5 Jahre VMCG-Schachfestival – Schach aus der Sicht eines Organisators

by on24. Juli 2017

Vom 8.7. bis 16.7. 2017 fand die 5. Ausgabe des VMCG-Schachfestivals im 4*-Hotel Seminaris in Lüneburg statt.
Als Spieler wurde mir bereits eine „Schachsucht“ unterstellt, da ich sehr viele Turniere in normalen Jahren spiele. Mir macht es Spaß Schach zu spielen, neue Leute und Länder kennen zu lernen und gefällt mir ein Turnier sehr gut, dann ist es im nächsten Jahr bereits Pflichtprogramm. So kommen hunderte Turnierteilnahme zusammen und jedes Mal bewertet man natürlich auch den Turnierveranstalter, was hat der Organisator richtig gemacht, was lief nicht so gut.


Zusammen mit meinem Kumpel Martin Becker entschied ich mich im Sommer 2012 auf die andere Seite zu wechseln und ein Schachfestival zu organisieren.
Meine Demut gegenüber den vielen Schachveranstaltern, die wir in Deutschland haben ist seitdem ins Unermessliche gestiegen – aber dazu später mehr.


Zunächst hieß es im Sommer 2012 eine geeignete Location für unser Turnier zu finden. Unsere Idee war ein hochwertiges Ambiente zu suchen, da wir uns vor allem auf die Senioren mit einem Seniorenturnier konzentrieren wollten. Wir riefen im größten und bekanntesten Hotel in Lüneburg (dem Wohnort von Martin Becker), dem Seminaris Hotel Lüneburg an, und statt der erwarteten Absage, sagte uns Klaus Anger, seines Zeichens Manager des Hotels „klar, wann wollen wir starten?“ Von dieser Zusage ermutigt machten wir uns an die Arbeit. Wenn wir die Räumlichkeiten schon haben, warum nicht noch ein A, B und C-Open organisieren und wenn man die Gms und Ims ohnehin da hat, warum nicht auch noch 2 geschlossene Turniere für die Normenjäger. So entstand das VMCG-Schachfestival in seiner heutigen Form.
Die Vorarbeit ist sehr intensiv, Eloanmeldung, Material, Schiedsrichter, Live-Bretter (aus unserer Sicht ein Muss für ein richtiges Schachfestival) Unterkünfte, Sponsorensuche, Aufbau einer Internetseite, Bearbeiten der Anfragen und Anmeldungen, PR für das Turnier und vieles mehr sind anstrengend, aber machbar.
Der große Spaß beginnt aber vor Ort denn hier gilt der Spruch, es kommt 1. alles anders und 2. als man denkt.


So bewertete der Provider (oder wer auch immer sowas bewertet) des Hotelinternets im ersten Jahr unsere Livebretter und den hohen Datenaufwand als Hackerangriff und zerschoss unsere Seite.
Ein Teilnehmer konnte nicht so recht mit seinem Geld auskommen und auf ein Mal seine Unterkunft, die er in Ruinen zurück ließ nicht bezahlen und hatte auch kein Geld mehr um zum Flughafen zu kommen.
Im zweiten Jahr, sowie in diesem Jahr sagten Spieler aus den Rundenturnieren kurz vor Start ab. Seitdem weiß ich, es ist gar nicht so einfach innerhalb von 2-3 Tagen einen ausländischen Titelträger zu engagieren, der kurzfristig einspringt.
Auch dem Organisator selber passieren Fehler, so buchte ich letztes Jahr für den Mädchen Grand Prix das Essen falsch und musste innerhalb von 30 Minuten Essen für 30 hungrige Mädels und deren Eltern organisieren.
Außerdem mussten wir lernen, dass es nicht gut ist jemanden mit Katzenallergie in ein Haus mit Katzen zu stecken...wer hätte darauf kommen können.


Mein persönliches Highlight war dieses Jahr, als einer unser algerischen Teilnehmer an der Niederländisch/Deutschen Grenze verhaftet wurde und ich versuchte der Familie einen Anwalt zu besorgen…


All das bekommen die anderen Teilnehmer des Turniers nicht mit, als Organisator knabbert das aber an den Kraftreserven.
Aber es gibt natürlich auch viele positive Überraschungen. So hatten wir unglaubliches Glück seit 2014 mit der Vonhoff Management Consulting AG einen starken Partner an unserer Seite zu haben. Die positiven Rückmeldungen unserer Teilnehmer sind mit das größte Geschenk, aber auch dass man einfach viele Freunde um sich hat und eine Woche ihnen mit einem gut organisierten Turnier Freude bereitet, ist ein tolles Gefühl.
Als dieses Jahr dann auch noch Alexei Shirov sich zwischen vielen Terminen Zeit nahm und ein Seminar gab, war das für uns ein kleiner Ritterschlag.
Meine Bilanz aus 5 Jahren VMCG-Schachfestival ist, dass ich große Hochachtung für die Veranstalter habe, die aller meisten verdienen damit kein Geld, sondern leisten einen Dienst an unserem Sport um die Szene am Leben zu halten. Ohne Turnierveranstalter könnte weder ich noch viele meiner Kollegen mit Schach ihr Geld verdienen, denn ohne Turniere keine Jugendliche, die man trainieren kann, keine Journalisten die über die Turniere schreiben könnten. Ein Verband wäre beinah obsolet und die Schachprofis selber säßen auf dem Trockenen. Schach würde zur Internetbeschäftigung. Deshalb sind wir als Schachliebhaber den Veranstaltern zu einem großen Dank verpflichtet!
Das entlässt die Veranstalter aber nicht aus der Verpflichtung, sich weiterzuentwickeln. Sponsoren gewinnen. Öffentlichkeitsarbeit, Live-Bretter und vor allem pünktlicher Start von Runden und Siegerehrung so wie viele weitere Details sollten Stück für Stück zum Standard gehören.
Das Wichtigste ist jedoch, dass wir als Schachszene das zusammen organisieren müssen. Denn auch die Spieler sind dem Veranstalter gegenüber verpflichtet, sportlich aufzutreten und für eine angenehme Atmosphäre zu sorgen. Denn alle haben ein Interesse daran, dass Schachturniere zu schönen unvergesslichen Veranstaltungen werden. Wie sagt man heutzutage: „es ist eine ganzheitliche Aufgabe!"

Jonathan Carlstedt

Seit Juni 2011 bin ich Internationaler Meister, seit Januar 2011 habe ich 100 Elopunkte verloren. Seit Juni 2010 habe ich mein Abitur in der Tasche, seit August 2011 betreibe ich eine Schachschule in Lüneburg. Beruflich bin ich also Schachspieler, Trainer, Organisator (siehe links oben), Journalist und Autor. Hauptberuflich macht mir Schach Spaß. Alles was Sie nie über mich wissen wollten, werden Sie in diesem Blog erfahren. Viel Spaß beim Lesen!

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