Eine russische Weihnachtsgeschichte

by on16. November 2014
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Eine russische Weihnachtsgeschichte

 

(Veröffentlicht von Jules Welling in der Schachwoche Nr.50 1986)

 
Es war zu früher Morgenstunde im Hotel “Bosrand“ in Oosterwijk (Holland), wo die Teilnehmer des Interpolis-Turniers wohnten, bevor sie vor einigen Jahren ins “De Parel“ zogen.
“Wirf einmal ein Blick auf dieses Stellung“, sagte jemand zu mir. Leider weiß ich nicht mehr, wer mir die Position vor die Nase hielt, die Stellung und die damit verbundene Geschichte werde ich jedoch nie vergessen. Sie ist von seltener Schönheit, und deshalb kümmert es mich nicht, ob sie sich ganz genau so abgespielt hat, wie sie nachfolgend beschrieben wird:

Es handelt sich um die folgende Position:


jw1

Die Person, welche sie mir zeigte, es muss ein sowjetischer Großmeister gewesen sein, aber ich weiß wirklich nicht mehr wer, sagte mir, dass es sich um die Schlussstellung einer Partie aus dem Turnier von St. Petersburg 1909 oder 1914 handeln würde. So genau wusste er es nicht, und auch die Namen der Spieler waren nicht in seinem Gedächtnis haften geblieben, was aber für die Geschichte ohne Belang ist.


„Aber lasst uns annehmen, dass Osip Bernstein die weißen Steine führte“ schlug er vor. In dieser Stellung gab der Weiße die Partie auf!
Und hier begann die Geschichte vom georgischen Bauern. Dieser konnte nämlich nicht glauben, dass Weiß in der Diagrammstellung verloren sein sollte. Er übertrug die Position auf sein Taschenschach, welches er auf dem Armaturenbrett  seines Traktors befestigte.

Das Rätsel wurde sein ständiger Begleiter, und immer wenn es möglich war, beschäftigte er sich damit. Die Jahre zogen ins Land, Zeitalter um Zeitalter.
Er ergraute und wurde alt, hatte aber immer noch nicht den Glauben verloren, dass die weiße Position zu retten sei. Mit der Zeit gewann er ein gutes Verständnis der Stellung und konnte immerhin schon ein Remis für Weiß nachweisen!
 Das Taschenschach wurde schließlich gänzlich unnötig,  so gut war er mit der Stellung vertraut.

Dann, eines Tages mitten in der Ernte auf dem Feld, hielt er seinen Traktor an. Er zählte mittlerweile  beinahe siebzig Lenze.
„Das ist es, “ dachte er sich. „Weiß kann doch gewinnen!“ 

Am Abend lud er den lokalen Schulmeister bei sich ein, weil er nämlich seine plötzliche Erleuchtung der wichtigsten Schach-Zeitschrift der UdSSR “64“mitteilen wollte. Zusammen mit dem Lehrer setzte er einen netten Brief auf und adressierte ihn an die Redaktion, welche zur damaligen Zeit von Exweltmeister Trigan Petrosjan geleitet wurde.
Doch dieser war ständig auf Achse, war zu sehr mit seinen Turnieren beschäftigt, als das er dem Anliegen eines georgischen Bauern Zeit widmen konnte. Schlimmer noch; der Brief wurde nicht einmal geöffnet.

Dann (am 13.August 1984) starb Tigran Petrosjan und Antoli Karpow  wurde sein  Nachfolger auf den Chefstuhl von“64“. Als erstes gab er seinem Stab die Anweisung, die liegen gebliebene Post der letzten Jahre zu sichten. Es war Mischa Tal, welcher das Schreiben des georgischen Bauern öffnete, die Stellung auf das Brett übertrug und begann, sie zu analysieren:
           
Ein Schrei erschallte durch das Moskauer Büro, es war Tal:
„Haltet die Druckerpresse an, das ist unglaublich!“
Alles eilte zu seinem Brett und Tal zeigte die Idee des georgischen Bauern:

1.Sf6+, Kg7 

Der einzige Zug. Wenn sich der schwarze König auf die 8.Reihe begibt, ist er schnell verloren:
1.-, Kh8 2.d8=D, Kg7 3. Sh5+, Kg6 4. Df6+, Kh7 5.Dg7#  oder 3.-, Kh7 4.De7 mit schnellen Matt.
Falsch ist auch 1.-, Kg6 wegen 2.Lh5+, Kf6: 3.d8=D

2.Sh5+, Kg6

Wieder gibt es keine Wahl. Nach 2.-, Kh7 spielt Weiß 3. Lc2+ was den schwarzen König auf die 8.Reihe zwingt, wonach Weiß seinen Bauern mit Schach in die Dame führt und schnell mattsetzt.

3. Lc2, Kxh5

Wiederum erzwungen. „Aber nun fängt die Party erst richtig an!“ bemerkte Tal.

4.d8=D!!

Verblüffend. Weiß opfert seinen einzigen Stolz, den vorgerückten d-Bauern.

4.-, Sf7+ 5. Ke6! , Sxd8+  6.Kf5!

Damit schließt sich das Mattnetz um den schwarzen König; 7. Ld1 matt!

6.-, e2

Offensichtlich wieder der einzige Zug.

7. Le4!

Droht diesmal  8.Lf3 matt. Dagegen gibt es nur eine Verteidigung: Schwarz muss seinen e-Bauern erneut in einen Springer verwandeln.

7.-, e1=S  8.Ld5!!

Ein ruhiger, aber wichtiger Zug. Der Springer e1 darf sich nicht vom Flecken rühren, derjenige auf d8 auch nicht wegen Lf7 matt; und außerdem droht Lc4 nebst Le2 matt.

8. -, c2 9. Lc4
! c1=S

Wiederum Pflicht. Nun besitzt Schwarz vier(!!) Springer, aber der weiße Läufer kontrolliert alle Felder.

10. Lb5

Diesmal droht das Unheil von der anderen Seite, vom Feld e8 aus.

10.-, Sc7    Erneut der einzige Zug.

11. La4!

Die Schlussstellung ist ein Diagramm wert:

jw2

Es droht nun Matt durch Ld1, und dagegen ist die schwarze Kavallerie machtlos!
11.-, Se2 12. Ld1, Sf3 13. Lxe2 bedeutet nur einen kleinen Aufschub. Schwarz besitzt ein Extratempo, kann jedoch nicht davon profitieren, weil jeder der vier Springer auf einem falschen Feld steht.


Der redaktionelle Sachbearbeiter von“64“ meinte „Wirklich von einmaliger Schönheit!“
Ein Reporter wurde nach Georgien geschickt, um ein Interview mit dem Entdecker dieser Glanzzüge zu führen. Als der Mann aus Moskau schließlich das Dorf erreichte, traf ihn der Schock seines Lebens:
Zwei Tage zuvor war der georgische Bauer verstorben....


Ich hätte viele Möglichkeiten gehabt, diese phantastische Geschichte auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, wollte mir aber die schöne Illusion erhalten.
Anatoli Karpov war damals Teilnehmer am Interpolis-Turnier und Michael Tal eingeladener Gast. Die Turnierbücher von St. Petersburg  1909 und 1914 befinden sich in meinen Regalen, es wäre leicht, sie zu durchstöbern. Aber ich werde davon absehen. Manchmal ist es besser, eine Geschichte so zu belassen, wie sie einem dargeboten wurde, statt sich auf die Suche nach der historischen „Wahrheit“ zu machen.

 

Über den Autor: Jules Welling (Jahrgang 1949), war in den 1980-er Jahren ein bekannter niederländischer Schachjournalist der über zahlreiche Turniere und Wettkämpfe berichtete. Über seine Erfahrungen mit den Großmeistern des Schachs hat er 1994 in der Edition Marco ein äußerst lesenswertes Büchlein verfasst („Aus erster Hand“). Heute widmet sich Jules Welling wieder seiner großen Leidenschaft, dem Gedichte schreiben. Die vorliegende Geschichte erschien erstmals in der Schachwoche Nr. 50/1986. Für die Schach-Welt hat mir Jules Welling die Erlaubnis erteilt, die Geschichte hier zu veröffentlichen.





Kommentare   

#1 Martin Erik 2014-11-17 14:25
Die Geschichte ist wunderschön - und der Autor ist weise: "Manchmal ist es besser, eine Geschichte so zu belassen, wie sie einem dargeboten wurde, statt sich auf die Suche nach der historischen „Wahrheit“ zu machen." Ich stimme zu! P. S.: Nur dass kaum ein russischer GM diese Stellung - zumindest vor 1.Sf6+ - je aufgegeben hätte...

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