Vier Mal ausgetrickst
Wenn man monatlich Probleme hier postet, merkt man besonders intensiv, wie schnell so ein Monat vergeht. Und so ist wieder der 31. und der Text ist noch nicht fertig. Aber immerhin wusste ich, welches Motiv ich hier im Mai vorstellen möchte. Es ist eines, das in der normalen Partie eher selten zu sehen ist, aber auch den Partiespieler immer wieder optisch erfreut. Im folgenden Stück des deutschen Autorentrios Bruch, Keller und Tribowski ist es gleich vier Mal zu sehen, außerdem sind es auch gleich vier Mal die gleichen schwarzen Antagonisten, die hier von den weißen Kräften genarrt werden. Die drei Autoren gehören im Problemschach in Deutschland zu den Besten ihrer Zunft und tragen daher alle drei den Großmeistertitel der Schachkomponisten, wobei der Zweizügerspezialist Bruch und sein Co-Autor Tribowski ihn jedoch erst vor zwei Jahren verliehen bekommen haben. Für dieses Stück haben sie im Jahrgangsturnier 2003 der Zeitschrift der deutschen Problemschachvereinigung "Die Schwalbe" eine spezielle ehrende Erwähnung bekommen.

Der schwarze König steht bereits im Fokus der weißen Figuren, doch der Weg ist gar nicht so einfach, wenn man lediglich drei Züge zur Verfügung hat. Also auf geht es: Weiß am Zug, matt in drei.
Lösungsideen und Auskünfte, mit welchem Motiv Weiß hier wiederholt hantiert, bitte als Kommentar.
Anand reicht es - mir auch
Hat doch genau gepasst. Zwei Selbstmorde Gelfands, einmal durch Rechenfehler, einmal durch Zeiteinteilung, haben Anand gereicht. Nur einmal hat er seinen Herausforderer überspielt, aber dann nicht den Sack zugemacht (3.Partie). Mit Mehrbauer und großem Zeitvorteil in Partie zwölf weiterkämpfen? Als Schnellschachspezialist dann doch lieber ins Stechen. Und am Ende, als in der vierten Stichpartie mit Weiß ein Remis reicht, eine Staubsaugervariante (3.Lb5+-Sizilianer). Dass Anand bei Turnieren zwischen seinen Titelkämpfen wenig leistet, waren wir ja schon gewohnt.
Ich will nicht ungerecht sein. Gelfand hat stark gespielt. Ohne 14...Df6? (8.Partie) hätte er Anand vielleicht niedergekämpft. Gelfand muss Anand so beeindruckt haben, dass der kein unkalkulierbares Risiko gegen ihn eingehen wollte.
Was beschwere ich mich überhaupt? Ich habe in Moskau ein großartig organisiertes Match und drei Partien gesehen, zwei davon wurden entschieden, während der Remispartie gab Kasparow eine unterhaltsame Pressekonferenz und ein ungewöhnliches Kindersimultan, und ich fand im Pressezentrum, anders als es am Anfang und am Ende des Matches gelaufen wäre, sogar ein Plätzchen zum Arbeiten. Trotzdem fand ich es eine WM zum Vergessen.
Vergessen habe ich leider bisher das Verlinken der unübertrefflichen WM-Berichterstattung von ZEIT-Reporter Ulrich Stock mit als Höhepunkt dem Liveblog vom Stechen und des großartigen, bilderreichen WM-Blogs von Eric van Reem aus dem Anand-Team sowie Sergei Schipows brilliante Analysen. Wer noch nicht genug WM hatte, kriegt dort alles.
Lieblingsfiguren bei der WM
Auf Schach-Fragebögen ist eine beliebte Frage "Was ist Ihre Lieblingsfigur?". Ein Spieler nannte mal den Mehrbauern (weiss nicht mehr wer, und Google hat nicht geholfen). Mich hat noch niemand gefragt, also mache ich das selbst und wähle das Läuferpaar. Deshalb sind manche Eröffnungen für mich tabu, z.B. Nimzo-Indisch oder auch (mit Weiss) Sizilianisch mit Lb5. Wer entscheidet sich für den/die Doppelbauern? Eher gibt es noch einige Spieler die leicht abseits des Bretts die Minusstunde auf der Uhr gerne in Kauf nehmen.
Was war heute in Moskau los? Remis in 22 Zügen, buuuhhhh! Schauen wir uns die Partie trotzdem an:
Anand-Gelfand, 12. Partie in Moskau
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 e6 4.Lxc6 (der Weltmeister verzichtet - nicht zum ersten Mal in diesem Match - freiwillig auf das Läuferpaar) 4.-bxc6 5.d3 Se7 6.b3 d6 7.e5 Sg6 8.h4 Sxe5 9.Sxe5 dxe5 10.Sd2 Ziehen wir hier Zwischenbilanz aus Sicht von Gelfand
(manche Webseiten betrachten das Match ja eher aus Sicht seines Gegners): Er hat das Läuferpaar, einen Mehrbauern und gleich zwei (oder vier?) Doppelbauern. Trotzdem war er nicht zufrieden und versank in tiefes Grübeln - vielleicht weil der Läufer auf c8 nicht so recht laufen kann. Schliesslicht entkorkte er 10.-c4!? Doppelbauern mag ich nicht! 11.Sxc4 La6 12.Df3 Dd5 13.Dxd5 cxd5 14.Sxe5 f6 15.Sf3 e5
So schnell kann es gehen: Schwarz hat nun null Doppelbauern, minus einen Mehrbauern und immer noch das Läuferpaar das inzwischen freie Sicht hat. Weiter ging es mit 16.0-0 Kf7 17.c4 Le7 18.Le3 Lb7 19.cxd5 Lxd5 20.Tfc1 a5 21.Lc5 Thd8 22.Lxe7
und hier bot Anand remis - ohne abzuwarten ob Gelfand die erzwungene Antwort findet. Darüber kann man geteilter Meinung sein (Gelfand war einverstanden). Anand hat immer noch einen Mehrbauern und auch etwa eine dreiviertel Mehrstunde auf der Uhr - denn von Anand war es wohl Vorbereitung während der Gegner alles am Brett fand. Jedenfalls - finde ich zumindest - bot diese Partie bereits mehr als manches Geschiebe das nach 60 Zügen doch remis wird.
Was meinen Grossmeister dazu? Einer äusserte sich hier: A decisive game for the world championship title finishing in a draw in 22 moves is really sad. It is clear that none of the players are inspired ... . Manche schreiben sowas vielleicht ohne sich die Partie überhaupt anzuschauen, er hat sie aber anschliessend kommentiert.
Zwei andere - ein Armenier und ein polyglotter Niederländer - tauschten sich auf Twitter aus:
Anand-Gelfand g 12 was brilliant.Anand found a great pawn sac at home,and Gelfand answered with 2 pawn sacs! Wow,can't wait till tiebreaks!
Finally someone saying something positive about this short, but truly remarkable game! :)
Die haben vielleicht keine Ahnung, schliesslich gehören sie momentan nicht zum Club der 2700er. Ich natürlich auch nicht - aber ich teile deren Auffassung dass Qualität einer Partie nicht direkt mit Quantität der Züge zu tun hat. Und früher Damentausch bedeutet auch nicht unbedingt oder automatisch Langeweile.
P.S.: Leichtfiguren-Duelle gab es auch in diversen anderen WM-Partien. Meistens wurde es remis, nur einmal gewannen Gelfands Springer gegen den nicht besonders weltmeisterlichen Lc8.
Es kann auch keinen geben
Mal ehrlich, war das weltmeisterlich oder auch nur das Prädikat WM wert, was Anand und Gelfand in den zwölf WM-Partien geboten haben? Ich finde nein. Remisquote über 80 Prozent. Nur 29 Züge im Durchschnitt. 75 Prozent mit frühem Damentausch, im Durchschnitt vor dem 20.Zug.
Der letzte WM-Kampf, der mich ähnlich enttäuschte, war Kramnik-Leko 2004, hatte mehr unausgespielte Stellungen, aber immerhin doppelt so viele entschiedene Partien und war am Ende richtig dramatisch. Hatten wir einfach Glück mit den letzten drei WM-Kämpfen? Zweimal war Topalow dabei. Mit einem Topalow, Carlsen oder Aronjan, behaupte ich, gibt es keine uninteressanten Zweikämpfe. Mit einem Anand kann das schon passieren, zumindest mit der Version von 2012. Der Inder klammert nur noch an seinem Titel, statt ihm auch zwischen Titelkämpfen Ehre zu machen. Ja, er schafft es nicht einmal, einen nicht zu den Top Ten zählenden Gelfand zu schlagen, wenn der sich nicht gerade, wie in der achten Partie, selbst ausknockt.
Brauchen wir einen Weltmeister, der so ein lasches Match im Schnellschach oder vielleicht sogar erst im Blitzschach gewinnt? Es wäre ja noch vertretbar, wenn dieser Weltmeister in seinen Turnieren etwas reißt. Das kann man aber weder von Gelfand noch Anand behaupten. Weltmeister als Auslaufmodell. Unter jetzigen Umständen würde ich sagen: Es kann auch keinen geben.
Hier mein Vorschlag: Wer am Mittwoch das Stechen gewinnt, soll sich ein knappes Jahr lang Weltmeister nennen und von der FIDE so genannt werden (muss ja sonst nicht jeder tun) und kriegt statt einem Gratistitelkampf den Platz im Achterturnier in London. Wer dort im Frühjahr 2013 gewinnt, wird der nächste Weltmeister. Und bis dahin diskutiert und entscheidet die internationale Schachcommunity, ob sie dem Weltmeister noch ein so gewaltiges Vorrecht einräumen will, zwei Jahre lang zuzuschauen, wie sich die anderen profilieren, und ob wir überhaupt noch lange Zweikämpfe um den wichtigsten Titel haben, wenn die Welt nur bei diesen ein wenig hinschaut und das, was dort geleistet (oder auch nicht geleistet) wird, damit verwechseln, was Spitzenschach wirklich zu bieten hat.
Heute wieder Schach
Gestern konnte die Welt einen Ruhetag einlegen, doch heute müssen wir wieder gebannt nach Moskau schauen. Die letzte Runde der WM wird gespielt, und Anand und sein Herausforderer Gelfand setzen sich zum letzten Mal zu einer Partie im klassischen Turnierschach zusammen, bevor es übermorgen in die Verlängerung geht. Falls erforderlich, wird ab dann im Schnell-und Blitzschach weitergespielt.
Manche spekulieren, dass der Weltmeister in dieser letzten Partie vor dem Elfmeterschießen noch einmal einen Trick aufs Brett zaubert – eine hübsche Überraschung mit den weißen Steinen, eine Finte, etwas Hübsches in dieser an Erbauungen doch irgendwie recht armen WM.

Bevor es losgeht, ein kurzer Blick nach Moskau - die Spielbedingungen scheinen ok zu sein!
Andererseits ist diese letzte Runde eben die letzte Runde. Ähnlich wie beim Fußball könnte es gefährlich sein, so kurz vor dem Ende nochmal ein Risiko einzugehen. Also lieber kein Königsgambit heute –schließlich reicht ein Patzer, und das grundsolide Ergebnis des bislang unentschiedenen Wettkampfes wäre verspielt. Da kann man lieber auf die Verlängerung warten, denn da zumindest ist wieder mehr Zeit für Risiken – und sollte es schiefgehen, kann man es dann immer noch ausbügeln.
Während ich bei Topalow – Anand klar für Anand die Daumen drückte, und auch damals in Holland stärker mit Euwe als mit Aljechin sympathisierte, bin ich mir bei dieser Weltmeisterschaft gar nicht so sicher, wer es denn nun werden soll.
Schon in der Zeit vor dem Kampf hat mich das Ganze merkwürdig wenig interessiert, und die ein wenig öden Unentschieden der Auftaktrunden trugen nicht dazu bei, die Euphorie weiter zu entfachen. Spannung kam auf mit dem ersten Sieg Gelfands, doch dem folgte sogleich wieder Ernüchterung nach dem sofortigen Ausgleich in einer merkwürdig ruckelnden Partie.

Anand oder Gelfand - einer von ihnen wird den Weltpokal mit nach Hause nehmen
Doch ein Weltmeister ist ein Weltmeister, und der Titel hat sein Recht. Auch wenn vielfach gemäkelt wird, dass hier ja gar nicht die beiden aktuell besten Spieler der Welt beisammensitzen, so kann man nur sagen: selbst Schuld! Carlsen hat (allerdings auch aus Protest gegen die FIDE) darauf verzichtet, sich durch die Qualifikation zu kämpfen, andere haben ebendiese Qualifikation nicht überstanden – auch weil Gelfand sie einfach rausgeschmissen hat aus dem Turnier.
Und nun sind sie da, der Israeli und der Inder, und einer von ihnen wird der nächste Weltmeister sein. Auch wenn der Kampf nicht immer atemberaubend war - verdient haben sie sich den Titel auf jeden Fall!
PS In Oberhof haben die Deutschen Jugendmeisterschaften begonnen. Junge Menschen aller Altersklassen ermitteln bei strahlendem Sonnenschein ihre Meister, Jan Gustafsson und Spartak Grigorian sind dabei, und es gibt eine imposante Homepage. Ein Blick lohnt.

Jeder Weltmeister hat mal als Jugendlicher angefangen
Photo: Deutsche Schachjugend - vielen Dank!
PS 2 Der Hamburger SK, von vielen (und mir) manchmal leichtfertig immer noch als HSV bezeichnet, hat bei Chessbase einen sehr hübschen Artikel zum Bremer Fußballschachturnier online gestellt. Alle Spiele, alle Tore, viele Photos und eine Analyse des Turniers aus HSV-Sicht von Eva Zickelbein - auch hier lohnt ein Blick!
Who´s that girl?
Vor einer Woche war Garri Kasparow bei der WM. Als Ehrengast wurde er tituliert. In Wahrheit sollte er arbeiten. Und zwar von allem etwas. Grüßaugust für die VIPs. Zitatespender für die Journalisten. Kommentator für die Onlinezuschauer. Und ein Gruß aus der Vergangenheit für Russlands schachliebende Kinder.
Das Kindersimultan, das auf dem Hof der Tretjakow-Galerie stattfand, war der härteste Teil. Drinnen trennten sich Gelfand und Anand an diesem Tag, es war die sechste Partie, bald remis. Draußen schwitzte der Exweltmeister. Dreieinhalb Stunden brauchte er für die 14 Bretter. Trotz Weiß an allen Brettern hätte er um ein Haar seine erste Simultanpartie seit 2001 verloren. Er konnte von Glück reden, dass er nur zwei Remis abgab. Ein drittes war eigentlich schon auf dem Brett. Er wusste weder die Namen noch die Elozahlen, nur dass keiner über 14 war. Ein Bekannter hatte ihn kurz vor Beginn gewarnt, dass einige der besten Talente Russlands dabei waren. Hinterher schätzte Kasparow die Durchschnittselo der 13 zählbaren Gegner (Nummer 14 war ein Anfänger) auf 2150 bis 2200. "Vielleicht war es so stark besetzt, weil sie sich bei mir für die Pressekonferenz revanchieren wollten", scherzte Kasparow, als er wieder fit war.
Eines der beiden Remis holte eine Neunjährige: Katerina Golzewa aus Nischni Nowgorod. Merken Sie sich diesen Namen. Die sehr empfehlenswerte, weil inzwischen auch Englisch berichtende russische Schachseite ChessNews hat Katja interviewt. Die zwei Remis und das Fast-Remis kann man hier nachspielen.
Istanbuls andere Seite
Vor zwölf Jahren hat schon einmal eine Schacholympiade in Istanbul stattgefunden. Viele haben sie in guter Erinnerung behalten. Gerade in Deutschland. Damals holten Jussupow, Hübner, Lutz, Dautow, Bischoff und Luther verdient Silber hinter den damals noch mit Kasparow souverän siegenden Russen.
Von 27. August bis 10. September ist Ali Nihat Yacizi erneut Gastgeber. Eine gelungene Schacholympiade würde seine Chancen heben, eines Tages FIDE-Präsident zu werden. Nach einem Reinfall kann er sich diese Ambition dagegen wohl abschminken.
Vor dem 2008 erteilten Zuschlag, versprach er vollmundig ein Budget von 10 Millionen Euro. Schon die Kampagne kostete fast 100 000 Euro und nährte den in der New York Times berichteten Verdacht, dass für Stimmen bezahlt oder geldwerte Geschenke übergeben wurden. Diese Website spricht immer noch von minimal 7,5 Millionen Euro. Beisammen hat Yacizi, soweit bei der WM in Moskau zu hören ist, vier Millionen Euro, praktisch alles von öffentlichen türkischen Geldgebern.
Für die in den Bewerbungsunterlagen 2008 versprochene Ausrichtung in der Innenstadt und in Hotels in fußläufiger Entfernung reicht das vorhandene Geld hinten und vorne nicht. Nun wird im Messezentrum CNR Expo neben dem Flughafen gespielt, das vor allem mit den guten Parkmöglichkeiten und der Nähe zur Autobahn für sich wirbt. Genächtigt wird in Hotels am Flughafen (die gleichwohl nicht direkt beim Messezentrum liegen). Nur wichtige FIDE-Leute dürfen sich auf Unterbringung mit Blick aufs Marmara-Meer freuen. Diese Schacholympiade wird vielen erlauben, Istanbul von einer weniger bekannten Seite kennenlernen.
Für diese Lage sind die Einzelzimmerzuschläge mit 100 Euro stolz angesetzt. Zu zahlen sind sie für alle Spieler, die nicht zwei Wochen im Doppelzimmer verbringen wollen. Wer ein offizielles Hotel, etwa für zusätzliche Betreuer oder Teilnehmer des FIDE-Kongresses bucht, soll mit 240 Euro pro Nacht (Vier-Sterne) zum Handkuss kommen. Verbände, die ihre Teams nicht frühzeitig anmelden (bevor sich die Umstände herumsprechen), verlieren die ihren Spielern und Spielerinnen zustehenden Betten. Natürlich ist alles bestens, wenn man Yacizi fragt, wie es Europe Echecs getan hat.
Vielleicht ist ihm schon egal, wie viele er gegen sich aufbringt, und versucht, Finanzlöcher zu stopfen, wo es nur geht. Zwischenzeitlich hatten sich einige Insider schon auf eine Absage gefasst gemacht. Yacizi ist zugute zu halten, dass die Schacholympiade überhaupt stattfinden kann.
Für 2014 ist im norwegischen Tromsö dem Vernehmen nach alles auf Schiene. Um die Ausrichtung 2016 bewerben sich voraussichtlich Tallinn (zu Ehren des 100.Geburtstag von Paul Keres) und Toronto.
Trotz Frühling: WM wird fortgesetzt
Erwiesenermaßen ist es für niemanden ganz leicht, bei großer Hitze Sport zu treiben. Das ist nicht nur beim Fußball so, dem großen Seelenverwandten des Schachs, sondern auch beim Trendsport Fußball-Schach.
(Erst kürzlich konnte ein HSK-Allstar-Team ein Turnier in Bremen trotz guten Wetters souverän für sich entscheiden.)
Auch für das königliche Spiel sind die dramatischen Folgen erhöhter Sonneneinstrahlung bekannt:
- - Schon 1921, als Lasker gegen Capablanca um den Weltmeistertitel rang, schien die Sonn´ ohn´ Unterlass. Niemanden indes wunderte das sehr – schließlich fand das Match in Havanna, direkt vor der Haustür Capablancas statt!
Wie man so hört, litt der deutsche Titelverteidiger sehr unter der Hitze und präsentierte sich auf Kuba nicht in der gewohnten Form. Capablanca dagegen schnappte sich einfach immer den Platz am Spieltisch, der im Schatten und näher am Ventilator stand. Ergebnis: der Titel ging an den Kubaner!
Der Gouverneurspalast in Habana: wo sind die schattigsten Plätze?
(Photo Madaki, Wikicommons, gracias, senor!)
- - Beim (hierzulande eher wenig beachteten) Oxford Weekender 2004 saßen sich einst Jonathan Rowson und Colin Crouch gegenüber. Es war die letzte Runde von insgesamt fünf, und der schöne Sonnenschein außerhalb des Turniersaals hätte die Welt beinahe um eine nette kleine Partie gebracht. Rowson berichtet:
- „ It was a warm Sunday afternoon in the beautiful city of Oxford. I was looking forward to finishing this game and getting out in the sunshine to meet up with some old friends. […] This factor, in addition to the general desire to get outside, made it all more tempting to end the game.” (Chess for Zebras, S.187 f.)
- 
J Jonathan Rowson aus Schottland: Schach ist schön, aber Sonnenschein auch!
(Photo Frank Hoppe - moin nach Berlin)
- - Der Wunsch, sowohl Schach zu spielen als auch gleichzeitig den Tag beim Baden, auf einer Wiese oder radfahrend zu verbringen, stellt schon seit Jahrzehnten Schachspieler auf der ganzen Welt vor ein nur schwer lösbares Rätsel. Wir alle kennen diesen tiefen moralischen Konflikt. Wie soll man sich da bloß entscheiden?
Sogar in Bremen ist jetzt der Frühling angekommen.
Will man da wirklich noch Schach spielen?
Trotz WM: Frühling wird fortgesetzt
Wie Fotos nahelegen, scheint in Moskau ja schon seit Beginn der Weltmeisterschaft die Sonne. Der plötzliche Frühlingseinbruch erklärt nun endlich auch, warum sowohl Anand als auch Gelfand die ersten sechs Partien mit farblosen Remisen schnell hinter sich brachten – der Winter war lang, und sie wollten einfach raus in die Sonne! Ob zwischenzeitlich sogar der frühlingsbedingte Abbruch der Weltmeisterschaft gedroht hat?
Mittlerweile scheinen sich Anand und Gelfand an der frischen Luft ausgetobt zu haben. In den letzten drei Runden saßen sie schon wieder mit großer Ausdauer im dunklen Turniersaal und verdrängten den Rest der Welt und das gute Wetter aus ihrem Bewusstsein. Allerdings wurde noch schnell nachverhandelt – der Spielplan sieht von nun an nach jeder Partie eine eintägige Pause vor. Zeit genug für das Schwimmbad und ein kühles Bier an der Moskva. Wir sind glücklich – die ehrenvolle Fortsetzung der Weltmeisterschaft ist damit gesichert!
Die heutige zehnte Partie zauberte schon wieder ein paar bunte Bilder aufs Brett. Gelfand mit den schwarzen Steinen ließ es sich nicht nehmen, in einer sizilianischen Partie ein paar exaltierte Manöver zu zelebrieren. Erst zog er seinen e-Bauern nach e6, dann wenig später schob er ihn weiter nach e5 – was hätte wohl Tarrasch dazu gesagt?

Anand hat sich während der Partie zu diesen Zügen noch nicht geäußert. Stattdessen ließ er Taten sprechen und eroberte schon bald ebenjenen Bauern auf e5. Das aber rief Gelfands Dame auf den Plan, die nun einige Züge lang herumschwirrte, ihrerseits einen Bauern gewann und dann zusammen mit der weißen Dame vom Feld gestellt wurde.

Seitdem sehen wir eine Massagestellung – Anand hat es sich im heraufziehenden Endspiel gemütlich gemacht und drückt auf den gegnerischen Doppelbauern c5/c6. Das ist keine Stellung, die man im Vereinsturnier gegen einen gleichstarken Gegner verteidigen möchte – und gegen Anand bei einer WM schon gar nicht! Ob Gelfand das alles so geplant hat?

Wir werden sehen. Die Partie kann noch lange dauern, und die Kontrahenten werden wohl noch einige Zeit auf ihrer dunklen Bühne verbringen müssen. Damit sinken zwar auch die Chancen auf ein Sonnenbad für heute, aber wie gesagt – morgen ist ja Ruhetag!
Update: nichts da mit noch langem Spielen - die Partie wurde soeben Remis. Neuer Zwischenstand: 5 : 5. Nun sind es noch zwei Partien bis zum Elfmeterschießen.

Well, it´s been a long, hard day: die Spieler einigten sich auf Unentschieden!
TTT Tal oder Topalov auf Texel?
Nein das war Thomas - der gemischte Gefühle zu dieser Partie aus der Texelschen Vereinsmeisterschaft hat. Die Schlusstellung ist ja ganz nett (Weiss kann es verkraften dass er einen Turm weniger hat), aber der Weg dahin ... . Normalerweise betrachte ich mich nicht als Kaffeehausspieler - schon eher meinen Gegner, bei früheren Gelegenheiten hatte ich erfolgreich sein Material geopfert bzw. ihn dazu bewogen. Und die Opferserie war - vermutlich bis auf das Bauernopfer im 10. Zug - wahrlich nicht korrekt. Ich zeige die Partie einfach mal ganz ohne Kommentar:
Nakamura würde vielleicht dazu sagen: "In the end I won and that's all that matters!" Bei der US-Meisterschaft gab es in einigen Partien ein (ansatzweise) vergleichbares Hauen und Stechen ... .
Aber warum zeige ich das gerade jetzt während der WM? Anfangs beschwerten sich auf diversen Schachforen der eine und der andere und der dritte und der vierte über fehlerfreie Remispartien, wollen sie lieber solche Partien sehen??
Kann man Anand so in Moskau besiegen? 1995 schaffte das ein bekannter Schachchaot in einer Schnellpartie - leicht ähnlich zu meinem Produkt, wenn auch mit gewissen Unterschieden: z.B. wollte der Herr Morozevich von Anfang an Randale und opferte bereits im zweiten Zug einen Bauern. Auch zu dieser Partie kein Kommentar:
Kann Gelfand sich in diesem Stil selbst besiegen? Yes he can! In dem Sinne weiter viel Spass bei der WM. Aber was mich betrifft: lieber mal wieder ein Remis als solche Partien ... .
Remmidemmi
Da kommt man arglos nach Hause nach einem Arbeitstag in der Schule, und was ist? Anand hat Gelfand geschlagen und glich damit aus zum 4:4 in Moskau.
Ein Paukenschlag – denn die Partie dauerte lediglich siebzehn Züge!
(Was soll ich sagen – ich fühle mich erinnert an so manche finstere Begegnung in der Zweiten Bundesliga, wo ich auch schon nach weniger als 20 Zügen mehr oder weniger platt stand. Schön war/ ist sowas nicht.)
Nach acht Runden und zwei aufregenden Partien in Folge folgt nun ein Ruhetag, den sich beide Spieler und auch die Zuschauer redlich verdient haben. Anand ist wieder zurück im Match und hat nach seiner gestrigen ernüchternden Niederlage – wie sagt man so schön - postwendend dagegengehalten. Ein echter Champion!

Wir spitzen die Ohren - Anand ist wieder da!
Gelfand dagegen wird sich ob der so schnell vertanen Führung ärgern. Zwar verstehe ich nicht alle technischen Feinheiten der Eröffnung so gut, aber sein Spiel wirkte heute unerwartet leichtfertig, sehr zweischneidig und fast unsolide. Eine eigenartige Veränderung seines Stils, der in den ersten sieben Runden doch von soviel Umsicht geprägt war.
1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. f3 c5
Heute mal kein Grünfeld - Gelfand neuert erneut in diesem Wettkampf und versucht es mit einer Art Benoni.
4. d5 d6
5. e4 Bg7
6. Ne2 O-O
7. Nec3
Subtile Manöver im weißen Lager!
7. .....Nh5
Subtile Manöver im schwarzen Lager!

8. Bg5
Anand verhindert das handelsübliche e7-e6, doch gefährlich wirkt sein Aufbau irgendwie nicht.
8..... Bf6
Tauscht den schönen Läufer g7 ab - ich glaube, so mancher Trainer wäre nicht glücklich über diesen Zug.
9. Bxf6 exf6 10. Qd2
Überdeckt die entblößten schwarzen Felder. Doch was kommt nach f6-f5?
10. .... f5 11. exf5 Bxf5 12. g4

So geht es ab in Moskau - keine Geschenke für niemanden! Nachdem die ersten Partien des Wettkampfes ja
gemeinhin als etwas fade beschrieben wurden, holen die Spieler heute in nur einer Partie alles nach und bringen die ungewöhnlichsten Bilder aufs Brett.
12.... Re8+ 13. Kd1 Bxb1

Schon wieder so eine Partie, die man in keinem Jugendtraining zeigen dürfte. Remmidemmi! Sind wir im Kaffeehaus oder bei einer WM? Die Stellung gibt keine Antwort.
14. Rxb1 Qf6

14..... Sg7 wäre eigentlich völlig ok gewesen - Schwarz sitzt solide hinter seinen Bauern und kann abwarten, was Weiß nun zeigt. Mit dem Partiezug läuft Gelfand in eine furchtbare Falle - und trägt dazu bei, dass diese Partie wohl in die WM-Geschichte eingehen wird.
15. gxh5 Qxf3+ 16. Kc2 Qxh1

Und nun?
17. Qf2
Die schwarze Dame findet nicht mehr heraus: 1-0.
Ein bitterer Partieverlauf für Gelfand - alldieweil diese Niederlage kaum durch seinen Gegner, sondern vor allem auch durch sein eigenes überambitioniertes Spiel zustande kam.
Oder - wie sehen das die Leser, wie sehen das die Leserinnen? Kommentare sind willkommen!

Der Meister - heute mit dem ersten vollen Punkt

