Betrugsfall im französischen Schach: Auch FIDE sperrt Feller & Co.
Ein gutes Jahr herrschte Ruhe im Betrugsfall Feller, Marzolo und Hauchard. Mittels einer von Hauchard und Feller erwirkten einstweiligen Verfügung widersetzten sich die beiden aufgrund eines Formfehlers erfolgreich der Sperre des französischen Verbandes und spielten munter ein Turnier nach dem anderen, als ob nichts gewesen wäre.
Dabei war die Sachlage klar: Auf der Schacholympiade in Khanty-Mansyisk 2010 errang Sebastien Feller ein herausragendes Ergebnis, bediente sich dabei jedoch unerlaubter Hilfsmittel: Cyril Marzolo analysierte die im Internet übertragenen Partien mit diversen Schachprogrammen, übermittelte die Ergebnisse per SMS an den Kapitän der französischen Mannschaft, Arnaud Hauchard, der wiederum die Züge über einen Code an Feller weitergab. Aufgeflogen war die ganze Sache, als Hauchard das von der Föderation geliehene Handy zurückgab und dabei vergaß, die SMS zu löschen….
FIDE fällt Urteil
Nun hat auch der Weltschachverband FIDE (www.fide.com)sein Urteil gefällt. Arnaud Hauchard wurde für drei Jahre, Sebastien Feller für zwei Jahre und neun Monate gesperrt. Dem kooperativen Marzolo gegenüber zeigte man sich mit einer anteiligen Bewährungsstrafe gnädiger und folgte der vom französischen Verband verhängten Strafe. Das komplette Urteil als PDF.
Die Chronologie der Ereignisse ist in unserem letztjährigen Beitrag Feller&Co. gehen in Führung nachzulesen.
Ein weitergehender Artikel findet sich auf chessvibes.com (in englischer Sprache) http://www.chessvibes.com/reports/french-cheating-case-fide-confirms-suspension-feller-hauchard-marzolo
Die dort am Ende aufgeworfenen Fragen beantwortete uns Bundesturnierdirektor Ralph Alt in seiner Funktion als Mitglied der Fide Ethik-Kommission:
Ist das Urteil in bereits Kraft und sind die Spieler somit von FIDE-Veranstaltungen ausgeschlossen?
RA: Die von der Ethics Commission verhängten Sperren Arnaud Hauchards (3 Jahre) und Sébastien Feller (2 Jahre 9 Monate) beginnen am 1. August. Bei der Sperre gegen Marzolo hat die Ethics Commission die von der Französischen Schachföderation verhängten Sperren wiederholt, samt Beginn (27.05.2011) und Ende (27.11.2012), wobei aber die letzten 9 Monate (beginnend am 27.02.2012) auf Bewährung sind. Damit ist Marzolo derzeit wieder spielberechtigt.
Besteht für die Spieler noch eine Widerspruchsmöglichkeit oder war dies bereits die letzte Instanz?
RA: Gegen Entscheidungen der FIDE kann der CAS (Court of Arbitration for Sport) in Lausanne angerufen werden. Eine Klage dort würde aber den Vollzug der Sperren nicht hemmen, es sei denn er würde auf einen entsprechenden Antrag eine einstweilige Anordnung erlassen.
Werden Feller die in Khanty-Mansiysk gewonnen Elopunkte sowie sein Brettpreis aberkannt?
RA: Die Entscheidung darüber, welche Konsequenzen die Feststellung, dass Feller sich der Täuschung schuldig gemacht hat, für die ELO-Wertung hat, ist den zuständigen Gremien der FIDE überlassen. Hierzu müsste die Qualifications Commission einen Vorschlag an die General Assembly, das Executive Board oder das Presidential Board machen.
Eilmeldung: Olympia-Gold für Deutschland
Während sich die Atheleten in London noch abmühen, kommt die Goldmedaille aus einer Ecke, aus der man es wohl am wenigsten vermutete: Marcel Tribowski hat beim olympischen Schachkompositionsturnier die Goldmedaille in der Kategorie "Mehrzüger" errungen. Mit einem hübschen Neunzüger mit interessanten Springerwendungen überzeugte der Berliner, der seit 2010 den Großmeistertitel der Schachkomposition trägt, den Preisrichter.
Im Gegensatz zu den Olympioniken in England muss er auf seine Medaille aber noch etwas warten: Sie wird auf der Schacholympiade übergeben, die ab dem 27. August in Istanbul stattfindet. Bis dahin muss er hoffen, dass niemand einen Vorgänger ausgräbt, der den Wert des Stücks schmälern würde. Ich gehe allerdings davon aus, dass da nichts kommen wird.
Den Preisbericht (auf russisch) findet man hier.
Hamburger und andere beim Politiken Cup
Die Schachwelt schaut momentan vor allem auf Biel - aber was da so passierte (jede Menge) steht ja schon überall im Internet. Grossmeister, inklusiv einige 2700er, sind auch anderswo aktiv, zum Beispiel bei der ukrainischen Meisterschaft (alle ausser Ivanchuk) und - Thema des heutigen Beitrags - beim Politiken Cup im dänischen Helsingor. Aus internationaler Sicht diverse bekannte Namen, darunter mindestens zwei die Korchnoi zu seinen besten Zeiten auf Augenhöhe begegnen konnten. In der Breite natürlich vor allem Dänen und diejenigen die Dänen geografisch nahestehen. Aus deutscher Sicht diesmal keine GMs ... was mir auffiel: diverse alte und neue (aber jedenfalls junge) Hamburger, mehrere Hessen (mein erster Landesverband) und sogar - was ich noch nicht wusste - ein Hamburger Hesse.
Wenn über Opens überhaupt berichtet wird werden die ersten Runden meistens ignoriert. Da erledigen Favoriten ihre Pfichtaufgaben - und wenn nicht dann haben sie bereits schlechte(re) Karten für den Rest des Turniers und schaffen es vielleicht auch nicht in den Abschlussbericht. Sonntag landete ich auch eher zufällig bei der Liveübertragung und blieb dann fasziniert hängen. Was folgt ist en recht ausführlicher Bericht zu Runde 3 mit Elounterschieden von ca. 300 Punkten. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen zu einigen Partien hinterher das Computer-Orakel zu befragen, werde das aber nicht einfliessen lassen - wer selbst nachforschen will, den kompletten pgn-File gibt es auf der dänischen (aber offenbar nicht der englischen) Turnierseite. Bei Superturnieren gehören Computerkibitze bei der Liveübertragung heutzutage dazu, und es lässt sich kaum vermeiden darauf zu schielen - diesmal war ich zunächst ahnungslos.
Los geht's im Schnelldurchlauf:
An Brett 1 spielte Jonathan Carlstedt (nächste Saison Wiesbadener SV) mit Schwarz gegen Malakhov. Der Elofavorit (des gesamten Turniers) schnappte sich einen Bauern den er dann recht sauber und sicher verwertete, Pflichtaufgabe erledigt.
An Brett 2 stand Cheparinov mit Schwarz gegen einen dänischen FM wohl besser, aber gerade als der mit Dauerschach entwischen konnte stand nach 39 Zügen das Ergebnis 0-1. Zeitüberschreitung?
An Brett 3 stand Dreev gegen WGM Anna Rudolf "unklar" und hatte bereits nach 15-20 Zügen nur noch eine Minute auf der Uhr plus jeweils 30 Sekunden Zugabe pro Zug. Irgendwie schaffte er nicht nur die Zeitkontrolle sondern erreichte auch ein gewonnenes Turmendspiel. Mich hätte interessiert was die Turnierseite dazu sagt, aber leider kann ich kein Dänisch ("GM Dreev var slemt på spanden mod WGM Anna Rudolf, men i Dreevs tidnød blev den unge kvindelige Stormester snydt så vandet drev, og pludselig var tårnslutspillet fuldstændig tabt!") und die Google-Uebersetzung ist ziemlich unklar: "GM Dreev was bad in the bucket against WGM Anna Rudolf, but Dreevs time constraints was the young female grandmaster cheated so the water ran, and suddenly tower playoffs completely lost!"
An Brett 4 brachte Ivan Sokolov ein kreatives Qualitätsopfer. Wer weiss ob es korrekt war, in Zeitnot fand sein dänischer Gegner vielleicht nicht die besten Züge und wurde am Ende von einer Bauernphalanx am Königsflügel erdrückt.
Soweit so gut für die Favoriten, auch wenn es vielleicht nur für Malakhov Routine war. An Brett 5 spielte Ivan Salgado Lopez auch gegen eine Dame, WGM Svetlana Cherednichenko (habe ich mich wirklich nicht vertippt?). Die Damen auf dem Brett verschwanden schon nach fünf Zügen (bis dahin kopierten sie eine Partie Hübner-Hickl). Nach 35 Zügen hatte Salgado vorübergehend drei Mehrbauern und dachte vielleicht "das schaukel ich jetzt nach Hause". Ab dem 45. Zug musste er Dauerschach geben (und konnte damit sehr zufrieden sein, aber ich wollte ja Houdini aussen vor lassen):

Von Brett 6 zeige ich kommentarlos die ganze Partie:
Dumm gelaufen für den russischen GM und ein schöner Erfolg für Malte Colpe. In Runde 4 spielt er mit Schwarz gegen Jonny Hector, das könnte wieder spektakulär werden.
... Der Leser erwartet doch nicht dass ich ALLE Partien kurz kommentiere? Erwähnen wir kurz den Hamburger Dänen Sune Berg Hansen (remis in 16 Zügen an Brett 11, offenbar war er mit der Eröffnung nicht zufrieden) und springen weiter zu Brett 13. Da brauchte - und hatte - Timman einige Geduld um einen gewissen Anders Hobber im Endspiel mit Läuferpaar gegen Läufer und Springer zu besiegen. Vielleicht war das so geplant, jedenfalls spielte er mit Weiss eine Caro-Kann Nebenvariante mit Damentausch nach 10 Zügen.
Brett 17: Timmans (und Korchnois) alter Rivale Lajos Portisch gegen Joachim Birger Nielsen.
Im 48. Zug entkorkte Portisch Lb4 - vielleicht eine Schrecksekunde für den Gegner, aber der Schuss ging nach hinten los. Es folgte 48.-Lxf2+ 49.Kxf2 Df7 50.Kg1 Ta2 51.Dxc7 Sd7 52.Lc5 Df3 0-1
Nett war noch Brett 29 - da zeigte Weiss (IM Bejtovic) dass man Turm plus zwei Läufer gegen Turm und Läufer auch ohne eigene Bauern gewinnen kann, jedenfalls wenn der eigene König beim Mattangriff mithilft.
Und dann gab es durchaus noch die eine oder andere Kurzpartie. Am schnellsten gewann Rasmus Svane an Brett 34 und war wohl selbst überrascht denn nach 19 Zügen stand es so:
Schwarz steht wohl schon etwas angenehmer (zumindest für Freunde des Läuferpaars), aber wie verlor Weiss in zwei weiteren Zügen? So: 20.Lxg7 Kxg7 21.Td7 Lf6 0-1 (geplant war wohl 21.Nd5+, aber nach 21.-f6 22.Sxe7 Tc7 ist die gerade zurückgewonnene Figur schon wieder weg).
Nadelstichpolitik
Ich möchte hier einmal einen modernen Langzüger präsentieren. Dabei möchte ich erst einmal mit einem Vorurteil aufräumen: Eine hohe Zugzahl bedeutet nicht unbedingt hohe Schwierigkeit. Gerade im 15-20-zügigen Bereich gibt es einige Stücke, bei denen man lediglich die Logik des Stücks durchschauen muss, was mal schwieriger mal einfacher ist.
Besonders hart sind meistens eher Stücke, die sich nicht logisch erschließen lassen. Die lassen sich dann selbst mit Rechnerhilfe gelegentlich kaum lösen.
Das Stück, das ich diesmal herausgesucht habe, habe ich selbst gelöst bekommen, was mich hoffen lässt, dass die Leser dieses Blogs es mir gleich zu tun in der Lage sind. Meine Begeisterung über diesen 17-Züger, der 2011 in der österreichischen Schach Aktiv erschien, teilte auch der Preisrichter und wies den ersten Platz zu.
Wer keine Tipps haben möchte, sollte hier aufhören zu lesen und gleich loslegen. Es handelt sich bei diesem Stück um einen modernen Mehrzüger, bei dem Weiß durch Schachgebote und kurzzügige Mattdrohungen Nadelstiche setzt, um eine geringfügige Stellungsveränderung herbeizuführen. Nach dieser Stellungsveränderung wird der Urzustand bei den anderen Figuren wiederhergestellt und eben jene ausgenutzt.

Rupert Munz, 2011.
Auch wenn die schwarzen Figuren rechts unten und der weiße König rechts oben ein wenig merkwürdig anmuten, wirkt die Stellung im Vergleich zu anderen Problemen doch halbwegs normal und dürfte zum Lösen reizen. Also auf geht's, Weiß am Zug, matt in 17. Viel Spaß, Lösungen und Bemerkungen bitte als Kommentar.
Kortschnois Endspiel
Ein Leben ohne Schach könne er sich nicht vorstellen. Viktor Kortschnoi hat das oft gesagt. Es erklärte, warum er auch jenseits der achtzig noch zu fast jedem Spielauftritt bereit war. Die Schweizermeisterschaft in Flims vorige Woche dürfte ein Einschnitt sein. Man raunte, Kortschnois Endspiel habe begonnen.
Für jeden sichtbar quälte er sich durch das neunrundige Turnier. Er saß im Rollstuhl, zog oft schnell, weil er sich nicht konzentrieren konnte. Nur an einem Tag fand der Altmeister zu seiner alten Form. Ausgerechnet Joe Gallagher, der Meister wurde, überspielte er strategisch und behielt auch alles unter Kontrolle, als es taktisch wurde. Vielleicht war es sogar die beste Partie des Turniers. Nebenbei bemerkt ein Grund mehr, warum Gallaghers bereits sechster Titelgewinn völlig verdient war, profitierten doch seine Konkurrenten von den Einstellern Kortschnois, dem sonst nur zwei Remis gegen schwächere Spieler gelangen. Abgeschlagen wurde er Letzter.
Eigentlich sollte der 81jährige bei der Schacholympiade in einem Monat in Istanbul für die Schweiz am Brett sitzen. Das kommt nach Flims nicht mehr in Frage. Der Schweizer Schachbund hat an seiner Stelle Richard Forster ins Team gerückt.
Schachspieler und die Außenwelt
Dass einige Schachspieler ihrer Außenwirkung einen geringen Stellenwert zuordnen, ist hinlänglich bekannt. Um diesen Missstand zu verbessern wurde Diverses angeregt, doch letztendlich so gut wie nichts umgesetzt. Die Schachbundesliga wartet noch immer auf einen vernünftig umgesetzten Dresscode und auch das Auftreten der Nationalmannschaften erinnert an Kraut und Rüben (DSB-Fotogalerie http://www.schachbund.de/galerie/displayimage.php?pid=5863&;;;fullsize=1). Besonders deutlich beobachten lässt sich der Zustand auch auf diversen offenen Turnieren. Hier ist alles anzutreffen: Vom Tragen einer Baseballmütze oder Sonnenbrille, Spielen in Freizeitkleidung bis hin zum Muskelshirt, Kaugummikauen oder auch (sollten wir endlich einmal einen vorzeigbaren Austragungsort gefunden haben) das Mitbringen eigener Getränke und Speisen.
Rechtfertigungen findet man viele. So erklärte mein Gegner das Tragen einer Sonnenbrille im Turniersaal eines Turniers in Island (wohlweislich im Oktober - mit 20 Regentagen der regenreichste Monat des Jahres, in dem man die Sonne eigentlich nie zu sehen bekommt) mit den Worten: „Tut mir leid, ich weiß dass es unhöflich ist, aber ich habe sie meiner Frau geschenkt. Der gefiel sie nicht, weshalb ich die Brille jetzt selbst auftragen muss.“
Die Szene nimmt anscheinend stoisch alles hin, tut sich aber mit soviel Toleranz keinen Gefallen. Interessant sind die Reaktionen einiger Spielerfrauen oder schachfremder Menschen, die zuweilen Gefallen an Fallstudien einer seltsamen Spezies finden. Mit solch einer Darstellung kann man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, geschweige denn Sponsoren für ein Engagement gewinnen.
Doch nicht nur hierzulande regt sich Unmut. In der neuesten Ausgabe der Schweizerischen Schachzeitung, dem Mitteilungsblatt des Schachbundes, findet der Chefredakteur deutliche Worte für ein sehr ähnliches Thema:
Das erfolgreiche Gedeihen eines jeden Schachklubs, egal ob groß oder klein, hängt von mehreren Faktoren ab. Von einer konsequenten Nachwuchsförderung beispielsweise, von einer gesunden finanziellen Basis, vom Engagement ehrenamtlicher Funktionäre in der Vereinsführung und nicht zuletzt auch von einem Klublokal, in dem die Spieler ihrem Ruhe verlangenden Hobby ungestört frönen können – seien es interne Turniere oder Mannschaftswettkämpfe.
Jahrzehntelang war es Tradition, dass Schachklubs nahezu ausschließlich in Gaststätten Gastrecht genossen – nicht von ungefähr kommt ja der Begriff vom Kaffeehaus-Schach. Doch mit der Krise im Gastgewerbe hat sich das Lokalproblem für viele Sektionen des Schweizerischen Schachbundes (SSB) in den vergangenen markant zugespitzt – auf dem Land ebenso wie in den Städten. Wohl haben nicht wenige Klubs eine neue Bleibe in (halb)öffentlichen Gebäuden wie Altersheimen, Kirchenzentren oder Gemeindeverwaltungen gefunden. Doch noch immer spielt die Mehrheit der Schweizer Schachklubs in einem Restaurant oder gar in einem Hotel.
Dafür zahlen sie zwar einerseits oft Miete, haben jedoch andererseits als Gegenleistung weniger Probleme, auch Wochenend-Termine für SMM, SGM und Team-Cup reservieren zu können. Gaststätten haben auch den großen Vorteil, dass berufsgestresste Mitglieder vor der Klubmeisterschaftspartie noch etwas Kleines essen können – ebenso ganze Teams nach einem Mannschaftswettkampf. Womit wir gleichzeitig bei einem Problem angelangt wären, das sich in jüngster Zeit akzentuiert hat.
Gastrecht in einer Gaststätte zu genießen, heißt natürlich auch, dass für das Cola, den Tee oder den Kaffee zur Partie bezahlt werden muss. Schließlich sind Wirtshäuser ja keine Wohlfahrtinstitute, und sie rechnen – unabhängig von einer allfälligen Miete – pro Vereinsabend oder SMM/SGM-Samstag mit einem gewissen Umsatz. Umso weltfremder erscheint deshalb die verbreitete Unsitte, dass teilweise ganze Teams mit prallgefüllten Provianttaschen an die Auswärtsspiele fahren. Statt eines Café Crème aus der Beiz wird dann unverhohlen ein Caffe Latte aus dem Coop getrunken, statt eines Sandwichs aus der Restaurantküche werden Bananen oder Schoggistängeli aus dem Rucksack verzehrt – und der Abfall auch gleich liegengelassen.
Gut möglich, dass ein solches kulinarisches Fehlverhalten auch daher rührt, dass in einigen Klublokalen ohne Restaurationsbetrieb keine oder nur eine eingeschränkte Möglichkeit zur Konsumation besteht und man für lange Partien tatsächlich sicherheitshalber einen Notvorrat einpackt. Lädt ein Verein mittels seines Aufgebots aber explizit in ein Restaurant ein, ist der Verzehr von mitgebrachtem Fressalien nicht nur eine Unverfrorenheit, sondern er gefährdet auch den Verbleib der Heimsektion in deren Lokal.
Markus Angst, «SSZ»-Chefredaktor
Big Brother-Schach, ja bitte!
Schach als Zuschauersport, geht das? Bei den Dortmunder Schachtagen 1992 in den Westfalenhallen mit Kasparow waren meiner Erinnerung nach tageweise bis zu 1500 Leute da. Das gilt heute als nicht mehr schaffbar. Schließlich haben wir Internet. Wem die Züge genügen, der fährt nicht mehr ins Dortmunder Schauspielhaus, um das Sparkassen-Chess-Meeting zu sehen. Andere Veranstalter setzen gezielt auf online. Und weil einige Anbieter (Fritz-Server, ICC, TWIC...) die rechtlich noch immer nicht geschützten Züge abgreifen, müssen Veranstalterseiten mehr bieten, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden wollen. Die WM 2008 in Bonn zeigte einiges, was da möglich ist. Die WM kürzlich in Moskau hat die Standards wieder ein kleines Stück nach oben gehievt.
Andrew Paulson, der neue Vermarkter von WM-Zyklus, Weltcup und Grandprix (die Serie beginnt in zwei Monaten in London), möchte darüber hinaus, wie heute in der FAZ zu lesen ist, auch den Spielort selbst spannender gestalten: Rückzügsräume abschaffen, das Publikum ringsum setzen, die Akteure in einem Boxring spielen lassen. Außerdem ihren Puls messen und ihre Augenbewegungen mit der Kamera erfassen. Big Brother-Schach? Ja bitte!
Noch gespannter wäre ich, wie die Spieler am Brett denken und fühlen. Was hinterher gesagt wird, ist ja alles schon vom Resultat geprägt und bereinigt. Tkatschjew hat vorgeschlagen, sie quasi vom Brett weg twittern zu lassen (es bräuchte nur ein Eingabegerät ohne Empfang). Ich könnte mir vorstellen, dass Spieler eines Tages, wenn sie sich eine Pause vom Brett gönnen, in einem kleinen Nebenraum vor einer automatischen Kamera drauflos plaudern und eine kluge Regie das den Kommentatoren passend einspielt. Auch die Videoberichte nach den Partien würden enorm profitieren und öfter geschaut werden (und es wäre authentischer als die legendären BBC-Master Games der frühen Achtziger, für die Miles, Nunn, Browne und Co nach den Partien im Präsens einsprachen, was sie ungefähr gedacht haben...). Wer nicht nur gut und kämpferisch spielt, sondern auch vor der Kamera authentisch und witzig rüberkommt, würde dann wohl öfter eingeladen als Langeweiler. Aber damit kann ich leben.
Bericht aus Amsterdam (UPDATE)
Es wird mal wieder Zeit für den rasenden Reporter Rudi Thomas Richter, diesmal aus Amsterdam. Eigentlich wollte ich vor allem über die master class von Ivanchuk berichten die auf der Turnierseite ursprünglich für Mittwoch angekündigt war aber erst Donnerstag stattfindet, wie ich am Mittwoch erst vor Ort erfuhr. Aber da ich ja bereits vor Ort war kann ich über diverse andere Eindrücke berichten.
Ich kam an im Science Park Amsterdam und wunderte mich etwas: draussen keinerlei Plakate oder ähnliches, und auch drinnen eher dezente Hinweise dass da ein bzw. mehrere nicht ganz unbedeutende Schachturniere laufen - in Wijk aan Zee fällt das sofort auf, diesmal ist es nur für Eingeweihte. Im Gebäude ist Schach auch keinesfalls die Hauptsache, Austragungsort ist nämlich das Sportzentrum der Universität Amsterdam. Ich frag(t)e mich ob die Schachspieler zwischen den Partien die anderen Angebote nutzen, als da wären u.a. Klimmhalle, Kraftraum, Yoga, Physiotherapie und sogar sportpsychologische Beratung. Im Turniersaal angekommen wunderte ich mich wieder: Ivanchuk hat keinen Ruhetag sondern sitzt gegen Kamsky am Brett!? Immerhin war er in Amsterdam, seine Anreise einige Tage davor war ja nicht ganz unproblematisch: am Flughafen München war er so in sein Magnetschach vertieft dass er den Anschlussflug nach Amsterdam verpasste. Man stelle sich das vor - ein anderer Schachspieler ist zufällig auch am Flughafen, hört die Durchsage "last call for Mr. Ivanchuk travelling to Amsterdam, we will proceed to offload your luggage" und sieht dann jemand in Gedanken versunken den er zumindest von Fotos her kennt. Wenn dem tatsächlich so war hat diese Person wohl nicht daran gedacht bzw. sich nicht getraut Ivanchuk aufzuwecken. Zum Glück gab es noch einen späteren Flug auf dem Platz war, und - jedenfalls in den ersten beiden Runden - hat es Ivanchuks Spiel nicht negativ beeinflusst.
Zum ACP-Turnier zunächst einige optische Eindrücke: Die fünf Herren erschienen alle in korrekten Anzügen, nur bei Ivanchuk lag, in farblichem Kontrast, eine knallblaue Baseball-Kappe neben dem Brett mit Aufschrift "Cuba" (Capablanca-Memorial ist ja eines seiner Lieblingsturniere).
Anna Muzychuk dagegen in Jeans, rosa T-Shirt und farblich +- passenden Schuhen. Leider hatte ich keine Kamera dabei - als sie einmal direkt vor dem Science Park Logo stand hätte es eine nette Bildunterschrift gegeben: Muzychuk und die Ausrichter mögen es bunt [es war zwar nicht genau dieses Logo, aber so ähnlich]. Interessant ist immer auch wie sich die Spieler konzentrieren: von Ivanchuk ist ja bekannt dass er die halbe Zeit irgendwohin schaut, z.B. in den Saal, nur nicht aufs Brett. Und Sasikiran sass mehrfach so weit vorüber gebeugt dass er beinahe seine eigenen Figuren aufgegessen hätte.
Nach den ersten zehn Zügen von Kamsky gegen Ivanchuk verliess ich den Saal und ging runter ins Cafe, vorbei am Klimmsaal - Kontrastprogramm zum (ziemlich) ruhigen Turniersaal denn dort tönte Rockmusik. Im Cafe waren Demonstrationsbretter aufgebaut, besprochen wurden drei Partien der parallel laufenden niederländischen Meisterschaft. Nach etwas einer halben Stunde ging ich wieder rauf und Kamsky-Ivanchuk war bereits remis. Wie ich erst zu Hause erfuhr hatte ich alle Züge dieser Partie gesehen. Laut Turnierseite fühlte Kamsky sich sehr unwohl ("I could only see a black wall in front of me"), dort werden auch Gerüchte erwähnt - die Kamsky selbst nicht bestätigte - dass er eine schlaflose Nacht hatte weil er beim FIDE Grand Prix ein- und dann wieder ausgeladen wurde. Aber ich schweife ab, das soll nicht Thema dieses Beitrags sein - und, bei allem Respekt für u.a. Giri, auch nicht die NL-Meisterschaft. Die anderen beiden Partien verliefen recht zäh, später - da war ich schon wieder weg - wurden sie abgebrochen, und vermutlich werden diese Hängepartien tatsächlich Samstag zu Ende gespielt.
Flüsternd fragte ich einen Schiedsrichter der gerade im Publikum unterwegs war nach der master class von Ivanchuk. "Die ist morgen, heute hat er ja gespielt. Ich wunderte mich heute morgen auch über das verkehrte Datum auf der Turnierseite, das ist ärgerlich." [Disclaimer: alles aus dem Gedächtnis und aus dem Holländischen übersetzt]. Was ich den Schiedsrichter nicht fragte: Gilt "berührt geführt" eigentlich auch wenn Sasikiran seine Dame auf d8 aus Versehen mit dem Mund oder der Nase berührt? Generell würde ich sagen dass Zuschauern vor Ort eher wenig geboten wurde, irgendwie passte dazu auch die halb-falsche Info zu öffentlichen Verkehrsmitteln auf der Homepage: Bus 40 fährt nicht alle 7,5 Minuten wie dort angegeben sondern alle 15 Minuten, und Bus 240 fährt in den Schulferien (d.h. während des Turniers) gar nicht. Ich will nicht zuviel meckern, sie konzentrieren sich offenbar auf ihren Internet-Auftritt und der ist mehr als OK. Demnach kann man das Turnier vielleicht besser im Internet verfolgen, auch dort gibt es im Live Videostream optische Eindrücke. Ich hatte auch den Eindruck dass eher wenige Journalisten vor Ort waren und sah auch keinen Pressebereich. Das - wie auch die Bemerkungen oben zu optischen Eindrücken - ist mehr Beobachtung als Bewertung.
Dass die drei Partien im ACP-Turnier mich nicht unterhalten konnten, sei's drum da hab' ich einfach die verkehrte Runde erwischt. Mehr los war an den Spitzenbrettern im Open, nicht nur aber auch bei meinem Lieblingsspieler Manuel Bosboom . Seine Glanzpartie aus der ersten Runde hatte es (ganz unten) in den Chessvibes-Bericht geschafft, darauf anspielend fragte ich ihn "wieviele Damen opferst Du heute?". "Na, sicherheitshalber muss ich dann erst ein paar Bauern umwandeln." Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste (aber er dachte vielleicht dass ich auch darauf anspielte): er hatte sich im Video auf der Turnierseite zu der Partie geäussert - auf holländisch, ich übersetze es teilweise: Auf die Frage "in Deinen Partien werden viel mehr Figuren geopfert als bei den meisten anderen Spielern?" "Ja kann sein, das ist doch nicht mein Problem, ich hab halt meinen Stil. Ich spiele auf Angriff, manchmal wird es Chaos". Am Ende des Interviews: "Wieviele Damenopfer werden wir insgesamt von Dir sehen?" "Hoffentlich vier, das werde ich zumindest versuchen."
Heute opferte er (soweit ich es gesehen habe) nur eine Qualität und ein paar Bauern, für offensichtliche Kompensation: Entwicklungsvorsprung, schwarze Dame auf a2 und König in der Mitte. Und als er dann f7-f6 (was seinen Läufer auf g5 angreift) mit Rochade beantwortete musste ich grinsen - er stand nach dem Zug einige Meter neben dem Brett und grinste zurück. Die ganze Partie sah ich erst tags darauf und reiche sie hiermit nach. Im Nachhinein sieht es einfach und überzeugend aus (und Houdini ist völlig einverstanden, wobei er manchmal etwas länger denken musste). Bis 15.-e4 hatte ich es vor Ort gesehen, 16.Sfd2 hätte ich auch gespielt, aber ich erwartete nicht dass es für Schwarz so schnell vorbei ist. Das lag daran dass ich dem schwarzen König an den Kragen wollte und gar nicht daran dachte dass Weiss auch seine Dame verhaften kann:
Einiges - das Prozedere in den beiden Hängepartien und anscheinend auch einen Feueralarm im Turniersaal - habe ich verpasst, aber dieser Artikel ist wohl trotzdem lang genug und bietet hoffentlich einiges was sonst nirgendwo steht.
Elo für Alle
Elo für Alle und gegen Gebühr
Nach Jahren der Vorbereitung scheint der Weltschachverband nun technisch in der Lage, eine weltumspannende Auswertung für Schachturniere zu gewährleisten. Die Eingangsschwelle wurde auf 1.000 Elopunkte gesenkt und nähert sich nun dem Anfängerniveau.
Prinzipiell ist es natürlich eine wünschenswerte Entwicklung, weltweit auf eine vergleichbare Zahl zurückgreifen zu können. Doch über kurz oder lang werden die nationalen Systeme immer weiter an Bedeutung verlieren und in den Hintergrund gedrängt. Auch die deutsche DWZ wird unter der Einführung deutlich leiden, und dem Deutschen Schachbund verschließt sich eine potenziell einfach zu nutzende Einnahmequelle. Gut, ernsthafte Vorstöße Geld zu verdienen gab es hier wohl nie, doch das Geschäft macht nun auf jeden Fall ein anderer. Denn eins ist klar: Altruismus ist von der FIDE nicht zu erwarten. Sind die nationalen Verbände erst einmal aus dem Rennen, wird der Monopolist sicher schnell die Schrauben anziehen. Immerhin geht es hier um ein Millionengeschäft, und kommerziell ist der Weltschachbund Vielen voraus. Auch die Einführung von Schnell- und Blitzschachzahlen geht in eine klare Richtung, auch wenn sie im Jahr der Einführung noch kostenlos sind. Über evtl. spätere Gebühren wird bereits beimkommenden FIDE-Kongress in Istanbul während der Schacholympiade diskutiert.
Die Neuerungen im Überblick:
- Die FIDE-Listen werden ab sofort monatlich publiziert. Die nächste Liste folgt somit bereits am 1. August.
- Elozahlen beginnen jetzt bereits bei Elo 1.000. Die ersten Spieler/innen mit Elozahlen zwischen 1000 und 1199 werden im August publiziert.
- Die zum 1.1.2012 eingeführten Wertungen für Schnellschach und Blitzschach wurden nun erstmals am 01.07. publiziert und finden sich bei den Spielern neben der bisherigen internationalen Elozahl. Es gibt keine Gebühren für diese beiden Wertungen für 2012.
BbbD - Biel sagt bye-bye Dominguez
Im Juli ist schachlich jede Menge los: meinereiner schrieb hier bereits eine Vorschau zu Amsterdam, Stefan Löffler tat dasselbe für Dortmund und Achim Illner blickte zurück auf Astana. Fehlt noch Biel - im Titel erwähne ich zunächst einmal wer plötzlich nicht mehr mitspielt, obwohl er ursprünglich eingeladen wurde und offenbar zugesagt hatte. Immerhin fanden die Organisatoren mit Magnus Carlsen mehr als gleichwertigen Ersatz. Soweit so gut - wenn dem tatsächlich so war: erst trat Dominguez zurück, dann füllte Carlsen diese Lücke. Aber offenbar lief es andersrum - Carlsen wollte kurzfristig in Biel spielen nachdem ein Turnier in Rumänien abgesagt wurde, und dann machte Dominguez Platz für ihn. Diverse Schachsites nennen das eine sehr erfreuliche Nachricht, niemand wundert sich. Niemand - auch nicht die Turnierseite - schreibt wie dieser Deal genau zustande kam.
Wurde Dominguez einfach ausgeladen? Hat er, auf dringende Bitte der Organisatoren, "freiwillig" verzichtet? Wird er finanziell entschädigt? Bekommen Schachspieler der zweiten Reihe (für sie relativ spärliche) Einladungen nur noch unter Vorbehalt: Wenn ein stärkerer und/oder beliebterer Spieler Interesse zeigt bist Du wieder raus? Fragen über Fragen ... .
Natürlich ist das Turnier hochinteressant, wäre es auch ohne Carlsen denn sowohl Dominguez als auch die anderen Teilnehmer, zumindest die meisten, spielen nicht gerade langweiliges Schach - mit dabei sind noch Nakamura, Morozevich, Wang Hao, Bacrot und Giri. Aber für mich hat das Ganze, um mal meine schwäbischen Wurzeln zu betonen, ein Geschmäckle. Dominguez hatte sich womöglich bereits speziell vorbereitet und vielleicht einen Sekundanten angestellt. Um das mal auf unsere Blogfamilie zu übertragen: man stelle sich vor Stefan Löffler bekommt einen Auftrag für einen Artikel oder Turnierbericht, recherchiert, reist vielleicht zum Turnierort, schreibt bereits die ersten Sätze ... und dann heisst es "das macht jetzt ein Grossmeister"!?
Bevor jemand mich als Carlsen-Hasser bezeichnet: mit ihm persönlich hat das nichts zu tun, ich hätte genau dasselbe geschrieben wenn Anand oder Aronian plötzlich Biel spielen wollten und dürften. Kramnik lasse ich mal aussen vor denn der spielt ja in Dortmund. Wobei ein Spieler offenbar das eine tut und das andere nicht lässt: Georg Meier ist im Biel-Open an Nummer 10 gesetzt. Demnach spielt er am 22.7. um 13:00 in Dortmund gegen Kramnik, und am 23.7. um 14:00 seine erste Partie in Biel.

