Kleine Gehirne – wenn das Nachdenken Short geht

by on24. April 2015

Und täglich grüßt das Murmeltier mag man sich denken und Schach ist ja eine der letzten Oasen des Machismo, denn auch in der Wissenschaft und in der Kunst ist das Thema schon lange durch und auch die weltberühmten Wiener Philharmoniker haben schon Frauen in ihren Reihen!

Nun hat Nigel Short im New in Chess Magazin einen Artikel „Vive la difference“ im Vorfeld seines Wettkampfs am 25+26. April gegen Kasparow in Saint Louisettkampfs am 25+26. April gegen Kasparow in Saint Louis veröffentlicht und dort geschrieben: „Männer und Frauen sollten einfach akzeptieren, dass sie anders verdrahtet sind" und in der folgenden Diskussion auf Twitter noch nachgelegt: „Männer und Frauen haben unterschiedliche Gehirne. Das ist ein biologischer Fakt.“ Eine gute Übersicht über die Ereignisse liefert ChessBase im Artikel „Zu kleine Gehirne“ mit vielen Links zum ausgelösten Rauschen im Medienwald!

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Nun gibt es Studien, dass der Spielstärkeunterschied der Weltspitze im Schach zwischen Männern und Frauen nur darauf beruht, dass einfach weniger Frauen im Spitzenschach vertreten sind und natürlich auch Studien, die dies bezweifeln. In den Expertenstreit möchte ich gar nicht eingreifen, sondern ganz einfach einmal annehmen, dass Short mit seinem vermuteten geschlechtsspezifischen Leistungsunterschied Recht hat und dann darüber nachdenken wie sich dieser in der Realität darstellen würde und dann aus diesen Erkenntnissen den geschlechtsspezifischen Leistungsunterschied abschätzen zu versuchen. Machen wir daher einen Blick auf einen Sport, wo es tatsächliche anatomisch bedingte geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede gibt und wählen den 100 Meter Sprint. Frauen sind da 1 Sekunde langsamer als Männer was die Weltrekorde betrifft - 9,50 zu 10,5 ganz grob gesprochen.

Unbestritten ist dann, dass eine noch so gute Frau es niemals ins WM-Finale schaffen würde – auf’s Schach umgelegt ist also ein SUPER-GM (2700+) unmöglich – ebenso würde keine Frau es in ein internationales Event schaffen, was schachlich GM-Niveau entsprechen könnte. Nicht einmal in das Finale vieler Landesmeisterschaften würde es die schnellste Frau schaffen und das lege ich mal locker auf gutes IM-Niveau! Und dennoch ist fast jeder männliche Hobbysportler gegen die schnellste Frau hoffnungslos verloren – möglicherweise wären auch gut trainierte Sportler aus anderen Sportarten (Fußball, Tennis, etc) in der Masse langsamer. Und jetzt bedenken wir, das alles verursacht eine einzige Sekunde oder grob umgerechnet eine um 10% schlechtere geschlechtsspezifische Leistung!

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Nun wie sieht das im Schach aus und starten wir bei Landesmeisterschaften und nehmen wir als Land Österreich und schauen ins Jahr 2006 zurück nach Köflach zur geschlossenen Staatsmeisterschaft (Kat. 7 – Eloschnitt 2401 – IM-Niveau), die von der bekannten IM Eva Moser mit 6/9 gewonnen wurde. Vergleichbares ist mir aus der Welt des 100 Meter Sprints nicht bekannt und wohl eher unwahrscheinlich bis sogar möglicherweise schlicht unmöglich!

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Im Jänner 2015 spielte die Chinesin Hou Yifan beim Traditionsturnier in Wijk an Zee und ließ dort drei Herren in der Tabelle hinter sich und hatte auf Aronian nur einen halben Punkt Rückstand. Das wäre wie wenn eine Sprinterin beispielsweise am berühmten Letzigrund im 100 Meter Finale nicht nur nicht Letzte würde, sondern ganz knapp hinter einem zwar in etwas schlechter Form befindlichen absoluten Weltklassesprinter ins Ziel käme – das kann man einfach nur mehr unrealistisch einstufen! Möglicherweise wären wir da bei einer halben Sekunde oder einer um 5% schlechteren Leistung angekommen!

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Und nicht zu Letzt hat es Judith Polgar im Oktober 2005 auf Rang 8 der Weltrangliste geschafft – nebenbei taucht auf dieser Liste Nigel Short auf Rang 32 unter – und dies wäre auf Sprintverhältnisse umgelegt sogar für Hollywood absolut nicht einmal träumbar, denn wir sprechen von 9,80 und zirka 2,5% Leistungsunterschied und vergessen wir nicht der deutsche Rekord liegt bei 10,05 aus dem Jahr 2014.

Kann man damit einen möglichen geschlechtsspezifischen Leistungsunterschied im Schach ausschließen? Ehrlich gesagt nein, aber ein vergleichender Blick sollte uns sagen, dass falls es ihn doch geben sollte, dieser ziemlich klein – wenn nicht sogar vernachlässigbar - sein könnte. Und möglicherweise existiert er auch gar nicht – dafür würde auch sprechen, wie ein Kind entsteht: aus je einem halben weiblichen und männlichen Satz an Erbinformationen (DNA) entsteht ein einziger Zellkern mit einem neuen, vollständigen Chromosomensatz und würden da von den Frauen „kleinere Gehirne“ weitergegeben, dann könnte das eine Abwärtsspirale auslösen und so funktioniert Evolution erfahrungsgemäß einfach nicht!

Was bleibt? Wir haben einen zu geringen Frauenanteil im Schach und zu viele Machoträumer und Short versteht es immer wieder sich zum richtigen Zeitpunkt auch mit zweifelhaften Aussagen in Sachen PR in eigener Sache in Szene zu setzen!

Ja und der Mensch als Mann und Frau ist doch ein wunderbares Wesen und mit all seinen Schwächen auch unheimlich erfolgreich!

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)

Kommentare   

#1 Darth Frank 2015-04-24 16:43
Die ganze Debatte ist unnötig ideologisch aufgeladen, indem das komplexe Phänomen „Intelligenz“ mit dem sehr speziellen Feld „Spielstärke Turnierschach“ gedanklich gleichgesetzt wird. Der geschätzte Herr Short hat sich übrigens deutlich differenzierter geäußert als die verkürzten Zitate wiedergeben.

Eine dieser erwähnten Studien habe ich mir als studierter Mathematiker, der beruflich auch noch mit dem Thema Statistik zu tun hat, vor einiger Zeit genauer angeschaut. Fazit: Alle Formeln richtig gerechnet, statistisch aber völlig sachfremd. Da wurde zuerst auf einer Menge Daten eine Normalverteilung angepasst (so weit so gut). Dann wurden mit der so parametrisierten Verteilung im nicht besetzten Extrembereich (Fachsprech „im tail“) irgendwelche Verhältnisse berechnet. Das Problem: Die wahre, aber unbekannte Verteilung muss im Tailbereich nicht der angenommenen Normalverteilung entsprechen. Sie tut es auch nicht. Der Erwartungswert der ELO-Zahl des Weltranglistenersten nach dieser Methode wäre über 3200 gewesen. Es hätte etliche Spieler mit ELO größer 3000 geben müssen. Diese Plausibilitätsbetrachtung en wurden in der Studie bewusst unterlassen um das Ergebnis nicht in Frage zu stellen. Da hatte einer so lange das mathematische Modell vergewaltigt bis das gewünschte Ergebnis rauskam.

Dabei ist es recht einfach. Bei 5% Frauenanteil würde man unter der Annahme „keine Spielstärkeunterschiede“ in den Top 20 eine Frau erwarten, unter den Top 100 fünf Frauen, unter den Top 200 zehn Frauen usw.
#2 Krennwurzn 2015-04-24 18:00
Du hast vollkommen Recht mit ideologisch aufgeladen und so einfach ist das Thema nicht, dass man es nur auf den Faktor "keine Spielstärkeunterschiede" reduzieren könnte :-)

Und vielleicht ist der geringe Frauenanteil in der Spitze nur ein Hinweis auf höhere Intelligenz, weil sich dort zu viele um zu wenig Geld schlagen :-*
#3 Thomas Richter 2015-04-24 20:39
Wenn eine Frau es irgendwie ins WM-Finale 100m der Herren schaffen sollte, kann sie da eventuell auch vor Usain Bolt landen - falls dieser sich im Rennen verletzt oder nach einem Fehlstart disqualifiziert wird, so ähnlich lief Aronians Turnier dieses Jahr in Wijk aan Zee.
Nur würde man in der Leichtathletik keine Frau ins Männerrennen einladen, es sei denn sie läuft schnell genug. In Wijk aan Zee gilt generell "Elo über 2700 oder Niederländer oder Sieger der B-Gruppe", es gab eine Ausnahme für Hou Yifan. Dortmund hat generell dieselben Regeln und dieses Jahr dieselbe Ausnahme.
Zum Thema insgesamt: Ausnahmen bestätigen die statistische Regel. Judit Polgar war eine Ausnahme, Hou Yifan wird vielleicht eine Ausnahme, vielleicht auch nicht. Und Carlsen ist eine Ausnahme in der norwegischen Schachszene.
#4 joerg005 2015-04-27 10:05
" am berühmten Lenzigrund "? Von diesem verkleinerten Frühlingsboden hab ich leider noch nie gehört.
Zur Evolutionstheorie, weisst Du denn nicht, dass ein Großteil der Gehirnfunktionen mit dem Y-Chromosom vererbt wird, es somit keine Verwässerung geben kann?! 8)
#5 Krennwurzn 2015-04-27 11:12
"Lenzigrund" statt Letzigrund oje da sind die Hormone nicht die Gene mit mir durchgegangen - danke wurde korrigiert!

ad Gehirnforschung:

"Es gibt kein Gen, das dafür verantwortlich wäre, dass Männer ganz anders aussehen und oft auch ganz anders denken, fühlen und handeln als Frauen", stellt Prof. Gerald Hüther, Hirnforscher und Neurobiologe an der Universität Göttingen, klar. Kurz gesagt: Auf diesem Y-Chromosom steht keine einzige Bauanleitung dafür, wie ein männliches Gehirn zu strukturieren ist.

Quelle: http://www.planet-wissen.de/natur_technik/forschungszweige/hirnforschung/gehirn_mann.jsp
#6 Schmidt 2015-04-27 12:13
@Thomas Richter: Die Vergleiche in Ihrem Kommentar sind schief und auch ziemlich respektlos. Keiner der hinter Yifan platzierten Schachspieler wurde disqualifiziert oder ist "gestolpert". Sie hat in etwa in ihrem Erwartungshorizont als Nummer 60 der Schachwelt gespielt und ist damit im hinteren Drittel eines sehr starken Feldes gelandet. Bei einem 100-Meter-Lauf vergleichbarer Qualität unter Männern mit Teilnahme der weltbesten Läuferin wäre alles andere als ein abgeschlagener letzter Platz für diese tatsächlich nur durch das Stolpern anderer Männer denkbar. Das war alles, was Krennwurzn m.E. sagen wollte, und der Vergleich ist treffend.
Anders als von Ihnen und Short behauptet, sind Ausnahmen in der Spitze bei den Frauen natürlich relevant, weil sie eben zeigen, dass es keine prinzipielle "biologische" Beschränkung für weibliche Spitzenleistungen auf männlichem Top-Ten-Niveau im Schach gibt. Deswegen interessieren sich Menschen ja für Rekorde und Spitzenleistungen, weil sie die Grenzen des Möglichen abstecken. Im Frauenschach ist ziemlich viel möglich offensichtlich. Warum es immer wieder Leute gibt, die das in Frage stellen wollen, ist ein anderes Thema...
#7 joerg005 2015-04-27 13:16
" Auf diesem Y-Chromosom steht keine einzige Bauanleitung dafür, wie ein männliches Gehirn zu strukturieren ist. "
Warum sind dann alle Frauen ohne Navi aufgeschmissen, Prof. Hüther? 8) 8)
#8 Darth Frank 2015-04-27 16:51
Nicht die DNA und die Chromosomen steuern das, sondern die Hormone. Wenn Usain Bolt sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht, so hat er danach trotzdem noch denselben DNA-Satz. Die weiblichen Hormone sorgen aber dafür, dass er dann nicht mehr 9,5 s auf 100 m läuft.

Das Männer und Frauen „verschieden ticken“ können nur hartgesottene Genderfetischisten abstreiten. Ein Teil davon mag kulturell bedingt sein, ein Teil liegt aber auch einfach in der Biologie. Leider können wir Carlsen nicht einfach auf weibliche Hormone setzten um das experimentell zu überprüfen.

Beim Wettkampfschach geht es im Wesentlichen darum, unter Zeitdruck und Stress möglichst effizient einen Variantenbaum zu berechnen und zu visualisieren, keine wichtigen Züge dabei zu übersehen und die Endstellung korrekt einzuschätzen. Wieso darf es einfach nicht sein, dass für diese unheimlich spezielle Aufgabenstellung das männliche Gehirn etwas leistungsfähiger ist als das weibliche? Der empirische Befund deutet zumindest stark in diese Richtung. Das schließt ausdrücklich ein, dass es auch sehr starke Schachspielerinnen gibt. Aber Yifan fehlen noch 200 ELO-Punkte auf Carlsen. Beide sind Ausnahmen, welche Nummer 1 ist das aber nicht?

PS: Meine Tochter spielt mittlerweile stärker als ich. Ich habe kein Problem damit.
#9 Thomas Richter 2015-04-27 21:26
@Schmidt: Meine Bemerkungen bezogen sich auf den Vergleich Hou Yifan - Aronian. Ansonsten landete sie vor drei Spielern, die ebenfalls kein WM-Finale (im Schach wäre es das Kandidatenturnier) erreichen könnten.

Zum Kernthema "Gibt es für Schach relevante genetische Unterschiede zwischen Frauen und Männern?" habe ich keine Meinung - ich will das weder behaupten noch kategorisch ausschliessen.

Noch ein Ausflug zum Laufsport: Da dominiert auf der Langstrecke Ostafrika - darf man da vorschlagen, dass es genetische Gründe haben könnte, oder ist das (nicht Sexismus aber) Rassismus? Alternativ gibt es gesellschaftliche Gründe: sie müssen schon sehr jung viele Kilometer zur nächsten Schule laufen, und für sie ist Laufsport die Chance der Armut zu entfliehen. Das eine schliesst das andere nicht aus.

Nun können, jedenfalls bei den Frauen, einige wenige Europäerinnen und Japanerinnen mit Kenia und Äthiopien mithalten. Ist damit die These "Ostafrika ist genetisch bevorzugt" widerlegt?
#10 Krennwurzn 2015-04-28 09:41
Nun beim Laufen setzt sich auch die Meinung durch, dass die durchschnittliche Leistung bei allen Menschen gleich ist, dh. die Aussage Afrikaner sind schneller als Europäer falsch ist. Dennoch gibt es günstige genetische Veranlagungen (FT Fasern im Sprint, höherer Schwerpunkt, Verhältnis Ober- zu Unterschenkel, etc....) die bei gewissen Bevölkerungsgruppen öfter als Ausnahmen vorkommen als bei anderen und die dann durch hartes Training in die Spitzenposition kommen.
Es müssen also die Veranlagungen, die Arbeitsbereitschaft und auch die Umgebungsbedingungen passen - für Spitzenleistungen sind mM nach sehr, sehr viele kleine Bausteine nötig und einfache Erklärungsversuche sind zwar bequem und schlagzeilentauglich, aber auch nicht mehr!
#11 Guido Montag 2015-05-02 20:44
Short: wenn kleines Gehirn short geht

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