Harold van der Heijden im Gespräch mit Losso

by on23. Januar 2016

Auch Losso hat sich bewogen gefühlt, zur Interviewserie beizutragen. Sein interessanter Gesprächspartner ist der Niederländer Harold van der Heijden.  

Losso: Hallo Harold. Trotz Deines außerordentlichen Beitrags zur Kunst des Schachs bist Du eventuell noch nicht allen Lesern unseres Blogs bekannt. Diese können natürlich bei Wiki nachsehen, wo es Artikel über Dich in mehreren Sprachen gibt. Magst Du Dich dennoch kurz vorstellen?

HvdH: Gerne. Mein Name ist Harold van der Heijden und ich bin aus den Niederlanden. Ich bin einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Schachstudie, aber darauf kommen wir sicherlich noch zu sprechen. Schach ist dabei aber nur mein Hobby. Beruflich leite ich ein Forschungslabor für Veterinärmedizin.

Losso: Du zeichnest Dich verantwortlich für die größte Endspielstudiendatenbank, bist Chefredakteur des einzigen mir bekannten Endspielstudienmagazins EG, richtest Studienturniere (das bedeutet, die schönsten Kompositionen eines Jahrgangs auszuwählen) und übernimmst auch den Posten des Studienbeauftragten innerhalb des Weltproblemschachverbands. Zudem hat Dir die FIDE den Fide-Meister-Titel für Schachkomposition verliehen. Wie kam es zu diesem Hobby und wie viel Zeit verbringst Du damit?

HvdH: Endspielstudien sind schon mein Hobby seit ich das Schachspiel in den 70ern erlernt habe. Ende der 80er fing ich dann an, Studien zu sammeln. Mit diesem Hobby verbringe ich zwei bis vier Stunden am Tag, wobei es momentan eher die zwei Stunden sind.

Losso: Die fünfte Version deiner Studiendatenbank ist Ende letzten Jahres erschienen. Ich selbst habe bisher vier Studien in vier unterschiedlichen Magazinen publiziert, z.B. auch im weniger bekannten Schach in Schleswig-Holstein, die alle ihren Weg in die Datenbank gefunden haben. Wie schaffst Du es, mit der Datenbank so komplett zu sein und wie viele Quellen sind enthalten?

HvdH: Nahezu alle größeren Magazine lassen ihre eingesandten Studien von mir auf Korrektheit überprüfen, dadurch kommen schon einige tausend Magazinjahrgänge zustande. Darüber hinaus habe ich hunderte von Schachspalten aus Zeitungen durchsucht, die teilweise schon über Jahrzehnte laufen. Das ist allerdings nur in seltenen Fällen von Erfolg gekrönt, denn dort werden nur wenige Studienoriginale abgedruckt. Einige Leute weisen mich auch auf Studien aus eher abseitigen Quellen hin und unterstützen mich dabei, vollständig zu sein.

Losso: Heißt das, dass Du viele Rechenknechte zu Hause stehen hast, die für Dich arbeiten, so dass das Endspielmagazin EG und auch die Datenbank fast schon als Nebenprodukt entstehen?

HvdH: Ganz so ist das nicht. Ich überprüfe die Studien auch nicht kontinuierlich, da müsste man bei jeder neuen Endspieldatenbank und Rechnergeneration von vorne anfangen und selbst wenn man da nur ein paar Minuten pro Studie reinstecken würde, wäre das unheimlich zeitaufwendig.

Losso: Das ist sicherlich richtig bei inzwischen über 85.000 Studien in Deiner Datenbank. Wie viele arbeiten denn an dem Datenbankprojekt?

HvdH: Die Arbeit an der Datenbank erledige ich alleine, aber es gibt ein paar Schachfreunde, die mir zuarbeiten, insgesamt fünf bis zehn. Mario Guido Garcia aus Argentinien ist sehr aktiv, wenn es darum geht, die Korrektheit von Studien zu überprüfen. Andere schicken mir Dateien mit neuen Studien. Dabei ist es mit einer simplen Aufnahme in meine Datenbank allerdings nicht getan, denn ich habe sehr strenge Standards, was die Präsentation in der Datenbank anbetrifft. Beispielsweise muss ein weißer Fehlversuch immer mit einem schwarzen Zug enden, es sei denn, Weiß setzt patt.

Losso: In einer bekannten deutschen Schachzeitung gibt es eine Interviewserie, in der Großmeister gefragt werden, wie man sich im Schach verbessern kann. Die Schachstudie kommt in den Antworten oft vor. Die Spatzen pfeifen es also von den Dächern, dass Studien einen wichtigen Anteil in der Entwicklung eines Schachspielers einnehmen, da sie vor allem die Berechnung von Varianten verbessern. Wurdest Du schon von starken Spielern oder deren Trainern kontaktiert, damit diese von deinen Kenntnissen profitieren können? Oder kurz: Hat Magnus Deine Datenbank schon geordert?

HvdH: Der Holländische Trainer Cor van Wijgerden nutzt Studien in seinem Training, vor allem für junge Spieler. Auch Artur Jussupow berichtete mir, dass er meine Datenbank für Trainigszwecke nutzt, vor allem für den taktischen Blick und die Rechenfähigkeiten, da Schachstudien eine konkrete Lösung besitzen. Carlsen habe ich in Wijk aan Zee beim Tata-Turnier getroffen, aber er wird sich wahrscheinlich nicht an mich erinnern und hat auch noch keine Version der Datenbank geordert. Ich würde ihm diese kostenlos zur Verfügung stellen, wenn er nachfragt.

Losso: Da bin ich gespannt, ob es zu dem Deal kommt. Jetzt, da wir die Brücke zum Normalschach geschlagen haben: Wie finde ich in der Datenbank eine Studie, die für mich interessant sein könnte, so dass ich als Schachspieler davon profitiere?

HvdH: Sehenswert sind zumeist diejenigen Studien, die mit einem Preis ausgezeichnet worden sind. Dies kann man als Suchkriterium hinterlegen. Ansonsten kann man nach bestimmten Komponisten suchen, im klassischen Bereich denke ich da an Liburkin, Mitrofanov und Kasparyan, zeitgenössische Komponisten sind Kralin, Gurgenidze, Pervakov und Afek. Neuere Talente sind Didukh und der Norweger Ostmoe. Man sollte versuchen, die Studien zu lösen, aber da der Schwierigkeitsgrad mitunter sehr hoch ist, sollte man sich zumindest erlauben, die Figuren auf dem Brett bewegen zu dürfen.

Losso: Unser Web- und Großmeister Jörg Hickl hat noch eine alte Version der Datenbank. Er sagte mir, dass heutige Studien deutlich mehr analytische Computervarianten haben und sich daher weniger für Trainingszwecke eignen als früher und sieht daher auch keinen guten Grund, sich die neuere Version zu besorgen.

HvdH: Für einige der zeitgenössischen Stücke trifft dies sicherlich zu. Allerdings hat die HHdbv auch viele zusätzliche Kommentare zu klassischen Studien, bei denen sich auch viele als nicht korrekt erwiesen. Außerdem gibt es auch heute noch spannende neue Studien, die bestimmt auch Großmeistern gefallen können, die denken, dass früher alles besser war.

Losso: Kannst Du Dich eigentlich auch an gespielten Endspielen erfreuen?

HvdH: Natürlich begrenzt sich meine Liebe zum Schach nicht nur auf die Schachstudie. Interessanterweise sind aber fast alle grandiosen Endspielzüge schon einmal als Motiv in einer Studie gezeigt worden. Eine berühmte Ausnahme ist 47.-Lh3!! aus Topalov-Shirov (siehe nachstehendes Diagramm), Linares 1998. Ich habe auf Basis dieser Stellung die Studienkomponisten aufgefordert, aus diesem Thema noch mehr zu machen, aber das Resultat war eher enttäuschend.

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Losso: Dann war die Partiestellung wohl schon mehr oder minder die Optimalfassung. Hast Du eigentlich einen Lieblingskomponisten und eine Lieblingsstudie?

HvdH: Mein Favorit bei den Komponisten ist Leopold Mitrofanov, der sowohl romantische als auch tiefgründige Studien angefertigt hat. Der Titel seines Buches, "Deceptive Simplicity" ("Trügerische Einfachheit"), trifft es genau. Seine berühmte Studie (gab es auch schon auf schach-welt.de) war lange mein persönlicher Liebling. Sie wurde aber abgelöst, als der Kompositionsgroßmeister Oleg Pervakov mir eine seiner besten Studien anlässlich eines Kompostionsturniers zu meinem 50. Geburtstag zur Verfügung stellte. Vielleicht kannst Du sie ja mal bei der Schach-Welt zeigen, da wäre ich nämlich sehr interessiert, was Jörg Hickl davon hält.

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Weiß am Zug gewinnt, Oleg Pervakov, 2011

Losso: In der Tat eine handfeste Rauferei. Deine Datenbanken haben eine eigene URL, die mit www.hhdbstartet, worauf die römische Ziffer der Version und .nl folgt. Aktuell also www.hhdbv.nl. Was bringt die Zukunft, hast Du Dir www.hhdbx.nlschon gesichert?

HvdH: Als ich die vierte Version veröffentlichte, plante ich, dass die fünfte die letzte Version ist. Da ich aber immer noch Spaß daran habe, habe ich schon die HHdbvi für 2020 angekündigt. Längerfristig sollte die Datenbank ein offenes Internet-Projekt werden, mit dedizierten Moderatoren. Die benötigt man auch, denn ich erhalte oft Meldungen, dass Studien nicht korrekt sind, ohne dass dies stimmt. Noch schlimmer bestellt ist es um die Vorschläge, unkorrekte Studien zu reparieren, die oft absolut fürchterlich sind. In meiner Datenbank habe ich nur Berichtigungen aus ausgewählten Quellen, bei denen ich darauf hoffen kann, dass der Editor einen Minimalstandard einhält.

Losso: Hast Du noch ein letztes Wort an unsere Leser?

HvdH: Eine kleine Studie von mir, die ich oft nutze, um die Studie der Schachöffentlichkeit schmackhaft zu machen, ist nachstehende. Auf gehts, Sven-Hendrik, versuche sie zu lösen, ohne in der Datenbank nachzuschlagen! Artur Jussupow benötigte nur ein paar Sekunden dafür und nannte auch das richtige Motiv. Ich denke, dass fast jeder das lösen und sich daran erfreuen kann, denn sie ist einerseits für stärkere Vereinsspieler ein Denktraining, aber auch für schwächere Schachfreunde verständlich.

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 Weiß am Zug gewinnt, Harold van der Heijden, 2003

Losso: Oh ja, die gefällt mir sehr gut und zeigt auch, dass es noch viel zu entdecken gibt, wenn es sogar heutzutage noch unentdeckte Bauernendspiele mit zwei gegen einen Bauern gibt. Jeder Schachspieler kann eine Studie wie diese komponieren. Ich habe meine minderwertigen Lösefähigkeiten im Studiensektor bereits in einigen Turnieren nachgewiesen, aber bei dieser Studie brauche ich nicht lange nachzudenken, denn sie war mir schon bekannt und war auch schon Kandidat für das Studienlösen im Verein. Daher gebe ich hiermit ab an unsere Leser, die dieses Stück als Starter für Pervakovs Werk weiter oben nutzen können. Vielen Dank an Dich, Harold, für das Interview!

Lösungen und Hinweise wie immer als Kommentar. Bitte wartet eine Woche (30.01.), damit noch mehr Leser sich an diesen schönen Stücken probieren können!

 

Kommentare   

#1 MiBu 2016-01-30 14:56
Das Bauernendspiel ist (auch ohne Nalimov) zu beherrschen. Da weder e5 noch g5 zum Ziel führen, tritt Weiß mit Kh1 etwas auf der Stelle und bringt Schwarz in Verlegenheit: a) Nach 1.- Ke1/2/3 steht der sK seinem Freibauern nach 2.e5 fxe5 3.g5 im Weg.
b) 1.-Kg3 wird genauso bedient, Weiß zieht mit Schach ein.
c) Zäher ist 1.-Kf3, aber auch hier führt 2.e5 zum Ziel, wenn man nach 2.e5 fxe5 3.g5 e4 4.Kg1! findet.
d) Bleibt noch 1.-Kf1, was das Abfangen des e-Bauern verhindert. Hier kommt es zur thematischen Variante der Miniatur.

Die Studie von Pervakov ist dagegen sehr unübersichtlich mit den zahlreichen hängenden Figuren. Gefühlt nehme ich an, dass der Lc1 nicht auf h6 zugreift, sondern nach 1.Td4+ Kxd4 2.Lb2+ für das Zähmen des a-Bauern verantwortlich zeichnet.
#2 Losso 2016-02-02 10:53
Wohin geht denn der schwarze Monarch nach diesen beiden Zügen?
#3 MiBu 2016-02-11 16:27
Ich denke nach e3, um nach Te2+ Kd3 oder Tf3+ Ke4 ein potentielles Patt in der Brettmitte zu ermöglichen, da Kxc5 das letzte Fluchtfeld abdeckt.
#4 MiBu 2016-03-21 16:22
Bleibt diese Aufgabe ungelöst in den Archiven der Schachwelt?
#5 Losso 2016-03-21 23:06
Bisher machst Du das prima.
Wie geht es nach 4.Kxc5 weiter? Wichtig ist es, mit den Abspielen 1.Te5+ und 3.Te2+ zu vergleichen. Es sind auch gar nicht mehr so fürchterlich viele Züge. Aber die haben es eben in sich.
#6 Holger Hebbinghaus 2016-03-23 15:48
Wenn ich das richtig sehe, besteht der wesentliche Unterschied darin, dass Weiß nach 3.Tf4+ Ke4 4.Kxc5 a1D 5.Lxa1 Tc6+ 6.Kb5 Tc1 noch den Trick 7.Tf4+ in petto hat und damit seine zwei Mehrfiguren behauptet.
#7 Losso 2016-03-23 22:41
Ich glaube, du hast es schon gelöst, dennoch eine wichtige Frage: 1.Te5+ Kxe5 2.Lxh6 a1D 3.Lg7+ Ke4 4.Lxa1 Tc1 führt über eine komplett andere Zugfolge zu fast derselben Stellung wie sie in Deiner Lösung nach dem 6. Zug entsteht. Was ist der entscheidende Unterschied?
#8 MiBu 2016-03-24 08:46
Der wK steht einmal auf b4 (und erlaubt daher Tc4+ mit Eroberung des Ld4) und das andere Mal auf b5, wo das eben nicht geht.
#9 Holger Hebbinghaus 2016-03-24 09:54
... und nach ...Ke3 hat Weiß in einem Fall die Option, mit Ta4 beide Leichtfiguren zu decken (den Läufer direkt, den Springer indirekt wegen Ld4+), im anderen Fall nicht.
#10 Losso 2016-03-24 13:12
Der letzte Hinweis hat mir noch gefehlt, um die Lösung komplett anzuerkennen. Prima!

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