein Turnier durch?
- Post date: 27. Oktober 2011
Nein, Schach nun wirklich nicht. Jedes andere Spiel, jede andere Sportart (Wieso andere? Das hieße ja, das Schach auch Sport ist?), ganz sicher. Aber nicht im Schach, Klares Veto. Hier und nur hier ist es nicht mehr erforderlich, vorm Turnierstart das bei anderen, im Vergleich lächerlichen Wettkämpfen so beliebte „Möge der Bessere gewinnen“ auszurufen, hier, beim Schach, kann man es getrost ersetzen durch ein „der Bessere wird gewinnen. Punkt.“
Andererseits wird vermutlich ein jeder Schachspieler – unabhängig von seinem Niveau – immer wieder nach geschlagenen Schlachten, die nicht zu seinen Gunsten verliefen, diesen oder jenen Moment hervorkramen, in welchem er aus im Nachhinein für ihn unerfindlichen Gründen diesen unfassbaren Zug machte, der schlichtweg einen Bauern einstellte oder auch jenen einfachen Gewinnzug, nach selbstverständlich aus seiner Sicht absolut systematisch erarbeiteter Gewinnposition, nicht gesehen zu haben, welcher ihm laut Fritz ein Übergewicht von satten 4.5 Bauerneinheiten – und damit sicher alsbald den vollen Punkt -- eingebracht hätte. Er wird sich auch zumindest im Geiste vor den Kopf schlagen, er wird sich auch gehörig ärgern können und diese (gepaart mit der anderen) als „Pechgeschichte des Jahres“ verkaufen wollen, wird dennoch aber im Hinterkopf stets, spätestens ein paar Tage danach, realisieren, dass nur er die Püppchen auf die Felder gezogen hat, wo sie letztendlich landeten und dass kein Würfel oder keine Roulettekugel oder kein Windhauch und auch keine Platzunebenheit für das erzielte Resultat verantwortlich waren. Vermutlich wird er sich Mut machen und aufgrund der vergebenen Möglichkeiten Besserung gelobigen und sich bald in die nächste Schlacht stürzen – mit offenem Ausgang.
In aller Regel wird er jedoch für die verpassten Chancen immer den optimalen Zeitpunkt herausgepickt haben und das Zustandekommen dazu sowie die Perspektive der Gegenseite, welche mit der allergleichen Argumentation die nachteilige Stellung erklären würde, ignorieren. Die gewonnene Partie hingegen, auf welche sich genau Gegners identisches Wehklagen im Anschluss bezieht, hätte er längst abgehakt, und die Umstände, die dazu führten mit einem Lächeln und einem eigens auf-die-Schulter-klopfen wohlwollend seinen eigenen überragenden Fähigkeiten zugeschrieben.
Nun, allein diese Ansätze zur versuchten Objektivität, bei welcher sich jeder Schachspieler selbst zu hinterfragen hätte – aber dies zugleich auch einfach sein lassen kann – rechtfertigen noch nicht im Geringsten den Titel dieses Textes. Erwähnt sei nur noch kurz, dass man feststellen dürfte, je höher man geht in den Spielstärkekategorien, dass diese Art der Subjektivität nachlässt und dabei, bei Wortantipoden wohl üblich, zugleich die Objektivität anwächst – damit zugleich einen Hinweis zur eigenen möglichen Verbesserung gebend. Vielleicht gibt es doch einen Zusammenhang?
Nach dieser gewohnt länglichen – aber hoffentlich doch unterhaltsamen, vielleicht gar lehrreichen? – Einführung praktisch direkt hinein ins Thema: welche Glücksaspekte gibt es denn wirklich, welche nur angeblich? Gibt es nicht doch irgendwie ein paar, allseits anerkannte, die als Glück durchgehen würden? Natürlich – Objektivität und Wohl oder Weh hin oder her – gäbe es automatisch mit dem Glück zugleich Pech, welches dann die Gegenseite beträfe.
Immerhin kann man doch auf einige Bekanntschaft und Vorgeschichte mit diesem Thema und zahlreichen gehörten Reaktionen – vor allem jener: „Was??? Du hast ja keine Ahnung!“ – verweisen. Dies hat zu einer Erkenntnis geführt, welche hier gerne noch vorweggeschickt wird: niemand wird es letztendlich leugnen können – so meist auch die Ergebnisse in den Gesprächen – nur, und dies erst die Erkenntnis: es lohnt eigentlich nicht, darüber nachzudenken. Was hätte man davon, wenn einem bescheinigt werden könnte, dass man in jener Partie, jenem Turnier in der Summe, Pech hatte (der Glückliche wird ja gar keinen Antrag stellen)? Ineffektiv, nutzlos, vielleicht gar kontraproduktiv, weil man eine Neigung an den Tag legen könnte, nach ungünstigen Umständen zu suchen – anstatt weiterhin auf dem Brett nach bestem Wissen und Gewissen den chancenreichsten Zug zu suchen.
Ja, war hier ein „hinein ins Thema“ versprochen worden? Nun, denn sei es: welche Glückselemente könnte man nennen – so sehr sich vielleicht dem Leser längst die Nackenhaare kräuseln?
Eine Reihenfolge muss gewählt werden, diese ist aber nicht gewichtet (und auch sonst keiner Sortierung unterworfen; sie entspringt freien Assoziationen). Als Punkt 1 nun erwähnt die...
1) Zugauswahl des Gegners
Sofern der Gegner sämtliche Schachregeln kennt – also jeden legalen Zug finden könnte – gelingt es ihm mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits, ohne Wenn und Aber, jeweils den Kasparowschen Zug aufs Brett zu zaubern. Dies muss man einfach anerkennen. Man könnte vielleicht noch mutmaßen, ob einige der Züge so absurd erschienen für den Anfänger (so er denn „zufällig“ einer ist), dass er sie noch seltener findet, als sie ein Zufallsgenerator finden würde (der berühmte Affe, der Tschaikowski komponiert), aber eine Chance gibt es.
Wenn die Anerkennung -- nach einigem Schlucken – denn stattgefunden hat, so muss man im nächsten Atemzug (ja, genau: erstmal Luft holen) eingestehen, dass es nur noch um Quantitäten ginge. Es ist möglich. Ja. Unterschrift drunter. Aber es geht auf die Frage über: wie wahrscheinlich soll das denn sein? „Da kann ich 86 Trilliarden Jahre spielen – und es wäre noch immer nicht passiert.“ Sehr richtig. Aber es könnte eben auch heute oder morgen sein. Man könnte sich der Wahrscheinlichkeit noch etwas weiter annähern – hat dies autorenseitig auch getan, und landet bei etlichen Zehnerpotenzen. Nur ändert dies auch nichts und es steht halt fest, dass die Chance größer 0 ist – und somit aus mathematischer Sicht die Möglichkeit eingeräumt werden muss..
Hier wurde ja nun auch ein extremes Beispiel genommen. Eine Zugmaschine, die nach dem Zufallsprinzip auswählt – und immer wie Kasparow zieht. Kurios nur, wenn man etwas weiter denkt, dass man vermutlich nach dem 34. Keulenschlag des Gegners – der nichts weiter als die legalen Züge beherrscht, wohingegen man selbst über ein solides 2000er (Plus) Rating verfügt – vermutlich ihm die Rechte, die Kapitulation anzeigend, entgegenstrecken würde – nicht ohne noch einen raschen Blick auf sein Ohr oder seinen Rucksack zu werfen oder sich über der Häufigkeit der Toilettengänge zu entsinnen, nur um sicher zu gehen, dass da nicht irgendwo fremde Hilfe... --, und mit dieser Reaktion den größten Fehler der Partie begangen hätte. Denn: selbst wenn man vor dem einzügigen Matt stünde, so würde dieses der Gegner nur mit einer Chance von etwa 1/35 finden, und man im Anschluss, auch ohne die Mattdrohung und beispielsweise nur mit einem Turmminus im Gepäck, die Partie mit einer geschätzten Wahrscheinlichkeit von 99.99999% locker gewinnen würde (mit der weiteren winzigen Einschränkung wie oben: er nutzt die 0.000001%).
Also: in jeder Partie, die man spielt, ist man von dieser Zufälligkeit abhängig. Man hat fast keinen Einfluss auf die gegnerische Zugauswahl. Es ist ja in der Regel gar nicht erforderlich, dass er fortgesetzt wie Kasparow spielt. Er kann ja in einer Schlüsselposition einen sehr starken Zug finden, diesen aber mit einer völlig falschen Begründung – beispielsweise auf einem Übersehen begründet, welches sich aber letztendlich positiv auswirkt, da er den Zug bei Nichtübersehen gar nicht ausgeführt hätte.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, dass sich die gegnerische (zum Großteil von nicht selbst beeinflussbaren, aber dennoch Zufälligkeiten) Zugauswahl vorteilhaft oder nachteilig auswirkt. Dies ist ein Aspekt von Glück und Pech. Er wird von Schachspielern gerne ignoriert. „Der Gegner spielt nun mal so gut, wie er spielt.“ Falsch. Manchmal spielt er besser, manchmal schlechter. Und einiges davon geschieht zufällig.
2) Befindlichkeit des Gegners
Selbstverständlich ist an sich auch, dass die Befindlichkeit des Gegners dessen Zugauswahl mit beeinflusst. Dies kann sich klarerweise beizeiten positiv, beizeiten negativ auswirken. Der Gegner hätte in allen Fällen seine 2135 Elo, spielt aber einmal wie 2400 und einmal wie 1900 – weil gerade dies ein Gegner ist, der größeren Leistungsschwankungen unterworfen ist (oder sind wir es nicht alle?).
Hier sei zumindest noch an den alten Berliner Meister Walbrot erinnert, jenen mit den kernigen Sprüchen: „Ick hab noch nie jehng eenen Jesunden jewonnen.“ Meist stellt sich die Unpässlichkeit zwar erst nach dem Unterzeichnen der Niederlage heraus, aber immerhin. Ab und an könnte es ja wirklich eine geben – man profitiert. Der Konkurrent hingegen trifft auf den gleichen Gegner an dessen ausgesetzter Unpässlichkeit. Unmöglich? Und, falls nicht: hätte man da nicht ein wenig Glück gehabt?
3) Übersehen
a. eigene
Tja, auch dies ein etwas heikler Aspekt, gerade bei den eitlen (heikel – eitel) Schachspielern, da man Derartiges sehr selten von ihnen wirklich zu hören bekommt. Hier sollte man möglichst mit sich selbst ins Gericht gehen. Vor allem, nachdem „alles gut gegangen ist“ nach einem Übersehen, man die Partie gar gewann (bei Niederlagen kommt es schon vor, meist im Tenor: „Stell dir mal vor, diesen einfachen Zug habe ich übersehen!“), wird meist recht gerne der Mantel des Schweigens darum gehüllt.
Natürlich könnte man diese Kategorie noch beliebig weiter unterteilen. Erwähnt als Beispiel aber nur noch, dass es oft genug vorkommt (wo ist die eigene Nase? Ach ja, hier, mitten im Gesicht), dass man eine mögliche Kombination übersieht. Sei es, dass es sich auf eine gegnerische oder auf eine eigene bezieht. Man sieht die Möglichkeit also nicht -- aber sie ging gar nicht. Nun wird insbesondere der (noch eitlere) Schachspieler sagen: „Na, gesehen habe ich es natürlich genau deswegen nicht, weil es gar nicht ging. Da war es ja überflüssig, es zu sehen.“ Nur liegt er damit leider oftmals ziemlich weit neben der Wahrheit. Gerade von Großmeistern wird man oft genug hören können, dass man nur herausfinden kann, ob eine Möglichkeit sich vorteilhaft oder nicht auswirkt durch konsequente, gute, und möglichst korrekte Rechenarbeit. Das Übersehen kann langfristig kein Vorteil sein, Im Einzelfall aber schon: nicht gesehen – ging nicht – viel Zeit gespart, als eine Auswirkung. Nur: wäre es gegangen, hätte man vielleicht in einer anderen Partie den Sieg ausgelassen.
Oft genug wird es wohl jedem passieren, dass man gegen einen besseren Gegner spielt und dieser für einen mitdenkt und zugleich mithilft. Man bekommt nach der Partie vorgeführt, welche versteckte und selbst nicht einmal erahnte Möglichkeit es gegeben hätte – für einen selbst oder für den Gegner – und beide Male zeigt der Meister auf, dass es nicht gegangen wäre. Warum hat er sich denn die Rechenarbeit nicht erspart? Eben: weil er es VORHER nicht wusste.
Aus der eigenen Praxis einmal folgendes Beispiel, an welchem einem Einiges klar wurde, als es geschah: als man in einer Partie gegen Großmeister Vaganjan einmal in einen Angriffwirbel geriet und jener mit einem Opfer die Königsstellung aufgerissen hatte, nun kurz vor der Skalpierung des meist begehrten Objektes auf dem Schachbrett stand, mit der Ausführung des Abschlusszuges der Kombination – welche wohl unweigerlich das Shakehand zur Folge gehabt hätte – aber zögerte, noch weiter zögerte, und noch immer nicht zog. Da nahm man die eigene Rechenarbeit wieder auf: es musste doch eine versteckte Verteidigungsmöglichkeit geben? Und: Tatsache, sie fand sich. Der scheinbare Gewinnzug hätte mit einem völlig unerwarteten Gegenschlag ausgekontert, widerlegt werden können. Der Großmeister führte einen anderen Zug aus – welcher aber die Niederlage, selbst wenn es sich um die objektiv beste Lösung handelte, nicht verhindern konnte. Man sollte nur wissen und so objektiv sein (und blieb es auch nach der Partie): der Gegner hatte sich selbst besiegt, wenn man so möchte, zumindest waren die Umstände anerkannt glücklich, und dies nicht in unerheblichem Maße. Das durch diese Partie aufgegangene Licht kann der Leser zum Teil in diesem Text (vermutlich missmutig) begutachten.
b. gegnerische
Selbstverständlich gibt es immer den Gegenaspekt: hat der Gegner eine eigene Möglichkeit ausgelassen? Gerade in Zeiten der wachsenden Strahlkraft der Silizium Giganten wird es sicher jedem schon mal passiert sein, dass er im Anschluss an eine aus eigener Sicht gut geführten Partie, die er gerade bei einem abschließenden Bierchen genießt, aber doch (dummerweise) zeitgleich seinem Computer „vorführt“, dass dieser die Vorzeichen kurzerhand umgekehrt und einen selbst vorführt: hier hättest du gewinnen können (sagen wir: sofort). Na gut, süffisant zur Kenntnis genommen, aber doch im Geiste auf den „Endsieg“ verwiesen, aber, noch schlimmer: hier hätte dein Gegner die Partie nicht nur retten, nein, er hätte sie komplett drehen können.
Man konnte, siehe auch oben, nicht sicher sein, dass der Gegner diese Möglichkeit nicht findet. Nein, im Gegenteil.
Es kann aber auch passieren, dass man (sehr beliebt dabei: direkt NACH der Ausführung) eine gegnerische Möglichkeit entdeckt, also noch am Brett sozusagen aufwacht (wie meinte Schachgroßmeister Lau in gemeinsamen Jugendtagen so trefflich? „Der gesündeste Schlaf ist noch immer der Brettschlaf.“), nun aber nicht recht weiß, wo hinschauen, aus Scham und in der Hoffnung, damit am besten das sich ankündigende Unheil abwenden zu können, aufsteht und möglichst gelangweilt auf andere, ferner liegende Bretter schaut, jedoch nur mühsam die Aufmerksamkeit abwenden kann? „Sieht er es, oder sieht er es nicht?“ Man könnte nun, symbolisch gesprochen, auch die Münze rausholen. Nichts weiter als das eigene Auftreten, von dessen Effektivität man wenig weiß, was man dem Schicksal entgegen halten könnte. Reiner Zufall (und jener war, der Erinnerung nach, Spekulant).
4) Auslosung und Punktausbeuten
Sicher müsste man die erwähnten Glücksaspekte noch weiter differenzieren: „Sprichst du von Partieausgängen oder von Turnierausgängen?“ Einsichtig dürfte aber jedem sein, dass es ab und an zu günstigen Auslosungen, gelegentlich natürlich, dem Widerpart von Gustav Gans betreffend, zu ungünstigen Paarungen kommt. Ganz zu schweigen von einer Punktausbeute, welche bei dem einen Turnier locker zum Sieg ausreichen kann, beim nächsten aber nur den 5. Platz einbringt.
(dazu das Beispiel aus der Praxis? In einem Schnellturnier jüngst gelang es, aus 9 Partien stattliche 8 Punkte zu ergattern. Nur hatte der Turniersieger eben 9 erzielt. Dies veranlasste gar den die Sieger ehrenden Turnierleiter zu der Bemerkung, dass es nicht schwer sei, herauszubekommen, wo der {hier schreibende} Zweitplatzierte seinen Punkt abgegeben hätte. Da es sich jedoch beim Sieger um den dies gleichermaßen in Serie tuenden Großmeister Robert Rabiega handelte, ist man weit entfernt davon, dieses Ereignis etwa als „unglücklich“ einzustufen. Im Gegenteil, und das ist so gemeint, wie es hier steht.)
5) Farbzuteilung
Selbstverständlich kann auch die Farbzuteilung ihren Beitrag leisten, im gleichen Maße wie im Punkte zuvor, die Auslosung. Sicher hätte dies aber hier zugleich eine gewisse schachliche Komponente. Man bekäme günstigerweise jenen mit Schwarz nicht so schlagkräftigen Gegner, den anderen, welcher eher mit der dunkleren Farbe auftrumpft, mit dessen Farbe. Ein kleiner Aspekt nur, aber es darf doch mal erwähnt werden?
6) Zeiteinteilung
Die Zeit spielt immer, bei jeder Zugentscheidung eine Rolle. Also: man könnte ein Stellungsproblem lösen, es hapert nicht an der schachlichen Befähigung. Nur muss man auch (irgendwann) ziehen. Dies betrifft zugleich den Gegner. Es ist nur eine Nuance, nur kann es oft genug vorkommen, dass das Pendel für die Zugauswahl gerade zum entscheidenden Zeitpunkt für den – sich im Nachhinein erst als solchen erweisenden – besseren Zug ausschlägt, auf Gegners Seite vielleicht, völlig unbeeinflusst, umgekehrt.
Man hat nur einen Aspekt hinzugefügt. Es kann sich alles positiv oder negativ auswirken, das versteht sich, und eingestanden bleibt, dass es, unabhängig vom Zutreffen der Beobachtungen, keinerlei Einfluss nehmen sollte, also in dem Sinne irrelevant bleibt.
Aus eigener Praxis dennoch diese kleine (natürlich subjektiv verfärbte) Geschichte. Die Erinnerung sagt aber, dass es so und nicht anders war. Nur ist möglicherweise die Wahrnehmung getrübt. Dennoch war das Ereignis bis dahin ziemlich einzigartig:
Man hatte sich eine sehr vorteilhafte Stellung herausgespielt, in einem Mannschaftskampf. Man spürte, dass in dieser Stellung nun die Entscheidung fallen müsste. Es gab zwei (kombinatorische) Möglichkeiten, den Vorteil umzuwandeln in ein materielles oder eindeutig positionelles Plus im Endspiel. Nach etwa 10 Minuten intensiven Nachdenkens wurde der Blasendruck zunehmend lästig. Man stand direkt vor der Entscheidung und, bitte sehr, gerne angebracht, am Zug befindlich das Brett zu verlassen erschien weit mehr als nur unschicklich. Der Zug war quasi schon ausgeführt, die Vernunft schaltete sich immer wieder ein – bei soliden 30 Minuten auf der Uhr: „Geh doch lieber erst zur Toilette.“ Der Gewinn war aber berechnet, eigentlich, so war man sicher, war alles klar.
Der Toilettengang wurde eingeschoben, bei Rückkehr mit verändertem Blick auf die Stellung und etwas der Stellung (und dem Leben sicherlich) entrückt – wurde die Entscheidung aufgehoben, durch die Alternative ersetzt. Die gewählte Fortsetzung vergab den Vorteil, man wollte sich – so die häufig erzählte und ebenso gehörte und daher nicht nur hier unglaubwürdige Geschichte – mit dem Remis nicht abfinden aufgrund des nachteiligen Verlaufes des Mannschaftskampfes und verlor, wie es sich gehört. Die Analyse – in welcher der Gegner natürlich bedenkenlos anerkannte, überspielt worden zu sein – brachte zum Vorschein, dass der vor dem Toilettengang (so die vernebelte Erinnerung) ausgewählte Zug zu einer einfachen Gewinnstellung geführt hätte.
Ob nun Zeiteinteilung oder was auch immer: es war eine Kuriosität. Natürlich ist ein andersartiger Ausgang der Partie, selbst bei alternativer Zugauswahl keineswegs garantiert. Die Geschichte soll nur vor Augen führen, dass es teils völlig andere, nicht direkt den schachlichen Befähigungen unterworfenen Kriterien gibt, welche die Zugauswahl entscheidend beeinflussen können.
Die Zeit gehört dazu, das bestreitet sicher niemand, und ist halt ein Aspekt, der irgendwie mit den schachlichen Ergebnissen korreliert wird. Nur geht es manchmal vielleicht auch um den Zeitpunkt?
7) Der richtige Zug – die falsche Begründung
Vermutlich kommt dies doch am häufigsten vor: es gibt einen kritischen Moment in der Partie. Nun ist Aufmerksamkeit gefragt. Finde auch ja den richtigen Zug, sonst geht die Partie den Bach runter. Es kann auch eine Kombination sein, auf welche man sich einlässt, ohne die Konsequenzen (vielleicht eben, siehe oben, wie Großmeister Vaganjan) endgültig absehen zu können im Gegensatz zu einem (noch) besseren Spieler. Man macht die Augen zu – und schlägt zu. Es sind einige Möglichkeiten gesehen worden, man schätzt es ab, wie auch immer, nur weiß man es nicht (sicher). Am Ende stellt sich heraus, dass es sich – auf Ehre und Gewissen NICHT vorhergesehen, nicht etwa wie Kasparow einst bei seiner Traumkombination gegen Topalow, als er zunächst eingestand, nur das sichere Remis gesehen zu haben, aber plötzlich, etwas später, behauptete, doch das Matt am Horizont gesehen zu haben und man doch bei ausreichend viel Verstand Zweifel anmelden musste – positiv auswirkte. Nun wird man auch in diesem Falle sein eigenes überragendes Schachverständnis ins Feld führen, ohne dass jemand dies ernsthaft widerlegen könnte, nur ist es vermutlich eben nicht die Wahrheit.
Auffällig wird Derartiges sicher Jedem, der sich mal eine jener echt höchst komplizierten und nur zum Nachspielen, nicht aber zum Lösen geeigneten Studien ansieht, bei der einem immer wieder der Mund offen stehen bleibt, weil man eine Lösung, und gar noch eine solche, nun wirklich niemals für möglich gehalten hätte. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, so in etwa.
Dies noch lange nicht sämtliche Kriterien und unter jenen längst keine ausreichende Differenzierung getroffen, was noch alles beitragen kann zu einem möglichen Partieausgang. Beim nächsten Turnier wird sicher wieder der Elo-Favorit die Nase vorn haben – und der Autor wird weiterhin ausgelacht, falls ihm nicht gleich hier und jetzt mal ordentlich der Kopf gewaschen werden sollte...
Diese Ausführungen sollen auch keineswegs das Schachspiel mit einem anderen (!! Ja, ja, der Wortwitz und die Hinterhältigkeit) Glücksspiel gleichsetzen. Vielleicht wäre es im Sinne der Spannung – um jene geht es nämlich demnächst in einem Folgeartikel – gar erfreulich oder wünschenswert, wenn dem Spiel ein Zufallselement hinzugefügt wurde, welches die (eventuell zu große) Vorhersagbarkeit ein wenig auffrischt, aber auch dafür möchte man nicht unbedingt Werbung machen. Das Spiel ist, wie es ist, es ist für alle Ausübenden offensichtlich ausreichend aufregend und man erfreut sich wohl doch immer wieder an der Vielfalt der Möglichkeiten, durch welche man sich, einem Urwald gleich, einen Weg zu bahnen sucht und möglicherweise in dieser oder jener Partie gar einen ordentlichen, eine kurzen oder einen schadensfrei begehbaren findet.
Die Existenz von Glückselementen sollte auch bitte nur anerkannt werden – und wird es merkwürdigerweise auch in höheren Spielstärkeregionen viel eher, wo man durchaus und überzeugt und wiederholt und keiner falschen Bescheidenheit geschuldet den folgenden Satz hören kann: „In der Partie habe ich eine Menge Glück gehabt.“ Zweifel?
Die Existenz also anerkennen, was auch eine Beruhigung und Motivation darstellen kann: wenn man verliert muss man sich nicht unbedingt gleich selbst kasteien oder sich schwören, nie wieder eine Figur anzurühren, da man offensichtlich ungeeignet, unbegabt und einfach zu blöd ist... Dranbleiben, weiter machen, es erneut versuchen – und nach der nächsten Perle suchen. Die Relevanz oder die Notwendigkeit, sich mit Glück und Pech zu beschäftigen, ist nicht gegeben, dies bleibt eingeräumt.
Also, man schließt daraus: viel Lärm um nichts?



