Auch die Schachgemeinde, eigentlich gewohnt daran, ein Außenseiterdasein zu fristen, bleibt nicht verschont von den globalen Entwicklungen. Das Internet bietet Informationen über Schach en masse – und das auch noch für umme! I
Nun, im Schachzeitschriftensektor sind wir hierzulande noch verwöhnt, alle regelmäßig erscheinenden Schachorgane lassen sich gar nicht an den Fingern einer Hand abzählen. Es gibt was für die Profis, die Jugend, den Vereinsspieler, den kulturell interessierten Schacher wie den Liebhaber von abgefahrenen Eröffnungen. Jeder Schachliebhaber kommt hierzulande auf seine Kosten und darf aus einem breiten Spektrum wählen. Aber wie lange noch? Der Niedergang der Artenvielfalt auf dem Schachsektor begann im letzten Jahr, als sich Herausgeber Hickl entschloss, seine gedruckte Monatszeitschrift „Schachwelt“ aufzugeben und fortan für eine Internetpräsenz zu ersetzen, auf der Sie gerade diesen Artikel lesen können. Umsonst versteht sich! Und die weitere Entwicklung? Wer weiß? Ich fühle mich nicht berufen, in die Zukunft zu blicken, zumal mir der wirtschaftliche Weitblick völlig abgeht. Aber die Zeichen stehen nicht gerade auf rosig.
Andere anscheinend kennen sich besser aus mit den Markgesetzen und umgeben sich mit dem Selbstverständnis, die Entwicklungen prognostizieren wenn nicht gar in ihrem Sinne beeinflussen zu können. Hellhörig hätte der aufmerksame Leser schon vor geraumer Zeit werden können. Vor bald einem Jahr war auf der Chessbase-Seite ein Interview mit dem Herausgeber des seit mittlerweile drei Jahren bestehenden Periodikums „Schachzeitung“, Michael Schönherr zu lesen, in dem dieser seine Philosophie erläuterte und die Zukunft voraussagte. Da heutzutage eh jedes Taschen-Programm Großmeister in dieselbe steckt kommt die Zeitschrift weitgehend ohne fachliche Hinweise von Schachprofis aus. Schönherr dazu
„um so etwas (eine Partieanalyse) zu produzieren, muss man ja offenbar auch kein Großmeister sein...“
In der Tat. Es gibt ja auch schon Musikprogramme, zum Beispiel aus dem Hause Chessbase
Damit wird jeder User zum Mozart, die bildende Kunst wird sicherlich auch bald für den Eigenbedarf reproduzierbar werden, der Künstler als solcher wird bald überflüssig werden, weil jeder Einzelne im Verbund mit seiner häuslichen Software Kunst aus der Retorte produzieren und in Facebook und Youtube auf Applaus aus sein darf. In jedem steckt ein Genie, wollte das nicht der alte Polgar beweisen? Damals, ohne PC, bedurfte dies noch einer gewaltigen Energieleistung und eines disziplinierten Lehrplanes, heutzutage ist selbst das nicht mehr vonnöten. Nein, in jedem steckt sogar ein faules Genie!
Doch hören wir noch mal in das Interview rein, da gibt es eine sehr interessante Stelle zu entdecken:
Schönherr: “Ich glaube übrigens, dass es in einiger Zeit nur noch zwei Schachzeitungen geben wird.“
Andre Schulz (Chessbase) Zwei zusätzliche Schachzeitungen...?
„Nein, nur noch zwei Schachzeitungen insgesamt!“
Also zwei, die von den sieben noch übrig sind? Und Sie sind dabei?
„Ja.“
Mag sein, der Mann ist nur realistisch. Oder visionär. Zumindest scheint er Selbstzweifel nicht zu kennen. Wie dem auch sei, man kann nur hoffen, dass sein Szenario nicht eintreffen wird. Schon um der Vielfalt und der Qualität willen.
Übrigens hat der Kampf um die Marktanteile schon begonnen. Oder sagen wir um die Verkündigungsorgane der Landesverbände. Immer mehr Länder nehmen Abstand vom Altbewährten und laufen zum Neuen über. Schwer zu beurteilen, an welchen Schrauben da gedreht wurde, aber eine Art Dominoeffekt ist zu beobachten. Zuletzt probten die Schwaben den Aufstand. Ganz wie in der Politik. Da wurde die Regierung auch einfach abgewählt.
Was werden die Bayern tun? Die Bayern fallen doch nicht etwa um? Nein, die Bayern sind aus anderem Holz. Stellen Sie sich vor, die CSU würde abgewählt werden?! Nein, nein, da muss man schon die Kirche im Dorf lassen.
Tendenzen zur Nivellierung sind in den etablierten Schachzeitschriften bereits zu erkennen. Ich habe drei davon abonniert, zudem kaufe ich mir von den anderen (auch englischsprachigen) am Bahnhofskiosk öfters welche. Die Partieanalysen klingen gern mal ähnlich, auch wenn unterschiedliche Leute (mit ausgewiesenem Schachverstand) die Partie analysiert und kommentiert haben. Liegt es daran, dass sie alle mit demselben Schachprogramm arbeiten? Denn ohne scheint man heutzutage nicht mehr auszukommen, es spart Zeit und hilft, etwaige Fehler auszumerzen. Also ähneln sich in den unterschiedenen Magazinen gern mal die Einschätzungen zu einzelnen Zügen, etwa: „bla? der entscheidende Fehler; richtig war …bla! , wonach laut dem Rechner Weiß nur einen geringfügigen Vorteil aufweist.“ Dann folgt noch die Computervariante: 35.Sxg5 Lf6 37.T L xx 7l Sa )O50. xxKD …. bla bla usw. Oder wenn man ganz gewitzt sein und Platz und Nerven sparen will heißt es: „diese computergenerierte Variante wollen wir dem Leser nicht zumuten.“ (und der Redakteur will sich selber auch nicht das Entwirren zumuten, zurecht übrigens)
Heutzutage kann man es eh keinem Leser mehr zumuten, sich anzustrengen. Die Happen müssen mundgerecht serviert werden, sonst geht dieser zur Konkurrenz, die haben mehr Diagramme, da muss man nicht mal blind spielen geschweige denn ein Brett aufbauen. Denn bis man da wieder bis zu 32 Figuren aufgebaut hat, das dauert, damit kann sich heutzutage kein zeitgemäßer Mensch mehr aufhalten, er muss ja alle neuen Einträge in unzähligen Internetbloggs durchlesen und Stellung beziehen.
Der Großmeister macht sich übrigens selbst überflüssig, wenn er beim Aufzählen von Computerbewertungen stehen bleibt.
Eine weitere Tendenz erkenne ich: den Hang (vor allem der jüngeren Kommentatorengilde) zum Gebrauch des Smilies! Vielen Schachfreunden passiert es beim Daddeln an ihrer Tastatur, dass sie „:“ und „)“ eingeben, und plötzlich erscheint dann dieses Sonderzeichen:
„ “
Goldig! Zunächst weiß man noch gar nicht recht, wie einem geschieht und wodurch man diese freundliche Erscheinung denn ausgelöst hat, doch beim wiederholten Male wird einem klar, mit welcher Tastenkombination man das lachende Mondgesicht erhält. Mittlerweile stößt man immer öfters bei einer Partiekommentierung auf das witzige Sonderzeichen. Es steht womöglich kurz davor, zum international anerkannten Informatorkürzelalphabet hinzugefügt zu werden. In welcher Bedeutung ist noch unklar, vielleicht so: „nicht der beste Zug, aber mit Humor gespielt.“
Man könnte auch via Facebook zukünftig über die Schönheit von Partien abstimmen. „Wie hat Euch die letzte Partie von Carlsen gefallen? Und dann die Smilies sammeln. Weil jedes
zählt!
So wie es in geraumer Zeit nur noch zwei Schachzeitungen geben wird, wird auch die Schachanalyse einer Standardisierung anheim fallen. Spätestens im Jahre 2022, passend zur Fußball-Retorten-WM in Katar, wenn für 5 Scheichs, 20 Funktionäre und 25 798 Haremsdamen im künstlich angelegten Fußballtempel von Doha die Temperatur von 55 auf 18 Grad herabgekühlt wird, werden nur noch zwei Arten verwendet werden. Und so wird es dann aussehen, wenn das neue Schachwunderkind Haschisch Bibi (Name redaktionell erfunden) sein Gedankengut unters Volk bringt (bzw. die Schachzeitung sie volksnah kommentiert):
a) N.N. – Haschisch Bibi, Elista 2022
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 bislang einzige Züge +0,12
8.c3 d5?! Nur die sechstbeste Wahl. Hatte Schwarz die Theorie vergessen? Besser ist …d6.
Bekannt als Marshall-Angriff, nach dem amerikanischen General, der nach dem 2. Weltkrieg Finanzhilfen für Europa ermöglichte (wikipedia)
9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 (einziger Zug +0,07)
12.d4 Ld6 13.Te1 Dh4 14.g3 Dh3 (einzige Züge, +0,15) 15.De2? Warum nicht 15.Lxd5 mit +0,45? Weiß spielt wie ein Patzer und vernachlässigt sträflich die Entwicklung. Meine Oma hätte das besser gespielt, die hat auch mehr Freunde auf facebook.
15. …Lg4 0.02 Die Partie ist sehr ausgeglichen. Das Remis unvermeidlich. 16.Df1 0.00 Dh5 0.00 17.Sd2 Lh3 0.00 18.De2 +0,41 Weiß steht deutlich besser 18. …Lg4 19.Df1? Weiß vergibt den klaren Gewinn (19.f3 +- ) 19. …Lh3 20.De2 Lg4 Remis. Das moderne Schach bedarf einer Erneuerung. Wir fordern die Einführung zweier neuer Figuren mit dem Aussehen von Schwarzenegger und der Gangart von Heidi Klum!
b) N.N. – Haschisch Bibi, Elista 2022, (Bibi analysiert) 1.e4 e5 Ich wollte meinen Gegner überraschen
2.Sf3 Sc6 Russisch ist ja remis, aber ich wollte Schach spielen 
3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 8.c3 d5 In der Kleinkindgruppe hat mir meine Nanni die Feinheiten des Marshall-Gambits erklärt, es ist altmodisch, aber ich hatte eine unruhige Nacht hinter mir und die Cheesburger drückten mir unangenehm im Gedärm 

9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 12.d4 Ld6 13.Te1 Dh4 14.g3 Dh3 15.De2 Er kneift. Beim Frühstück hatte mein Trainer mir noch ein paar Dateien zu den aktuellen Varianten untergeschoben. Ich bestrich sie mit Ahornsirup und hatte sie auswendig gelernt, noch bevor ich sie runterschlucken konnte. ![]()




15. …Lg4 Der Rest war einfach 







16.Df1 Dh5 17.Sd2 Lh3 18.De2 Lg4 19.Df1 Lh3 20.De2 Lg4 okay Kumpels, es war nicht gerade eine Immergrüne, aber Schach ist halt Remis und wir spielten beide einfach zu perfekt































Gens una sumus (wir sind alle genial - oder alle gleich blöd)!






Kommentare
* kopfschüttel*
Warum hast du ihn dann überhaupt gelesen?
Da der Begriff "Markt" bzw. "Marktanteile" hier mehrfach fällt, eine kleine Anmerkung hierzu.
Nämlich, wenn Funktionäre bestimmen, was alle "konsumieren", so nennt man das?
Richtig, Freie Marktwirtschaft
Früher gab's mal im Osten von Deutschland noch so nen Staat, ist heute schon fast vergessen. Ein Markenzeichen jenes Staates war, daß die verfügbaren Produkte irgendwie selten die allerbesten waren, mit ein paar Ausnahmen.
Ansonsten; jau, der Fachmann wird überflüssig, allenthalben.
Manche verteidigen da noch eisern ihre Pfründe, Juristen zum Beispiel. Aber sonst - muß man z.B. als Architekt mehr können als nur ein Computerprogramm bedienen? Könnte das nicht jeder?
Oder ist das alles nur so eine Art Vision von Marx, der Aufstand des (geistigen) Proletariats und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel? - zumindest derjenigen "geistigen Produktionsmittel", die von der Bourgeoisie früher noch mühsam erlernt worden mußten, wie Du schreibst.
Deine Gedanken zum kulturellen Niedergang, die teile ich, auch ganz ohne dieses aktuelle, nunja, Ereignis.
Ach, und wenn wir schon beim Thema Internet sind:
Da ist ein kostenpflichtiges Print-Pflicht-Magazin doch eigentlich ein Anachronismus. Wo es eben alles, Ligaergebnisse und so, schneller und umsonst gibt.
Der "Markt", der hier (auf Kosten der Vereine) auf Hochglanzpapier "befriedigt" wird, das ist doch eher die ... Eitelkeit der ...
... ich beiß' mir lieber auf die Zunge.
Wir haben es mit Marktwirtschaft zu tun, und mir scheint, daß eine Zeitschrift das verstanden hat, während eine andere noch trauert und schimpft.
wo sind die "Zug für Zug"-KOMMENTARE (nicht Diagramme)? Die hat noch keiner gesichtet. Gibt es denn erst eine Alternative, seit dem es die Schach-Zeitung gibt ? Gab es all die anderen vorher nicht. Und mit Schachmagazin 64 oder Schach fangen auch Leute mit DWZ 1500 durchaus etwas an. Wobei ich bestreite, dass man mit 1500 in der Mitte der deutschen Schachspielergemeind e liegt, die dürfte eher bei 1700 liegen.
"Michael schreibt:" Wir haben es mit Marktwirtschaft zu tun.....
Ja, schön wär's. Ich fürchte eher wir haben's mit etwas ganz anderem als Marktwirtschaft zu tun. Und das missfällt nicht nur mir.
Schöne Grüße nach Seevetal.
Vielleicht liegt es am Herausgeber und Chefredakteur? Ja was kann man denn nur gegen so einen lieben Mann haben???
forum.svw.info/.../
Es ist ganz einfach. Wir wollen ihn nicht, und den Mehrer auch nicht mehr.
Endlich gibt es eine Alternative zur "RE" und diese ist auch - zumindest nach meiner Ansicht - gelungen. Ob der Inhalt der " SCHACH-ZEITUNG" ansprechend ist, wird einzig und allein durch die Abnehmer bestimmt.
Völlig egal, ob GMs dort mitwirken oder nicht. Wenn Sie gekauft wird, ist alles richtig gemacht worden.
Ob wir in Zukunft in Deutschland nur noch zwei Fachzeitschriften haben, mag ich allerdings bezweifeln. In Zukunft gibt halt die Lektüren maßgeschneidert für den Tablet-PC.... gegen Zahlung eines Obulus natürlich .
Aber bitte!
@Claus Seyfried:
Ich bin nicht Michael Schönherr und wohne auch nicht in Seevetal. Ich wohne in Bremen und bin Abonennt der Schach-Zeitung sowie der Rochade. Die Zug um Zug Kommentare sind ein wesentlicher Bestandteil der Schach-Zeitung und sind in der aktuellen Ausgabe ab Seite 2 zu finden.
toller Artikel - ich freue mich schon, wenn noch mehr Partien von Haschisch Bibi hier vorgestellt werden!
(Leider kann ich hier in den Kommentaren keine richtigen Smileys machen!)
Zur Diskussion allgemein:
Die "Schach-Zeitung" finde ich auch beängstigend, aber was will man tun? Sie haben wohl ein besseres Angebot abgegeben als die "Rochade", und da sind einige Landesverbände eben gewechselt. Finde ich nicht verwerflich - schließlich ist die "Rochade" auch kein offzielles Organ, und der Bessere möge gewinnen. So ist der Markt - und vielleicht kann die "Rochade" ja nachlegen, beizeiten.
An einem trüben Nachmittag warf ich mal einen Blick in die "Schach-Zeitung". Hab´s aber nicht lange ausgehalten - so öde fand ich die Kommentierung der Partien. Schöne Parodie in Deinem Artikel, Frank!
Aber was soll´s - die Kunden bekommen, was sie sich wünschen. Und wenn eine große Zahl von Leuten so etwas mag, dann finde ich das zwar auch nicht schön, aber ich will das Verhalten der Käufer auch so nicht kritisieren. Sie haben eben einen anderen Geschmack.
Folge kann aber sein ... so wie mit Wal-Mart in den USA. Die vielen bunten Laeden gehen Pleite, und übrig bleibt ein großer langweiliger Mega-Anbieter. Wenn sich die Abonnenten hier in Deutschland von den Schach-Zeitungen zurückziehen, wird die Folge wohl ähnlich sein.
Immerhin findet man auch schon vieles im Netz, und dann auch noch umsonst. Es wird leider nicht einfach werden für die analogen Anbieter, fürchte ich.
"Vielleicht ist der Druck auf dem Hochglanzpapier für die Verbände nicht teurer sondern nur für den Hersteller?"
Da es sich, wie Du richtig feststellst, um Marktwirtschaft handelt, kann man mit Sicherheit ausschließen, dass es am Ende nicht der Konsument bezahlt.
Nun ist es allerdings so, daß das Vereinsabo der Schachzeitung genau so teuer ist, wie das der Rochade. Und man bekommt noch die Jugendschach dazu. Also bekommt der Konsument zumindest mehr (Druck-)Qualität.
Um sich in einem Markt zu etablieren, gibt es 3 grundlegende Wege:
- eine Marktlücke entdecken und erschließen,
- den Mitbewerbern Anteile abnehmen (Organ der Landesverbände),
- einen Mitbewerber (Jugendschach) schlucken.
Aggressive Preisgestaltung ist eine (meist zeitlich begrenzte)begleitend e Methode, die dabei hilft, schnell auf die erforderliche kritische Auflage zu kommen.
Das alles ist legitim aber geschieht bestimmt nicht aus Wohltätigkeit.
Abgerechnet wird dann zum Schluß.
Ist es nicht egal, welches Bladl man nicht liest?
Asche auf mein Haupt - zu einem Schach-Welt-Abo hat es auch bei mir nicht gelangt.
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