Mal was Anderes: Schachbücher für stärkere Spieler und ein Anfängerbuch

by on01. November 2014
Regt zum Querdenken an... Regt zum Querdenken an...

Der umtriebige Schachversand Niggemann hat mir in letzter Zeit mehrere Bücher zukommen lassen, die insbesondere für stärkere Spieler beachtenswert sind.

The Secret Life of Bad Bishops – Silas Esben Lund

Esben Lund, der sich seit einigen Jahren Silas Lund nennt, ist ein dänischer IM. In diesem Buch beschäftigt er sich intensiv mit den Läufern: Sind Läufer wirklich immer gut oder schlecht? Muss man nicht viel vorsichtiger mit diesen Bewertungen sein? Wann ist ein Läufer überhaupt gut und schlecht? Stimmen die bisherigen gängigen Bewertungskriterien? Lund will hier mit diesem Buch über ein sehr enges Gebiet des Schachs den Geist des Schachspielers sensibilisieren und aktiv zur Entwicklung des Schachs beitragen. Ein hochgestecktes Ziel. Bücher über sehr spezielle Themen werden beim Schach üblicherweise entweder Pflichtlektüre oder Papierkorbfutter. Er selbst schätzt sein Buch derart ein, dass Spieler ab 1900er Rating bis zu IM Niveau am Meisten von der Lektüre profitieren, ernsthaft studierende Spieler darunter und interessierte GM dürften wohl auch etwas davon haben. Dieser Einschätzung stimme ich zu.

Im ersten Kapitel definiert er den sogenannten Double Edged Bishop und erläutert sehr ausführlich, warum landläufig als schlecht angesehene Läufer häufig gar nicht schlecht sind. Schon alleine diese Erläuterungen haben meinen Horizont als Schachspieler erweitert.

In den folgenden Kapiteln geht Lund – oft in ganzen kommentierten Partien - auf Qualitätsopfer, Übergänge von Eröffnung zu Mittelspiel und die verschiedenen Endspielmöglichkeiten ein, die mit einem Läufer zu tun haben. Dabei bleibt er auf die Wirkung der Läufer fokussiert und verläuft sich nicht in allgemeinen Kommentaren.

Er orientiert sich im Mittelspielkapitel zwar an einer konkreten Eröffnung (Französisch Vorstoßvariante), jedoch nur, um seine Bewertungen möglichst archetypisch veranschaulichen zu können.

Fazit: Pflichtlektüre für Schachspieler mit Ambitionen! Nach dem Durcharbeiten sieht man Läufer mit ganz anderen Augen.

 

Grandmaster Repertoire 1. e4 vs The French, Caro-Kann & Philidor von Parimarjan Negi

Der Inder Negi ist einer der jungen indischen Superstars im Schach. Er ist auch als Autor aktiv und legt hier ein Nachschlagewerk für Weißspieler vor. Dabei bewegt er sich im System der Grandmaster Repertoire Reihe: Wenige Erläuterungen, ausschließlich seriöse Varianten und gelegentlich selbst erarbeitete Neuerungsvorschläge. Dabei hat er umfassend die aktuellen Beiträge und Partien anderer Meister sorgfältig eingearbeitet, soweit ich es einschätzen kann. Ich konnte erwartungsgemäß nicht alle Varianten prüfen. Auf fast 600 Seiten liefert Negi gut gegliedert jede Menge Information, die für den ernsthaften Repertoire-Aufbau für längere Zeit bequem ausreichen sollte. Für meinen Geschmack verwendet Negi zwar ein paar Mal zu oft Ausrufezeichen bei seinen Zugbewertungen, positiv beachtenswert ist dafür definitiv, dass Negi in seinen Anmerkungen oft und dann eingängig die Pläne skizziert, die den Zügen zugrunde liegen. Es reicht zwar noch nicht als Lehrbuch über die behandelten Eröffnungen, für ein Nachschlagewerk ist das aber schon sehr gut und hilft oft bei vorhandenem Grundverständnis für die Pläne der betroffenen Eröffnungen schon weiter.

Fazit: Wieder ein Volltreffer aus der Grandmaster Repertoire-Reihe. Wer ein Nachschlagewerk sucht, braucht nicht weiter suchen.

 

Play unconventional Chess and win – Noam Manella & Zeev Zohar

Noam Manella ist Komponist von Schachstudien und arbeitet auf dem Gebiet des „Attention Management“ (Verarbeitung von Informationen im menschlichen Gehirn). Zeev Zohar hat eine Studienarbeit über die Einflüsse von Computern auf die Kreativität im Schachspiel geschrieben. Keine alltäglichen Schachbuchautoren. Bei der Fide sind sie nicht registriert, was nicht auf hochwertige Turniererfahrung schließen lässt. Wenn Vishy Anand und Boris Gelfand dieses Buch empfehlen und sich nicht auf pauschale und höfliche Worthülsen über die Qualität des Buches beschränken, muss man höllisch aufpassen, keine Vorurteile in die eine oder andere Richtung zu entwickeln.

Zum Buch:

In 137 Partien bzw. Partiefragmenten auf 380 Seiten werden Partien, überwiegend von Super-Großmeistern, und gelegentlich auch Kompositionen besprochen. Dabei ist die Auswahl das Besondere: In jedem Beispiel sind die kritischen (Gewinn bringenden) Züge außergewöhnlich unschematisch und weichen von der klassischen Lehre ab. Genau darauf wollen die Autoren hinaus: Man soll sich die Beispiele von den Ausnahmekönnern unter uns Schachspielern anschauen und dadurch lernen bzw. inspiriert werden, vom üblichen Schema abzuweichen. Und was für seltsame Züge da von Weltklassespielern gespielt werden! Ein Kuriositätenkabinett ohne Gleichen. Die Erläuterungen zu diesen Zügen sind gut und verständlich, gelegentlich kommen die Spieler selbst zu Wort.

Ist dieses Buch nun gut und wenn ja, für wen? Vorsicht! Für Spieler unter 2100 ist dieses Buch aus Lernaspekten kontraproduktiv, weil diese Spieler (ich zähle mich dazu) meines Erachtens kaum in der Lage sind, eine Partie konsequent nach der klassischen Lehre zu Ende zu bringen, was wiederum die Ursache für die meisten Niederlagen in dieser Spielklasse ist. Da ist der Ansporn, unorthodoxe Züge zu suchen und zu spielen, pädagogisch nicht wertvoll. Für Spieler ab 2100 bis hin zum GM Niveau, die sich wundern, warum sie gelegentlich von Spielern besiegt werden, die eigenwillige Züge gemacht haben, dürfte dieses Buch sehr hilfreich sein. Für alle Spieler über 2100, die besser werden wollen, ist dieses Buch sicher auch ein echtes Lernvergnügen.

Schließlich kann man dieses Buch auch noch nutzen, um sich wieder vor Augen zu führen, warum wir dieses Spiel so lieben, unabhängig von der Spielstärke….

 

Chess Progresss von Erik Czerwin

Erik Czerwin ist High School Lehrer und Schachtrainer in den USA. Er liefert hier ein Buch ab, mit dem man als absoluter Anfänger durch Selbststudium zu gesundem Schachverständnis gelangen soll. Gelingt ihm diese Aufgabe? Wir werden sehen. Zunächst sei erwähnt, dass der Name Czerwin bei der Fide nicht zu finden ist. Eine ruhmreiche Turnierspielergeschichte ist daher nicht zu vermuten. Doch nun zum Buch:

Czerwin schreibt anschaulich und verständlich. Sein englisch ist leicht nachvollziehbar, man braucht keine sprachlichen Spezialkenntnisse.

Er fängt mit den absoluten Basics an: Beschreibung des Bretts, Bezeichnung der Fachbegriffe, Besonderheiten; dann geht er zu immer schwierigeren Themen über. Vom Leichten zum Schweren, pädagogisch wertvoll! Das Konzept ist sehr gelungen. Es ist schwer genug, ein brauchbares Lehr-System aufzubauen. An der Gliederung kann man sich als Trainer oder als Selbstlerner gut entlanghangeln, wenn man möchte. Es gibt andere Systeme, die manchen interessierten Lesern besser gefallen dürften, aber lieber ein gutes System als ein schlechtes oder gar kein System.

Immer wieder streut Czerwin Übungen ein, die den gerade gelesenen Text verinnerlichen helfen sollen. Hier bilde ich mir ein, die Erfahrung als Schachtrainer und Lehrer zu spüren. Die Dosierung und Verteilung der Aufgaben ist hervorragend.

Inhaltlich tauchen leider immer wieder Fehler und vereinfachte Darstellungen auf. Flüchtigkeitsfehler wie „die Schlüsselfelder für einen weißen Bauern auf d2 sind c4, d4, e4“ (da der Bauer von seinem Ursprungsfeld bekanntlich 2 Felder nach vorne darf, sind c5, d5 und e5 auch Schlüsselfelder…) mögen verzeihlich sein. Weitere Beispiele:

Bei der Unterscheidung von guten und schlechten Läufern geht Czerwin praktisch nur darauf ein, ob die Bauern auf der Farbe des Läufers stehen oder nicht und empfiehlt beim Spiel gegen einen Läufer, die eigenen Bauern auf die Läufer-fremde Farbe zu stellen. Auch bei Materialvorteil empfiehlt Czerwin nur den Abtausch von Material und differenziert nicht nach Figuren und Bauern. Auch für ein Anfängerbuch ist mir das zu sehr vereinfacht dargestellt. Ohne zu diesem Zeitpunkt schon zu wissen, ob Czerwin ein guter Spieler ist oder nicht, fand ich dies schwach. Hieraus habe ich gefolgert, dass kein Titelträger inhaltlich Korrektur gelesen hat, was bedauerlich ist.

Fazit:

Die inhaltlichen Fehler/Ungenauigkeiten sind leider vermeidbar und machen das Buch nicht uneingeschränkt empfehlenswert.

Das Buch ist dennoch für blutige Anfänger gut geeignet, die eigenständig Schach lernen wollen. Wenn man dann etwas besser geworden ist, sollte man sich aber nicht an alles klammern, was in diesem Buch geschrieben steht. Gut ist das Buch auch für Schachtrainer, die zwar Einiges über Schach wissen und Anfängern oder leicht fortgeschrittenen Spielern etwas beibringen dürfen/sollen, aber (noch) kein eigenes System haben und / oder noch nicht wissen, wie – soll heißen, mit welchen Übungen – sie welches Wissen vermitteln wollen. Es hat durchaus auch seinen Reiz, Czerwin´s Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das schult den Geist und das Schachverständnis.

Ich habe schon bessere, aber überwiegend schlechtere Lehrbücher für Anfänger gesehen.

3 Sterne (leider habe ich dafür keine passende Grafik)

Zum Abschluss noch ein Knaller:

Test Your Chess von Zenon Franco

Ein sehr gutes Buch – für die passende Zielgruppe.

GM Zenon Franco Ocampos ist vermutlich in unseren Breitengraden nicht sonderlich bekannt. Er kommt aus Paraguay und als Jahrgang 1956 ist er auch keiner der jungen Wilden. Er gewann jeweils Gold für die beste Performance am ersten (!) Brett bei Schacholympiaden 1982 und 1990 – sehr beeindruckend in den Zeiten sowjetischer Dominanz - und hat im Laufe der Jahre mehrere Bücher geschrieben.

Mit Test Your Chess hat er ein waschechtes Trainingsbuch geschrieben, vorgesehen zum Selbststudium. In 40 ganzen Partien wird man während jeder Partie immer wieder aufgefordert, den nächsten Zug zu finden. Dabei setzt Zenon Franco gerade keinen Schwerpunkt auf Eröffnungen, sondern auf Mittelspielentscheidungen, auch Endspiele kommen nicht zu kurz. Je nach Entscheidung gibt es dann unterschiedlich viele Punkte, bei ganz falschen Zügen werden Punkte abgezogen. Zenon Franco schätzt / schlägt vor, dass man 90 bis 120 Minuten pro Partie braucht. Erwartungsgemäß erklärt er nach jeder Aufgabe, warum welcher Zug gerade besser oder schlechter ist. Und das macht er gut, weil verständlich und nachvollziehbar.

Am Ende einer jeden Partie fasst er noch einmal die Kernpunkte, die hängen bleiben sollen, in einer Aufzählung zusammen. Sehr gut.

Die gestellten Aufgaben sind konsequent anspruchsvoll. Auch sehr gut. Das Buch ist somit nur für ernsthaft trainingswillige Spieler passend.

Es handelt sich somit nicht um ein typisches „Test“-Buch mit Aufgaben und kurzen oder längeren Lösungen am Ende des Buches. Das dürfte aber nicht der Grund sein, weshalb ich das Buch deutlich nützlicher finde als die anderen mir bekannten Testbücher.

Etwas lästig ist, dass die Lösung unmittelbar hinter der grau unterlegten Aufgabe steht: Wenn man beim Umblättern also nicht clever genug wegschaut oder beim Wegziehen der Seitenabdeckung etwas zu voreilig ist, sieht man schon vorab den nächsten Zug. Man muss also beim Abdecken der Seiten vorsichtig sein, sonst legt man sich selbst rein oder ruiniert sich eine Aufgabe.

Ich schätze, man müsste schon ein Niveau von mindestens 1700 haben, um von diesem Buch maximal zu profitieren. Für Spieler unter diesem Niveau sind nach meiner Einschätzung die Aufgaben fast immer zu schwer und die Erklärungen von Zenon Franco etwas zu komprimiert. Für diese Zielgruppe gibt es passendere, aber kaum bessere Bücher. Für Spieler ab 1800 bis mindestens 2300, die konzentriert trainieren wollen, ist dieses Buch ein Glücksgriff und sollte unbedingt in die Bibliothek aufgenommen werden, weil es wirklich zum Denken zwingt und offene Fragen klärt.

 

Dennis Calder

Fide Instructor

Dennis Calder

Engagierter Schach-Spüler mit Hang zu salopper und ironischer Ausdrucksweise. Außerdem noch Fide-lizenzierter Trainer (Fide Instructor) und Buch-Rezensent.

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