Neulich im Schachverein (Teil 3)

by on29. Juni 2017

Neulich im Schachverein (Teil 3) oder Regeln und ihre Anwendung

Vor allem jene höchst praktische: war es das wert? Oder auch: wird man den soeben für sein Empfinden irgendwie „betrogenen“ Professor je wieder, bei diesem oder einem anderen von ihm so gerne frequentierten Turnier, wieder sehen?

Ganz offensichtlich gibt es einfach eine andere Ebene, welche jenseits aller Regelfragen anzusiedeln ist und gerne als „die etwas höher liegende“ aufgefasst werden darf. „Gens una sumus“ beispielsweise. Möchte man denn prinzipiell die nicht geschriebenen Gesetze – welche dann allein per Wortwahl die höhere Ebene ausdrücken mögen -- mit Füßen treten um irgendwie an die angeblich in der Endabrechnung entscheidenden Punkte heranzukommen und sie einzufahren? Dieses „irgendwie“ ist dabei das fragliche Wort. Ist denn jedes Mittel recht, um Erfolg zu erzielen und, sobald man ihn erzielt hat, zugleich einem gar medial vorgebetet wird, dass „danach doch spätestens in ein paar Wochen keiner mehr fragt“? Nein, diese nicht geschriebenen Regeln sind jene der Ethik.  Selbst wenn in alle möglichen Richtungen dehnbar und nirgends fest zu verankern – was zugleich ihren Wert in Zweifel ziehen würde : es war nicht nötig und ist nicht nötig und die Anerkennung der Niederlage ist, selbst wenn sie prinzipiell jedem auf eine Art schwer fällt, der wohl entscheidende Schritt. „Kampfgeist“ ist vielleicht ein durchaus ehrenwertes und anerkanntes Verfahren, sich nicht zu früh zu ergeben, aber es gibt denn wohl doch irgendwo die Momente, wo es denn an der Zeit wäre. Selbst wenn man, wie die Praxis beweist, damit einen Teil seiner Punkterwartung in den Mülleimer entsorgt: diese verfügbaren (Mini-)Prozente sind es einfach nicht wert. Selbst wenn man nur einen Schachfreund (den einstigen...) vergrault.

Bruno2Dringend zu erwähnen an dieser Stelle noch der Umstand hier: dass sich so viele Schachspieler (weiterhin) dieser längst und x-fach verbreitet „fehlerhaften“ Methode der Bauernumwandlung bedienen ist lediglich dem Umstand geschuldet, dass sämtliche zu erwerbenden Schachsets stets nur mit 32 Figuren gefüllt sind. Woher nähme man also in einer privat gespielten Partie (die es doch noch immer geben soll...) eine Dame, so lange sich die eigene auf dem Brett befindet? Man dreht einen Turm um – sofern ein solcher bereits geschlagen wurde. Ansonsten ist man auf den guten Willen angewiesen „Das ist eine Dame, ok?“ „Ok.“ Oder man muss die Partie abbrechen.

Einzige Alternative wäre jedoch, rein rechnerisch: die Schachsets müssten 8 weitere Damen enthalten, und zwar von jeder Farbe. Weiterhin 8 Türme, 8 Springer, 8 Läufer, alles je Farbe. Demnach müsste also ein vollständiges im freien Handel zu erwerbendes Brett 96 Figuren enthalten: 1 weißer König, ein schwarzer König. 8 weiße Bauern, 8 schwarze Bauern. 9 weiße Damen, 9 schwarze Damen, 10 weiße Türme, 10 schwarze Türme, 10 weiße Läufer, zehn schwarze Läufer, 10 weiße Springer, 10 schwarze Springer.

Die Aufgabe für Studien- und Problemkomponisten würde lauten: die Sinnhaftigkeit dieser Forderung mit ein paar Stellungen zu untermauern. Also einen Fall, den welchem sich tatsächlich alle acht weißen Bauern in einen Springer umwandeln müssten (wozu sonst jeweils 10 im Kasten?). Genau so wie Läufer, Türme, Damen. Aber selbst wenn dies ihre Fähigkeiten überstiege: man könnte sich ja selbst diese Aufgabe stellen, bei ausreichender Überlegenheit, dem Gegner gegenüber oder auch in einer entstehenden Stellung: „Ich habe noch alle 8 Bauern und beide Springer. Jetzt hole ich mir für jeden Bauern einen Springer. Nur, damit es sich gelohnt hat, dass das im Werk so angefertigt wurde.“

Regelunkenntnis mag nicht einmal Hauptursache für das in der Partie angetroffene Verhalten sein, das soll die Aussage sein. So lange man Partien weiterhin mit einem einzig verfügbaren Figurensatz und Brett austrägt – was doch bitte so erhalten bleiben möge --, dann muss man sich mit dieser speziellen Art der Bauernumwandlung wohl auch weiterhin arrangieren. Man weiß schon, wie man es eigentlich zu tun hätte, kommt aber aufgrund dessen von der Gewohnheit nicht ab.

Die Phantasie kann einen dabei noch in weiter entfernte Gefilde davon tragen: „rein zufällig“ gibt es also eine Figur, welche, auf den Kopf gestellt, überhaupt Halt findet. Das ist der Turm. Nun könnte man die Hersteller vielleicht dafür sensibilisieren : entweder, ihr fertigt alle Figuren so an, dass sie umgedreht stehen können, oder ihr fertigt alle so an, dass sie nicht umgekehrt stehen können. Im ersten Falle würde man den Hobbyspielern weitere Chancen geben, eine Bauernumwandlung durchzuführen, bevor die eigene Dame oder ein eigener Turm geschlagen wurde und dann diesen als Ersatz nehmen, mit der Schattenseite, dass sich dies in Turniersälen zu einer größeren Unsitte entwickeln würde, welche zu verbannen dann noch größere Aufgabe wäre. Im zweiten Fall würde man zunächst einmal die strikte Form der Regeleinhaltung sicher stellen. Da könnte ja keiner mehr daher kommen, und eine Figur zu drehen, weil sie nicht stehen bliebe. Eine Schattenseite ist dabei im Prinzip nicht auszumachen, lediglich die für beide (nicht so arg ernst gemeinten) Vorschläge gemeinsam lautende: wir haben die Figuren doch lieb gewonnen so, wie sie sind. Ein „entstellter“ Turm (für den Fall zwei einzig erforderliche Änderung: er darf nicht mehr auf dem Kopf stehen können) oder auch entstellte Springer, Läufer, gar Damen, damit auch für den Fall, dass KEIN Springer bisher geschlagen wurde, man aber partout einen neuen haben möchte und so, da vielleicht einzig  verfügbar, eine Dame umdreht und ihr, per Ausruf, die Bezeichnung „das ist ein Springer“ verleiht? Nun ja, da scheinen denn doch die Gäule mit dem Autoren durchgegangen zu sein?!

Kurz und knapp: mit den Regeln ist es wie mit den Austern und mit den Römern (fragt mal Asterix, als Rat an Obelix): „Zu viel davon ist ungesund.“

Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

Kommentare   

#1 Thomas Richter 2017-07-05 11:32
Einen ähnlichen Fall gab es nun im Tiebreak der kanadischen Meisterschaft: https://www.chess.com/news/view/controversial-finish-to-canadian-chess-championship-5047 .
Schwarz (IM Noritsyn) spielte 50.-d1(umgedrehter Turm), der Schiedsrichter griff ein und drehte den Turm um, also 50.-d1T. Er wies darauf hin, dass eine schwarze Dame griffbereit war ("Il y en avait"), was - wenn man sich die entscheidenden Sekunden im Video anschaut - so nicht stimmte: Weiss (GM Sambuev) hatte diese schwarze Dame seit Minuten in seiner Hand und stellte sie erst auf den Tisch, während/direkt nachdem Schwarz seinen Bauern umwandelte.
Ergebnis dann (nach 51.a8D usw.): Sambuev gewann, war damit kanadischer Meister und für den Weltcup qualifiziert.
#2 MiBu 2017-07-10 13:24
Mir ist nicht klar, warum dieser Artikel auf drei Folgen ausgewalzt worden ist, um die Aussage dann in einem Oneliner zusammenzufassen. Mein Gegenentwurf zum Schlusssatz lautet "Regeln müssen aber sein und Regelunkenntnis wird im Zweifel bestraft." Das gilt für den Golfspieler, der seine Scorekarte nicht unterschreibt, den Biathleten, der auf die falschen Scheiben zielt, den Skatspieler, der ausspielt, obwohl er gar nicht dran ist und eben auch den Schachspieler, der nicht die Uhr anhält, um sich eine zweite Dame zu besorgen.

In meiner Praxis gab es da noch nie ein Problem: Kam es zur "Vielweiberei" und eine zweite Dame war erforderlich, so war meistens direkt am Nebenbrett eine verfügbar. Da so ein Bauer eher gemächlich nach vorne geht, ist in der Regel auch Zeit genug, die benötigte Figur zu beschaffen. Sollte die Ursprungsdame schon getauscht sein wie im von Thomas R. geschilderten Fall, ist das Problem noch kleiner bis nicht vorhanden. Ich habe mir angewöhnt, in Schnell- und Blitzpartien nach Damentausch präventiv die Figur schon mal auf meine Brettseite zu stellen und gleichzeitig (man könnte das sonst mir Recht als Arroganz ansehen) die gegnerische Dame ebenfalls wieder rauszugeben und zu meinen sonstigen geschlagenen Figuren zu stellen, so dass der Gegner die Dame bei Bedarf nehmen kann.

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