- Post date: 20. Mai 2013
Zu dem Turnier kann man jede Menge schreiben. Krennwurzn hat ja bereits die nackten Ergebnisse zusammengefasst aus österreichischer und deutscher Sicht. Ich schaue auch noch auf (nicht so erfolgreiche) Spieler aus anderer Herren Länder und bereite das noch ein bisschen statistisch und historisch auf, und dann gibt es auch noch Schach d.h. Diagramme. Auch für einige der nominell stärksten Spieler war das Turnier kein Erfolg - wie der Schach-Ticker erwähnte, konnte auch in der 14. Auflage niemand seinen Titel verteidigen, denn (nun Ex-)Europameister Jakovenko war zwar an eins gesetzt, landete aber unter ferner liefen. Nämlich auf dem 74. Platz, mit 6.5/11 war er punktgleich mit Matthias Bluebaum und diversen bekannten Grossmeistern (einige Namen werde ich noch nennen). Ähnlich erging es der Nummer zwei Tomashevsky (auch schon mal Europameister) und der Nummer drei Vachier-Lagrave. In der zehnten (vorletzten) Runde spielten die drei schön nebeneinander an Brett 24-26, zwei Punkte hinter dem Spitzenreiter und späteren Sieger Moiseenko - immerhin: letztes Jahr endeten drei der Favoriten, als da wären Mamedyarov, Giri und Navara, an Brett 75-77. Mamedyarov hatte einige Tage danach keine Lust mehr - auch dieses Jahr haben nicht alle Spieler das Turnier beendet. Diesmal konnte Nummer 4 Nepomniachtchi sein Turnier am Ende noch reparieren, erst 3.5/6 und dann doch noch 4.5/5.
Chess-results hat eine Liste der besten Spieler relativ zur Elo-Erwartung, mit zwei Österreichern in den top 10. IM Robert Kreisl holte als einziger Westeuropäer eine Titelnorm; daneben gab es noch GM-Normen für Spieler aus Russland, Weissrussland, zweimal Polen und Armenien und acht IM-Normen für Spieler und Spielerinnen ebenfalls aus Osteuropa. Ich drehe die Liste mal um und schaue auf das Zitronenklassement: Wer hat, verglichen mir der Erwartung, am schlechtesten gespielt? Auch da gewinnt ein Spieler aus der Ukraine obwohl er nur fünf Partien spielte: GM Zahar Efimenko holte 1.5/5 und sagte dann tschüss, als erster aber am Ende nicht einziger - mitschuldig war übrigens Alexander Donchenko. Dann die Schweiz: Zweiter wurde IM Roland Ekstroem, dritter GM Pelletier der sich ebenfalls vorzeitig verabschiedete. Vierter ist der junge Georgier Davit Lomsadze, der das Turnier zwar zu Ende spielte aber wie: Zur letzten Runde erschien er betrunken und mit blutüberströmtem Gesicht, der Gegner hatte kein Mitleid und gewann die Partie. Ebenfalls betrunken war sein Landsmann Baadur Jobava für den es auch nicht lief, sogar mit 1.b3 hat er eine Partie verloren - immerhin bekam er zuletzt ein Kurzremis in zehn Zügen.

Baadur Jobava (hier bei der Schacholympiade Dresden 2008) - immer für eine Überraschung gut
(Foto Frank Hoppe, gefunden auf der polnischen Wikipedia - Seite)
Fünfter wurde der Italiener Federico D'Aste, der sich von seiner Auftaktniederlage gegen Moiseenko nie erholte und noch neun Partien verlor (nur gegen Freilos hat er souverän gewonnen). Mit Elo 1501 war er aber auch mit Abstand schwächster im ganzen Turnier (keine Ahnung was bei der Auslosung der ersten Runde schief ging), TPR 1274 ist wohl nur bedingt aussagekräftig. Etwas weiter unten in der Liste u.a. der elfte Daniel Fridman der auch vorzeitig abreiste, 14. Dennis Wagner, 21. Franz Holzke und 25. Georg Meier. Unter den Spielern mit [Elo minus TPR grösser Hundert] noch diverse andere bekannte Namen: Macieja, Kozul (war auch mal Europameister aber das ist eine Weile her), Jakovenko, Georgiev, Cheparinov, Sutovsky, Nisipeanu und Nyzhnyk. "Immerhin" mit FM Schachinger und IM Diermair auch noch zwei Österreicher ... .
Wie war das eigentlich aus deutscher Sicht bei früheren Europameisterschaften? Da Chess-results das alles noch hat können wir nachschauen:
2012 waren fast alle GMs im Elo-Soll oder darüber (Naiditsch, Fridman, Khenkin, Huschenbeth, Holzke, Ausnahme Buhmann) auch wenn sich niemand für den World Cup qualifizieren konnte, Fridman und Khenkin verpassten das knapp nach Tiebreak. Von der Jugend war nur Donchenko dabei und konnte verglichen mit seiner damaligen Elo voll überzeugen.
2011 war auch ein ordentliches Jahr für Fridman und Gustafsson, nicht so gut für Naiditsch und Buhmann - wenn ich mich richtig erinnere schrieb Max Bouaraba, dass Naiditsch (wie diesmal offenbar Fridman) gesundheitliche Probleme hatte. Für die damals noch alle titellosen Jugendlichen: Bluebaum, Donchenko und Svane im Eloplus, Wagner im Minus.
2010 war nur Naiditsch gerade so im Soll, Meier, Fridman, Gustafsson und Holzke verloren alle Elopünktchen. Die Prinzen-Jugend war damals noch nicht soweit.
2009 muss ich auch noch erwähnen, wir brauchen doch richtig gute Nachrichten: Naiditsch sechster und geteilter Erster (hatte er auf einen damals noch fälligen Titel-Stichkampf verzichtet?), Meier zwölfter (Wertungsbester der Spieler mit einem halben Punkt Rückstand). Gut, Khenkin war wohl nicht zufrieden mit dem Turnier.
Zahlenakrobatik: Aller schlechten Dinge sind drei, nach 2010 kam 2013. Und aller guten Dinge sind zweimal drei? 2014 gibt es wieder ein tolles deutsches Ergebnis??
Aus österreichischer Sicht kann ich mich kürzer fassen, da mir die meisten Namen nix sagen. Aber Markus Ragger war immer gut drauf, nur 2009 lag seine TPR unter 2700 (aber mit damals Elo 2540 war TPR 2614 auch OK).
Was ging dieses Jahr bei Fridman schief? So gut wie alles. Was ging bei Meier schief? Er hatte mit 2.5/3 gut angefangen ("you can't win them all" - auch nicht gegen nominell schwächere Spieler). Dann dieses Endspiel gegen Ex-Weltmeister Khalifman:

Schwarz (Meier) hat zwei Möglichkeiten das zu verlieren: den Läufer abtauschen so dass (wie in der Diagrammstellung) das Bauerendspiel verloren ist, oder den Läufer ersatzlos hergeben. Meier fand eine dritte Möglichkeit und gab hier auf.
Tags darauf mit Weiss gegen GM Stocek:
Ein leicht inkorrektes Damengambit, zwei Züge davor stand Weiss noch eher besser. Dann erzwang der belgische IM Bart Michiels mit Weiss schon nach elf Zügen Dauerschach (11.Lxh6, kurz danach Dg6+ und Dh6+ usw.) - diese Partie gab es übrigens schon ein paar Mal: Sergey Igorevich Galanov ist mir kein Begriff, seine Gegner auch nicht, aber er hatte das 2011/2012 in email-Turnieren gleich sechsmal. Dann eine Niederlage gegen einen "drittklassigen" GM (Valerij Neverov, Elo 2489), und dann wurde er auch noch von einer Dame schachlich verprügelt: Elina Danielian opferte auch einen Läufer, wenn auch auf e6 und erst nach 16 Zügen, und danach wollte und bekam sie mehr als Dauerschach.
Noch ein paar Fragmente bzw. auch eine komplette Partie:
GM Nisipeanu (2679) - IM Pacher (2470)

Wie widerlegt Schwarz den weissen Hurra-Angriff? Da die gesamte Partie durchaus unterhaltsam war, zeige ich sie noch komplett und verrate damit natürlich auch die Lösung:
Noch eine Überraschung, ebenfalls aus Runde 1:
IM Kjartansson (2446) - GM Fedorchuk (2660)

Mit der Bauernstruktur (sagte ich Struktur?) hätte Schwarz vielleicht ohnehin wenig Freude an seinen Mehrbauern, aber hier ist Weiss dran (leichte Kost, aber sicher nett sowas gegen einen stärkeren Gegner zelebrieren zu dürfen).
Einer der Helden des Turniers war auch Altmeister und ehemaliger Weltklassespieler Dreev. "Meistens" gewinnt er im Endspiel, aber wenn nötig kann auch er taktisch beissen:
GM Dreev (2654) - GM Pashikian (2603)

Die schwarze Stellung wäre OK, wenn ja wenn er seinen Königsflügel nicht mit g7-g5 geschwächt hätte - das war aber gängige Theorie im Nimzo-Inder. Hier hat Weiss genau einen Gewinnzug.
Zum Schluss noch keine Aufgabe, sondern eine Schlusstellung vom (diesmal) besten deutschen Spieler.
IM Bluebaum (2511) - GM Kislinsky (2574)

Das war mal ein lange Zeit ziemlich verrammelter Königsinder, in dem Weiss kurz rochiert hatte. Der tschechische GM Kislinsky war mir übrigens kein Begriff - er ist Jahrgang 1984 und hat offenbar erst im relativ fortgeschrittenen Alter relative schachliche Fortschritte gemacht.
- Post date: 10. Mai 2013
Schon wieder Schachpolitik - dabei wird doch momentan auch Schach gespielt, übrigens nicht nur in Norwegen sondern auch in Polen bei der Europameisterschaft. Aber (zumindest zum Turnier mit weniger Medieninteresse) vielleicht später noch was. Thema heute: Schach-Frankreich hat ja gewählt, und nun? Demokratische Wahlergebnisse muss man akzeptieren, auch wenn sie knapp und überraschend ausfallen. Allerdings sollte der Sieger (Salazar mit 50,5%) sich bemühen, das Lager des Verlierers (Battesti mit 49,5%) nicht zu vergraulen. Nach der Wahl hatte Salazar durchaus versöhnliche Töne: "Herr Battesti führte einen Wahlkampf mit einem dynamischen Programm, wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Er sagt, dass er seine Projekte in Korsika erweitern will, aber wir hoffen, dass er seine Erfahrungen weiterhin auch Schach-Frankreich insgesamt zugute kommen lässt. Ich ziehe meinen Hut vor ihm und habe allen Respekt, was seine Person und seine Entscheidungen betrifft. Unsere Meinungsunterschiede, was das gemeinsame Ziel betrifft - die weitere Entwicklung des Schachs in Frankreich - zeigen all unsere Vielfalt. Wir sind nach wie vor und jederzeit offen für eine wichtige nationale Rolle von ihm und seinem Team. Wir müssen alle zusammenarbeiten."
Salazars Hoffnungen scheinen sich (s.u., und wie Stefan Löffler bereits erwähnte) nicht zu erfüllen. Was meinen Beitrag betrifft, vorab ein paar Disclaimer: Alle Übersetzungen aus dem Französischen sind so gut ich es hinbekomme, und aum Teil etwas frei. Und ich habe zum gesamten Komplex (mangels früherer Infos) keine eigene Meinung, gebe nur meine Eindrücke wieder. Das sind doch - vielleicht bis auf was ich ganz am Ende noch streife - interne französische Angelegenheiten? Ja schon, aber andere Schachverbände, zum Beispiel auch der deutsche, haben z.T. ähnliche Probleme, als da wäre "Wie bekommen wir Spieler aus dem Internet (neu oder zurück) in die Vereine?".
Wie es zu diesem Artikel kam: Am Anfang stand ein Vorschlag von Kollege Löffler ("Du kannst doch Französisch") mir die neue Spiel- und Lernseite des französischen Verbandes mal anzuschauen. Das alleine würde nicht genügend Stoff für einen Artikel liefern - gleich sage ich warum - aber man kann ja recherchieren. Und ich hatte schon länger vor, eventuell mal meine Französisch-Kenntnisse hier zu nutzen - eigentlich dachte ich an eventuelle neue Entwicklungen im Fall Feller, aber da tut sich wohl nichts mehr. Für Hobby-Journalisten sehr hilfreich, dass man über die alte Webseite des französischen Schachverbandes email-Adressen finden kann, wenn die Spieler damit einverstanden sind. So verraten z.B. Vachier-Lagrave und Fressinet ihre email, Bacrot (der sicher auch eine hat) dagegen nicht, was natürlich sein gutes Recht ist. Genauso ist es jedermanns und jederfraus gutes Recht, auf emails nicht zu reagieren. Am 5.5. gegen 22:00 hatte ich Salazar, seine Generalsekretärin Aurelie Dacalor, Europe Echecs Direktor Bachar Kouatly und (da es auch die Vergangenheit betrifft) Leo Battesti angeschrieben. Zwei reagierten, zwei nicht - jetzt hatten sie genug Bedenkzeit, ich reklamiere Zeitüberschreitung und schreibe auf was ich habe. Vielleicht mehr als genug, auch wenn der Artikel irgendwie unvollständig ist.
Warum Bachar Kouatly? Das "neue" Angebot ist das seit langem (seit Juli 2001) bestehende Angebot von Europe Echecs - Spielen im Internet und diverse Schachvideos - jetzt auch offiziell vom Schachverband empfohlen, und Spieler mit A-Lizenz bekommen vier Monate gratis Zugang. Ich muss hier kurz abschweifen: Es gibt eine A-Lizenz für Spieler die z.B. Mannschaftskämpfe spielen, und daneben eine B-Lizenz für Hobby-Vereinsspieler die nur zum Vereinsabend kommen und vielleicht mal ein Schnell- oder Blitzturnier mitspielen. Salazar hatte die B-Lizenz im Wahlkampf scharf kritisiert ("Zahlenpolitik und ein Irrweg") und dabei auch angedeutet dass Korsika (also Battesti) da kräftig schummelt: jeder Jugendliche der ein Schulschach-Turnier spielt oder nur am Schachunterricht teilnimmt bekommt eine B-Lizenz, vielleicht ohne das selbst zu wissen. So steigen die Mitgliederzahlen kräftig, auch wenn echte schachliche Erfolge ausbleiben - bei der französischen Jugendmeisterschaft wurde Team Korsika 12., auf Clubebene Bastia und Ajaccio 26. und 30. . Da zeigen sich offenbar unterschiedliche Philosophien - Schach als Breitensport oder tendenziell Leistungssport?
Die neue Webseite wurde in einer gemeinsamen Erklärung von Salazar und Kouatly als "novatrice" (brandneu?) verkauft. Ziel ist mehr A-Lizenzen, indem man ihnen die Möglichkeit gibt im Internet zu spielen. Als Beispiel wird die Dordogne genannt: 91 Spieler mit A-Lizenz aber 600 Spieler im Internet. Dieses Departement hat eine Fläche von 9225 km2 (damit das drittgrösste in Frankreich) und 380,000 Einwohner, damit ein eher ländliches Gebiet wo es eben nicht an jeder Ecke einen Schachverein gibt. Es gibt genau drei, und zwar in Dörfern, nichtmal in den beiden Kleinstädten Perigeux und Bergerac (30,000 und 26,000 Einwohner). Womöglich spielen die relativ grossen Entfernungen auch eine Rolle: nicht jeder hat Lust für einen Mannschaftskampf 50-100km anzureisen? Ich spreche ein bisschen aus eigener Erfahrung - in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts spielte ich vorübergehend für den dezentralen Club USAM Brest.

Foto von Luc Viatour (http://www.lucnix.be) - dankeschön!
Schön ist es in bzw. an der Dordogne, aber im Vereinsschach ist es eher eine Wüste?
Ich verstand nicht so recht was da nun 'novatrice' ist, und wie man Spieler aus dem Internet in die Vereine bekommt, indem man ihnen die (noch eine) Möglichkeit gibt im Internet zu spielen? Spielen im Internet habe ich erst mal selber ausprobiert, für mich 'novatrice'. Ich fasse mich relativ kurz, jeder hat da ja seine eigenen Erfahrungen und Meinungen oder auch nicht. Für mich ist es kein Ersatz für Schach am Brett, allerdings hat es durchaus seine Reize einschliesslich Suchtgefahr: Man kann jederzeit spielen und auch jederzeit wieder aufhören. Man kann sich eine Gegner qua Spielstärke aussuchen, jedenfalls wenn die auch wollen: mit meiner Internet-Elo von momentan 2059 finde ich kaum 2200+ Spieler die gegen mich antreten wollen (ausser Bullet was wiederum nicht mein Ding ist). Man kann neue Eröffnungen "ohne Risiko" ausprobieren. Da die Partien gespeichert werden, kann man sie hinterher eventuell auch analysieren - dafür hatte oder nehme ich mir aber keine Zeit, stattdessen schreibe ich ja gerade einen Schach-Welt Artikel ... . Auf dieser Seite spielen natürlich vor allem Franzosen, wobei ich auch schon Gegner aus Italien, Spanien und Kolumbien hatte.
Ein Vereinskollege spielt auch im Internet, und zwar vorzugsweise morgens früh vor der Arbeit - ausserdem noch manchmal abends "wenn meine Frau im Fernsehen was guckt das mich nicht interessiert". Der bräuchte dann einen Verein, der sich um 6:00 morgens trifft? Aber ob er dann auf dem Weg zur Arbeit vorbeischauen würde, eventuell mit Umweg? Und wieviele Gleichgesinnte gibt es? Er spielt morgens vor allem gegen Amerikaner ... . Ja, er kommt aber auch - unabhängig vom Fernsehprogramm - Montag zum Spielabend. Kurz gesagt: Schach am Brett und Schach im Internet sind zwei parallele Welten, die eigentlich nur die Spielregeln gemeinsam haben - und es gibt viele individuelle Gründe um sich für die eine und/oder die andere Welt zu entscheiden.
Ich habe nachgefragt bei Salazar, Dacalor und Kouatly. Von Kouatly kam Antwort - schnell (6.5. 0:50) und ausführlich, ich versuche das zusammenzufassen: Die neue Webseite des Schachverbandes gibt es noch nicht, voraussichtlich Mitte Juni. "Novatrice" ist, dass die beiden grössten Institutionen im französischen Schach zusammenarbeiten, was bisher nicht der Fall war. Idee ist, um mit diesem Angebot einige Spieler mit B-Lizenz zu überzeugen, eine A-Lizenz zu erwerben (derzeit gibt es etwa 25,000 A- und über 30,000 B-Lizenzen). Wir wollen Präsidenten von dynamischen Vereinen und Schachligen die Möglichkeit bieten, um in "zones blanches" [gemeint sind wohl dünn bevölkerte ländliche Gebiete, z.B. Dordogne] Spieler zu suchen, die momentan nur im Internet aktiv sind. Warum sollten manche Vereine nicht auch im Internet aktiv werden und da ihr Vereinsleben abhalten? Wir können nicht mehr an 20 Jahre alten Modellen festhalten, die Welt hat sich verändert, auch die Schachwelt.
So kann man es sehen: wenn das Internet bzw. die "internautes" nicht in die Vereine kommen, dann gehen die Vereine ins Internet. Was A-Lizenzen betrifft, ist das nicht auch Zahlenspiel? Sie haben diese Lizenz dann, ohne sie so zu nutzen wie es eigentlich vorgesehen war. Und was Spielersuche im Internet betrifft gibt es doch Datenschutz? Sie können doch nicht zum Pseudonym Name, email-Adresse und Wohnort verraten. Von einem meiner Gegner weiss ich nur, dass er sich ptitnouveau nennt, Franzose ist und auch Internet-Elo etwa 2050 hat. Ich weiss nicht, wo er wohnt: Paris, Marseille, Lyon, Bordeaux, oder vielleicht ein Dorf in der Dordogne.
Auf beiden Webseiten, die alte und die neue (die es also bis zu einem gewissen Grad doch schon gibt) sucht der französische Schachbund für 12 Kommissionen jeweils 5-12 Freiwillige, darunter auch Jugendschach (Commission Jeunes) und Schulschach (Commission Scolaires). Fragen über Fragen: Gab es derlei Aktivitäten bisher gar nicht, oder zumindest nicht organisiert? Wollen sie komplett neu anfangen, d.h. auch wer bisher aktiv war muss sich neu bewerben? Oder stehen Leute die sich bisher engagierten nicht mehr zur Verfügung? Diese Fragen gingen an Salazar, Dacalor und - soweit es die Vergangenheit betrifft - Battesti. Battesti hat geantwortet: "je suis désolé mais j'ai décidé de ne pas m'exprimer publiquement sur la FFE" (Es tut mir leid, aber ich habe beschlossen, mich zum französischen Schachverband nicht öffentlich zu äussern). Ist er beleidigt, oder will er keine schmutzige Wäsche waschen? "Für mein Konzept zur Entwicklung des Schachs, siehe unsere Seite http://www.corse-echecs.com und speziell hier: http://www.corse-echecs.com/Presentation-de-la-ligue_a685.html ." Was da steht hatte Stefan Löffler zum Teil bereits erwähnt - mit dem Unterschied, dass es (laut dieser Quelle) durchaus Sinn der Sache ist, dass Jugendliche auch im Verein landen. Es ist natürlich Selbstdarstellung, siehe auch diverse Ausrufezeichen obwohl da keine Schachpartie kommentiert wird. Ich werde die Mischung aus Begeisterung, Stolz und Lokalpatriotismus mal auszugsweise übersetzen (Fettdruck im Original):
"2 Zahlen zur Bedeutung der Schachpraxis auf unserer Insel [sic] - 1998 wurde die korsische Schachliga gegründet, 250 Lizenzen - 2012, 5907 Lizenzen bei 300,000 Einwohnern. ... massives Engagement in den Schulen während der Unterrichtszeit ... 15 Schachlehrer überall auf der Insel, 12 Vollzeitstellen wurden geschaffen ... 32 detaillierte Unterrichtsstunden, also im Rythmus der Schulen. ... Neben dem Unterricht können Kinder, die das wollen, ihre Erfahrungen in Schachvereinen vertiefen. Vereine wurden zu diesem Zweck neu gegründet. ... In Teilnehmerzahlen ausgedrückt ist Schach eine wichtige Aktivität auf Korsika (in der Altersgruppe 6-16 Jahre, wichtiger als Fussball!). Die Anzahl erwachsener Mitglieder wächst ständig, oft Erwachsene die sich mit ihren Kindern unterhalten wollen! Die Medienresonanz ist sehr stark. ... Ausserdem, nicht zu vernachlässigen, viele Sponsoren unterstützen uns, vor allem beim Corsican circuit (140 Firmen haben dieses Jahr beigetragen!)."
Salazar würde wohl sagen, dass Fussball auf Korsika statistisch populärer wäre als Schach wenn alle, die im Schulsport Fussball spielen oder mal bei einem Wochenendturnier mitmachen, automatisch eine Fussball-Lizenz bekommen? Nein, er hat sich (wie angedeutet) gar nicht geäussert. Das ist sein gutes Recht. Ich kritisiere das nicht, verzichte aber auch auf eine diplomatische Formulierung wie "ihn konnte ich leider nicht erreichen".
Salazar und Dacalor habe ich auch nach dem Bezug zum versprochenen Ressourcenzentrum für Schachvereine gefragt mit zehn bezahlten Vollzeitstellen, sowie wann das voraussichtlich realisiert wird. "Wann" nicht "ob" - denn ich gehe davon aus dass Wahlversprechen eingelöst werden.
Soweit zum Amateurschach in Frankreich, jetzt noch was sowieso international interessant ist oder war, aber zwischenzeitlich oder zumindest vorläufig nicht mehr aktuell ist:

Hier ist schachlich wohl mehr los als in der Dordogne (Anand hat gerade vorbeigeschaut, Carlsen kommt wohl nicht)
Foto Taxiarchos228 - Wikipedia
Das Alekhine Memorial war ja offenbar, wie früher die Amber-Turniere, eine ausländische Schachveranstaltung (halb) auf französischem Boden, in dem Fall kam das Geld aus Russland. Aber dann hatte Paris auch Interesse am Match Anand-Carlsen. Bevor das offiziell wurde, hatte IM Gert Ligterink in einer niederländischen Zeitungskolumne (de Volkskrant) angedeutet, dass neben Paris auch St. Tropez Interesse hatte (ausserdem noch New York und Miami). Auch dazu hatte ich Fragen an die neue Führung des französischen Schachverbandes: Können sie Interesse von/aus St. Tropez bestätigen? Was Paris betrifft, wessen Idee war das anfangs - Schachverband, Stadt Paris oder die Sponsoren? Wer sind eigentlich die Sponsoren? Auch diese Fragen bleiben offen.
Zum Schluss: In der Politik bekommen neue Regierungen generell 100 Tage Schonfrist. Das dauert noch eine Weile, da fliesst noch Wasser den Fluss runter (Dordogne, Seine, Rhone usw.). Nächster Stichtag ist Mitte Juni: Am 15./16. Juni trifft sich das "Comité Directeur" um die Bewerbungen für diverse Kommissionen (Bewerbungsschluss 31. Mai) zu beurteilen. Etwa gleichzeitig soll es die neue Webseite wirklich geben. Wir bleiben dran am Thema - und falls es im email-Postfach doch nochmal französisch klingelt gibt es schon vorher einen Update.
- Post date: 01. Mai 2013
Nein, nicht mein Verein - wir dümpeln rum im Amateurbereich der Provinz Nord-Holland - sondern der Namensvetter aus Bunschoten. Bei der "Konkurrenz" wurde es bereits erwähnt, und sie haben auch dasselbe Titelbild. Ich werde es nun etwas ausführlicher belichten, da ich (wie auch zu "Polonia Griesheim") etwas mehr über den Verein weiss als manch aussenstehender Journalist und auch eine email-Adresse (Mannschaftsführer Guido de Romph) habe um nachzufragen.
Woher stammt mein Informationsvorsprung? Dass die Vereine denselben Namen haben ist natürlich Zufall, Detail oder Anekdote. Aber ein Spieler meines Vereins kommt aus Bunschoten und hält Kontakt. So waren einige Spieler aus Bunschoten mehrfach bei kleineren Turnierchen auf Texel dabei, und wir jedes Jahr bei ihrem grossen Kaaieman-Blitzturnier. Das war finanziell attraktiv genug für z.B. eine Autoladung aus dem Ruhrgebiet (Inhalt u.a. Fridman - wenn GM Daniel Bundesliga spielen musste, dann zumindest IM Rafael). Dabei waren auch z.B. Korchnoi, Timman und Sokolov - die bekamen wohl Konditionen, wobei Korchnoi diesbezüglich recht bescheiden war. Korchnoi spielte danach auch vorübergehend und gelegentlich in ihrer ersten Mannschaft.
Korchnoi am Brett (gegen NL-Urgestein IM Hans Böhm) - dieses und alle anderen Fotos habe ich hier gefunden
Zwei meiner Vereinskollegen sassen Korchnoi am Brett gegenüber - sicher ein wenn nicht der Höhepunkt ihrer Amateur-Schachkarriere, Ergebnis ist da Nebensache (natürlich haben sie verloren). DAS Glück bzw. (Quali fürs A-Finale) Können hatte ich nicht. Mal spielte ich die Vorrunden eher schlecht und landete in einer niedrigen Finalgruppe; da war dann ein Geldpreis drin (Maximum 100 Euro). Mal war ich morgens gut drauf und mittags dann etwas überfordert - wobei z.B. 3,5/15 im B-Finale kein schlechtes Ergebnis war, denn jeder zweite Gegner hatte 200-500 Elopunkte mehr auf seinem Konto. Immer gab es leckeren gebackenen Fisch: Bunschoten bzw. der Ortsteil Spakenburg ist traditionell ein Fischerdorf, und das Turnier wurde von einem Fischer gesponsort. Der Kaaieman (bürgerlicher Name Dick de Graaf) unterstützt den Verein auch sonst und spielt selbst in der ersten Mannschaft. Noch ein Eindruck vom Turnier insgesamt:
Timman war in dem Jahr nicht dabei, der hatte - noblesse oblige - keine Bierflasche neben dem Brett oder in der Hand sondern ein Weinglas.
Soweit zu meinem Hintergrund, gehen wir nun chronologisch vor. Das Denksportzentrum (siehe Titelbild) wurde im September 2002 eröffnet - damals machte der Verein noch keine schachliche Furore auf höchstem Niveau, aber auch das wurde überregional bis international registriert. Es entstand durch jede Menge Eigenhilfe aus dem Verein - nicht nur finanziell, sondern die Mitglieder haben selbst mit angepackt. Sehr wichtig war aber auch ein anderer Sponsor: eine Baufirma die diese Baustelle auch zur Ausbildung von Lehrlingen nutzte.
Jetzt habe ich schon zweimal Sponsoren erwähnt, ohne die es natürlich nicht geht. Es gibt jede Menge (womöglich aus Pietätsgründen - dazu später mehr - haben sie die Liste nicht aktualisiert) vor allem direkt aus dem Dorf. Damit ist es auch keine allzu grosse Katastrophe wenn einer der Sponsoren, warum auch immer, verloren geht. Laut Guido de Romph gibt es Sponsoren für den Verein bzw. das Vereinsheim, und "sicherheitshalber" unabhängig davon Sponsoren für die erste Mannschaft. "Die erste Mannschaft darf keine Vereinsmittel aufbrauchen, denn die Zukunft des Vereins ist wichtiger als sportliche Erfolge". Womöglich spielt eine Rolle dass Bunschoten nicht "irgendein" Dorf ist (bzw., ca. 20000 Einwohner, Kleinstadt), sondern als Teil des niederländischen Bibelgürtels stark christlich geprägt, was den Zusammenhalt vielleicht fördert. Daher(?) ist die Kneipenszene wohl eher bescheiden, aber in Sportvereinen (siehe obiges Bild) darf getrunken oder auch gesoffen werden - Einnahmequelle für die Vereine ... . Samstagabend ist aber recht früh Schluss, schliesslich muss man Sonntag in der Kirche wieder wach und +- nüchtern erscheinen.
Chronologisch war die Saison 2007/2008 der nächste Meilenstein: Da ist die erste Mannschaft in der dritten Klasse (hierzulande die vierte Liga, denn oberhalb der ersten Klasse gibt es noch die Meesterklasse) beinahe abgestiegen. Das sollte nicht nochmal (und vielleicht tatsächlich) passieren, also mussten Verstärkungen her. Zunächst waren das die IMs Bosboom, Carlier und Böhm. Mit denen dabei war Abstiegskampf kein Thema, zumal auch einige eigene Spieler fleissig Punkte sammelten - zumindest der bereits erwähnte Dick de Graaf und Richard Vedder (zu dem komme ich noch). Am Ende hatten sie 6 Mannschaftspunkte und jede Menge Brettpunkte Vorsprung auf den ersten Nicht-Aufstiegsplatz. Dann entstand die Idee um "einmal" Meister in der Meisterklasse zu werden. Dafür brauchten sie noch ein bisschen Verstärkung und mussten erst noch zweimal aufsteigen. Geholfen hat sicher dass dem Nachbarn aus Hilversum nach vier Titeln hintereinander 2011 der Sponsor/Mäzen abhanden kam (Joop van Oosterom, auch international bekannt), womit gleich vier Grossmeister (Giri, Smeets, l'Ami und Nijboer) einen neuen Verein suchten und in Bunschoten fanden.
Damit war der Aufstieg in die höchste Klasse eher Formsache, und nun zur letzten Saison: Schach-Ticker schreibt "Meister wurde mit knappem Vorsprung der Vorzeigeverein "En Passant" " - so knapp war es nicht! Zum einen sind zwei Mannschaftspunkte mehr als genug, zum anderen waren es nach der achten und vorletzten Runde deren vier - allenfalls ein kleiner Schönheitsfehler dass sie den letzten bedeutungslosen Kampf verloren. Vorzeigeverein? Das kommentiere ich ganz am Ende.
Allerdings lief nicht alles 100% glatt. Es gab mehrere hohe Siege (zweimal 7.5-2.5, einmal 9.5-0.5) aber auch drei knappe 5.5-4.5 Ergebnisse, darunter die vorletzte Runde gegen einen Abstiegskandidaten. Am selben Wochenende wurde die deutsche Bundesliga gespielt, daher musste En Passant auf Giri, Smeets und l'Ami verzichten (der Gegner aber auch auf van Kampen und Spoelman). Nach langer Suche fand Guido de Romph zumindest einen (vermeintlich) gleichwertigen Ersatz: Nigel Short. Der musste dann aber gegen einen gewissen Daan in 't Veld (Elo 2232) mit Remis mehr als zufrieden sein; irgendwann fragte er den Mannschaftsführer ob er remis anbieten darf denn "I have no fucking plan!". Das war dann unnötig, da der Gegner eine Zugwiederholung forcierte, hätte er gegen einen anderen weniger prominenten Gegner vielleicht nicht gemacht, denn er stand klar besser. Immerhin befindet sich Short in guter Gesellschaft: vor Jahren spielte Kramnik eine Partie in der NL-Meisterschaft und holte gegen einen gewissen (jungen) Jan Smeets auch nur ein Schwarzremis, allerdings ein ungefährdetes. An einigen anderen Brettern waren auch andere Ergebnisse möglich - aber wie schon gesagt: am Ende 5.5-4.5, En Passant kampioen. Wer alles dabei war und wer für die Konkurrenz am Brett sass, siehe hier (und dann scrollen). Auf dem Foto das ersatzgeschwächte Team aus Runde 8:

Dick de Graaf (mit Sohn), Arie van den Hoogen (Ersatzmann), Henk Vedder, Richard Vedder, Friso Nijboer, Vyacheslav Ikonnikov, Zhaoqin Peng, Manuel Bosboom, Tanguy Ringoir, Nigel Short und Mannschaftsführer Guido de Romph.
Ein Gruppenfoto von En Passant in Bestbesetzung gibt es offenbar nicht.
Ich möchte noch die sehr ausführlichen Rundenberichte von Richard Vedder erwähnen, zum Beispiel dieser (mit u.a. in 't Veld - Short). Ich fragte ihn in Wijk aan Zee wie lange er dafür braucht: "Samstagabend gebe ich noch die Partien ein [Handschriften entziffern oder interpretieren ist nicht immer trivial], Sonntag ein paar Stunden." Ich weiss nicht mehr ob er vier, sechs oder acht Stunden sagte, jedenfalls ein zeitintensives Hobby zum Hobby.
Und dann Party! Gleich zweimal, nach der achten und nochmal nach der neunten Runde. Erst nochmal bunte Bilder:

Ein bunter Vogel - nicht nur auf dem, sondern auch am Brett

Mannschaftsführer Guido de Romph, Vorsitzender (und Ehrenmitglied) Ernst de Reus und der Bürgermeister
Wie das zweite Foto schon zeigt, ist dieser Erfolg einigen aufgefallen. Die Lokalpresse berichtete ausführlich, lokale Fernsehsender auch wie hier und hier zu sehen ist. Die interessierten sich vor allem für die Einheimischen - Spieler (neben Dick de Graaf und FM Richard Vedder noch dessen Bruder IM Henk Vedder, der Jahre in Hilversum spielte und dann zum Heimatverein zurückkehrte), Funktionäre und der Bürgermeister - und kaum für die Grossmeister ohne die es sicher nicht geklappt hätte mit dem Titel. Laut Guido de Romph gehen die "Gastspieler" nie direkt nach Hause (bis auf manchmal Ikonnikov, der per Zug an- und abreist), sondern bleiben ein paar Stunden und waren auch beim Meisterfest dabei. Das zweite Video zeigt auch Smeets und (ich denke) Nijboer beim Blitzen und später noch l'Ami im Hintergrund; das erste war nach Runde 8 wo sie nicht dabei waren. Die GMs sagten auch dass die Titel in Hilversum auf deutlich weniger Resonanz stiessen, sowohl von Vereinskollegen als auch von Lokalpresse.
Und wie geht es weiter? "Einmal Meister" wäre geschafft, und nun? Ziel für die nächste Saison ist ... Klassenerhalt, denn (Guido de Romph) sonst sagen die Gegner "En Passant ist ein 'voorbijganger' " - auf Deutsch vielleicht eine Eintagsfliege die en passant einen Titel gewinnt und dann wieder verschwindet. Die Krise spüren sie auch - das Kaaieman-Turnier gibt es (leider) nicht mehr, und die Baufirma, davor Hauptsponsor, musste Konkurs anmelden. Das konnten sie kompensieren, aber nun müssen sie (auch mit einem Bäcker als Sponsor) etwas kleinere Brötchen backen. Giri wird wohl weniger oder gar nicht mehr spielen, und sie werden auch keine Spieler aus dem Ausland einfliegen wie Nigel Short.
Was auch eine Rolle spielen könnte: Mit SISSA gibt es Konkurrenz auf dem niederländischen Spielermarkt. SISSA ist nicht etwa der Sponsor (Special Internet Solutions Service Amsterdam), sondern steht für "Scaccare Inter Studioses Stimulat Amicitiam". Es ist oder war nämlich ein Studentenverein aus Groningen. Die beiden Spitzenbretter haben aber, wenn überhaupt, zuletzt vor Jahren eine Vorlesung besucht. Dank ihres Sponsors hotels.nl (der vor einigen Jahren bereits andere Groninger Schachvereine förderte) konnten sie van Wely und Sokolov bereits für die dritte Liga verpflichten, und wer weiss was sie nun vorhaben? Sie sind jedenfalls aufgestiegen und wollen - wie En Passant - noch zweimal Erster werden. Guido de Romph: "Wenn sie Smeets oder l'Ami ein Angebot machen, können wir sie wohl nicht halten. Muss auch nicht sein, wir haben unser Ziel erreicht." Mittelfristig ist die Zukunft von En Passant (als Spitzenverein) auch unsicher, da viele heutige Sponsoren noch Verträge für ein oder zwei Jahre haben. de Romph: "Das können wir nicht mehr lange durchhalten." Vielleicht wird alles auch anders und aus En Passant - Sicht besser, geht die Krise vorbei, melden sich neue Sponsoren usw. .
Wie schnell es bergab gehen kann musste übrigens Hilversum erfahren, die sind zweimal hintereinander abgestiegen. Diese Saison vielleicht durch Pech oder Unvermögen - entscheidend war am Ende dass in gewonnener oder zumindest klar besserer Stellung ein Handy klingelte. Der Spieler hat sich hinterher bei seinen Kollegen entschuldigt: "Ich habe das Handy vor der Partie noch (übrigens sichtbar) kontrolliert und offenbar aus Versehen ein- statt ausgeschaltet. ... Wer will kann mir die volle Ladung geben: wie Ihr inzwischen wisst bin ich immer und überall per Handy erreichbar." Neben Enttäuschung lese ich im selben Artikel auch Realismus: "HSG steigt also zum zweiten Mal hintereinander ab, nach viermal Landesmeister jetzt zweite Klasse [dritte Liga], sein natürlicher Platz ohne Sponsoren. ... Drei Saisons Abstiegskampf, das wäre bei Klassenerhalt nahezu unvermeidlich, ist vielleicht auch zu viel. Rational gesehen ist der Abstieg darum kaum ein Problem."
Zum Schluss: Ist En Passant nun ein Vorzeigeverein? Ich sage zu 70% ja, die übrigen 30% haben zwei Gründe:
- "Vorbild" bedeutet dass andere dem nacheifern können, aber das "Modell Bunschoten" funktioniert vielleicht so nur in Bunschoten. Wie gesagt, SISSA hat jetzt ähnliche Ambitionen und vertraut dabei auf _einen_ grossen Sponsor. 2007 hatte Share Dimension für einen anderen Groninger Verein Kramnik eingeflogen, unklar ob es die Firma noch gibt - jedenfalls machen sie kein Schachsponsoring mehr.
- Generell bin ich ein bisschen skeptisch was "Kaufen von Erfolgen" betrifft. Aber ich akzeptiere dass es ohne Geld nicht geht. Ich kann nicht einschätzen wie es bei anderen Vereinen ausschaut betrifft Amateure (aus dem eigenen Verein bzw. der näheren Umgebung) vs. Profis oder Halbprofis, auf holländisch 'broodschaker' (Brotschachspieler). Sowohl quantitativ als auch qualitativ-atmosphärisch, d.h. das Verhältnis innerhalb der Mannschaft und zum Gesamtverein. Letzteres ist - soweit ich es beurteilen kann - in Bunschoten offenbar OK.
- Post date: 17. April 2013
So Leute, das Kandidatenturnier ist nun wirklich vorbei. Ich widme mich wieder niedrigeren Schachregionen zu - mit einem Beitrag der schon länger geplant und halb angekündigt war, aber in der Zwischenzeit gab es ja z.B. das Kandidatenturnier. Da ist mir zum Thema Damenopfer nur Svidler-Grischuk aufgefallen. Aber das ist a) wohl relativ bekannt, b) für mich viel zu kompliziert, ein Link muss reichen. Dann war da noch das letzte Bundesliga-Wochenende. Knapp eine Woche nach dem Kandidatenturnier, aber vielleicht doch noch in dessen Schatten, und sportlich war oder schien die Luft schon ziemlich raus. Vielleicht deshalb (man kann unbeschwert aufspielen) wurden da fleissig Damen geopfert, wobei Svidler diesmal auf der anderen Seite sass. Das haben Georgios Souleidis und auch Peter Doggers bereits besprochen, dann mache ich es nicht auch noch sondern fasse nur kurz zusammen: 1) Ein Damenopfer kann auch dann interessant und vermutlich korrekt sein, wenn der Gegner am Ende doch gewinnt. 2) Manchmal ist ein Damenopfer auch eher aus der Not geboren, und funktioniert nur, wenn der Gegner girig ist und das Opfer annimmt.
Beim Hessenduell Wiesbaden-Griesheim sassen ja auf beiden Seiten jede Menge Polen am Brett - das erwähne ich nur, weil es zu dem passt was später noch kommt. Nach Stefan Löfflers Beitrag scheint es wahrscheinlich, dass auch nächstes Jahr zwei hessische Vereine in der höchsten Spielklasse vertreten sind. Wiesbaden ist offenbar (auch finanziell) sorgenfrei, aus welchem heim kommt der zweite Vertreter? Viernheim, Hofheim, oder vielleicht doch Griesheim?
Bevor ich zum Kernthema komme noch das: ,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,, . So, damit hat dieser Beitrag vermutlich genug Kommas. Ich hoffe, dass die anderen an der richtigen Stelle sind. Ich hatte ja letztes Mal geschrieben "der Leser ist am Zug" - nicht etwa "die Redaktion ist am Zug". Aber ich kann nur das verwenden was ich bekam, und danach noch das was mir selber ein- oder auffiel. Das erste Beispiel ist nochmal Haudrauf-Schach. Ich setze das Diagramm einen Zug vor dem Damenopfer, denn der erste Zug der Kombination ist vermutlich schwieriger zu sehen:
Steffens, Olaf (2244) - Kiss, Attila (2393)

Das wurde im Oberwart Open 2004 gespielt, Runde 3 Brett 19. Weiss kann es verkraften, dass drei Figuren (Ta1, Lg2 und Sg1) nicht richtig mitspielen, denn welche schwarze Figur spielt eigentlich mit? Gerade hat Schwarz mit 26. - Lb7-c8 den Läufer zurückentwickelt und das konnte seine Stellung nicht mehr verkraften - nicht dass sie ansonsten völlig OK gewesen wäre. Wie verpasste Kollege Steffens dem Herrn Kiss bzw. dessen König den Todeskuss? So: 27.Le5! (droht Matt und der Leser darf selbst herausfinden was nach 27.-dxe5 passiert - bzw. ich verrate es gleich) 27.-Lf8 ein multifunktioneller Zug, deckt das Matt und greift die gegnerische Dame an. Allerdings droht nichts, denn die Dame ist wegen Matt tabu. Weiss spielte 28.Txf7 kein Ausrufezeichen, denn das war ohnehin geplant. Nun hängen drei weisse Figuren, allerdings hat er jeweils eine überzeugende Antwort. Schwarz kann sich das Mattbild aussuchen oder auch, dies geschah, aufgeben. 1-0
Gewisse Ähnlichkeiten mit Bosboom-Punt sind Zufall, oder vielleicht kein reiner Zufall.
Der nächste Tip stammt von Michael Schwerteck, am Brett sass ein Vereinskollege:
Hirneise, Jens (2090) - Hoensch, Matthias (2279), Wuerttemberg ch-MT(8), Tübingen 2007

Die Konturen der sizilianischen Drachenvariante sind noch deutlich, zuletzt geschah 15.Sb3 De5!? provokativ 16.f4 und nun 16.-Dxc3!? 17.bxc3 Sxe4 18.Dd3 Sxc3+ 19.Kc1 Sxa2+ 20.Kb1 Sc3+ 21.Kc1 Sa2+ 22.Kb1 Sc3+ 23.Kc1 Ein Blick in die Datenbank verrät: das gab es alles schon einmal, zehn Jahre davor in Österreich unter ähnlichen Elo-Vorzeichen. In Hamberger (2175) - Habibi (2325) geschah noch 23.-Sa2+ mit remis. Diesmal wollte Schwarz mehr: 23.-Tac8 24.Td2 Lxg4 25.Ld4 Lf5 26.De3 Sd5 27.Df2 e5 28.Lb2 Sb4 29.c3 Lh6 30.Kd1 Lg4+ 0-1
Auf Nachfrage schrieb mir Michael Schwerteck dazu noch, dass der Gegner (jüngerer Bruder des späteren IM Tobias Hirneise) "nicht irgendein Eloschwächerer" war, sondern damals (mit 15 Jahren) eines der grössten württembergischen Jugendtalente. Ein Jahr danach hatte er bereits Elo über 2300 (auf etwa dem Niveau hat er sich seither stabilisiert). Demnach "wäre ein Remis keine Schande gewesen", und Hoenschs ursprünglicher Plan war dann auch Dauerschach zu geben - aber dann gefiel dem Schwarzen seine Stellung zu gut. Und Weiss hielt seine am Ende für hoffnungslos; nicht jeder hätte da bereits aufgegeben? Michael ist sich sicher, dass Hoensch die Vorgängerpartie nicht kannte.
Ich bin sprachlos und verzichte auf eine eigene Meinung. Schwer zu sagen bzw. in Worten auszudrücken, worin genau die schwarze Kompensation besteht, auch wenn ich einige Zutaten nennen kann: rein materiell Springer und drei Bauern - das ist nicht genug aber da wäre auch noch der anfällige weisse König, der Monsterläufer auf g7, generell die Tatsache dass alle schwarze Figuren im Gegensatz zu ihren weissen Kollegen gut stehen, und auch dass Weiss im schwarzen Lager keinerlei Ansatzpunkte für Gegenspiel hat. Ist das, auch auf Dauer, (mehr als) ausreichend? War Weiss nach 23.-Tac8 bereits im höheren Sinne verloren? Musste es so schnell gehen, oder was hat er danach falsch gemacht? Und wie 15.-De5!? eröffnungstheoretisch zu bewerten ist, ist nochmal eine andere Geschichte, da Weiss ja nicht 16.f4 spielen muss was das Damenopfer erst ermöglicht (denn 17.-Sxe4 gehört dazu).
Das alles mögen andere Leute, z.B. Drachenspezialisten, entscheiden. Hier noch die Partie zum Durchklicken:
Nächster Schauplatz ist das Reykjavik Open, aktuell zum Zeitpunkt meines ersten Beitrags. Titel des nächsten Diagramms könnte sein "So kann man auch die Dame opfern", oder auch "So (Vorname GM Wesley) kann auch die Dame opfern".
So-Dziuba, Reykjavik 2013

Der Leser kann sich sicher schon denken was kommt: 20.Sxe4!? Txd1 21.Tfxd1 Sxe5 Schwarz schnappt sich einen Bauern, warum auch nicht? Die Alternative war, den Springer auf seinem Blockadeposten zu belassen und zunächst zu rochieren. Dann kommt wohl (21. - 0-0) 22.Sd6 Da7 23.b4 oder so ähnlich, mit positioneller Kompensation denn der Sd6 ist ein Riese und der Bauer auf b5, wie auch in der Partie, schwach. Generell zu diesem Damenopfer: Weiss will weder Dauerschach geben noch schnell mattsetzen. Die Musik spielt vor allem am Damenflügel - und natürlich würde Schwarz auch dann nicht lang rochieren wenn das noch ginge. 22.c6! Vorwärts, denn nach 22.-Sxc6? käme 23.Lf3 mit furchtbarem Röntgenblick 22.-Dc7 23.Lxb5 Damit sind es zwei Freibauern am Damenflügel, noch hat Schwarz sie unter Kontrolle. Houdini bevorzugt hier 23.Sc3 um mit dem Springer auf b5 zu schlagen und die Blockadedame zu befragen. Schwarz hat keine Zeit um den b-Bauern zu retten (23.-b4) oder den auf c6 zu fressen. 23. - 0-0 24.Sc4 Ld8 Auf den ersten Blick merkwürdig, aber die Idee ist dass der Läufer die Dame als Blockadefigur ablöst 25.Sc5 Sxc4 26.Txc4 De5 27.Tc2 Lc7 Voila, und Schwarz droht sogar mal was 28.g3 Tb8 29.La4 Ta8 Nach 29. - Txb2? ist 30.Sd3 (rückwärts) besser als 30.Sd7 (vorwärts) - aber beides zeigt dass der Springer auf c5 richtig gut steht. 30.b4 Df5 31.Tdc1 h5 32.Lb5 Lb6 33.Lf1 h4 34.Sd7 Ld4 35.c7 der nächste Schritt 35.-Tc8 36.Td2 hxg3 37.hxg3 Zugegeben, ich hatte vor allem aus weisser Sicht kommentiert. Aber Schwarz hat sich gut und aktiv verteidigt: den weissen Königsflügel aufgeweicht, Dame und Läufer aktiviert, und mittlerweile ist der Turm eine gute Blockadefigur. Jetzt war 37.- La7 Pflicht und alles bleibt unklar. Auf das direkteste 38.La6 geht dann 38.-Dg5 mit Doppelangriff auf d2 und (gesehen?) g3. Stattdessen kam sofort 37.-Dg5? was auch gut aussieht aber

es kommt eine kleine Kombination: 38.Txd4! Dxc1 Der weisse Läufer steht gut auf f1, ob das im 33. Zug so geplant war? Ich vermute eher dass So ihn gelegentlich nach g2 ziehen wollte. 39.Sf6+ Kf8 39.-gxf6 40.Td8+ Kg7 41.Txc8 immer noch Turm und Leichtfigur gegen die Dame, aber die kann nun ganz alleine die weissen Freibauern nicht aufhalten. 40.Td8+ Ke7 Jetzt wäre 40.Txc8 gxf6 nicht so toll da der schwarze König sich den Freibauern annähert. Aber es gibt einen besseren Zug: 41.Sg8# 1-0

Doch noch Matt! Hatte Dziuba das gar nicht gesehen (es ist ja kein alltägliches Mattbild)? Gönnte er dem Gegner diesen Moment? Oder war er in Zeitnot und hatte keine Zeit um aufzugeben?
Dafür bekam Wesley So den "Game of the day" Preis, eine CD eines isländischen Musikladens. Wichtiger war für ihn wohl, dass er damit gute Chancen auf einen netten Geldpreis hatte. Wie er und Eljanov tags darauf auf Nummer Sicher gingen, dazu wurde schon viel gesagt. Meine eigene Meinung muss ich nicht nochmal aufschreiben; das tat ich bereits und wurde dann von Eljanov zitiert. So wird seither auch hier erwähnt. Bei Eljanov dauerte es noch ein paar Tage; die fehlenden Elopünktchen holte er anschliessend in der isländischen Mannschaftsmeisterschaft.
Die anderen Game of the day Preise gingen meistens auch an mehr oder weniger bekannte Grossmeister (Navara, Sokolov, Eljanov, Ding Liren und dazwischen der Isländer Thorhallsson). Mitunter waren auch Amateure die Glücklichen, die mussten dafür entweder Königsgambit spielen oder die Dame opfern.
So, soso - ich habe noch mehr geplant, aber das reicht für heute. Damit gibt es demnächst in diesem Theater noch Damenopfer (Teil 3).
- Post date: 03. April 2013
Das Kandidatenturnier ist Geschichte, wobei sicher noch viel darüber geredet und geschrieben werden wird - vielleicht schreibt ja auch jemand ein Turnierbuch? Wie das Titelbild vermuten lässt, ist mein Rückblick etwas eigenwillig. Für mich war Svidler einer der Helden des Turniers, Kramnik der andere (tragische) Held und Carlsen hat halt irgendwie gewonnen. Verdient oder nicht, das tut nix zur Sache. Chessvibes schrieb dagegen im Abschlussbericht "A Hollywood blockbuster couldn’t have had a more dramatic scenario with the hero of the story going down just before the end, only to emerge as the winner after all." - so kann man es (nur) sehen, wenn man sich schon vorher (bereits vor dem Turnier?) für Carlsen als Held entschieden hatte? Vorher-nachher wird ein Thema meines Beitrags, aber erst noch zu Svidler. Das Foto ist etwas älter und stammt vom WM-Turnier 2005 in San Luis, Argentinien. Damals spielte Svidler, jedenfalls vom Ergebnis her, noch besser als jetzt in London (8.5/14 statt 8/14, geteilter Zweiter mit Anand statt geteilter Dritter mit Aronian), stand allerdings, wie alle, im Schatten des überlegenen Siegers Topalov. Inzwischen hat er sich äusserlich verändert und 22 Kilo abgenommen. Ich hatte "Svidler light" erst gar nicht erkannt, aber in Pressekonferenzen war er ganz der Alte. Und schachlich hat er auch diesmal (bis auf die erste Partie gegen Carlsen) überzeugt.
Ich hatte ja (zu) kurz vor dem Turnier die Idee, hier über Svidler zu schreiben, aber dann keine Zeit dafür. Der Leser muss mir das glauben, bzw. ich habe Zeugen (hatte es in einigen privaten emails erwähnt). Tenor wäre gewesen: "mit remis schieben wird man nicht sechsfacher russischer Meister und Weltcup-Sieger". Das wäre auch ein Gegengewicht gewesen zu den gefühlt siebenundfünfzig Artikeln hier und anderswo (einschliesslich Massenmedien) NUR über Carlsen. Allenthalben war er klarer haushoher Favorit (auf Englisch 'heavy favorite'), und dann kam ein Ergebnis wie von Topalov in San Luis und von Anand zwei Jahre danach in Mexico - nee, keinesfalls. Ein Teil der Carlsen-Fangemeinde (sicher ein ziemlich kleiner aber dafür sehr lauter Teil) bastelte während des bzw. zum Teil schon vor dem Turnier an Ausreden, vorneweg jede Menge Unsinn über "Soviet collusion". Haben die die letzten Jahrzehnte verschlafen? Wohl nicht komplett, sonst wäre ihnen Carlsen auch kein Begriff. Aber die Sowjetunion ist Geschichte, Ukraine, Azerbaijan und Armenien sind unabhängig, Israel übrigens auch. Vor der letzten Runde war Ivanchuk der grosse Buhmann ("der verliert garantiert absichtlich gegen Kramnik!"), nach der letzten Runde ein Held und ein unabhängiger Geist, der Befehle von oben (von wem eigentlich?) einfach ignorierte. Ich stehe dazu, dass Carlsens Sponsor, die norwegische Boulevardzeitung VG, derlei zumindest nicht ungern gesehen hat. "Carlsen ist der einzige, der kein Russisch spricht" ist vielleicht noch OK, aber genauso (ir)relevant wie "Ivanchuk ist der einzige, der lieber Russisch spricht" (in Pressekonferenzen hat er auch englische Fragen oft auf Russisch beantwortet). Aber im Artikel über Carlsens Sekundanten Peter Heine Nielsen den anderen Sekundanten Nepomniachtchi gar nicht erwähnen? Das hätte wohl nicht zum Bild der bösen Russen gepasst ... .
Andere Perlen waren: Sobald das "drohte": "Niemand will ein WM-Match Anand-Kramnik". Erstens ist das Leben kein Wunschkonzert, zweitens haben sie doch kein Meinungs-Monopol? Ich kenne zumindest drei deutsche Schachspieler, die das gerne gesehen hätten: einer schreibt gerade einen Artikel für Schach-Welt, der zweite heisst Dirk Bredemeier und hat sich auf Chessvibes geoutet, ein dritter will vielleicht anonym bleiben. Und ob alle Russen gegen Kramnik und für Carlsen sind wage ich auch zu bezweifeln. Dann noch "bei einer demokratischen Wahl des WM-Herausforderers würde Carlsen gewinnen" - was zählt ist doch auf dem Platz (äh, ich greife einer Fussball-Analogie voraus und meine "am Brett").

Anish Giri 2011 (Wikimedia Commons)
Was hat der denn in diesem Artikel zu suchen? Er war doch in London gar nicht dabei (ausser vielleicht als heimlicher Sekundant?). Nun, ich komme zu "Vorher-nachher" und Giri hatte für die Zeitschrift "Schach" die acht Teilnehmer 'durchleuchtet', was später auszugsweise auch hier veröffentlicht wurde unter dem netten Titel "Einer gegen Sieben" (wobei ich Raymund Stolze keine anti-russische Stimmungsmache unterstelle). Ebenfalls einfliessen werden die Meinungen der Herren Caruana, Ponomariov, Jones und l'Ami hier auf Chessvibes. Es geht mir nicht darum, diese fünf Grossmeister zu kritisieren, denn wie heisst es so schön: "Prediction is very difficult, especially about the future." Ich dachte das Zitat stammt von dem Philosophen Mark Twain, aber offenbar war der dänische Physiker Niels Bohr der Erste. Am weitesten daneben lag ja David Smerdon mit seiner Prognose für die letzten drei Runden - aber wer das richtig eingeschätzt hätte, ist der grösste Hellseher aller Zeiten.
Von Giris Vorschau weiche ich ab, indem ich die Teilnehmer nicht nach Elo sortiere sondern nach dem Ergebnis in London, der/dieser Reihe nach:
Vorab schrieb Giri "Ein Faktor ist auch ... vierzehn Runden in achtzehn Tagen ist ziemlich hart. Das kommt sicher den Jüngeren zugute, allen voran ..." [nein, Giri selbst ist (noch) nicht dabei, also]
Magnus Carlsen: "Das Kandidatenturnier ist etwas ganz Besonderes ... Wenn Magnus mit dieser Herausforderung mental zurecht kommt, taxiere ich seine Siegchancen auf achtzig Prozent."
Ist er mit der Herausforderung zurecht gekommen? Jein, gewonnen hat er trotzdem, aber nur denkbar knapp. Drei von Giris Kollegen waren übrigens vorsichtiger: "At the moment I would say Magnus is the strongest guy in the world, but I don't think that guarantees him victory and I'm not sure if he even has the best chance. I wouldn't really know who does." (Caruana). "If you just put the players in order of rating, it makes no sense to hold the tournament. Anything can happen." (Ponomariov). "He's surely the favorite but not that much." (Jones). Nur l'Ami sagte was sonst alle sagten: "Carlsen is the clear favorite. That's not a very surprising remark, but if he's in normal shape, he'll just win this tournament." Die letzten Runden war Carlsen vielleicht nicht in 'normal shape', davor spielte er so wie immer (auch beim London Classic und in Wijk aan Zee hatte er diverse schlechtere Stellungen) und trotzdem waren erst Aronian, dann Kramnik zumindest nicht chancenlos.
Caruana sagte auch noch "Er (Carlsen) verliert nie die Fassung und bleibt immer cool. Ich denke, das wird sehr wichtig in den letzten Runden wenn andere vielleicht müde oder nervös werden." Am Ende waren ALLE müde und nervös, auch Carlsen.
Vladimir Kramnik: "Mit einem guten Start hat er alle Chancen. Eine gute Partie setzt Kräfte bei ihm frei." Chancen hatte er trotz eines (rein vom Ergebnis her) mässigen Starts. Es war eigentlich ein bekanntes Szenario: ein oder zwei Spieler scheinen das Turnier zu dominieren und dann kommt plötzlich ein anderer dazu. Nur hiess dieser diesmal nicht Magnus Carlsen, und war die Aufholjagd nicht erfolgreich genug. "Kramnik wird wahrscheinlich von allen Kandidaten theoretisch am besten vorbereitet sein." Dem war so ... "Ich bin mir sicher, dass er ein starkes Team hinter sich weiss, mit einigen Namen, die man da nicht unbedingt vermuten würde (es gab Gerüchte ...)." Werden diese Geheimnisse noch gelüftet? "Er ist bekannt dafür, auch an seiner Physis zu arbeiten, die Kraftreserven werden in London eine grosse Rolle spielen." Das hat offenbar auch prima funktioniert, wobei er (wie alle) wohl die letzten Reserven ausschöpfen musste. Die anderen vier GMs waren, was Kramniks Chancen betrifft, alle etwas skeptisch angesichts Kramniks (unterstellter) konditioneller Probleme. Da war natürlich was Wahres dran, zuletzt in Zürich, aber "das Kandidatenturnier ist etwas ganz Besonderes".
Peter Svidler: "... ist ein wirklich netter Kerl!" Das ist er sicher, aber im Kontext war es von Giri ein leicht vergiftetes Kompliment? "In den Eröffnungen war er zuletzt anfällig, aber daran hat er sicher gearbeitet." Hat er! "Peter glaubt nicht in genügendem Masse an seine Chancen. Wenn er keinen Vorteil hat, will er remis machen." Hier gilt der alte finanzielle Spruch: Resultate aus der Vergangenheit sagen nichts über die Zukunft. "Wie Grischuk ist er vor allem froh, dabei zu sein und sich etwas vom Preiskuchen abschneiden zu können." In der letzten Pressekonferenz sah Svidler sein (gutes) Resultat mit gemischten Gefühlen - "ob ihr's glaubt oder nicht, ich wollte das Turnier gewinnen". Dann - und es war am Ende knapp - hätten Leute wohl wieder gemeckert, dass er kein würdiger WM-Herausforderer ist?! Die anderen vier gaben Svidler alle leichte Aussenseiter-Chancen.
Zeit für ein aktuelles Foto von Svidler:
Svidler light, London 2013 (Quelle: Turnierseite)
Levon Aronian: "um ehrlich zu sein, ich glaube nicht an ihn! Seit seinem Ausscheiden ... im letzten Zyklus habe ich Zweifel, ob er mit dem Druck zurecht kommt, wenn der Titel auf dem Spiel steht" Womöglich hat Giri da Recht? "Die Frage bleibt, welchen Aronian wir zu sehen kriegen: den, der mit sich selber kämpft, oder den brillianten Rechner voller genialer Einfälle" Ich würde sagen wir haben beide Aronians gesehen. "Eines zumindest scheint mir sicher: Wenn er gewinnt, wird es ein spektakuläres Turnier gewesen sein!" Aronian hat nicht gewonnen, dennoch war es ein spektakuläres Turnier - und dennoch war Aronian daran mitschuldig.
Drei der vier anderen sahen Aronian als Mit-Favorit, nur l'Ami war (zumindest zwischen den Zeilen) auch etwas skeptisch. Aber der hatte sich ja ohnehin auf Carlsen festgelegt.
Boris Gelfand: "Er ist sehr motiviert für einen 44-jährigen, mit mentaler Stärke steckt er sein Alter weg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gelfand gewinnt, aber anders als bei Radjabov, Grischuk und Svidler kann ich es nicht völlig ausschliessen. Schon in Kasan war er für ein Wunder gut." Es hat bei weitem nicht gereicht, aber in mehreren Partien zeigte er, dass Kasan kein einmaliger Zufallstreffer war. Nur gegen Carlsen war er chancenlos - in der ersten Partie hat er ein Remisendspiel vergeigt, in der zweiten hat Carlsen von Anfang an gut gespielt (aber für mich war das die einzige tolle Partie von Carlsen im ganzen Turnier). Dass er erst Aronians Lauf beendete und dann gegen Kramnik in verdächtiger Stellung remis halten konnte, tat ihm vielleicht selbst leid (nach der Partie gegen Aronian äusserte er sich dementsprechend), denn er ist mit beiden befreundet, aber er ist ein absolut integrer Schachprofi und "collusion allegations" sind ohnehin Unsinn.
Die vier anderen gaben Gelfand auch alle gewisse "dark horse" Aussenseiterchancen.
Alexander Grischuk: " ... kann ich mir auch nicht als Sieger vorstellen. ... Alles zwischen +2 und dem letzten Platz ist möglich. Aber ein Anwärter auf den Sieg ist er nicht." Dazu fällt mir nicht viel ein, hier lag Giri richtig; die anderen vier hatten es mehr oder weniger ähnlich eingeschätzt.
Vassily Ivanchuk: " ... kann WM-Herausforderer werden, wenn er seine Nerven im Griff hat. Praktisch jeder, wohl sogar er selbst, erwartet, dass er zusammenbricht. Sobald es um die Weltmeisterschaft ging, ist er bislang noch jedes Mal gescheitert. ... Aber wenn es läuft und Chucky voll konzentriert bleibt, ist er ein Tier!" Wir haben das Nervenbündel und das Tier gesehen? Ich könnte Romane schreiben über Ivanchuk, seine Eröffnungen, seinen ewigen Kampf mit der Uhr (die Uhr hat fünfmal gewonnen, wobei es wohl nur gegen Grischuk partieentscheidend war), verzichte aber darauf. Bei den anderen vier GMs (und auch bei Giri) habe ich den Eindruck, dass sie ihm einen grossen Erfolg gegönnt hätten aber nicht dran glaubten. Alle Prognosen waren richtig - Kunststück: alle schrieben dass alles möglich war.
Teimour Radjabov: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein Rundenturnier wie in London gewinnt. Ein Plus-Ergebnis ist drin für ihn, aber kein hohes. Er bricht nicht zusammen, aber er ist auch kein grosser Kämpfer." Radjabov IST zusammengebrochen, aber ich mache Giri keinen Vorwurf, dass er das nicht prognostizierte (sonst wäre er Hellseher). Radjabov war die negative Überraschung des Turniers, neben der positiven Svidler. Gegen Carlsen war 1.5/2 drin, und es wurde 0.5/2. "Ich fürchte, seinen Königsinder werden wir nicht zu sehen kriegen." Der kam zweimal aufs Brett, und gegen Kramnik hatte er es auch angedeutet bevor es Benoni und dann Englisch wurde. Alle drei Partien hat er verloren.
Die anderen vier konzentrierten sich auf Radjabovs mangelnde Praxis in den letzten Monaten. Unklar woran das lag: bekam er keine Einladungen, oder - wie er selbst andeutete - hat er einige "aus familiären Gründen" abgelehnt? Details nannte er nicht, muss er auch nicht - aber Ponomariov hat und tut ihm womöglich unrecht: "He doesn't play much, perhaps because he is not so hungry like other players. Maybe he is happy in Azerbaijan, maybe he is just enjoying his marriage, but you should also work on chess to be hungry for chess, to be motivated."
Am Kandidatenturnier waren übrigens noch zwei Deutsche beteiligt, nämlich:

Friedrich Sämisch (Foto Wikipedia) ist zwar schon einige Zeit tot, aber in London gleich doppelt wieder auferstanden. Svidler spielte seine Eröffnungen - f3 gegen Königsindisch ist eher selten aber nicht völlig aus der Praxis verschwunden, aber wann sah man zuletzt auf hohem Niveau a3 gegen Nimzo-Indisch? Und Ivanchuk teilte sich seine Bedenkzeit so ein wie der alte Fritz. Dessen Weltrekord ist wohl trotzdem für die Ewigkeit, einmal hat er nach 12 Zügen auf Zeit verloren. Und
Jan Böhmermann (Foto Franz Richter - Wikipedia)
Wer ist das denn? Ein Hörfunk- und Fernsehmoderator und Satiriker, und von ihm stammt der Spruch "Fussball ist wie Schach - nur ohne Würfel !" - nicht etwa von Lukas Podolski, sondern es war eine Podolski-Parodie.
Das Kandidatenturnier durch die Fussball-Brille betrachtet: Einige von Kramniks Partien erinnerten mich an Fussballspiele in denen eine Mannschaft ständig in der gegnerischen Hälfte ist, ein, zwei oder dreimal Pfosten oder Latte trifft und am Ende steht es 0-0. Der Schwarzsieg gegen Aronian war dagegen ein 5-4 Auswärtssieg - vielleicht glücklich, aber über die gesamte Partie betrachtet nicht unverdient? OK und Team Grischuk schoss ein Eigentor, allerdings entstand das aus einer komplizierten Situation im eigenen Strafraum.
Carlsen dagegen: zwei Partien wurden durch gegnerische Eigentore entschieden (gegen Gelfand in der 85. Minute, gegen Radjabov erst tief in der Verlängerung). Einmal war der Gegner stark ersatzgeschwächt - Svidler spielte, warum auch immer, in der Hinrunde gegen Carlsen seine bei weitem schlechteste Partie im ganzen Turnier. Und hier hat Grischuk sich mit einer roten Karte selbst geschwächt, sein Opferangriff war einfach zu spekulativ. Dann gab es noch ein glattes 3-0 gegen Gelfand in der Rückrunde.
Und am Ende entschied dann der Tiebreak-Würfel.
Dabei belasse ich es für heute, wobei das Kandidatenturnier und auch die Reaktionen danach noch Stoff bietet für weitere Beiträge ...
- Post date: 10. März 2013
Auf die Idee für diesen Beitrag kam ich nachdem ich an einem Tag gleich zweimal Damenopfer im Internet erwähnte: erst Karjakins Damenopfer im Armaggedon gegen Grischuk und abends im Kommentar auf Chessvibes zur vorletzten Runde in Zürich: "Today had two exchange sacrifices and a rook sacrifice by Kramnik to force perpetual check in the end. If tomorrow's games have two queen sacrifices and finish with draws, will people still complain?" Tags darauf waren die Remishasser dann zufrieden: Kramnik patzte gegen Anand, und Gelfand verlor gegen Caruana ein Endspiel das trotz Minusbauer womöglich remis war. Aber das nur nebenbei.
Sinn der Sache ist keinesfalls das Thema Damenopfer systematisch und quasi wissenschaftlich zu behandeln, sondern nur ein paar mehr oder weniger bekannte und mehr oder weniger alte Beispiele zu bringen. Ob es Teil 2 gibt weiss ich noch nicht - das liegt an Euch oder Ihnen, denn am Ende ist der Leser am Zug!
Legen wir los - wie das Titelfoto schon vermuten lässt ist das erste Beispiel etwas älteren Datums, relativ bekannt aber immer wieder schön anzusehen. Vishy Anand kannte es auch und hat Aronian in Wijk aan Zee mit ähnlichen Motiven besiegt, wenn auch ohne Damenopfer.
Rotlewi-Rubinstein, Lodz 1907

22.-Txc3!! 23.gxh4 Td2!! 24.Dxd2 Lxe4+ 25.Dg2 Th3! 0-1 Frohe Weihnachten (die Partie wurde am 26.12.1907 gespielt).
Rubinstein ist übrigens Gelfands Lieblingsspieler. Auf das Kandidatenturnier freue mich ja schon länger, und nicht nur wegen einem jungen Norweger sondern auch wegen Spielern meines Alters - wobei es Gelfand schwer fallen dürfte seinen Vize-WM-Titel zu verteidigen, aber wer weiss das schon? Fussball ist auf dem Platz, und Schach am Brett.
Sagte ich Kandidatenturnier? Sagte ich Zürich? Passt das irgendwie zusammen?
Averbakh-Kotov, Zürich 1953

30.-Dxh3+ 31.Kxh3 Th6+ 32.Kg4 Sf6+ 33.Kf5 Sd7 34.Tg5 Tf8+ 35.Kg4 Sf6+ 36.Kf5 Sg8+ 37.Kg4 Sf6+ 38.Kf5 Sxd5+ 39.Kg4 Sf6+ 40.Kf5 Sg8+ Warum die ganzen Zugwiederholungen? Nun, auch heutzutage will man so vielleicht die Zeitkontrolle erreichen - aber damals hatte es noch einen anderen Grund: die Partie wurde hier abgebrochen, und Kotov konnte nun ganz in Ruhe analysieren (auch mit fremder Hilfe, allerdings ohne Engines). 41.g4 Lxg5 42.Kxg5 Tf7 43.Lh4 Tg6+ 44.Kh5 Tfg7 45.Lg5 Txg5+ 46.Kh4 Sf6 47.Sg3 Txg3 48.Dxd6 T3g6 49.Db8+ Tg8 0-1

Weiss kann zwar das Matt verhindern (50.Dxg8+) aber hat danach - inzwischen - eine Figur weniger.
Auch das war noch vor meiner Zeit; diese Partie wurde von Frits Fritschy auf Chessvibes erwähnt (der heisst wirklich so, auch wenn ich lange dachte das sei ein Pseudonym wie Harry Houdini oder Rudi Rybka). Nun noch zwei gelungene Beispiele jüngeren Datums, und dann ... das verrate ich noch nicht. Eigentlich wäre es ja nett wenn zwischen den Beispielen jeweils 64 Jahre liegen würde, aber so habe ich nicht recherchiert.
Ganguly-Spoelman, Wijk aan Zee B 2011

22.Lxf6 Lxd6 23.Txg7+ Kh8 24.Sg5 Lxh2+ 25.Kh1 1-0
Die Chessbomb-Liveübertragung nannte 22.Lxf6 anfangs einen schweren Fehler (dunkelroter Zug) da Weiss nur Dauerschach habe - die Keule 24.Sg5 hatte Houdini (in der Suchtiefe) nicht antizipiert.
Ein alter Bekannter darf nicht fehlen:
Bosboom-Punt, Amsterdam Science Park Open 2012

18.hxg6 fxg6 Houdini - der schon vorher die weisse Partieanlage kritisierte - meint dass Schwarz hier die Dame schlagen konnte mit gewissem Vorteil (-0.5) aber die Variante habe ich mir nicht angeschaut. Der Rest ist relativ forciert: 19.Sxg4 Sxc3 20.Sh6+ Kg7 21.Lxc3+ Tf6 22.Sg4 Kg8 23.gxf6 Lf8 24.Ke2 Dd6 25.Tag1 Te8 26.Txh7 Kxh7 27.f7 Te5 28.Lxe5 1-0
Ich hatte meine Blogkollegen um Hilfe gebeten (Beiträge aus eigener Praxis?) aber niemand hatte was Passendes, Krennwurzn dafür eine Anekdote vom Aschach-Open 1996:
Beim(2570)-Balinov(2385), Aschach 1996

Der nominell bessere Spieler verwaltete schon einige Zeit eine Mehrqualität, aber inzwischen hat Schwarz Gegenspiel. Hier hätte nur 46.Dh8 Vorteil bewahrt - Idee 47.Dg7+ Kh5 48.Dxh7+ Sxh7 49.Txh7+ Kg4 50.Th4 matt. Daher ist 46.-Sd7 erzwungen, und dann 47.Dc8 Sf6 48.Dxe6 Txe6 und der Rest ist Technik. Stattdessen kam 46.Df8+ Kh5 47.Dxf6?!?! Txf4+! 48.gxf4 Dxf6 49.Kf3?! (49.Txh7+ Kg4 50.Td7 war zäher) 49.-h6 50. Tg2 g5 51. Tgc2 g4+ 52. Kg2 Dd4 0-1 Prosit Neujahr! Diese Partie wurde am 31.12.1996 gespielt.
Aus Krennwurzns email: "Ich war damals als Augenzeuge vor Ort nach 47. Dxf6 begann Balinov nachzudenken, Beim stand dann auf und ging schon gutgelaunt spazieren - einige auch starke Spieler gratulierten ihm schon zu dem schönen Zug (inkl. Rang 2od3). Einige fanden es befremdlich und unsportlich, dass Balinov nicht aufgab (damals gab es ja noch keine so starken Handys) und als er dann nach über einen halben Stunde Txf4!! spielte, wurde es den ersten klar, dass der schwarze König aus dem Mattnetz entschlüpfen kann."
Da musste ich an eine eigene Jugendsünde denken - ist schon so lange her dass ich mich weder an den Gegner noch an das Jahr noch an die genaue Stellung erinnern kann, es stand etwa so:
Richter - ?, Mannschaftskampf Eppertshausen - Gross-Zimmern, Verbandsklasse Starkenburg (Hessen) 19xx

Natürlich steht Weiss besser (Schwarz hätte lieber einen Minusbauern akzeptieren sollen statt kurz davor den auf h4 zu fressen), aber hier spielte ich das brilliante Df5???!! - mit einem weissen König auf a1 hätte es funktioniert! An dem Sonntagmorgen wären wir alle vielleicht besser im Bett geblieben, bei dem Mannschaftskampf ging alles schief was schief gehen konnte - erst wegen Autoproblemen 45 Minuten Verspätung und dann kippten mehrere Partien - Endergebnis 1-7 gegen einen etwa gleichwertigen Gegner.
Es dauerte gut 25 Jahre bis ich die Chance zu einem korrekten Damenopfer bekam - nicht allzu spektakulär aber das Beste was ich selbst bieten kann:
Richter-Zijm, En Passant Club, 18.2.2013

28.Tc7 De8 (Houdini will hier 28.-Tb1!? sehen, aber das hatte ich, Elo 1950, nicht gesehen und mein Gegner, Elo 1486, auch nicht) 29.d5 exd5? 30.exd5 und nun hoffte ich dass er 30.-Td7 spielt um mit 31.Txd7 Dxd7 32.Dxe7! zu glänzen. Sofort 31.Dxe7 ist noch spektakulärer, aber das macht man nur wenn man sich VÖLLIG sicher ist oder wenn es keine einfachere Alternative gibt! Stattdesseb kam 30.-Tbd6 31.Dxe7 Dxe7 32.Tc8+ 1-0 (gilt das auch als Damenopfer?).
Wie anfangs angekündigt, jetzt ist der Leser am Zug. Wer hat Beispiele aus eigener Praxis bzw. von Clubkollegen, Freunden oder Bekannten? Gerne unbekannte Beispiele - Vereinsmeisterschaft, Mannschaftskämpfe der Zweiten Bundesliga und darunter, Brett 42 oder 128 in irgendeinem Open, was auch immer. Per Kommentar wird es vielleicht unübersichtlich, lieber per email an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .
- Post date: 27. Februar 2013
Dass das Aeroflot Open wieder stattfand (was einige Zeit nicht gesichert war) ist für mich zunächst mal eine gute Nachricht. Dass dieses Jahr alles anders ablief, darüber kann man geteilter Meinung sein. Schuld waren die Sponsoren die diesmal nur für Schnell- und Blitzschach zahlen wollten: sie finden Partien mit klassischer Bedenkzeit "langweilig, armselig und nutzlos" - nicht etwa (wie gelegentlich suggeriert wurde) Ilya Levitov vom Russischen Schachverband, der hat sie nur zitiert, don't blame the messenger. Die Alternative war wohl dieses Turnier oder gar kein Turnier.
Wieviele Grossmeister waren deswegen sauer? Dementsprechend geäussert haben sich offenbar Khalifman, Krasenkov, Sutovsky und Spraggett. Wobei "mickey" (Krasenkov, nicht etwa Adams) auf Khalifmans Forum schrieb dass ihm Aeroflot immer eher egal war - Google-Übersetzung: "And from Aeroflot I personally did not really have neither cold nor hot." Viele andere machten sich auf die mehr oder weniger weite Reise nach Moskau - mit seiner Prognose "90% Russen" lag Sutovsky wohl eher daneben. Wer ein starkes Open mit klassischer Bedenkzeit bevorzugt kann ja z.B. in Reykjavik spielen - da ist es um diese Jahreszeit auch kalt und ausserdem dunkel!
Man kann den Spiess auch umdrehen: Was wäre wenn die Mainzer Organisatoren vor inzwischen anderthalb Jahren gesagt hätten: "Schnellschach ist blöd, zu viele Patzerzüge, ab sofort spielen wir mit klassischer Bedenkzeit!" Der Aufschrei wäre wohl auch gross gewesen, zumal das Teilnehmerfeld dann wohl schwächer wäre - bei gegebenem Etat bekommt man wohl entweder Weltklassespieler für zwei Tage oder zweitrangige GMs für eine Woche? So ist Aeroflot 2013 irgendwie Nachfolger von Mainz - ein stark besetztes Schnellturnier für jedermann oder zumindest jeder-GMann. Und die Wolld Mind Spolts Games in Peking sind Nachfolger der Amber-Turniere - ein stark besetztes Schnell-, Blitz- und Blindturnier für geladene Gäste. In beiden Fällen reicht das Budget wohl nicht für die allerbesten und allerteuersten Spieler, aber dafür bekommen andere ihre Chance.
War dann bei Aeroflot 2013 alles prima? Schnellschach an sich ist OK, aber wenn ich Ausrichter wäre (da fehlen mir, jedenfalls auf diesem Niveau, einschlägige Erfahrung und einschlägige Kontakte) oder Sponsor (da fehlt ein bisschen Kleingeld) würde ich ein paar Dinge anders machen. Teil eins des Turniers war im Schweizer System wobei sich die ersten 32 für die anschliessend KO-Phase qualifizierten - und es war ziemlich egal ob man erster, achter, fünfzehnter oder zweiunddreissigster wird. Daher wurde in den letzten Runden fröhlich remis gespielt um das Erreichte abzusichern. Den Anfang machten in Runde 7 von 9 Mamedov (davor 6/6) und Sjugirov (davor alleiniger Zweiter mit 5.5/6) - das konnte spannend werden, und tatsächlich opferte Mamedov mit Weiss schon im vierten Zug eine Figur: 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Ld7 4.0-0!? Sc6!? 5.Te1 Sf6 6.c3 e6 7.d4 cxd4 8.cxd4 d5 9.e5 Se4 10.Sbd2 1/2 - wenn die Übertragung stimmt wollten sie wohl keinen Zweifel aufkommen lassen dass sie das Ergebnis bereits vor der Partie kannten? Es kann natürlich auch sein dass sie 4.Lxd7+ Dxd7 so schnell spielten dass es nicht registriert wurde. In den nächsten beiden Runden war Chadaev Rekordhalter: mit Weiss gegen Guseinov 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Lf4 Lg7 1/2 (OK, das London-System ist sehr remislich) und mit Schwarz gegen Tukhaev 1.e4 e5 2.Sf3 1/2 (hier hätte er zumindest noch 2.-Sf6 spielen können?). Und was machte Mamedov zwischenzeitlich? Erst eine Niederlage am Spitzenbrett gegen Kamsky (der wollte tatsächlich noch spielen, Brett 2-10 wurde alles remis in insgesamt 60 Zügen) und dann das gegen Le Quang Liem: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5 cxd5 4.Sc3 Sf6 5.Sf3 Sc6 6.Lf4 Lf5 7.e3 e6 8.Dd3

und schnell remis anbieten bevor der Gegner auf dumme Gedanken kommt, dem war nicht so. Hier kann es auch sein dass das DGT-Board den jeweils achten Zug (8.Ld3 Lxd3) nicht registrierte - andererseits hatte Mamedov so gute Karten dass er sich auch mit einer Niederlage noch qualifiziert hätte. Am Spitzenbrett kopierten Sjugirov und Kamsky diese Partie bis zum siebten Zug, dann geschah 8.Ld3 Ld6 9.Lxd6 1/2 . Wie kann man derlei Geschichten verhindern? Vielleicht indem sich nur 8 Spieler qualifizieren, dann können allenfalls ein paar taktieren und nur in der allerletzten Runde.
Teil 2 war im KO-Format (irgendwann auch mit den eingeladenen Spielern Karjakin, Grischuk, Svidler, Nepomniachtchi, Karpov(!), Mamedyarov, Andreikin und Wang Hao), zwei Schnellpartien und dann - wenn nötig - gleich Armaggedon. 13 von 39 Mini-Matches wurden so entschieden, siebenmal gewann Weiss und sechsmal Schwarz. War wirklich keine Zeit für ein paar Blitzmatches vor dem finalen Showdown? Ein Grund warum die Russen Schnell- und Blitzschach mögen ist vielleicht dass sie darin Doppel-Weltmeister sind? Zufällig (oder auch nicht) trafen Schnellschach-Weltmeister Karjakin und Blitz-Weltmeister Grischuk im Finale aufeinander, und auch da kam es zum Armaggedon. Ich zeige dem Publikum die beiden erstmal, die Fotos stammen vom Vorgänger das Aeroflott-Festivals:

Grischuk 2009 in Mainz [Stefan64 - Wikipedia]

Karjakin 2010 (noch ohne Privatsponsor) [Stefan64 - Wikipedia]
2009 war Karjakin nicht dabei, und Grischuk wurde (nach zwei Niederlagen in den Schlussrunden) 23. . Ein Jahr später teilten sich beide den zweiten Platz mit Shirov, einen halben Punkt hinter Aronian.
2013 in Moskau musste am Ende einer von beiden gewinnen und der andere verlieren. Die Schlusstellung der Armaggedon-Partie ist ja bekannt:
Zuletzt geschah 54.De4!! Txe4+ 55.fxe4 1-0 denn Turm und zwei Sekunden ist mehr wert als Dame und null Sekunden! Mit Inkrement hätte wohl Grischuk gewonnen, das hätte es aber erst ab dem 60. Zug gegeben.
Eine russische Zeitung schrieb dazu (Google-Übersetzung): "But in 'Armaggedon' white Karjakin won by request. Did it beautifully, in the end, giving the queen to make Grischuk spend an extra second and cut his flag." Auf Deutsch: "Aber in 'Armaggedon' weiβen Karjakin gewann auf Anfrage. Hat es schön, am Ende, was die Königin zu machen Grischuk verbringen sie einen zusätzlichen zweiten und schnitt seine Fahne."
Über 'beauty in chess' kann man geteilter Meinung sein, ich habe schon beautifullere Damenopfer gesehen (leider noch nicht selbst gespielt - eine Chance hatte ich potentiell letzte Woche in der Vereinsmeisterschaft aber mein Gegner hat lieber prosaisch verloren). Hier erwähnte Stirlitz dass der Autor des Artikels Cyril Zangalis auch Karjakins Manager ist. Nun ist es - Karjakin gegenüber - etwas unfair die Partie auf die Schlusstellung zu reduzieren: er stand 50 Züge lang besser bis klar gewonnen und erst danach objektiv auf Verlust. Wer hat nicht schon mal solche Blitzpartien gespielt und den Gegner am Ende über die Zeit gehoben? Das kenne ich aus meiner eigenen Praxis.
Noch ein bisschen Klatsch und Tratsch: Karjakin hat offenbar auch abseits des Schachbretts eine Dame eingestellt, geopfert oder verloren und sich von seiner Frau getrennt - das wurde hier eher nebenbei erwähnt ("We are completely different. I am more calm, she explosive."). In der Hinsicht ist Grischuk vielleicht der Glücklichere und womöglich eher Ausnahme: ein Spitzen-Schachspieler mit einer stabilen Beziehung/Ehe zu einer Schachspielerin? Ich gehe davon aus dass diese Fakten stimmen, nicht unbedingt alles andere in diesem Artikel - z.B. dass Carlsen in Gewinnstellung remis anbietet um rechtzeitig im Hotel Fussball (Real Madrid) zu gucken.
Soweit war das meine Meinung zu Dingen die auch anderswo erwähnt wurden. Nun noch was ich selbst entdeckte: zwei Stellungen aus dem Quali-Schnellturnier bei denen das Ergebnis nicht zur Schlusstellung passt (und auch nicht zur Paarung, denn jeweils hat der nominell Bessere mit Weiss verloren).
Le Quang Liem (2705) - Ponkratov (2584)
Zuletzt geschah in einer wechselhaften Partie 41.-Tb5 und Weiss gab auf (oder sein Blättchen fiel). Houdini analysiert trocken 42.Dxc3 Tb1+ 43.Lf1 Lxf1 44.Td1 Dxd6!? 45.Txb1 Dxd7 46.Txf1 +2. Auch wenn man sich als Weisser verzählt wieviele Figuren geschlagen werden und was übrig bleibt - im 44.Zug hätten einige Alternativen zumindest nicht verloren.
Sasikiran (2677) - Kazhgaleyev (2594)
Zuletzt geschah 21.Dxa8 Sc5 0-1. Welche Gespenster hat Sasikiran hier gesehen? Houdini sieht weit und breit nur Dauerschach-Varianten, z.B. 22.Lc2 Dxe3+ 23.Tf2 De1+ 24.Tf1 De3+ (Schwarz kann abweichen aber steht sicher nicht gewonnen).
P.S.: Mein Dank an Colin McGourty für - teils auf Anfrage - diverse russische Quellen (mehr als ich dann verwenden konnte oder wollte), Google für die Übersetzungen und Olaf Steffens für das Aeroflott-Wortspielchen (da wäre ich aber auch selber drauf gekommen).
- Post date: 10. Februar 2013
In diesem Beitrag geht es vor allem um Reinfälle und Unfälle und nur am Rande um Einfälle. Wahrscheinlich tue ich dem Turnier damit Unrecht, aber in der Liveübertragung der fünften Runde fielen mir gleich acht Partien (von 25) auf mit mehr oder weniger kuriosen Wendungen und starken, teils mehrfachen Sprüngen im Urteil des Computer-Orakels. Ich beschränke mich auf vier Beispiele mit denen ich folgendes demonstrieren will (später in umgekehrter Reihenfolge):
1) Im Endspiel muss man sich voll konzentrieren und genau rechnen, jedes Tempo kann wichtig sein. Das ist ja inzwischen Thema von Michael Schwerteck, ich werde mich daher relativ kurz fassen.
2) Im Mittelspiel sollte man nicht zu früh resignieren, schliesslich wurde durch Aufgeben noch nie eine Partie gewonnen.
3) Bevor es soweit kommt muss man erstmal die Eröffnung überleben.
Worum geht es generell? Das Moscow Open war immer der kleine Bruder des Aeroflot Open. Was das Teilnehmerfeld betrifft ist das nach wie vor der Fall: für Aeroflot haben u.a. Grischuk, Svidler, Andreikin und Karjakin zugesagt, beim Moscow Open war Nepo(mniachtchi) der einzige der Kategorie 2700+. Allerdings fliegt Aeroflot schachlich gesehen dieses Jahr nur noch von Moskau nach St. Petersburg (Schnellschach) bzw. vom einen zum anderen Moskauer Flughafen (Blitzschach). Beim Moscow Open wurde, wen wundert es, vor allem Russisch gesprochen - wohl auch vom einzigen Deutschen in der A-Gruppe Igor Glek. Er spielte für seine derzeitigen Verhältnisse recht erfolgreich und holte am Ende eine GM-Norm (TPR 2606). Die braucht er natürlich nicht mehr - einmal GM immer GM auch wenn seine Elo inzwischen auf 2431 abgesunken ist. Andere Ex-Sowjetrepubliken waren auch vertreten, ausserdem fiel mir noch auf: der Venezolaner Iturrizaga ist immer noch auf Europa-Tournee (davor spielte er in Gibraltar) und Indien war auch mit einer recht grossen Delegation vertreten. Mehrfach spielten Inder gegen Inder - fliegt man dafür meilenweit?
Ich habe diesen Bericht etwas verzögert um kurz zu erwähnen wie das Turnier ausging: Nach der sechsten Runde lagen die Herren Ponkratov und Kokarev vorne mit 5.5/6 (nie gehört, muss ich denn jeden Russen kennen?). Dann remisierten sie und zwei Tage später lagen sieben Spieler vorne - darunter auch Nepomniachtchi der nach einem Remis in der zweiten Runde das Feld etwas von hinten aufrollte. Noch schlechter erging es anfangs dem Zweiten der Setzliste Khismatullin: nach drei Runden hatte er nur ein halbes Pünktchen. Dann holte er noch 5.5/6 aber zufrieden war er wohl eher nicht mit dem Turnier. In der Schlussrunde spielten sechs der sieben gegeneinander remis, und Savchenko wurde runtergelost gegen den nun etwas zurückgefallenen (Niederlage tags zuvor gegen Nepomniachtchi) Ponkratov, gewann und war damit ungeteilter Erster. Vielleicht hatte Savchenko Glück dass Ponkratov auch gewinnen wollte. Ich zeige die Schlussphase ihrer turbulenten Partie, die auch zum Bild aus Runde 5 passt:
GM Ponkratov (2584) - GM Savchenko (2584)

Nach 34 Zügen stand es so - natürlich ist Weiss dran, sonst wäre es ja relativ trivial. Keine Ahnung ob Zeitnot eine Rolle spielte, habe das nicht live mitbekommen. Nun geschah 35.Td8+ (35.T5d2 gewinnt für Weiss, Varianten lasse ich mal weg) 35.-Lf8 36.T1d2 Zu spät - übrigens auch mit dem anderen Turm da De8 nun ohne Schach kommen würde. Hier konnte und musste Weiss mit 36.Sg6+ Kg8 37.Se7+ Kh8 Dauerschach geben, Schwarz kann dieses Remis nur mit 36.-/37.- Kg7? verhindern. 36.-Sxd2 37.Lxf2 Db1+ (nur so) 38.Kh2 Sf1+ 39.Kh3 Txf2 (nochmal zwei einzige Züge von Schwarz, allerdings recht offensichtliche) 40.Dg5 Db3+ 41.g3 Th2+ 42.Kg4 Dxg3+ 0-1
Damit ging Ponkratov (fast) leer aus beim Preisgeld, während Savchenko 300.000 gewann (Rubel, nicht etwa Dollar oder Euros). Ich wollte übrigens noch ein Foto von Savchenko zeigen, aber Boris hat - im Gegensatz zum mir unbekannten Ukrainer Stanislav Savchenko - nicht mal einen Wikipedia-Artikel [meine Standard-Quelle für Bildmaterial].
Hier noch die komplette, wie gesagt schon vorher turbulente Partie:
Nun zu Runde 5. Das erste Beispiel stammt aus der F-Gruppe - nicht etwa (wie man gehässigerweise bei DER Partie vielleicht denken könnte) die unterste Amateurgruppe sondern ein kleines Rundenturnier für Studenten. Es passiert nicht allzu oft dass eine Partie nach 10 Zügen entschieden ist und nicht etwa remis endet. Am Brett sassen aber zwei GMs mit zusammen etwas mehr als 5000 Elopunkten:
GM Sethuraman (2538) - GM Krejci (2529)
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 etwas riskant den Läufer auf ein ungedecktes Feld zu stellen, aber in tausenden Partien hatte das keine Folgen 4.Sf3 b6 5.Lg5 Lb7 6.Sd2 h6 7.Lh4

Schwarz am Zug verliert! Gesucht ist nicht etwa 7.-Sg8?? oder so ähnlich sondern 7.-d6 8.Da4+ Sc6 9.d5 Lxc3 10.bxc3 1-0
Der arme Krejci hat insgesamt kein gutes Turnier erwischt und wurde noch dreimal schachlich verprügelt, auch wenn es da etwas länger dauerte.
Als nächstes ein fortgeschrittenes Mittelspiel ebenfalls aus der F-Gruppe:
GM Hovhannisyan(2530) - IM Stukopin (2495)

Das ist die Stellung nach, jawohl, dem 60. Zug. Die Konturen eines geschlossenen Spaniers sind noch erkennbar - in der Eröffnung bleiben ja oft lange viele Klötze auf dem Brett und wird geduldig manövriert. Was vorher unter anderem passierte: Weiss verdoppelte seine Türme auf der g-Linie - warum weiss er allenfalls selbst. Schwarz verdoppelte auf der a-Linie was schon plausibler erscheint aber zunächst auch wenig einbrachte. Erst ab dem 55. Zug machte Schwarz Fortschritte. Ungefähr bei der Diagrammstellung verabschiedete ich mich vorübergehend von der Liveübertragung da ich mit Freunden zum Laufen verabredet war. 10km (mit zweimal Umziehen und einmal Duschen etwa anderthalb Stunden) später schaute ich wieder rein und WEISS hatte gewonnen. Was war passiert?
61.h4 Lf4 62.hxg5 hxg5 63.Da2 Dxb4 Houdini bewertet das mit etwa -3, Schwarz hat also zwei Mehrbauern UND Kompensation dafür 64.Kf1 Lc1 65.Da8 Kf7 66.Lc2 Lb2 67.Db7 Ld4 68.Lxd4 exd4 69.e5!?
Weiss hat einen Einfall. Er gibt dem Gegner einen dritten Mehrbauern (drei Freibauern hatte er ja schon), bekommt dafür immerhin einen eigenen Freibauern der dann die Partie entscheidet! Erzwungen war letzteres aber nicht. Es folgte 69.-dxe5 70.Dc6 Kg7 besser war 70.-Sf8 was alles überdeckt 71.Lxg6 Einen Bauern hat er zurück, an sich kein Beinbruch für Schwarz 71.-De7 72.d6 Sf6?? 73.Lxe8 Dd8 (73.-Dxe8 74.d7) 74.Dc7+ 1-0
Hmm, "durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen" oder so ähnlich.
Kommen wir nun zu Stellungen mit weniger Material, d.h. Endspielen. Auch da kann man daneben greifen, wie gesagt ich gehe nicht allzu sehr ins Detail - wer will kann sich als Leser seine eigenen Gedanken machen.
FM Meribanov(2409) - GM Svetushkin(2612)

Das ist die Stellung nach dem 40. Zug von Schwarz. Entstanden ist das Ganze aus der Berliner Mauer die bisher wohl immer in der Remisbreite blieb, auch eine kleine taktische Sequenz ab dem 19. Zug (siehe Partie unten) hatte das Gleichgewicht kaum gestört. Nun erreicht Weiss erst deutlichen Vorteil und eine Tablebase-Gewinnstellung, und dann wird es doch remis. Das ging so:
41.Te2 Tc3 42.f4 b5 43.f5 b4 44.f6 Tf3 45.Kg6 c5 46.f7 Tg3+ 47.Kh7 Th3+ 48.Kg7 Tg3+ 49.Kf8 b3 50.Te7+ Kc6 51.Ke8 Tf3 52.cxb3 Txb3 53.f8D? Tb8+ 54.Kf7 Txf8+ 55.Kxf8 Kd5 56.Td7+ Ke4 57.Ke7 c4 58.Kd6 c3 59.Th7 c2 60.Th1 Kd3 61. Kd5 1/2
Wo Weiss fehlgriff habe ich schon verraten, aber was war im 53. Zug besser? Wer will kann sich im Kommentar dazu äussern aber bitte ohne anderswo zu spicken (siehe auch nächster Absatz). Wie es aus schwarzer Sicht soweit kommen konnte - nun laut Engines (habe das nicht selbst analysiert) spielte er eine Reihe ungenauer Züge, vielleicht mit der Idee "das ist immer remis"?
Mit gemischten Gefühlen (das ist also kein "exklusiver" Bericht) sah ich dass Karsten Müller diese Partie auch besprochen hat - allerdings erst ab dem verflixten 53. Zug. Auch die Partie Ponkratov-Savchenko hat Chessbase wobei ich nach der Ankündigung "analysis of the fateful final game" etwas mehr erwartet habe als dann kam.
Kommen wir nun zur G-Gruppe, auch ein Rundenturnier nun für Studentinnen - das wurde meines Wissens nirgendwo erwähnt, jedenfalls nicht auf Deutsch oder Englisch. Auch Bauernendspiele haben so ihre Fallstricke:
Drozdova (2286) - WGM CTRL+V Szcepkowska-Horowska (2378)

So stand es nach dem 60. Zug von Schwarz, das sollte er/sie doch gewinnen? Tat sie auch aber nur auf Umwegen und mit gegnerischer Hilfe. Es folgte
61.Kh3 Kf5 62.Kh4 Ke5 63.Kg4 Kd4 64.Kxf4 h5 65.Kg5 Ke3 66.f4 h4 67.f5 h3 68.f6 h2 69.f7 h1D 70.f8D Dg2+ 71.Kh6 Dc6+

Das war ab dem ersten Diagramm nicht unbedingt forciert (um es milde auszudrücken). Wohin nun mit dem weissen König? Der hat drei schlechte Felder und ein richtiges: nach 72.Kh7 haben wir (fast) Naiditsch-Ernst doppelt gespiegelt, die Analogie entstünde nach 72.-Dxa4 73. Dh6+ nebst 74.Dxb6. Hier steht der weisse König in der richtigen Ecke, das sollte dann mit remis enden (auch wenn Schwarz es noch zig Züge versuchen kann). Stattdessen kam
72.Kg7? Dxa4 und Frau CTRL-V verwandelte den zweiten Elfmeter sicher: 73.Db8 Dg4+ 74.Kh7 Dh5+ 75.Kg7 Dg5+ 76.Kh7 Dh4+ 77.Kg6 De4+ 78.Kg7 Dd4+ 79.Kg6 a4 80.Kf5 a3 81.Da8 b5 0-1
Und die Moral der ganzen Geschichte? Mancher mag mir Schadenfreude unterstellen - das sehe ich nicht so, allenfalls ein bisschen Genugtuung dass stärkere Spieler(innen) auch nur mit Wasser kochen. Betrachten wir das Ganze mal subjektiv - hätte ich besser gespielt?
Beispiel 1: In so einer unübersichtlichen Stellung (und überhaupt) wäre ich gegen einen Grossmeister mit Remis zufrieden gewesen? Ich nehme an dass Ponkratov das Dauerschach gesehen hat, aber nicht dass alles andere verliert. Davor war es - zumal womöglich in Zeitnot - Glückssache um 35.T5d2 zu sehen UND richtig zu bewerten.
Beispiel 2: So wäre mir das nicht passiert da ich kein Nimzo-Indisch spiele :) . Generell passiert mir ähnliches "irgendwann" vielleicht einmal in 50 Partien, und noch in der Eröffnung einmal in 200 Partien. Bei Grossmeistern ist die Wahrscheinlichkeit vielleicht 1/500 und 1/2000? Zwei Beispiele die mir spontan einfallen in der ach-so-remislichen russischen Eröffung: Anand verlor mal in nur 6 Zügen, sieben Jahre danach besiegte er Kramnik in 20 Zügen. Die beiden "Patzer" haben 2627 und 2320 Partien in chessgames.com, lag ich mit meiner (a priori) Schätzung etwa richtig?
Beispiel 3: Ich traue mir zu dass ich 72.-Sf6?? nicht gespielt hätte. Davor hätte ich mit Weiss vielleicht noch nicht aufgegeben aber zumindest schon resigniert.
Beispiel 4: Da behaupte ich nicht dass ich es (mit Weiss oder auch mit Schwarz) besser gespielt hätte.
Beispiel 5: Leichter gesagt/behauptet als bewiesen - "vielleicht" hätte ich das Bauernendspiel gewonnen. Es ging um den Durchbruch b6-b5 im richtigen Moment - wenn man/frau sich da verrechnet kann der Schuss komplett nach hinten losgehen!? Und "wahrscheinlich" hätte ich 72.Kh7 gespielt (und das Damenendspiel hinterher trotzdem verloren?).
- Post date: 20. Januar 2013
Ich sag's gleich nochmal: das ist oder wird eine Parodie! Anfangs war als Titel "Hat er geschummelt?" vorgesehen, aber das scheint mir zu riskant. Im Internet gibt es ja Leute die kein Gefühl für Ironie, Sarkasmus oder Satire haben und vielleicht auch Leute die sich von einem Artikel nur den Titel und das Titelbild anschauen. Und dann behauptet jemand dass Thomas Richter behauptet dass er - der gerade als einer von momentan 359 die ACP-Petition unterschrieben hat - schummelt. Wen ich parodieren werde kann sich der Leser vielleicht schon denken, Chessbase schrieb ja zwischenzeitlich (am 18.Januar auf Deutsch) "während zum Beispiel ChessBase Autor Valeri Lilov die Partien Ivanovs in Zadar einer hochinteressanten, präzisen und aufschlussreichen Analyse unterzogen hat, die den Betrugsverdacht stützt, fällt Ivanov zu seinen überraschenden Siegen wenig Konkretes ein. Zweck dieses Artikels ist zu zeigen wie leicht und schnell man (für eine einzelne Partie) einen "konkreten Betrugsverdacht" erzeugen, konstruieren oder erfinden kann. Mit anderen Worten: Cheating-Paranoia ist mindestens genauso schlimm wie Cheating.
Letzten Donnerstag war ich in Wijk aan Zee, zufällig (ich wusste es nicht) am einzigen Tag an dem nur die Profis spielen während die paar hundert Amateure Pause haben - damit ist die Atmosphäre vor Ort irgendwie anders. Anfangs wollte ich dazu keinen Artikel schreiben (ich will mir ja nicht selber Konkurrenz machen) aber dann "fand" ich etwas dass ein bisschen zu meinem letzten Beitrag passen könnte. Bevor ich dazu komme, noch ein bisschen smalltalk im Stile meines Berichtes vor knapp einem Jahr (einer der ersten den ich hier schrieb). Die Spitzenpartie Anand-Carlsen konnte die Erwartungen (falls jemand ein Spektakel erwartet hatte) nicht erfüllen, einige andere Partien durchaus. Die Schach-Welt erfährt nun exklusiv was bei Anand-Carlsen wirklich los war: sie sassen gar nicht selbst am Brett sondern liessen sich vertreten!

Matocha a Boleslav za stolem sampionu.jpg
(nein ich kann kein Tschechisch, aber das ist der Titel des Bildes das Pavel Matocha mir auf Anfrage freundlicherweise schickte)
Quatsch, das sind natürlich zwei Witzbolde die sich um 13:03 (27 Minuten vor Rundenbeginn, da war sonst noch kaum jemand auf der Bühne) auf deren Stühle setzten und fotografiert wurden. Links Petr Boleslav - der war mir kein Begriff, aber Pavel Matocha schrieb mir dass sein Freund schon mal im Simultan gegen Anand gewann (wird unter anderem hier erwähnt, damals in Prag gewann Anand übrigens die anderen 25 Partien) und auch gegen Harikrishna. Pavel Matocha wurde - warum auch immer - noch öfter fotografiert. Er organisiert unter anderem die Matches "Snowdrops vs. Oldhands" und den "Chess Train" - letztes Jahr von Stefan Löffler hier erwähnt, dieses Jahr im Oktober gibt es das zum dritten Mal (Pavel bat mich dies zu erwähnen, mache ich doch gerne). Matocha durfte später den Gong schlagen zum Beginn der Runde, auch das wurde vorab x-mal simuliert und fotografiert. Nebenbei: bei der Internet-Suche nach (anderen) Bildern von Matocha fand ich unter anderem diese Seite mit ganz unten dem Foto einer Dame die später blond wurde und dann Weltmeisterin (ob das eine was mit dem anderen zu tun hat?).
Allmählich wurde es voller auf der Bühne, und einige Leute unterhielten sich über die Absperrung hinweg mit Leuten aus dem Publikum - in allen möglichen Sprachen: Schiedsrichter Anil Surrender (wohl) auf Schwedisch, Turov (da will ich wirklich nicht dass er sich nackt ausziehen muss) vermutlich auf Russisch, die beiden schon erwähnten und Movsesian auch in irgendeiner slawischen Sprache. Nur der russische Jungstar Daniil Dubov war nicht ansprechbar: 10-15 Minuten vor Partiebeginn setzte er sich ans Brett und verharrte da in voller Konzentrationspose - "soll ich d4 oder e4 spielen?". Später entschied er sich, wie in seinen anderen Weisspartien, für d4 und besiegte damit den etwas älteren Jan Timman.
Soweit ein paar kurze andere Eindrücke, kommen wir nun zur Partie Movsesian-Edouard. Da in der B-Gruppe wurde sie nicht auf den grossen Monitoren übertragen, aber über die Brüstung konnte ich sie doch ab und zu live verfolgen einschliesslich Körpersprache der Spieler. Auch wenn da alles mit rechten Dingen zuging (wovon ich absolut ausgehe - nochmals, das wird eine Parodie) ist sie durchaus bemerkenswert. Zeigen wir erst noch Movsesians Gegner:

Ebenfalls Stefan64-Wikipedia. Von diversen Fotos habe ich das ausgesucht das Olaf Steffens vielleicht am besten gefällt. In Wijk aan Zee erschienen beide Protagonisten aber nicht in deutscher Vereinskleidung, nur Arkadij Naiditsch (Hemd mit Aufschrift GRENKE).
Kommen wir nun zur Partie, bei den Houdini-Analysen beziehe ich mich der Einfachheit halber auf die Liveübertragung. Man könnte das vielleicht noch näher untersuchen, aber für meine Zwecke reicht es völlig aus.
Movsesian-Edouard, Wijk aan Zee B 2013
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 die ersten beiden Züge waren naheliegend, aber das würde ich NIE spielen, wer verstellt sich schon freiwillig seinen Lc1? Aber Movsesian konsultierte wohl heimlich eine Datenbank die diesen Zug als OK betrachtet. (Übrigens spiele ich selbst doch 3.Sd2 gegen Französisch weil mir die Varianten mit 3.Sc3 Lb4 nicht gefallen - ich mag zwar das Läuferpaar aber keine Doppelbauern. Das nur nebenbei, und diese Bemerkung in Klammern ist eine der wenigen nicht ironischen!). 3.-c5 4.Sgf3 wieder hat er Houdini befragt, sonst hätte er vielleicht 4.Sh3 gespielt denn eigentlich kann er kein Schach spielen. 4.-cxd4 5.exd5 Dxd5 6.Lc4 Houdinis erste Wahl! Noch verdächtiger wäre aber vielleicht wenn er hier den zweit- oder drittbesten Zug gespielt hätte, 6.a3 oder 6.h3 6.-Dd7 Einige kurze Bemerkungen zu einem Zug des Schwarzen: Das würde ich (nicht ironisch gemeint) nie spielen denn es verstellt den Lc8 (mal abgesehen davon dass ich diese Variante nicht spiele). Vielleicht kann Daniel Fridman, der das mehrfach spielte, erklären warum es genauso gut oder besser ist als 6.-Dd6 oder 6.-Dd6. Allerdings ist es ja egal wenn die Dame danach, wie in der Partie, nochmal nach c7 zieht. Andererseits: der Läufer auf c8 und damit auch der Turm auf a8 wurden in der Partie schwarze Sorgenkinder. 7.0-0 Sc6 8.Sb3 Sf6 9.De2 Hier hat die Verbindung gehapert denn das ist nicht in Houdinis top3, Weiss kann das aber verkraften. 9.-Ld6 10.Td1 Houdinis erste Wahl (hier kann Movsesian sich nicht mehr auf Datenbanken berufen denn ab 9.-Ld6 ist es offenbar theoretisches Neuland) 10.-0-0 11.Sbxd4 Sxd4 12. Txd4 Houdinis erste Wahl! 12.-De7 13.Se5 Sd5 14.Ld3 f5 15.Lc4 ein Mensch würde das nie spielen, da kommt der Läufer doch gerade her? Es ist aber Houdinis zweite Wahl (diesen Zug bewertet er mit 0.26, 15.Ld2 mit 0.27). Das kann Zufall sein, aber später wird deutlich wie raffiniert Movsesian betrügt. 15.-Sf6 16.Lg5 Houdinis erste Wahl! 16.-Dc7 17.Lxf6 Houdinis erste Wahl! 17.-gxf6 das gefällt Houdini nicht, aber Edouard konnte das während der Partie nicht wissen. 18.Sf3 Kh8 DIAGRAMM
Was nun kommt ist Kaffeehausschach (mein Eindruck während der Partie), aber auf Houdini ist Verlass: 19.Th4 Houdinis zweite Wahl, lieber will er 19.Tad1 Lc5 spielen und erst dann 20.Th4 19.-e5 20.Th5 wieder zweite Wahl, dachte Movsesian dass er nicht erwischt wird wenn die Partie nur im "Single-PV" Modus untersucht wird? 20.-e4 hier haperte die Houdini-Liveübertragung, den nächsten Zug musste er selbst finden. 21.Sh4 Te8 22.Th6 Houdinis zweite Wahl 22.-Lxh2+ 23.Kh1 Houdinis erste Wahl (nach 23.Kf1 hängt in manchen Varianten der weisse Lc4 mit Schach) 23.-Lf4 24.Dh5 mit grossem Vorsprung Houdinis erste Wahl 24.-Tg8 25.Sg6+ dito 25.-Txg6 26. Dxg6 dito, und hier gab Edouard auf.
Von Anfang bis Ende Houdini pur, wie konnte Movsesian sich so schnell extrem verbessern? Ende der 90er Jahre hat er noch im Travemünde-Blitz gegen mich verloren (nein das war sein Fast-Namensvetter Movsiszian und der war betrunken - Insider wissen Bescheid wie es dort zugehen kann - aber so genau wollen wir es nicht wissen). Wie gesagt, diese "Partieanalyse" war reine Parodie! Es kommen noch ein paar ernst gemeinte Bemerkungen, aber erst einmal die Partie zum durchklicken:
Hinterher analysierten oder diskutierten (Figuren wurden nicht bewegt) beide erst recht lange flüsternd auf der Bühne - Movsesian (wie wohl fast immer) gut gelaunt, und Edouard nahm es zumindest mit Fassung. Später habe ich zufällig mitbekommen wie sie sich ausserhalb des Gebäudes weiter unterhielten -
da stellte sich (für mich) heraus dass eine Dame die die Partie ebenfalls aus dem Publikum verfolgte Movsesians Freundin ist. Hinterher zu Hause war ich neugierig und das Internet weiss alles (es wurde nur auf der deutschen Wikipedia-Seite erwähnt): sie heisst Julia Kochetkova und ist russisch-slowakische Frauengrossmeisterin; auch dieses Bild ist Stefan64-Wikipedia. Beide Spieler waren sich offenbar einig dass 22.-Lxh2+ der entscheidende Fehler war; Edouard meinte "ich hätte nicht gedacht dass ich ein einzügiges Matt übersehen kann" - roch er den Braten erst nach 26.Dxg6 ? Da war es natürlich zu spät. Am Ende verabschiedete sich Movsesian von seinem Gegner mit dem einen Wort "sorry" - heisst das dass er selbst nicht unbedingt an seinen Angriff glaubte und dachte dass er einfach Glück hatte? Dann kannte er Houdinis Meinung wohl doch nicht (der glaubte schon vorher an weissen Vorteil), davon gehe ich selbstverständlich aus.
Damit könnte sich die Frage stellen: für wen ist 100% Houdini ein Kompliment, und bei wem ist es verdächtig, auch wenn es keine anderen Verdachtsmomente gibt? Manuel Bosboom würde ich an einem guten Tag auch so eine Partie zutrauen (dann ist es vielleicht auch ein bisschen Glückssache dass die Partieanlage korrekt ist?), ab welchem Eloniveau (von oben nach unten gesehen) ist es quasi unmöglich?
P.S.: Falls Sergei Movsesian diesen Artikel selbst lesen sollte - schliesslich kann er offenbar neben Englisch, Russisch, Serbokroatisch, Tschechisch, Polnisch, Armenisch und Georgisch auf fliessend Deutsch - hoffe ich dass er ihn nicht falsch versteht. Nochmals, das war alles Satire - und Zufall dass ich seine Partie dafür auswählte.
- Post date: 15. Januar 2013
Warnung: das wird ein langer Artikel - vom Zeitaufwand war es für mich mindestens vergleichbar mit dieser Geschichte die ich vor gut einem Jahr anderswo publizierte. Dafür bekommt der Leser auch einiges aus berufenem oder prominentem Munde bzw. Tastatur (gemeint ist nicht der Autor selbst) was meines Wissens bisher sonst nirgendwo steht. Wer keine Zeit oder Lust hat den ganzen Artikel zu lesen kann in seinem Browserfenster z.B. nach "Sutovsky" suchen.
Erst ein bisschen Vorrede mit meiner Meinung zum Thema: Wer beim Schummeln erwischt wird (Natsidis, zu mindestens 90% Feller) muss hart bestraft werden. Wer sich zumindest verdächtig und in jedem Fall regelwidrig verhält (Bindrich) muss auch mit Konsequenzen rechnen - wobei, äh, Konsequenzen? Das Verfahren läuft wohl noch, und zuletzt spielte er recht erfolgreich beim Zürcher Weihnachtsopen. Eine andere Sache ist wenn ein Spieler nur ungewöhnlich gut spielt was manche verdächtig finden, da bin ich gegen schnelle Vorverurteilungen - andererseits kann und soll man derlei Fälle schon untersuchen, eventuell auch im eigenen Interesse dieses Spielers. Und generell: vage bis haltlose Betrugsvorwürfe sind für mich mindestens genauso ein Problem wie Betrug an sich. Vorab meine eigene Meinung zum letzten Fall: selbst wenn ein Spieler zu sagen wir mal 80% schuldig ist reicht das nicht aus um ihn - im übertragenen Sinne - öffentlich zu steinigen oder um ihn zu bestrafen; letzteres wäre natürlich Sache zuständiger Gremien und nicht von irgendwelchen Leuten mit oder ohne Schachtitel die im Internet ihren Senf abliefern.
Nun zum konkreten aktuellen Fall - nicht mehr tagesaktuell, wie gesagt dieser Artikel dauerte einige Zeit - der eine oder andere Leser weiss vielleicht schon was ich meine. Ich fasse es erstmal chronologisch zusammen:
1) Der Bulgare Borislav Ivanov (Elo 2227, jetzt 2342) spielte beim Zadar Open das Turnier seines (mit 25 Jahren noch relativ jungen) Lebens. Nach einem Erstrundensieg gegen einen österreichischen FM (schon das war überraschend) holte er 5/8 (+4=2-2) gegen GMs der Eloklasse 2530-2640, TPR 2697
2) Das fanden einige Leute verdächtig (wer genau ist übrigens weitgehend unklar). Nach der achten Runde berief sich der Schiedsrichter Stanislav Maroja auf FIDE-Regeln (welche genau ist übrigens unklar) und durchsuchte Ivanov der nichts dagegen hatte. "Strip search" ist etwas übertrieben, offenbar zog er sein Hemd aus, öffnete seine Taschen und zeigte seinen Kugelschreiber. Der Schiedsrichter fand nichts und entschuldigte sich bei Ivanov.
3) Das wurde in kroatischen Zeitungen erwähnt - sowas interessiert Massenmedien auch wenn sie sonst kaum über Schach berichten?
4) Darüber berichteten Schachsites im Internet, u.a. Chessvibes und etwas später Chessbase. Der Chessvibes-Artikel war eher sachlich, der Chessbase-Beitrag (zumindest der englische) riecht für mich (und wie sich herausstellte bin ich damit nicht allein) nach Sensationspresse. Wenn man schreibt "hat er betrogen?" (Original "A certain suspicion once again raises its ugly head") ist das, bildhaft gesprochen, wie wenn eine auflagenstarke Zeitung über einen Minister oder Fussballtrainer schreibt "soll er zurücktreten oder gefeuert werden")? Nebenbei bemerkt: es war eigentlich kein Originalartikel, eher ein Sammelsurium kroatischer Quellen.
5) Wie es im Internet so ist: wenn die Möglichkeit besteht kommentieren Leute - manche geben sich zu erkennen, andere bleiben anonym. Der Chessvibes-Artikel bekam 262 Kommentare - das ist zwar kein Rekord (den hat wohl immer noch Carlsen nachdem er auf die Kandidatenmatches verzichtete) aber sicher überdurchschnittlich.
6) FM Lilov, ebenfalls Bulgare, veröffentlichte ein erschöpfendes (70 Minuten) Video zum Thema, zunächst auf Youtube.
7) Das wurde dann im nächsten Chessbase-Artikel erwähnt und reinkopiert. FM Lilov ist übrigens Chessbase-Autor, soweit so gut das kann man schon erwähnen (bzw. die Chance nutzen dass sein Name damit bekannter ist). Im selben Artikel hat Chessbase auch - weitgehend kritisches - Feedback von Lesern publiziert. Selbst waschen sie ihre Hände in Unschuld - wir haben doch nur berichtet "independently of our own (not yet drawn) conclusions on the matter". Na ich würde (als leicht frankophiler Mensch) sagen: c'est le ton qui fait la musique .
Bevor ich mich wieder Zadar zuwende ein kleiner Ausflug nach Basel: Für mich passte es wie die Faust aufs Auge dass die Basler Zeitung am 30.Dezember (an dem Tag erschien auch der Chessvibes-Artikel, sicher - hier absolut nicht ironisch gemeint - Zufall) diesen Artikel hatte (von der Turnierseite des Basler Schachfestivals verlinkt). Da geht es komplett um Schummeln am Schachbrett - der Artikel war übrigens länger als ein früherer in dem die Teilnehmer genannt wurden: Vachier-Lagrave, Grachev und noch acht mit Elo über 2600. Es beginnt (ohne einen Namen zu nennen) mit dem Fall Natsidis, später wird der Präsident des Schachfestivals Peter Erismann zitiert: "Es gebe Profis, die einen schlechten Ruf in der Szene geniessen. «Und diese laden wir einfach nicht ein», sagt Erismann. ... «Da wir die Spieler aussuchen, können wir den Fairnessgedanken ein wenig steuern», ist Erismann überzeugt." Klingt zunächst mal plausibel, aber hoppla - heisst das (im Kontext des gesamten Artikels) dass Profis nicht willkommen sind weil sie, warum auch immer, berechtigt oder nicht, unter Betrugsverdacht standen? Sieht Basel das (vergleiche Einleitung) anders als Zürich? Hier wurde es - wobei zu dem Zeitpunkt noch kein Blogbeitrag geplant war - für mich ein bisschen Journalismus bzw. Recherche, ich habe bei Schachfreund Erismann nachgefragt (und erwähnt dass ich aus seiner Antwort eventuell öffentlich zitieren würde).
Aus der Antwort: "Mit dem Terminus 'schlechter Ruf' meinen wir tatsächlich [dies hatte ich so ähnlich suggeriert] schlechtes Benehmen in der Vergangenheit wie Beschimpfen des Gegners, wenn man verloren hat oder so ähnliches [darunter könnten auch wilde Betrugsvorwürfe fallen?]. Zum Thema Betrug haben wir bisher keine praktische Erfahrung, sehr erfreulich! Bisher ging immer alles gut, ehrliche und freundliche Spieler und eine ausgezeichnete Turnieratmosphäre!" Zwei Anmerkungen dazu: 1) interessant oder typisch was "die Presse" interessiert und wie ein solches Zitat (im Originalartikel) aus dem Kontext gerissen zumindest missverständlich erscheinen kann? 2) Ein GM (den ich bereits erwähnte und noch zitieren werde) nennt Schachfreund Erismann vielleicht unglaublich naiv?
Zurück nach Zadar bzw. ins öffentliche Internet. Wie gesagt, in der Diskussion auf Chessvibes nannten einige ihren Namen direkt oder indirekt. Gleich am Anfang Leonard Barden - der Name war mir irgendwie bekannt, IM Kenneth Regan (zu dem komme ich nochmal) hat mir auf die Sprünge geholfen: Barden ist seit 54 Jahren(!) Schachkolumnist für The Guardian, und immerhin seit 34 Jahren für Financial Times. Später auch die belgische Krennwurzn Brabo - ein FM dessen Namen man zum Beispiel findet indem man in diesem Blogbeitrag auf diesen Link "de Franse interclub" klickt. Andere blieben anonym, u.a. ein Spieler der sich "the champ" nennt und angeblich Elo 2500 hat (lässt sich nicht überprüfen und ich habe so meine Zweifel) und "uahdnske" der nach eigenen Angaben Elo 2300 hat, vor kurzem selbst gegen Ivanov spielte und schlechte Erfahrungen machte. Man kann sich fragen ob anonyme Beiträge zu so einem Thema generell OK sind (aber das ist im Internet "Tradition"), man kann sich speziell fragen was eventuell gegen Chessvibes' "Terms and Conditions" verstösst ("we ask you not to post comments which make unfounded or unproved allegations (especially of wrongdoing) against a person, organisation or group") - aber da ist die Frage was gerade noch so OK ist?
Auch die Spieler die Ivanov vor Ort in Zadar beschuldigten sind offenbar weitestgehend anonym, es wird nur gemunkelt dass mehrere seiner grossmeisterlichen Gegner protestierten. Selbst wenn dem so war ist es vielleicht eine Art Gruppendynamik? Wenn zwei oder drei meckern, sagt dann der dritte oder vierte "Nee das ist schon OK, er hat gut gespielt, ich habe schlecht gespielt (Du/Ihr übrigens auch), das Ergebnis geht in Ordnung"?? Zumal sie sich wohl fast alle untereinander gut kennen und unabhängig davon ob sie sich mögen oder nicht. Der einzige GM der sich öffentlich äusserte ist offenbar Zlatko Klaric der nicht selbst mitspielte. Wer ist das denn, den Namen habe ich vorher nie gehört? Wenn man auf den Link klickt sieht man dass er Jahrgang 1956 ist, 1983 Grossmeister wurde und dass seine Elo seit über 10 Jahren zwischen 2400 und 2430 pendelt. Der wollte vielleicht mal wieder mit Namen und Schachtitel in der Zeitung erwähnt werden, was nicht (mehr) allzu oft passiert? Ähnliches vermute oder unterstelle ich auch bei FM Lilov, kommen wir nun zu seinem Video:
Wir nähern uns dem Kern der Sache, er (und andere) finden die Übereinstimmung zwischen Ivanovs Zügen und denen von Schachprogrammen mehr als nur verdächtig. Mag sein, aber doch bitte nicht so wie er zu Werke geht - ich setze drei Diagramme:
Die Stellung gab es schon ein paar (tausend?) mal in der Turnierpraxis, Ivanov spielte nun 7.dxe5 wozu Lilov meint "ich würde das NIE spielen, aber es ist Houdinis erste Wahl". Es ist wohl nicht die übliche oder beste bzw. aussichtsreichste Fortsetzung, aber man kann das schon spielen - sei es nur um den Gegner zu ärgern: wenn er frühen Damentausch will oder zumindest nichts dagegen hat spielt er wohl eher Grünfeld oder angenommenes Damengambit. Und zumindest haben diverse respektable Grossmeister diesen "schlechten" Zug auch schon gespielt - öfter mal vielleicht um ein schnelles Remis zu erreichen, aber es gibt auch Gewinnpartien von z.B. Hikaru Nakamura und Mikhail Tal (letzterer ist völlig unverdächtig betrifft Hilfe von Engines während der Partie!). Die nächsten Züge sind auch erste Wahl von Engines, wurden aber auch schon des öfteren gespielt - und jeder darf doch vor der Partie Datenbanken konsultieren und kann sich das vielleicht merken? 7.-dxe5 8.Dxd8 Txd8 9.Lg5 c6 10.Sxe5 Te8 11.0-0-0 Sa6 12.Td6 Le6 13.f4 Sc5 14.Lf3 h6 15.Lh4 Sfd7 (erst das ist neu) 16.Sxd7 (was sonst?) 16.-Sxd7 17.Kc2 auch naheliegend, ich weiss nicht wie oft Lilov zwischendurch "erste Wahl von Houdini!" gerufen hat ... .
Hier spielte Schwarz 11.-Sd5, und Lilov ruft "Houdinis erste Wahl!" - ja was soll er denn sonst spielen? Ist das eine lose-lose Situation für Ivanov? Wenn er 11.-Sd5 spielt hat er geschummelt - wenn er das nicht spielt (allenfalls 11.-Se8 ist noch akzeptabel) dann kann er eigentlich gar kein Schach spielen und ist bei dem Zug die Verbindung mit Houdini weggefallen. Etwa hier - nach ca. 15 Minuten im Video - war ich mir sicher dass Lilov keinesfalls unvoreingenommen ist und nur so tut als ob. Den Rest wollte ich mir eigentlich sparen, später betrachtete ich es doch als meine "journalistische Pflicht" das ganze Video anzuhören und zu sehen. Noch ein Beispiel:
Hier kam 13.-f5 und Lilov ruft (mal wieder) "ich würde das nie spielen, freiwillig meinen Läufer auf g7 einsperren, aber Engines mögen diesen Zug". Nun, zum einen ist das noch eine bekannte Stellung im Grünfeld-Inder und 13.-f5 der theoretische Hauptzug (das kann man einfach wissen). Zum anderen ist es ein gängiges Motiv in dieser Eröffnung, im Gegenzug wird ja das weisse Zentrum demobilisiert oder de-flexibilisiert oder was ist der richtige Begriff? Lilovs Eröffnungsrepertoire kenne ich nicht - ich als Amateur spiele seit über 20 Jahren Grünfeld und habe da zumindest ein bisschen Halbwissen.
Generell ist "ich würde das nie spielen!" zumindest mitunter Unsinn, das ist ja auch Stil- oder Geschmackssache. In manchen Stellungen findet jemand mit Elo 2200 vielleicht einen besseren Zug als Lilov mit seinen 2433 - sei es weil er sich in der Eröffnung oder auch im daraus entstandenen Mittelspiel besser auskennt, sei es weil er das "Glück" hat dass die Stellung eher seinem Stil entspricht?
Genug zu Lilov, selbst wenn er anderswo recht hat ist das insgesamt nicht überzeugend. Ich habe noch eine kleine eigene Untersuchung gestartet - keinesfalls wissenschaftlich und auch aus reiner eigener Neugierde. Im Kommentar auf Chessvibes wurde öfters behauptet dass ein Mensch mit Elo 2200 diverse brilliante Züge von Ivanov "niemals" finden kann. Ich habe nur Elo 1930 aber dachte beim Nachspielen der Partien (zu finden auf den anfangs erwähnten Sites) des öfteren "das hätte ich vielleicht auch gesehen". Niemand weiss das so genau, ich selbst auch nicht, also habe ich die vier Stellungen unten per email verschickt an einige mir bekannte Spieler und einige Vereine wo ich jemanden kenne der stärkere Spieler kennt. Um etwas Masse zu bekommen habe ich gesagt "Zielgruppe ist vor allem Elo ca. 2200, aber jeder ab Elo 1900 darf mitmachen". Natürlich nur Spieler die die Diagramme und Lösungen noch nicht kennen, das wurde dann ein Knackpunkt. Ich zeige sie erstmal unkommentiert und verrate die Lösungen und die Ergebnisse der Umfrage erst hinterher - wer die Stellungen noch nicht kennt darf es noch selber versuchen. In den ersten beiden Diagrammen ist Weiss am Zug, in den beiden anderen Schwarz. Im ersten Diagramm ist die Frage "nenne drei Kandidatzüge eventuell mit Priorität", danach einfach "was würdest Du spielen?" - wobei zumindest im vierten mehr als ein Zug gefragt ist. Los geht's:




In einer Hinsicht ist die Umfrage vielleicht grandios gescheitert: ich hoffte auf 20-30 Reaktionen und bekam sechs, darunter zwei aus der primären Zielgruppe, einen mit Elo etwa 2000 und drei Spieler mit Elo ca. 1900. Die Elozahlen sind z.T. relativ, aus diversen Gründen aber das will ich hier nicht im einzelnen aufbröseln. Ein Grund könnte sein (bei einem Verein weiss ich es) dass die meisten Spieler mit Elo 2200 diese Stellungen und den Hintergrund (den hatte ich bewusst anfangs nicht verraten) bereits kennen. Entweder lesen sie alle zumindest Chessvibes oder Chessbase, oder im konkreten Fall war es "hast Du das schon gehört, was meinst Du dazu?". Und wenn das am Vereinsabend passiert wissen fast alle schon Bescheid.
Natürlich hat die Umfrage diverse Fallstricke, in einem Diagramm ist es vielleicht zuviel Vorab-Information dass der "logische" Zug womöglich nicht der beste ist. Und generell wissen die "Kunden" dass in dieser Stellung vielleicht konkret was geht - das weiss man in einer laufenden Partie nicht, kann es höchstens dumpf vermuten. Andererseits haben sich wohl nicht alle Teilnehmer so in die Stellungen vertieft wie in eigenen Partien: einige verrieten wieviel Zeit sie investierten, das war zwischen 5 und 20 Minuten für alle Diagramme zusammen. Ich muss den Leuten (die ich grösstenteils nicht persönlich kenne) auch glauben dass sie die Stellungen nicht bereits kannten, und dass sie selbständig und ohne Computer analysierten - dem war wohl so da niemand alle vier Antworten fand. Genug der Vorrede, habe ich genug Text unter dem vierten Diagramm dass niemand die Lösungen aus Versehen bereits gesehen hat? Vielleicht ist das alles Käse (statistisch relevant ist es sicher nicht), vielleicht sind die Ergebnisse trotzdem interessant - ich bin es den Kunden (und mir selbst) schuldig das zumindest zu erwähnen?
Diagramm 1: Gespielt wurde 22.Ta1! (laut Houdini der beste) und weiter 22.-Sa6 23.Sc6 Lc8 24.Sf5! (noch so ein Zug den man findet oder auch nicht?). Das hat niemand gesehen, Vorschläge (wie gesagt mehr als einer war erlaubt) waren Sc6, Sb5, Le4, b4, gxf4 und Lh3 - alles gute Züge aber eben nicht der allerbeste. Die Kandidaten haben null Punkte. Vielleicht wäre der "richtige"Zug dabei gewesen wenn ich 20-30 oder, Gott beware, 100 Antworten bekommen hätte (ich habe fast alle emails persönlich beantwortet)? So erscheint es verdächtig dass Ivanov bei so vielen guten und fast gleichwertigen Alternativen ausgerechnet Houdinis Lieblingszug spielte - man müsste detailliert untersuchen wie oft er in einer ähnlichen Lage war.
Diagramm 2: Gespielt wurde 23.Te8+ Kf7 24.De2. Die Kandidaten haben 5 1/2 von 6 Punkten - auch wenn ich nicht weiss ob sie 24.-b5 25. Sxc4 bxc4 26.Txc4 (soweit Partie) 26.-Dd7 27.Texc8! Txc8 28.De6+ noch gesehen haben. 5 1/2 weil einer Te8+ nur als dritte Wahl erwähnte. "Berliner" auf Chessvibes bezweifelte dass ein Spieler mit Elo 2200 Te8+ erwägen würde (statt automatisch Txc4), und Brabo nannte es auf seinem Blog den Beginn einer gut versteckten Kombination ("niet-evidente combinatie"). Ausserdem schrieb er zur Partie dass Schwarz ohne einen ernsthaften Fehler vom Brett gefegt wurde, gibt dem Schwarzen allerdings dreimal "?!" was so viel oder wenig wert ist wie einmal "?". Trotz des oben erwähnten Fallstricks tendiere ich dazu dass Te8+ keine Hexerei ist.
Diagramm 3: Gespielt wurde 32.-Lxg3! 33.fxg3? (33.De4 mit Schadensbegrenzung) 33.-Txe3 34.Kh2 Df3 0-1. Die Kandidaten bekommen einen halben Punkt, denn einer erwähnte dass Lxg3 vielleicht geht, hätte es aber selber nicht riskiert. Vorgeschlagen wurde ansonsten b4, Ta2 und e5. Einer hat nach 32.-Ta2 33.Db3? (auch hier ist De4 Pflicht) Rybka eingeschaltet ("am Königsflügel müsste jetzt was gehen, aber was?") und bekam nun 33.-Lxg3 präsentiert "aber das hatte ich nicht gesehen".
Diagramm 4: Gespielt wurde 31.-Da1+ 32.Kc2 Sb6! 33.Txe7? (Weiss stand laut Houdini ohnehin schlecht, aber das verliert schnell) 33.-Tc8+ 34.Kd2 Df1! (nur so). Die Kandidaten bekommen - mit etwas gutem Willen meinerseits - 2 1/2 von 6 Punkten. Zwei hatten die ersten drei Züge, niemand erwähnte 34.-Df1 (aber das sieht man vielleicht wenn es soweit ist?). Und einer war zumindest auf dem richtigen Weg: erstmal Da1+ aber wie geht es weiter wenn man den weissen Turm nicht von der c-Linie vertreiben kann? Das kann man nicht erzwingen, nur einladen. Zwei wollten 31.-Da1+ 32.Kc2 De1 spielen, was einer noch weiter ausführte mit 33.Txd7 Ta1 34.Kd3 Td1+ 35.Kc2 Ta1 36.Kd3 remis. Einer hatte 31.-Db5, laut Houdini auch 0.00.
Diese Partie wurde übrigens, nur auf chessbase.de erwähnt, nicht live übertragen und war insgesamt (die Konturen eines Najdorf-Sizilianers sind vielleicht noch erkennbar) Ivanovs komplizierteste, er hatte ja bereits eine Qualität geopfert. "Alle" erwähnen dass Runde 8 einen Tag davor nicht live übertragen wurde wo Ivanov seine schlechteste Partie spielte und verlor, gegen den späteren geteilten Turniersieger. FM Lilov suggeriert dass Ivanov seine Schummelstrategie daraufhin anpasste, mit einer in der Armbanduhr versteckten Kamera nach jedem Zug das Brett fotografierte und dies seinem Helfer übermittelte - geht das ohne es vorher überhaupt zu üben?
Wie relevant die Ergebnisse meiner Umfrage nun sind kann jeder selbst entscheiden - wer es hier noch versucht hat darf das gerne per Kommentar erwähnen.
Später hat sich der bereits erwähnte IM Regan noch gemeldet, nebenbei (bzw. hauptberuflich) auch Professor für Computer Science (in Deutschland wäre das wohl Informatik?). Er arbeitet seit 2006 wissenschaftlich an diesem Thema und hat in Fachzeitschriften Artikel publiziert die von Kollegen begutachtet wurden ("peer review"), einen zusammen mit GM Macieja. Der interessierte Leser findet jede Menge Details auf seiner Homepage - das lasse ich hier mal weg zumal ich nicht behaupte alles zu verstehen. Jedenfalls ist das sicher die korrekte und statistisch robuste Methode. Manche warfen ihm vor dass er zu "trocken" analysiert (selbst nannte er es "chess-neutral") während FM Lilov auch sein eigenes Schachverständnis einfliessen lässt, naja ich habe oben bereits geschrieben wie relevant oder irrelevant das mitunter aus meiner Sicht ist. Regan nahm sich die Zeit um den "Fall" ausführlich zu analysieren und dann seine Schlussfolgerungen diplomatisch zu formulieren, u.a. in einem offenen Brief an die Association of Chess Professionals nebst Appendix. Soo diplomatisch dass ich nicht verstanden habe was er nun genau meint und nachgefragt habe, ich zitiere erst das englische Original: "Despite my large Single-PV data set, we don't know enough to say "beyond reasonable doubt" in a judicial process at this time. But it is possible that with more data we can say so, as happens in other fraud-detection fields, and we need to start preparing for this eventuality." Single-PV bedeutet dass Engines nur nach dem einen allerbesten Zug suchen, Multi-PV dagegen dass sie mehrere Vorschläge liefern (wie z.B. im live viewer der Schachbundesliga), aber das eher nebenbei. Meine Übersetzung - von Ken Regan autorisiert, er kann auch Deutsch: "Trotz meines bereits grossen Datensatzes reicht die Beweislast (noch) nicht aus um Ivanov im juristischen Sinne 'ohne vernünftigen Zweifel' zu verurteilen. Dies könnte sich allerdings mit weiteren Untersuchungen ändern, wie in anderen Fällen von erwiesenem Betrug geschehen [da ging es nicht um Schach], und auf diesen Fall müssen wir uns vorbereiten." Dabei belasse ich es mal betrifft Ken Regan - wie gesagt, anderswo stehen jede Menge Details.
Dann habe ich noch Sutovsky versprochen. Auf der Homepage der ACP (Association of Chess Professionals) hat er, deren Präsident, am 13. Januar diese Petition veröffentlicht für die er elektronische Unterschriften sammelt. Am 14.1. morgens hatte er so 200-250, inzwischen steht darunter wer bisher so unterschrieben hat und das habe ich nicht durchgezählt, nur einige Namen von vielen: GM Morozevich, GM Shirov, GM Sumets (den erwähne ich weil er in Zadar mitspielte), WGM Paehtz, IM Kenneth W. Regan, GM Vachier-Lagrave, FM Lilov. Was haben die eigentlich unterschrieben? Da steht kurz und knapp - für meinen Geschmack etwas sehr knapp: "We, the undersigned chess professionals and regular competitors in FIDE rated events, share the view that computer-assisted cheating is a major problem in chess and ask the ACP to address FIDE in order to take all necessary steps for fighting this plague." Da habe ich bei GM Sutovsky nachgefragt, er hat prompt of meine email(s) geantwortet und mir nochmal bestätigt dass ich alles hier veröffentlichen kann (tue das aber nur auszugsweise). Ich mache daraus ein kleines Interview:
TR - Hat dies direkt zu tun mit dem Ergebnis des Bulgaren Borislav Ivanov beim Zadar Open?
Sutovsky - Die Petition hat NICHT [seine Grossbuchstaben] direkt mit Ivanovs Fall zu tun. Kein Spieler dieses Turniers hat mich darüber kontaktiert. Tatsächlich ("actually") versuchen wir seit vielen Jahren zu diesem Problem was zu tun. ... Zuletzt haben wir (GM) Landas Report auf unserer Homepage und auf Facebook veröffentlicht, und das war vor Zadar [stimmt, am 18.11.2012]
TR - Ist dies Ihre eigene Idee, oder unterstützt von allen oder einigen Mitgliedern des ACP Boards?
Sutovsky - Natürlich muss ich als Präsident so einen wichtigen Schritt anführen, aber er wird vom gesamten ACP Board unterstützt.
TR - "all necessary steps for fighting this plague" ist ziemlich vage, was könnte das beinhalten? Zum Beispiel, immer zeitverzögerte Liveübertragung oder alle Teilnehmer von offenen Turnieren (Amateure und Profis) zwingen, ihr Handy bei einem Schiedsrichter oder bei der Turnierleitung abzugeben?
Sutovsky - Wir haben dazu verschiedene Vorschläge. Aber man sollte sicher nicht überhastet agieren. Was klar ist: FIDE muss zugeben dass Cheating ein grosses Problem ist. Aktionen der Schiedsrichter, mögliche Strafen für Spieler, und vielleicht sogar technische Details für 'anti-cheating tools' sollten ins Regelwerk aufgenommen werden. Wahrscheinlich wäre eine Kommission (sagen wir, drei Vertreter der FIDE und drei der ACP) am effizientesten die Empfehlungen entwickelt. Zum Beispiel, betrifft technische Apparatur - sagen wir (signal) jammer und [Metall-?] Detektoren. Ich denke diese sollten in einigen Turnieren angewendet werden (offizielle Turniere and Opens mit viel Preisgeld). Aber das alles ist natürlich 'serious work' und wird nicht auf die Schnelle entschieden. Aktionismus, Schnellschüsse ohne das genau zu untersuchen wäre genauso falsch wie nichts zu tun. Ich bin mit Dir [oder "Ihnen", auf Englisch natürlich 'you'] einverstanden dass nicht unterbaute Vorwürfe und Hexenjagd sehr gefährlich sind [das hatte ich erst danach erwähnt]. Aber der erste grosse Schritt ist ein Problem zu akzeptieren das wirklich existiert [er schrieb "which really insists" aber meinte sicher "which really exists"]
TR - Falls Sie diese Frage beantworten können und wollen: War die Petition nur Ihre eigene Idee, oder haben Teilnehmer des Zadar Opens das angeregt?
Sutovsky - Da habe ich nichts zu verbergen. Nein, ich wurde nicht von Spielern des Zadar Opens kontaktiert, allerdings von anderen Spielern (wahrscheinlich unter dem Eindruck dieser Geschichte). Aber nochmals, es hat unsere ursprüngliche Idee nur leicht beeinflusst.
Soweit meine erste mail und Sutovskys Reaktion, in Teil 2 wird es vielleicht noch interessanter und konkreter:
TR - Sollten Ausrichter kleinerer Turniere und Amateure auch eine Rolle in der Diskussion spielen? Kleine Turniere haben vielleicht nicht die Möglichkeit um signal jammer und Metalldetektoren zu installieren, und wollen sicher nicht wenn die Strafe ist dass ihre Veranstaltungen nicht mehr Elo-ausgewertet werden? Und die Grenze zwischen Amateuren und Profis ist (jedenfalls bei offenen Turnieren) fliessend. Amateure verlieren vielleicht die Lust an ihrem Hobby wenn womöglich drastische Massnahmen eingeführt werden, z.B. Eingangskontrollen bei Turnieren wie an Flughäfen.
Sutovsky - Danke für das Feedback. Ja, das hat Konsequenzen für Ausrichter von Turnieren, und kleine Turniere werden nicht darunter leiden. Ich schrieb Dir: "official tournaments, events with a high prize-fund" - damit meine ich nicht kleine Veranstaltungen. Ja, Du kannst Turniere wie Bad Wiessee, Biel usw. erwähnen. Aber die 'anti-cheating tools' sind nicht so teuer. Eine Möglichkeit wäre auch dass nationale Schachverbände diese kaufen und für zehn Tage an Veranstalter ausleihen.
TR - Bis zu einem gewissen Grad sehe ich die Gefahr dass die Medizin schlimmer sein könnte als die Krankheit. Und (wobei niemand weiss wieviele Cheating-Fälle nicht entdeckt wurden) ist es für mich eher Grippe als Krebs - nicht zu vergleichen mit dem Profi-Radsport, bisher hat es keine Konsequenzen für Sponsoren oder für die Existenz von Schach als Profisport. Daher denke ich wie Du [immer noch 'you', aber seine mail ging an "Dear Thomas" und war nur mit "Emil" unterzeichnet] dass drastische Massnahmen "nur um etwas zu tun" der falsche Weg wären.
Sutovsky - Nun, was cheating heutzutage betrifft - ich glaube wir sehen nur die kleine Spitze des Eisbergs. Niemand hätte gedacht dass Feller schummelt. Inzwischen gibt es schwere Verdächtigungen ("profound suspicions") zu einer Reihe ("quite a few") Spielern mit Elo 2400-2500, und das ist WIRKLICH beunruhigend. Wenn man seinen Gegner verdächtigt ist die ganze Partie (oder gar das ganze Turnier) ruiniert. Und es wird immer schlimmer.
Was Amateure betrifft - zunächst mal denke ich nicht dass sie neue Regeln spüren werden. Starke Amateurspieler (Elo 2200-2300), wie oft spielen sie in einem grossen Turnier mit Dutzenden GMs? Einmal oder zweimal im Jahr? OK, dann spielen sie mit denselben Regeln wie der Rest. Aber die Regeln werden nicht überhastet eingeführt. Ich denke wir schaffen das. Und jetzt ist der Moment bevor jedes zweite Turnier mit Cheating-Vorwürfen zu tun bekommt.
In einer dritten mail sagte er nochmals dass ich alles öffentlich zitieren kann ("I have nothing to hide"), wies aber, ebenfalls nochmals, ausdrücklich darauf hin dass das bisher alles nur Vorschläge sind. Ich kann also nicht schreiben dass grosse Turniere Jammer und Metalldetektoren haben WERDEN, und dass nationale Verbände diese kaufen MÜSSEN. Hatte ich auch nicht vor, und das kann die ACP ohnehin nicht entscheiden bzw. nur für ihre eigenen Turniere.
Uff, das wars - was ist heute eigentlich in Wijk aan Zee so passiert?? Zum Schluss möchte ich nochmal herzlich bedanken bei Peter Erismann, Ken Regan und Emil Sutovsky. Ebenso bei den (paar) Teilnehmern meiner Umfrage und den (drei) Schachfreunden die diese für mich weitergeleitet hatten.

