Paprika und Gurken in Wijk aan Zee

by on19. Februar 2016
Vladimir Dobrov Vladimir Dobrov Alina l'Ami für Tata Steel Chess

Was Fiona Steil-Antoni kann, das kann ich auch: einige Wochen nach Wijk aan Zee nochmals ein bunt gemischter Bericht. Allerdings gibt es gewisse Unterschiede: sie hat relativ viel Text und Fotos und nur ein Diagramm (das allerdings quasi dreifach), ich habe später siebzehn Diagramme und daher relativ wenig Text. Thema ist etwas, das Leser und Leserinnen vermutlich kaum mitbekommen haben: der Toptienkamp der Amateure (Niveau immerhin grob Elo 2300-2500). Die Partien konnte man vor Ort aus dem Publikum heraus einigermassen verfolgen, den pgn-file gab es jedenfalls mal auf der Turnierseite - aktuell finde ich ihn nicht mehr, also hänge ich ihn noch unten an den Artikel dran. Das ist der Endstand: Dobrov 6.5/9, Hendriks und Guramishvili 6, Pijpers 5, De Ruiter und Beukema 4.5, Van der Lende 4, Rudolf 3.5, Hopman 3, Brink 2. Der Russe Dobrov hat klarer gewonnen als der Endstand suggeriert, und das trotz zwei recht drastischer Niederlagen - aber die zweite in der Schlussrunde war irrelevant.

Nicht alle Teilnehmer(innen) sind wohl beim Publikum bekannt - einige schon, warum auch immer, z.B. weil sie auch in deutschen Ligen aktiv sind oder waren. Aber, auch um die bunte Mischung zu demonstrieren, stelle ich sie alle vor - bei den Damen verrate ich das Alter nicht, aber wer es wissen will kann ja (wie ich es bei den Herren gemacht habe) auf den FIDE-Ratingseiten nachschauen. Vladimir Dobrov ist Jahrgang 1984 und seit 2004 Grossmeister. Mir war er vom Namen her ein Begriff, da er bei einem Schnellturnier in Jurmala zwischenzeitlich ganz vorne mitspielte und auch einmal das Limburg Open gewann - mehr zu ihm später. Willy Hendriks ist Jahrgang 1966 und seit 2001 IM - noch aus einem anderen Grund ist er Exote im Teilnehmerfeld: er spielt für SV de Toren aus dem "Oostelijke Schaakbond" (Arnhem und Umgebung, fast schon Deutschland). Sopiko Guramishvili ist Georgierin, IM und WGM und wohnt aus privaten Gründen inzwischen in Den Haag. Arthur Pijpers ist Jahrgang 1994 und seit 2015 IM. Mir war er ein Begriff, seit sein Verein LSG Leiden recht ausführlich vom Europacup in Skopje berichtete, bei dem er seine zweite GM-Norm erzielte. Aufgefallen ist er dieses Jahr bereits beim Basel-Open, da besiegte er den bekannten GM Arkadij Naiditsch. Anschliessend dachte er vielleicht (ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen) "was Vishy Anand kann, das kann ich auch" und verlor gegen den relativ unbekannten französischen GM Adrien Demuth. Er spielte wohl auch gerne beim Neckar-Open: da erzielte er 2015 sowohl seine letzte IM-Norm als auch seine erste GM-Norm. Danny De Ruiter ist aus meiner ganz persönlichen Sicht die nord-holländische Reinkarnation von Jan Gustafsson - wobei Gusti natürlich noch lebt und der Schachszene erhalten blieb (wenn auch nur noch sporadisch als Spieler). Zu Kieler Zeiten verlor ich öfters gegen einen damals ca. 16-jährigen Hamburger, der gelegentlich bei Kieler Blitzturnieren vorbeischaute; in Noord-Holland erging es mir gegen den Teenager Danny De Ruiter ähnlich. Wie die Zeit vergeht, es ist schon ein paar Jahre her - er ist Jahrgang 1991, seit 2015 FM und spielt für Alkmaar bei Wijk aan Zee. Stefan Beukema ist ein echter Exot: ein Belgier der auch in der NL-Liga mitspielt (tendenziell ist es Einbahnstrasse in die andere Richtung), und zwar für Tilburg. Jahrgang 1996, seit 2012 FM. Ilias Van der Lende ist titellos, Jahrgang 1994 und spielt für Santpoort, ebenfalls Provinz und Schachverband Noord-Holland. Anna Rudolf ist Ungarin, wohnt aus privaten Gründen im spanischen Zaragoza, und ist auch IM und WGM. Pieter Hopman ist Jahrgang 1972, seit 2013 FM und spielt für Purmerend nördlich von Amsterdam. Barry Brink ist Jahrgang 1975 und spielt für Caissa aus Amsterdam (ebenfalls Provinz Noord-Holland, aber eigener Schachverband).

Gleich in der ersten Runde gab es Dobrov-Guramishvili, das Duell zwischen dem nominell besten und der geschlechtsübergreifend wohl bekanntesten Teilnehmerin. Das war Paprika, vielleicht mit einem Schuss Vodka, daher insgesamt vier Diagramme - so stand es nach 15.-Sf8:

Dobrov Guramishvili

 

 

 

 

 

 

 

Sie will den Eindringling auf d6 offensichtlich los werden - objektiv am besten war nun 16.Sc4 (über dieses verbotene Feld war er auch da gelandet). Aber Dobrov spielte 16.Tc6?! Td7! - nun musste er opfern und entschied sich für 17.Sxe6 Sxe6 18.Sxf5. Es folgte 18.-Sf8 (nach 18.-De8 glauben Engines nicht an weisse Kompensation) 19.Dc2 Lb7?!

Dobrov Guramishvili move 19

 

 

 

 

 

 

 

Wieder will sie einen Eindringling loswerden, diesmal war Dobrov zu Recht nicht einverstanden: 20.Le7! Db8 (das macht man/frau ungern, aber es muss sein) 21.Lxf6 gxf6 22.Tc1!? (objektiv besser war offenbar 22.Lxd5+ und drei Bauern plus schwacher schwarzer König ist genug Kompensation für die Figur)

Dobrov Guramishvili move 22

 

 

 

 

 

 

 

Richtig war nun 22.-Ld8 was einerseits den Läufer rettet, andererseits Feld e7 überdeckt. Schwarz spielte 22.-Lxc6 23.Dxc6 Dd8 - mit Mehrturm, und d5 ist gedeckt, oder? 24.Lxd5+! Txd5? (am besten 23.-Kh8 24.Dxa8 Txd5 25.Dxd8 Lxd8, und zumindest Sorgen um den König sind hinfällig) 25.Se7+! Kf7 (25.-Dxe7 kostet ja zwei Türme) 26.Sxd5 Ld6 27.Db7+ Kg6 28.Se3 De8 29.Dd5 Td8 30.Dg8+

Dobrov Guramishvili move 30

 

 

 

 

 

 

 

1-0 . Hinterher ergab sich - eher zufällig im Eingangsbereich des Amateur-Spielsaals - die Gelegenheit zu einem kurzen Interview mit Dobrov (hier bereits veröffentlicht, aber ich kopiere das mal rein): TR „Wie lief die Partie, offenbar war das Figurenopfer korrekt?“ Dobrov „Ich machte mir etwas Sorgen um meinen Springer, der sich auf d6 verlaufen hatte. Aber ich hatte genug Kompensation – viele Angriffsmöglichkeiten. Wir haben hinterher analysiert, es war ziemlich unklar. Dann hat sie gepatzt. Übrigens bin ich hier auch als Trainer und Reporter für den russischen Schachverband.“ TR „Wollen Sie die Gruppe gewinnen und nächstes Jahr auf der Bühne spielen?“ Dobrov „Vielleicht, aber das wird nicht einfach.“ Aha, es war also nicht unbedingt ein geplantes Opfer, aber er konnte seinen Springer teuer verkaufen. Trainer ist er für zwei Teenager, die neben ihm standen und – so sagte er zu einer anderen Person – „kein Russisch sprechen“. Auch im Pressebereich wussten sie nicht, ob er als Russe in den Niederlanden lebt oder warum er eigentlich mitspielt.

Dobrov spielte auch weiterhin teilweise spektakulär - einige Momente kommen erst später in der Rubrik (gegnerischer) Gurkensalat, dreimal zeige ich seine Schlusstellungen:

Dobrov Pijpers matt

 

 

 

 

 

 

 

Dobrov-Pijpers, noch Fragen?

De Ruiter Dobrov matt

 

 

 

 

 

 

 

Hier hat Schwarz kurz vor dem Matt aufgegeben - die Partie dauerte 19 Züge, Dobrov hatte gegen Danny De Ruiter Schwarz. Wenn man in katalanischer Struktur einen Bauern auf c4 verhaftet und verteidigt, kann der Schuss nach hinten losgehen (wobei die Stellung lange "unklar" war). Das war Runde 7 nach zuvor 5,5/6.

Hendriks Dobrov 1 0

 

 

 

 

 

 

 

Ähnliches gilt für Hendriks-Dobrov 1-0, Runde 9 und für den Turniersieg bereits irrelevant.

Nun sind zwischendurch andere dran, Drama in Brink-Hopman (am Ende 0-1) aus Runde 1:

Brink Hopman

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz steht trotz Mehrbauer schlecht, aber hat gerade 35.-Tf4!? entkorkt und Weiss fand nichts besseres als 36.Dxb7 Txf5 37.Dxa7 - nicht genug Kompensation für die geopferte oder, wie er vielleicht dachte, eingestellte Figur. Richtig war 36.Dc3 Dxf5 37.Th8+ Kg6 38.Tg8+ Kh5 39.gxf4 und, hier oder etwas später, 1-0. Zwischen all den Aufregungen eine Schlusstellung, bei der die Spielerinnen nett zueinander waren:

Rudolf Guramishvili

 

 

 

 

 

 

 

Die Freundinnen Anna Rudolf und Sopiko Guramishvili einigten sich hier auf Remis - immerhin waren bereits 15 Züge gespielt und ein Bauernpaar abgetauscht. Nun rückt ein Spieler in den Mittelpunkt, von dem ich nur ein kleines Foto (auf der FIDE-Ratingseite) fand:

Van der Lende

 

 

 

 

 

Das ist Ilias Van der Lende, der im Turnierverlauf gar nicht remis spielen wollte (+4-5). Zunächst eine kleine Taktikaufgabe für das Publikum:

Beukema Van der Lende

 

 

 

 

 

 

 

Beukema - Van der Lende, Weiss am Zug gewinnt

Guramishvili - Van der Lende war, wenn die Notation stimmt, wohl ein Zeitnotdrama. Sopiko hatte ihn komplett überspielt, und dann:

Guramishvili Van der Lende

 

 

 

 

 

 

 

39.Dd7?!? (39.exf7 +20 Tendenz steigend, wenn Engines länger als ein zwei Sekunden rechnen dürfen) 39.-Da3 (er glaubt ihr aufs Wort, kann Weiss nach 39.-Dxd7 40.exd7 Txd7 noch gewinnen?) 40.Txb7?? 1-0 vermutlich Zeitüberschreitung, nun konnte Schwarz nach 40.-Da1+ usw. matt setzen.

Es gab auch jede Menge Gurken, in einigen Stellungen die nun kommen fand einer (jedenfalls unter ansatzweise plausiblen Zügen) den schlechtesten überhaupt:

Van der Lende Hendriks

 

 

 

 

 

 

 

Van der Lende - Hendriks nach 11.-Se5, eine bekannte Stellung in der Weiss meistens 12.b3 spielt, Van der Lende fand 12.Lf1?? Dxd4 - noch nicht 0-1 da er tapfer weiterspielte, schliesslich war das Runde 1. Damit hat er den Wettbewerb "Gurke dieses Turniers" vielleicht gewonnen, aber er sollte noch einen drauflegen. Zuvor eine seiner Gewinnpartien:

Van der Lende Brink

 

 

 

 

 

 

 

Van der Lende - Brink nach 40.Dd6, womöglich auch hier Zeitnot: 40.-g6? (40.-Le8 oder 40.-Lb5 ist remislich) 41.Sxg6+ (noch besser ist 41.Sd5+ Kg8 42.Sf6+ Kg7 43.Sxd7 - Mehrfigur und weit und breit kein schwarzes Dauerschach) und nach beiderseits etwas ungenauem Spiel 1-0(49). Seine anderen Gewinnpartien waren sehenswert-spektakulär, aber zu kompliziert um sie in diesem Rahmen zu würdigen.

Dobrov Van der Lende

 

 

 

 

 

 

 

Dobrov - Van der Lende, kann Weiss dieses Doppelturmendspiel gewinnen? "Technik" musste er nicht zeigen, denn Schwarz fand 37.-Kf7?? 38.h6 1-0. Bei einer anderen Gelegenheit hatte Dobrov nur ein bisschen Glück:

Dobrov Hopman

 

 

 

 

 

 

 

Weiss steht ohnehin sehr gut, aber Gegner Hopman spielte 29.-f6? und gab auf - warum, darf der Leser selbst finden (Dobrov hätte es sicher gefunden). Ein anderer Lapsus kostete Hopman mindestens einen halben Punkt gegen Beukema:

Hopman Beukema

 

 

 

 

 

 

 

Weiss braucht wohl Geduld, um die Mehrqualität zu verwerten, aber wenn er (zum Beispiel) mit 29.h3 beginnt, sollte es auf die Dauer klappen. Stattdessen 29.Lh3?! Sxh2 ups! 30.Lg2 Sf3+ 31.Lxf3 exf3 usw. - dass es danach für Weiss rapide bergab ging, musste wohl nicht sein. Nach 40 Zügen (Zeitkontrolle geschafft) stand es so:

Hopman Beukema move 40

 

 

 

 

 

 

 

Und drei Züge später 0-1 !!? Minusqualität plus gegnerische Hilfe = Sieg gab es auch noch in einigen anderen Partien, aber das sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Es gab noch das eine oder andere, schön und/oder kurios, aber das darf der motivierte Leser im pgn-file selbst entdecken:

 

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