Blitzschach mit reduziertem Material

by on03. Januar 2018
Paehtz-Javakishvili (während 55.-Txa3) Paehtz-Javakishvili (während 55.-Txa3) Turnierseite

Das - Nachlese zur Blitz-WM im umstrittenen Riad - wird Teil eins einer Serie. Diverse Blitzpartien im Damenturnier registrierte ich, weil die Spielerinnen nun einmal dabei fotografiert wurden - ob das von dem Fotografen oder der Fotografin Absicht war oder ebenfalls Zufall, kann ich nicht beurteilen. Kein Zufall allerdings, dass deutsche Spielerinnen beteiligt sind - wobei ich später zeigen werde, dass neben einer deutschen Spielerin und einer Georgierin auch andere (aus Deutschland, Georgien und Russland) diese Art, Blitzschach zu spielen, beherrschen. In diesem Artikel am Ende auch ein "turnierrelevantes" und nach Elo hochkarätiges Fragment aus dem offenen Blitzturnier.

Sinn der Sache ist nicht, mich über die Spielerinnen zu mokieren - auch wenn mir das vielleicht unterstellt wird. Nein, es geht um zwei Dinge: 1) Wie kann man (oder frau) eine Gewinnstellung effizient gewinnen? Einige Momente sind da wohl spezifisch, aber ein Motiv wird insgesamt doppelt auftauchen. 2) Wie geht Wühlen in (totaler) Verluststellung, vielleicht gar erfolgreich? Beides ist vielleicht lehrreich für das Publikum dieses Blogs, wobei die allermeisten Leser(innen) wohl Elo deutlich unter 2400 haben. Unterhaltsam ist es womöglich auch.

Ohne weitere Vorrede nun zu Javakishvili (2449) - Paehtz (2464) 0-1. Das Titelbild etwa bei Halbzeit (nach Zügen, wohl nicht nach verwendeter und verbleibender Bedenkzeit), das erste Diagramm zeigt nun die Schlusstellung:

Javakishvili Paehtz zum Schluss

Das ist - so etwas gibt es - eine gewonnene Version von Turm gegen Turm, da nur Schwarz seinen bzw. ihren König behält. So stand es nach 104 Zügen und diversen Irrungen und Wirrungen - Paehtz hatte gut 80 Züge lang eine Mehrfigur und konnte die Gegnerin sicher schon früher zur Aufgabe bewegen. Javakishvili verpasste allerdings die eine oder andere Remischance - nicht nur am Ende mit Turm gegen Turm und Läufer, auch zuvor mit Bauern und teils weiteren Figuren auf dem Brett.

Javakishvili Paehtz move 18

Das die Stellung nach 17.-e4 18.h4?? - momentan hängen zwei Figuren, dabei blieb es quasi nach 18.-Df6! allerdings waren es nun zwei weisse Figuren. "Der Rest ist Technik"?! Javakishvili weigerte sich, aufzugeben - denn durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen, und dafür gibt es auch keinen halben Punkt. Die nächsten 20 Züge überspringe ich, wie auch zuvor die etwas unkonventionelle Eröffnung, dazu sage ich nur "A41" - Königsindisch und irgendwie doch nicht, Schwarz spielte nie -Sf6 (sondern erst im 21. Zug -Se7). So stand es nach 38.Tc3:

Javakishvili Paehtz move 38

Bis dahin machte Schwarz Fortschritte, und nach dem ebenso gierigen wie einfachen 38.-Sxf2 - das nicht nur einen Bauern gewinnt sondern auch die weissen Springer entwurzelt - 39.Tf1 Txg3 40.Txf2 Tg4 wäre die Partie vielleicht "zur Zeitkontrolle" oder kurz danach vorbei - 0-1 ohne Umwege.

Stattdessen 38.-Lb3 "mit Tempogewinn" - allerdings tut die schwarze Mehrfigur da nichts, während Weiss nun aktive Möglichkeiten erhält: 39.Td7 (Teil von Javakishvilis Wühlerei zuvor war 34.c5 und 35.c6) 39.-Tf6 (Schwarz muss f5 decken, und wieder -Le6 funktioniert nicht: 39.-Le6?? 40.Sxe6 Txe6 41.Sxf5 und Weiss gewinnt) 40.h6 (Weg damit!) 40.-Kxh6? (40.-Tgf7 und Schwarz steht weiterhin besser, aber auch hier vielleicht nicht total gewonnen):

Javakishvili Paehtz move 40

Und schon ist es passiert!?! Weiss hat hier 41.Txg7 Kxg7 42.Sgh5+ (falsch wäre 42.Sfh5+ Kg6 43.Sxf6 Sxf6 44.b5 Sd5) 42.-Kf7 43.Sxf6 Sxf6 44.b5

Javakishvili Paehtz move 40 Variante

Analysediagramm - Weiss steht nicht mehr schlechter! Da zeigte sich, dass vom Springerquartett im Diagramm zuvor die weissen gefährlicher waren - schliesslich stand am Königsflügel unkoordiniertes bzw. gabelanfälliges schwarzes Holz!

So kam es nicht, sondern 41.Tc5? Sfe5 42.Sgh5 Sxd7 (42.-Txd7 43.cxd7 Td6 war genauer) 43.cxd7 Txd7 44.Sxf6 Sxf6 45.Txf5 Td6 46.Tc5 Td2+ 47.Kc1 Txf2 48.Sh3 Tf3 49.Sg5 Tf1+ 50.Kd2 Tf2+ 51.Ke3 Tc2 52.Ta5 - Turmtausch war hoffnungslos aus weisser Sicht, und nun stand es so:

Javakishvili Paehtz move 52

Hat Weiss mit reduziertem Material wieder Hoffnungen oder Schummelchancen? In der Partie ja, da Schwarz auf das multi-funktionale 52.-Sd5+ verzichtete - deckt für alle Fälle c7 und gewinnt nebenbei noch eine Figur. So kam es allerdings nicht, sondern 52.-Kg6 53.Sxe4 (einer weniger) 53.-Sxe4 54.Kxe4 Ta2 55.Tc5 Txa3

Javakishvili Paehtz move 55

Zu diesem Zeitpunkt, bzw. kurz davor, wurden Javakishvili und Paehtz fotografiert. Nun natürlich 56.Txc7 und Schwarz hat nur noch den falschen Randbauern bzw. den falschen Läufer - das zu gewinnen ist jedenfalls nicht mehr trivial. 56.-Ta2 (Engines sagen, dass 56.-Ta1 viel besser ist, aber alles kann ich nicht untersuchen) 57.Ta7 Td2 58.b5 (Weiss hat auch einen Freibauern) 58.-Td6??

Javakishvili Paehtz move 58

Eigentlich ist es wieder passiert, aber Schwarz spielte den Remiszug erst als er keiner mehr war: 59.Ta5? (59.Ta6! und Schwarz kann weder Turmtausch verhindern noch, dass der weisse König dann das Feld a1 erreicht) 59.-Kf6 60.Ta6 

Javakishvili Paehtz move 60

Zu spät! Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - so kam es am Ende. 60.-Ke6? Hier gewann offenbar nur 60.-Ke7! 61.b6 Tc6 62.b7 Tc4+ - das geht mit schwarzem König auf e6 nicht - 63.Kd3 Tb4 64.Ta7 Kd6 65.Kc3 Tb5 [bitte nicht 65.-Tb6? 66.Ta6! =] usw. - Tablebases sagen, dass das für Schwarz gewonnen ist nachdem der weisse b-Bauer unweigerlich fällt, und zwar ohne Turmtausch. Trivial ist es auch dann nicht unbedingt. 61.b6 - nun muss der weisse Läufer sich um den b-Bauern kümmern. Nicht remis ist hier 61.Txd6+? Kxd6 62.Kd4 a3 63.Kc3 La4!

Javakishvili Paehtz move 61 Variante

Analysediagramm - Der weisse König kommt nicht in die Ecke, sondern muss früher oder später -a2 und -a1D zulassen. Hier konnte Weiss dieses Szenario verhindern, in der nächsten Partie (nächster Artikel, selbe Schwarzspielerin) konnte Schwarz derlei forcieren. Zurück zur Partie:

61.-Ld5+ 62.Ke3 Lc6 63.b7 Lxb7

Javakishvili Paehtz move63

64.Txa4?! - auch das ist eigentlich remis, aber einfacher und forciert war 64.Txd6+ Kxd6 65.Kd3 (65.Kd2 geht auch, aber nicht 65.Kd4?? a3 66.Kc3 Ld5! 67.Kc2 La2!)

Javakishvili Paehtz move 64 Variante

Analysediagramm - auch hier wird der weisse König dann abgedrängt. Richtig wie gesagt 65.Kd3 a3 66.Kc2! = denn der Laufspringerzug 66.-Lb7-d5-a2 ist regelwidrig.

So übten sie noch Turm und Läufer gegen Turm und Schwarz gewann doch noch. Alle Feinheiten will ich nicht besprechen - meistens war es Tablebase-remis, mehrfach für Schwarz gewonnen und dann wieder remis, nach 102 Zügen stand es so:

Javakishvili Paehtz move102

Und nun 103.Td7? (allwissende Tablebases empfehlen Kd1, Kf1 oder Tc8, sonst nichts, und sagen "remis") 103.-Ke3! 104.Txd5?! - so ist es einfach, nach 104.Kd1 oder 104.Te7+ müsste Schwarz noch Technik zeigen, was sie zuvor mehrfach nicht vollenden konnte 104.-Th1#

Javakishvili Paehtz zum Schluss

Dieses Diagramm hatten wir bereits: Matt beendet die Partie - auch wenn es materiell ausgeglichen ist (auch wenn die mattgesetzte Seite eine, zwei oder fünf Mehrfiguren hat).

Zur Partie insgesamt: Es war eine dramatische Blitzpartie ... . Eine andere kurios-vergleichbare aus dem Damenturnier habe ich nicht ganz zufällig entdeckt, wie üblich derlei insgesamt war - dazu habe ich nicht recherchiert. Endspiel Turm und Läufer gegen Turm ist ein Thema für sich - auf hohem Niveau durchaus gängig, empirisch-praktische Gewinnchancen für die stärkere Seite vielleicht 50% (d.h. die Turmseite kann etwa jede zweite Partie remis halten). Selbst hatte ich es, soweit ich mich erinnern kann, noch nie.

Mit doppelter Hilfe von Colin McGourty fand ich dazu ein Interview mit Vladimir Malakhov, u.a.: "In endgames, after all, it’s important not only to know the theory, which you can get from books, but to have intuition, which you can’t learn. It shows up with me, for instance, in the fact that all the “R + B v R” endgames that I’ve had in my life I’ve won as the stronger side, and drawn as the weaker side." [In Endspielen ist es dabei nicht nur wichtig, die Theorie zu kennen - dafür gibt es Bücher. Nein, man braucht auch Intuition, das kann man nicht lernen. Bei mir zeigt es sich zum Beispiel daran, dass ich in meinem Leben 'Turm und Läufer gegen Turm" mit Materialvorteil immer gewann, und mit materiellem Nachteil immer remis hielt.] "Immer" ist im zweiten Fall nachvollziehbar, im ersten Fall erstaunlich!?

Colins doppelte Hilfe: Im September 2010 hatte er das unter Künstlername mishanp aus dem Russischen übersetzt, daran (bzw. an so etwas von "einem" russischen GM, vielleicht Malakhov) erinnerte ich mich dunkel. Im Januar 2018 kam auf Nachfrage eine hilfreiche private email.

So, und das waren genug Aufregungen, Irrungen und Wirrungen für einen Artikel - fast. Im offenen Blitzturnier kopierten zwei Spieler mit (Blitz-)Elo 2800+ bis zu einem gewissen Grad tatsächlich Elisabeth Paehtz, Lela Javakishvili und Marta Michna (soviel verrate ich bereits: Teil zwei der Serie wird Michna-Paehtz 0-1 1/2). Wohl nicht nur ohne Absicht, sondern ohne es überhaupt zu wissen - ihre Partie aus der entscheidenden Turnierphase (Runde 19 von 21), Javakishvili-Paehtz war Runde 5, Michna-Paehtz Runde 11. Ich zeige beide zunächst - Fotos ab Turnierseite über Facebook, sie stammen aus dem Schnellturnier mit auf diese Partie bezogen jeweils der falschen Farbe:

 Aronian

MVL

Die meisten Leser (er)kennen sie wohl - oben Levon Aronian, unten Maxime Vachier-Lagrave. Der Armenier drehte am zweiten Blitztag auf, der Franzose spielte da ab Runde 16 plötzlich nicht mehr Remis - aber insgesamt in dieser Phase 2/5 war noch etwas weniger als 2.5/5.

Zu weiten Strecken der Partie nur soviel: MVL entkorkte 1.b3!?, verschmähte später eine Zugwiederholung, dennoch war es lange ausgeglichen. Ab dem 60. Zug bekam Aronian Oberwasser, später verkündeten Engines mitunter bereits Matt in weniger als 25 Zügen.

MVL Aronian move 86

Auch hier, zuletzt geschah 86.Txa3 Txd4 - Weiss hatte einen Bauern geschlagen, Schwarz einen Springer. Wesentliche Kennzeichen dieser Stellung nun spiegelbildlich zu Javakishvili-Paehtz und auch Michna-Paehtz: Schwarz hat hier einen h-Bauern und dazu den falschen schwarzfeldrigen Läufer. Wenn Tablebases sagen "Schwarz gewinnt", dann kann Schwarz das gewinnen. Livekommentator Miroshnichenko skizzierte die Gewinnmanöver, Aronian hörte zunächst auf ihn (ohne dass er ihn hören konnte). Nach genau 100 Zügen (bzw. mit dem richtigen 101. Zug) konnte MVL allerdings mal Remis forcieren:

MVL Aronian move 100

Das dürfen Leser selbst entdecken, nur ein sachdienlicher Hinweis: Wenn Nigel Short das Sagen hätte, gäbe es diesen Remisweg nicht.

MVL Aronian move 112

Nach 112 Zügen (und nun 112.-Te2) war es Matt in sieben - wie genau dürfen Leser mit (oder ohne) Hilfe von Tablebases erforschen. Aronian spielte stattdessen 112.-Ta3 was nach 113.Kh2 Le3 114.Kxh3 den h-Bauern kostete:

MVL Aronian move 114

Immer noch kein Problem - das ist eine gewonnene Version von Turm und Läufer gegen Turm! Vom 117.-123. Zug war es dann allerdings Tablebase-remis, und dann gewann Aronian doch. Da nach dieser noch zwei Runden gespielt wurden, kann man nicht genau sagen wieviele $ in dieser Partie verteilt wurden - am Ende war Aronian jedenfalls mit 14/21 geteilter Vierter bis Fünfter mit Wang Hao, und MVL teilte mit 13/21 Platz zwölf mit sechs anderen Spielern.

Und nun sage/schreibe ich "Fortsetzung folgt"!

 

 

 

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