Vielleicht würde es helfen, wenn wir alle öfter Lenny Kravitz hören würden? Vielleicht auch nicht, aber zur Sicherheit beginnen wir einfach mal mit einem Lied:

Nun aber zum Thema - der Monatsblitz für Januar hat stattgefunden! Trotz der unglaublichen Flut an parallel stattfindenden internationalen Schachveranstaltungen hat es das Bremer Traditionsturnier geschafft, wieder ein respektables Feld von zwölf zumindest lokal renommierten Spielern ins Werder Vereinsheim zu locken. Die Hansestadt hielt den Atem an, denn war es nicht der geballten Werder-Entourage beim November-Wettbewerb zum ersten Mal seit der Erfindung des Streichholzes gelungen, dem unschlagbaren David Höffer aus DEL ein Schnippchen zu schlagen und ihm den üblichen Turniersieg sowie das schöne Preisgeld von guten 11,-€  zu entwinden?

Pommes
        Ein ähnlich starkes Team wie die Werder-Blitzer: Die Pommesgabeln des Teufels

Sven Charmeteau hatte sich den Sieg im November geholt, doch nach dem Motto "Er ist wieder da" betrat der junge Höffer um 19:25 Uhr leichtfüßig die grün-weißen Vereinsräume und meldete zum Januarturnier. Damit hatte er schon den ersten Punkt so gut wie sicher, denn gemeinhin gewinnt David jede direkte Begegnung gegen mich und somit auch stets zumindest einen Punkt. Das kam mir an diesem Abend auch ganz gut zupass, denn nach Niederlagen in den Runden eins (überzogen gegen Nikolas Wachinger), zwei (Turm weggestellt nebst Matt gegen David Kardoeus), drei (eine gelungene Verlustpartie gegen Rechtsanwalt Joachim Asendorf) und vier (Lars Milde hatte vor ungefähr zehn Jahren eine Fernschachpartie begonnen und wurde seitdem nicht mehr im Verein gesehen - nun war er wieder da und schnappte sich mit schönem Läuferopfer auf .... h7! den vollen Punkt gegen mich) - nach diesen vier Nullen in Folge, vier Nullen zum Auftakt 2018 war ich auch mehr als bereit für eine weitere Niederlage gegen SF Höffer. Wie heißt es unter Softwareleuten? "Der Fehler sitzt immer vor dem Computer" - oder eben vor dem Brett. Zeit für weiteres Training!

training frhstck
       Die drei Zutaten des Erfolgs: Trainieren, trainieren, trainieren (und etwas Honig)

Das Rennen um die vorderen Plätze wogte indessen auch ohne den matten SF Steffens (siehe oben) hin und her. Die Höffers, Charmeteaus und Asendorfs dieser Welt schnappten sich Punkt um Punkt, und man hätte kaum gedacht, dass ein junger Konkurrent noch so lange um die Spitze mitspielen würde. Doch in der Tat, vor der letzten Runde war Werdertiger David Kardoeus punktgleich führend, alleinig führend, wer weiß das schon so genau, und nur eine Null am Ende gegen den gefährlichen FM Stephan Buchal brachte ihn letztlich um einen großen bremischen Schacherfolg - schade! Dies war die Chance für die Titelträger FM RA Dr. Joachim Asendorf und FM David Höffer, noch gemeinsam an die Spitze zu ziehen - und dort waren sie dann am Ende, mit je 8,5 Punkten aus elf strengen Runden. Glückwunsch an beide Preisträger - und an den Turniersieger Joachim Asendorf, der durch den Sieg im direkten Vergleich Platz Eins und seinen hervorragenden Platz im Gesamtklassement behauptete.

Der Spezialpreis < 2000 DWZ wurde anschließend überreicht an Robert Klemm von der Bremer SG. Den Sonderpreis der Jury erspielte sich Carsten Ballandis (SVW) mit Erreichen des souveränen fünftletzten Platzes. Glückwunsch auch hier!

Weiter geht es im Februar mit dem Monatsblitz Semi-Royale: die Bundesliga (Schach!) kommt am 03. und 04.Februar nach Bremen in Gestalt der SG Solingen, DJK Aufwärts Aachen und dem SV Mülheim-Nord, und Werder lädt ins Weserstadion zu zwei sehr intensiven Spieltagen im Norden. Zum Aufgalopp der Doppelrunde findet am Donnerstag, 01.Februar 2018, der Monatsblitz Semi-Royale statt, mit hübschen Preisen am Vor-Vorabend der Bundesligarunde und einem (mal schauen) gut gefüllten Vereinsheim in der Hemelinger Straße. Nah und fern - kommt alle und seid dabei!

Bundesliga Plakat Februar 2018 V4

Noch zwei Worte am Rande:

a) Nichts geht im Blitzen ja ohne einen Turnierleiter - ich hielt es seit jeher für übermenschlich, sowohl die Turnierrunden als Spieler zu bestreiten, als auch die Zeit zwischen den Runden damit zu verbringen, dem versammelten Schachvolk die Ergebnisse abzuringen UND dann auch noch korrekt in die Turniertabelle einzutragen: wer gegen wen, in welcher Runde, wie war das Ergebnis, habe ich alles eingetragen?

Wenn ich einst in schwachen Minuten mal das Amt des Turnierleiters übernahm - es war keine Freude für alle Beteiligten, und Fehler in der Tabelle waren eine für alle faszinierende Begleiterscheinung. Nichts dergleichen allerdings scheint der Fall, wenn ein Blitz-Wettbewerb bei Werder von Stefan Preuschat geleitet wird: Stefan blitzt zügig mit wie ein junger Schachgott, und sammelt ohn' Unterlass, mit nie versiegender Energie und zu hundert Prozent korrekt die Resultate ein.

Das ist beinahe übermenschlich. Wir sagen vielen Dank!

Mobli
          Raketentechnik könnte kaum komplexer sein - die Turniertabelle, souverän geführt von SF Preuschat

 

b) Was hören wir da wieder von der FIDE? Änderung der Blitzschach-Regeln, alles muss raus, Platz für neue Regelungen:

- erst der zweite unmögliche Zug verliert nun die Partie, der erste unmögliche Zug verliert nicht mehr direkt, wird jedoch mit einer Minute Zeitgutschrift für den Gegner geahndet. Wir sagen: viel Spaß beim Einstellen der Uhren! Sonst aber eine interessante Regelung - endlich kann man seinen König wieder stehenlassen oder sonstigen Unfug machen, ohne gleich zu verlieren. Doch war es nicht immer genau das, was Blitzschach ausgemacht hat - gesunde Härte?

- niemand hat mich vorher dazu befragt, darum kommt es für mich überraschend, dass ab 2018 auch der Plättchenfall neu verhandelt wird. In den goldenen Schachzeiten (= bis incl 2017) war die Partie unentschieden, wenn beide Plättchen gefallen waren. Eine schöne, klare Regelung - doch natürlich musste man sie irgendwie ändern, und zwar so: das erste gefallene Plättchen verliert.

Wenn beide Plättchen gefallen sind, stellt man fest, welche zuerst "unten" war - und diese Seite hat dann verloren. Zum Glück gibt es die elektronische Schachuhr, mit der solcherlei Rekonstruieren möglich wird. Doch warum soll jemand eine Partie gewinnen, dessen Zeit ebenfalls abgelaufen ist? Soll es keine Rettung mehr geben, sobald auch der geschätzte Gegner seine Zeit überschreitet? Wie langweilig.

Das alles ist betrüblich. Natürlich gibt es noch viel betrüblichere Dinge auf dieser Welt, und hey, es ist ja nur Schach. Und trotzdem - wieso können jahrhundertelang bewährte Blitzregeln einfach so geändert werden?

Vielleicht habe ich das alles auch nur falsch verstanden. Unmögliche Züge werden erlaubt, man kann gewinnen, auch wenn das eigene Fähnchen gefallen ist - welche Späße wird sich die FIDE noch ausdenken für das Blitzen? Hauptsache aber, wir dürfen keine Bermudashorts mehr tragen beim Schach. Der Rest ist dann schon egal.

Trösten wir uns daher schnell mit etwas Schach aus der Zeit, wo man noch nach den (alten) Regeln spielte:

 

Freitag, 05 Januar 2018 14:32

Blitzschach und Poesie

geschrieben von

Zur heute besprochenen Partie zunächst die Schlusstellung: Turm gegen Turm ist generell remis, Ausnahmen bestätigen diese Regel. Die beiden beteiligten Damen haben nicht etwa nach und nach, gepflegt und freundschaftlich, Figuren und Bauern getauscht bis es soweit war - nein, auch diese Stellung wurde auf Umwegen erreicht.

Dieser Artikel, Teil zwei einer Serie, war bereits geplant bevor ich von dichterischen Aktivitäten auf Facebook erfuhr. Angefangen hatte eine Schachspielerin, die auch singen kann - derlei Ambitionen habe ich nicht. Und auch das war Teil einer Serie, zuvor bekam ein Grossmeister gleich zwei Ständchen. Nun bin ich selbst dran, vorab eine kurze Zusammenfassung dieses und des vorigen Artikels - "ein jeder wird zum Dichter, und nun auch Thomas Richter":

Paehtz zweimal mit Mehrfigur,

was machte sie dann nur?

Es war nicht souverän,

doch kurios anzuseh'n.

Weiss sagte zweimal "niemals nie",

und einmal wurde es remis.

Lela ist das nicht gelungen,

doch Marta hat es dann erzwungen.

Sie konnte Paehtz "betrügen",

nach nicht mal hundert Zügen.

War das jeweils ein Witz?

Nun ja, es war halt Blitz!

"Betrügen" natürlich nur des Reimes wegen ... . Vorab noch das: Zuvor gewann Paehtz im Schnellschach Bronze - vor allem durch einen starken Schlusspurt. Ein sehr gutes, dabei nicht unbedingt "sensationelles" Ergebnis für die Nummer elf der Setzliste. Im Blitzturnier war lange unklar, wer beste deutsche Spielerin wird: am Ende hatte Paehtz einen halben Punkt Vorsprung auf Michna - und das ist (im Schweizer System) relevanter als Turnierleistung und Buchholz. Nach dem ersten Tag waren beide punktgleich, am zweiten Tag lag meistens Michna vorne, aber nicht mehr nach 21 von 21 Runden. Punktgleich waren sie zuvor aufgrund des direkten Duells in Runde 11, dann war erst einmal Pause - Abendessen, Nachtruhe, den ersten Tag verdauen und dann nochmal 10 Partien.

Michna (2377) - Paehtz (2464) 0-1 1/2

Wieder überspringe ich die Eröffnung bzw. erwähne dazu nur, dass Marta Michna 1.e3!? entkorkte - nicht ganz neu, so spielte bereits u.a. Magnus Carlsen, von ihm inspiriert (Partien chronologisch später) seine Landsleute Simen Agdestein und Aryan Tari, ausserdem Baadur Jobava, Richard Rapport, ... . Alle kann ich nicht nennen, noch ein paar: im Alphabet direkt hinter Carlsen Jonathan Carlstedt, dreimal auch Bent Larsen (im zweiten Zug nach 1.-Sf6 oder 1.-f5!? jeweils Larsen-untypisch 2.b4!?), zweimal anno 2004 auch Marta Michna (jeweils in Warschau in der alten polnischen Heimat), grösster Spezialist offenbar ein gewisser Novotny bzw. wenn man genauer hinschaut deren drei - Jaroslaw, Jiri und vor allem Josef. Erst oder bereits 8.-Sc6 (der kam von e7) war in der heute besprochenen Partie total neu - Michna hatte allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Minute investiert.

Direkt "nach der Zeitkontrolle", nämlich nach 40.-g2, stand es so:

Michna Paehtz move 40

Noch hat Schwarz keine Mehrfigur, nicht einmal einen Mehrbauern, und steht dennoch offensichtlich besser - Weiss hat nur einen nicht allzu beeindruckenden Freibauern. Sechs Züge später stand es so:

Michna Paehtz move 46

Nun hat Weiss immerhin einen Freibauern, der die Gegnerin etwas beschäftigt (f3 meine ich nicht). Ab hier Zug um Zug: 46.-Txe4+ 47.fxe4 g1D+?! (natürlich nicht wirklich falsch, aber Schwarz konnte damit noch warten und zunächst 47.-Lxd7 spielen) 48.Txg1 hxg1D+ 49.Txg1 Lxd7

Michna Paehtz move 49

Im Prinzip aus schwarzer Sicht gewonnen genug. Michna gab nicht auf, Paehtz musste noch Technik demonstrieren - bei perfekter oder jedenfalls guter schwarzer Technik gäbe es diesen Artikel nicht. Ab hier einige Motive - Endspiel, diesmal nicht damenloses Mittelspiel, denn wir haben bereits ein Endspiel. Wieder ist es Zufall, dass diese beiden Spielerinnen beteiligt sind - allerdings kein Zufall, dass ich mir ihre Partie angeschaut habe. Derlei Stellungen haben Leser vielleicht auch mal in Blitzpartien, oder mit anfangs mehr aber inzwischen knapper Bedenkzeit. Wie zuvor erwähnt, die allermeisten Leser haben wohl Elo unter 2400 (und auch unter 2377). "Gewühlt" hatte Michna zuvor vom 40. bis zum 46. Zug - nun hat sie eher das Ende abgewartet und/oder auf ein Wunder gehofft.

50.Kd4 Le6 51.e5+ (mag Stockfish gar nicht, aber auch das laut ihm beste 51.Tb1 sollte nicht gut genug sein) 51.-Kf7 52.Tb1 Ta4 53.Tf1+ Ke7 54.Tb1

Michna Paehtz move 54

Der erste "technische" Moment: sauber war offenbar 54.-Lxc4 nebst -Lxa2 - der schwarze Turm bleibt da, wo er am besten steht: hinter dem (entstehenden) Freibauern. Dass Schwarz nur noch diesen a-Bauern behält und dazu den falschen Läufer war unvermeidlich (b6 passiv verteidigen bringt keine Fortschritte). 54.-Txc4+ war natürlich nicht falsch - Schwarz muss danach nur wieder umgruppieren, was in der Partie möglich war aber nicht geschah. 55.Ke3 Tc2 56.Txb6 (der ist weg) 56.-Txa2 (der auch) 57.Tb7+ Ld7 58.Kd4 Tb2 59.Ta7

Michna Paehtz move 59

Und hier ging nun 59.-Tb4+ 60.Kc3 Ta4 61.Txa4 (was sonst?) 61.-Lxa4

Michna Paehtz move 59 Variante

Analysediagramm - ähnlich oder analog bereits im vorigen Artikel. Wenn ja wenn Weiss zwei Freibauern hätte, die der gegnerische König nicht beide kontrollieren kann, dann wäre auch das remis. So ist die einzige "Remischance" à la Carlsen-Inarkiev 62.Kc2!??! und hoffen, dass die Gegnerin nicht reklamiert (62.Kb3 oder 62.Kb2 könnte auch funktionieren, wäre allerdings dann ein doppelter Lottogewinn). Stattdessen kam 59.-a2 (auch das sollte gewinnen, sonst nichts) 60.Kc5 Ke6 61.Kd4 Td2+ 62.Kc3 Tg2 63.Kd4

Michna Paehtz move 63

Und wieder konnte der "falsche" schwarze Läufer den richtigen Zug machen - 63.-La4!

Michna Paehtz move 63 Variante

Da ist er indirekt gedeckt, und hier könnte Weiss (bis auf ein paar Schachgebote) allenfalls noch z.B. 64.Tc1!??! versuchen. Stattdessen 63.-Lc6 (nicht falsch, aber die Ursache dessen was kommen würde) 64.Ta6! Kd7 65.e6+ Ke7 66.Kc5 Tc2+ 67.Kd4

Michna Paehtz move 67

Und nun? Am einfachsten war wohl 67.-Lb5 und erst dann 68.-Kxe6 (oder, wenn Weiss das nicht zulässt, 68.-Lxa6 bzw. 68.Tb6 a1D). Stattdessen 67.-Kxe6?? und nun ist es passiert: 68.Kd3! Tb2?! (sie konnte noch z.B. 68.-Tc1 69.Txa2 oder 68.-a1D 69.Txa1 versuchen - Turm und Läufer gegen Turm ist zwar theoretisch aber nicht immer praktisch remis, das Turmendspiel ist dagegen trivial remis) 69.Txc6+! Kd5 70.Ta6 Kc5 71.Kc3 Tf2 72.Kb3 Kb5 73.Ta8!? (73.Txa2=) 73.-Tf3+ 74.Kxa2

Michna Paehtz zum Schluss

Dieses Diagramm hatten wir bereits, dazu eine Anekdote aus eigener Praxis im letzten Jahrtausend: Kurz nach der Wiedervereinigung spielte ich für die Kieler SG Brett 4 bei der Norddeutschen Blitz-Mannschaftsmeisterschaft (als Reservespieler - andere hatten den Verein qualifiziert und danach verlassen). Dabei waren Schleswig-Holstein (meerumschlungen!), Niedersachsen (etwas Küste), Mecklenburg-Vorpommern (Küste und Seenplatte), Hamburg, Bremen und Berlin (auch am Wasser) sowie Brandenburg (relativ trockenes Bundesland, Ausrichter war das dezentral gelegene Forst bei Cottbus an der polnischen Grenze).

Damals prallten "Schachkulturen" aufeinander: im Westen wurde mit Turm gegen Turm remis vereinbart, im Osten war es dagegen akzeptabel, bis zum Blättchenfall weiter zu zocken - jeweils zumindest Mehrheits-Ansicht? Nun vereinbarten eine Hamburger Polin und eine Thüringerin hier remis, Ursachenforschung: 1) Die Wiedervereinigung ist vollendet, und der Westen hat sich hier durchgesetzt? 2) Auch damals war es nur auf Niveau Elo unter 2400 üblich? 3) Inzwischen gibt es Inkrement, was Gewinnversuche erschwert. Übrigens hatte Michna hier noch 23 Sekunden, und Paehtz noch vier.

Wasser hatte ich bereits erwähnt - auf Texel regnet es momentan, und gleichzeitig scheint die Sonne, also ein Regenbogen. In Riad hat es vermutlich nicht geregnet, da kein Naturwunder aber aus Michnas Sicht ein schachliches Wunder.

Im nächsten Artikel werde ich mir dann vor allem Frau Gunina und Frau Goryachkina vorknöpfen, ein bisschen auch Frau Kosteniuk und Frau Batsiashvili - Partien mit deutscher Beteiligung hatten Priorität.

 

Mittwoch, 03 Januar 2018 12:06

Blitzschach mit reduziertem Material

geschrieben von

Das - Nachlese zur Blitz-WM im umstrittenen Riad - wird Teil eins einer Serie. Diverse Blitzpartien im Damenturnier registrierte ich, weil die Spielerinnen nun einmal dabei fotografiert wurden - ob das von dem Fotografen oder der Fotografin Absicht war oder ebenfalls Zufall, kann ich nicht beurteilen. Kein Zufall allerdings, dass deutsche Spielerinnen beteiligt sind - wobei ich später zeigen werde, dass neben einer deutschen Spielerin und einer Georgierin auch andere (aus Deutschland, Georgien und Russland) diese Art, Blitzschach zu spielen, beherrschen. In diesem Artikel am Ende auch ein "turnierrelevantes" und nach Elo hochkarätiges Fragment aus dem offenen Blitzturnier.

Sinn der Sache ist nicht, mich über die Spielerinnen zu mokieren - auch wenn mir das vielleicht unterstellt wird. Nein, es geht um zwei Dinge: 1) Wie kann man (oder frau) eine Gewinnstellung effizient gewinnen? Einige Momente sind da wohl spezifisch, aber ein Motiv wird insgesamt doppelt auftauchen. 2) Wie geht Wühlen in (totaler) Verluststellung, vielleicht gar erfolgreich? Beides ist vielleicht lehrreich für das Publikum dieses Blogs, wobei die allermeisten Leser(innen) wohl Elo deutlich unter 2400 haben. Unterhaltsam ist es womöglich auch.

Ohne weitere Vorrede nun zu Javakishvili (2449) - Paehtz (2464) 0-1. Das Titelbild etwa bei Halbzeit (nach Zügen, wohl nicht nach verwendeter und verbleibender Bedenkzeit), das erste Diagramm zeigt nun die Schlusstellung:

Javakishvili Paehtz zum Schluss

Das ist - so etwas gibt es - eine gewonnene Version von Turm gegen Turm, da nur Schwarz seinen bzw. ihren König behält. So stand es nach 104 Zügen und diversen Irrungen und Wirrungen - Paehtz hatte gut 80 Züge lang eine Mehrfigur und konnte die Gegnerin sicher schon früher zur Aufgabe bewegen. Javakishvili verpasste allerdings die eine oder andere Remischance - nicht nur am Ende mit Turm gegen Turm und Läufer, auch zuvor mit Bauern und teils weiteren Figuren auf dem Brett.

Javakishvili Paehtz move 18

Das die Stellung nach 17.-e4 18.h4?? - momentan hängen zwei Figuren, dabei blieb es quasi nach 18.-Df6! allerdings waren es nun zwei weisse Figuren. "Der Rest ist Technik"?! Javakishvili weigerte sich, aufzugeben - denn durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen, und dafür gibt es auch keinen halben Punkt. Die nächsten 20 Züge überspringe ich, wie auch zuvor die etwas unkonventionelle Eröffnung, dazu sage ich nur "A41" - Königsindisch und irgendwie doch nicht, Schwarz spielte nie -Sf6 (sondern erst im 21. Zug -Se7). So stand es nach 38.Tc3:

Javakishvili Paehtz move 38

Bis dahin machte Schwarz Fortschritte, und nach dem ebenso gierigen wie einfachen 38.-Sxf2 - das nicht nur einen Bauern gewinnt sondern auch die weissen Springer entwurzelt - 39.Tf1 Txg3 40.Txf2 Tg4 wäre die Partie vielleicht "zur Zeitkontrolle" oder kurz danach vorbei - 0-1 ohne Umwege.

Stattdessen 38.-Lb3 "mit Tempogewinn" - allerdings tut die schwarze Mehrfigur da nichts, während Weiss nun aktive Möglichkeiten erhält: 39.Td7 (Teil von Javakishvilis Wühlerei zuvor war 34.c5 und 35.c6) 39.-Tf6 (Schwarz muss f5 decken, und wieder -Le6 funktioniert nicht: 39.-Le6?? 40.Sxe6 Txe6 41.Sxf5 und Weiss gewinnt) 40.h6 (Weg damit!) 40.-Kxh6? (40.-Tgf7 und Schwarz steht weiterhin besser, aber auch hier vielleicht nicht total gewonnen):

Javakishvili Paehtz move 40

Und schon ist es passiert!?! Weiss hat hier 41.Txg7 Kxg7 42.Sgh5+ (falsch wäre 42.Sfh5+ Kg6 43.Sxf6 Sxf6 44.b5 Sd5) 42.-Kf7 43.Sxf6 Sxf6 44.b5

Javakishvili Paehtz move 40 Variante

Analysediagramm - Weiss steht nicht mehr schlechter! Da zeigte sich, dass vom Springerquartett im Diagramm zuvor die weissen gefährlicher waren - schliesslich stand am Königsflügel unkoordiniertes bzw. gabelanfälliges schwarzes Holz!

So kam es nicht, sondern 41.Tc5? Sfe5 42.Sgh5 Sxd7 (42.-Txd7 43.cxd7 Td6 war genauer) 43.cxd7 Txd7 44.Sxf6 Sxf6 45.Txf5 Td6 46.Tc5 Td2+ 47.Kc1 Txf2 48.Sh3 Tf3 49.Sg5 Tf1+ 50.Kd2 Tf2+ 51.Ke3 Tc2 52.Ta5 - Turmtausch war hoffnungslos aus weisser Sicht, und nun stand es so:

Javakishvili Paehtz move 52

Hat Weiss mit reduziertem Material wieder Hoffnungen oder Schummelchancen? In der Partie ja, da Schwarz auf das multi-funktionale 52.-Sd5+ verzichtete - deckt für alle Fälle c7 und gewinnt nebenbei noch eine Figur. So kam es allerdings nicht, sondern 52.-Kg6 53.Sxe4 (einer weniger) 53.-Sxe4 54.Kxe4 Ta2 55.Tc5 Txa3

Javakishvili Paehtz move 55

Zu diesem Zeitpunkt, bzw. kurz davor, wurden Javakishvili und Paehtz fotografiert. Nun natürlich 56.Txc7 und Schwarz hat nur noch den falschen Randbauern bzw. den falschen Läufer - das zu gewinnen ist jedenfalls nicht mehr trivial. 56.-Ta2 (Engines sagen, dass 56.-Ta1 viel besser ist, aber alles kann ich nicht untersuchen) 57.Ta7 Td2 58.b5 (Weiss hat auch einen Freibauern) 58.-Td6??

Javakishvili Paehtz move 58

Eigentlich ist es wieder passiert, aber Schwarz spielte den Remiszug erst als er keiner mehr war: 59.Ta5? (59.Ta6! und Schwarz kann weder Turmtausch verhindern noch, dass der weisse König dann das Feld a1 erreicht) 59.-Kf6 60.Ta6 

Javakishvili Paehtz move 60

Zu spät! Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - so kam es am Ende. 60.-Ke6? Hier gewann offenbar nur 60.-Ke7! 61.b6 Tc6 62.b7 Tc4+ - das geht mit schwarzem König auf e6 nicht - 63.Kd3 Tb4 64.Ta7 Kd6 65.Kc3 Tb5 [bitte nicht 65.-Tb6? 66.Ta6! =] usw. - Tablebases sagen, dass das für Schwarz gewonnen ist nachdem der weisse b-Bauer unweigerlich fällt, und zwar ohne Turmtausch. Trivial ist es auch dann nicht unbedingt. 61.b6 - nun muss der weisse Läufer sich um den b-Bauern kümmern. Nicht remis ist hier 61.Txd6+? Kxd6 62.Kd4 a3 63.Kc3 La4!

Javakishvili Paehtz move 61 Variante

Analysediagramm - Der weisse König kommt nicht in die Ecke, sondern muss früher oder später -a2 und -a1D zulassen. Hier konnte Weiss dieses Szenario verhindern, in der nächsten Partie (nächster Artikel, selbe Schwarzspielerin) konnte Schwarz derlei forcieren. Zurück zur Partie:

61.-Ld5+ 62.Ke3 Lc6 63.b7 Lxb7

Javakishvili Paehtz move63

64.Txa4?! - auch das ist eigentlich remis, aber einfacher und forciert war 64.Txd6+ Kxd6 65.Kd3 (65.Kd2 geht auch, aber nicht 65.Kd4?? a3 66.Kc3 Ld5! 67.Kc2 La2!)

Javakishvili Paehtz move 64 Variante

Analysediagramm - auch hier wird der weisse König dann abgedrängt. Richtig wie gesagt 65.Kd3 a3 66.Kc2! = denn der Laufspringerzug 66.-Lb7-d5-a2 ist regelwidrig.

So übten sie noch Turm und Läufer gegen Turm und Schwarz gewann doch noch. Alle Feinheiten will ich nicht besprechen - meistens war es Tablebase-remis, mehrfach für Schwarz gewonnen und dann wieder remis, nach 102 Zügen stand es so:

Javakishvili Paehtz move102

Und nun 103.Td7? (allwissende Tablebases empfehlen Kd1, Kf1 oder Tc8, sonst nichts, und sagen "remis") 103.-Ke3! 104.Txd5?! - so ist es einfach, nach 104.Kd1 oder 104.Te7+ müsste Schwarz noch Technik zeigen, was sie zuvor mehrfach nicht vollenden konnte 104.-Th1#

Javakishvili Paehtz zum Schluss

Dieses Diagramm hatten wir bereits: Matt beendet die Partie - auch wenn es materiell ausgeglichen ist (auch wenn die mattgesetzte Seite eine, zwei oder fünf Mehrfiguren hat).

Zur Partie insgesamt: Es war eine dramatische Blitzpartie ... . Eine andere kurios-vergleichbare aus dem Damenturnier habe ich nicht ganz zufällig entdeckt, wie üblich derlei insgesamt war - dazu habe ich nicht recherchiert. Endspiel Turm und Läufer gegen Turm ist ein Thema für sich - auf hohem Niveau durchaus gängig, empirisch-praktische Gewinnchancen für die stärkere Seite vielleicht 50% (d.h. die Turmseite kann etwa jede zweite Partie remis halten). Selbst hatte ich es, soweit ich mich erinnern kann, noch nie.

Mit doppelter Hilfe von Colin McGourty fand ich dazu ein Interview mit Vladimir Malakhov, u.a.: "In endgames, after all, it’s important not only to know the theory, which you can get from books, but to have intuition, which you can’t learn. It shows up with me, for instance, in the fact that all the “R + B v R” endgames that I’ve had in my life I’ve won as the stronger side, and drawn as the weaker side." [In Endspielen ist es dabei nicht nur wichtig, die Theorie zu kennen - dafür gibt es Bücher. Nein, man braucht auch Intuition, das kann man nicht lernen. Bei mir zeigt es sich zum Beispiel daran, dass ich in meinem Leben 'Turm und Läufer gegen Turm" mit Materialvorteil immer gewann, und mit materiellem Nachteil immer remis hielt.] "Immer" ist im zweiten Fall nachvollziehbar, im ersten Fall erstaunlich!?

Colins doppelte Hilfe: Im September 2010 hatte er das unter Künstlername mishanp aus dem Russischen übersetzt, daran (bzw. an so etwas von "einem" russischen GM, vielleicht Malakhov) erinnerte ich mich dunkel. Im Januar 2018 kam auf Nachfrage eine hilfreiche private email.

So, und das waren genug Aufregungen, Irrungen und Wirrungen für einen Artikel - fast. Im offenen Blitzturnier kopierten zwei Spieler mit (Blitz-)Elo 2800+ bis zu einem gewissen Grad tatsächlich Elisabeth Paehtz, Lela Javakishvili und Marta Michna (soviel verrate ich bereits: Teil zwei der Serie wird Michna-Paehtz 0-1 1/2). Wohl nicht nur ohne Absicht, sondern ohne es überhaupt zu wissen - ihre Partie aus der entscheidenden Turnierphase (Runde 19 von 21), Javakishvili-Paehtz war Runde 5, Michna-Paehtz Runde 11. Ich zeige beide zunächst - Fotos ab Turnierseite über Facebook, sie stammen aus dem Schnellturnier mit auf diese Partie bezogen jeweils der falschen Farbe:

 Aronian

MVL

Die meisten Leser (er)kennen sie wohl - oben Levon Aronian, unten Maxime Vachier-Lagrave. Der Armenier drehte am zweiten Blitztag auf, der Franzose spielte da ab Runde 16 plötzlich nicht mehr Remis - aber insgesamt in dieser Phase 2/5 war noch etwas weniger als 2.5/5.

Zu weiten Strecken der Partie nur soviel: MVL entkorkte 1.b3!?, verschmähte später eine Zugwiederholung, dennoch war es lange ausgeglichen. Ab dem 60. Zug bekam Aronian Oberwasser, später verkündeten Engines mitunter bereits Matt in weniger als 25 Zügen.

MVL Aronian move 86

Auch hier, zuletzt geschah 86.Txa3 Txd4 - Weiss hatte einen Bauern geschlagen, Schwarz einen Springer. Wesentliche Kennzeichen dieser Stellung nun spiegelbildlich zu Javakishvili-Paehtz und auch Michna-Paehtz: Schwarz hat hier einen h-Bauern und dazu den falschen schwarzfeldrigen Läufer. Wenn Tablebases sagen "Schwarz gewinnt", dann kann Schwarz das gewinnen. Livekommentator Miroshnichenko skizzierte die Gewinnmanöver, Aronian hörte zunächst auf ihn (ohne dass er ihn hören konnte). Nach genau 100 Zügen (bzw. mit dem richtigen 101. Zug) konnte MVL allerdings mal Remis forcieren:

MVL Aronian move 100

Das dürfen Leser selbst entdecken, nur ein sachdienlicher Hinweis: Wenn Nigel Short das Sagen hätte, gäbe es diesen Remisweg nicht.

MVL Aronian move 112

Nach 112 Zügen (und nun 112.-Te2) war es Matt in sieben - wie genau dürfen Leser mit (oder ohne) Hilfe von Tablebases erforschen. Aronian spielte stattdessen 112.-Ta3 was nach 113.Kh2 Le3 114.Kxh3 den h-Bauern kostete:

MVL Aronian move 114

Immer noch kein Problem - das ist eine gewonnene Version von Turm und Läufer gegen Turm! Vom 117.-123. Zug war es dann allerdings Tablebase-remis, und dann gewann Aronian doch. Da nach dieser noch zwei Runden gespielt wurden, kann man nicht genau sagen wieviele $ in dieser Partie verteilt wurden - am Ende war Aronian jedenfalls mit 14/21 geteilter Vierter bis Fünfter mit Wang Hao, und MVL teilte mit 13/21 Platz zwölf mit sechs anderen Spielern.

Und nun sage/schreibe ich "Fortsetzung folgt"!

 

 

 

Kleine Schachrevolution – oder warum Zusehen schwieriger wird als Spielen!
Früher, ja früher war alles besser – sogar die Zukunft war früher besser und einfacher hört und sagt man immer wieder gerne. Früher waren die Spitzengroßmeister gottgleiche Künstlerpriester und die einzigen, die die Geheimnisse des Schachs durchschaut haben und wir Zuseher und Patzer (in Erinnerung an Bobby Fischer) konnten nur staunend und voller Bewunderungen deren Äußerungen lauschen. Es war eine ideale Welt: da die Fans dort die Meister!

2017Rev01

Aber stimmte das wirklich so – ja das wurde so gelebt, aber die Grundlagen dazu waren gar nicht gegeben, denn Schach ist im Wesen ein endliches Spiel in einem endlichen Raum und damit theoretisch lösbar. Künstlerische Freiheit existieren überhaupt nicht, denn für jede einzelne Stellung gilt, dass sie entweder gewonnen, remis oder verloren ist – mehr geben die Regeln nicht her, auch wenn uns dieses Wissen nur für wenige Stellungen zweifelsfrei zugänglich ist. Aber diese immer schon existierende und bekannte theoretische Einschränkung wurde von der Schachfangemeinde nahezu „religiös“ ignoriert, so wie Kreationisten die Evolutionstheorie ablehnen.

Hilfreich dabei waren die ersten Auftritte der Schachcomputer, die man locker schlagen konnte und jene, die die 2000 Elomarke überschritten waren anfangs sehr teuer. Doch das änderte sich rasch als die ersten Programme auf Diskette verfügbar wurden und sich IBM mit einem Großrechnerteam einschaltete und in den Jahren 1996 und 1997 die Sache eigentlich klärte. Dann kam das neue Jahrhundert und Mitte der Nullerjahre war eigentlich klar: Maschine schlägt Mensch! Die Romantik war damit vorbei.

2017Rev02

Nun kam 2017 der nächste „Schock“ AlphaZero – ein künstliches neuronales Netzwerk - erlernte Schach in affenartiger Geschwindigkeit selbst und zerlegte – wenn auch in nicht ganz sportlich fairer Manier – die besten Engines und stieß damit die Tür in neue Welt auf.

Wo liegt nun das Problem für uns? Nun die Profis sehen das schon lange pragmatisch, wenn auch manchmal etwa gereizt, wie beispielsweise eine Reaktion von Magnus Carlsen gegen GM Maurice Ashley bezeugt, als dieser ihn auf eine gewinnbringende Enginevariante in einem Interview ansprach. Liest man dann aber genauer, kann man erkennen, die Profis wissen was sie können und was sie nicht können. Und sie wissen auch Maschine schlägt Mensch - das ist ja schon seit 1997 keine weltbewegende Neuigkeit mehr! Also verhalten sie sich typisch menschlich und schauen, was sie davon zu ihrem Nutzen verwenden können und was für sie unbrauchbar ist und bauen das Brauchbare ganz pragmatisch in ihre Arbeit ein. Das menschliche Schach profitiert damit ganz klar vom Computer – aber dennoch hat sich im Kampf am Brett nichts Wesentliches verändert: es gewinnt der vorletzte Fehler!

2017Rev03

Und jetzt kommen wir Schachfans ins Spiel – wir sind die „Verlierer“ dieser Entwicklung. Früher – vergessen wir nicht da war alles herrlich – saßen wir vor der Zeitung oder dem Bildschirm (Teletext) und spielten die Partien der Stars nach und verstanden nichts oder sehr wenig. Dann kamen die gedruckten Analysen und wir verstanden das was dort geschrieben war, ob das nun stimmte oder nicht war eigentlich egal. Da uns die Fähigkeiten und die Möglichkeiten fehlten, mussten wir das tun, was Menschen in solchen Situationen schon immer taten: GLAUBEN!! Und wir waren glücklich, denn aus unserem Unvermögen strahlten Stars hervor zu denen wir bewundernd hochblicken konnten.

Mit der Niederlage von Kasparov gegen die Maschine und die folgende Chancenlosigkeit kommender Weltmeister gegen die Engines zerbrach diese einfache Glaubenswelt und die Götter wurden zu fehlbaren Sterblichen wie wir auch. Und damit begann unser großes Dilemma, denn mittlerweile ist es einfacher, ja sehr viel einfacher Schach zu spielen als Schach zuzusehen! Verstanden wir früher nichts, so liefern uns die Maschinen jetzt eine „nahezu perfekte“ Einschätzung der Stellung und dennoch wieder haben wir ein Verständnisproblem: was davon kann der Mensch – dessen Fan wir vielleicht sind – am Brett sehen und was bleibt – bzw. muss – ihm verborgen bleiben? Wieder können wir die Ereignisse nicht richtig einordnen und wieder sind wir in einer emotionalen Geisterbahn ohne Ausweg gefangen.

2017Rev04

Unsere Situation hat sich damit nicht wirklich verbessert, denn unsere eigenen schachlichen Fähigkeiten helfen uns gleich wie früher nichts, um ohne Computer das Geschehen am Brett einschätzen zu können und mit Computer wissen wir nicht, was Topprofis sehen können und was nicht. Fakt ist ja, dass die Fähigkeiten des Menschen durch viele Faktoren begrenzt sind. Kein Mensch kann alle 5 Steiner sicher nach Hause spielen, geschweige denn 6 oder gar 7 Steiner. Damit ist klar, dass wir auch in allen anderen schachlichen Phasen Irrtümer begehen müssen. Ist Schach damit ein Glücksspiel? Ich würde mit einem klaren JEIN antworten – theoretisch für Menschen JA, praktisch aber NEIN! Denn eigentlich ist Schach für uns Menschen ein Kampfsport und solange das so bleibt, ist alles gut und schön!

Nur Zusehen müssen wir neu lernen!! Und dabei können uns die Maschinen noch nicht helfen – aber damit eröffnet sich doch ein weites neues Feld für Schachsoftwarefirmen und für Weihnachtswünsche!

Samstag, 16 Dezember 2017 11:26

Schachbund sucht neuen Geschäftsführer

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Nach dem krankheitsbedingten Ausfall des bisherigen Geschäftsführers/Sportdirektors Uwe Bönsch im April sucht der Deutsche Schachbund nun acht Monate später einen Nachfolger - oder auch nur eine Zwischenlösung. Schnell gehen soll es auch: Bereits zum 01.04. ist die Stelle neu zu besetzen. Mit einer Befristung auf 18 Monate und knackigen Anforderungen, die in Deutschland wohl noch nicht einmal eine Handvoll Kandidaten erfüllen, wird die Suche nicht ganz einfach. Aber sehen Sie selbst: (jh)


Der Deutsche Schachbund e.V. mit Sitz in Berlin sucht zum 1. April 2018 einen Geschäftsführer (m/w) / einen Sportdirektor (m/w) in Vollzeit


Aufgaben

  • Führung der Geschäftsstelle
  • Beratung und Unterstützung des Präsidiums in organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Fragen
  • Vorbereitung und Umsetzung von Präsidiumsbeschlüssen
  • Zusammenarbeit mit den Landesschachverbänden, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Weltschachbund (FIDE) und der Europäischen Schachunion (ECU)
  • Planung und Durchführung von Leistungssportmaßnahmen
  • Mitarbeit in der Kommission Leistungssport
  • Organisation der Aus- und Weiterbildung der Trainer


Anforderungsprofil

  • Erfahrung in Personalführung
  • Praxiserfahrung im organisierten Sport und Berufserfahrung
  • Teamfähigkeit sowie kommunikative Kompetenz und Organisationsgeschick
  • Fachlich überzeugende, belastbare und dynamische Persönlichkeit
  • Bereitschaft zur Wahrnehmung von Wochenendterminen und Dienstreisen
  • Bezug zum Schachsport
  • Gute englische Sprachkenntnisse
  • Erfolgreiche Ausbildung und Erfahrung im Bereich Betriebswirtschaft, Personalwirtschaft und Veranstaltungsmanagement

Die Stelle ist vorerst bis zum 31.10.2019 nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz zu besetzen. Eine unbefristete Weiterbeschäftigung ist denkbar. Zur Wahrung der Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen sind Bewerbungen von Frauen mit entsprechender Qualifikation ausdrücklich erwünscht. Schwerbehinderte werden bei gleicher Eignung besonders berücksichtigt.


Ihre aussagefähigen Bewerbungsunterlagen – vorzugsweise per Email – senden Sie bitte unter Angabe Ihrer Gehaltsvorstellungen an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder per Post bis spätestens zum 15. Januar 2018 an

Deutscher Schachbund
Horst Metzing
Hanns-Braun-Str./Friesenhaus 1
14053 Berlin

Freitag, 08 Dezember 2017 21:32

London Classics: Na-Na-Nakamura!

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So kann Schach sein - während wir alle älter und gesetzter werden (ja, auch heute schon wieder), gibt es einen im großen Schachzirkus, der noch so richtig mit den Schachfiguren auf den Gegner einholzt, und wie auf den Bolzplätzen unserer Jugend den Ball aufs Tor zimmert.

Hikaru Nakamura heißt der Mann, bekannt und beliebt für seine Bulletkünste und diverse Experimente mit der Boris Becker Eröffnung 1.e2-e4, e7-e5 2.Dd1-h5 im ernsthaften Schach.

HikaruNakamura11a Stefan64
Einer der stärksten Spieler unserer Galaxie:
Hikaru Nakamura, hier mit Anzug und coolen Koteletten (Foto: Stefan64, vielen Dank)

Nachdem Naka vor einem Jahr bereits in einem atemberaubenden Angriffswirbel Wesley So königsindisch zerlegte, war heute nun Magnus Carlsen an der Reihe. Auch wenn die Partie noch läuft - dem Weltmeister wird mächtig eingeheizt, und dann auch noch in Swinging London - das ist vielleicht kein gutes Omen für die WM im nächsten Jahr an gleicher Stelle? Doch bis dahin ist noch viel Zeit, und Magnus wird sich erholen.

Wir freuen uns erstmal an Nakamuras energiegeladenem Figurenzauber, und sagen Danke! an das Team der Chess Classics - schon während der Partie gibt es die Live-PGN zum Herunterladen. Wow.

Hier! geht es zur Partie mit einigen sehr leichten Kommentaren. Es ist mein erster Versuch mit dem wundervollen Chessbase Reader online .. ich hoffe, das wird klappen!

Turnierseite London Chess Classics

*****

Und schon Zeit für ein Update - es hat nicht ganz gereicht für Hikaru, die Partie wurde Remis. Was ihm neben dem wohl enttäuschenden halben Punkt bleibt, ist der kreative Wirbel und der Mut, den er gezeigt hat - auch wenn es sich in der Turniertabelle nicht sogleich niederschlägt. Morgen dann vielleicht!

Naka Carlsen

Dienstag, 05 Dezember 2017 18:36

Schachseminarturnier in Rotenburg

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Es avanciert zu einem festen Bestandteil der deutschen Turnierszene: Zum sechsten Mal fand in Rotenburg/Fulda das etwas andere Schachturnier statt.

Ein Teilnehmerbeitrag von Dr. Bernhard Hellrung. jh


Vom 1.10. bis 8.10.2017 trafen sich ca. 30 Schachbegeisterte um von Großmeistern bzw. IM’s zu lernen und insbesondere in die Kunst der Partieanalyse eingeweiht zu werden. Das Teilnehmerfeld bestand aus Spielern der Spielstärke von DWZ ~2100 bis ca. 1300 aus mehreren Bundesländern aber auch aus der Schweiz.

fulda und schloss
Blick auf die Fulda und das Schloss

Als Reiseveranstalter dieser Veranstaltung ist GM Jörg Hickl schon mehrfach mit dieser Art der Schachschule erfolgreich unterwegs, was auch durch die zahlreichen Mehrfachteilnehmer zum Ausdruck kommt. Als Mitstreiter von GM Jörg Hickl waren im IM Dr. Erik Zude, IM Frank Zeller und IM Jonathan Carlstedt am Brett.

Das Konzept dieser Veranstaltung ist das im Mittelpunkt stehende Lernen der Partieanalyse unter Anleitung des GM’s bzw. der IM’s in Verbindung mit verschiedenen Angeboten z.B. spezieller Eröffnungstheorie, strategischer Themen aber auch praktischer Tipps, etc.

Der Tagesablauf war i. d. R. so gestaltet, dass eine Runde gespielt und anschließend je nach Zeitplan die Analyse mit einem der Meister für etwa eine Stunde durchgeführt wurde. Die Partien wurden nicht DWZ-ausgewertet, so dass jeder ein wenig experimentieren konnte (soweit es für die Betreffenden überhaupt eine Rolle spielt).    

Am 1.10.17 wurde die 1. Runde nach der offiziellen Begrüßung und Einführung gespielt. Die Analysen fanden aufgrund des nachmittäglichen Spieltermins in den Abendstunden statt. Die Analyse meiner ersten Partie mit meinem Gegner fand unter Anleitung von GM Jörg Hickl statt. Er forderte uns immer wieder auf, die Ideen des Gegners in den Mittelpunkt zu stellen und daraufhin die eigenen möglichen Fortsetzungen zu prüfen. Es war für mich interessant zu sehen, wie ein GM seine Partieanalyse anlegt und welche Schwerpunkte er setzt. Des Weiteren wurden wir auf etwaige Denkfehler hingewiesen und uns mögliche bessere Fortsetzungen genannt. Bei der Analyse waren beide Beteiligte stets gefragt nach ihren eigenen Ideen, also um aktives Mitdenken.

Turniersaal

Blick in den Turniersaal

Die Folgespieltage bis zur Runde 5 liefen ähnlich ab. Ich persönlich war mindestens einmal bei jedem der GM bzw. IM’s zur anstehenden Analyse. Jeder unserer Mentoren hat dabei einen eigenen spezifischen Stil, jeder hat uns stellungsgerechte Spielideen mitgegeben.

Zwei Tage (u.a. der 3.10.) waren spielfrei, aber nicht schachfrei, d.h. spezielle Angebote sorgten für einen durchdachten Verlauf der Schachwoche.

Dazu zählte bspw. die Vorstellung einer Partie von GM Hickl gegen GM A. Jussupow, in der uns großmeisterliche Ideen in einer stark verschachtelten Stellung nahegebracht wurden.  Weitere Angebote waren u.a. folgende:

  • Läufer vor und hinter der Bauernkette (Referent: IM Erik Zude)
  • Die Weltmeister (Partienauswahl einiger Schachgrößen) – Referent: IM Frank Zeller
  • Die Englische Eröffnung - Referent: Jonathan Carlstedt

Des Weiteren fand ein Blitz-Rundenturnier statt, das für Spaß und Kurzweiligkeit sorgte. Zum Ausgleich war eine kleine Wanderung eingeplant, wurde jedoch aufgrund des schlechten Wetters nur von wenigen Teilnehmern wahrgenommen.

Blitzturnier
Das Blitzturnier

Als Fazit steht für mich persönlich eine gelungene Schachwoche insbesondere bereichert durch die Präsenz der GM / IM’s bzw. deren Ideen und Anregungen für das eigene Spiel. Auch die Stoffvermittlung war didaktisch ansprechend wie auch durch Nutzung moderner Technik. Dafür ein herzliches Dankeschön an den Veranstalter und dessen Team.

Auch die Lokalität - das Posthotel mit seinen modern ausgestatteten Zimmern sowie Tagungsräumlichkeiten und dem hervorragenden Essen soll nicht unerwähnt bleiben. Deshalb an den Inhaber/Betreiber und dem Personal ebenso herzlichen Dank.

Auf jeden Fall macht das ganze Lust unter den hier gegebenen Rahmenbedingen auf weitere Lektionen im nächsten Jahr.



Das nächste Seminarturnier findet vom 02.-11.03.2018 auf Lanzarote statt (mit Elowertung) - nur noch noch 2 freie Plätze.

Das Seminarturnier Rotenburg steht wie immer Anfang Oktober auf dem Programm.

Turnierseite: www.schachreisen.eu

Freitag, 01 Dezember 2017 12:59

Goliath gegen David remis

geschrieben von

Die Schlusstellung (Titelbild) suggeriert bereits, dass es eine turbulente Partie war - Schwarz konnte nun das bunte Treiben mit Dauerschach beenden und war damit wohl zufriedener als sein Gegner. Ein paar Hinweise auf das zuvor Geschehene liefere ich vorab. Die Damen wurden früh getauscht - im dreizehnten Zug, objektiv war das aus schwarzer Sicht unglücklich. Viel später (nach 47 Zügen) bekamen beide wieder eine Dame - das gibt es im Schach, im Leben (man heiratet mehrfach) ja auch mitunter. Die weisse Dame konnte sofort wieder vom Brett verschwinden, dann hätte Schwarz gar gewonnen! Eine andere Gewinnchance hatte er direkt zuvor: seinen König aktivieren, was Weiss bereits viel früher und nicht unbedingt absichtlich oder freiwillig tat. Objektive Wahrheit ist, dass Weiss zuvor auch gewinnen konnte - dann gäbe es diesen Artikel eher nicht. Beide hatten mal eine Qualität mehr - das sagt vielleicht wenig über die Qualität der Partie, aber u.a. dadurch war sie (auch unabhängig vom "Goliath gegen David" Motiv) unterhaltsam bzw. spektakulär.

Das Ganze in einem Mannschaftskampf am 7. Oktober in Heerhugowaard - dieser Beitrag war seither geplant, nun isses soweit. Zunächst dokumentiere ich das Gesamtergebnis doppelt:

07-10-2017 Heerhugowaard  -  En Passant 4½ - 3½
1 7838963  Kevin Tan  2187  -  7145039  Co van Heerwaarden  1507 1-0
2 6286907  Piet de Haas  2107  -  8570430  Jon van Dorsten  1436 ½-½
3 8241464  Dennis Keetman  2010  -  7779233  Abe Zijm  1460 1-0
4 6172914  Gerrit van Oostrum  1951  -  8039955  Thomas Richter  1970 1-0
5 7643053  Rob Spaans  1870  -  6435528  Kees de Best  1861 0-1
6 7640798  Johan Wester  1836  -  6244502  Jaap Dros  1918 ½-½
7 8290678  Kasper van der Meulen  1813  -  7698317  Gerard Postma  1710 ½-½
8 8285563  Sandra Keetman  1768  -  7602177  Jaap de Wijk  1659 0-1
   1942    1690  
  wl. Piet Konijn

So steht es hier - drei Namen in meinem Team nicht fett gedruckt, da keine Stammspieler. In den Niederlanden darf man die Brettreihenfolge frei wählen, wir stellten taktisch auf und konnten das nominell im Schnitt klar bessere Team damit fast ärgern. Dass es nicht für einen Mannschaftspunkt reichte lag daran, dass ein gewisser Thomas Richter nach abgelehntem Remisangebot gegen einen nominell ziemlich gleichwertigen Gegner überzog - ich dachte, dass ich unbedingt gewinnen muss (diese Partie nur in vereinsinternen Datenbanken).

20171007 172013

Und so wurde es vor Ort dokumentiert - wir haben also die gegnerische Vorbereitung durchkreuzt: eigenes Team und unsere Stammspieler vorab ausgedruckt, drei Reservisten handschriftlich ergänzt. Offenbar wussten sie, dass unser drittes Gelegenheitsbrett im Golfclub Arie heisst, im Schachverein und für den Schachverband allerdings Abe. Zu den beiden an der besprochenen Partie beteiligten Spielern zeige ich noch Archivfotos:

20170401 135653

Links hinten Piet de Haas beim Mannschaftskampf der letzten Saison auf Texel - damals bekam er einen anderen nominell klar unterlegenen Gegner und gewann glatt. Diesmal haben wir die hier gezeigten eigenen Spieler - Gerard Postma damals gegen Kevin Tan, Jaap de Wijk damals gegen Piet de Haas  - an Brett 7 und 8 aufgestellt. de Haas ist Jahrgang 1952, also durchaus ein erfahrener Spieler. Fotografiert hatte mein Vereinskollege Frans Eijgenraam, ich spielte ja selbst.

Jon van Dorsten 1

Und das (eigenes Handyfoto) ist Jon van Dorsten im Januar im Amateurbereich in Wijk aan Zee. Er ist Jahrgang 1978, hat erst als Erwachsener mit Schach begonnen und macht seither durchaus Fortschritte - mit Elo 1436 ist er wohl etwas unterbewertet.

Ich konnte diese beiden Fotos eventuell mit Photoshop kombinieren. Schwierig allerdings, da eine Stellung aus der nun besprochenen Partie und den dazu gehörenden Hintergrund Cafe de Swan in Heerhugowaard einzubauen. Dieses Cafe kenne ich, Ilja Schneider kennt es auch, Leser dieses Blogs haben vielleicht hier bereits Fotos gesehen. Am 25.11. war ich da zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen zur 50-jährigen Jubiläumsfeier des SV Heerhugowaard. Noch ein bisschen Geplauder bevor ich endlich zur Sache komme: Der Vorsitzende Gerrit van Oostrum (ja, mein Gegner in diesem Mannschaftskampf) erwähnte u.a., dass einige Mitglieder schon seit 1967 dabei sind, dass sie fünf Jahre lang einen Grossmeister hatten (Harmen Jonkman) und trotzdem nie überregional spielten, und dass sie seit 1979 jährlich ein starkes Schnellturnier haben.

Sie haben zwei Kaninchen im Verein - die vermehren sich bekanntlich rapide, aber Piet M Konijn und Piet C Konijn sind nicht miteinander verwandt. Zwei Hasen haben sie auch - Piet de Haas und sein Bruder Maarten de Haas (*1947). Im kleineren und schwächer besetzten Schnellturnier spielte ich, diesmal Nummer zwei der Setzliste, dann nicht gegen Piet de Haas aber immerhin gegen Maarten de Haas. Drei Keetmänner haben sie auch, zwei davon (Maaike, die für einen anderen Verein höherklassig spielt, und Sandra) weiblich, Dennis männlich - auch das sind Geschwister, wohl nicht verwandt mit Karel Keesman oder hat sich da mal jemand vertippt?

Im dritten Mannschaftskampf dieser Saison wollte Heerhugowaard auch mal mit einer anderen Aufstellung antreten statt mit der vom Gegner erwarteten, also haben sie ihre Brettreihenfolge ausgelost - Kevin Tan an eins, aber Piet de Haas an fünf und Dennis Keetman an sieben kam dabei heraus. Und nun wirklich zur Sache:

Piet de Haas (Heerhugowaard, Elo 2107) - Jon van Dorsten (En Passant, Elo 1436)

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 Jon kopiert schon wieder "meine" Eröffnung! Kurz zuvor spielte er in der Vereinsmeisterschaft plötzlich Grünfeld (nicht gegen mich, ich spiele ja 1.e4), und nun Sveshnikov - was ich auch jahrzehntelang spielte, allerdings (es wurde zuviel Wiederholung) seit gut zwei Jahren nicht mehr. Diesmal hatte er es vereinsintern vorab angekündigt, und ich habe ihn ein bisschen vorbereitet - dazu später mehr. 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 b5 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 (2002 spielte Piet de Haas gegen Elo 1649 hier 10.c3 Sxe4 11.Sxb5 axb5 12.Lxb5 und gewann später - dennoch vermute ich nicht unbedingt Absicht, eher einen Fingerfehler: Lxf6 vergessen) 10.-Lxf6 11.c4 (1984 spielte de Haas hier 11.c3 und darauf war Jon vorbereitet - natürlich immer die Frage, wie "relevant" einzelne Partien vor vielen Jahren sind. Ich informierte Jon, dass 11.c4 hier inzwischen auch 'bekannt' ist - das wurde vielleicht nicht registriert - und dass Schwarz dann 11.-b4 spielt. Laut Datenbanken 20334 Partien mit 11.c3 und nur 4684 mit 11.c4 (Stand kurz nach dieser Partie - das Schachleben geht weiter, derzeit sind es 20364 und 4711). Zu 11.c4 gibt es weniger Theorie, wobei das relativ ist: in seinem 2014 erschienenen Sveshnikov-Buch bespricht GM Kotronias c4 in Kapitel 26-28 und das traditionelle c3 in Kapitel 29-37) 11.-Sd4!?

move 11

Dieses Bauernopfer fand er am Brett! Auch das gab es bereits, allerdings nur 162-mal (wieder Stand nach der Partie, seither wurde es noch zweimal in anderen Ligen gespielt - deutsche Bundesliga und britische 4NCL). Elobeste Schwarzspieler sind Moiseenko, Sutovsky und Kryvoruchko, weiter unten vor allem Damen - fünfmal Muzychuk (einmal Mariya, also viermal Anna), Harika und Paehtz. Spielerinnen mit Elo unter 2600 sind dabei bekannter als vergleichbare Spieler: Roiz kennt man eventuell, da er sich seit 2004 auf Elo über 2600 verbesserte, Shomoev und Sulava kennt man nicht unbedingt, den Fernschachspieler Jueri Siigur erst recht nicht. Nur einer wurde später bekannt: der Georgier Gaioz Nigalidze, der es mal gegen den bereits erwähnten Kotronias spielte. Aber das ist nicht Thema dieses Artikels. Ich habe mir danach noch diverse Partien mit 11.-Sd4 angeschaut: schwarze Kompensation im Stile des Wolga-Gambits mit einer Prise Wodka - oft wilde Stellungen.

12.cxb5 Da5+ (das ist nun fast neu - noch vier Partien, Schwarz hatte Elo 1873-2108 und verlor viermal. Üblicher ist 12.-0-0 [inzwischen vielleicht widerlegt], 12.-Lb7 oder 12.-Le6. Das reicht nun was Vorgeschichte betrifft, die die Spieler wohl ohnehin nicht unbedingt kannten) 13.Dd2 Dxd2+ (siehe erster Absatz) 14.Kxd2 Lg5+ 15.f4 (noch eine Partie mit 15.Kd1, aber 15.f4 ist der Computerzug) 15.-Lxf4+ 16.Kc3 Se6 Hier konnte Schwarz durchaus eine Qualität opfern/anbieten: 16.-axb5 17.Sc7+? Ke7 18.Sxa8? b4+! 19.Kd3 (19.Kxb4 Ld2+ 20.Kc4 La6+ 21.Kd5 Tc8 nebst -Lb7# oder -Tc5# - Stockfish ist sich nicht sicher, welches Matt er bevorzugt, z.B. 22.b3 Lb7# aber 22.h3 Tc5#) 19.-bxa3 20.Sb6 axb2 21.Tb1 Lc1 -+). Stand Schwarz bereits auf Gewinn? Nein, Weiss kann einfach 17.Sxb5 Sxb5 18.Lxb5+ Kd8 19.a4 ± spielen. 17.Sc4 0-0

move 17

Hier ist 18.b6± wohl der Grund, warum 12.-Da5+ selten gespielt wird. Aber es kam 18.Sxd6 axb5 19.Se7+ Kh8 und schon wieder ein Diagramm:

move 19

Weiss kann nun wieder eine Qualität gewinnen, aber beide haben - offenbar richtig - eingeschätzt, dass Schwarz dann ausreichende Kompensation hat: 20.Sxc8 (egal welcher zuerst) 20.-Txc8+ (auch egal welcher zuerst) 21.Sxc8 Txc8+ 22.Kb4 (oder nach 22.Kd3 z.B. 22.-Lc1 droht -Sf4# 23.Ke2 Lxb2 24.Tb1 Ld4) 22.-Sd4=. Immer noch ging hier 20.Lxb5 La6 21.a4±, aber es kam 20.Td1 Sd4 (20.-La6) 21.Lxb5? (Nun musste Weiss wohl mit 21.Sxc8+ Txc8+ 22.Sxc8 Txc8+ 23.Kb4 Tc2 eine Qualität erobern, wobei Schwarz nach wie vor Kompensation hat. Stattdessen opfert/verliert er nun eine Qualität:) 21.-Lg4! (der Se6 hatte ja wieder Platz gemacht) 22.Lc4 Lxd1 23.Txd1 Ta7! (Röntgenverteidigung von f7) 24.Sef5

move 24

Nun nehmen Computer auf h2 und haben viel lieber Schwarz, aber es kam 24.-g6 25.g3! Lg5 (die Staubsauger-Fortsetzung 25.-gxf5 26.gxf4 fxe4 27.fxe5 Sf3 usw. gibt Schwarz vielleicht noch etwas Vorteil, im Gewinnsinne wohl zu wenig) 26.Sxd4 exd4+ 27.Kxd4= Lf6+? (Tempoverlust) 28.e5 Td7 29.Kd5!

move 29

Das ist nun ein Endspiel, in dem der weisse König nicht mehr verwundbar ist, sondern aktiv. 29.-Le7? 30.Kc6 Lxd6? (30.-Ta7 und das Beste hoffen) 31.Kxd7?! (31.exd6! und die weissen Freibauern sind partieentscheidend, Analysediagramme immer in metallisch-grau:)

move 31 Variante

Ein Schachfreund, dem ich die Partie vorab schickte, schrieb "Warum Weiß nicht exd6 statt Kxd7 gespielt hat, erschließt sich mir nicht. Es liegt doch auf der Hand, dass der d-Bauer und die beiden freien a- und b- schnell gewinnen werden?!". Er hat nochmals fast 300 Elopunkte mehr als Piet de Haas und einen Schachtitel - Weiss war wohl froh, dass er die Qualle zurück bekommt. 31.-Lxe5 32.b4

move 32

Wobei man auch hier sagen könnte "der Rest ist Technik". 32.-h5 33.b5 h4 34.gxh4 Lxh2 (ging bereits 12 Züge zuvor, da war es vorteilhaft) 35.Ke7 zunächst dachte ich hier "warum?", aber es konnte zum nach Spielerelo und derzeitiger Stellung "richtigen" Partieergebnis führen 35.-Kg7 36.h5?! (36.Td8! Txd8 37.Kxd8)

move 36 Variante

und dieses Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern ist glatt für Weiss bekommen: Schwarz bekommt zwar den weissen h-Bauern, aber die weissen Freibauern sind, vom König unterstützt, viel gefährlicher. Engines glaube ich das, während einer Partie wäre ich mir auch nicht unbedingt 100% sicher. Aber Weiss spielte ja 36.h5?! und es folgte 36.-gxh5 37.Td2?! (37.Th1 Lg3 38.Txh5+-) 37.-Lg3 38.Tg2 h4

move 38

Hatte Weiss nicht gesehen, dass Schwarz mit dieser Konstruktion seinen Laden beieinander hält? 39.a4?! (nur nach 39.Ld5! hat Weiss offenbar noch Gewinnchancen) 39.-f5?! (39.-Tc8! - Turm aktivieren hier wichtiger als zweiten Freibauern laufen lassen - 40.Ld5 Tc7+ 41.Kd8 Tc3 = u.a. kann nun der schwarze h-Bauer weiter laufen, da er nicht mehr den Lg3 decken muss. Leser denken vielleicht, dass Zeitnot eine Rolle spielte und könnten recht haben - es gibt in dieser Spielklasse allerdings nur eine Zeitkontrolle für die gesamte Partie: 1h40min plus 10 Sekunden Inkrement ab dem ersten Zug. Wie knapp die Bedenkzeit hier bereits beiderseits war weiss ich nicht - später wurde sie jedenfalls knapp und dabei blieb es bis Partieende.) 40.a5 (wieder 40.Ld5!) f4 41.b6 f3 42.Tg1 Tc8 43.a6??!

move 43

Sicher mit Idee gespielt - Weiss war davon überzeugt, dass nun ein Freibauer (und zwar ein weisser) durchlaufen wird. Das stimmt wohl auch, aber Schwarz hat auch Freibauern. 43.-Txc4 44.a7 Ta4 45.Kd7 f2 46.Tb1 Tb4?!

move 46

Ausrufezeichen für den Showeffekt, Fragezeichen für den objektiven Wert dieses Zuges. Hier ging stattdessen 46.-Kg6 47.Kc6 h3 48.Kb7 h2 49.a8D Txa8 50.Kxa8 Kg5 51.b7 Kg4 52.b8D Lxb8 53.Kxb8 Kf3

move 46 Variante

Weiss hat in der Partie zweimal geheiratet (die erste Dame bekommen ja beide, ohne sich darum zu bemühen) und wurde jeweils sofort Witwer - dieses Schicksal erwartet nun Schwarz, aber die zweite Ehe ist dann glücklich bis zum Ende der Partie.

Nach 46.-Tb4 kam 47.Txb4? (47.Ta1 Ta4 48.Txa4 f1D 49.a8D)

move 47 Variante

Unterschied zur Partie ist, dass der weisse Ta4 die Da8 deckt - wenn Schwarz nicht sofort Dauerschach gibt, kann Weiss wieder Gewinnversuche unternehmen. 47.-f1D 48.a8D?? Logisch, aber es sollte verlieren! Letzte (Remis-)Chance für Weiss war 48.Tg4+ Kf6 49.Txg3! Dh1 (nach 49.-hxg3 50.a8D g2 hat Weiss Dauerschach) 50.Tc3! Db7+ 51.Tc7 Dd5+ 52.Kc8 Da8+ 53.Kd7 h3 54.Tc6+

move 48 Variante

Kann Schwarz das gewinnen? In der Partie konnte er forciert gewinnen, aber nach 48.a8D??

move 48

(hatten wir bereits als Analysediagramm, mit dem einerseits kleinen andererseits grossen Unterschied weisser Turm auf a4) kam 48.-Dh3+?? - 48.-Df5+ 49.Ke7 Df7+ 50.Kd8 Df8+ 51.Kd7 Dxa8 -+ war, wenn man es sieht, einfach! 48.-Df7+ 49.Kc8 Df8+ 50.Kb7 Dxb4 (Turm- statt Damengewinn) ging eventuell auch, ist allerdings danach noch technisch kompliziert. 49.Ke7?! (nach 49.Kd8 De6 50.Da1+ kann Weiss wieder auf Gewinn spielen!) 49.-Df5 (Zeitnot, also in zwei "kurzen" Zügen von f1 nach f5 - hier der einzige Remiszug) 50.De4 (nach 50.Da1+ ist 50.-Kg8! der einzige Remiszug, aber Weiss kann dann noch weiterspielen. So kam hier Dauerschach:) 50.-Df6+ 51.Kd7 Dd6+ 52.Ke8 Df8+ 53.Kd7 Dd6+ 54.Ke8 Df8+

Schlusstellung

Dieses Diagramm hatten wir bereits. Im 52. oder 54. Zug konnte sich Weiss auch Kc8 Db8+ zeigen lassen, aber auch das ist (Teil von) Dauerschach.

Wie immer die gesamte Partie auch zum Durchklicken. Eventuell bot es sich an, im Artikel nur die Diagramme zu überfliegen - aber ich setze den Link bewusst erst am Ende.

Fazit: Wie hat David gegen Goliath eher eine Chance? Mit Komplikationen oder wenn er eher passiv abwartet, dann hat der Gegner eine "Bringschuld"? Man kann natürlich auch "so wie immer" spielen ... . Bei allem Respekt für meinen Teamkollegen wundert es mich durchaus, dass der nominell klar überlegene Gegner den Sack nicht zumachen konnte. Elo gewinnt dabei nicht automatisch, und auch eine Gewinnstellung muss man (egal op Computer +3, +10 oder +50 sagen oder am Horizont bereits ein Matt sehen) noch gewinnen. Letzteres gilt dabei für beide Spieler.

Montag, 20 November 2017 23:09

Irgendwas mit Katzen

geschrieben von

Die altgedienten LeserInnen werden sich erinnern - da war doch schon einmal sowas, ein Video mit einer Katze und einem Typen, beide spielen Schach, und huch!, dann kommt es zu einem regelwidrigen Zug. Wir sagen nicht, wie es weitergeht, denn das kann jeder auch selber herausfinden - es lohnt sich.
Selbst wenn der kleine Film hier schon mal lief, ist es immer noch mein Lieblingskatzenschachvideo, und so etwas kann man ja nun wirklich nicht oft genug angucken. Wenn eine Eröffnung gut ist, spielt man sie ja auch gerne ein zweites Mal. Von daher:

Mittwoch, 15 November 2017 10:20

Diese Wüllenwebers (Folge 16 – Vincent aus Goch!?)

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Alle zwei Jahre wieder kommt in der Vorweihnachtszeit in der hanseatischen Telenovela „Diese Wüllenwebers“ ein Sohn namens Fritz auf die Welt und bekommt einen Rufnamen damit man die Söhne unterscheiden kann. 2015 erblickte „Fritz 15 Arnold“ als Frühgeburt in Magdeburg das Licht der Welt. Warum Fritz 16 den Beinamen „Vincent aus Goch“ bekam war nicht klar zu recherchieren. Wurde er gar in den gelben Sonnenblumenfelder um Goch gezeugt oder hatte er eine Neugeborenengelbsucht? Wir wissen es nicht und werden es wohl auch nie erfahren – aber eines kann verraten werden, Fritz Vincent hat vollständige Ohren!

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 Das Originalbild finden Sie in der Neuen Pinakothek in München

Nun stellt sich bei so vielen Söhnen die berechtigte Frage – was ist daran noch interessant? Klar haben die jüngeren Söhne mehr Potential, denn sie können ja am Erfahrungsschatz der Älteren reifen und haben die besten Jahre noch vor sich, aber dennoch so viel wirklich Neues gibt es nicht.

Der neue Fritz bekommt nun viele Features vom vorjährigen ChessBase 14 eingebaut und ChessBase hat im Laufe des Jahres viele Programmfunktionen auch in den Webapps verfügbar gemacht. Meiner Meinung nach sind die Hamburger in diesem Bereich viel konkurrenzfähiger geworden und damit kommen wir schon zur entscheidenden Frage: brauche ich den Fritz 16?

Die Antwort ist klar: NEIN, ABER es doch schön ihn zu haben! Ein wirklicher Bedarf ist nur für jene gegeben, die schon lange keine neue Version gekauft haben, aber ist es nicht eine Freude sich selbst in der Vorweihnachtszeit zu beschenken? Zaubert nicht dieses schöne Gelb einen Hauch von Frühsommer auf den grauen Herbstbildschirm?

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Vincent aus Goch - könnte täglich von Ihrem Bildschirm lachen

Also meine Empfehlung bekommt das Programm aus reinen egoistischen Gründen und ich verzichte bewusst auch auf die Vorstellung neuer Funktionen und Gimmicks. Die neue Engine habe ich erst gar nicht getestet und dennoch hatte ich beim Testen eine innere Freude mit ein paar Neuigkeiten und da ich Ihnen, lieber Leser, diese Freude nicht nehmen möchte, endet meine Vorstellung von Fritz 16 bevor sie begonnen hat.


FRITZ 16 (Herstellerangaben)

Neue 64-Bit Multiprozessorengine von Vas Rajlich („Rybka“)
Verbesserte 64-Bit Programmoberfläche (optional 32-Bit)
Premium-Mitgliedschaft für die neuen ChessBase Accounts sowie für den playchess-Server (sechs Monate)

Mit Fritz 16 bleiben Sie mobil: der ChessBase Premium Account (6 Monate) garantiert vollen Zugriff auf die ChessBase Web Apps (auch für iPads, Android Tablets und Smartphones): 6.000 Schach-Trainingsvideos, 60.000 Taktikaufgaben, 8 Millionen Partien in der Live- Database und natürlich Onlineschach auf playchess.com.

Systemvoraussetzungen für Fritz 16

Minimum: Dual Core, 2 GB RAM, Windows 7 oder 8.1, DirectX11, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetzugang.
Empfohlen: PC Intel i5 oder AMD Ryzen 3 (Quadcore), 4 GB RAM, Windows 10, DirectX11, Grafikkarte mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10-kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD-ROM Laufwerk und Internetzugang.
Systemvoraussetzungen für ChessBase Account: Internetzugang und aktueller Browser, z.B. Chrome, Safari. Für Windows, OS X, iOS, Android, Linux.