SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Freitag,18 April 2014

Aktualisiert12:34:04 Fri

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Samstag, 13. April 2013 14:10

Happy birthday, Garri!

Vor acht Jahren hat Garri Kasparow dem Turnierschach adieu gesagt. Dieser Tage meldeten russische Medien, dass er Russland verlässt. Schluss mit Schach, Schluss mit Politik, Rückzug auf der ganzen Linie? Von wegen. Der Eindruck trügt. Kasparow, der an diesem Samstag fünfzig wird, arbeitet unermüdlich an seinen großen Zielen, Russland zu demokratisieren, Iljumschinow abzulösen und Schach in die Schulen zu bringen. Das alles unter einen Hut zu bringen, verlangt einen brillianten Netzwerker, als der er von dem Journalisten Igor Jakowenko in einer lesenswerten Hommage beschrieben wird.

 Kasparow in Oslo
Kasparow am Freitag in Oslo, civita.no

Seinen Geburtstag feiern wird er erst mit einigen Tagen Verspätung am 19. April in New York, wo seine Frau und siebenjährige Tochter leben. Denn im Moment ist er wie meist unterwegs und zwar, sehen wir es symbolisch, im aktuellen Schachboomland Norwegen. Der Thinktank Civita hat ihn zu einer Rede über Putins Russland eingeladen. Nebenbei erklärte Kasparow die von Chennai reklamierte Vergabe des WM-Kampfes Anand-Carlsen ohne Ausschreibung zum Skandal. Und ein Treffen mit Magnus Carlsen und seinem Manager Espen Agdestein steht an, um über die Wiederaufnahme ihrer Zusammenarbeit zu verhandeln. Liebend gerne würde Kasparow Carlsen als Trainer dabei unterstützen, Anand zu schlagen. 

Schon vor der Reise nach Norwegen war es wieder eine ereignisreiche Woche für Kasparow. Er zog sich aus dem Vorstand der russischen Oppositionsbewegung Solidarnost zurück. Danach musste er aufkommende Emigrationsgerüchte dementieren. Und er erhielt einen renommierten Menschenrechtspreis zugesprochen. 

Vermisst Kasparow das Turnierschach und bereut seinen Rücktritt, wie Hartmut Metz Anand zitierend schreibt? Ich glaube nicht. Er hat seine Spielerkarriere gegen ein reicheres Leben eingetauscht. Bei allen seinen Zielen wünsche ich ihm viel Erfolg. Und natürlich: S dnjom raschdenja, Garri Kimowitsch!

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Donnerstag, 03. Januar 2013 14:37

Mr Shirov tear down this wall

Ursprünglich war als Titel einfach "Noch ein Endspiel" geplant, aber vielleicht hat Mattovsky ja Recht und ein anderer 'attraktiverer' Titel bringt mehr Leser? Jeder weiss (die Jüngeren zumindest aus dem Schulunterricht?) dass die Berliner Mauer 1989 fiel. Schachspieler die schon einige Zeit dabei sind wissen dass sie 2000 in London wieder aufgebaut wurde und zwar auf dem Schachbrett. Wie das Leben so spielt: damit wollte ein Russe einen anderen Russen ärgern was ihm ganz gut gelang. Gemeint sind natürlich Kramnik und Kasparow. Kramniks damaliger Sekundant Bareev schrieb sieben Jahre später (in "From London to Elista") dass dies im Nachhinein die ideale Eröffnung gegen 1.e4 (und gegen diesen Gegner) war. Ich zitiere ihn noch etwas ausführlicher:
"Die Variante zeichnet sich aus durch Grabenkrieg [Original "trench warfare"] und - die Hauptsache - zum damaligen Zeitpunkt war die Theorie nur unzureichend entwickelt. Das 2000 Match lieferte einen gigantischen Impuls für dieses System, ernsthafte Diskussionen dauern immer noch an. Viele führende Grossmeister haben die Berliner Verteidigung in ihr Waffenarsenal aufgenommen und bewiesen dass sie spielbar ist. .... Die Stellung ist sehr reich, egal wie Schwarz sich entwickelt ist es für Weiss nicht leicht den besten Plan zu finden, angesichts sehr vieler Möglichkeiten."
Na ich kenne mich in der Variante praktisch gar nicht aus und vermeide sie tunlichst mit beiden Farben, aber Kramnik oder auch Aronian können wir uns als Gastautor absolut nicht leisten! Aber das folgende Endspiel ist ein Beispiel das selbst ich im Nachhinein verstehe oder glaube zu verstehen, lege aber erst nach der Eröffung richtig los. Schirow gelang es die Berliner Mauer niederzureissen, dafür musste er (vergleichsweise) rabiater zu Werke gehen als der nette ältere Herr auf dem Titelbild:

Schirow-Sargissian, Warschau 2012 (Schnellschach-EM letzte Runde)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 wir sprechen heute Berlinerisch. Hat Sargissian das von seinem Kumpel und Wahl-Berliner Aronian gelernt, oder war es anfangs sogar andersherum? 4.0-0 Sxe4 5.d4 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 Ich will es mit den Diagrammen nicht übertreiben, diese Stellung haben interessierte Leser wohl auch ohne noch vor ihrem geistigen Auge. Die Damen sind vom Brett, haben wir damit bereits ein Endspiel oder ist das ein damenloses Mittelspiel? Die Stellung wird - was immer das genau heissen mag - generell eher wie ein Endspiel behandelt. Andererseits spielt es manchmal (auch in dieser Partie) später eine Rolle dass der schwarze König im Zentrum anfällig stehen kann, und das ist eher ein Mittelspiel-Motiv?

Um kurz etwas abzuschweifen: Weiss kann diese damenlose Stellung vermeiden mit 4.d3 (mache ich zum Beispiel) oder 5.Te1. Beides verspricht nicht unbedingt Vorteil, und 5.Te1 ist sehr remislich (die Hauptvariante tendenziell auch) - ich zeige zwei hochinteressante Schlusstellungen aus der GM-Praxis, mit bewusst kleineren Diagrammen:
Adams-Aronian London 2011

Naiditsch-Aronian Porto Carras
Im zweiten Beispiel bot Weiss schon hier (nach 11 Zügen) remis, und Schwarz war einverstanden wohl eher zähneknirschend. Die Namen der Spieler verrate ich nicht - nur soviel: der Grossbuchstabe A ist mehrfach vertreten, ausserdem noch L, M und N (das habe ich doch schön hinbekommen?).
Wenn man in der Datenbank ganz unten schaut (bei elolosen Spielern) stellt man übrigens fest dass diese Variante mit 5.Te1 schon im allerersten offiziellen WM-Match reichlich geübt wurde, 1886 zwischen den Herren Steinitz und Zukertort, Steinitz holte mit Weiss +2=3-1.
Und was sagte Aronian dazu? "How do you feel if your opponent plays 5.Re1 against the Berlin?" "In that I case I feel sorrow and mild hatred for an opponent who’s refused to go for that most complicated and interesting of endgames." Tja, ein Nachteil dieser Variante ist dass Weiss mit 5.Te1 quasi remis erzwingen kann (Nachteil natürlich nur wenn Schwarz mehr will) wie auch Kramnik mehrfach feststellen musste. In unserer Partie spielte es wohl keine Rolle: Sargissian wäre wohl mit remis zufrieden, und Shirov wollte mehr - angesichts der Turniersituation und weil er der nominell stärkere Spieler ist.

Ende des Exkurses, weiter geht's: 9.Sc3 Ke8 10.h3 h5

Shirov-Sargissian 2
Damit haben wir was im (ursprünglich wohl russischen) Schachjargon als tabiya bezeichnet wird: grob gesagt eine Stellung die GMs im Blitztempo erreichen können denn das gab es schon zigmal - genauer gesagt laut meiner Datenbank 208-mal und oft zwischen sehr starken Spielern. Populär (u.a. auch Kramniks erste Wahl) ist es erst seit 2008, nur ein mir bekannter Spieler hat es schon viel früher versucht - Tony Miles im Mai 2000, das war noch viereinhalb Monate vor dem letzten K&K WM-Match! Ältere Züge sind 10.-Le7, 10.-a5, 10.-Se7, 10.-h6 und 10.-Le6 - aber hoppla, ich wollte doch die Eröffnungstheorie vernachlässigen, damit verwirre ich den Leser nur und mich selbst auch.
Was soll denn 10.-h5 ? Zum einen erschwert es die weisse Expansion am Königsflügel - so ähnlich gibt es das auch in diversen sizilianischen Abspielen (wo Schwarz hiermit quasi auf die kurze Rochade verzichtet, im Berliner irrelevant da schon längst passiert). Zum anderen muss Schwarz seinen h-Turm irgendwann irgendwie aktivieren, eventuell eben auch (siehe Partie) über h6. Das Schlüsselfeld der Partie habe ich nun schon genannt, aber schau'n mer mal was noch so passiert. 11.Lf4 Le7 12.Tad1 Le6 13.Sg5 Th6 sagte ich doch, immer noch 14 Vorgängerpartien darunter bekannte Schwarzspieler wie Karjakin, Naiditsch, Nakamura, Bacrot, Ponomariov, Anand und Malakhov 14.Tfe1 h4 hier offenbar neu (in ähnlichen Stellungen immer noch bekannt), letzter prominenter Vorgänger ist Caruana-Karjakin, Bilbao 2012 wo Schwarz 14.-Lb4 spielte und das wurde remis 15.Sce4 Tg6 Shirov hatte bereits ziemlich viel Bedenkzeit verbraten, und auch an seinem nächsten Zug überlegte er vielleicht fünf Minuten (wie gesagt, in einer Schnellpartie) 16.Sxe6 Txe6
Shirov-Sargissian 3
Was hat Weiss mit der schweren Geburt 16.Sxe6 erreicht? Damit halbierte er das schwarze Läuferpaar das sonst irgendwann wichtig werden könnte (u.a. so kann man im Berliner mit Schwarz auf Gewinn spielen) wobei der Le6 bisher noch keine konkrete Aufgabe hatte. Dagegen hat Schwarz jetzt (zumindest für diese Variante) seine Figuren recht harmonisch aufgestellt. Der Ta8 steht noch abseits, kann aber entweder auch vertikal entwickelt werden (was Schwarz zunächst versucht oder andeutet) oder auf d8 abgetauscht werden (was später passiert). Schnell wird klar was Shirov mit 16.Sxe6 konkret erreichen will: 17.g4 hxg3 18.fxg3
Shirov-Sargissian 4
Hier war mir bei der Liveübertragung bereits klar dass Weiss einen Freibauern auf der h-Linie bilden will, schafft er das? Im Nachhinein könnte man vermuten dass 17.-hxg3 vielleicht falsch war, ich denke eher nicht. Erstens war es wohl nicht partieentscheidend, zweitens heisst mein heutiger Verein so (En Passant), drittens ist die einzige Alternative 17.-Sh6 einfach hässlich, selbst für Berliner Verhältnisse - wie sagte Kramnik in der Pressekonferenz nach seiner Londoner Partie gegen Aronian: "The Berlin is ugly!". Dann könnte der Bauer auf h4 (zu) schwach werden, oder Weiss spielt langsam aber sicher Lh2 und f2-f4-f5.
Engines hatten 17.g4 übrigens zunächst nicht in der engeren Wahl, Houdini hat anfangs (neben dem schon plausiblen 17.Sg5) unter anderem Tb1, Tc1 und Ta1 im Angebot was mich irgendwie gar nicht überzeugt. 17.g4 ist für mich der naheliegendste Zug, und ich sehe auch nicht wie und warum man das erst noch vorbereiten müsste. Irgendwann sehen Engines es auch, oder auch das gleichwertige 17.g3 mit der Drohung 18.g4. Wenn ich schon Engines erwähne kann ich nochmal Meister Kramnik AKA Big Vlad zitieren, vielleicht exklusiv für die westliche Welt. Das sagte er vor fast einem Jahr in einem Skype-Interview mit chess-news.ru - Livekommentar zu Wijk aan Zee wo er nicht eingeladen wurde (dieses Jahr wieder nicht):
"Alle spielen meine Eröffnungen. Die Berliner Variante wurde populär denn Engines wurden besser - statt wie früher die weisse Stellung zu überschätzen verstehen sie nun auch das schwarze Spiel. Damit spielen es nun auch vom Computer hypnotisierte Spieler. Allerdings übertreiben es Engines nun andersrum: Houdini hat eine Tendenz zu 0.00 selbst wenn Weiss besser steht."
Ausserdem interviewte chess-news.ru "Small Vlad" (Giris Trainer Vladimir Chuchelov) und noch jemand dessen Namen ich nicht entziffern kann. Damit weiss der Leser dass ich gar kein Russisch kann - das hatte mir ein Schachfreund freundlicher- und auszugsweise bzw. sinngemäss übersetzt. Ich wusste es da Gert Ligterink es in einer niederländischen Zeitung erwähnte und habe nachgefragt (nicht bei Ligterink).
Was Engines betrifft hat Kramnik wohl Recht: Houdini sagt hier zwar nicht 0.00 aber nur 0.2-0.3 während Stockfish doch viel lieber Weiss hätte (0.6-0.8).
Zurück zur Partie: 18.-c5 19.c3 a5 20.h4 a4 Schwarz mobilisiert auch seinen a-Bauern und droht nun positionell a4-a3, wahrscheinlich erst nach c5-c4 und der Turm steht auf der a-Linie richtig. 21.a3 Shirov hat es gesehen 21.-Sh6 22.Kg2 Sg4 23.Sg5
Shirov-Sargissian 5
Ist das die kritische Stellung der Partie? Ob das Manöver Sf5-h6-g4 mit (etwas) Druck gegen e5 glücklich war sei dahingestellt, beide Engines bestehen nun auf 23.-Lxg5 24.hxg5 und das wars dann mit einem weissen h-Freibauern. Moment mal, steht der Sg4 dann nicht gefährdet? Kein Problem für Engines das taktisch zusammenzuhalten: 24.-Td8 (nicht erzwungen aber plausibel) 25.Txd8+ Kxd8. Wenn es jetzt - als legalen Zug - die lettische Rochade gäbe nämlich in einem Zug Te2 und Kf3 dann könnte Schwarz aufgeben. So geht nach 26.Te2 oder 26.Kf3 26.-f5 27.gxf6 Sxf6 dank der entstandenen Fesselung auf der e-Linie. Nun hat Weiss zwar einen e-Freibauern, aber der scheint sicher blockiert. Interessant dass hier ein taktisches Motiv die schwarze Stellung zusammenhält während sie später taktisch zusammenbricht und da ist die e-Linie auch wichtig.
Nach 23.-Tb6 verliert auch Houdini den Glauben an die schwarze Stellung. Der Druck gegen e5 ist hinfällig, der gegen b2 entlockt Weiss nur ein müdes Lächeln und dann marschieren die g- und h-Bauern. 24.Te2 Td8 Ideen wie -Ta6 oder -Ta5 sind nicht mehr relevant, also wird er nun abgetauscht 25.Txd8+ Lxd8 26.Kf3 Nun geht 26.-f5 natürlich nicht, daher muss der Springer zurück. 26.-Sh6 27.Se4 Tc6 28.h5 Sg8 Das musste noch nicht sein, aber Weiss spielt ohnehin g3-g4-g5 29.g4
Shirov-Sargissian 6
Jeweils ein Schritt weiter im Vergleich zum letzten Diagramm, und weiter wird es gehen. 29.-Le7 30.g5 Lf8 31.Kg4 b5
Shirov-Sargissian 7

Schwarz stemmt sich mit allen Kräften gegen h5-h6 (den Turm muss er dafür nicht nach h8 zurückbeordern, der hat auf c6 dieselbe Aufgabe). Der nächste Zug kam für mich überraschend, für Sargissian vielleicht auch: 32.h6 Naja überraschend ist vielleicht falsch ausgedrückt - damit muss man rechnen, das muss man berechnen. Aber geht es wirklich, und warum? Dafür musste A, B und C zusammenkommen: 32.-gxh6 33.Sf6+ A ermöglichte B, B rechtfertigt A aber nur zusammen mit C 33.-Sxf6+ 34.exf6 SCHACH
Shirov-Sargissian 8

Das entscheidende Tempo: dass Weiss am Ende einen Bauern weniger hat ist natürlich reine Erbsenzählerei denn weder der schwarze f-Bauer (obwohl auch Freibauer) noch der Doppel-Mehrbauer am Damenflügel spielt irgendeine Rolle. Der Rest ist trivial auch wenn ich noch zwei Diagramme setzen werde. Schwarz konnte dieses Abzugsschach mit dem prophylaktischen 31.-Kd7 verhindern, dann hat Weiss wohl keinen forcierten Gewinn. Er macht dann wohl am Damenflügel weiter mit 32.c4, der Springer hüpft über c3 nach d5 oder b5 undsoweiter undsofort, Schwarz muss nach wie vor immer mit h5-h6 rechnen. Ob Schwarz eine Art Festung hat die hält, dafür müsste man lange analysieren (und zumindest ich würde zu keinem Endurteil kommen). 31.-b5 wollte wohl 23.c4 verhindern und zumindest so tun als ob Schwarz auch einen aktiven Plan hat? 34.-Kd7 35.Td2+ Ke8 ob 35.-Kc8 zäher war? Schwarz ist wohl ohnehin glatt verloren. 36.gxh6 Txf6 37.Lg5
Shirov-Sargissian 9
Hier kann Schwarz noch das trickreiche 37.-Lxh6 versuchen und Weiss muss ein bisschen aufpassen: nicht etwa automatisch 38.Lxf6?? Lxd2 sondern erst 38.Te2+ was mindestens einen Läufer gewinnt. Mit dem König auf c8 ginge das nicht (und dank b7-b5 ist Td8 auch kein Matt), aber dann hätte Shirov das sicher anders gespielt. 37.-Td6 laut Stockfish am besten (Houdini nennt 37.-Lxh6 etwas weniger hoffnungslos) aber hier war Ke8 fällt nach e9 bereits eine plausible Alternative. 38.Txd6 cxd6 39.h7 Lg7 40.Kf5
Shirov-Sargissian 10
1-0 mehr fällt mir zu dieser Stellung auch nicht ein.

Noch ein paar Worte zum Nachtisch: Teil 3 ist momentan nicht geplant, unter anderem da derlei Beiträge recht viel Zeit kosten. Nochmals: falls jemand anders sich ge- und berufen fühlt, herzlich willkommen! Zum Beispiel könnte man Tiviakovs Endspiele bei der World Cities Championship zwischen den Jahren näher unter die Lupe nehmen !? Der Reiz dieses und des vorigen Endspiels (Dreev-Naiditsch vom selben Turnier) lag für mich auch darin dass ich beide Partien live verfolgt habe - und im Schnellschach geht das ja flotter als bei klassischen Partien die stundenlang dauern. Und Endspiele die 60, 80 oder 100 Züge dauern will ich mir (und den Lesern !?) nicht zumuten.
Kommentare sind wiederum ausdrücklich willkommen. Da würde es mich sehr wundern oder überraschen wenn jemand die Stellung nach 31.-Kd7 32.c4 abschliessend beurteilen kann - "Weiss steht besser" reicht da nicht aus!

 

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Montag, 31. Dezember 2012 15:57

Meine Spieler des Jahres 2012

Ein Schachjahr ist zu Ende, und der Tradition folgend veröffentliche ich hier meine Spieler des Jahres. Die ersten drei fielen mir leicht, die weitere Reihenfolge schon schwerer. 

1. Magnus Carlsen bekommt von mir wie im Vorjahr die Bestnote. Er leistete sich kein einziges schwaches Resultat, aber einige sehr gute und brach mit seiner ab 1. Jänner gültigen Elozahl 2861 Kasparows Rekord. Sein Sieg gegen Anand in Bilbao war für mich die Partie des Jahres.

2. Lewon Aronjan gewann in Wijk aan Zee mit einem Riesenresultat (sieben Siege!) und führte Armenien schon zum dritten Mal zu Olympiagold. Auch seine Rückkehr in die Schachbundesliga für die sympathischen Schachfreunde Berlin gefiel mir. Dass Lewon das Jahr schwach abschloss und auf Weltranglistenplatz drei zurückfiel, Schwamm drüber.

3. Fabiano Caruana spielte sich 2012 mit zweiten Plätzen in Wijk aan Zee und Moskau sowie geteilten ersten Plätzen in Dortmund und Sao Paolo/Bilbao in die Weltspitze und aus dem Schatten des in den vorigen Jahren stärker beachteten Anish Giri. Ich muss zugeben, dass ich das dem 20jährigen nicht zugetraut hatte.

4. Garri Kasparow steht hier nicht als Spieler (er steht ja nur noch für wenige Schaukämpfe und Simultane zur Verfügung) sondern als Motor der erfolgreichen Kampagne um die Unterstützung des Europäischen Parlaments für Schulschach und dank seiner Ansage, 2014 alles für die Ablöse Iljumschinows an der Spitze der FIDE zu tun bis hin zu einer eigenen Kandidatur. Ich setze ihn als Nummer vier als kleine Zäsur zwischen den ersten drei und den folgenden Spielern.

5. Wladimir Kramnik fiel mir durch einige Gewinnpartien (gegen Aronjan bei der Olympiade oder gegen Meier in Dortmund) auf. Dass er die aktuelle Nummer zwei der Weltrangliste ist, zeigt seine Stärke, auch wenn er 2012 nicht zu einem eigentlich verdienten Turniersieg kam: In Dortmund zermürbte er sich gegen Leko, in London war Carlsen vom Glück verfolgt.  

6. Boris Gelfand rettete die WM mit dem interessanteren Schach. Er hätte den Sieg gegen Anand verdient gehabt. Als Cosieger des ersten Grandprixturniers in London zeigte der immerhin schon 44jährige, dass das Kandidatenturnier 2011 nicht sein letzter Erfolg bleibt.

7. Sergei Karjakin wurde Schnellschachweltmeister, Cosieger in Dortmund und Taschkent, gewann das starke Blitzturnier in Peking. In Erinnerung blieb auch sein Abschneiden in Wijk aan Zee: Fünf Siege, aber auch fünf Niederlagen. Schade, dass er die Qualifikation fürs Kandidatenturnier als Weltcupvierter denkbar knapp verpasst hat.  

8. Daniel Fridman wurde Deutscher Meister, bester Deutscher bei der EM und war der wichtigste deutsche Leistungsträger bei der Schacholympiade. In Istanbul hätte er eine Medaille und einen schönen Geldpreis sicher gehabt, hätte er sich in der letzten Runde gegen die um Gold kämpfenden Russen nicht ans Brett gesetzt. Doch vorbildlich kämpfte er. Das alles rechtfertigt meines Ermessens einen Platz auch in einer internationalen Liste und ist ein Wink mit dem Zaunpfahl an alle, die sich an der vom Deutschen Schachbund ausgelobten Wahl des Deutschen Spielers des Jahres beteiligen.    

9. Dmitri Jakowenko wurde verdient Europameister. An ihm lag es am wenigsten, dass Russland wieder nicht die Olympiade gewann. Pech, dass er weder zum Grandprix noch sonstigen Eliteturnieren eingeladen wurde.

10. Wang Hao gewann in Biel, wurde Cosieger in Taschkent und spielte eine starke Schacholympiade bis zur wichtigen letzten Runde, als er gegen Iwantschuk verlor und China auf den undankbaren vierten Platz abrutschte.

 Noch kurz zu denen, die nicht vorkommen: Dass Mister 50 Prozent Anand trotz geglückter Titelverteidigung nicht auf meiner Liste steht, braucht keine weitere Erläuterung. Radschabow hat für meinen Geschmack zu wenig gespielt. Nakamura gewann zwar in Hoogeveen aber kein größeres Turnier.   

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Donnerstag, 14. Juni 2012 04:59

Der nächste FIDE-Präsident

Gemunkelt wird seit Monaten. Nun ist die Katze aus dem Sack. Garri Kasparow sagte der Frankfurter Allgemeinen, dass er 2014 wahrscheinlich selbst für die FIDE-Präsidentschaft kandidieren werde. Auch die Unterstützung eines anderen Kandidaten schließt er nicht aus. Hauptsache, Iljumschinow kommt weg. Der Schaden, den der Kalmücke für Schach angerichtet hat, zuletzt Ende April mit einem Besuch bei Syriens Diktator Assad, sei immens. 

 

Anders als 2010, als er Karpow unterstützte und die Kampagne kurz und nicht ausreichend vorbereitet war, plant Kasparow von langer Hand. Er hat ein positives Projekt (nämlich Schach in die Schulen zu bringen). Er hat erste Erfolge (vor allem die Unterstützung des EU-Parlaments). Er hat eine weltumspannende Struktur: seine Kasparov Chess Foundation ist mit Büros in Brüssel, New Jersey, Johannesburg, Sao Paolo und Abu Dhabi auf allen Kontinenten außer Australien vertreten. und er hat Geldgeber.

 

Die Chancen stehen besser als 2006 für Bessel Kok und 2010 für Anatoli Karpow. Die nächste FIDE-Wahl findet 2014 im demokratischen Norwegen statt. Die FIDE-Führung ist im Clinch mit dem mächtigen Russischen Schachverband. Ali Nihat Yacizi, der Iljumschinow selbst (und von dessen Gnaden) beerben will, demontiert sich als Veranstalter der Schacholympiade gerade selbst. Um zu gewinnen, muss Kasparow neben den Stimmen der nicht käuflichen Verbände (vielleicht ein Drittel) auch die, nennen wir sie: nicht völlig korrupten Delegierten gewinnen.

 

Man muss jetzt nicht glauben, dass unter Iljumschinows Anhängern das große Zähneklappern ausbricht. Im Gegenteil herrscht Vorfreude. Viele erwarten, so hört man, dass russisches Geld in Hülle und Fülle an sie fließen werde, um einen Erfolg des Putin-Gegners auf dem Schachparkett zu verhindern. Aber wenn man im Kreml Kasparow wirklich loswerden will, macht es da nicht eher Sinn, ihm die Spielwiese des Weltschachbunds zu überlassen?

 

Aber warum tut Kasparow sich die FIDE an? Hat er nicht schon genug um die Ohren? Oppositionsarbeit gegen Putin. Eine junge Familie (seine dritte). Eine ohne FIDE-Ambitionen im Hintergrund vielleicht glaubwürdigere Schulschach-Organisation. Daneben Buchverträge (dieses wurde anscheinend von 2012 auf 2016 (!) verschoben), Vortragsreisen, dazwischen auch mal ein Auftritt als WM-Kommentator oder Simultanspieler. Ferner sucht er ja auch schon Jobs als Trainer und Sekundant. Hat Kasparows Tag mehr als 24 Stunden? Hat der Mann noch nie von Burnout gehört?

 

Anand meint ja, wie er nach seiner Rückkehr von der WM sagte, Kasparow bereue seinen zu frühen Abtritt als Spieler und sehne sich die frühere Aufmerksamkeit zurück. Und Gelfand fände es einen Segen für das Schach, würde der Übervater nicht rummaulen sondern wieder spielen.

 

Wenn Kasparow es ernst meint mit der FIDE-Präsidentschaft sollte er nicht nur fokussieren sondern auch seine Rhetorik überdenken. Das verbale Austeilen und Aufdecken von Missständen zumindest öfter mal anderen überlassen und selbst so positiv wie möglich auftreten. Schließlich muss seine Message lauten, Schach voranzubringen. Chess, We Can! 

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Mittwoch, 28. März 2012 04:56

Schach will Schule machen

Sollen alle Kinder in der Schule Schach lernen? Armenien hat Schach als erstes Land als Pflichtfach eingeführt. Immerhin an die 15 deutsche Schulen probieren es ebenfalls. Auf der Dialogseite des Kanzleramts hat der Vorschlag reichlich Unterstützung und gute Chancen, als einer der ersten zehn zu einer Veranstaltung mit Kanzlerin Merkel eingeladen zu werden.

Dass sich das Europäische Parlament für Schach in der Schule ausgesprochen hat, ist vor allem der Initiative Kasparows zu verdanken. Der Russe jettet derzeit um den Globus, um für Schulschach zu werben. Die letzten Tage verbrachte er in Südafrika, um dort die Kasparov Chess Foundation Africa aus der Taufe zu heben. An diesem Mittwoch wirbt er in Paris mit einer Rede in der UNESO bei den Journées de l´Innovation für Schach in der Schule.

Auch die FIDE hat neuerdings ein ehrgeiziges Schulschachprogramm. Als Hauptsponsor tritt die halbstaatliche russische Ölgesellschaft Rosneft auf. An diesem Donnerstag präsentiert Ali Nihat Yacizi das Chess in Schools-Programm der FIDE (CIS100) in Wien.

Ebenfalls in Wien veranstalte ich in genau einem Monat in der Albertina einen international besetzten Workshop über die Chancen, die sich für Schach im Schulsystem insbesondere dank der Unterstützung auf EU-Ebene bieten, eingebettet in das Zweite Wiener Kinderschachfest mit als Headliner einem Uhrensimultan von Wesselin Topalow gegen eine internationale U18-Auswahl.  

 

 

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Donnerstag, 16. Februar 2012 20:49

Gute Nachrichten aus Strasbourg

Die Schachdelegation hat bei der Sitzungswoche des EU-Parlaments in Strasbourg ganze Arbeit geleistet. Fast hätten sie alle gefordeten Unterschriften bereits beisammen für eine Erklärung des Parlaments zugunsten von Schach in den Schulen. Laut Garri Kasparow, einem der Initiatoren, fehlen jetzt noch drei. Und die sind während der Sitzungswoche am 12.-15.März mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit zusammenzubringen. Und noch einige mehr, denn ein paar Dutzend Abgeordnete, die ihre Unterstützung versprochen haben, haben noch nicht unterschrieben. Kasparow hat sich seit Monaten ins Zeug gelegt, um die politische Unterstützung für Schulschach zu sichern, und wird zu dem Zweck auch im März noch einmal nach Brüssel reisen.

bannerendspiel anzZu denken gibt allerdings die unterdurchschnittliche Unterstützung unter den deutschen EU-Abgeordneten, vor allem bedingt durch die Haltung der Christdemokraten, die keine einheitliche Empfehlung im Schulwesen wollen, auch wenn sie, wie die Saarbrückerin und Kulturausschuss-Vorsitzende Doris Pack Schulschach persönlich unterstützen. Mit Begeisterung unterschrieben hat dagegen Angelika Niebler (CSU), deren Buben selbst an der Schule Schach haben und die den Vorsitzenden der Deutschen Schulschachstiftung Walter Rädler kennt und schätzt. Auch von den französischen und britischen Abgeordneten haben weniger als erwartet oder erhofft unterschrieben. Besser schaut es bei den Österreichen aus. Ganz vorne liegen die Osteuropäer. Sie haben nicht so viele Abgeordnete, aber ein sehr hoher Teil von ihnen unterstützt Schulschach. Die bulgarischen Delegierten gleich zu 100 Prozent.

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Dienstag, 14. Februar 2012 09:36

110 EU-Abgeordnete für Schach gesucht

Wer die Weltrangliste anführt, wer in Wijk aan Zee oder Linares gewinnt, welcher Verein Deutscher Meister wird, welche Variante am besten gegen Grünfeldindisch punktet, all das sind Kinkerlitzchen und beeinflussen unser Spiel wenig verglichen mit der Entscheidung des Europäischen Parlaments über eine Initiative, Schach im Schulsystem zu verankern. Es muss ja nicht gleich als Pflichtfach sein wie seit kurzem in Armenien an den Grundschulen. Wenn mindestens 369 Abgeordnete bis 15.März unterschrieben haben, ist die Initiative angenommen, und die öffentliche Förderung des Schachs an Schulen kann und wird in vielen EU-Ländern massiv zunehmen. Angesichts dieser Bedeutung ist es vergleichsweise ruhig um die Initiative in den Schachmedien. Eigentlich beschämend ruhig.

259 Unterschriften waren vor dieser Sitzungswoche bereits zusammen, berichtet El País. Das Ziel ist noch nicht erreicht, aber in Reichweite, und diese Woche ist vorentscheidend. Dieser Tage sind die beiden Initiatoren von schachlicher Seite Garri Kasparow, der eine Stiftung für Schulschach ins Leben gerufen hat, und Silvio Danailow, der Präsident der Europäischen Schachunion, im EU-Parlament in Strasbourg. Am Mittwoch stehen ein Seminar und eine Simultanvorstellung auf dem Programm. Die Hoffnung, dass Abgeordnete fraktionsweise ihre Unterstützung erklären, hat sich nicht erfüllt. Um jede Unterschrift muss während der wenigen Sitzungswochen gekämpft werden. Gerade von den deutschen Abgeordneten haben viele noch nicht unterschrieben. Jeder, der einen Draht zu seinem Abgeordneten oder einer Partei hat, kann etwas beitragen.

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Sonntag, 27. November 2011 11:27

Ein Audi in Nordafrika

Welch eine Woche. Lang hat an 46 Brettern kurzen Prozess gemacht. Der Weltmeister hat sich dort, wo er seinen nächsten fetten Scheck abzocken wird, mit einem Vishywaschi-Resultat beliebt gemacht. Hou hat sich (und vielleicht mögliche Geldgeber) für einen Zweikampf gegen Judit warmgespielt. Kasparow hat sein Schulschachengegament in der FAZ erklärt. Die FIDE hat das nächste Kandidatenturnier nahezu stillschweigend in ein doppelrundiges Achterturnier umgemodelt. Fridman hat in Sachen Nationalmannschaft und DSB zu retten versucht, was an Common Sense geblieben ist. Und Naiditsch ist mal eben nach Nordafrika gedüst und hat einen Audi abgeliefert - soll keiner glauben, dass ein noch im Nachhinein so umkämpfter Europameistertitel keine Spuren hinterlässt. Sein Team Marcote war denn auch die große Enttäuschung des Finals der im von hohen Zäunen umgebenen Mellila ausgetragenen Spanischen Mannschaftsmeisterschaft. Zwei mit hochrangigen Legionären bestückte und mit baskischem Geld finanzierte Teams, Sestao und Gros Taldea aus San Sebastian, haben es dominiert. Als Einzelspieler domingierte Dominguez. Fehlt noch was?    

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Dienstag, 12. Juli 2011 11:24

Hopp auf, zum Schachturnier!

Der Sommer ist theoretisch da, der Urlaub kann theoretisch beginnen, alles wird gut. Sommerzeit ist Open-Zeit, und der Möglichkeiten sind viele, um in Deutschland, Österreich und in anderen schönen Teilen der Welt an Turnieren teilzunehmen. Glücklich die Schachspieler, die den Alltag hinter sich lassen und auf Reisen gehen können. 

Und überall klangvolle Namen, klangvolle Spielorte: auch heute sitzen schon wieder 223 Spieler beim St.Pauli-Open an den Brettern, Anish Giri fährt in ein paar Tagen zum Open nach Dortmund, und Jan Gustafsson steht auf der Teilnehmerliste für den Politiken Cup in Kopenhagen, der Ende Juli beginnt. In Baden-Baden geht Anfang August Rainer Buhmann an den Start, und die Niedersächsische Schachjugend macht sich als U18-Nationalmannschaft auf den Weg und tigert nach Rumänien zur Europameisterschaft.

Wobei es eigenartig anmuten mag, dass man durch die ganze Welt reist und so viele Kilometer überwindet, wenn man dann doch wieder nur am Schachbrett sitzt und vom Gegner und/ oder der Slawischen Verteidigung in tiefe Frustrationen gestürzt wird. Es gibt auf Turnieren ja viel Zeit, um zu bereuen – gerade nach enttäuschenden Partien. Bereue!

Doch wie wir alle wissen: nicht nur der Erfolg in den Partien macht so eine Schachreise zu einem schönen Erlebnis, auch das ganze Drumherum gehört dazu. Wenn wir nette Leute treffen, Zeit haben und ein offenes Auge finden für den Spielort und die neue Umgebung, dann wird es eine tolle Reise. Gleich um die Ecke warten ja schon schöne Sehenswürdigkeiten, die Alster und der Schwarzwald vielleicht, der Tivoli in Kopenhagen oder die Zeche Zollverein in Duisburg. Und außerdem – wer sagt denn, dass unsere Schachpartien immer schlecht ausgehen müssen? Manchmal enden sie auch gut für uns, und dann ist das Open-Glück schon ziemlich perfekt.

Bei der klassischen Turnierform spielt man neun Runden in neun Tagen. Viele Spieler legen viel Wert darauf, dass die Partien nicht zu früh angesetzt werden, so dass man in den Tag hineinleben kann – denn immerhin ist es ja Urlaub. Doch auch andere Modi sind denkbar. Bei einem Zwei-Mann-Open 1984 in Moskau beispielsweise spielten Karpov und Kasparov an 151 Tagen über 48 Partien – vom 10.September 1984 bis zum 08.Februar 1985! Diese etwas extremere Form des Schachturniers hat sich so allerdings nicht weiter durchsetzen können. Ganz im Gegenteil ballen sich heute in vielen Wettbewerben sieben Runden an vier Tagen zusammen – das ist intensiv und flott. Bei diesem Modus bleibt wenig Zeit für eine genaue Vorbereitung auf den Gegner. Somit sind alle Teilnehmer immerhin mehr oder weniger gleich ratlos, wenn sie sich ans Brett setzen.

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Kennen wir uns nicht schon aus der letzten Runde?
Quelle: Owen Williams, The Kasparov Agency

Eine angenehme Mischform bietet das Open in Baden-Baden, bei dem man sieben Runden an fünf Tagen spielt. Dadurch gibt es nur zwei Doppelrunden, und das ist nicht unangenehm. Vor elf Jahren reisten ein paar Freunde vom Lübecker SV und ich schon einmal zu diesem Turnier, und was soll man sagen - einladend ist die Stadt und reizend die Umgebung, besonders auch, wenn man von der Küste kommt! Auch trifft man alte Freunde wieder, oder aber man findet sich als Norddeutscher wieder in einem Feld von 200 badischen Schachspielern, die man noch nie in seinem Leben gesehen hat. Auch das ist reizvoll. Gens una sumus - wir sind eine (große!) Familie.

Das Baden-Baden Open 2000 gewann damals der Lübecker Stefan Lindemann in großem Stil – vielleicht lag es daran, dass er nicht mit uns in der Wohnung schlief, sondern auf halber Treppe im Hausflur auf einer Couch übernachtete. So wird man Turniersieger! Vielleicht machte diese Abwechslung den Unterschied aus, doch wahrscheinlich war es einfach seine gute Form und Spielstärke, durch die er das Turnier gewann. (Dennoch werde ich beim nächsten Open vielleicht mal campen und auf einer Isomatte schlafen – wer weiß, was es bringt!)

Für mich endete das Turnier mit einem kleinen Geldpreis, nachdem ich in der letzten Runde noch eine wilde Partie gewinnen konnte. Agonie befiel mich allerdings in der sechsten Runde nach der verlorenen Partie gegen das Karlsruher Urgestein Clemens Werner:

steffens-werner intro

Stellung nach 27..Td1-d6

In leicht verworrener Stellung und bei für beide Seiten kitzliger Zeitverteilung folgte nun  

27….Sf6-d5, 28.Se3xd5, c6xd5 29.Td6-d8,  Dc5-b5.

steffens-werner rtsel

Der Tor zum vollen Punkt steht nun plötzlich weit offen. Wie hätte Weiß spielen sollen? (Hat er aber nicht!)

a) Weiß steht eigentlich gut nach 30.Td8xe8.
b) Weiß steht eigentlich prima nach 30.Tf1-f3.
c) Weiß steht eigentlich bestens, muss aber irgendetwas anderes spielen als 30.Txe8 und 30.Tf3.

d) Weiß sollte lieber schnell Remis anbieten, denn nachher hat er ja noch verloren!

Hier die Partie zum Nachspielen:


Wir fragen abschließend: Steigert Turnierspielen das Lebensglück? Natürlich ist diese Frage schwer zu beantworten, doch wie so oft können wir dazu den Nürnberger Altmeister Siegbert Tarrasch zitieren:

„Schach hat wie die Liebe, wie die Musik die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. (Indes - bei einem Interview mit New in Chess im Jahr 1970 hat Tarrasch seinen Ausspruch zwar noch um „Sehr schön sind allerdings auch die fränkischen Weine und die Fußball-Bundesliga!“ ergänzt, doch konnte sich diese Version nie ganz gegen das Original durchsetzen.)

In diesem Sinne – allen Lesern einen schönen Schach-Sommer und eine tolle Open-Saison!

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Tarrasch und Lasker bei einem frühen Zwei-Mann-Open im Jahr 1908
Quelle: wikicommons


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1992 konnten sich der Weltschachbund, Weltmeister Garri Kasparow und sein Herausforderer Nigel Short nicht über die Austragungsmodalitäten des anstehenden WM-Kampfes einigen. Es kam zum Bruch. Kasparow und Short gründeten ihren eigenen Verband, PCA (Professional Chess Association) – der Wahlspruch der FIDE „Gens una Sumus“ (wir sind eine Familie) galt nicht mehr. Zustände, die beim Boxen schon lange zuvor an der Tagesordnung waren, hielten Einzug: Zwei Verbände mit zwei Weltmeistern, wobei der Titel der FIDE ohne die schillernde Persönlichkeit des weltbesten Spielers, Kasparow, immer mehr an Bedeutung verlor.

Doch auch Kasparow hatte es nicht leicht, für das Match gegen Short Sponsoren zu finden. Bei den Buchmachern galt er mit 4,5:1 als klarer Favorit und seine Anpassung an Boxersprüche mit "It will be Short and it will be short!" erleichterte die Sache nicht unbedingt. Doch gelang es mit Hilfe der Times of London in Englands Hauptstadt einen würdigen Rahmen zu schaffen. Doch die Buchmacher sollten recht behalten. Nach 9 Runden stand es 7:2 am Ende 12,5:7,5 für Kasparow.

Im Oktober soll es nun unbestätigten Angaben zufolge zu einem Rematch im belgischen Leuven im Oktober kommen. Natürlich nur ein Schaukampf mit verkürzter Bedenkzeit, denn nach seinem überraschenden Rückzug vom Turnierschach vor sechs Jahren, hat Garri keine elogewertete Partie mehr gespielt. Sein Fokus gilt der russischen Politik mit dem Bestreben Präsident zu werden. Allerdings agiert er hier deutlich weniger erfolgreich als im Schach. Seine Partei kämpft auch nach Jahren noch mit der 5%-Marke.

short400classicDer Wahlgrieche Short hingegen, derzeit mit Elo 2682 die Nummer 54 der Welt und hierzulande bestens bekannt durch seine permanente Präsenz auf dem Schachserver schach.de, ist nach wie vor aktiver Turnierspieler. An der Einschätzung der Buchmacher wird sich aber auch 18 Jahre später wenig geändert haben.

In Erinnerung blieb mir Shorts Äußerung in einem Interview vor langer Zeit auf der Jugend-WM. Auf die Frage nach seinem größten Hobby antwortete er „chasing girls“. Möglicherweise auch ein Grund, weshalb der Englands größtes Talent sich nie in den TOP10 positionieren konnte.

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