02.09.2010 19:35:06
Stefan Löffler

An diesem Freitag wird Wilhelm Schlemermeyer beerdigt. Nur 52 ist er geworden. Ich hätte ihn sogar für einige Jahre jünger gehalten. Dabei ist er in Berlin eines natürlichen, wenn auch plötzlichen und für alle überraschenden Todes gestorben. Ich habe im Schach selten einen so freundlichen und ausgeglichenen Zeitgenossen getroffen. Als Trainer und Lehrer hat er viele begeistert (und wird, wie die Reaktionen auf der Seite seines Kreuzberger Schachclubs zeigen, bereits schmerzlich vermisst). Als Autor wurde er unterschätzt und viel zu wenig gefragt. Selbstmarketing und an der Oberfläche kratzen war nicht seine Sache. Dabei stellt seine Website Schachfieber das allermeiste in den Schatten, was in deutscher Sprache über Schach durch das Netz geistert. Es ist mir peinlich, dass dies das erste Mail ist, dass ich auf sie verweise. Ob und wie dieses wunderbare Kaleidoskop unseres Spiels erhalten bleiben kann, will seine Familie in den nächsten Wochen klären. Ich bin sicher, dass viele, wie ich, bereitwillig dafür spenden würden.  


  Schlemermeyer
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01.09.2010 15:24:09
Stefan Löffler

Ilja Schneider will nicht länger zwei, drei Stunden am Tag mit seinem Blog, der uns so viel Vergnügen bereitet hat, zubringen. Nicht weil sein Studium leidet. Oder sein Sexleben. Oder die Familiengründung warten lässt. Nein, sein Schach muss herhalten. Angeblich kostet das Bloggen Elopunkte, hindert am GM-Normen sammeln. Die billigste aller Ausreden. Get a life - and a PhD - Ilja!
  Schneider
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31.08.2010 08:47:23
Stefan Löffler

Hielt sich die FIDE-Website im Frühjahr noch aus dem Präsidentschaftswahlkampf heraus, steht sie seit Monaten im Zeichen von Iljumschinows Wiederwahl. Jedes Land, das der seit 15 Jahren amtierende Kalmücke beim globalen Stimmenkaufensammeln besucht, ist einen ausgiebig bebilderten Fotobericht wert. So etwa der jüngste Zwischenstopp in Vietnam, wo Schach nun - Kirsan sei dank, nur schade, dass ihn die anderen Weißhemd-Krawattenträger nicht gleich da behalten... - angeblich auch kurz davor steht, als Schulfach aufgenommen zu werden. Bisher setzt Vietnam im Schach weniger auf Breite als Talente sehr früh zu entdecken und schon als Kinder finanziell zu fördern, wie der Christian Science Monitor kürzlich berichtete. Bisher sind Le Quang Liem, der mit 19 nun bei 2694 hält, und der ein Jahr ältere Nguyen Ngoc Truong Son die sichtbaren Früchte dieser Förderpolitik. Bis weitere Talente über unsere Wahrnehmungsschwelle schießen, hier schon mal zum Mitsingen der dazugehörige Soundtrack.   


  Vietnam | FIDE | Iljumschinow | Le
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27.08.2010 12:45:10
Stefan Löffler

Magnus Carlsens Sponsoren trommeln mächtig. Ab Samstag fordert er auf Kosten von Arctic Securities im westnorwegischen Kristansund Weltmeister Vishy Anand, heißt es. Tatsächlich handelt es sich um einen von Judit Polgar und Jon Ludvik Hammer komplettierten doppelrundigen Vierkampf, der, wenn alles wie erwartet läuft, im Finale zwei weitere Partien zwischen dem Weltmeister und seinem wahrscheinlichsten Herausforderer 2012 bringt. Dass er es am 10.September im Auftrag der Modelinie G-Star online von New York aus gegen die ganze Welt aufnimmt, war hier ja bereits ein Thema. Das ist freilich alles mehr Spektakel als anspruchsvolles Schach, aber nach zuletzt mehr als zwei Monaten Spielpause sollte der Norweger auch dafür aufgelegt sein (auch für Anand ist das Schnellturnier seit der WM der erste Formtest). Danach beginnt der Schachherbst mit Schacholympiade, Grand Slam-Finale, Spitzenturnieren in Moskau und London dann richtig - für Carlsen, für Anand und für uns.  


  Anand | Carlsen
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22.08.2010 09:05:04
Jörg Hickl

Unsere Umfrage zum Thema DSB-Nationalmannschaft brachte ein für mich verblüffendes Ergebnis: Unentschieden - 121:122!
Warum können die meuternden Spieler in der Öffentlichkeit nicht den erhofften Rückhalt finden?
Waren Sie zu frech, zu gierig, haben Sie kein Recht auf eine Honorarerhöhung nach 20 Jahren? Die Gründe mögen vielschichtig sein. 


Eins erscheint mir jedoch sicher: Wenn es die geschlossene deutsche Nationalmannschaft nicht schafft, Druck auf den Schachbund auszuüben, wird es keinem gelingen. Es wurde viel Porzellan zerschlagen und die Machtverhältnisse klar demonstriert. Für den DSB ist die Diskussion beendet: Die Funktionäre bleiben – die Spieler gehen. Deutschland wird voraussichtlich auf Jahre hinaus bestenfalls mit einer C-Auswahl auf internationalen Veranstaltungen vertreten sein - kein schönes Bild.


Ich erinnere mich noch gut an einen Empfang der Nationalmannschaft beim deutschen Vizekonsul während der Olympiade1986 in Dubai. Und die Worte des damaligen Präsidenten: „… da sehen Sie, wie groß ich als Präsident bin und wie klein Sie als Spieler sind!“
Zeit, die Debatte ad acta zu legen und sich mit dem Schaden für das deutsche Schach abzufinden!
Um alle Blogeinträge zum Thema zu finden, klicken Sie bitte auf den Tag DSB.

  Bönsch | Schachbund | Schacholympiade | Naiditsch | Nationalteam | Weizsäcker | DSB | Gustafsson
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19.08.2010 09:11:42
Jörg Hickl

 

Unsere derzeit unbestrittene Nr. 1, Magnus Carlsen, machte unlängst auch als Model für Textilien eine gute Figur: Der Sponsor G-Star startet nun die zweite Stufe und lässt ihn als Werbeikone in New York gegen den Rest der Welt antreten. Gary Kasparow, Judit Polgar, Maxime Vachier-Lagrave und der amerikanische Lokalmatador Hikaru Nakamura lassen die Veranstaltung zu einem Mega-Event (nicht nur) der Szene werden. Schach ist modern und der hohe Imagefaktor trägt zur Vermarktung bei. In Deutschland hat man das noch nicht erkannt.

 

Magnus Carlsen für G-Star


Hier die Pressemeldung:
Am 10. September 2010 reist G-Star zum Cooper Square Hotel in New York City, um ein weltweites Schachturnier zu veranstalten: Die RAW World Chess Challenge. Schach-Ikone Garry Kasparov wird als offizieller Botschafter bei diesem weltweiten Turnier zu Gast sein. Menschen in der ganzen Welt sind eingeladen, live über das Internet gegen Magnus Carlsen, Nr. 1-Schachspieler in der Welt und neues Werbemodell für G-Stars Herbst/Winter 2010-Kampagne, anzutreten.Obwohl Magnus aktuell auf dem 1. Platz der Schachspieler steht (als jüngster Spieler aller Zeiten), ist er nicht der amtierende Schachweltmeister. Die RAW World Chess Challenge bietet Magnus die Möglichkeit zu beweisen, dass er tatsächlich der weltweit beste Schachspieler ist … aber nur, wenn er zuvor die ganze Welt schlägt!

Spiel gegen Magnus Carlsen
Die RAW World Chess Challenge gibt Schachspielern auf der ganzen Welt die Gelegenheit, Magnus bei einem Online-Schachspiel zu schlagen. Drei Schachgroßmeister, Maxime Vachier-Lagrave aus Frankreich, Hikaru Nakamura aus den USA und Judit Polgár aus Ungarn, werden dem registriertenPublikum je einen Zug empfehlen. Die Öffentlichkeit kann online für ihren bevorzugten Zug beim Spielgegen Magnus abstimmen. Der berühmte Schachgroßmeister Maurice Ashley, der erste afroamerikanische Schachspieler, der diesen Status erreicht hat, wird als Live-Kommentator bei der RAW World Chess Challenge dabei sein.Weitere Informationen über die RAW World Chess Challenge finden Sie auf: http://www.g-star.com/rawchess

  G-Star | Nakamura | Vachier-Legrave | Polgar | Kasparow | Carlsen
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16.08.2010 18:31:49
Stefan Löffler

Als ich eine Zwischentabelle der U20-WM sah, traute ich meinen Augen nicht: Dima Andreikin ist noch Junior? Hatte ich den nicht vor fünf Jahren bei der EM spielen und vor allem zwischen den Runden an den wenigen allgemein zugänglichen Computern (von denen ich einen brauchte, um meine Berichte zu verschicken) wie der Teufel online blitzen sehen? War der damals tatsächlich erst 15?

Heute wurde Andreikin im polnischen Chotowa Juniorenweltmeister, punktgleich aber mit besserer Wertung wie sein russischer Landsmann Schugirow. Das Resultat ist ein weiterer Beleg für die herausragende Qualität des Ausnahmejahrgangs 1990, dem auch Carlsen, Karjakin, Nepomnjaschtschi und Vachier-Lagrave angehören. Mit anderen Worten: Andreikin ist, zumindest bislang, nur die Nummer fünf seines Jahrgangs - aber Bester derer, die noch Jugendturniere spielen.

Was rissen die Deutschen? Bindrich belegte einen guten zehnten Platz. Huschenbeth dürfte mit seinen fünfzig Prozent weniger zufrieden sein.   


  Andreikin | Bindrich | Huschenbeth
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16.08.2010 07:07:03
Stefan Löffler

Zwei deutsche IMs haben beim Hogeschool Zeeland Open im niederländischen Vlissingen (übrigens ein feiner Ort für einen Schach- und Strandurlaub an der Nordsee) zugeschlagen. Thomas Henrichs schaffte in der Schlussrunde einen Schwarzsieg gegen Erwin L´Ami und teilt den ersten Platz mit Krishnan Sasikiran. Leider wurde der Dortmunder nur gegen zwei Großmeister gelost und hatte auch sonst Gegner mit etwas zu wenig Elo für eine GM-Norm. Eine solche aber konnte der Bochumer Ilja Zaragatski erzielen, der in den letzten drei Runden Haslinger schlug und mit Fedortschuk und Sasikiran remisierte.


  Henrichs | Zaragatski | Sasikiran | Vlissingen
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14.08.2010 11:51:14
Stefan Löffler

Seit Akiba Rubinstein und Miguel Najdorf hat Polen keinen Weltklassespieler hervorgebracht. Es gab und gibt zwar jede Menge Großmeister und Meister und seit den Neunzigern eine vielgelobte Jugendarbeit, doch Richtung Weltspitze passierte nichts. Nun hat Radek Wojtaszek ein wichtiges Etappenziel genommen und Hoffnungen bestätigt, die er als U18-Europa- und Weltmeister weckte. Nach Turniersiegen in Wroclaw und Pamplona und einer exzellenten Leistung in der spanischen Liga nimmt der 23jährige am 1.September als erster gebürtiger Pole die 2700-Elomarke (Michail Krasenkow war über 2700, stammt freilich aus Russland). Fette 42 Elopunkte legt er laut der Liveliste zu. Nachdem er in den ersten Monaten des Jahres Anand bei der WM-Vorbereitung assistierte, hat der in Deutschland als erstes Brett des HSK bekannte Wojtaszek offenbar darauf gebrannt, wieder selbst zu spielen und ist durchgestartet. 

Übrigens kriegt auch Italien erstmals einen 2700er mit Fabiano Caruana, der als 18jähriger auf Kurs absolute Weltklasse unterwegs ist. 

PS: Noch ein aktuell heißer Spieler auf dem Weg zu 2700 (als erster gebürtiger Tscheche?) ist Viktor Laznicka, der seinem Sieg im World-Open gerade einen vorzeitig feststehenden beim Marx-Memorial (nicht Karl sondern György) anfügt.     


  Krasenkow | Wojtaszek | Caruana | Laznicka
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07.08.2010 10:12:08
Stefan Löffler

Vorweg zwei Punkte: Erstens ist Spitzenschach zwar Thema Nummer eins in der Schachpublizistik, ob in Fachzeitschriften, Zeitungskolumnen oder Blogs wie diesem. Spitzenschach ist aber nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste Aufgabe, die sich der Deutsche Schachbund stellt. Zweitens kannten Hauptamtliche wie Horst Metzing oder Jörg Schulz in der DSB-Geschäftsstelle nie eine Vierzig-Stunden-Woche und leisten Ehrenamtliche wie Ralph Alt unter hohem unbezahltem Aufwand unverzichtbar wertvolle Arbeit für das organisierte Schach in Deutschland.

Eine gerechte Einschätzung zum DSB durfte man von Arkadi Naiditschs Brandbrief indessen nicht erwarten. Nach dem Scheitern der Honorarverhandlungen für den Start bei der Schacholympiade und dem Ausschluss der Spitzenspieler aus dem A-Kader hat er seinem Ärger freien Lauf gelassen. Man sollte daran die positive Seite sehen: Nun sind einige Probleme benannt und können diskutiert werden. Eine breitere Perspektive dafür geben ein lesenswertes Interview, das Johannes Fischer mit Daniel Fridman geführt hat, die leider online nicht dokumentierten Statements in der Augustausgabe der Zeitschrift Schach und ein beide Seiten zu Wort bringender Artikel in der Süddeutschen Zeitung.

Nach all den Einzelstatements wäre es an der Zeit für eine Aussprache. Das an diesem Wochenende laufende Festival in Mainz wäre eigentlich ein glänzender äußerer Anlass dafür gewesen, etwa in Form eines Podiumsgesprächs zwischen den anwesenden deutschen Spitzenspielern und führenden Köpfen des Deutschen Schachbunds. Aber wo in Deutschland Spitzenschach stattfindet, lassen sich Funktionäre all zu selten blicken. Vielleicht lädt die Zeitschrift Schach ja ersatzweise zu einem Runden Tisch?

Jan Gustafsson reist übrigens trotzdem nach Chanti-Mansisk. Als Honorartrainer des dänischen Teams.


  Naiditsch | Gustafsson | DSB
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29.07.2010 06:07:37
Jörg Hickl

Tag der Abrechnung. An diesen Titel eines Arnold Schwarzenegger-Filmes erinnerte mich der offene Brief, den Deutschlands Nr. 1, Arkadij Najditsch, gestern auf ChessVibes.com in englischer Sprache veröffentlichte: http://www.chessvibes.com/reports/arkadij-naiditsch-why-the-german-a-team-will-not-participate-in-the-2010-olympiad/ 
Wichtige Funktionäre, vom Bundestrainer Uwe Bönsch bis hin zum Präsidenten von Weizsäcker, des Deutschen Schachbundes werden namentlich abgehandelt. Die Schärfe, die die Diskussion zum Thema Nationalmannschaft nun erlangt, lässt für mich nur noch wenig Spielraum. Ein Miteinander wird es nicht mehr geben. Entweder muss die Nationalmannschaft in Zukunft definitiv ohne Spitzenspieler, insbesondere Najditsch, auskommen, oder der Schachbund personelle Konsequenzen ziehen!
Was halten Sie davon?
Ich komme von der Spielerebene und bin dementsprechend vorbelastet.

  Bönsch | Schacholympiade | Schachbund | Naiditsch | Gustafsson | DSB | Weizsäcker | Nationalteam
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28.07.2010 20:34:45
Stefan Löffler

Offiziell ist es noch nicht. Die FIDE schweigt sich noch aus. Aber laut einem Bericht des russischen Sport Ekspress plant Iljumschinow eine Verlegung nach Kasan in Zentralrussland. Was es so dringend zu verlegen gibt? Ist doch klar, die Schacholympiade. 

Im abgelegenen Chanti-Mansisk drohte sie die traurigste und wenigstbesuchte seit Moskau 1994 zu werden. Die Hotelzimmer in dem sibirischen Ölstädtchen reichen mit Mühe für Spieler und Funktionäre, nicht aber für Journalisten und Fans. Obwohl in Kasan mit erheblich mehr Anreisenden zu rechnen ist, würde der ökologische Fußabdruck (CO2-Bilanz) der Schacholympiade um sicher vierzig Prozent gesenkt, was nicht nur an den für fast alle anreisenden Teams günstigeren Flugrouten liegt, sondern auch, weil in Chanti-Mansisk in der zweiten Septemberhälfte schon heftig geheizt werden muss.  

Man kann trefflich spekulieren, dass durch diesen Schritt die Optik von Iljumschinows Wiederwahl als FIDE-Präsident aufgepeppt werden soll. In Chanti-Mansisk, wo die Veranstalter ihm geschäftlich verbunden sind und anreisende Delegierte Unsummen für Charterflüge und Hotelzimmer mit Geld oder ihrer Stimme bezahlen müssten, hätte doch nach Karpows Scheitern alle Welt von Korruption gesprochen. Zugleich will der starke Mann im Russischen Schachverband Arkadi Dworkowitsch mit der von ihm initiierten Verlegung beweisen, was er organisatorisch hebeln kann. Für Deutschland kommt die Nachricht leider zu spät: Hätten Naiditsch und Co gewusst, dass die Reise nicht in die Einöde Sibiriens sondern in die besuchenswerte tartarische Hauptstadt geht, wären ihre Honorarforderungen gegenüber dem DSB wohl moderater ausgefallen. Mit diesen Teams laufen übrigens andere Länder auf...

Au verdammt. Die geplante, aber offiziell unbestätigte Verlegung betrifft gar nicht (wie der gesunde Menschenverstand nahegelegt hätte) die Schacholympiade. Sondern das Kandidatenturnier, bei dem im nächsten Jahr Anands nächster Herausforderer zu ermitteln ist ud das vertraglich längst Aserbaidschan zugesagt war. Doch es sind nicht die Aseris, die nun kräftig protestieren (dürfen sie doch dem Vernehmen nach ihren Ausrichterfreiplatz, nämlich für Mamedscharow, behalten), sondern Topalow, der nicht in Russland spielen mag. Als Grund der Verlegung muss übrigens Aronjan herhalten, der als Armenier in Baku nicht hätte antreten können.    


  Aserbaidschan | FIDE | Iljumschinow | Dworkowitsch | Kasan | Chanti-Mansisk | Topalow | Mamedscharow | Aronjan
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26.07.2010 14:59:22
Jörg Hickl

Derzeit wird hitzig über den Deutschen Schachbund und seine ehemalige Nationalmannschaft diskutiert. Forderten die Spieler zu viel oder bemüht sich der DSB nicht um seine Elite?
Zwischen 1990 und 2001 blieben die Honorare der deutschen Spitzenspieler bei Einsätzen auf Schacholympiaden unverändert, mit der Euroumstellung wurden sie kurzerhand um gut 2% reduziert. Anscheinend hat sich bis heute nichts zum Guten gewandelt, denn vor einiger Zeit setzte die Nationalmannschaft zur Meuterei an. Ein Vorstoß, den ich gut nachvollziehen kann. Wer will heute schon mit dem Einkommen von vor 20 Jahren leben? Verständlich also, dass es zu einem längst überfälligen, geschlossenen Aufbegehren der Mannschaft  kam. Die Spieler forderten eine Aufbesserung, die den Gesamtetat in der Spitze mit bis zu 20.000 € belastet hätten, doch wäre man auch mit wesentlich weniger zufrieden gewesen. Ich habe das Gefühl, dass letztendlich schon eine Summe in Höhe von gut 5.000 € ausgereicht hätte, um den endgültigen Bruch zu verhindern. Man wollte nur eine Bewegung, einen Kompromiss – ein Bekenntnis des Schachbundes zu seinen Spielern. Doch das blieb aus. Wie auch in meinen mehr als 15 Jahren Spitzenschach (1985-2002), wurde einfach nur auf leere Kassen verwiesen. Nun ist es nicht einfach, für Schach Geld zu generieren, doch seit jeher hege ich Zweifel daran, dass es ernsthaft versucht wird und es Marketing in unserer Sportart gibt.
Leere Kassen hin oder her, es wäre traurig gewesen, wenn der Schachbund nur auf das fehlende Geld verwiesen hätte. Den Spielern den schwarzen Peter zuzustecken, sie sogar aus dem Kader zu nehmen, geht jedoch klar zu weit. Eine Erwartungshaltung, Spieler müssten jederzeit und zu den Bedingungen des Schachbundes bereit sein, Deutschland zu vertreten, ist doch etwas unrealistisch (die jährliche Förderung der A-Kadermitglieder beläuft sich anscheinend nur auf einen 50-70% Kostenzuschuss zur Europameisterschaft). Oder würden unsere Fußballspieler für lau antreten? Und gerade die könnten es sich leisten!
Die jetzt für die Schacholympiade im September in Sibirien gemeldete Mannschaft wirkt wie eine Kapitulation, die Kriterien der Aufstellung sind schwammig. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Nächsten genommen wurden, die die Bedingungen des Schachbundes ohne Widerspruch akzeptierten und es noch als Ehre ansehen, für das Vaterland zu kämpfen. Gerüchteweise wurden die Honorare nun halbiert statt angehoben…
Für die mitgliedermäßig drittstärkste Schachföderation und eines der wirtschaftlich stärksten Länder eine höchst unbefriedigende Situation. Möglicherweise ist es an der Zeit, für Verantwortliche Konsequenzen zu ziehen, doch vielleicht kann der Aufstand auch wieder einmal durch konsequentes Aussitzen gemeistert werden.In der neuen Ausgabe der „Zeitschrift Schach“ finden unsere ehemaligen Spitzenspieler nun anscheinend deutliche Worte. Leider liegt mir das Heft noch nicht vor.

  Gustafsson | Nationalteam | DSB | Fußball | Naiditsch | Bönsch | Meier | Schachbund | Schacholympiade
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25.07.2010 20:07:07
Stefan Löffler

Die Dortmunder Schachtage 2010 sind vorbei. Partien, die länger im Gedächtnis haften bleiben, gab es wenige. Angesichts der Hitzewelle war die Qualität aber nicht so schlecht. Und unterhaltsam war es im Dortmunder Opernhaus auch -insbesondere im Vergleich mit Biel, wo sechs remisträchtige von zehn Runden gespielt sind. Was nicht zuletzt dem Unternehmungsdrang Mamedscharows zu verdanken war, der sich dabei wiederholt selbst umbrachte. Das tat in der vorletzten Runde auch Kramnik. Gegen Naiditsch, der kein Angsthase ist, ist die Moderne Verteidiung nach Tiger Hillarp-Persson wohl keine gute Idee. Ein Figurenopfer Kramniks widerlegte der Dortmunder trocken. Mit Schwarz braucht Naiditsch allerdings endlich eine neue Eröffnung gegen 1.d4. So oft hat er schon mit der Wiener Variante des Damengambits verloren, dass auch Leko gegen ihn mit dem Damenbauern eröffnete und mit seinem resultierenden einzigen Sieg das völlige Debakel vermied und mit Naiditsch den letzten Platz teilt (Tabelle). Hoffentlich ersparen die Veranstalter das Leko und uns 2011. Wie wäre es mal mit einem zweiten oder gar dritten Deutschen? Dass nur Naiditsch eingeladen wird, ist typisch für die gegenwärtige Misere der deutschen Spitzenspieler. Le Quang enttäuschte nicht, verdankt seinen zweiten Platz aber eher Solidität als Kreativität. In guter Form war eigentlich nur Ponomarjow, auch Supermariov genannt, der das Turnier folgerichtig souverän gewann.  


  Dortmund | Biel | Kramnik | Ponomarjow | Leko | Naiditsch | Le | Mamedscharow
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24.07.2010 12:21:43
Stefan Löffler

Vor einigen Wochen wurde eine dpa-Meldung über einem Raubüberfall auf einen vermeintlichen Neu-Isenburger Schachklub u.a. in der Frankurfter Ausgabe der BILD-Zeitung und auf diversen Schachseiten aufgegriffen. Berufskriminelle, die daraufhin Überfälle auf weitere Schachklubs planten, wurden allerdings auf den Holzweg geführt. Tatsächlich handelte es sich nicht um den örtlichen Schachklub, denn der hätte wohl kaum einen fünfstelligen Betrag in den Kassen gehabt, sondern nach nun berichteten Einschätzungen der Ermittler um ein Privatcasino, in dem beim Pokern hohe Geldbeträge den Besitzer wechselten.
  Schachclub | Überfall
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23.07.2010 09:35:11
Stefan Löffler

Vishy Anand relaxt in seiner Heimatstadt Chennai (Madras) nicht nur, sondern gibt Interviews und schreibt (oder autorisiert) Artikel. In der indischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes reflektiert er über seine Entwicklung, Einsichten und Krisen in den letzten zehn Jahren. Unter anderem berichtet er, dass er 2003 und 2004 (nicht seine erfolgreichsten Jahre) am meisten Freude am Schach hatte, weil keine Weltmeisterschaften zu gewinnen oder zu verlieren waren. Sehr lesenswert, mit Links zu weiteren Artikeln, Tipps von Anand und einem Podcast. Nicht zuletzt gibt es ein vielsagendes Foto von Anands WM-Lager in Sofia, auf dem er neben einem Tisch steht, an dem seine WM-Sekundanten jeder für sich hinter einem Notebook arbeiten.  
  Anand | WM | Sekundanten
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21.07.2010 16:59:11
Stefan Löffler

Eine ganze Bundesligasaison ging vorüber und eine interessante Personalie, nämlich wie es dazu kam, dass ein Meisterschaftsanwärter einen bei ihm gemeldeten deutschen Nationalspieler kein einziges Mal einsetzte, war in der Schachöffentlichkeit kein Thema. In der letzten Druckausgabe der SCHACHWELT habe ich die Probleme, die zu Georg Meiers denkbar ungünstig terminiertem Ausscheiden, nämlich knapp nach Meldeschluss der vergangenen Saison, bei Werder Bremen führten, anlässlich seiner Verpflichtung durch Meister OSG Baden-Baden aufgegriffen und neben Meier auch den früheren Vorsitzenden von Werders Schachabteilung Till Schelz-Brandenburg zu Wort kommen lassen.

Kurz darauf äußerte sich Meier zu seinem alten Verein auch gegenüber SCHACHMAGAZIN 64, nachzulesen bei Chessbase, und, bam, prompt setzte es, als hätte ein gewöhnlicher Leserbrief nicht genügt, eine Gegendarstellung von Werder, in aller Ausführlichkeit nachzulesen bei Chessbase. Die von Schelz-Brandenburg nicht unterzeichnete aber vermutlich formulierte Gegendarstellung war indessen nicht das letzte Wort. Bei Chessbase leider etwas versteckt ist der Nachtrag von einem anderen früheren Werder-Spieler und Trainingspartner Meiers, Yannick Pelletier:

"Mit Interesse habe ich die Gegendarstellung vom SV Werder Bremen am 19. Juli auf chessbase.de gelesen. Besonders erstaunt wurde ich aber, als ich bei Punkt 5 des Plädoyers auf meinen Namen stieß. Leider überrascht es weniger, dass dies mit einer falschen Aussage verbunden wird. Unkorrekt ist nämlich die Behauptung, Werder Bremen hätte mich für Trainings mit Georg Meier bezahlt. Georg Meier und ich kennen uns schon lange. Seit 2008 arbeiten wir auch gemeinsam. Damit handelt es sich um Trainings, die beiden Seiten schachlich nützlich sind, so wie es die meisten Schachprofis machen. Unklar ist mir natürlich, ob Werder Bremen Meiers bekanntermaßen geringe Reisekosten mit Ryanair von Frankfurt Hahn nach Montpellier zurückerstattet hat. Im Plädoyer von Werder Bremen erkenne ich natürlich das selektive Gedächtnis und die scharfe Feder des früheren Präsidenten der Schachabteilung, dessen Korrektheit zu meinem Abgang aus dem Verein nach der Saison 2007/08 führte."

Meier hat für seine Schritte bei Werder mit einer verlorenen Saison bezahlt. Selbst wenn er seinen Ärger etwas einseitig dargestellt hat, hatte dieser Ärger doch genug Berechtigung, dass er ihn auf Nachfrage nicht geschluckt sondern erklärt hat. Nach Schelz-Brandenburgs Nachtreten, das auch noch Pelletier abkriegte, dürfte sich wohl so bald kein der deutschen Sprache mächtiger Spitzenspieler auf Werder einlassen.

Schelz-Brandenburg betont gern, wie dankbar ihm Leonid Kritz sei, ein anderer bei Werder abgängiger deutscher Spitzenspieler, weil Schelz-Brandenburg insistierte, dass er ein Stipendium an einer US-Uni annahm, statt voll auf Schach zu setzen. Vielleicht ist Kritz im amerikanischen Exil auch ein bisschen dankbar, nicht mehr mit dem korrekten Ex-Vorsitzenden zu tun zu haben.


  Meier | Pelletier | Werder | Schelz-Brandenburg | Kritz
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17.07.2010 11:00:50
Stefan Löffler

Vor einigen Tagen habe ich hier beiläufig auf die vermeintliche Grundlosigkeit für Ruslan Ponomarjows Einladung nach Dortmund (die Veranstaltungssite präsentiert sich übrigens verbessert mit mehr als nur banalen Hinweisen zu den kritischen Punkten in den Partien) hingewiesen. Nun hat der 26jährige Ukrainer die Begründung selbst geliefert. Mit zwei tollen Siegen gegen zwei der drei Ausrichterlieblinge machte er seinem ihm von Mig Greenguard gegebenen Nintendo-Spitznamen alle Ehre. "Super Mariov" klingt ja auch netter als das um einen Buchstaben zu kurz erscheinende "Pono".

Leko brachte er aus dem Konzept, indem er in einem ohnehin schon zweischneidigen Schotten seinen König auf d1 in der Mitte ließ. Als der Ungar die Damen tauschte, fertigte Ponomarjow ihn gnadenlos ab. Kramnik konfrontierte er tags darauf, wieder mit Weiß, mit dessen eigener Lieblingseröffnung Katalanisch (Kramnik reagierte übrigens mit Lb4+-e7). Nach einem riskanten Bauernzug des Russen opferte Ponomarjow zwei Figuren, die er schließlich mit Zinsen zurück erhielt:

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 Lb4+ 4.Ld2 Le7 5.Lg2 d5 6.Sf3 0-0 7.0-0 c6 8.Dc2 b6 9.Td1 La6 10.Se5 Dc8 11.Sc3 Sbd7 12.Tac1 Sxe5 13.dxe5 Sd7 14.cxd5 cxd5 15.Lf4 g5 16.Lxd5 exd5 17.Sxd5 Dd8 18.Sc7 Tc8 19.e6 fxe6 20.Dc6 De8 21.Dxe6+ Df7 22.Dxf7+ Kxf7 23.Sxa6 gxf4 24.Txc8 Txc8 25.Txd7 Tc2 26.Sb4 Txb2 27.Sc6 Txe2 28.Txa7 f3 29.h4 h5 30.Txe7+ Txe7 31.Sxe7 Kxe7 32.g4 hxg4 33.Kh2 Ke6 34.Kg3 Kf5 35.a4 Ke4 36.Kxg4 1-0 

Sergei Schipow hat das Gehacke analysiert. Ob Pono, sorry, Super Mariov, falls er an diesem Samstag auch noch Naiditsch vom Brett fegt, wieder nach Dortmund eingeladen wird?         


  Ponomarjow | Kramnik | Leko | Dortmund
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16.07.2010 21:04:07
Stefan Löffler

Die Schweizer Meisterschaft endete für Viktor Kortschnoi mit einem Debakel. Sechs Runden lang tummelte sich der 79jährige unter den Titelanwärtern. Dann verlor der zweimalige Vizeweltmeister die letzten drei Runden en suite. Wobei er gegen Züger zweizügig die Dame einstellte. Nur siebter Platz im Zehnerfeld. Dass es nicht gut geht mit ihm, deutete schon seine Absage an die Schweiz für die Schacholympiade an. Der Titel ging wenig überraschend und souverän an den Elofavoriten Yannick Pelletier, der schon einige Jahre in Frankreich lebt. Zweiter wurde Joe Gallagher, der nach einer Pokerphase wieder mehr Lust auf Schach bekommen hat. Dritter wurde mit seiner zweiten GM-Norm der zuletzt vor allem mit schachhistorischen Arbeiten hervorgetretene Richard Forster. Die Russoschweizerin Alexandra Kostenjuk spielte lange vorne mit, fiel aber nach Niederlagen gegen Pelletier und Gallagher auf Platz vier zurück. Der eigentliche Titel bei den Damen wurde über die Platzierungen in der offenen Gruppe entschieden. Und fand ein umstrittenes Ende: Tatjana Lematschko wurde mit einem halben Punkt Vorsprung Meisterin, weil ihr letzter Gegner, der Russe Onoprienko, in gewonnener Stellung einzügig eine Figur einstellte.    


  Kostenjuk | Gallagher | Forster | Pelletier | Kortschnoi
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11.07.2010 16:11:03
Stefan Löffler

Magnus Carlsens Modeauftritt in Berlin ist nicht ohne Interviews abgelaufen. Die WELT hat unsere Nummer eins gefragt und wissen wollen, wer seine Nummer eins ist. Nein, er habe keine Freundin, nur immer wieder Bitten sehr junger Frauen, ihn mal auf einen Kaffee zu treffen. Dass er Alexandra Kostenjuk als "bestaussehendste weibliche Schachspielerin" (so steht´s wirklich da) bezeichnet, scheint mir sehr frei übersetzt, denn Carlsen hat ja schon erheblich mehr Schachspielerinnen leibhaftig gesehen als diejenigen, von denen die Neuschweizerin sonst hochgejubelt wird.
  Carlsen | Kostenjuk
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