Warum Problemschach?

by on23. Januar 2012

Ich möchte mich an dieser Stelle vorstellen. Ich bin Sven-Hendrik Loßin (kurz: Losso) und Schachliebhaber. Ich bin im „Normalschach“ Spitzenbrett bei einem Verein aus der Region Hannover und spiele dort in der Verbandsliga. Auch im Fernschach war ich aktiv und wurde vor 8 Jahren Landesmeister in Mecklenburg-Vorpommern. Beim Lesen in Blogs bin ich verschiedentlich auf Schachprobleme gestoßen und bin irgendwann in diese Welt eingetaucht.
Bald fing ich an, selber Probleme zu basteln, löse aber auch recht gerne.
 
Wie funktioniert dieses „Eintauchen“? Nun ja, selbst als Normalschachspieler kommt man wohl gelegentlich mit Studien in Berührung. Oft hat man es dann mit Studien zu tun, die nicht sehr partienah sind, sich aber durch eine besondere Schönheit des Motivs, Ablaufs oder der Endstellung auszeichnen.
Wenn man die Studie verlässt und die Zugzahl im Vornherein beschränkt, ergeben sich weitere Möglichkeiten, Interessantes, Außergewöhnliches oder auch Kurioses darzustellen. Insofern sind dies die zwei Hürden, die ein Normalschachspieler nehmen muss, wenn er die Attraktion eines Schachproblems genießen möchte: Er muss einerseits in der Lage sein, partieferne Stellungen zu akzeptieren, andererseits muss er sich mit einer Bedingung anfreunden, die zumeist so ähnlich lautet wie Matt in 2 Zügen. Diese Bedingung bedeutet, dass eine Lösung, in der Schwarz den zweiten Zug überlebt, als solche nicht gültig ist, auch wenn Weiß weiterhin eine gewonnene Stellung besitzt.
 
Wenn ich den Problemschachteil der Rochade, Schach etc. sehe, kann ich übrigens sehr gut nachvollziehen, dass nicht viele Normalschachspieler den Weg zur Schachkomposition finden. Es ist leider so, dass sich dieser Bereich unseres Hobbies eine ziemlich hohe Einstiegshürde erlaubt, die zu nehmen ziemlich schwer ist. Ich habe irgendwann einmal Probehefte gängiger Problemschachzeitschriften geordert, zuvorderst der Schwalbe. Die Schwalbe ist ein gemeinnütziger Verein, in dem die deutschen, aber auch ausländische, Problemschachfreunde Mitglied sind. Die Vereinszeitschrift heißt genau so wie der Verein und das erste Heft, das man liest, wird man zumeist recht schnell beiseite legen, es sei denn, man hat jemanden, der einem das ein oder andere erklärt.

 

Schwalbelogo

Nicht nur ein nostalgischer Motorroller aus Ostdeutschland,
sondern auch die deutsche Vereinigung für Problemschach: die Schwalbe.

 

Das Vokabular, Abkürzungen und nicht gerade anfängerfreundiche Fachartikel sorgen dafür, dass das Feuer sich nur sehr langsam entfacht. Ich kann nach ca. 2 Jahren Problemschach sagen, dass sich das Nehmen dieser Einstiegshürde gelohnt hat. Viele Aufgaben haben sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt und ich denke gerne an diese oder schaue sie mir noch einmal an, so wie man sich ein hübsches Bild immer wieder ansieht oder ein Musikstück immer wieder anhört.
Aber auch im Trainingsbetrieb werden Schachkompositionen genutzt. Und das bezieht sich nicht nur auf Studien, die zum Erlernen des technischen Endspiels auf der einen und der Technik, im Endspiel weit rechnen zu können, den Trainern eine wichtige Stütze sind. Insbesondere in Trainingsbüchern von Alexander Koblenz tauchen aber auch Zwei- und Dreizüger auf (meist unter Verschweigen der Quellenangabe, was in der Schachkomposition gar nicht gerne gesehen wird), die wohl helfen sollen, auch in ungewöhnlichen Situationen eine genaue Berechnung der Züge vornehmen zu können. Ich gehe davon aus, dass seine Schüler wohl auch nicht selten mit Schachproblemen konfrontiert worden sind.
 
Was sich in solchen Konstellationen, also im Wesentlichen Matt in 2, 3 oder mehr für Motive darstellen lassen, möchte ich in der Rubrik „Problem des Monats“ darstellen. Diese hier zu übernehmen, habe ich Jörg Hickl angeboten, der dankend annahm.
Ich habe mich dabei entschlossen, jedem Artikel ein Thema aus der Schachkomposition zu widmen, dazu ein bis zwei Aufgaben zu präsentieren und dann ca. eine Woche später das Thema vorzustellen. Über das Normalschach hinaus gehende Bereiche werde ich eventuell streifen. Es gibt nämlich über das Normalschach hinaus noch die so genannten Hilfs- und Selbstmatts. Hilfsmatts zeichnen sich durch die Kooperation beider Parteien zum Matt aus, während Selbstmatts sozusagen „Schach paradox“ ist: Wer matt setzt, hat verloren. Selbstmatts sind mein absolutes Steckenpferd. Über 90% der Stücke, die ich komponiere, sind Selbstmatts. Noch abgefahrener wird es dann beim Märchenschach, bei denen es noch weitere Bedingungskomplexe, Figuren und Forderungen gibt. Ein letzter zu nennender Bereich ist die Retroanalyse, bei der die Historie einer Stellung Teil der Aufgabenstellung ist. Dort gibt es einige Aufgaben, die gerne bei Vereinsabenden vorgeführt werden, wie z.B. „König über Bord“.

Schon bald wird es hier mit dem "Problem des Monats" losgehen und auch die "Studie des Monats" werde ich betreuen. Das obige Diagramm entstammt der Geburtszeit der Schachkomposition. Es handelt sich um eine recht bekannte arabische Mansube (so wurden die damals erdachten Stücke genannt; lt. Wiki heißt das so etwas wie "Anordnung") aus dem 10. Jht. Weiß ist am Zug und setzt matt in 5 Zügen.

Kommentare   

#1 Olaf Steffens 2012-01-23 16:10
Hallo Losso,

da bist Du ja - wie schön! Ich freue mich schon auf interessante Probleme und hübsche Studien. Mir geht es genauso wie Dir - eigentlich kann ich mit diesen künstlichen Sachen nicht so viel anfangen, und oft schrecken sie mich auch ab (vor allem Problemschach).
Aber schön sind sie allemal! Freunde bringen manchmal Studien mit, wenn wir uns in der Kneipe treffen, und dann müssen die anderen arbeiten und die Lösung austüfteln. Es ist unglaublich, was für elegante Motive dann oft versteckt sind im Lösungsweg - die reine Ästhetik.

Und zum Beginn gleich ein Fünfzüger ...?! Na, mal schauen, wie das so geht!
#2 MiBu 2012-01-23 16:28
Nur keine Angst vor diesem Fünfzüger: Bei vielen Mansuben - so auch bei dieser - steht Weiß unmittelbar vor dem Matt, von daher hilft nur "Schach und Schach nach!", weil für einen stillen Zug keine Zeit ist. Entspricht natürlich überhaupt nicht den Anforderungen, die man heute an ein Schachproblem stellt, aber Losso will den Einstieg ja bewusst leicht machen, um den "Nur-Schach-Spielern" die Schwellenangst zu nehmen (nehme ich jedenfalls an).

Es ist übrigens kein Wunder, dass bei dieser Mansube Läufer und Dame nicht vertreten sind - Alfil und Wesir zogen damals anders als diese Figuren heute; deswegen habe nur Probleme dieses Typs die Regelreform überlebt.
#3 Losso 2012-01-23 21:50
Offensichtlich war es damals bei Schachaufgaben Pflicht, dass ein Zug, der nicht Teil der Lösungsvariante ist, auch mindestens einen halben Punkt einstellen muss.

Der Fünfzüger ist in der Tat nicht schwierig. Offensichtlich gab es auch damals schon klare Vorstellungen, wie ein hübsches Mattbild aussehen kann.

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