Schach für Musketiere

by on13. August 2013

Das altehrwürdige Königsgambit wurde totgesagt, reanimiert und anschließend wieder begraben. Es ist sozusagen das Stehaufmännchen der Schachtheorie. Fischer meinte, es sei inkorrekt und Rybka-Erfinder Vasik Rajlich fand letztes Jahr die endgültige Wahrheit über das Königsgambit heraus. Er hat ein Projekt durchgeführt, wie man es nicht für möglich gehalten hätte: mit 3000 zusammengeschalteten Prozessoren, die über 4 Monate liefen, hat er das Königsgambit analysiert und vollständig gelöst. Sein verblüffendes Ergebnis: sowohl Königsspringergambit (3.Sf3) als auch Königsläufergambit (3.Lc4) verlieren forciert für Weiß, nur mit 3.Le2! kann Weiß Remis halten.

...

Das war ein etwas verspäteter Aprilscherz der aber letztes Jahr auch schon vortrefflich funktionierte! ;-))

Kein Aprilscherz hingegen ist das neue Buch von GM Shaw über diese Eröffnung.

 

 

John Shaw The King’s Gambit 680 Seiten, 1. Auflage 2013. Das Buch ist erhältlich bei Schach Niggemann (http://www.schachversand.de/)

Ein Buch über Königsgambit schreiben?

Das ist ungefähr eine genauso undankbare Aufgabe wie „Schatz, bring doch bitte noch nach der Arbeit ein paar Tomaten und Zwiebel mit“. Nach dem Feierabend noch hektisch in den nächsten Supermarkt gestürzt (nach einer Viertelstunde Parkplatzsuche), das Gemüse gepackt und sich schnurstracks Richtung Kasse bewegt. Halben Weges erkennt man schon aus einiger Entfernung zu seinem Entsetzen eine riesige Menschenschlange vor der einzig geöffneten Kasse. Zähneknirschend stellt man sich ans Ende der Schlange und darf nun für die nächsten 15 Minuten aufdringliches Kindergeschrei, billiges Parfum und belangloses Geschwätz ertragen. Zuhause angekommen ertönt nur ein vorwurfsvolles „Warum hast du so lange gebraucht für die 2 Sachen?“.

Dass durfte sich wohl auch der Autor des Buches, GM John Shaw, anhören.

Warum dauert die Veröffentlichung solange? Warum wurde es schon wieder verschoben?

Der Grund war einfach: Ursprünglich sollte das Buch IM Jan Pinski schreiben. Der konnte nicht mehr wegen anderer Verpflichtungen und so sprang Shaw ein. Dieser wiederum wollte ein vernünftiges Buch abliefern und nahm sich dafür auch die Zeit. Richtig so!

Was ist dabei herausgekommen?

Gleiche vorneweg: Ein Monster! Aber Ungeheuer müssen ja nicht immer mit einem negativen Touch behaftet sein. King Kong war ja auch nicht richtig böse. Eher unverstanden und zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht, aber nur vielleicht, ereilt dieses Schicksal auch dieses Buch: Unverstanden und zur falschen Zeit am falschen Ort.

Was GM Shaw gemacht hat: Das Königsgambit in seiner Gesamtheit einer gründlichen Überprüfung unterzogen. Er listete dabei sämtliche Abspiele auf die im Königsgambit vorkommen, analysierte sie sehr ausgiebig und glossierte das Ganze mit seinen eigenen Schlussfolgerungen. Dass er dabei oft an die Grenzen des Machbaren stößt und einzelne Abspiele wie zum Beispiel die Nordwalder-Variante (1.e4 e5 2.f4 Df6) nur sehr kurz abhandelt, mag vielleicht zu verschmerzen sein, eine Lücke bleibt trotzdem. Vielleicht ist es auch einfach schier unmöglich, ein komplettes Buch über Königsgambit zu schreiben, zu vielfältig und zu komplex erstrecken sich die bereits ausgetrampelten Variantenpfade die im Laufe der Jahre immer breiter wurden. Vielleicht ahnte Shaw was da auf in zukommen würde und vielleicht dämmerte ihm, dass es auf keinen Fall ein vollständiges Werk sein könnte. Zu umfangreich würde das Ganze werden, in keiner Weise den selbst auferlegten Qualitätsanspruch genügend und ein Eingeständnis.

Ein Repertoirebuch? Schwierig. Ich persönlich würde es so nicht sehen. Eher ein Ratgeber, ein Leitfaden, ein Überblick. Shaw´s Analysen sind fundiert, sorgfältig und tiefgründig. Seine Bewertungen haben Hand und Fuß, an vielen Stellen hat er wertvolle Neuerungen parat. Insgesamt 73 ausführlich kommentierte Partien stellt der Autor seiner Leserschaft vor (neben den Analysen).

GM John Shaw hat mit diesem Buch ein sehr umfangreiches Werk über Königsgambit verfasst. Für einen kompletten Überblick reicht es aber trotz der gut 700 Seiten nicht ganz: Einige Abspiele wurden leider nur kurz behandelt oder angesprochen. So tut sich das Buch schwer, seinen Platz zu finden: Repertoirebuch oder Nachschlagewerk? So stellt sich auch die Frage, für wen das Buch gedacht ist. Auch hier kann ich keine eindeutige Antwort geben.

Wer bereits Königsgambit spielt, wird daraus sicher die eine oder andere Anregung gewinnen können. Ob es aber dafür das gut 700 Seiten starke Werk unbedingt sein muss wage ich zu bezweifeln. Für Neueinsteiger wäre eine weniger fulminante Aufmachung wahrscheinlich besser geeignet.

Und hier sind wir wieder bei dem Punkt, den ich vorhin angesprochen habe: Das Buch ist ein Monster.

Ein Monster, das einen erschlägt wenn man nicht aufpasst! Weiß man es aber zu bändigen, frisst es einem aus der Hand. Soll heißen, jeder, der das Buch kauft, muss seinen eigenen Weg damit gehen. Im positiven wie im negativen Sinne.

The Kings Gambit ist trotz der angesprochenen Punkte eine Meisterleistung und verdient eine besondere Würdigung. Selten gab es eine solche gewaltige Zusammenstellung.

Den besten Nutzen zieht man aus dem Buch indem man sich davon inspirieren lässt, damit arbeitet und selbst forscht! Es ist meilenweit davon entfernt, dem Leser vorgekaute Wohlfühlrezepte anzubieten. Es lädt dazu ein, selbst nachzudenken, irgendwo etwas Neues zu entdecken und letztendlich diese Eröffnung als das zu sehen, was sie eigentlich ist: Ein einziges großes Abenteuer!

Genau wie der Kauf von Tomaten und Zwiebeln kurz vor Ladenschluss!!

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach Niggemann überreicht.

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