Drei Springerendspiele

by on12. November 2017
Drei Springerendspiele Michael Maggs, Wikipedia

Das Schöne am Schach ist, dass für alle dieselben Regeln gelten. Es wäre auch unfair, wenn man erst ab Elo 2000 rochieren dürfte, dann müsste ich - mal darüber, mal darunter - ständig an meinem Eröffnungsrepertoire arbeiten. Wenn es Rochaderecht nur für FMs oder besser gäbe, hätte ich dieses Problem nicht (braucht Olaf Steffens in diesem Fall und dafür eigentlich den FM-Titel?).

Ebenso gilt "gleiches Recht für alle" für andere Regeln, z.B. "der Randbauer ist der grösste Feind des Springers". Das steht nun nicht im FIDE-Handbuch, allerdings wohl in einigen Lehrbüchern und ansonsten kann man es aus eigener Erfahrung lernen. Nun auch - falls es nicht schon einmal erwähnt wurde - hier auf diesem Schachblog. Gelernt haben es - falls sie es noch nicht wussten - im Januar 2016 ein titelloser Spieler sowie gestern (Samstag) in der Bundesliga ein IM und ein GM.

Thema heute sind drei Springerendspiele, wobei ich nur eines ausführlich bespreche. Das stammt aus unserem Mannschaftskampf im Januar 2016 - die Partien habe ich mir gerade nochmals angeschaut, da wir nächstes Wochenende auf denselben Gegner treffen.

Peter van Schee (Groene Zes, Elo 1895) - Gerard Postma (En Passant Texel, damals elolos)

Ich überspringe Eröffnung und Mittelspiel, nach 36.Sxb6 Sxb6 stand es so:

van Schee Postma move 36

Wie ist dieses Springerendspiel zu beurteilen? Beide haben eine suboptimale Bauernstruktur am Damenflügel, Weiss hat die aktiveren Figuren. Es folgte 37.Sc4 und schon gibt es die erste Variante. Wie ist das Bauernendspiel einzuschätzen? 37.-Sxc4 38.Kxc4 (nach 38.bxc4 natürlich remis) 38.-f5! 39.Kc5 g5! 40.exf5 (40.hxg5?? f4! 41.exf4 h4 -+) 40.-gxh4 41.gxh4 Ke7 42.Kxc6 Kf6

van Schee Postma Analyse 0

 Analysediagramme immer in grau - nicht weil sie weniger interessant sind als Partiestellungen, aber um es abzuheben. Das musste man sehen und richtig beurteilen, eigentlich auch noch wie es weitergeht: 43.Kb7 Kxf5 44.b4 Kf4 45.Kxa6 Kxf3 46.b5 e4 47.b6 e3 48.b7 e2 49.b8D e1D und nun wird entweder b2 oder h4 fallen und das Damenendspiel ist remis. Übergänge in andere Endspiele sind immer möglich. So kam es allerdings nicht, sonst gäbe es diesen Artikel nicht.

Stattdessen geschah 37.-Sd7 38.Sa5 Sb8. Die weissen Bauernschwächen sind nun irrelevant. Warum sagte ich eigentlich "der Randbauer ist der grösste Feind des Springers"? Dazu komme ich noch, bzw. das wird in der Partie ein Thema. 39. Kc4 Ke7 40. f4?! - Weiss sollte am Königsflügel nichts tun! Richtig war 40.Kc5 f5 41. Sxc6+ Sxc6 42. Kxc6 Ke6 (42.-g5 43. hxg5 f4 44. gxf4 exf4 45. g6 h4 46. g7 Kf7 47. e5 h3 48. e6+ Kxg7 49. e7 h2 50. e8D h1D 51. De5+ Kh7 52. Dxf4 mit jedenfalls klar besserem Damenendspiel)

van Schee Postma Analyse 1

43.exf5+! gxf5 44.Kc5! e4 45.Kd4! Hier breche ich mal ab, sage dass das Bauernendspiel für Weiss gewonnen ist und dass die letzten drei Züge ein Ausrufezeichen bekamen, da in diesem Sinne die einzigen.

Zurück zur Partie: 40.f4?! 40.-f6 41.Kc5? Kd7? (41.-exf4! 42.gxf4 g5!) 42.Kb6? (42.fxe5 fxe5 43.Nc4 Ke6 44.b4 Zugzwang und Bauerngewinn) und ab hier läuft es besser für meinen Teamkollegen: 42.-exf4 43.gxf4 g5!

van Schee Postma move 43

44.fxg5 fxg5 45.hxg5 Ke6 und schon hat Schwarz einen h-Freibauern! Hier eine lange verzweigte Variante, nichts davon kam aufs Brett: 46.Kc7 h4 47.g6 Sd7 (47.-Kf6?

van Schee Postma Analyse 2

48.e5+!! Kxg6 49.e6 Kf6 50.Kd6 h3 51.e7 Kf7 52.Sb7!! [Zwei Ausrufezeichen nicht unbedingt dafür, dass Weiss es nun sieht - aber dafür dass er es bei 48.e5+ gesehen hatte] 52.-h2 53.Sd8+ Ke8 54.Se6 h1D 55.Sc7+ Kf7 56.e8D+ Kf6 57.Dxb8 - Dame und Springer gegen Dame sollte gewonnen sein, da Weiss ja auch noch Bauern hat.)

Zurück zu 47.g6 Sd7 48.Sxc6 h3 49.e5 Sf6!

van Schee Postma Analyse 3

Desperado! Allerdings geht auch 49.-Sxe5 50. Sxe5 Kxe5 51. g7 h2 52. g8D h1D 53. Dg5+ Kd4 54. Dd2+ Ke4 55. De2+ Kd5 56. Dxa6 Dc1+ 57. Kb7 Dxb2 58. Dc4+ Ke5! (58.-Kd6? 59. b4 +-) 59. b4 Kf5!

van Schee Postma Analyse 4

Denn das ist, wenn Schwarz auch weiterhin Tablebases kennt, remis - 58.-Ke5 und (ohne gegnerische Aufforderung) 59.-Kf5 war dafür nötig. Aber Damenendspiele sprengt nun den Rahmen dieses Beitrags, und aus schwarzer Sicht musste es nicht sein.

Zurück zu 49.-Sf6! 50.exf6 Kxf6 51.Se5! Kg7! 52.Sg4 Kxg6 53.Kb6 Kg5 54.Sh2 Kf4 55.Kxa6 Kg3 56.Sf1+ Kg2 57.Se3+ Kf3 58.Sf1 Kg2

van Schee Postma Analyse 5

Mehrbauer und Mehrfigur nützt Weiss nichts, es ist remis. In der Partie konnte er allerdings weniger bekommen, zuerst nochmal die Partiestellung nach 45.-Ke6:

van Schee Postma move 45

Es folgte 46.Sc4 h4 47.Se3 h3 48.Sg4?! (besser 48.Sf1, da Schwarz dann länger braucht, um diesen Springer anzugreifen) 48.-Sd7+ 49.Kxa6 (dieser Bauer ist unwichtig, der auf c6 natürlich vergiftet - 49.Kxc6?? Se5+, auch ein Springer kann Opfer einer Springergabel werden! Besser war allerdings 49.Kc7) 49.-Se5 50.Sh2?! (50.Sf2 h2 51.Kb6 Kf7 52.Kc7 Kg6 53.Kd6 Sf7+ 54.Kxc6 Kxg5 55.b4 Kf4 56.b5 Kf3 57.Sh1 Kg2 58.b6 Kxh1 59.Kc7 Kg1 60.b7 h1D 61.b8D ist remis, beiderseits am einfachsten nach 61.Dxe4 62.Dg8+ Kh1 63.Dxf7 De5+ 64.Kc6 Dxb2) 50.-Kf7 51.Kb7?

van Schee Postma move 51

Das war nun eigentlich ein Tempoverlust zu viel, immer noch remis war (mit König auf a6) 51.b4 Kg6 52.b5 cxb5 53.Kxb5 Kxg5 54.b4 Kf4 55.Kb6 Kg3 56.b5 Kxh2 57.Kc7 Sc4 58.e5! Sxe5 59.b6 Sd3 60.Kc6!

van Schee Postma Analyse 6

Aber zum Schluss nicht (statt 60.Kc6) 60.b7?? Sc5 61.b8D Sa6+

Zurück zur Partie: 51.-Kg6 52.b4 Kxg5 53.Kc7 Kf4 54.Kb6 Kxe4 (Diesen Bauern kann Schwarz sicherheitshalber verhaften, musste allerdings nicht sein: 54.-Kg3 55.Sf1+ Kf2 56.Sh2 Kg2 -+) 55.b5 cxb5 56.Kxb5

van Schee Postma move 56

Nun war 56.-Ke3, 56.-Kf4 oder 56.-Sf3 am einfachsten, 56.-Sd3 verdarb noch nichts, erst nach 57.b3 Kd4? war der Sieg dahin. Ein paar Züge wurden noch gespielt, allerdings in beiderseitiger Zeitnot nicht mehr notiert. Wir brauchten auch nicht unbedingt einen Sieg, Stand im Mannschaftskampf zuvor 4-3 für uns.

Alles gibt es hier zum Durchklicken, und auch die beiden Bonuspartien aus der Bundesliga zu denen ich mich kürzer fasse:

GM Naumann (2563) - IM Thiede (2411) 1-0

Das ist der Anfang des Springerendspiels nach 47.-Txd1 48.Sxd1

Naumann Thiede move 48

Weiss hat den etwas aktiveren König und die bessere Bauernstruktur am Damenflügel. Stand im Match Solingen-Berlin 3,5-3,5 (u.a. wegen IM Baldauf - GM van Wely 1-0), Naumann musste also gewinnen. Später drohte (mit weissen Bauern auf g4 und h5, Springer auf f5 und schwarzem Springer auf e6) eventuell mal Sxg7! Sxg7 g5! hxg5 h6 +- aber die Entscheidung fiel am Damenflügel, das ist die Schlusstellung nach 76.b5+:

Naumann Thiede move 76 final

Ich kann nicht beurteilen (auch nicht mit Computerhilfe, natürlich hat Stockfish bei diesem Beitrag geholfen), wo Schwarz den entscheidenden Fehler machte - vielleicht war es von Anfang an zumindest sehr schwierig, jedenfalls auf Dauer: Geradlinig war Naumanns Gewinnführung nicht unbedingt, er versuchte eben dies und das und jenes und war am Ende erfolgreich. Viel früher in der Partie - einzige Variante die ich hier zeige - konnte Schwarz wohl unter Bauernopfer ausgleichen, da hatten beide neben Springern auch noch zwei Türme.

GM Kindermann (2502) - GM Adams (2727) 0-1

Das musste aus Mannschaftssicht nicht unbedingt sein, Baden-Baden hatte bereits zuvor gegen MSA Zugzwang mehr als vier Brettpunkte, aber Mickey Adams interessiert eben auch seine eigene Elozahl. Hier mehr als zwei Diagramme, da relativ klar ist, wo Weiss den entscheidenden Fehler machte. So stand es nach 48.Lxb3 axb3 - auch dieses Endspiel also ab dem 48. Zug:

Kindermann Adams move 48

Da steht Schwarz zwar besser, aber musste er einen h-Freibauern bekommen? Wohl eher nicht, so stand es nach 53.-Kc8:

Kindermann Adams move 53

Hier kam 54.Ke2? g4 55.hxg4 Sxg4 -+. Springerschach und wieder zurück war möglich, 54.Sb2 war möglich, 54.Kg2 ging, sogar 54.Ke3 - kurze Anmerkungen nur was den Unterschied zwischen 54.Ke3 und 54.Ke2? betrifft. Wenig später stand es dann so (nach 61.Kxh2 Kxc6):

Kindermann Adams move 61

Nun ist der weisse König auf gut österreichisch (Stefan Kindermann ist ja Schach-Österreicher) a bisserl langsam - mit König auf g2 (allerdings nicht g1) oder noch näher dran am schwarzen b-Freibauern wäre es Tablebase-remis. Am Ende stand es so:

Kindermann Adams move 70 final

Weiss am Zug gab auf.

 

 

 

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