Lübeck krönt den Meister

by on25. Oktober 2016
Original oder Fälschung? Das Lübecker Holstentor (und ganz viel Marzipan) Original oder Fälschung? Das Lübecker Holstentor (und ganz viel Marzipan) OSt

 

Deutsche Meisterschaft 2016

Wenn man sich allein auf das Universum beschränkt, dann ist die Hansestadt Lübeck sicherlich eine der schönsten Städte der uns bekannten Galaxien. An der Trave gelegen, reihen sich charmante alte Häuser und prachtvolle Kirchen auf der Altstadtinsel aneinander, und der Spaziergänger fühlt sich bald schon auf angenehme Weise zurückversetzt in eine vergangene Welt. Wenn man dann noch das sphärische Marzipan dazudenkt, mit dem die Lübecker aus der heimischen Niederegger-Produktion versorgt werden, sowie die vielen mit der Stadt verbundenen Namen - Willy Brandt, Thomas Mann, Rasmus Svane - so ahnt man schon, dass dies ein sehr besonderer Ort ist, in diesem Universum und vielleicht sogar darüber hinaus.

Lübeck also! Hier finden sie statt, die Deutschen Schachmeisterschaften 2016, und mit Glück können die 26 Teilnehmer aus nah und aus fern sagen, dass sie gerade in diesem Jahr eine feine Location für dieses besondere Turnier erwischt haben. Bis zum Mai war der Schachbund in Verlegenheit, überhaupt einen Ausrichter zu finden für seine hauseigene Meisterschaft, und das ist so überraschend nicht, denn so ein Ausrichter hat sowohl die Ehre als auch die Verpflichtung, das Turnier und alle Organisation rundherum zu stemmen. Das allein mag nicht erstaunen, ungewöhnlich ist es da schon eher, dass der ausrichtende Verein neben der nicht geringen Arbeit auch einen Preis- und Orga-Fond von rund 16.000,-€ mitbringen soll, um den Zuschlag für das Turnier zu erhalten. So war es in der Vergangenheit teilweise durchaus diffizil, die Deutsche Meisterschaft zu vergeben, denn - kaum jemand wollte diese finanzielle Bürde übernehmen.

In einer Art Deal und weil das Turnier für 2016 sonst auszufallen drohte, wurde der Ausrichter in diesem Jahr allerdings beitragsfrei gestellt - der DSB verzichtete auf die Rahmenzahlung, und der Lübecker Schachverein nahm engagiert den Zuschlag für das Turnier und bereitete sich seit dem Sommer auf die Meisterschaften vor. Und das ist gut gelungen! Die von Ullrich Krause (Präsident von Schleswig-Holstein, im Schach) und Thilo Koop (1.Vorsitzender des Lübecker SV) in enger Zusammenwirkung mit ihren Vereinskollegen Jan Plackmeyer und Dirk Lampe umsichtig vorbereitete Veranstaltung glänzt mit dem Holiday Inn durch einen angenehmen Spielort nahe der Altstadtinsel, die Spielbedingungen sind ebenso ambitioniert wie die professionelle Turnier-Homepage, die in Wort und Bild und unter "Presseschau" mit vielen Zeitungsartikeln das Turnier in all seiner Pracht und Emotion (!) widerspiegelt.

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Der schleswig-holsteinische Meister Frank Schwarz (Preetzer TSV) und
Dirk Lampe
(Lübecker SV) im fachlichen Gespräch

Leider habe ich (und scheinbar auch andere Benutzer) auf meinem eigenen Computer Schwierigkeiten, die Spiele live zu verfolgen - das wird ein Fehler sein in meinen Browser-Einstellungen, vor Ort etwas mit den Leitungen oder der Chessbase-Buchse, wer blickt da immer schon durch, so dass ich im fernen Bremen vom Verfolgen der laufenden Runden leider abgeschnitten bin. So traf es sich gut, dass ich am Wochenende schon für einen Besuch vor Ort vorbeischauen konnte und dabei viele meiner alten Schachfreunden vom LSV und auch aus Schleswig wiedertraf. So ist das beim Schach, die Familie bleibt zusammen!

À propos Schach - was den sportlichen Verlauf anbetrifft, so wird das Turnier bislang von GM Rasmus Svane geprägt, der zwar beim Hamburger SV  Hamburger SK in der Bundesliga spielt, doch hier an der Trave unter schleswig-holsteinischer Flagge segelt, alldieweil er als Sohn dieser Stadt viele Jahre als Jugendspieler im Lübecker Traditionsverein verbracht hat. Damit ist Rasmus eines der absoluten Talente des Nordens, doch die Lübecker sind auch weiterhin in der Jugendarbeit engagiert und bieten für mehr als 70 Jugendliche Training und Spielmöglichkeiten an, die gesamte Woche über. Wir werden sicher noch hören, vom LSV!

Der schachsportliche Wettbewerb indes ist noch lange nicht entschieden, heute wird die fünfte Runde ausge- und live übertragen, und da bleibt noch viel Raum für bärenstarke Züge in den kommenden Tagen.

Lübeck2Rasmus
Rasmus Svane im Spiel gegen Thilo Kabisch (und dessen Wimpel)

Die allgemeine Netz-Berichterstattung über die Meisterschaft ist - abgesehen von der Turnier-Homepage - eher verhalten. Teilweise wurde ja moniert, dass diese Meisterschaft 2016 gar nicht so richtig eine echte Deutsche Meisterschaft ist, da es ja nur so wenige Teilnehmer aus der Spitze des Bundesschachs gibt - ein Umstand, der vermutlich auch mit dem mehr oder weniger komplett nicht (!) gebotenen Preisfonds zusammenhängt.

Ist der Meistertitel darum aber weniger wert? Ich denke nicht.  Nur wer mitspielt, kann gewinnen, und wer nicht dabei ist, wird eben nicht Meister. Die 26 Teilnehmer haben sich auf reguläre Weise für das Finale qualifiziert, und es gibt dem Wettbewerb auch eine sportliche Fülle und Attraktivität, da aus jedem Teil der Republik Teilnehmer an den Start gehen dürfen. Auch das erhöht den Reiz des Turniers, neben einem denkbaren Feld von IMs und GMs, und ich glaube einfach nicht, dass es für Sponsoren ein Hinderungsgrund sein sollte, um das Turnier zu unterstützen. Auch Amateure spielen mit? Macht doch nichts - alleine das führt schon zu einigen reizvollen Schachpartien und einem schönen regionalen Bezug, wer weiß.

Lübeck3KarstenSchulz
Mit der Erfahrung von über 50 Deutschen Meisterschaften ist FM Karsten Schulz
(SF Schwerin)
praktisch unbesiegbar

Dennoch wäre es ganz schön, könnte man den Meister des Landes oder sagen wir die ersten Drei mit einem Startplatz und Übernahme aller Kosten für die kommende Europameisterschaft locken und beehren - das wäre ein nicht ganz unwürdiger Preis, der dieses Turnier zu einer Art Qualifikationswettbewerb machen würde, und auch einen gewissen finanziellen Anreiz bietet für professionelle Teilnehmer.

Es ist indes nicht klar, woher Sponsoren kommen sollen, die für ein solches Unterfangen "Schachmeisterschaft" Geld in die Hand nehmen könnten. Auf der Turnierseite ist die (hakende) Live-Übertragung bereits elegant und unübersehbar eingebettet in die Werbezeilen der Viactiv- Krankenkasse - gut gelöst, würde ich sagen (bis auf das Haken natürlich), der Sponsor wird mit jedem Blick auf die Partien beachtet, und gut, für das Turnier gibt es dadurch eine konkrete finanzielle Unterstützung. Das ist doch sehr schön - nur schade, dass es nicht mehr solcher Modelle und Sponsoren gibt, um freie Werbeflächen beim Schach wirkungsvoll zu besetzen. Es gibt doch viele Zuschauer, so heißt es, und vor allem online - wäre die Suche nach Werbepartnern nicht etwas, was beim Deutschen Schachbund, gerne auch in Verbindung mit einer cleveren Marketing-Agentur, noch etwas intensiver betrieben werden könnte? Wir hoffen weiter.

Wer also Zeit hat, Lust, und eine Reisemöglichkeit, der mache sich sogleich auf den Weg an die Ostsee, heute noch! Bis Samstag wird noch gespielt, und sollte das Schach alleine noch nicht Verlockung genug sein, so tut dies vielleicht das leckere Lübecker Marzipan, original aus der Hansestadt. Lasst es Euch schmecken!

Turnierhomepage

Live-Übertragung

Deutsche Bahn Reiseverbindungen

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 7.Platz beim Travemünder Open 2010. Größte Misserfolge: werd´ ich hier lieber nicht sagen! Liegen aber gar nicht so lang zurück (leider). Größte Leidenschaften: irgendetwas mit Randbauer-Eröffnungen auszuprobieren, und die Partie dann trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

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