Drei Bauernendspiele

by on05. Februar 2016
Hou Yifan Hou Yifan Tata Steel Chess Turnierseite

Für "Triplizität der Ereignisse" brauche ich heute zwei Turniere, aber dennoch nur wenige Tage - Bauernendspiele gibt es nicht nur in Studien, sondern gelegentlich auch in praktischen Partien. Die drei Partien haben einiges gemeinsam: jeweils fiel die Entscheidung im Bauernendspiel bzw. kurz zuvor, jeweils war die Niederlage aus Sicht der Verliererin oder des Verlierers unnötig. Angefangen hat am 29. Januar in Wijk aan Zee die Ex-Weltmeisterin Hou Yifan - gegen den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen, der (auch) aufgrund dieser Partie das Turnier gewann. Am 1. Februar machte Ex-Weltmeister Vishy Anand in Gibraltar weiter - auch aufgrund dieser Partie konnte er gar nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen; sein Gegner Benjamin Gledura ist, oder war jedenfalls vor dem Turnier, ein ziemlich unbekannter junger IM. Tags darauf dachte Europameisterin Natalia Zhukova "das kann ich auch!" - ihr Gegner JK Duda war immerhin mal U10-Weltmeister, wurde zuletzt fast Junioren-Weltmeister, und auch in diesem Blog erschien er bereits [inzwischen nutze ich dankbar den Vorschlag eines Kenners der polnischen Schachszene, seine Vornamen abzukürzen - statt immer zu kontrollieren wie man denn Jan-Krzysztof schreibt].

Zu jeder Partie gibt es drei Diagramme - als Bonus noch eines vom Vorjahr in Wijk aan Zee. So stand es in Carlsen - Hou Yifan nach 44.Dc3!?:

Carlsen Hou Yifan move 44

 

 

 

 

 

 

 

Soll ich oder soll ich nicht? Zehn Minuten grübelte Hou Yifan, dann geschah 44.-Dxc3+ 45.Kxc3 und nach fünf weiteren Sekunden 45.-h5??

Carlsen Hou Yifan move 45

 

 

 

 

 

 

 

Ob 44,-Dxc3+ "?!" verdient lag am nächsten Zug - das konnte frau schon machen, wenn ja wenn sie dann richtig fortsetzt: 45.-a5! ist, wie (auch) Carlsen selbst nach der Partie sagte, schlicht und ergreifend remis. Etwas aufpassen muss Schwarz noch, ich verzichte auf Details. Idee von 45.-h5?? war, ja was eigentlich? Livekommentator Peter Svidler dachte, dass sie den Königsflügel abriegeln wollte, aber das hatte noch Zeit - wenn der weisse König auf e1, e2 oder e3 steht, geht immer noch -h5 nebst -h4. Vielleicht fiel Hou Yifan nichts ein, also zog sie einen Randbauern und im Remissinne den falschen. Es folgte 46.Kb4!! Kc8 47.Ka5 Kc7 48.h4 Kb8 49.Kb6 Kc8 50.b4 Kb8 51.b5 (so knackt Weiss die schwarze "Festung") 51.-cxb5 52.axb5 axb5 53.Kxb5 Kc7 54.c3

Carlsen Hou Yifan move 54

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Hou Yifan nun einfach die Uhr drücken könnte mit den Worten "Du bist dran!", dann wäre auch diese Stellung remis. So allerdings - 1-0. Entscheidend war, dass Weiss ein Reservetempo hatte.  45.-h5?? war objektiv der entscheidende Fehler, 44.-Dxc3+ kann man kritisieren - da sie dem Gegner das gab, was er offensichtlich wollte und dabei das Bauernendspiel falsch beurteilt hatte.

Manchmal kann man dem Gegner durchaus aufs Wort glauben, das war Ivanchuk-Jobava, Tata Steel 2015, nach 42.-Ta4?? :

Ivanchuk Jobava

 

 

 

 

 

 

 

43.Txa4!! 1-0 denn nach 43.-bxa4 44.Kc4 usw. hat Schwarz nur einen Freibauern (dass auch auf a5 ein Bauer steht ist irrelevant), Weiss bekommt dagegen zwei auf der c- und e-Linie die sich quasi gegenseitig schützen. Ivanchuk besprach das wort- und gestenreich zu Gast im Livekommentar, den gut gelaunt fluchenden Jobava traf ich zufällig im Gang: "Ich habe alles mögliche berechnet, nur nicht Kc4 - fuck fuck fuck."

Bei den beiden anderen Partien steige ich etwas früher ein, Stand in IM Gledura (2515) - GM Anand (2784) - Elozahlen jeweils vor dem Turnier - nach 28.Ke2:

Gledura Anand move 28

 

 

 

 

 

 

 

Das ist doch remis, oder? Anand spielte 28.-h5?! - "?!" ist wohl zu streng, aber das war nicht nötig und dieses Tempo fehlte später im Bauernendspiel. Es folgte 29.Lg5 Kf8 30.Kd3 Ke8 31.Lxf6!? (Läufer sind mir lieber als Springer, aber nun kann der weisse König eindringen) 31.-Lxf6 32.Ke4 Ld8 33.Se5 Ke7 34.Kd5 (musste das aus schwarzer Sicht sein?) 34.-Lb6 35.Sd3 Kd7 36.Sc5+ Lxc5 (vermutlich "?" - nach 35.-Kc7 konnte Gledura seinen prominenten Gegner lange quälen, aber kann er die Partie gewinnen?) 37.Kxc5 Kc7

Gledura Anand move 37

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Gledura spielte 38.h4!! und das war diesmal goldrichtig. 38.-Kd7 (zunächst dachte ich, dass 38.-b6+ 39.Kd5 Kd7 für Schwarz OK ist, da sein König dann zwischen d7 und c7 pendelt und der weisse Monarch am Königsflügel nicht eindringen kann. Aber dann folgt, wie in der Partie, f3 und g4 und nach -hxg4 fxg4 spielt Weiss h4-h5. Das erzwingt -f6 da Weiss sonst einen entfernten h-Freibauern bekommt, und die "Festung" am schwarzen Königsflügel ist dahin.) 39.Kb6 Kc8 40.b4 Kb8 41.f3 Kc8 42.g4 hxg4 43.fxg4 Kb8 44.h5 f6 45.a4 Kc8 46.Ka7 Kc7 47.b5 a5 48.Ka8

Gledura Anand move 48

 

 

 

 

 

 

 

1-0 Ursachenforschung? Anand dachte womöglich "das (Stellung nach 28.Ke2) ist immer und sowieso remis" und war nicht mehr voll konzentriert.

Bei Duda-Zhukova griff Schwarz wohl im Läuferendspiel daneben, Stellung nach (36.Tc2 Txc2) 37.Lxc2

Duda Zhukova move 37

 

 

 

 

 

 

 

37.-f5?! - warum? Gut möglich, dass dieser Zug "?" verdient, da Schwarz danach forciert verliert. Unabhängig davon ist es fragwürdig, die Bauern definitiv weissfeldrig festzulegen und den auf g6 zu schwächen. 38.Kg5 Le8 39.Lb3 b6 40.Lc4 Lf7 - ob das "?" verdient, liegt daran ob Schwarz das Läuferendspiel halten kann. Vermutlich nicht, aber ich untersuche das nicht im Detail - Thema heute sind ja Bauernendspiele:

Duda Zhukova move 40

 

 

 

 

 

 

 

41.Lxf7! - diesmal verzichtet Duda, im Gegensatz zu Dezember 2014 in Katar, nicht auf ein gewonnenes Bauernendspiel. 41.-Kxf7 42.Kh6! b5 43.b4 a6 44.f4 Kf6 45.Kh7 Kf7 46.g3 das Reservetempo 46.-Kf6 47.Kg8

Duda Zhukova move 47

 

 

 

 

 

 

 

1-0 Hier vermute ich, dass Zhukova bei 37.-f5 bereits das Bauernendspiel anstrebte und sich keinerlei Gefahr bewusst war - aber ich kann da nur spekulieren. Vor der Runde hatte sie noch gewisse Chancen auf einen der in Gibraltar recht grosszügigen Damenpreise, danach eher nicht mehr - und dann hat sie tags darauf gegen den Amerikaner Matthew Herman eine Gewinnstellung einzügig in eine Verluststellung verwandelt.

Generell: Bauernendspiele sind trickreich, auch Grossmeister (Titel hier geschlechterübergreifend) stolpern da mitunter. Europameister Evgeny Najer bekam vermutlich keine Tata Steel Einladung, und hat auch in Gibraltar nicht mitgespielt.

 

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