SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Freitag,25 April 2014

Aktualisiert07:29:34 Fri

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Stefan Löffler

Stefan Löffler

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Ein Freund fühlte sich beschissen. Er konnte es nicht beweisen, aber er war überzeugt, dass sein letzter Gegner betrogen hatte. Es gab so viele Verdachtsmomente: Dass sein Gegner anders spielte als in den Partien aus der Datenbank. Dass er ein Remisgebot als 150 Elopunkte Schwächerer sofort ablehnte. Dass er ständig mit den Händen fummelte. Dass er für 0815-Züge in der Eröffnung ewig brauchte, aber fast im Minutentakt zog, als er seinen positionellen Vorteil ausbaute und schließlich mit einem feinen Bauernopfer ein Mattnetz knüpfte.

Kurz vor Ende hatte mein Freund genug und holte die Schiedsrichterin. Er habe nichts Stichhaltiges, aber sein Gegner spiele verdächtig stark. In folgender Stellung forderte die Schiedsrichterin also seinen Gegner auf, seine Taschen zu leeren. Theatralisch packte er ein paar Sachen auf einen Tisch, auch ein ausgeschaltetes Handy, und sagte schließlich ein Matt an. Zum vermeintlichen Beweis schmetterte er in dieser Stellung Kh1-g2 aufs Brett.

Für meinen Freund war das auch eine Art Beweis. Nicht sofort. Aber als er die Partie später am Computer nachspielte, habe fast jeder weiße Zug gepasst. Nur eben Kg2 nicht, was sein Gegner zog, als er durch die Schiedsrichterin unter Druck war. Offensichtlich habe sein Gegner gewusst, dass es matt ist, aber nicht wie. Eine brillante Opferzugfolge hätte tatsächlich mattgesetzt. Sehen Sie wie?

Nach Kh1-g2 droht zwar sowohl h2-h3 matt als auch Se8-f6 matt, aber mein Freund war mit f7-f5 wieder im Spiel. Doch in Zeitnot patzte er gleich wieder und verlor. Der Gegner meines Freundes hatte in dem Turnier damit nun eine um 300 Elo höhere Performance als seine Elozahl erwarten ließ. Das alles schien mir Grund genug, Ken Regan einzuschalten. Der Informatikprofessor an der State University of New York Buffalo ist derzeit die Anlaufstelle für alle, die während eines Turniers einen Betrugsverdacht haben und diskret prüfen lassen wollen. In der Anfangszeit, bis zum Fall Feller bei der Schacholympiade 2010, sei es noch meist darum gegangen, falsche Anschuldigungen zu entkräften, so Regan. Inzwischen habe er fast täglich Anfragen.

Doch die Partien des Gegners meines Freundes zeigen nur eine leicht höhere Übereinstimmung mit Houdini-Zügen als seine Elozahl erwarten lässt. Er wuchs nicht annähernd so über sich hinaus wie ein Jens Kotainy. In den späteren Runden fiel seine Eloleistung wieder ab. Selbst in der besagten Partie muss Regan mehrere Konfigurationen testen, bis die Quote in einen halbverdächtigen Bereich rutscht. Regans Analyse entlastet ihn. Der Fall sei aber interessant, und er will ihn, anonymisiert versteht sich, mit den Kollegen der gemeinsamen Antibetrugskommission von FIDE und Spielervereinigung ACP diskutieren.

Wie es aussieht, bin ich wohl selbst der von mir kürzlich in einem FAZ-Artikel über Betrug im Schach beschriebenen Paranoia verfallen. Wer über seiner Eloleistung spielt und sich ein wenig ungewöhnlich benimmt, macht sich heutzutage verdächtig. Ich glaube nicht, dass der Gegner meines Freunds den Betrugsverdacht mit Absicht weckte. Aber viel spricht dafür, dass wer erfolgreich einen falschen Betrugsverdacht weckt, die Spielleistung seines Gegners ganz schön drücken kann. Wenn ich mir die Züge meines Freund heute nochmal ansehe, wird mir klar: Er hatte einen ziemlich schlechten Tag. Das sieht er mittlerweile selbst so.

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Wer braucht den Weltcup? Mir fallen ein: Profis der zweiten Reihe, die sonst nie 5000 Euro Antrittsgeld erhalten. Ein paar Funktionäre, die gut dotierte Schiri- und Schiedsgerichtsposten kriegen. Schnellschachexperten wie Dimitri Andreikin, die sonst nie eine Chance hätten, WM-Kandidat zu werden. Zsuzsa Polgar, die sich abmüht, sich zu profilieren, die aber von Nigel Short, zumindest nach Meinung einiger Leser dieses Blogs, durch Witz, Bildung und Schachexpertise bei der Livekommentierung ausgestochen wird. Das Schachpublikum braucht das Turnier eher nicht. Die schachliche Ausbeute von 128 Weltcupteilnehmern scheint mir nicht größer als die der zehn Großmeister des unmittelbar vorangegangenen Dortmunder Sparkassen Chess Meetings.

Ohne Wladimir Kramnik wäre die Endphase des Weltcups eine Farce. Dabei mag er den Modus eigentlich nicht und ist (wie Aronjan) nur deshalb angetreten, weil die FIDE die Qualifikation über Elo fürs Kandidatenturnier an die Teilnahme an Grandprix oder Weltcup knüpfte. Es ist ein Treppenwitz, dass Kramnik durch seine eher unfreiwillige Teilnahme die WM-Qualifikation verzerrt. Spieler, die in Tromsö neben ihm schachliche Akzente setzten wie Kamsky, Tomaschewski, Swidler oder der 14jährige Wei Yi ,sind gescheitert. Die Sieger heißen, obwohl sie beim Weltcup Elopunkte lassen, Andreikin und Sergei Karjakin, der dank Kramniks Schützenhilfe über seine Elozahl ins Kandidatenturnier vorrückt. 

Wenn das am 21. September beginnende Grandprixturnier in Paris von Alexander Grischtschuk gewonnen wird, sind die Hälfte der Teilnehmer des nächsten Kandidatenturniers Russen. Dazu könnte auch noch als fünfter Russe der Veranstalterfreiplatz kommen. Chanti-Mansisk hat nämlich (neben Sofia) bereits eine Bewerbung angekündigt. Bitte nicht! Die Sibirier haben gelernt. Sie waren die willigen Idioten, die den Weltcup viermal organisierten, obwohl sie nur eine Schacholympiade wollten. Das Kandidatenturnier ist billiger, aber ungleich mehr wert.

Damit habe ich bereits angedeutet, wen ich für den größten Verlierer des Weltcups halte, nämlich den Veranstalter. Tromsö hat die wahrscheinlich mindestens eineinhalb Millionen Euro teure Ausrichtung ziemlich sicher nur übernommen, weil die FIDE den Zuschlag für die Schacholympiade 2014 daran koppelte. Der nächste Weltcup 2015 soll entsprechend in Baku stattfinden. Das Turnier fand in Tromsö vor sehr wenig Publikum in einem Hotel am Stadtrand statt, das zumindest Mickey Adams nicht überzeugt hat. Als der Termin gesetzt wurde, war von einem WM-Kampf noch keine Rede. Nun mussten die Veranstalter sogar auf ihren heimischen Star verzichten, weil Carlsen in den WM-Vorbereitungen steckt. Ausgerechnet während der ersten Weltcuprunden reiste er zur Inspektion nach Chennai. Carlsens Trip fand in den norwegischen Medien mehr Beachtung als der ganze Weltcup.

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Der Weltcup geht gerade in die heiße Phase. Bis Mittwoch werden zwei WM-Kandidaten ermittelt, wobei der dank Elo vorberechtigte Kramnik kurioserweise für Karjakin kämpft. Angeheizt wird die Stimmung auch durch einen Wechsel der Livekommentatoren: Anstelle von Zsusza Polgar und Larry Trent sind nun Dirk Jan ten Geuzendam und vor allem Nigel Short dran. Shorts schlüpfrige Anekdoten und Belehrungen zum Spiel seiner Kollegen entzweien das Publikum. Ist das boshaft, peinlich, zu viel Information? Oder überfällig, ein Quotenbringer und Vorbild für andere Livekommentatoren?

 

Das bösartigste, was ich von Trent und Polgar erinnere, war nach einem Studiobesuch des 17jährigen Danil Dubow die Bemerkung: "Er ist ja sehr nett, das hatte ich echt nicht erwartet." Dirty Nigels kontrovseren Auftritt habe ich ehrlich gesagt nicht selbst verfolgt (vielleicht wissen kommentarfreudige Leser mehr?) sondern wurde in den Kommentaren bei Chessvibes aufmerksam auf einen Tweet von Zsuzsa Polgar, die sich heftig erregte, wie ihr Nachfolger im Kommentatorenstudio einen weiblichen Gast behandelte. Da Polgar und ihr Mann Paul Truong in Tromsö auch als Pressechefs fungieren, deutet darauf hin, dass es da gerade richtig knallt. Mal sehen, wer in den nächsten Tagen kommentieren darf.

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Der Weltcup ist zwar erst halb vorbei. Aber fast 95 Prozent der Teilnehmer sind ausgeschieden, mehr als neunzig Prozent der Partien sind gespielt. Zeit für einige Beobachtungen. Der Wettbewerb findet zwar erstmals nicht in Russland statt, aber die Russen dominieren. Für Schachnationen wie Ungarn oder Armenien lief es enttäuschend. Vom chinesischen Kontingent erspielte sich nur der 14jährige Wei Yi Beachtung. Deutschland war gar nicht vertreten. Die Präsenz des Turniers in deutschen Medien geht gegen null.

Man würde meinen, dass die Überlebenden, also die acht Viertelfinalisten die sportlichen Gewinner sind. Aber elomäßig zulegen von ihnen bisher nur Vachier-Lagrave und Tomaschewski. Die anderen sind im Rahmen ihrer Erwartung oder verlieren Punkte (wie Andreikin). Von den Top Acht der Setzliste sind nur noch Kramnik und Caruana dabei. Aber ein so großes Favoritenschlachten wie etwa die nach gleichem Modus ausgetragene WM 1999 in Las Vegas ist es auch nicht. Nur ein Spieler unter 2700, Granda Zuniga, schaffte es unter die letzten 16.

Für Nakamura und Gelfand, die bis dahin überzeugend spielten, bedeutete ein schwacher Moment im Achtelfinale das Aus. Die Partie des Turniers ist für mich bisher Kamsky - Mamedscharow. Entdeckung des Turniers ist neben Wei Yi Korobow, der vom ukrainischen Verband bisher links liegen gelassen wurde. Tomaschewski hatte sich immerhin schon 2009 als Europameister profiliert.

Zwei Spieler qualifizieren sich fürs nächste Kandidatenturnier. Ich tippe auf Swidler und Caruana.

Kramnik ist zwar (ebenso wie der ausgeschiedene Aronjan - die übrigens beide in Tromsö mitspielten, weil die Qualifikation über Rating die Teilnahme an Weltcup oder Grandprix voraussetzt !) dank seiner Elo vorberechtigt, aber wenn er ins Finale kommt, qualifiziert er sich über den Weltcup (anders als ich hier zunächst geschrieben habe) und der zweite Ratingplatz geht an den nächsten - das wäre Karjakin. Kramnik spielt also quasi für seinen Teamkameraden.

 

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Österreich hat einige der schönsten Turniere zu bieten, die ich kenne. Leider sind die meisten außerhalb des Landes kaum bekannt.

Kürzlich habe ich ein Schnellturnier auf einem Ausflugsschiff gespielt. Den ganzen Tag tuckerten wir auf dem Attersee, einem der schönsten Seen des Salzkammerguts herum. Abends hatte mancher einen Pokal (und ein paar Euro mehr) und mancher einen Sonnenbrand. Leider kann sich der ausrichtende Verein das Turnier nur alle zwei Jahre leisten, weil die Startgelder die Kosten nicht ganz decken. Wer Lust kriegt, soll sich den letzten Aprilsamstag 2015 jedenfalls schon mal vormerken. Von der bayrischen Grenze ist es im Auto nur eine Stunde.

Auch sehr hübsch ist das Ambiente in der Trinkhalle Bad Ischl, wo jedes Jahr an Pfingsten gespielt wird. Heuer waren schon 151 dabei.

Habe ich nicht auch etwas Aktuelles? Aber klar. Am Samstag den 29. Juni werden auf der Schönbergalm (PDF-Ausschreibung), hoch über dem Hallstätter See 4200 Euro Preisgeld ausgespielt. In der Vergangenheit kam es schon mal vor, dass sich ein Dutzend Großmeister auf die Füße traten. Wer teilnehmen will, zahlt nur für die Seilbahnfahrt. Wer die 650 Höhenmeter selbst bewältigt, nicht einmal das. Hier ein Video aus den letzten Jahren und hier noch eines.

Das Vienna Open findet nach 2003, 2006, 2009 und 2011 wieder im herrlichen neugotischen Rathaus statt, nämlich am 17. bis 25. August. Das Startgeld von 70 Euro ist vergleichsweise niedrig, und im August sind sowohl Hotelzimmer als auch Privatwohnungen von urlaubenden Wienern bezahltbar zu finden.

bannersr12013-web-anz400Dass ein Teil des Preisfonds für Österreicher reserviert ist, fällt in Wien kaum ins Gewicht. In Bad Gleichenberg (PDF-Ausschreibung) machen die Österreicherpreise schon einen recht ordentlichen Batzen aus, was vielleicht erklärt, warum man im Ausland eher wenig warb. Das neue Turnier im südoststeirischen Thermen- und Weinland, das den angestammten Termin des voriges Jahr eingestellten Opens in Oberwart übernimmt, ist leider schon vor der ersten Auflage in die Kritik geraten, weil außer Startgeld auch noch 70 Euro Organisationsbeitrag verlangt werden, wenn man kein Quartier vom Veranstalter bucht (übrigens zu sehr fairen Preisen), das wird aber nicht von Teilnehmer verlangt, die aus der Gegend kommen. Leider war es nicht möglich, für die letzten zwei oder drei Nächte das Quartier zu wechseln, sonst hätte ich gerne gespielt. Nach jetzigem Anmeldestand hat man in Bad Gleichenberg recht gute Möglichkeiten, auf Titelnormen zu spielen. Es wäre eine Bereicherung, wenn sich das Turnier trotz der Anlaufschwierigkeiten etabliert. Zumal das bisher sportlich interessante Grazer Open leider erhebliche Abstriche machen muss. 


Wer gerne badet, ist am Faaker See in Kärnten richtig. Wer gerne wandert oder mountainbikt, sei außerdem auf Schwarzach im Salzburgischen verwiesen, aber hier will ich nicht zu sehr werben. Der Turniersaal war in der Vergangenheit auch mal zu klein für die Teilnehmerzahl und erwärmte sich in für einige wenig erträglichem Maß. Und als Eintagestour im österreichisch-tschechischen Grenzland, auch von Bayern nicht weit, das Braunberger Hüttenturnier (auf den Fotos soll auch die Krennwurzn zu sehen sein...) im Juni 2014 wieder.

 

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Kissingers vielzitierter Anruf bei Bobby Fischer: "Der schlechteste Schachspieler der Welt ruft den besten Schachspieler der Welt..." Das sich über Wochen ziehende Drama, ob Fischer antritt, hat den WM-Kampf 1972 zum meistbeachteten der Geschichte gemacht. Ob FIDE-Präsident Iljumschinow hofft, dass sich so etwas wiederholen könnte? Hat der unberechenbare Kalmücke darum das nächste WM-Match Anand - Carlsen ohne Ausschreibung nach Chennai vergeben, obwohl Carlsen seit Wochen klar macht, dass er auf eine Ausschreibung pocht und lieber nicht in den Tropen spielen möchte? Oder schielt er mit der Vergabe in eine Entwicklungsland vor allem auf die zahlreichen Stimmen der Entwicklungsländer, um 2014 sein Regime um vier weitere Jahre verlängern zu können?

Diesen Sonntag mittag haben Iljumschinows Vorstandskollegen bei ihrer Sitzung in Baku jedenfalls den Vorschlag ihres Präsidenten abgenickt. Dabei hat am Freitag der Französische Schachverband ein deutlich besseres Angebot (2,65 Millionen Euro Preisgeld statt 1,94 Millionen in Chennai) vorgelegt, und der Norwegische Verband hat gegen eine Vergabe ohne Ausschreibung offiziell protestiert. Bevor Carlsen öffentlich mit Nichtantreten droht, dürfte er die rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, denn eine WM-Vergabe ohne Ausschreibung könnte gegen die Statuten der FIDE verstoßen.

Nachtrag 6. Mai: Carlsen hat die Sache überschlafen und dann mitgeteilt, dass er die Entscheidung für Chennai trotz ihrer Regelwídrigkeit akzeptiert.

"After qualifying for the World Championship match by winning the London Candidates I have been highly motivated for, and looking forward to the World Championship match against reigning champion V. Anand.

I’m deeply disappointed and surprised by the FIDE decision to sign a contract for the 2013 match without going through the bidding process outlined in the WC regulations, and for not choosing neutral ground. The bid from Paris clearly showed that it would be possible to have more options to choose from.
The lack of transparency, predictability and fairness is unfortunate for chess as a sport and for chess players.

My team and I will now start preparing for the match. The main thing now will be to come to an agreement with the Indian Chess Federation and FIDE regarding terms and conditions before and during the match. I really hope this process will run quick and smoothly.

Lastly, I will not let the news from Baku diminish the joy and excitement derived from playing the top level Norway Chess tournament starting tomorrow."

Am Dienstag abend beginnt in der Uni Stavanger mit einem Blitzturnier das erste Weltklasseturnier auf norwegischem Boden. Dass Carlsen den Kopf jetzt nicht frei hat, kann man sich denken. Auch Anand ist dabei. Das höhere Preisgeld in Paris (wo beide kürzlich spielten) und die Erinnerung an 1994, als er in seinem Heimatland, wo sich alle Journalisten auf ihn stürzten, ein 4:2 stehendes Kandidatenmatch gegen Kamsky noch 4:6 verlor, dürften eigentlich auch ihn eher gegen Chennai stimmen, so lange er sich nicht öffentlich gegen seine Heimatstadt erklären muss. Wenn Anand und Carlsen in Stavanger auf eine gemeinsamen Linie verständigen, lässt sich der Skandal, den Iljumschinow offenbar will, vielleicht noch verhindern. Die WM könnte in Paris oder einer anderen Stadt in einem neutralen Land steigen und Carlsen bald zu seiner ersten Indien-Reise aufbrechen, einer Goodwill-Simultantour nach Chennai. 

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Sogar im eigenen Lager herrscht Überraschung. Diego Salazar hat bei der Wahl des Französischen Schachverbands den hohen Favoriten Léo Battesti geschlagen. 591 Vereinspräsidenten verteilten die ihnen zugeteilten 1642 Stimmen mit 50,5 zu 49,5 Prozent an den 42jährigen aus Chalons in der Champagne. Mit dem Satz "ich verliere lieber mit 17 Stimmen als so zu gewinnen", verabschiedete sich Battesti aus dem Verband, in dem er anstelle des ausgeschiedenen Präsidenten Henri Carvalho zuletzt längst den Ton angab. Nun widmet er sich wieder ausschließlich Korsika und kündigte, wohl noch in der Kampflaune der letzten Monate, an, das korsische Schach unabhängiger vom nationalen Verband aufzustellen. Ein Dutzend Schachlehrer sind hauptberuflich an den Schulen unterwegs. Jeder fünfzigste Inselbewohner ist schon Mitglied im korsischen Verband. So hoch ist der Organisationsgrad nirgends auf der Welt.

Auffällig viele starke Spieler unterstützten indessen Salazar. Die Interessen der Profis und Halbprofis waren Battesti egal. Er war als "arrogant" verschrieen. Der in seiner Jugend militante Separatist ist sicher auch ein wenig am Hass vieler Franzosen auf die Korsen gescheitert. Von einer "Rufmordkampagne" titelte gar Corsematin. Ein paar, letztlich entscheidende Stimmen hat Battesti seine Herkunft sicher gekostet.

Nachdem eine korsische Firma im Januar ankündigte, im Falle seiner Wahl den Französischen Verband mit 600.000 Euro zu sponsern, hielten er und seine Anhänger die Wahl irrtümlich für entschieden. Um etwas gegenzusetzen, versprach Salazar wenige Tage vor der Abstimmung ein Ressourcenzentrum für Schachvereine, das er über die vierjährige Periode mit einer Million Euro ausstatten will. Wer dort arbeiten und woher das Geld kommen soll, ist nebulös. Wenn das Zentrum aber zustande kommt, verdient es internationale Beachtung und könnte ein Modell für andere große Schachverbände sein.

Grenzüberschreitende Bedeutung hat die Machtablösung in Frankreich noch aus zwei anderen Gründen, nämlich Schulschach und Frankreichs Rolle in der FIDE. In der FIDE hätte Battesti eine Führungsrolle in der Opposition übernommen. Kasparow, der Anfang Mai ein großes Jugendturnier in Korsika besuchen wird, ist ein Freund. Salazar dagegen, der außer Französisch nur ein wenig Spanisch spricht, ist in internationalen Schachbelangen unbeleckt. Dass er wenige Tage nach seiner Wahl Besuch von Iljumschinow bekam, muss nichts heißen. Schließlich lud sich der nach dem Kandidatenturnier in London schon in der Nähe weilende FIDE-Präsident selbst ein. Salazar hat indessen bis auf weiteres alle FIDE-Agenden Robert Fontaine übergeben. Der französische Großmeister arbeitete zuletzte für AGON. Die Firma ist wohl nur noch pro forma in die Organisation und Vermarktung der FIDE-Spitzenwettbewerbe wie dem seit Donnerstag in Zug laufenden Grandprixturnier eingebunden. Wenn Fontaine weiter in Lohn und Brot bleiben will, führt der Weg nur über Iljumschinows inneren Zirkel. 

Battesti hatte eine ambitionierte Schulschachstrategie, die in erster Linie gerade nicht darauf abzielte, Mitglieder zu gewinnen. Was den Übergang talentierter und ambitionierter Kinder von den Schulen ins organisierte Schach angeht, sind die französischen Vereine mit zwei Dritteln Jugendspielern unter ihren rund 60 000 Mitgliedern hier ohnehin schon stark unterwegs. Zentrales Anliegen war, dem Schulsystem den erzieherischen Wert des Schachs für möglichst viele Kinder nutzbar zu machen, und insbesondere benachteiligte Kinder zu fördern. Damit fand der alte Schachverband Gehör im Bildungsministerium, das im Juni zu einer hochrangig besetzten internationalen Schulschachkonferenz einlädt. Jerome Maufras, Schulschachexperte und strategischer Brater Battestis, hat sich nach der Wahlniederlage aus dem Verband zurückgezogen, wie er hier begründet. Ob Frankreich künftig international eine Vorreiterrolle im Schulschach übernehmen wird und welche Rolle der Verband dabei spielt, steht in den Sternen.

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Die Schachbundesligasaison ist zwar seit acht Tagen zu Ende. Doch die Abstiegsfrage, die schon vor der zentralen Endrunde in Schwetzingen entschieden schien, ist offen. Denn längst nicht alle qualifizierten Aufsteiger sind zum Aufsteigen auch bereit. 

Am Sonntag gingen die Zweiten Ligen zu Ende. Sie waren diese Saison allesamt spannender als die Erste Liga. König Tegel hielt im Norden Rostock auf Brettpunkteabstand. Im Osten überholte die Schachabteilung des FC Bayern München die sieben Runden lang souveränen Dresdner, die schon vorige Runde gegen Bindlach stolperten, durch ein 5:3 im direkten Vergleich. Dresden hat die meisten Brettpunkte, Bindlach beide Konkurrenten geschlagen, aber durch ist Bayern. 

Ob es aus dem Süden einen Aufsteiger geben wird, ist dagegen noch nicht ganz sicher. Viernheim hat mit einem 4,5:3,5 gegen die starke Zweite von Baden-Baden zwar den Staffelsieg geschafft, aber nicht die finanziellen Ressourcen. Oder noch nicht. Wenn sich bis Meldeschluss Ende April Sponsoren finden oder zumindest das Gefühl, es finanziell zu packen, einstellt, will Viernheim antreten. Wenn nicht, dürfen und werden es sich die drittplatzierten Hofheimer überlegen. Der Viertplatzierte wird übrigens laut Reglement nicht mehr gefragt. 

Im Westen hat einmal mehr die SG Porz des seit vielen Jahren erstligaallergischen Wilfried Hilgert gewonnen und das glatt mit 18:0. Aachen überlegt und wird die Bedenkzeit bis Ende April wohl ausschöpfen, teilt Mannschaftsführer Peter Jansen mit. Die drittplatzierten Bochumer haben schon in der Vergangenheit abgewinkt und sollen auch dieses Mal nicht interessiert sein. Für die Schachfreunde Berlin verlängert sich das Zittern um den Klassenerhalt somit ziemlich sicher bis zum Meldeschluss Ende April. Und die Freude wäre eine doppelte, hängt der Aufstieg der zweiten Mannschaft in die Zweite Liga doch daran, ob die Erste eins höher bleiben darf. 

Anders als beim Nachsitzen Stichkampf vor zwei Jahren gegen Griesheim können die Berliner das Ergebnis nicht beeinflussen. Oder vielleicht doch? Was wäre, wenn Aachen, sagen wir 5000 Euro fehlen und die Berliner diesen Betrag aufbringen könnten? Wäre es dann nicht eine sportliche Lösung, einen Wettkampf zu spielen? Siegt Aachen, zahlen die Berliner die 5000, und Aachen hat das Budget beisammen. Siegen die Berliner, behalten sie die für die Saison dringend benötigten 5000. Anders als ich bei der ursprünglichen Veröffentlichung glaubte, hat Aachen bereits einen starken Kader (danke an Peter Jansen für den Hinweis) und besäße gute Chancen. Doch das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment. 

Der Abstand zwischen den Zweiten Ligen und der Ersten ist groß, so dass in der nächsten Saison der Kampf um den Klassenerhalt, wenn keine der etablierten Mannschaften einen schlechten Lauf oder der stärkste Aufsteiger Bayern einen starken Lauf hat, wieder wenig Spannung verspricht. Aufsteiger Aachen dürfte es packen, oder die SF Berlin, wenn sie doch drinbleiben dürfen. Ich würde schon jetzt tippen: Spannend wird´s auch zwischen Saison- und Meldeschluss.

(korrigiert am 20. April 2013)

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Vor acht Jahren hat Garri Kasparow dem Turnierschach adieu gesagt. Dieser Tage meldeten russische Medien, dass er Russland verlässt. Schluss mit Schach, Schluss mit Politik, Rückzug auf der ganzen Linie? Von wegen. Der Eindruck trügt. Kasparow, der an diesem Samstag fünfzig wird, arbeitet unermüdlich an seinen großen Zielen, Russland zu demokratisieren, Iljumschinow abzulösen und Schach in die Schulen zu bringen. Das alles unter einen Hut zu bringen, verlangt einen brillianten Netzwerker, als der er von dem Journalisten Igor Jakowenko in einer lesenswerten Hommage beschrieben wird.

 Kasparow in Oslo
Kasparow am Freitag in Oslo, civita.no

Seinen Geburtstag feiern wird er erst mit einigen Tagen Verspätung am 19. April in New York, wo seine Frau und siebenjährige Tochter leben. Denn im Moment ist er wie meist unterwegs und zwar, sehen wir es symbolisch, im aktuellen Schachboomland Norwegen. Der Thinktank Civita hat ihn zu einer Rede über Putins Russland eingeladen. Nebenbei erklärte Kasparow die von Chennai reklamierte Vergabe des WM-Kampfes Anand-Carlsen ohne Ausschreibung zum Skandal. Und ein Treffen mit Magnus Carlsen und seinem Manager Espen Agdestein steht an, um über die Wiederaufnahme ihrer Zusammenarbeit zu verhandeln. Liebend gerne würde Kasparow Carlsen als Trainer dabei unterstützen, Anand zu schlagen. 

Schon vor der Reise nach Norwegen war es wieder eine ereignisreiche Woche für Kasparow. Er zog sich aus dem Vorstand der russischen Oppositionsbewegung Solidarnost zurück. Danach musste er aufkommende Emigrationsgerüchte dementieren. Und er erhielt einen renommierten Menschenrechtspreis zugesprochen. 

Vermisst Kasparow das Turnierschach und bereut seinen Rücktritt, wie Hartmut Metz Anand zitierend schreibt? Ich glaube nicht. Er hat seine Spielerkarriere gegen ein reicheres Leben eingetauscht. Bei allen seinen Zielen wünsche ich ihm viel Erfolg. Und natürlich: S dnjom raschdenja, Garri Kimowitsch!

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Heute früh hat Tromsö den Hut in den Ring geworfen. Die nordnorwegische Stadt, die im August 2014 die Schacholympiade austrägt, traut sich auch zu, den Titelkampf zwischen Carlsen und Anand obendrauf zu setzen. Die FIDE verhandelt momentan aber erst einmal exklusiv mit Chennai. Anands Heimatstadt kam voriges Jahr nicht zum Zug und bekam eine Option auf das nächste Match angeboten. Die Option ist eigentlich beim Kandidatenturnier abgelaufen, wurde aber auf Bitten der Inder von der FIDE um einige Tage verlängert. 

Carlsen hat allerdings keine Lust, in tropischem Klima zu spielen. Und Anand war in der Vergangenheit nicht sehr erpicht darauf, wenn viel auf dem Spiel steht, vor seinen Landsleuten anzutreten, konzentriert sich doch dann das Medieninteresse einer Milliardennation auf ihn. In Norwegen würde das freilich für Carlsen gelten. New York wurde schon irgendwo als Option genannt, womit vielleicht beide leben könnten. Schöner wäre wohl ein Ort, der auf halber Strecke liegt. Zwischen Chennai und Oslo liegt ungefähr Abu Dhabi. Zwischen Oslo und Anands altem Wohnsitz in Collado Mediano bei Madrid läge ungefähr Paris. Wie wäre es mit Deutschland? 

Oder nochmal London? Der Mann auf dem Foto rechts ist George Osborne, Britanniens Chancellor of the Exchequer (nein das ist nicht der Kanzler der Exschachspieler sondern der Finanzminister...). Ob Carlsen ihn schon nach Geld gefragt hat? Ich fürchte, Osborne war eher bei der Preisverleihung des Kandidatenturniers dabei, um der Prügel, die er als Englands derzeit unbeliebtester Politiker nahezu pausenlos bezieht, unter den ausländischen Schachspielern zu entfliehen. 

Das Heft in der Hand hat übrigens nicht Andrew Paulson und seine eigentlich auf viele Jahre mit der Vermarktung der Spitzenevents betraute Firma AGON sondern die FIDE. AGON hätte der FIDE längst 500 000 Euro überweisen müssen. Doch AGON zeigt sich auf der Sponsorensuche bisher glücklos. Den Geldgeber für das von Lissavon nach Zug (Schweiz) verlegte Grandprixturnier, Viktor Wechselberg, fand jedenfalls sicher nicht Paulson. Die FIDE kann den Vertrag, so lange AGON nicht liefert, jederzeit kündigen. 

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