SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Samstag,25 Mai 2013

Aktualisiert23:13:16 Sat

Font Size

Screen

Cpanel
Montag, 30. April 2012 22:39

Eingebaut

Wieder auf den letzten Drücker kommt das Problem des Monats. Heute stelle ich euch, liebe Leser, das Motiv des Seebergers vor. Was das ist, wird im Titel schon angedeutet. Schwarz wird zu etwas gezwungen, was wohl jedem von uns schon einmal passiert ist: eine Figur wird eingebaut. Jüngst habe ich das als grobes Versehen bei Nigel Short (London Chess Classics 2011 gegen Kramnik) gesehen, aber im Schachproblem ist das natürlich alles erzwungen.

Das Motiv ist nach seinem Erfinder benannt, der 1860 ein Problem dazu entwarf, ein Vierzüger, der glücklicherweise auch die Computerprüfung überstand. Ich habe jedoch ein zeitgenössisches Stück des Neckargemünders Ralf Krätschmer herausgesucht. Es erschien in der Rhein-Main-Presse, kurz bevor diese die Schachecke einstellte.

Seeberger Krätschmer 2002

Materiell ist es vielleicht noch ausgeglichen, aber der schwarze König ist in schlechter Verfassung. Mit vier gut durchdachten Zügen erzwingt Weiß das Matt.

Viel Spaß beim Lösen, Lösungsvorschläge, Gedankengänge und alles, was euch sonst noch zu diesem Stück einfällt, gerne als Kommentar.

Montag, 23. April 2012 02:53

Was ist los in der Bundesliga Süd?

Elf Mannschaften in der 2. Bundesliga Südwest

Griesheim hat die zweite Bundesliga West überzeugend gewonnen und den direkten Wiederaufstieg geschafft. In der ersten Liga werden die Gegner aber wieder einen wesentlich höheren Schnitt aufweisen als in dieser Saison mit ELO ~2265. Aufsteiger Bebenhausen ist nicht unerwartet sofort wieder abgestiegen und wird nächste Saison den Eloschnitt seiner Gegner von ~2345 sicher nicht mehr erreichen können. Die beiden Zahlen sollten einen stutzig machen, denn 80 ELO-Punkte mal 72 Partien bedeutet, dass alleine sieben Brettpunkte des Griesheimer Vorsprungs auf die leichteren Gegner zurück geführt werden können.

beispieltab2Beide Mannschaften spielten in der gleichen Liga und gegen die gleichen Vereine. Aber sie spielten gegen unterschiedliche Mannschaften. Denn es gibt da einen kleinen Verein, dessen eigentlich erste Mannschaft den Klassenerhalt in der sechsten Liga wohl nicht schafft. Um die Spieler trotzdem bei Laune zu halten, hat man aber da noch eine Mannschaft in der zweiten Liga. Wenn es nun dort gegen einen starken Gegner geht, dürfen die treuen Spieler des Vereins zeigen was sie draufhaben. Erfolg sehr mäßig. Damit dieser Spaß nach einer Saison nicht zu Ende ist, werden gegen schwache Mannschaften sieben (!) ausländische Profis gebeten die Mannschaft zu ersetzen. (Rechts: Beispieltabelle, Quelle: www. schachbund.de)
So spielt man über die Saison mit zwei (fast) komplett unterschiedlichen Mannschaften und hält sich mit optimiertem finanziellem Aufwand locker in der Liga. Denn wenn man das Ganze anders aufziehen würde und alle Runden mit vier starken und vier schwachen Spielern antreten würde, wäre der Abstieg wohl sicher. Der Bürgermeister wird sicher auch begeistert über einen "Bundesligaverein" im Dorf sein. Schade dass dieses Konzept noch kein Erstligaverein probiert hat. Statt innovativ zu sein, jammern dort alle nur über die hohen Kosten. Wann hat Anand zuletzt gegen einen von uns gespielt? Noch interessanter wäre es wenn sich diese Idee bei allen Vereinen einer Liga durchsetzen würde. Dann entstände eine Pokerliga der Mäzene. Du bist mit den Patzern gekommen? Ich hab die Guten dabei! Sollen wir noch spielen, oder schenkt ihr gleich ab? Aber auch drei solcher Vereine in einer Liga führen dazu, dass Aufsteiger praktisch chancenlos sind, wenn sie nicht gleich um den nächsten Aufstieg mitspielen können. Ihr Gegnerschnitt würde auf 2400 steigen, der des Meisters auf 2200 sinken. Vielleicht braucht man dann sogar eine höhere Performance um als Aufsteiger die Klasse zu halten als der Meister um aufzusteigen.


Ich verstehe allerdings unter Mannschaftskämpfen etwas anderes und es stellt sich die interessante Frage, wie man solche Auswüchse verhindern kann. Die einfachste Idee ist natürlich, dass ein Spieler in einer Saison nur in keinem anderen Verein in Europa spielen darf, wie man das so von anderen Sportarten kennt. Die anderen Länder müssen hierbei nicht unbedingt mitmachen. Dann wird man keine Profis für vier Partien finden. Es würde auch einen Fall in der Oberliga Württemberg verhindern, wo ein Verein für ein wichtiges Spiel während der Saison schnell einmal vier solche nachgemeldet hatte und dann mit 4.5-3.5 auch noch gewann. Das Jammern und Klagen der Betroffenen müsste man ertragen. Die Opens wären wieder stärker besetzt.

bannerostsee300Interessant ist aber auch die Regelung in Baden. Ein Spieler darf in einer Runde nur in einer Mannschaft spielen. Ob dies im obigen Fall abschreckend genug ist, ist nicht so klar. Der Eloschnitt der "eigentlichen" ersten Mannschaft in der sechsten Liga sank im obigen Fall in der Saison um bis zu 600 Punkte, da sich ihre Stammspieler in der Bundesliga festspielten. Auch in der sechsten Liga wird viel über die Auslosung der Paarungen entschieden. Verkleinerung des Kaders der Mannschaften kann das Problem nur reduzieren, wenn es wie hier extensiv ausgenutzt wird. Vielleicht hilft aber auch, dass dieser Missbrauch über die lokalen Grenzen bekannt und etwas mehr diskutiert wird.

Hilft alles nichts dann sollte man vielleicht die totale Freigabe beschließen: Spieler können eine Spielgenehmigung für eine Saison vom Verband gegen eine Gebühr erwerben. Dann dürfen sie an einem Spieltag von einem beliebigen Verein eingesetzt werden. In der nächsten Runde können sie natürlich auch beim Gegner spielen. Das wäre ein Spaß! Man bräuchte nicht mehr zur Bundesliga zu pilgern. Wenn zwei verfeindete Nachbarvereine gegeneinander spielen, würde sicher auch etwas geboten.

Samstag, 21. April 2012 02:16

Remis anbieten -- aber wann? (Teil 3)

 Nachdem es an gleicher Stelle bereits einen Text mit dem Titel „Aufgeben – aber wann“ zu lesen gab, soll es heute mal einen geben, der sich mit dem Remis anbieten beschäftigt. Wann sollte man es tun? Was gibt es noch dazu zu sagen?
Zunächst mal so viel: ein Remisangebot ist eine Option, welche jeder Spieler gleichermaßen ein Mal in der Partie zur Verfügung hat, und nach dessen Aussprache und Ablehnung man, laut Regeln, erst wieder das Recht dazu erhält, wenn der Gegner eines ausgesprochen hat und man dies seinerseits abgelehnt hat.
Selbst wenn sich dies von der Formulierung her halbwegs kompliziert anhört, so ist es doch eigentlich jedem Schachspieler eingängig. Man kann seine Option einmal ziehen, danach ist man – außer bei Annahme – zum Schweigen verurteilt und kann NUR NOCH seine Züge sprechen lassen.
Es gibt nun einige interessante Aspekte daran. Hier sollten einmal locker angeführt und aufgezählt werden:
1)    Was hat das Verhältnis der Spielstärken für einen Einfluss auf die Aussprache des Angebots?
2)    Gibt es ein paar ethisch-moralische, nicht in den Regeln verankerte Grundsätze, die man beachten sollte?
3)    Welche Absichten können sich hinter einem Remisangebot verbergen?
4)    Wann sollte man die Option zwecks Erreichens der Absichten ziehen?
5)    Wie sollte man persönlich auf Remisangebote reagieren?
6)    Wie lehnt man ein Remisangebot ab?

Da man als Autor selbst während der Aufzählung erst auf ein paar Aspekte traf, sollen diese nun doch systematisch abgearbeitet werden, natürlich möglichst nicht zu sehr in „Arbeit“ ausartend sondern eher in „Unterhaltung“ übergehend, selbst wenn gerne zum Nachdenken darüber anregend.

coveru1anzBevor dies geschieht hier noch der kurze Hinweis, dass das Remisangebot nach hier vertretener Ansicht genau den gleichen Stellenwert wie ein Schachzug hat. Wenn man am Zug ist, muss man alle Möglichkeiten erwägen. So lange man diese Option noch nicht gezogen hat, müsste man bei jedem Zug darüber nachdenken, ob es ein günstiger Zeitpunkt für ein Remisangebot wäre – egal, mit welchen Absichten verbunden. Und: man kann diesen speziellen „Zug“ ausführen an einer beliebigen Stelle, nur gilt auch bei ihm: er kann gut oder schlecht sein.

Die Option eines Remisangebots ist im Übrigen ganz gut vergleichbar mit dem Verdopplungswürfel im Backgammon. Man muss diesen auch sehr gekonnt einsetzen, um ein Optimum aus einer Partie zu holen. Ab und an gibt es den Aspekt, den Gegner hinein zu doppeln, indem man ihn zum rechten Zeitpunkt zwingt, ihn anzunehmen, in der Hoffnung auf eine fortan günstige Entwicklung, muss dies aber vor dem Wurf tun, ab und an hat man die Absicht, diesen möglicherweise günstigen Wurf noch abzuwarten, um den Gegner danach heraus zu doppeln, ihn also zur Kapitulation zu zwingen. Analog das Remisangebot. Wenn man die Option zum falschen Zeitpunkt ausspricht, ohne Aussicht auf Annahme, so hat man den Würfel aus der Hand gegeben, im auf Backgammon übertragenen Sinne. Man kann ihn (oder eben die Option) danach nicht mehr ziehen, man hat sein Recht verwirkt und hätte möglicherweise einen viel günstigeren Zeitpunkt verpasst, die Chance dazu vergeben, zu welchem der Gegner vermutlich kaum hätte widerstehen können.

Der Autor hat persönlich ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu dieser Option. So hat man in der eigenen Karriere diese Option sehr selten (vielleicht viel zu selten?!) gezogen, andererseits eine hohe Prozentzahl von Angeboten ausgeschlagen, etliche davon ohne eine sinnvolle Begründung, und vor allem, von diesem Angebot irgendwie herausgefordert, oftmals auf dem Brett den Blick für die besten Züge verloren, stattdessen Harakiri Aktionen durchgeführt, die oftmals weder das Remis in Reichweite hielten, geschweige denn, der eigentlichen Absicht, einen Sieg zu erzwingen, näher rückten, sondern stattdessen häufig genug geradewegs in den Abgrund führten.

Dennoch bleibt das Votum entgegen einer zu friedlichen Gesinnung. Dies hat einerseits die Ursache, dass man doch bitte schön, zwecks Entwicklung der eigenen Spielstärke immer mal schauen sollte, wie sich die Partie entwickelt und was noch so alles passieren kann (dies sollte sehr wohl eingedenk der lauernden Gefahren sowohl VOR gegnerischer Aussprache als auch DANACH geschehen). Dieser Vorschlag richtet sich vor allem an sich entwickelnde Spieler, die ruhig ihre Partien ausspielen sollten und nicht zu sehr die reinen Ergebnisse in den Vordergrund rücken. Andererseits gibt es stets den Aspekt des Zuschauerinteresses, welches gerade heutzutage, dank Internet live Übertragungen wieder einen mächtigen Aufschwung erlebt und es im Geiste des Spieles liegt, sich einen fairen Kampf zu liefern, und so lange es noch beiderseitige Chancen gibt, diese nicht dem Zuschauer – und auch nicht sich selbst – vorzuenthalten.

Insofern ist der Vorschlag, alle Partien einfach ausspielen zu lassen – wohl derzeit als „Sofia-Regel“ in die Praxis übergegangen -- eine sehr willkommene und wohl unterstützte, so gut sie denn praktikabel ist und friedfertig gestimmte Spieler nicht auf andere Art dahin treibt, wohin man sie nicht haben möchte: zu Zugwiederholungen oder Dauerschachvarianten, die möglicherweise gar auf Absprache hin erfolgen könnten, um die Regel zu umgehen. Der Grundgedanke an der Regelidee ist jedenfalls gut.

Bevor es nun wirklich hinein geht, die weitere Erläuterung der Regeln: man muss zu einem Remisangebot einen Zug ausführen und es mit diesem Zug aussprechen. Wenn man die Reihenfolge nicht einhält und zuerst anbietet, ohne zu ziehen, so hat der Gegner das Recht, sich einen Zug zeigen zu lassen, und danach das Remisangebot anzunehmen oder abzulehnen. Insofern ist die Einhaltung dieser Reihenfolge nicht bindend, nur sollte man es grundsätzlich vermeiden, den Gegner zu verärgern, da man ja ein Spiel spielt und keinen Krieg führt, und zugleich der Spruch „Gens una sumus“, wir sind alle des gleichen Geschlechts, alle eine Familie, der Leitspruch der Schachspieler ist.

Unbedingt vermeiden sollte man jegliche Aktionen während der Gegner am Zug ist. Vor allem nicht lange nach dem eigenen Zug Remis anbieten, wobei hier in den Regeln keine Zeitspanne verankert ist. Man muss einen Zug ausführen und mit der Ausführung Remis anbieten. Was nun, wenn der Gegner gar nicht am Brett ist? (nur ein Beispiel). Es gibt also eine Zeitspanne, aber es sollte sicher nicht mehr als wenige Sekunden nach dem Zug erfolgen.

1)    Was hat das Verhältnis der Spielstärken für einen Einfluss auf die Aussprache des Angebots?

Sicher ist dies der meist diskutierte Aspekt daran. Wann hätte der schwächere Spieler überhaupt das moralische Recht, ein Remisangebot auszusprechen? Von den Regeln her kann es ihm niemand verbieten, insofern dürfte man die Aufregung der stärkeren Spieler nicht ganz nachvollziehen. Er bietet Remis an, verschleudert sinnlos diese Option, man lehnt ab – und hat fortan Ruhe. Es ist wie ein schlechter Zug, den der Gegner ausgeführt hat. Es ist kein Schwein da, welches einen Baum anpinkelt und kein Hund, der den Mond anbellt. Der Unterlegene hat sich des Regelparagraphen bedient, hat eine Option gezogen, und, genau so wenig, wie er wusste, dass er DIESEN Springer nun wirklich nicht für JENEN Läufer hergeben sollte, oder er nicht wusste, dass in diesem Abspiel des Königsinders das Feld d4 eine tödliche Schwäche darstellt, so wusste er auch nicht, dass es nicht ein winziges Mikroprozent gab, welches den Gegner zur Annahme hätte verlocken können. Er hielt seine Stellung für komfortabel, dachte, er machte mit seinem Aufmarsch Eindruck, hielt sich ohnehin vor der Partie schon für „underrated“ und ist überzeugt, dass der Gegner das spürt, hatte gar in einer Runde zuvor schon einen ähnlich guten Gegner am Rande einer Niederlage, was auch immer die Motivation sein mag, und welcher Fehleinschätzung sie unterliegt: er tut es, absolut regelkonform, mit der Ausführung des Zuges.

Andererseits ist es auch klar, dass man sich als schwächerer Spieler auch in dieser Hinsicht weiter entwickeln kann, etwas lernen kann, so, wie man eben lernt, dass man einen Angriff möglichst erst nach Entwicklung aller Figuren und gesicherter eigener Königsstellung tun sollte oder dass man möglichst einen vereinzelten rückständigen Bauern auf einer offenen Linie vermeiden sollte. Genau so gilt auch, dass man sich doch am liebsten nicht blamieren möchte und, genau so, wie man schlechte Züge am liebsten vermeidet, gar grobe Einsteller, oder es lieber vermeiden sollte (siehe: Aufgeben – aber wann?), mit einem nackten König auf einem nur noch von gegnerischen Figuren besiedelten Feld herumzuirren, vielleicht in der völlig albernen Hoffnung, dass der Gegner einen ins Patt entweichen lässt oder – Gott bewahre – tot vom Stuhl kippt. In diesem Sinne eben sollte man sehr wohl die Aspekte im Auge behalten, mit welcher Chance das Remisangebot angenommen werden könnte und vor allem, welche spätere, viel günstigere, Situation man sich damit vergeben hätte, in der man vielleicht wirklich die Überredungskünste erfolgreich zum Einsatz hätte bringen können.

2)     Gibt es ein paar ethisch-moralische, nicht in den Regeln verankerte Grundsätze, die man beachten sollte?
3)    Welche Absichten können sich hinter einem Remisangebot verbergen?

Nun, ganz so einseitig wie zunächst oben beschrieben ist das Remis anbieten natürlich auch nicht. Denn: außer, dass man das Angebot zwar nicht zurücknehmen kann und, ab dem Moment der Aussprache, bis zur möglichen Ablehnung, durchgehend mit der Annahme  und damit der Manifestierung des Ergebnisses in der Tabelle rechnen muss, gibt es jedenfalls den Aspekt des „taktischen Remisangebots“.

banner-seminarturnier250-anDieses wäre dann auszusprechen, wenn man der Überzeugung ist, dass der Gegner tatsächlich ablehnt, da man ihn charakterlich sehr ordentlich einschätzen kann, dass aber in der Fortdauer der Partie, von diesem Angebot beeinflusst, plötzlich in der Zugwahl weit unter optimal abschneidet. Möglicherweise geht er Risiken ein, nur um den Nachweis der Sinnlosigkeit und Dummheit des soeben ihm zu Ohren gekommenen Vorschlages zu führen.

So könnte also ein „taktisches“ Remisangebot mit der verschleierten Absicht ausgesprochen werden, vielleicht selbst dem Sieg ein Stückchen näher zu rücken. So wenig man Werbung machen möchte für ein derartiges Vorgehen – aus eigener schlechter Erfahrung damit, aber auch aus anderen ethischen Überzeugungen heraus --, so Erfolg versprechend mag es dennoch sein.

Explizit soll hier NICHT auf derartige taktische Angebote eingegangen werden, welche sich auf Mannschaftskämpfe beziehen. Nur so viel möge einmal am Rande erwähnt sein – in der recht festen Überzeugung, dass der Leser ein derartiges Argument zuvor noch nicht gehört oder gelesen hat: sofern man beim Stande von 4:3 Remis anbietet, unabhängig von einer möglichen mehr oder weniger klaren Überlegenheit in der Stellung, so kommt dies, zu Ende gedacht, dem „Angebot“ gleich, den Gegner (also demnach die gegnerische Mannschaft) zur Aufgabe aufzufordern. „Gebt ihr den Kampf jetzt auf?“ ist etwa synonym mit „ich biete Remis“. Auch darauf möge man lieber verzichten und dieses Angebot (beziehungsweise die Kapitulation) dem Gegner überlassen.

4)    Wann sollte man die Option zwecks Erreichens der Absichten ziehen?
a.    Als besserer Spieler
i.    in vorteilhafter Stellung

Dies sollte nun das kleinste Problem sein. Wenn denn nun die Zeit drängt oder turniertaktische Erwägungen Vorrang haben, womöglich gar eine eigene Unpässlichkeit einer Verwertung des Vorteils im Wege zu stehen scheint, so „darf“ man natürlich als besserer Spieler jederzeit das Remis anbieten. Dass der Unterlegene sich verwundert die Augen reiben mag wird ihn wohl kaum daran hindern, einem vor Freude um den Hals zu fallen – und einzuwilligen.

ii.    in ausgeglichener Stellung

Natürlich auch ein derartiges Angebot zur Freude des Unterlegenen, der sich vielleicht noch auf eine längere Abwehrschlacht bis zur Erringung des Traumzieles eingestellt hat, und nun durch dieses Angebot „erlöst“ wird. Er schlägt vermutlich ein – ein kaum erforderlich zu erläuternder Ratschlag – und ist stolz und glücklich, wobei man als Besserer dann schon damit rechnen darf, dass man alsbald erfährt, wie einfach denn die Stellung Remis zu halten wäre – nur um während dieser Vorführung vielleicht doch leicht entsetzt den Kopf zu schütteln, da DIESER Weg nun ausgerechnet Schwierigkeiten bereitet hätte.

Jedenfalls ist es absolut legal und zulässig, wird aber wohl auch eher selten anzutreffen sein, höchstens, der von der Wertzahl her schwächere hat schon eine Weile lang konstant die besten Verteidigungszüge aufs Brett gebracht und so überzeugt, dass er weiß, wie es geht.

iii.    in nachteiliger Stellung

Dies ja eigentlich erst der diskutierbare Punkt. Wie groß darf der Nachteil sein, in welchem sich der Bessere befinden dürfte um dennoch ein Remisangebot ohne Rot zu werden über die Lippen zu bringen? Genau dies die (eine) heikle Frage.

Natürlich ist es jedem selbst überlassen, wie weit nach unten er seine Schamgrenze verschiebt. Beispiele aus der eigenen Praxis: als der Autor im Sommer 2011 in einer (wichtigen) Schnellpartie einmal einen klaren Vorteil verspielt hatte und dieser sich erkennbar ins Gegenteil verkehrte, der Gegner nur noch über einen deutlichen Zeitnachteil verfügte, kam auf die rettende Idee, einen Friedensschluss zu offerieren.  Der Gegner dankte höflich, führte seinen Gegenzug aus – und nach selbigem war man undeckbar in zwei Zügen Schachmatt.  Das war natürlich so peinlich wie es eben sein konnte, da man sich persönlich gut kannte, wurde jedoch die Entschuldigung sofort akzeptiert. „Kein Problem“ und „ebenso gute Freunde wie zuvor“.

Damit soll es für heute erst einmal genug sein, es folgt ein zweiter Teil, vielleicht gar ein dritter mit ein paar (mehr) praktischen, hoffentlich unterhaltsamen, teils kuriosen Beispielen. Bis dann!

Freitag, 20. April 2012 19:43

Klein, aber fein

Heute präsentiere ich euch wieder ein Stück aus der Kategorie knobelig, aber machbar.

Klein, aber fein ist das Motto dieser Studie von Jasik (Zadachi i Etyudi 2008, Lob), bei der ich den überflüssigen ersten Zug weggelassen habe. Mit wenigen Steinen wird hier ein hübscher Inhalt geboten. Klein, aber fein ist aber auch der Unterschied zwischen der Stellung, die aus der Verführung entsteht und der aus der Lösung. Diese herauszufindende Kleinigkeit macht den Unterschied zwischen remis und schwarzem Sieg aus.

Jasik

Der schwarze Materialvorteil ist groß und zu allem Überfluss droht auch noch der schwarze Bauer auf a2 mit dem Einzug. Doch auf einem schmalen Grat kann Weiß sein Überleben sichern. Wie?

Lösungsideen und Anmerkungen wie immer als Kommentar.

Donnerstag, 19. April 2012 05:24

SCHACHWELT ein Super-Blog?!

Jährlich findet auf Hitmeister.de die Wahl der „Superblogs“ statt und SCHACHWELT wurde nominiert! Natürlich in der Kategorie, in der wir uns zu Hause fühlen: Sport & Fitness.

Die Votingphase hat begonnen und läuft noch bis zum 24.04., 12 Uhr

Die Unterstützung unserer Leser ist gefragt. Hier der direkte Link zur Abstimmung:

http://www.hitmeister.de/superblogs/2012/sport/

Zu gewinnen

gibt es natürlich auch etwas: Jeder Abstimmende hat die Chance auf ein iPad 3!

Und sollte der Blog es auf das Siegertreppchen schaffen, bleibt auch noch genug für ein Abendessen unserer Autoren:
Dem Gewinner winken 250 €, dem Zweiten 150 € und dem Dritten 100 €!

Was ist zu beachten?
Jeder kann pro Kategorie nur einmal abstimmen.

Damit die Gewinner oder die Gewinnerin benachrichtigt werden kann, wird die E-Mail-Adresse benötigen . Diese wird nur für das Gewinnspiel verwendet und nicht für werbliche Zwecke eingesetzt! Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.

Dienstag, 17. April 2012 02:07

Badnerland, Du edle Perl´

Das große Rennen um die Deutsche Meisterschaft 2012 ist entschieden. Auch wenn es vorher niemand ernsthaft zu hoffen gewagt hätte - die SG Baden-Oos sicherte sich als Außenseiter den begehrten Meistertitel und ließ dabei die Favoriten aus Bremen, Solingen, Porz und sogar die Schachfreunde Berlin  deutlich hinter sich.

Schachwelt.de, der Blog für die angenehmen Wahrheiten, sagt: Gut gemacht! Wir gratulieren herzlich und wünschen alles Gute für den Europapokal und auch schon für die kommende Saison - vielleicht gelingt ja sogar eine Titelverteidigung?

noppes

Sven Noppes und Peter Heine Nielsen befragen das Homburger Liga-Orakel

Zu Ehren von Teamchef Sven Noppes, seinem Chef Wolfgang Grenke, Jan Gustafsson, Viswanathan Anand und den anderen Spielern,
sowie für alle Badener im Herzen bieten wir heute ein Stücken Kultur an.
Wir freuen uns über die (siebte!) Deutsche Meisterschaft (in Folge!) mit einem kleinen Lied. Frisch auf!

Das schönste Land (Badenlied)

Das schönste Land in Deutschlands Gau´n
das ist das Badnerland,
es ist so herrlich anzuschaun
und ruht in Gottes Hand.
Drum grüß ich dich, mein Badnerland,
Badnerland, du edle Perl im deutschen Land
Frisch auf, frisch auf!
Frisch auf, frisch auf, mein Badnerland,
Du edle Perl im deutschen Land!

Zu Haslach gräbt man Silbererz
in Freiburg wächst der Wein,
im Schwarzwald schöne Mädchen
ein Badner möcht ich sein.
Drum grüß ich dich, mein Badnerland,
Badnerland, du edle Perl im deutschen Land
Frisch auf, frisch auf!
Frisch auf, frisch auf, mein Badnerland,
Du edle Perl im deutschen Land!

Der Bauer und der Edelmann
das stolze Militär
die schaun einander freundlich an
und das ist Gottes wert.
Drum grüß ich dich, mein Badnerland,
Badnerland, du edle Perl im deutschen Land
Frisch auf, frisch auf!
Frisch auf, frisch auf, mein Bremerland,
Du edle Perl im deutschen Land!

Quelle: http://www.volksliederarchiv.de/text1705.html

schach-schachwelt-baden 2

Das berühmte Baden-Badener Wetter zeigt sich auch auf diesem Bild

 

Die älteren Leser dieses Blogs werden sich noch vage erinnern:
zum Saisonbeginn hatten wir hier ein kleines Tippspiel ausgeschrieben und fragten, wer wohl Deutscher Vizemeister 2012 werden würde? Die Beteiligung war munter, damals im Oktober - es waren die seligen Zeiten vor der Europameisterschaft und dem Naiditsch-Interview zur Bundestrainer-Diskussion, und hier im Blog konnte noch kommentiert werden ohne jegliche Registrierungspflicht. (Das waren noch Zeiten, was?)

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit lag Holger Hebbinghaus bei diesem Tippspiel daneben - er hatte Eppingen auf Platz 2 gesehen. Stattdessen gehen die begehrten Preise nun wie folgt in die Welt hinaus:

Platz 1: eine schöne Tasse Kaffee und ein Schiffsquartett der Meyer Werft in Papenburg

Platz 2: eine Tafel Bremer Hachez Schokolade und ein Saisonmagazin der SG Baden Oos (Saison 2011/2012)

Die Preise 1 und 2 gehen an die Leser mit den besten (und für Schachspieler so immens wichtigen) visionären Fähigkeiten. Sowohl Klaus aus Berlin als auch Rolf aus Hamburg tippten Werder Bremen auf Platz zwei, und wahrlich, so geschah es! Also musste ein neutrales Los entscheiden, und durch Münzwurf geht der erste Platz nun an Rolf, Platz zwei an Klaus. Glückwunsch - die Preise werden zugestellt!

Platz 3: die schöne CD "Rod Stewart Unplugged"  geht an Che Falquito. Er tippte auf Solingen als Vize und lag damit auch beinahe richtig. Beeindruckend! Wir gratulieren - zur neuen CD (und mehr noch zum Aufstieg!).

Einen symbolischen Ehrenpreis würden wir gerne vergeben an Scheiterer, dessen Tipp Dresden nicht nur nicht Vizemeister wurde, sondern darüberhinaus erst einmal und wenn auch nur sehr knapp den Gang in die Zweite Liga Ost antreten muss. Beim nächsten Mal wird´s besser! -

*******

An alle Leser: Wir freuen uns sehr über den einen oder anderen Kommentar zur Bundesliga oder zum Saisonverlauf. Soll Porz wieder aufsteigen? Hat Baden-Baden den Titel wirklich verdient? Und was hat Euch in der vergangenen Saison am Besten gefallen? 

 


Donnerstag, 12. April 2012 08:43

Die Lagen in den Ligen (III)

Liebe Leserinnen, aber auch liebe Leser unseres kleinen Schachwelt-Blogs,

die Saison neigt sich allenthalben dem Ende zu, und nicht nur in Fußball-Dortmund werden Endspiele um die Meisterschaft gespielt (und gewonnen!).

Auch in unserem geliebten Schachsport steht die letzte Runde vor der Tür, und Schachwelt.de, der Blog für die objektiven Wahrheiten, knöpft sich heute noch einmal die vier Zweiten Bundesligen vor. Wer steigt auf? Das dürfen wir zwar heute noch nicht verraten, aber einen allgemeinen Eindruck zur Lage in den Ligen – den geben wir heute ab.

aufstieg

Ohne Bildung kein Aufstieg - das gilt vor allem auch für die Zweiten Ligen

Zweite Liga Nord

Im Norden geht es wie immer hoch her. Einige Zeit stand Werder II an der Spitze, doch dann übernahm die junge Truppe aus Norderstedt durch ein 4,5:3,5 im direkten Vergleich die Tabellenführung. Zuletzt wackelten dann aber auch die Schleswig-Holsteiner und verloren am achten Spieltag beim berühmten Hamburger SK – es war sozusagen ein Lokalderby, die Anreise kann nicht weit gewesen sein.

Doch auch als Zweiter kann man im Norden noch aufsteigen, denn Werder als (Noch-) Erster könnte das nicht – es gibt ja bereits eine Werder-Mannschaft in der Bundesliga. Also, früh aufstehen am Sonntag und dabei sein beim Showdown in den Begegnungen Norderstedt vs Rostock und  Lübeck vs Neukloster (Wismar). Einer von denen steigt auf!

wappen norderstedt knuud

Immer wieder schön: das Norderstedter Stadtwappen
                              Quelle: Knuud, Wikipedia (Danke!)

Zweite Liga Ost

Irgendwie undurchsichtig erscheint die Lage auf den ersten Blick in der Ost-Staffel.  Schnell aber zeigt sich: Erfurt, die Aktionäre aus Bindlach und der SC Forchheim haben allesamt 12 Punkte und ringen gegen Nürnberg, Aue und Garching um die letzten Punkte für den Aufstieg. Die besten Chancen sollte Erfurt haben, da sie bereits jetzt 2,5 Buchholzpunkte Vorsprung haben und ihr Gegner Nürnberg als Tabellenletzter antritt. Aber man weiß ja nie!

Mit sieben Punkten aus acht Partien hat der frühere Deutsche Meister Peter Enders maßgeblichen Anteil an der guten Platzierung der Erfurter. Beeindruckend!

peter enders frank hoppe

Peter Enders punktet sich durch die Liga (Photo: Frank Hoppe, vielen Dank!)


Zweite Liga Süd

Aus dem Süden liegen uns leider keine Ergebnisse vor.


Zweite Liga West

Zwar wurden die schönen Offenen Kölner Stadtmeisterschaften in diesem Jahr von Himmelfahrt in den kühlen Herbst verschoben (schade!), doch findet der geregelte Punktspielbetrieb im Westen weiterhin statt. Das gilt natürlich auch nach dem 1:0 der Dortmunder gegen den FC Bayern (im Fußball).

Wie wir wissen, hat in der Weststaffel die SG Porz viele Jahre lang alle 10 Startplätze belegt. Der Verein weigerte sich aber standhaft, sowohl mit einer seiner Mannschaften sowohl auf-als auch abzusteigen. Erst nach dem Eingreifen von FIDE-Präsident Herbert Bastian zeigten sich die Porzer bereit, ihr Engagement in der Liga auf ein einziges Team zu beschränken.  Und diese Mannschaft hat es in sich - Großmeister wohin man auch sieht!  Allein, noch ist die Meisterschaft im Westen nicht gesichert, denn das Team aus Wiesbaden hielt bislang Schritt, schlug Porz im direkten Vergleich und liegt nur einen Punkt hinter den Kölnern.

Da Porz mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch in diesem Jahr leider wieder auf den Aufstieg verzichten wird, scheint der Aufstieg den Wiesbadenern somit eigentlich nicht mehr zu nehmen sein. Doch wer weiß – vielleicht hat das von Wilfried Hilgert gesponsorte Team ja mal wieder Lust auf Ausflüge in den Rest der  Republik? Et kütt wie et kütt.

wilfried hilgert 1999 porz gf hund

Wilfried Hilgert - Laufen seine Porzer bald wieder in der Bundesliga auf?
                                                   (Photo: GFHund, Dank!)

Soweit unser Überblick. Schauen wir also mal, was sich am letzten Spieltag (und danach) so tut. Allen und in allen Ligen eine schöne letzte Runde. Und danach dann ... ab in die Sommerpause!

rubikon

Schlechte Nachrichten für die Deutsche Fährboot-Bundesliga


PS
Hoppla, wichtiger Nachtrag zur Zweiten Liga Süd: Wir haben die Ergebnisse nun gefunden!

Zweite Liga Süd

Aus dem Süden steigt seit jeher und nie ganz unberechtigt eine Mannschaft in die 1.Liga auf. Wir fragen: warum eigentlich auch nicht? Schließlich gibt es auch dort starke Spieler – das Neckar-Open in Deizisau hat es gerade wieder bewiesen. (Wie man so hört, haben sich auch der süddeutsche Nachwuchskräfte in Deizisau nicht geniert und luchsten spielstarken Vertretern aus dem Norden einige ELO-Punkte ab.)
Oft schon konnten sich Mannschaften aus dem Süden erfolgreich in der Bundesliga halten oder - denken wir an Baden-Baden - sogar um die Deutsche Meisterschaft mitspielen.

Wir schließen daraus: ein Aufsteiger aus der Südliga scheint weiterhin mehr als gerechtfertigt zu sein. Und wer könnte dieses Aufstiegsrecht in diesem Jahr besser wahrnehmen als das Team des SV Griesheim? Nach dem unglücklichen Abstieg im Vorjahr (Ilya Schneiders Berliner Schachfreunde hatten ihre Finger im Spiel) folgte für die Frankfurter eine sagenhaft gute Saison im Süden und besonders bei IM Marcin Tazbir ein glänzendes Ergebnis von 7,5 Punkten aus 8 Partien. Wir verraten also sicherlich nicht zu viel, wenn wir heute schon berichten, dass Griesheim als Aufsteiger bereits feststeht. Herzlichen Glückwunsch!

griesheim museum strfix

 Das Griesheimer Museum steht bald wieder in einer Stadt mit Bundesliga! 
                                                            (Photo: Störfix/ Wikipedia)

Montag, 09. April 2012 20:34

Wieviel Wasser floss den Neckar herunter

bevor die Partien an den Spitzenbrettern der Schlussrunde im gleichnamigen Open vorbei waren? Der Showdown zwischen den führenden Istratescu und Shanava dauerte vier Minuten. Nein, keiner der beiden hatte sich verspätet (und in Deizisau gab es eine grosszügige Karenzzeit von 30 Minuten). Sie baten den Schiedsrichter der die Uhr anstellte doch gleich am Brett zu bleiben um das Remis nach sieben Zügen zu bestätigen - auch das war nicht notwendig. Und was machten die Verfolger?

An Brett 3 grübelten Bischoff und Baklan über zwanzig Minuten an den ersten zehn Zügen und dachten dann auch "warum alle Figuren entwickeln wenn man schon vorher remis machen kann?".

Brett 4 zwischen Edouard und Petr sah nach der Eröffnung vielversprechend aus, nach 24 Zügen war es auch remis - aber das war wohl eher aus Versehen und nicht schon vor der Partie geplant.

Lange versuchte es Solodovnichenko gegen den jungen Rapport - obwohl oder vielleicht gerade weil er morgens (ja es gab Doppelrunden) mit am längsten gespielt hatte und eine Gewinnstellung nicht gewinnen konnte. Mittags stand er (sagen jedenfalls die Engines) meistens leicht besser, am Ende leicht schlechter, das Remis war wohl gerecht.

Und dann hätte noch Benno Jaeschke zu den beiden eingangs erwähnten aufschliessen können, aber mit Elo 2224 darf man schon mal gegen einen Titelträger verlieren. Bei Jaeschke hat es im siebten Versuch gegen GM Erdos endlich geklappt, davor remisierte er gegen GM Swinkels und holte 4.5/5 gegen IMs.

Das allles klingt vielleicht zynisch, so meine ich es aber nicht. Ich habe durchaus Verständnis dafür wenn Profis das Erreichte absichern wollen, zumal bei neun Runden in 4 1/2 Tagen. Bischoff war insgesamt sicher nicht faul - einige seiner Partien wurden bereits vor der Zeitkontrolle remis, aber das war jeweils ein Erfolgserlebnis gegen nominell stärkere Spieler. Ausserdem half er, trotz Erkältung, gleich zweimal beim Livekommentar in der Zeitnotphase. Was meinen die Leser dazu?

Noch kurz zum Turnier insgesamt in dem es natürlich auch Partien gab die nicht Remis wurden: Die Elo-Favoriten Bacrot und Naiditsch mussten erfahren dass man nicht immer gegen schwächere Spieler gewinnen kann. Und wenn man sich dann noch einmal verrechnet (Naiditsch) oder die Theorie vergisst (Bacrot) reicht es nicht mehr für einen Platz ganz oben. Mit einigen Gegnern machte Naiditsch aber kurzen Prozess. Bacrot zeigte unter anderem dass Damentausch nicht gleichbedeutend ist mit remis - siehe sein Endspiel in Runde 7 gegen Rapport und die geduldige Massage in der Schlussrunde gegen Hannes Rau. Auf Jan Gustafssons Blog gab es doch einige Endspielspezialisten, vielleicht lesen die auch hier mit und wollen sich zu Bacrot-Rapport äussern? Dort streiten sich momentan ja nur noch Leute wer das Licht ausmachen darf ... . Und dann möchte ich noch den Georgier Tornado Kamikadze Tornike Sanikidze erwähnen, einmal (Runde 4) ging es schief, in Runde 8 hatte er dann das Glück des (Todes)Mutigen. So das wars zu Deizisau.

P.S.: Weiss eigentlich jemand wie das Osteropen in Norderstedt ausgegangen ist? Siegerehrung war vor gut zwei Stunden, im Internet steht noch nix.

Freitag, 06. April 2012 06:57

FIDE-freie Hansestadt Bremen

Die Osterwoche ist seit jeher berühmt dafür, viel Schach an vielerlei Orten zu bieten. Große Open in Norderstedt (bei Hamburg), Oberhausen (im Pott!) und Deizisau (irgendwo im Süden) öffneten gestern ihre Pforten, und am letzten Sonntag gingen – wenn auch noch ganz unösterlich – die Europameisterschaften in Bulgarien zu Ende.

Auch für ganz offizielle Turniere scheint die Osterwoche ein idealer Zeitpunkt zu sein. Seit die ersten Menschen mit ihren Schachbrettern aus dem Urschlamm krochen und sich an festen Orten niederließen, spielt man in Schleswig-Holstein und ebenso in der Freien Hansestadt Bremen in diesen Tagen die Landesmeisterschaften aus. Das ist gute Tradition und lockt jeweils viele Schachbegeisterte an. In Bremen sind ungefähr zehn Prozent der Vereinsspieler am Start – eine gute Quote.

Ich nehme in diesem Jahr das erste Mal seit mehreren Jahren wieder teil und bin sehr angetan von dem Rhythmus des Bremer Turniers. Die Bremer Schachgesellschaft, oft und zu Recht als altehrwürdig gepriesen, richtet die Meisterschaften zusammen mit den Schachfreunden Bremer Osten im Bürgerhaus Mahndorf aus. Woran denkt man, wenn man „Mahndorf“ hört? Ich weiß es nicht, aber es liegt im äußersten Südosten Bremens, die Stadtgrenze ist schon fühlbar, und Züge und Straßenbahnen fahren fast direkt dorthin. Mahndorf, ein idealer Ort für Schachturniere!

schach-badenbaden12

Der nächste Zug nach Mahndorf kommt bestimmt

Gespielt werden satte neun Runden an acht Tagen. Am Anfang gibt es eine flotte Doppelrunde, ansonsten aber ist jeweils  nur eine Partie am Tag angesetzt. Sie beginnt um 17 Uhr und kann maximal 6 Stunden dauern (schöne alte Bedenkzeit-Regelung!). Danach fährt man mit der Straßenbahn aus dem Vorort wieder nach Hause, schläft ein bisschen, und der nächste Tag ist schachfrei, wenn man es denn will. Aber die Schachfreiheit währt täglich nur bis 16:07 Uhr, denn dann fährt die Straßenbahn ab Kurfürstenallee wieder los nach Bremen-Mahndorf, und der nächste Gegner lauert schon am Brett.

Vom Turnier kann man mehr erfahren auf der Seite www.bremereinzel.de. Heute um 10 Uhr beginnt die vorletzte Runde, und absolut live und mit echten Zügen wird die Partie am Spitzenbrett ins Netz übertragen. Eine schöne Idee! Wer gucken möchte, findet dort heute die Begegnung von Tobias Jugelt, dem starken IM aus Delmenhorst und nach DWZ Turnierfavorit. Er tritt an gegen Timur Elmali vom SV Werder Bremen. Timur ist zurück auf der Schachbühne nach ungefähr fünf Jahren Pause .  Das hat seinem Schach aber nicht geschadet – die letzten beiden Runden gewann er mit Schwarz in beeindruckender Manier gegen Rolf Hundack und Peter Issing, die beide gestandene Oberliga-Spieler der Bremer SG sind.

(Ob auch unserem Schach eine mehrjährige Pause  gut tun würde? Vielleicht ist es so, aber – was machen wir dann bloß mit der ganzen freien Zeit? )

Mir gefällt das Turnier! Und nur ganz am Rande – die FIDE-Regeln sind noch nicht ganz bis Bremen vor- bzw. eingedrungen, und das gefällt mir umso mehr. Die neuen Turnierregelungen, die Stefan Löffler hier erst vor kurzem und ganz zu Recht monierte, greifen hier noch nicht. Und trotzdem geht alles gut:

-     - man spielt mit fester Bedenkzeit – zwei Stunden für vierzig Züge. Einen Aufschlag gibt es nicht, keine 30 Sekunden extra für niemanden. Mir sagt das mehr zu – irgendwie kommt mir mein Zeitkonto überschaubarer vor, und ich verstehe viel besser, wieviel Zeit mir nun eigentlich noch bleibt.

schachuhr

Z   Zwei Stunden, vierzig Züge - was mehr kann man sich wünschen?

-     - nach vierzig Zügen gibt es eine Stunde extra für jeden Spieler – dann muss die Partie beendet sein, denn irgendwann wollen die Schiedsrichter ja auch mal nach Hause kommen. Aber eine Stunde extra – wo gibt es sowas noch? Es ist wunderbar. In vielen Ligapartien ist man oft gerade durch die erste Zeitnot geeilt, steht zitternd vor der Tür und erholt sich von den letzten ungenauen Zügen – und schon tickt die Uhr wieder und steht schon bei 19 Minuten Restbedenkzeit. Das ist massiv wenig – auch wenn die Minuten hier weniger schnell nach unten zählen aufgrund des dann üblichen Zeitaufschlags von 30 Sekunden. Und dennoch – es ist ein tolles Gefühl, nach der Zeitnot wieder 60 neue Minuten auf der Uhr zu finden. Was für ein Luxus!

-     - Wer zu spät kommt, der verliert dann eben – so ähnlich formulierte es nicht nur schon Michail Gorbatschow, sondern neuerdings auch die FIDE und das Reglement der Deutschen Meisterschaften. Die bedenkliche Bedenkzeitregelung bestraft auch ein um zehn Sekunden verspätetes Erscheinen mit sofortigem Partieverlust, Führerscheinentzug und  Sportschauverbot. Kein Komfort mehr und kein fliegender Start in die Partie! Das führt dazu, dass alle wie festgeklammert an ihren Tischen sitzen, wenn die Rundeneröffnung droht. Doch nicht so auf den Bremer (und wohl auch nicht den schleswig-holsteinischen) Meisterschaften. Der Zug aus der Innenstadt kommt erst um drei nach fünf? Kein Problem! Dann fängt der eine Spieler eben etwas später an. Wen soll das auch groß stören? Gens una sumus. Danke an den Bremer Landesschachbund!

flop 1000

D   Die FIDE - manchmal meint sie es einfach zu gut mit uns

-     - Wer will, darf auch Remis machen. So einfach kann das sein. Sofia-Regel – wer ist diese Sofia? Und warum kann sie entscheiden, wann man Remis machen darf? Nett auch, dass die Schiedsrichter in Bremen uns Spieler nicht nullen, wenn wir a) zu früh Remis machen (vor dem 40.Zug), oder wenn wir b) Remis machen, ohne dass ein Schiedsrichter in der Nähe war. Wie von Thomas Richter sehr schön beschrieben, sahen wir das alles schon ganz anders auf den letzten Europameisterschaften!  So gesehen bin ich im Nachhinein doch ganz froh, dass ich nicht für Bulgarien nominiert wurde – auch wenn ich schon gerne mal mit Arkadij Naiditsch und Richard Meyes in einer Mannschaft gespielt hätte.

Also: Bremer Meisterschaften. Die nächste coole Sache. Es geht auch ohne FIDE-Hardcore – schön, dass es (noch) so ist.

PS: Viele Grüße auch nach Deizisau, was natürlich ein schönes Städtchen ganz in der Nähe von Stuttgart ist!

**********************************************

Nachtrag am 10.April 2012:

Neuer Bremer Meister wurde Tobias Jugelt vom Delmenhorster SK mit 8 Punkten aus 9 Partien, vor Stephan Buchal (Werder) und Rolf Hundack (Bremer SG). Bremer Damenmeisterin wurde Maike Janiesch (Werder). Herzlichen Glückwunsch!

Dienstag, 03. April 2012 18:58

Heute ein Sechzger

Vorgefeiert wurde schon am Wochenende. Mit einem Einladungsturnier im Fischerschach aka Chess960, das Hans-Walter Schmitt so sehr liebt und unermüdlich promotet, während die konservative Masse der Schachspieler die Nase rümpft über die einzige Schachvariante, die dem normalen Schach nicht nur das Wasser reichen, sondern ihm eigentlich sogar überlegen ist. Sollen sie halt weiter Theorie büffeln. 

Genau 60 Jahre an diesem Dienstag zählt der Pfälzer Bauernsohn, den es einst aufs Abendgymnasium nach Frankfurt verschlagen hat. Dort hob er 1994 Deutschlands führendes Schachfestival (Liste aller Sieger als PDF) und 1999 einen von Deutschlands aktivsten Schachvereinen, die ChessTigers (hier ihre heutige Hommage an ihren Vorsitzenden), aus der Taufe. Sein Chess Classic-Festival zog 2001 um nach Mainz. Dort konnte es zehnmal stattfinden, bevor es den finanziellen Schwierigkeiten der Stadt zum Opfer fiel. Heute wird Deutschlands bester Anlass, sich zum Schach zu treffen und über Schach zu reden, schmerzlich vermisst. 

Hans-Walter Schmitt ist noch aktiv als Betreiber eines in dieser Form neuartigen Schachtrainingszentrums im Taunusstädtchen Bad Soden. Vielleicht sehen wir uns nächsten Monat in Moskau bei der WM, wo er bestimmt dabei sein will, wenn sein guter Freund Vishy Anand seinen Titel verteidigt. Für heute stoße ich aus der Ferne auf Hans-Walters Wohl an. Er hat Immenses für Schach geleistet.    

Seite 1 von 2

Werbepartner

bskf2013
logoss1501
You are here Artikel nach Datum gefiltert: April 2012