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GM Alexandre Dgebuadze
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Nein, ich habe mich im Titel nicht vertippt - so wird der Rhein geschrieben, sobald er die Grenze zu den Niederlanden überquert hat (und ähnlich wie im Deutschen ausgesprochen). Ausserdem spielte der belgische GM Dgebuadze gegen einen gewissen Giel van Rijn. Zuvor heisst die westliche Rheinhälfte Rhin - ausgesprochen, soweit man das nasale Französisch deutsch-phonetisch beschreiben kann, "Rä". Es geht in diesem Beitrag auch um Französisch (auf dem Schachbrett), und neben "französische Katastrophen" wäre auch "Spiel doch Läufer d7!" ein alternativer Titel.

Neben "Französisch etwas anders" wird es auch ein bisschen Turnierbericht zum 78. Noteboom-Turnier in Leiden, Niederlande. Sie haben allerdings kein Foto vom Verlierer der Partie, die Anlass für diesen Artikel ist - in der ersten Runde wurde er nicht fotografiert, danach ging es nicht mehr. Fotografiert haben sie allerdings, ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen, den Sieger:

Giel van Rijn

Wer ist Giel van Rijn? Viel konnte ich nicht über ihn herausfinden: Jahrgang 1991, Elo 2140 (national 2086), aus Leiderdorp (Vorort von Leiden), sonst spielt er offenbar nur Mannschaftskämpfe. Alle Fotos ab Turnierseite - die offiziellen Fotografen sind Adinda Serdijn und Tymen Schoots, ausserdem machte sich auch der Groninger Harry Gielen auf die Reise nach Leiden um mal wieder bei einem Schachturnier zu fotografieren.

Von seinem Gegner Alexandre Dgebuadze - ursprünglich aus Georgien, seit 2000 spielt er für Belgien - gibt es offenbar auch sonst kaum Fotos. Wikipedia-Fotos stammen aus 2007, das Titelfoto vom Deizisauer Herbstopen 2013 ist das aktuellste das ich finden konnte. Zur Partie zunächst die Schlusstellung, langsam werde ich erklären warum Dgebuadze (Schwarz) nach 24 Zügen aufgegeben hat:

Van Rijn Dgebuadze final2

Was ist das Problem? Er hat doch eine Qualität mehr und ausserdem starke Freibauern am Damenflügel (wenn auch derzeit blockiert).

Van Rijn Dgebuadze final3

Weiss hat auch einen Freibauern (zuletzt kam 24.h4), aber auch das ist kein Grund zu Panik?

Van Rijn Dgebuadze final

Ach so, Weiss hat im Gegensatz zu Schwarz eine Dame. Die steht zwar auf h7 etwas im Abseits aber das ist nicht permanent. Da stand sie seit dem achten Zug, mit 14.-Tg6 wollte Dgebuadze sie bleibend aussperren (d.h. den typischen Zug Dh7-d3 verhindern), und nun hat auch dieser Turm demnächst ein Problem. Und nun von Anfang an:

1.d4 e6!? (Auf 1.d4 erlaubt oder will Dgebuadze eigentlich immer Französisch, auf 1.e4 spielt er auch mal Sizilianisch. Wenn Giel van Rijn sich vorbereitet hatte, ist ihm das vielleicht aufgefallen - vielleicht auch, dass Dgebuadze nach Dg4 bisher nie Dxg7 erlaubte. Wie hat er es dann hinbekommen?) 2.e4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 Se7 5.Dg4 c5 6.dxc5 (mit dieser Zugfolge der Hauptzug, wobei man auch mit 6.a3 Lxc3+ 7.bxc3 eine sehr bekannte Variante erreichen kann - so bekannt, dass selbst der theoriefaule Magnus Carlsen es in Wijk aan Zee gegen Giri spielte. Dann kann Schwarz allerdings 7.-0-0 spielen - machte Dgebuadze immer - oder auch 7.-Kf8!?). 6.-Sbc6 7.Dxg7 Tg8 8.Dxh7 d4 (geht in Hauptvarianten nicht) 9.a3 Da5 10.Tb1 dxc3 11.Le3

Van Rijn Dgebuadze move 11

Und nun? Dgebuadze, der schon zuvor gelegentlich einhielt während sein Gegner alles im Blitztempo spielte, brauchte 22 Minuten für 11.-cxb2+ - naheliegend und viel gespielt. Edwin van Haastert im offiziellen Rundenbericht: "Ich meine mich zu erinnern, dass Vitiugov hier 11.-Ld7! angibt und denkt, dass Schwarz durch seinen enormen Entwicklungsvorsprung klar besser steht. Das könnte stimmen." Engines plädieren auch für 11.-Ld7, gespielt wurde es bisher fast nur in Fernpartien. Die beiden Ausnahmen im ergänzenden Material später, jeweils gewann da Schwarz in 18 Zügen. 12.axb4 Da1?! - das ist neu und wohl nicht allzu gut. van Haastert erwähnt das hier übliche 12.-Dxb4+ 13.Ld2 Dc5 14.De4 "unklar". 12.-Da2 wurde auch einmal gespielt. 13.c3 a5 14.b5 (dafür brauchte nun Weiss 29 Minuten) 14.-Tg6?? van Haastert erwähnt 14.-Sxe5 und 14.-a4, letzteres analysiert er zum Dauerschach - wobei er im Kommentar zu einem anderen Artikel seine Analysen als "nicht allzu tiefgründig und unter Zeitdruck entstanden, glaub nicht alles was Du liest :)" bezeichnet. 15.Ld3 - ebenso erzwungen wie für Engines +5 oder mehr 15.-Sd8 - traurig, aber - mit Dank an 14.-Tg6?? - 15.-Sxe5? 16.Dh8+ und 17.Dxe5 16.Se2 a4 17.0-0 Dxb1 18.Lxb1 a3 19.La2 (sicher, dabei für Engines nicht der beste Zug - nur +12) 19.-Ld7 20.c4 Sdc6 21.bxc6 Lxc6 22.f3 Td8 23.Sd4 La4 24.h4 1-0.

"Mut zum Risiko" vom Weisspieler, der ja nichts zu verlieren hatte?! Dgebuadze teilte den Organisatoren direkt nach der Partie mit, dass sie am Samstag (und Sonntag) nicht mit ihm rechnen können. Stattdessen spielte er dann spontan ein Schnellturnier in Rotterdam, jedenfalls sechs von sieben Runden. Durchaus rhythmisch: zwei Siege, zwei Remisen und zwei Niederlagen - die zweite gegen Elo 1796, dann reichte es ihm. Ob er auf der weiteren Heimreise Sonntag noch ein Turnier in Belgien spielte, das weiss ich nicht. Um noch einmal das Chrysantenturnier in Heerhugowaard zu erwähnen: da war er erfolgreicher, belegte den Platz der ihm laut Setzliste gehörte (vor der letzten Runde noch Chancen auf mehr) und bekam etwas Preisgeld.

Bei dieser Partie musste ich auch an eine quasi spiegelbildliche Stellung in einer Nebenvariante der Hauptvariante denken:

Kukel Karabalis Saric Paehtz

Weiss spielte hier gerade 15.DxTg8+ - das gab es schon viermal auf einem Schachbrett! Die erzwungene Reaktion 15.-Sxg8 funktioniert allenfalls zusammen mit einem kleinen Trick: weisse Dame in der Hand behalten oder auf den Fussboden werfen, wenn Weiss dann 16.h7 0-0-0 (soweit richtig) 17.h8umgedrehter Turm spielt, greift der Schiedsrichter ein, bezeichnet dieses Objekt als Turm und die schwarze Welt ist wieder (mehr als) in Ordnung. Das funktioniert allerdings wohl allenfalls dann, wenn der Gegner sich bereits in heftiger Zeitnot befindet.

Zuvor hatte u.a. Harilos Karabalis (mir aus meiner hessischen Zeit vom Namen her ein Begriff) in einer Oberliga-Partie ein Brett vorm Kopf, schliesslich spielte er für den gleichnamigen Frankfurter Verein. Die hochkarätigste Partie war dann GM Saric - IM Paehtz (also Elisabeth, nicht Thomas) bei der Europameisterschaft 2017. Wie kam es jeweils dazu? 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Se7 7.Dg4 Dc7 8.Dxg7 Tg8 9.Dxh7 cxd4 10.Se2 Sbc6 11.f4 dxc3 (soweit Hauptvariante) 12.h4!? -nicht der Hauptzug, aber bereits u.a. von kreativen Schachchaoten wie Emil Sutovsky, Ian Nepomniachtchi und Peter Leko gespielt 12.-d4 (schon hier geht 12.-Ld7, oder auch im elften Zug) 13.h5

Kukel Karabalis Saric Paehtz move 15

Und nun ist 13.-Ld7 PFLICHT!, das mehrfach gespielte 13.-b6 dagegen zu langsam: 14.h6 Lb7? (14.-Kf8 relativ am besten) 15.Dxg8+ usw. .

Wenn Französisch so schlecht ist, warum tue ich mich dagegen eher schwer? Mehrere mögliche Gründe - ich bin schlecht, ich spiele immer 3.Sd2 oder vielleicht ist es doch nicht so schlecht. Angedeutet hatte ich es bereits: Schwarz verliert nicht immer. Ich habe noch ein bisschen ergänzendes, allerdings unkommentiertes Material. Bei Andersen-Strange ging vielleicht nicht alles mit rechten Dingen zu, das darf der Leser selbst untersuchen. Ivan Saric hat 12.h4!? so gut gefallen, dass er es im Schnellschach noch zweimal spielte - darunter ein glatter Sieg gegen Elo 2769 (oder habe ich mich da vertippt, und sein Erstrundengegner bei der Europameisterschaft 2017 hatte Elo 1769?). Soweit der französische Teil dieses Artikels, nun noch ein bisschen was zum Turnier insgesamt:

Warum Noteboom-Turnier? Gemeint ist nicht Gren Noteboom (*1958), der dieses Jahr in der letzten Runde der Amateurgruppe 7G in Wijk aan Zee mit 1.e4 c5 2.b4!? gegen meinen Vereinskollegen Jon van Dorsten verlor, wodurch dieser Gruppensieger wurde. Nein, geehrt wird seit 1936 Daniel Noteboom (26.10.1910 - 12.1.1932) - NL-Jungtalent bis zu seinem frühen Tod durch eine schwere Lungenentzündung. Die Turnierseite hat seine Biographie: Ausnahmsweise durfte er bereits als 15-jähriger "bartloser Knabe in kurzer Hose" Mitglied von Leidsch Schaakgenootschap (LSG) werden - dieser Verein jedenfalls damals sonst für "gesellschaftlich etablierte" Erwachsene, Philidor Leiden dagegen der Arbeiter- und Studentenverein (auch ein heutiger Vereinskollege von mir war als Student Mitglied von Philidor Leiden). Heutzutage ist die erste Mannschaft von LSG zwar vielleicht auch (komplett) "gesellschaftlich etabliert", aber - soweit ich sie von Fotos kenne - bartlos. Spitzenspieler war ja neben GM Nikolic bis zu seinem beruflichen Wechsel nach Turin IM GM Prof. Dr. Jan Michael Sprenger. Wie spätere Fotos zeigen, hatte Daniël Noteboom sich kleidungsmässig angepasst (oder trug er zu Jackett und Krawatte kurze Hose?). Als Schachspieler wird Noteboom vor allem als "sehr guter Lavierer" bezeichnet, dazu passt die nach ihm benannte Noteboom-Variante im halbslawischen Damengambit nicht unbedingt.

Das Turnier selbst ziemlich kompakt: eine Runde am Freitag ab 19:30, drei(!) am Samstag um 9:00, 14:00 und 19:30 und dann noch zwei am Sonntag um 9:00 und 14:00. Ein "bye" ist erlaubt - dafür gibt es einen halben Punkt und das machten viele, vor allem für die Runde Samstag abends. Bedenkzeit 1h40min für die gesamte Partie plus 10 Sekunden pro Zug - hierzulande auch in Mannschaftskämpfen (jedenfalls auf meinem Niveau) üblich, einmal Zeitnot immer Zeitnot. Elo-ausgewertet wird es übrigens nicht, unklar ob es bei dieser Bedenkzeit und Dreifachrunde am Samstag überhaupt ginge. Laut Turnierdirektor Rudy van Wessel, der meine email-Anfrage beantwortete, würde es Topspieler eventuell von der Teilnahme abhalten, und ist es den meisten Teilnehmern egal ("einzelne fragen es manchmal, aber für uns kein Grund um daran etwas zu ändern").

Und das quasi zum Fall Dgebuadze - auf der Turnierseite stand vor dem Turnier, dass nur Spieler mit Elo 2600+ (von den letztendlichen Teilnehmern nur Benjamin Bok) über Konditionen verhandeln können: "Zu unserer Einstellungen betrifft Konditionen äussern wir uns nicht [TR: das macht kein Turnier]. Der Hinweis auf der Webseite ist eine Einladung an 2600 GM's. Dgebuadze wird vorläufig nicht mehr beim Noteboom-Turnier mitspielen, das ist sicher."

Mitgespielt haben neben regional/mir bekannten Namen (darunter zwei Spieler des gegnerischen Teams unseres letzten Mannschaftskampfs) auch einige international bekannte Spieler - bzw. in Deutschland bekannt, da sie auch für Bundesliga-Vereine am Brett sitzen. Dgebuadze hatte ich bereits - er spielt in Deutschland für Remagen-Sinzig Rheinland-Pfalz Liga. Beim Staufer Open 2018 hatte er übrigens nach Niederlage in Runde eins gegen Volker Gassmann (Elo 2148) durchgespielt und teilte am Ende mit 7/9 noch Platz eins - die Niederlage war eher positionell, und bei neun Runden kann man derlei eher kompensieren. Benjamin Bok hatte ich bereits erwähnt, einige andere werde ich nun - vor allem fotografisch - vorstellen, aber zunächst zeige ich alle oder jedenfalls viele:

Turniersaal Leiden

Im Vordergrund nicht live übertragene Bretter - Liveübertragung gab es nur für die ersten vier Bretter des A-Turniers (viele andere Partien haben sie dann aufgrund der, mitunter dafür bedingt geeigneten, Partieformulare rekonstruiert und ebenfalls veröffentlicht). Neben dem A-Turnier gab es auch noch ein B- und C-Turnier sowie Vierkämpfe für Spieler, die keine Lust auf (fünf bis) sechs Partien hatten - jedenfalls nicht an drei Tagen. Vierkämpfe dabei übrigens nur für Erwachsene, Jugendliche mussten das volle Programm absolvieren. Dieses Foto aus Runde eins, ich springe zu Runde vier - der mit vielen "byes":

Nikolic van Meegen Round 4

Links ist Lokalmatador Predrag Nikolic fast fertig - er setzt an zu 11.Tad1 mit Remisangebot, Gegner Benjamin Bok war einverstanden. Das war übrigens das einzige GM-"Duell" im gesamten Turnier. Rechts war Ruud van Meegen (Elo 2212) wohl klar, dass er kein Kurzremis bekommt, ausserdem hatte er ja eine weitere Anreise aus der Provinz Limburg bei Deutschland (und Belgien). Dann hat er eben gegen GM Pruijssers gewonnen, der mit seinem Königsinder Schiffbruch erlitt.

Bok van Meegen Noteboom Gielen

Dieses Foto von Harry Gielen - tags darauf ab 9:00 nachts morgens kibitzt Daniël Noteboom bei Bok - van Meegen, oder ist er mit seiner eigenen Partie beschäftigt? Bok reagierte unkonventionell auf van Meegens Caro-Kann, wobei es auch das (u.a. 7.Sfg1) bereits auf hohem Niveau gab - u.a. bei Vachier-Lagrave - Anand, Sinquefield Cup 2016 und Almasi-Svane, Bundesliga 2017. Nach Zügen wurde es ein Kurzremis, nach beiderseits verbrauchter Bedenkzeit nicht - Bok kombinierte 21.Le3 mit einem taktischen Remisangebot (zu diesem Zeitpunkt stand er eher schlechter als besser), van Meegen war einverstanden.

Vor der Schlussrunde hatten (u.a. durch dieses Ergebnis) zehn Spieler 4/6 - da es nur vier Geldpreise gab mussten alle auf Gewinn spielen (jedenfalls wenn sie Geld wollten). Ab Brett sechs dagegen offenbar diverse Kurzremisen, und bevor ich die Schlussphase an den vorderen Brettern vor allem fotografisch dokumentiere erst ein (erfundener!) Beinahe-Skandal:

Emma de Vries Michaël Liempt

Emma de Vries (rechts) beschwerte sich bitterlich, dass sie an Brett 26 gegen eine Frau spielen muss. Reaktion der Turnierleitung: "Beruhige Dich! Mal abgesehen davon, dass Du nicht Hou Yifan bist, hat Dein Gegner den Vornamen Michaël." Das akzeptierte sie und verzichtete auf das eigentlich geplante 1.g4!? - das langhaarige Duell blond-braun endete dann remis. Natürlich schreibe ich Quatsch, kann mir dabei vorstellen dass beide aus optischen Gründen fotografiert wurden.

Und nun die Chronologie der Spitzenbretter - ich gehe davon aus, dass Fotos hier (separat für "Runde 6 letzte 30 Minuten") chronologisch sind, und es passt auch zu den für Brett 1-4 dokumentierten Rest-Bedenkzeiten:

van der Werf Pruijssers

Als erstes musste Lokalmatador IM van der Werf gegen GM Pruijssers aufgeben. In einem beiderseits wild-unkonventionell-riskant interpretierten Holländer (auch Weiss wollte offenbar gewinnen) hatte er das Nachsehen. Zuletzt geschah 32.-DxSg3 und die freche Dame ist wegen Damen-Rückverlust nebst Matt tabu.

Pruijssers kibitzt

Pruijssers konnte dann an anderen Brettern kibitzen - auf diesem Foto auch (ihm zugewendet) GM Arnaudov, auf ihre Partie konzentriert GM Bok und IM Ducarmon sowie weitere Kibitze, die hinter der Absperrung bleiben mussten. Pruijssers' Hoffnungen auf einen eventuellen alleinigen Turniersieg erfüllten sich nicht.

Kevlishvili Zwirts Dh7

Kevlishvili-Zwirs 1-0 - auch hier war eine (auf dem Foto gerade so sichtbare) weisse Dame auf h7 partieentscheidend. Und zwar sofort denn es war Matt. Die schwarze Niederlage zeichnete sich schon lange vorher ab: aus der Eröffnung heraus hatte er einen Bauern weniger - das war wohl Absicht, aber diese Nebenvariante im Richter-Rauzer Sizilianer (6.-g6 7.Lxf6 exf6, später schnappt sich Weiss den schwarzen Bauern auf d6) hat keinen allzu guten Ruf. Mit einem Qualitätsopfer wollte Zwirs dann im Trüben fischen, aber dieses Gegenspiel konnte Kevlishvili mühelos neutralisieren.

Arnaudov van Meegen

Petar Arnaudov und Ruud van Meegen sind ebenfalls fertig - für den Schwarzspieler in Grün (selbes Outfit wie gegen Bok kein Zufall, es war ja derselbe Tag) am Ende "nur" 1.5/3 gegen Grossmeister, "ausgerechnet" gegen den nominell schwächsten von drei nacheinander verlor er. Das Gröbste hatte er scheinbar überstanden, dann patzte er mit 34.-Sxd5? (nach gut 8 Minuten, also noch keine extreme Zeitnot) - 34.-Sb5 war für Schwarz (mindestens) OK, so aktivierte er dagegen den weissen Lf3 wodurch der weisse b-Freibauer partieentscheidend wurde (statt dass Schwarz ihn einfach fressen konnte).

Bok denkt

Benjamin Bok grübelte derweil weiterhin, Quinten Ducarmon leistete zähen Widerstand.

Nikolic Heltsel

Brett 5 GM Nikolic(2593) - Heltzel(2205) wurde remis, wobei der Grossmeister (siehe Stand auf der Uhr 0:20-0:08) offenbar alles versuchte. Damit gab es nun zu diesem Zeitpunkt drei (bis vier) geteilte Turniersieger.

Hat Heltsel gepatzt

Ist das Erschöpfung beim Schwarzspieler, oder stellte sich in der Analyse (zu der Nikolic offenbar bereit war) heraus, dass er gar gewinnen konnte? Diese Partie momentan noch nicht verfügbar, sie haben alle Partien "im Laufe der Woche" versprochen.

Bok Ducarmon Schiedsrichter Kibitze

Blieb nur noch das Spitzenbrett Ducarmon-Bok. Lange zuvor wollte Schwarz wohl Najdorf spielen, aber Weiss war (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+) nicht einverstanden - es wurde quasi-Spanisch und da wird dann endlos manövriert. Hier haben wir bereits ein Endspiel, und in dieser Stellung gab es Diskussionen, der Schiedsrichter ist beteiligt, die Liveübertragung endete hier. Was war los? Laut Abschlussbericht reklamierte Ducarmon dreifache Stellungswiederholung - zu Unrecht: nach 54.Ld1 und 58.Ld1 stand der schwarze König jeweils auf f6, nun nach 62.Ld1 auf e7. Regelkonform bekam Bok zwei Minuten auf der Uhr - auf einem späteren Foto macht der Schiedsrichter das offenbar. Das war genug Bedenkzeitpolster, um die Partie zu gewinnen - quasi im Stil des lavierenden Daniël Noteboom. Das zeige ich noch, aber erst eine Bemerkung zum kibitzenden Publikum: Hebert Perez Garcia (mit Mütze und Schal), ursprünglich aus Südamerika, hat sich offenbar auch nach vielen Jahren nicht an winterliche Temperaturen in den Niederlanden gewöhnt, auch drinnen nicht.

Kibitze Schlussrunde

Er war allerdings nicht der einzige Wintersportler im Publikum.

Ducarmon Bok

Und das ist die Schlusstellung von Ducarmon-Bok - auf der Uhr wieder ausgeglichen (0:28-0:18), auf dem Brett für Weiss hoffnungslos. So sehen es Engines, und Ducarmon war einverstanden - materiell ist es zwar (noch) ausgeglichen, aber alles andere zugunsten von Schwarz.

R5 Robby Kevlishvili Gielen

Zum Schluss zeige ich noch (Foto Harry Gielen) den offiziellen Wertungssieger IM Kevlishvili. Denkbar knapp nach zweitem Tiebreak Sonneborn-Berger vor Bok. Um das nachzuvollziehen, musste ich tief ins Regelwerk tauchen: Wie wird ein bye, das er (wie auch Arnaudov, im Gegensatz zu Bok und - der bereute es vielleicht - Pruijssers) in Runde 4 nahm, behandelt? Als Remis gegen sich selbst, wobei dieser virtuelle Gegner dann auch in den verbleibenden Runden virtuell Remis spielt. Sonst wäre ein bye, das bei diesem Turnierprogramm auch Favoriten oft nehmen, wertungstechnisch unattraktiv. Den offiziellen Turniersieg "braucht" der IM unter GMs vielleicht am ehesten, und das Preisgeld wurde gleichmässig geteilt - alle vier bekamen 650 Euro, ein alleiniger Turniersieger hätte 1200 Euro erhalten.

Eine GM-Norm war es für Kevlishvili nicht: TPR 2598 hätte gereicht, wenn man die Elo seines ersten Gegners anhebt. Aber sechs bzw. in seinem Fall fünf Partien ist zu wenig, und null GMs in diesen fünf Runden ist auch zu wenig.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick in andere Regionen: Wie gesagt, zwei Spieler aus dem Kader unseres letzten Gegners in Mannschaftskämpfen haben mitgespielt, beide sammelten Erfahrungen d.h. Niederlagen. Dennis Mienis hatte durchweg nominell stärkere Gegner - einer 20 Elopunkte besser, die fünf anderen knapp 150 bis fast 300 Punkte besser. Was kam dabei heraus? Mit Schwarz dreimal Remis, mit Weiss drei Niederlagen - etwas ungewöhnlich. Und den Sieger des Vierkamp1 erwähne ich noch abschliessend-nebenbei: Jeroen van den Berg, der neben seinen Rollen als Turnierdirektor in Wijk aan Zee, ACP Board Member (usw.?) auch mal selbst Schach spielt - bei dieser Gelegenheit 2.5 Punkte aus drei Partien.

 

 

LeserInnen aufgepasst: Schach am Arbeitsplatz kann vom rechten Weg abführen
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Immer wieder schön zu hören ist es, wenn auch jemand außerhalb der amtlichen Szene mal von seinem Draht zum Schachspiel berichtet. So fanden wir in einem Artikel "Das Ende der Papierberge" (Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 04.Februar 2018) einen Text über das papierlose Büro - und einen Hinweis auf Schach am Arbeitsplatz!

Anna Steiner untersucht die spannende Frage, ob der stets aufgeräumte und von Papier fundamental leergefegte Büro- Schreibtisch den nächsten Schritt in die Zukunft darstellt. Clean Desk Policy: kein Papier, alles hübsch im eigenen Laptop gespeichert, und am nächsten Arbeitstag zieht man mit dem Laptop dann um zum nächsten freien Schreibtisch - sehr praktisch! Oder auch nicht - viele Mitarbeiter drucken ihre Mails dann ja doch wieder heimlich aus, um sich darauf Notizen zu machen.

So offenbar auch Michael Erlhoff, ein Kölner Designtheoretiker, der die Fahne des papierbasierten Arbeitens resolut hochhält. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Unterlagen, und die papierlose Zukunft scheint bei ihm noch beruhigend fern. Und hoppla, manchmal entdeckt man auch einen Schachcomputer!

"Designtheoretiker Michael Erlhoff findet das Chaos ohnehin nicht schlimm, schließlich haben die Papierberge ihre Vorteile. Auf seinem Schreibtisch herrscht seine ganz persönliche Unordnung, wie er gerne zugibt.

Unmengen an Papier, Notizen, Dokumente, alte Manuskripte, und mittendrin ein alter Schachcomputer. Gegen den spielt er, wenn er nicht weiterkommt, und holt sich darüber neue Inspiration.
Suchen macht kreativ, findet Erlhoff. Dateien auf einem Computer sucht man meist spezifischer. Ist man hingegen auf der Suche nach einem bestimmten Dokument, dann stöbert man im Regal oder in Aktenbergen. Und stößt im Zweifel auf etwas, das man noch besser gebrauchen kann."

Beruhigend, dass auch andere mit dem Chaos rund um ihren Schreibtisch ringen, und diese Berge von Papier sogar zu schätzen wissen! Und wie schön, wenn sich beim Wühlen in den Stapeln ab und an ein Schachcomputer zeigt und alsgleich bereit steht für eine entspannende Partie.

Solange es also nicht stundenlang ist, könnten wir vielleicht wie Michael Erlhoff immer mal für ein, zwei Spiele (nicht: Stunden!) dem Wirken und der Pflicht entfliehen und dem Schachspiel frönen - meditativ an einem Holzbrett, mit einem Schachcomputer, oder wir besuchen einen Schachserver und bekämpfen im Internet Gegner aus aller Welt.

Eine kleine Flucht ins Schach befördert neue Gedanken und die Kreativität, und immerhin muss man dabei nicht arbeiten! Danach kehren wir zurück zu unserer ursprünglichen Arbeit, erfrischt und gestärkt. (Oder ermüdet und frustriert?) Doch die Papierberge und lauernden Aufgaben, sie sind leider immer noch da.

Noch besser als zehn Minuten Schach wäre vermutlich sogar ein kurzer Spaziergang im Freien, mit Natur, Wind, Sonne, echtem Leben - doch dafür müsste man ja vor die Tür gehen, und wer hat dafür schon die Zeit?

Was geht ab an der Küste?
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Es nützt ja alles nichts: so wundervoll die Winterpause auch war, nun geht es wieder los für die 16 deutschen Bundesliga-Vereine und ihre 128 zum Teil sogar international besetzten Bretter. Sechzehn davon werden am Sonnabend im Bremer Weserstadion aufgebaut, und ab 14 Uhr spielt der Ligazweite Solingen gegen den Ligadritten Werder. Wir fragen: wer rockt den Schachtisch, und wie geht es aus, das Spitzenspiel?! (Und warum ist Baden-Baden nicht beteiligt, obwohl es ein Spitzenspiel ist?)

Mehr dazu auf der schönen Seite der Schachbundesliga:

http://schachbundesliga.de/klubnews/schachstars-im-weserstadion

Bitte schickt uns Eure exklusiven Tips für Werder Bremen - SG Solingen bis Samstag, 14:00 Ortszeit, als Eintrag im Kommentarbereich unseres liebenswerten Blogs. Und weil es besser ist, gibt es auch etwas zu gewinnen: unter den richtigen Einsendungen verlosen wir den Tagessonderpreis, und das ist wahlweise

a) eine Reisetüte Walker's Crisps "Cheese & Onion" (wurde erheblich gelobt von MiBu, dem Gewinner des letzten Tippspiels)   (HInweis: irrtümlich hatten wir zunächst die Sorte "Salt & Vinegar" ausgelobt, nach einem prüfenden Blick in den Schrank mussten wir es aber korrigieren)

ODER

b) ein investigatives Interview mit dem/ der strahlenden GewinnerIn hier im Blog.

 

Bundesliga Plakat Februar 2018 V4

Wer selber ins Weserstadion kommen möchte, ist dazu natürlich immer herzlich eingeladen. Mehr zu Eintritt, Rahmenprogramm und überhaupt findet Ihr hier.

Viel Glück beim Tippen!

Und nun die Boxen aufdrehen - hier kommen die Schachtablerocker Turntablerocker!