SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Donnerstag,23 Mai 2013

Aktualisiert02:41:20 Thu

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Sonntag, 30. Oktober 2011 01:18

Letzter sein

Ist noch gar nicht lange her, da fuhr ich mal zu einem Turnier nach Wildeshausen. Die Sonne schien wie so oft im Norden, und der örtliche Schachklub richtete ein schönes Turnier aus. In einem großen Teilnehmerfeld trugen jeweils vier Spieler zusammen ein Rundenturnier aus. Ich bekam es dabei mit Heiko Warns vom schachverrückten SK Oldenburg zu tun, des weiteren mit Spartak Grigorian (niedersächsische Schachjugend!), einem aufstebenden Talent des SK Wildeshausen, und mit Enno Eschholz, der im selben Verein spielt und im Sommer mal so eben die B-Gruppe des Pardubice-Opens gewonnen hat – mit legendär starken 8,5 Punkten aus 9 Partien.

Eine schöne Vierergruppe also, man konnte gegen jeden Gegner gewinnen, und man konnte auch gegen jeden von ihnen verlieren. Ich freute mich auf spannende Partien. Tatsächlich wurden sie auch alle sehr spannend – und am Ende des Tages hatte ich alle drei Partien verloren und fuhr als Tabellenletzter wieder zurück nach Bremen. Der erste Platz ging an Enno, es folgten Heiko und Spartak, und dann kam ich – glatt mit null Punkten aus drei Partien.

Uah, das hatte ich so noch nicht erlebt. Lange Zeit hatte ich mich auf Turnieren immer gut vor dem Tabellenende drücken können, auch wenn sich in den letzten Jahren immer öfter mal verdächtig schlechte Ergebnisse einstellten. Doch nun war ich dort – am Ende des Feldes, um 38 DWZ-Punkte erleichtert, und jeder konnte es sehen. (Vor allem ein Leser dieses Blogs hatte es gesehen und noch schneller in den Kommentaren veröffentlicht, als man „rote Laterne“ sagen kann.)


Letzter sein

erste Runde
stellung gut
dann stellung kaputt
letzter sein

zweites Spiel
neuer Mut
bis König fiel
letzter sein

dritte Partie
Opfer versucht, doch
opfern klappt nie
och!

tag, rote Laterne

(angelehnt an Fünfter sein von Ernst Jandl)


Ganz unten

Nun ist es natürlich so, dass es bei jedem Wettbewerb jemanden geben muss, der edel und selbstlos die Rolle des Letzten einnimmt. Eddie the Eagle kommt uns in den Sinn, der Skispringer, der so dramatisch schlecht sprang, dass er schon wieder Fans unter den Zuschauern hatte. Tennis Borussia Berlin und bis vor kurzem auch der HSV waren bekannte Schlusslichter, und auch die No Angels schafften es dorthin beim Eurovision Song Contest 2008 in Belgrad – obwohl sie sich solche Mühe gegeben haben. Man sieht also – es kann jeden treffen (ja, auch Dich!), aber andere haben das auch schon überlebt. Wer weiß, vielleicht geht man sogar irgendwie gestärkt daraus hervor. Frei nach dem Motto „Jetzt weiß ich, wie es ist, und eigentlich war es gar nicht so schlimm wie befürchtet.“

Letzter sein ist also vielleicht keine ganz so große Schande. Selbst der großartige Ljubomir Ljubojevic hat diese Position mitunter eingenommen, um dann beim nächsten Turnier wieder ganz vorne zu landen.

ljubomirljubojevic10 
Der serbische Haudegen und Großmeister Ljubomir Ljubojevic (in Amsterdam 2010)
                                                                        (Quelle: Stefan64, Wikicommons)

Und hat es nicht irgendwie auch etwas Beruhigendes, dass jetzt sogar Judit Polgár, die beste Schachspielerin der Welt, einmal den letzten Platz einer Tabelle schmückte – in einem allerdings bärenstarken und von Wladimir Kramnik gewonnenen Viererturnier, das gerade in den Niederlanden zu Ende ging.

Dennoch scheint die Sorge um das Letzter sein weit verbreitet – wer möchte schon gerne seinen Namen exponiert am Ende der Tabelle wiederfinden? Vorletzter werden, Viertletzter sein, na gut, auch das ist nicht schön, doch immerhin steht der eigene Name dort ein wenig versteckter als ganz am Tabellenende. Letzter sein hat etwas Traumatisches, denn es gibt kein Fallnetz mehr nach unten, keinen Spielraum, keinen Trost. Der schlimmste Fall ist eingetreten.
Das Image des Letzten scheint verbessserungsbedürftig. Fast niemand traut sich an das Tabellenende. Dieses erschreckende Ergebnis ergab auch eine nicht ganz repräsentative Blitz-Recherche im Internet:

- „Dabei sein ist alles und nur nicht Letzter werden“ lautete beispielsweise die Devise der Cross-Läufer aus Bersenbrück bei der Deutschen Cross-Meisterschaft 2011 (was es nicht alles gibt!)

- Die österreichischen Footballer hatten bei der Football-WM 2011 im eigenen Land nach drei verlorenen Spielen nur noch eine Sorge: „Jetzt dürfen wir nur nicht Letzter werden.“

- Auch die sympathischen Kreisliga-Frauen des SV SW Suttrop („ … nicht Letzter werden. Wir werden uns im hinteren Mittelfeld einreihen.“) und selbst der niederbayerische FC Vorderfreundorf („Euer Saisonziel lautet?“ – „Wir wollen nicht mehr Letzter werden!“) blickten mit Sorge auf den Platz ganz am Ende.

Wie gesagt: Vorletzter werden –scheinbar kein Problem. Aber wirklich niemand will ganz nach unten.

Doch was spricht eigentlich dagegen, Letzter zu sein? Es ist zwar ein schmutziger Job, aber irgendjemand muss es ja schließlich tun. Man kann sogar ganz gut damit leben - denken wir nur an Eddie the Eagle. Und wenn man erstmal Letzter war, kann es eigentlich nur noch besser werden beim nächsten Mal. Darum auch freuen wir uns umso mehr über die erfrischende Perspektive von Achim Achilles vor einem Marathonlauf in Hamburg:

„"Ich will Letzter werden", verkündet der sympathisch-untersetzte Mittvierziger: "Schnell kann jeder. Aber sieben Stunden lang auf den Beinen, das stehen nicht mal die hoch gezüchteten Renner aus Afrika durch.""

Wohltuend! Und wenn dann noch jemand kommt und dem Letzten einen ausgibt, sieht die Welt doch schon wieder ganz anders aus.


Schlecht spielen kann ich gut

Es muss also auch beim Schach immer einen Letzten geben – doch so richtig freuen wird man sich als Betroffener darüber nicht. Der Zweifel nagte nach Wildeshausen auch bei mir, vor allem, weil ich bei dem Turnier alle drei Partien verloren hatte.
Aber wie das immer so ist – auch für solcherlei Fälle können wir hier wieder eine alte russische Praktikerregel zitieren:

Если ты теряешь дважды, то делает Реми!

(„Verlierst Du zweimal, so mache Remis!“)

Hintergrund für diesen gutgemeinten Ratschlag mag sein, dass der Schachsportler durch das Einstreuen eines Unentschiedens die Dramatik der Lage entschärfen kann. Auch verhindert er eine etwas peinliche „lange Rochade“, bei der sich gleich drei Nullen in der Turniertabelle aneinanderreihen würden.
Nun erzählt man von Weltmeister Aljechin, der ja ebenfalls Russe war, er habe sich nicht an diese Regel gehalten, sondern nach jeder Niederlage umso mehr versucht, die nächste Partie für sich zu entscheiden. Gerade nach einer Null richtete er oft seine gesamte Schachwut auf den Gegner der nächsten Runde und gewann. Ein schönes Vorbild! Doch Aljechin war ja auch der Weltmeister – da mag so etwas schon einmal gut gelingen. Wie er allerdings mit einer zweiten Null in Folge umging, ist nicht genau bekannt.

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                   Der Meister bei einem Simultanspiel in Berlin, 1930 (Quelle: Bundesarchiv)


Auch ich kannte die russische Praktiker-Regel, doch merkte ich schnell, dass sie schwer einzuhalten ist. Denn nach schon zwei Niederlagen an einem Tag wollte ich zumindest noch die dritte Partie gewinnen und so jedenfalls noch ein bisschen die Fahne hochhalten und meine DWZ retten. Hat aber nicht geklappt. Es folgte die dritte Null in Wildeshausen, und der Abwärtstrend meiner Rating setzte sich fort wie bei einer Aktie auf Talfahrt.

Vielleicht haben die Russen mit ihrer Regel also doch Recht. Denn es wird schon seinen Grund haben, warum man zweimal nacheinander verloren hat, und das sollte man anerkennen. Vielleicht war meine sportliche Form an diesem Tag nicht gut, vielleicht hatte ich Varianten wenn überhaupt, dann furchtbar schlecht oder viel zu optimistisch durchgerechnet. Ich hätte wahrscheinlich gut daran getan, das endlich einzusehen und durch ein Remis in der letzten Partie den Schaden zu begrenzen. Zumindest hätte ich es meinem Gegner Enno mal anbieten können - doch wer weiß schon, ob er angenommen hätte.

So blieb mir nur die Leere nach der dritten Niederlage in Folge, jedenfalls für eine kurze Zeit. Das schachliche Streben kam mir wieder sinnlos vor, ich meinte zu spüren, wie das Alter herannaht, und so wie jedes Mal ließen die verlorenen Partien die alte Frage wieder aufkommen: „Ist es das alles wert?“

Dass man durchaus auch anders und einen Hauch offensiver mit schachlichen Enttäuschungen umgehen kann, zeigt ein kleiner Ausschnitt aus dem Film „Knight Moves“. Wir empfehlen aber dringend, es nach Niederlagen nicht so zu halten wie in diesem Beispiel. (Und Vorsicht – es geht zwar nur um Schach, aber dieser Ausschnitt ist unheimlich.)

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                 Noch wird nur gespielt ....

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           Doch was braut sich da zusammen?


Nun weiß ich zum Glück, dass Schach nicht alles ist im Leben. Doch manchmal finde ich es schwer, mich direkt nach einer heftig verlorenen Turnierpartie daran zu erinnern. Oft hilft erst die Analyse mit dem Gegner oder mit einem Freund, um die erste Enttäuschung zu überstehen. Immerhin kann ich in der gemeinsamen Analyse lamentieren, kann mich über meine Fehler wundern und dabei Abstand gewinnen. Es hilft auch, ab und an die Züge und guten Ideen des Gegners anzuerkennen, denn immerhin hat er ja gewonnen. Und das wird schon seinen Grund gehabt haben.

Letztlich können verlorene Partien und der (wenn auch irgendwie traurige) Sprung ans Tabellenende sogar ganz heilsam sein. Endlich kann man seine Fehler nicht mehr schönreden, endlich weiß man, dass man Zugfolgen nur sehr lückenhaft berechnet, unkonzentriert war und dass man seine Eröffnungen (und alles andere auch) überarbeiten muss. In der Niederlage zeigt sich die wahre Größe der DWZ. Keine Ausreden mehr – jede verlorene Partie gibt endlich auch Anlass und Motivation zum ernsthafteren Training. (Ob man dann aber auch wirklich trainiert, ist leider eine ganz andere Frage.)

schachsanierung

                    Die Beier Schachsanierung hilft gerne, wenn man selber nicht mehr weiter weiß

Man warte also noch ein wenig ab, und irgendwann dann, mit Glück, kommen auch Neugier, Optimismus und Spiellaune zurück. „Nächstes Mal wird´s besser!“ ist ein alter Spruch, mit dem Peter Husfeld schon vor vielen Jahren im Schleswiger Schachverein immer wieder diesen Optimismus unterstrich. Und tatsächlich, dann geht es eben wieder los: man setzt sich ans Brett, frisch gestärkt, ordnet seine Figuren, beginnt eine neue Partie und riskiert die nächste Null. Manchmal kann das nächste Turnier auch schon wieder viel besser laufen. Es wird gespielt, und keine Angst – das Verlieren gehört zum Spiel dazu.
Oder, wie der Spieler TigerWoods im Internet Chess Club in seinem Profil formuliert:

Win some, draw some, lose some. Live with it.

Und nochmal auf Russisch (mit Dank ans Übersetzungsprogramm!):

Выиграйте некоторых, тяните некоторых, теряйте некоторых. Живой с этим.


In Rätseln aus der Partie

steffens - grigorian

                    Olaf Steffens – Spartak Grigorian, Wildeshausen 2011


In dieser für mich unheilvollen Begegnung mit der Niedersächsischen Schachjugend entschied sich Spartak dazu, mit 20….Txc3 Material zu geben, um im Spiel zu bleiben. Mich erwischte der Zug irgendwie kalt und vor allem in ziemlicher Zeitnot (selbst schuld!). Es folgte 21.dxc3, Ld6-f4 +.

Nun hat Weiß zwei Optionen: a) 22.Dxf4 und b) 22.Kc1-b1.

Hopp oder Topp-Quiz: Welcher dieser Züge gewinnt, und welcher dieser Züge verliert und wurde von mir gespielt? (Bitte unter Angabe von Varianten, sonst gibt´s keine Punkte!)

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Leser-Umfrage

Schach-Welt.de, der Internet-Blog mit menschlichem Antlitz, richtet auch heute wieder eine Frage an seine Leserinnen und Leser. Erzählt doch vielleicht mal aus dem Nähkästchen:

Wart Ihr mal irgendwo Letzter? Wie ist es Euch damit ergangen? Und was hat Euer Mannschaftsführer dazu gesagt?

Und was haltet Ihr von dieser ominösen russischen Regel „Verlierst Du zweimal, so mache Remis!“ –ist sie sinnvoll oder nicht?

Freitag, 28. Oktober 2011 10:48

Schachschlappe für die SPD

coverzz2200Das Image des Schachs genießt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Häufig findet das königliche Spiel deshalb Verwendung in der Werbung. Dass es dabei nicht immer um die Liebe zum Spiel gehen kann, zeigt oftmals bereits die mangelhafte Regelkunde. Nach Arnold Schwarzenegger wurden nun Peer Steinbrück und Altbundeskanzler Helmut Schmidt auffällig: Bei der Präsentation ihres gemeinsamen Buches „Zug um Zug“ (Hoffmann und Campe, 330S., 24.99€), setzte man nicht nur im Titel auf die Symbolkraft des Schachs.

Für das Cover engagierte der Verlag die Fotografin Ingrid von Kruse. Heraus kam ein ansprechendes Foto – doch leider mit einigen handwerklichen Schwächen. Es gehört zur schachlichen Grundausbildung, dass die rechte untere Ecke des Schachbretts weiß ist, damit man eben nicht über die Seiten des Brettes spielt. Anscheinend ging dies im Eifer des Gefechts unter, denn auch das Handgemenge am weißen Damenflügel zeugt von hoher Dynamik, die jedoch Schachspielern fremd ist – bei uns geht es immer abwechselnd: Zug um Zug.

Dabei müssten es die beiden besser wissen. Zumindest Peer Steinbrück – spielte er sogar im Jahr 2005 in Bonns Bundeskunsthalle einen Schaukampf gegen Wladimir Kramnik.

Soweit ich mich erinnere, gehörte dieses Match zu einer großen Werbekampagne, die die Deutsche Bank mit Schach verband. Auffallend war auch hier ein Schachbrett, das auf vielen Werbematerialien zu sehen war und es sogar auf die Website des Unternehmens schaffte. Raten Sie, welche Farbe die rechte untere Ecke hatte....

Passend zum Thema ist wohl auch der Artikel auf Welt-Online:
Die Guttenbergs spielen nur mit weißen Figuren

Nach Leonid Kritz ist Georg Meier bereits der zweite deutsche Spitzenspieler den das (Schach-) Studium in die USA verschlug

Dort gelang ihm nun ein ausgezeichneter dritter Platz beim jährlich von der Texas Tech University und Susan Polgar Foundation ausgetragenen SPICE-Cup in Lubbock/Texas (weitere Informationen auf Susan Polgars Blog). Für den allseits bekannten Sebastien Feller scheint die Betrugsaffäre wenig Folgen zu haben.

1. Le, Quang Liem g VIE 2717 * * 0 1 1 ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 17 2753
2. Dominguez Perez, Leinier g CUB 2710 1 0 * * ½ ½ 1 1 ½ ½ ½ ½ 15 2716
3. Meier, Georg g GER 2648 0 ½ ½ ½ * * ½ 1 1 ½ ½ 1 15 2729
4. Robson, Ray g USA 2583 ½ ½ 0 0 ½ 0 * * 1 ½ ½ 1 11 2634
5. Feller, Sebastien g FRA 2668 ½ ½ ½ ½ 0 ½ 0 ½ * * 0 1 9 2581
6. Shulman, Yuri g USA 2608 0 0 ½ ½ ½ 0 ½ 0 1 0 * * 7 2516

Mit einer Performance von 2729 empfahl er sich wärmstens für die am kommenden Donnerstag im griechischen Porto Carras beginnende Mannschaftseuropameisterschaft. Trotz stärkster Besetzung wird unser Team jedoch kaum für Medaillenplätze infrage kommen. Mit einem Eloschnitt von 2660 reicht es nur für Platz 12 der Setzliste. Aber bei einem neunrundigen Schweizer-System-Turnier ist vieles möglich...

A.T.U - Auto Teile Unger

Donnerstag, 27. Oktober 2011 14:04

Schach -- ein Glücksspiel?

Das ist ja nun wirklich unerhört! So werden vermutlich nicht nur die eingefleischten und hochrangigen Schachspieler reagieren. Was, bitte schön, sollte das(!) König unter den Spielen mit Glück zu tun haben? Jenes erhabene Spiel, bei welchem vorsätzlich sämtliche Zufallsfaktoren eliminiert wurden? Jenes, bei dessen Kampf sich eindeutig herausbekommen lässt, welcher der beiden Protagonisten über das höhere Verständnis, die höhere Spielstärke verfügt, selbst wenn es ab und an mehr als einer einzelnen Partie bedarf? Jenes Spiel, was ausgerechnet vom Menschen für den Menschen erschaffen, um ihm in seiner Domäne, der reinen Geisteskraft, eine Möglichkeit zu geben, ein spielerisches Kräftemessen mit einem anderen Ableger der gleichen Gattung durchzuführen und so den – wenn auch dadurch für den Verlierer besonders schmerzhaften – besseren Denker zu ermitteln?

Nein, Schach nun wirklich nicht. Jedes andere Spiel, jede andere Sportart (Wieso andere? Das hieße ja, das Schach auch Sport ist?), ganz sicher. Aber nicht im Schach, Klares Veto. Hier und nur hier ist es nicht mehr erforderlich, vorm Turnierstart das bei anderen, im Vergleich lächerlichen Wettkämpfen  so beliebte „Möge der Bessere gewinnen“ auszurufen, hier, beim Schach, kann man es getrost ersetzen durch ein „der Bessere wird gewinnen. Punkt.“

A.T.U - Auto Teile Unger

Andererseits wird vermutlich ein jeder Schachspieler – unabhängig von seinem Niveau – immer wieder nach geschlagenen Schlachten, die nicht zu seinen Gunsten verliefen, diesen oder jenen Moment hervorkramen, in welchem er aus im Nachhinein für ihn unerfindlichen Gründen diesen unfassbaren Zug machte, der schlichtweg einen Bauern einstellte oder auch jenen einfachen Gewinnzug, nach selbstverständlich aus seiner Sicht absolut systematisch erarbeiteter Gewinnposition, nicht gesehen zu haben, welcher ihm laut Fritz ein Übergewicht von satten 4.5 Bauerneinheiten – und damit sicher alsbald den vollen Punkt -- eingebracht hätte. Er wird sich auch zumindest im Geiste vor den Kopf schlagen, er wird sich auch gehörig ärgern können und diese (gepaart mit der anderen) als „Pechgeschichte des Jahres“ verkaufen wollen, wird dennoch aber im Hinterkopf stets, spätestens ein paar Tage danach, realisieren, dass nur er die Püppchen auf die Felder gezogen hat, wo sie letztendlich landeten und dass kein Würfel oder keine Roulettekugel oder kein Windhauch und auch keine Platzunebenheit  für das erzielte Resultat verantwortlich waren. Vermutlich wird er sich Mut machen und aufgrund der vergebenen Möglichkeiten Besserung gelobigen und sich bald in die nächste Schlacht stürzen – mit offenem Ausgang.

In aller Regel wird er jedoch für die verpassten Chancen immer den optimalen Zeitpunkt herausgepickt haben und das Zustandekommen dazu sowie die Perspektive der Gegenseite, welche mit der allergleichen Argumentation die nachteilige Stellung erklären würde, ignorieren. Die gewonnene Partie hingegen, auf welche sich genau Gegners identisches Wehklagen im Anschluss bezieht, hätte er längst abgehakt, und die Umstände, die dazu führten mit einem Lächeln und einem eigens auf-die-Schulter-klopfen wohlwollend seinen eigenen überragenden Fähigkeiten zugeschrieben.

Nun, allein diese Ansätze zur versuchten Objektivität, bei welcher sich jeder Schachspieler selbst zu hinterfragen hätte – aber dies zugleich auch einfach sein lassen kann – rechtfertigen noch nicht im Geringsten den Titel dieses Textes. Erwähnt sei nur noch kurz, dass man feststellen dürfte, je höher man geht in den Spielstärkekategorien, dass diese Art der Subjektivität nachlässt und dabei, bei Wortantipoden wohl üblich, zugleich die Objektivität anwächst – damit zugleich einen Hinweis zur eigenen möglichen Verbesserung gebend. Vielleicht gibt es doch einen Zusammenhang?

Nach dieser gewohnt länglichen – aber hoffentlich doch unterhaltsamen, vielleicht gar lehrreichen? – Einführung praktisch direkt hinein ins Thema: welche Glücksaspekte gibt es denn wirklich, welche nur angeblich? Gibt es nicht doch irgendwie ein paar, allseits anerkannte, die als Glück durchgehen würden? Natürlich – Objektivität und Wohl oder Weh hin oder her – gäbe es automatisch mit dem Glück zugleich Pech, welches dann die Gegenseite beträfe.

Immerhin kann man doch auf einige Bekanntschaft und Vorgeschichte mit diesem Thema und zahlreichen gehörten Reaktionen – vor allem jener: „Was??? Du hast ja keine Ahnung!“ – verweisen. Dies hat zu einer Erkenntnis geführt, welche hier gerne noch vorweggeschickt wird: niemand wird es letztendlich leugnen können – so meist auch die Ergebnisse in den Gesprächen – nur, und dies erst die Erkenntnis: es lohnt eigentlich nicht, darüber nachzudenken. Was hätte man davon, wenn einem bescheinigt werden könnte, dass man in jener Partie, jenem Turnier in der Summe, Pech hatte (der Glückliche wird ja gar keinen Antrag stellen)? Ineffektiv, nutzlos, vielleicht gar kontraproduktiv, weil man eine Neigung an den Tag legen könnte, nach ungünstigen Umständen zu suchen – anstatt weiterhin auf dem Brett nach bestem Wissen und Gewissen den chancenreichsten Zug zu suchen.

Ja, war hier ein „hinein ins Thema“ versprochen worden? Nun, denn sei es: welche Glückselemente könnte man nennen – so sehr sich vielleicht dem Leser längst die Nackenhaare kräuseln?

Eine Reihenfolge muss gewählt werden, diese ist aber nicht gewichtet (und auch sonst keiner Sortierung unterworfen; sie entspringt freien Assoziationen). Als Punkt 1 nun erwähnt die...

1) Zugauswahl des Gegners

Sofern der Gegner sämtliche Schachregeln kennt – also jeden legalen Zug finden könnte – gelingt es ihm mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits, ohne Wenn und Aber, jeweils den Kasparowschen Zug aufs Brett zu zaubern. Dies muss man einfach anerkennen. Man könnte vielleicht noch mutmaßen, ob einige der Züge so absurd erschienen für den Anfänger (so er denn „zufällig“ einer ist), dass er sie noch seltener findet, als sie ein Zufallsgenerator finden würde (der berühmte Affe, der Tschaikowski komponiert), aber eine Chance gibt es.

Wenn die Anerkennung  -- nach einigem Schlucken – denn stattgefunden hat, so muss man im nächsten Atemzug (ja, genau: erstmal Luft holen) eingestehen, dass es nur noch um Quantitäten ginge. Es ist möglich. Ja. Unterschrift drunter. Aber es geht auf die Frage über: wie wahrscheinlich soll das denn sein? „Da kann ich 86 Trilliarden Jahre spielen – und es wäre noch immer nicht passiert.“ Sehr richtig. Aber es könnte eben auch heute oder morgen sein. Man könnte sich der Wahrscheinlichkeit noch etwas weiter annähern – hat dies autorenseitig auch getan, und landet bei etlichen Zehnerpotenzen. Nur ändert dies auch nichts und es steht halt fest, dass die Chance größer 0 ist – und somit aus mathematischer Sicht die Möglichkeit eingeräumt werden muss..

Hier wurde ja nun auch ein extremes Beispiel genommen. Eine Zugmaschine, die nach dem Zufallsprinzip auswählt – und immer wie Kasparow zieht. Kurios nur, wenn man etwas weiter denkt, dass man vermutlich nach dem 34. Keulenschlag des Gegners – der nichts weiter als die legalen Züge beherrscht, wohingegen man selbst über ein solides 2000er (Plus) Rating verfügt – vermutlich ihm die Rechte, die Kapitulation anzeigend, entgegenstrecken würde – nicht ohne noch einen raschen Blick auf sein Ohr oder seinen Rucksack zu werfen oder sich über der  Häufigkeit der Toilettengänge zu entsinnen, nur um sicher zu gehen, dass da nicht irgendwo fremde Hilfe... --, und mit dieser Reaktion den größten Fehler der Partie begangen hätte. Denn: selbst wenn man vor dem einzügigen Matt stünde, so würde dieses der Gegner nur mit einer Chance von etwa 1/35 finden, und man im Anschluss, auch ohne die Mattdrohung und beispielsweise nur mit einem Turmminus im Gepäck, die Partie mit einer geschätzten Wahrscheinlichkeit von 99.99999% locker gewinnen würde (mit der weiteren winzigen Einschränkung wie oben: er nutzt die 0.000001%).

Also: in jeder Partie, die man spielt, ist man von dieser Zufälligkeit abhängig. Man hat fast keinen Einfluss auf die gegnerische Zugauswahl. Es ist ja in der Regel gar nicht erforderlich, dass er fortgesetzt wie Kasparow spielt. Er kann ja in einer Schlüsselposition einen sehr starken Zug finden, diesen aber mit einer völlig falschen Begründung – beispielsweise auf einem Übersehen begründet, welches sich aber letztendlich positiv auswirkt, da er den Zug bei Nichtübersehen gar nicht ausgeführt hätte.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, dass sich die gegnerische (zum Großteil von nicht selbst beeinflussbaren, aber dennoch Zufälligkeiten) Zugauswahl vorteilhaft oder nachteilig auswirkt. Dies ist ein Aspekt von Glück und Pech. Er wird von Schachspielern gerne ignoriert. „Der Gegner spielt nun mal so gut, wie er spielt.“ Falsch. Manchmal spielt er besser, manchmal schlechter. Und einiges davon geschieht zufällig.

2) Befindlichkeit des Gegners

Selbstverständlich ist an sich auch, dass die Befindlichkeit des Gegners dessen Zugauswahl mit beeinflusst. Dies kann sich klarerweise beizeiten positiv, beizeiten negativ auswirken. Der Gegner hätte in allen Fällen seine 2135 Elo, spielt aber einmal wie 2400 und einmal wie 1900 – weil gerade dies ein Gegner ist, der größeren Leistungsschwankungen unterworfen ist (oder sind wir es nicht alle?).

coveru1anzHier sei zumindest noch an den alten Berliner Meister Walbrot erinnert, jenen mit den kernigen Sprüchen: „Ick hab noch nie jehng eenen Jesunden jewonnen.“ Meist stellt sich die Unpässlichkeit zwar erst nach dem Unterzeichnen der Niederlage heraus, aber immerhin. Ab und an könnte es ja wirklich eine geben – man profitiert. Der Konkurrent hingegen trifft auf den gleichen Gegner an dessen ausgesetzter Unpässlichkeit. Unmöglich? Und, falls nicht: hätte man da nicht ein wenig Glück gehabt?

3) Übersehen

a. eigene

Tja, auch dies ein etwas heikler Aspekt, gerade bei den eitlen (heikel – eitel) Schachspielern, da man Derartiges sehr selten von ihnen wirklich zu hören bekommt. Hier sollte man möglichst mit sich selbst ins Gericht gehen. Vor allem, nachdem „alles gut gegangen ist“ nach einem Übersehen, man die Partie gar gewann (bei Niederlagen kommt es schon vor, meist im Tenor: „Stell dir mal vor, diesen einfachen Zug habe ich übersehen!“), wird meist recht gerne der Mantel des Schweigens darum gehüllt.

Natürlich könnte man diese Kategorie noch beliebig weiter unterteilen. Erwähnt als Beispiel aber nur noch, dass es oft genug vorkommt (wo ist die eigene Nase? Ach ja, hier, mitten im Gesicht), dass man eine mögliche Kombination übersieht. Sei es, dass es sich auf eine gegnerische oder auf eine eigene bezieht. Man sieht die Möglichkeit also nicht -- aber sie ging gar nicht. Nun wird insbesondere der (noch eitlere) Schachspieler sagen: „Na, gesehen habe ich es natürlich genau deswegen nicht, weil es gar nicht ging. Da war es ja überflüssig, es zu sehen.“ Nur liegt er damit leider oftmals ziemlich weit neben der Wahrheit. Gerade von Großmeistern wird man oft genug hören können, dass man nur herausfinden kann, ob eine Möglichkeit sich vorteilhaft oder nicht auswirkt durch konsequente, gute, und möglichst korrekte Rechenarbeit. Das Übersehen kann langfristig kein Vorteil sein, Im Einzelfall aber schon: nicht gesehen – ging nicht – viel Zeit gespart, als eine Auswirkung. Nur: wäre es gegangen, hätte man vielleicht in einer anderen Partie den Sieg ausgelassen.

Oft genug wird es wohl jedem passieren, dass man gegen einen besseren Gegner spielt und dieser für einen mitdenkt und zugleich mithilft. Man bekommt nach der Partie vorgeführt, welche versteckte und selbst nicht einmal erahnte Möglichkeit es gegeben hätte – für einen selbst oder für den Gegner – und beide Male zeigt der Meister auf, dass es nicht gegangen wäre. Warum hat er sich denn die Rechenarbeit nicht erspart? Eben: weil er es VORHER nicht wusste.

Aus der eigenen Praxis einmal folgendes Beispiel, an welchem einem Einiges klar wurde, als es geschah: als man in einer Partie gegen Großmeister Vaganjan einmal in einen Angriffwirbel geriet und jener mit einem Opfer die Königsstellung aufgerissen hatte, nun kurz vor der Skalpierung des meist begehrten Objektes auf dem Schachbrett stand, mit der Ausführung des Abschlusszuges der Kombination – welche wohl unweigerlich das Shakehand zur Folge gehabt hätte – aber zögerte, noch weiter zögerte, und noch immer nicht zog. Da nahm man die eigene Rechenarbeit wieder auf: es musste doch eine versteckte Verteidigungsmöglichkeit geben? Und: Tatsache, sie fand sich. Der scheinbare Gewinnzug hätte mit einem völlig unerwarteten Gegenschlag ausgekontert, widerlegt werden können. Der Großmeister führte einen anderen Zug aus – welcher aber die Niederlage, selbst wenn es sich um die objektiv beste Lösung handelte, nicht verhindern konnte. Man sollte nur wissen und so objektiv sein (und blieb es auch nach der Partie): der Gegner hatte sich selbst besiegt, wenn man so möchte, zumindest waren die Umstände anerkannt glücklich, und dies nicht in unerheblichem Maße. Das durch diese Partie aufgegangene Licht kann der Leser zum Teil in diesem Text (vermutlich missmutig) begutachten.

b. gegnerische

Selbstverständlich gibt es immer den Gegenaspekt: hat der Gegner eine eigene Möglichkeit ausgelassen? Gerade in Zeiten der wachsenden Strahlkraft der Silizium Giganten wird es sicher jedem schon mal passiert sein, dass er im Anschluss an eine aus eigener Sicht gut geführten Partie, die er gerade bei einem abschließenden Bierchen genießt, aber doch (dummerweise) zeitgleich seinem Computer „vorführt“, dass dieser die Vorzeichen kurzerhand umgekehrt und einen selbst vorführt: hier hättest du gewinnen können (sagen wir: sofort). Na gut, süffisant zur Kenntnis genommen, aber doch im Geiste auf den „Endsieg“ verwiesen, aber, noch schlimmer: hier hätte dein Gegner die Partie nicht nur retten, nein, er hätte sie komplett drehen können.

Man konnte, siehe auch oben, nicht sicher sein, dass der Gegner diese Möglichkeit nicht findet. Nein, im Gegenteil.

Es kann aber auch passieren, dass man (sehr beliebt dabei: direkt NACH der Ausführung) eine gegnerische Möglichkeit entdeckt, also noch am Brett sozusagen aufwacht (wie meinte Schachgroßmeister Lau in gemeinsamen Jugendtagen so trefflich? „Der gesündeste Schlaf ist noch immer der Brettschlaf.“), nun aber nicht recht weiß, wo hinschauen, aus Scham und in der Hoffnung, damit am besten das sich ankündigende Unheil abwenden zu können, aufsteht und möglichst gelangweilt auf andere, ferner liegende Bretter schaut, jedoch nur mühsam die Aufmerksamkeit abwenden kann? „Sieht er es, oder sieht er es nicht?“ Man könnte nun, symbolisch gesprochen, auch die Münze rausholen. Nichts weiter als das eigene Auftreten, von dessen Effektivität man wenig weiß, was man dem Schicksal entgegen halten könnte. Reiner Zufall (und jener war, der Erinnerung nach, Spekulant).

4) Auslosung und Punktausbeuten

Sicher müsste man die erwähnten Glücksaspekte noch weiter differenzieren: „Sprichst du von Partieausgängen oder von Turnierausgängen?“ Einsichtig dürfte aber jedem sein, dass es ab und an zu günstigen Auslosungen, gelegentlich natürlich, dem Widerpart von Gustav Gans betreffend,  zu ungünstigen Paarungen kommt. Ganz zu schweigen von einer Punktausbeute, welche bei dem einen Turnier locker zum Sieg ausreichen kann, beim nächsten aber nur den 5. Platz einbringt.

(dazu das Beispiel aus der Praxis? In einem Schnellturnier jüngst gelang es, aus 9 Partien stattliche 8 Punkte zu ergattern. Nur hatte der Turniersieger eben 9 erzielt. Dies veranlasste gar den die Sieger ehrenden Turnierleiter zu der Bemerkung, dass es nicht schwer sei, herauszubekommen, wo der {hier schreibende} Zweitplatzierte seinen Punkt abgegeben hätte. Da es sich jedoch beim Sieger um den dies gleichermaßen in Serie tuenden Großmeister Robert Rabiega handelte, ist man weit entfernt davon, dieses Ereignis etwa als „unglücklich“ einzustufen. Im Gegenteil, und das ist so gemeint, wie es hier steht.)

5) Farbzuteilung

Selbstverständlich kann auch die Farbzuteilung ihren Beitrag leisten, im gleichen Maße wie im Punkte zuvor, die Auslosung. Sicher hätte dies aber hier zugleich eine gewisse schachliche Komponente. Man bekäme günstigerweise jenen mit Schwarz nicht so schlagkräftigen Gegner, den anderen, welcher eher mit der dunkleren Farbe auftrumpft, mit dessen Farbe.  Ein kleiner Aspekt nur, aber es darf doch mal erwähnt werden?

6) Zeiteinteilung

Die Zeit spielt immer, bei jeder Zugentscheidung eine Rolle. Also: man könnte ein Stellungsproblem lösen, es hapert nicht an der schachlichen Befähigung. Nur muss man auch (irgendwann) ziehen. Dies betrifft zugleich den Gegner. Es ist nur eine Nuance, nur kann es oft genug vorkommen, dass das Pendel für die Zugauswahl gerade zum entscheidenden Zeitpunkt für den – sich im Nachhinein erst als solchen erweisenden – besseren Zug ausschlägt, auf Gegners Seite vielleicht, völlig unbeeinflusst, umgekehrt.

Man hat nur einen Aspekt hinzugefügt. Es kann sich alles positiv oder negativ auswirken, das versteht sich, und eingestanden bleibt, dass es, unabhängig vom Zutreffen der Beobachtungen, keinerlei Einfluss nehmen sollte, also in dem Sinne irrelevant bleibt.

Aus eigener Praxis dennoch diese kleine (natürlich subjektiv verfärbte) Geschichte. Die Erinnerung sagt aber, dass es so und nicht anders war. Nur ist möglicherweise die Wahrnehmung getrübt. Dennoch war das Ereignis bis dahin ziemlich einzigartig:

Man hatte sich eine sehr vorteilhafte Stellung herausgespielt, in einem Mannschaftskampf. Man spürte, dass in dieser Stellung nun die Entscheidung fallen müsste. Es gab zwei (kombinatorische) Möglichkeiten, den Vorteil umzuwandeln in ein materielles oder eindeutig positionelles Plus im Endspiel. Nach etwa 10 Minuten intensiven Nachdenkens wurde der Blasendruck zunehmend lästig. Man stand direkt vor der Entscheidung und, bitte sehr, gerne angebracht, am Zug befindlich das Brett zu verlassen erschien weit mehr als nur unschicklich. Der Zug war quasi schon ausgeführt, die Vernunft schaltete sich immer wieder ein – bei soliden 30 Minuten auf der Uhr: „Geh doch lieber erst zur Toilette.“ Der Gewinn war aber berechnet, eigentlich, so war man sicher, war alles klar.

Der Toilettengang wurde eingeschoben, bei Rückkehr mit verändertem Blick auf die Stellung und etwas der Stellung (und dem Leben sicherlich) entrückt – wurde die Entscheidung aufgehoben, durch die Alternative ersetzt. Die gewählte Fortsetzung vergab den Vorteil, man wollte sich – so die häufig erzählte und ebenso gehörte und daher nicht nur hier unglaubwürdige Geschichte – mit dem Remis nicht abfinden aufgrund des nachteiligen Verlaufes des Mannschaftskampfes und verlor, wie es sich gehört. Die Analyse – in welcher der Gegner natürlich bedenkenlos anerkannte, überspielt worden zu sein – brachte zum Vorschein, dass der vor dem Toilettengang (so die vernebelte Erinnerung) ausgewählte Zug zu einer einfachen Gewinnstellung geführt hätte.

Ob nun Zeiteinteilung oder was auch immer: es war eine Kuriosität. Natürlich ist ein andersartiger Ausgang der Partie, selbst bei alternativer Zugauswahl keineswegs garantiert. Die Geschichte soll nur vor Augen führen, dass es teils völlig andere, nicht direkt den schachlichen Befähigungen unterworfenen Kriterien gibt, welche die Zugauswahl entscheidend beeinflussen können.

Die Zeit gehört dazu, das bestreitet sicher niemand, und ist halt ein Aspekt, der irgendwie mit den schachlichen Ergebnissen korreliert wird. Nur geht es manchmal vielleicht auch um den Zeitpunkt?

7) Der richtige Zug – die falsche Begründung

Vermutlich kommt dies doch am häufigsten vor: es gibt einen kritischen Moment in der Partie. Nun ist Aufmerksamkeit gefragt. Finde auch ja den richtigen Zug, sonst geht die Partie den Bach runter. Es kann auch eine Kombination sein, auf welche man sich einlässt, ohne die Konsequenzen (vielleicht eben, siehe oben, wie Großmeister Vaganjan) endgültig absehen zu können im Gegensatz zu einem (noch) besseren Spieler. Man macht die Augen zu – und schlägt zu. Es sind einige Möglichkeiten gesehen worden, man schätzt es ab, wie auch immer, nur weiß man es nicht (sicher). Am Ende stellt sich heraus, dass es sich – auf Ehre und Gewissen NICHT vorhergesehen, nicht etwa wie Kasparow einst bei seiner Traumkombination gegen Topalow, als er zunächst eingestand, nur das sichere Remis gesehen zu haben, aber plötzlich, etwas später, behauptete, doch das Matt am Horizont gesehen zu haben und man doch bei ausreichend viel Verstand Zweifel anmelden musste – positiv auswirkte. Nun wird man auch in diesem Falle sein eigenes überragendes Schachverständnis ins Feld führen, ohne dass jemand dies ernsthaft widerlegen könnte, nur ist es vermutlich eben nicht die Wahrheit.

Auffällig wird Derartiges sicher Jedem, der sich mal eine jener echt höchst komplizierten und nur zum Nachspielen, nicht aber zum Lösen geeigneten Studien ansieht, bei der einem immer wieder der Mund offen stehen bleibt, weil man eine Lösung, und gar noch eine solche, nun wirklich niemals für möglich gehalten hätte. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, so in etwa.

Dies noch lange nicht sämtliche Kriterien und unter jenen längst keine ausreichende Differenzierung getroffen, was noch alles beitragen kann zu einem möglichen Partieausgang. Beim nächsten Turnier wird sicher wieder der Elo-Favorit die Nase vorn haben – und der Autor wird weiterhin ausgelacht, falls ihm nicht gleich hier und jetzt mal ordentlich der Kopf gewaschen werden sollte...

Diese Ausführungen sollen auch keineswegs das Schachspiel mit einem anderen (!! Ja, ja, der Wortwitz und die Hinterhältigkeit) Glücksspiel gleichsetzen. Vielleicht wäre es im Sinne der Spannung – um jene geht es nämlich demnächst in einem Folgeartikel – gar erfreulich oder wünschenswert, wenn dem Spiel ein Zufallselement hinzugefügt wurde, welches die (eventuell zu große) Vorhersagbarkeit ein wenig auffrischt, aber auch dafür möchte man nicht unbedingt Werbung machen.  Das Spiel ist, wie es ist, es ist für alle Ausübenden offensichtlich ausreichend aufregend und man erfreut sich wohl doch immer wieder an der Vielfalt der Möglichkeiten, durch welche man sich, einem Urwald gleich, einen Weg zu bahnen sucht und möglicherweise in dieser oder jener Partie gar einen ordentlichen, eine kurzen oder einen schadensfrei begehbaren findet.

Die Existenz von Glückselementen sollte auch bitte nur anerkannt werden – und wird es merkwürdigerweise auch in höheren Spielstärkeregionen viel eher, wo man durchaus und überzeugt und wiederholt und keiner falschen Bescheidenheit geschuldet den folgenden Satz hören kann: „In der Partie habe ich eine Menge Glück gehabt.“ Zweifel?

Die Existenz also anerkennen, was auch eine Beruhigung und Motivation darstellen kann: wenn man verliert muss man sich nicht unbedingt gleich selbst kasteien oder sich schwören, nie wieder eine Figur anzurühren, da man offensichtlich ungeeignet, unbegabt und einfach zu blöd ist... Dranbleiben, weiter machen, es erneut versuchen – und nach der nächsten Perle suchen. Die Relevanz oder die Notwendigkeit, sich mit Glück und Pech zu beschäftigen, ist nicht gegeben, dies bleibt eingeräumt.

Also, man schließt daraus: viel Lärm um nichts?

Dienstag, 25. Oktober 2011 10:16

Mach es und hilf!

Nachdem ich für meinen ersten Blogbeitrag ein leichtes Thema ausgewählt hatte, ist mir heute nach einem ernsten. Ohne große Umschweife möchte ich zu meinem Punkt kommen. Aus meiner Sicht, sollten wir Sätze wie „ vor der eigenen Haustür kehren“ oder „ an die eigene Nase fassen“ ernster nehmen. Wir sind gut im kritisieren. Wir kritisieren die Politik, die Banken, Migranten und angeblich faule Arbeitssuchende. Leider geht uns emphatisches Empfinden und der Drang zur Veränderung durch eigenes Handeln häufig ab. Des Weiteren gehört zum Kritisieren auch das Nennen der positiven Aspekte. Jede Kritik, die ohne diesen Punkt auskommt, ist aus meiner Sicht weder sachlich noch zielorientiert! Aber ich will zu meinem eigentlichen Thema kommen: „Mach es und hilf!“

schachNehmen wir an, Ihr Verein organisiert ein Turnier. Kein Schnellturnier, sondern ein 7 oder 9 Tage langes Open. Alles läuft gut. Natürlich, an der einen oder anderen Stelle klappt mal was nicht. In der Auslosung ist ein Fehler, eine Runde fängt später an, aber alles in allem sind Sie mit dem Turnier zufrieden. Es war gute Werbung für den Verein, die örtliche Schule oder eine gemeinnützige Einrichtung hatten Ihrem Klub die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach der Siegerehrung gehen alle, auch die Mitglieder des ausrichtenden Vereins, zufrieden nach Hause. Alles gut also?

Nein, ein vielleicht zwei derjenigen, die schon die ganze Woche die Verantwortung getragen haben, bleiben zurück. Sie müssen noch 50 Bretter einräumen, die Stühle und Tische in die alte Formation bringen, Drucker und PC abbauen. Die 10 Vereinsmitglieder, die während der 7 Tage an dem Turnier teilgenommen haben und ab und zu beim Organisator vorbeigeschaut haben, um ihm zu sagen, was man vielleicht besser hätte machen können, sind schon lange weg. Gern genommene Anfangssätze für nicht gut gemeinte Verbesserungsvorschläge sind: „ Wenn ich das Turnier organisiert hätte, dann...“ oder „ Nur mal so als Anregung...“ Dass man sich selber hätte einbringen können, das fällt hinten runter. Man antwortet als Verantwortlicher „ Wir denken drüber nach“ oder „gute Idee“. Man denkt „Mach es selbst und hilf“.

Bevor Sie glauben, ich würde mich moralisch erheben wollen, dann sei gesagt, dass auch ich ein Experte darin war, ab und zu noch bin, nach der Siegerehrung schnell weg zu sein. Klar, ist das Turnier für einen gut gelaufen, sagt man dem Organisator noch, was für ein tolles Turnier er doch auf die Beine gestellt hat. Aber spätestens dann bin auch ich meistens weg gewesen.

Zurück zu unserem imaginären Verein. Also bei der Siegehrung sind nur noch die Hälfte der Teilnehmer da. Jene, die einen Preis kriegen, jene, die bei jemanden mitfahren, der einen Preis kriegt, jene. die jemanden mitnehmen, der einen Preis kriegt und jene Vereinsmitglieder die lobend für ihre Unterstützung der Veranstaltung erwähnt werden wollen, weil Sie zweimal die Paarungen ausgehängt haben. Nach der Siegerehrung sind dann aber wirklich alle weg, nur die beiden bereits erwähnten Organisatoren sind noch da.

Nun gut, dann muss halt die Crew, die die ganze Woche ehrenamtlich die Cafeteria betreut hat, auch noch die Tische umstellen. Woran liegt das? Ich kann weder ein abgebrochenes, noch ein vollendetes Psychologie-Studium vorweisen. Ich habe auf der Flucht vor hilfesuchenden Turnierleitern immer gedacht „ warum soll denn ausgerechnet ich helfen? Fussball fängt gleich an!“
Außerdem will man zuhause ja berichten wie toll „wir“ „unser“ Turnier hinbekommen haben, während einige Kilometer weiter noch hart geschuftet wird. In letzter Zeit wurde viel über den Deutschen Schachbund und die angebliche Untätigkeit von Funktionären diskutiert. Ich kann das nicht beurteilen. Es gibt Sachen die mir gefallen und Sachen die mir nicht gefallen. Aber alle, die sich der generellen Schelte anschließen, müssen sich vorwerfen lassen „ Mach es selbst und hilf!“

Ich kann nur von einigen Turnieren berichten, bei denen man gemerkt hat das schimpfen einfacher ist als machen.
In der jüngeren Vergangenheit ist mir immer wieder folgendes Szenario aufgefallen. Ein Vereinsvorsitzender denkt laut über die Ausrichtung eines Turniers nach. Alle bieten ihre Hilfe an. Das Turnier nimmt den beschriebenen positiven Verlauf. Allerdings sind die losen Zusagen schnell wieder vergessen. Mir hat es mit der Zeit Leid getan, wie erschöpfte Turnierleiter realisieren, dass die Hilfe weg ist.

Banner-Sonnenalp250Dass ich jetzt auf dieses Thema komme, liegt übrigens nicht daran, dass ich selber oder mein Verein, der SK Marmstorf, ein Turnier organisiert hat. Ich bin dazu zu faul, und außerdem haben wir um Holger Hebbinghaus, der den aufmerksamen Leser dieses Blogs schon vorgestellt wurde, ein hervorragendes Team engagierter Mitglieder. Dies ist in Deutschland kein Einzelfall und deswegen gehört zu dem von mir beschriebenen Schatten, auch viel Licht.

Die bisherigen Zeilen klingen sehr vorwurfsvoll. Das sollen sie eigentlich nicht. Ich möchte dazu anregen, darüber nachzudenken, darüber zu diskutieren. Frei nach dem Motto „ Überlege nicht was das Schach für dich tun kann, überlege was du für das Schach tun kannst“
Freitag, 21. Oktober 2011 12:24

Schachbundesliga auf neuen Wegen

Erstmalig in der 30-jährigen Geschichte der Schachbundesliga trafen sich vergangenes Wochenende die 16 Teams zu einer zentralen Auftaktrunde. Mit fast 100 Großmeistern kam die in der Breite stärkste Großveranstaltung Deutschlands seit der Schacholympiade Dresden 2008 zustande. Und auch die Organisation konnte sich sehen lassen. Fanden vor Jahren Begegnungen noch in Pfarrheimen und ähnlichen Lokalitäten statt, bot die repräsentative RWE-Arena in Mülheim/Ruhr ideale Bedingungen für Spieler und Zuschauer.

Live is life

IMG_3861In den letzten Jahren verfolgen mehr und mehr Spieler Schachübertragungen im Internet, doch ist eine Großveranstaltung nur bedingt monitorfähig – das Flair bleibt auf der Strecke. Spieler direkt am Brett, bei der Analyse oder die präsente Anspannung in der Zeitnotphase zu erleben, vermittelt eine besondere Atmosphäre, und bei 64 parallelen Partien wurde schachlich viel Abwechslung geboten. Wem das nicht ausreichte, der konnte in diversen Bereichen der Halle selbst Hand anlegen, den einzigartigen Viktor Kortschnoi bei einer Simultanvorstellung bewundern, Bücher am riesigen Stand Schach-Niggemanns schmökern oder auch dem Live-Kommentar folgen.

Eine rundum gelungene Veranstaltung mit Programm für Jung und Alt jeder Spielstärke. Ein Aushängeschild und tolle Werbung für das Schach, die ich mir häufiger wünsche. Doch...

Viel Licht und ein Kernschatten

... was nützt auf Dauer der beste Event, wenn wir kaum Zuschauer in die Arena bringen. Rund 1.000 Werbebriefe sollen im Vorfeld an Schachvereine gegangen sein, doch haben diese die Zielgruppe (das große Publikum der Schachinteressierten unter DWZ 2000) wohl nicht erreicht. Andere Arten der Werbung fielen kaum auf, auch uns erreichte noch nicht einmal eine Infomail. Dass sich jemand den nett gemachten Flyer auf der Seite der Schachbundesliga abholt, ist eher unwahrscheinlich. So muss der Berg wohl zum Propheten kommen.

Meine Begleiter (DWZ 1500-2100) erfuhren erst kurzfristig durch mich davon, waren ausnahmslos hellauf begeistert – und kommen jederzeit wieder! Typisch war die folgende Aussage:
„6 Stunden Schach mit Rahmenprogramm ist um Längen besser als 90 Minuten Fußball für 40 €.“

Geschätzte 300-400 Zuschauer/Tag (genaue Zahlen liegen wohl nicht vor, da der Eintritt frei war und als Messgröße entfällt) verwundern daher nicht und sind einfach unbefriedigend für eine Veranstaltung, die in der Gesamtheit wohl weit über 100.000 € verschlingt.

Die weitestgehend lokale Medienpräsenz – von Fernsehen keine Spur – dient als zuverlässiger Indikator für die größte Schwäche unseres Sports – das Marketing.

Auch der angekündigte Dressingcode fand wenig Beachtung. Von Katernbergs grünweißem Schal der Verbundenheit, über diverse Glanzstücke der Freizeit und Trainingsbekleidung, bis hin zu Kleidungsstücken, die eher beim Wandern verbreitet sind. war alles anzutreffen.

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Sportlich gestaltete sich das Wochenende zudem hochinteressant und veränderte die Voraussetzungen für Olaf Steffens Tippspiel. Mühsame 4 Punkte des Topfavoriten Baden-Baden, und das ebenfalls überraschende Straucheln der Nummer 2, Werder Bremen, hievten Wattenscheid auf Platz 1. Alle Ergebnisse und weitere Informationen findet man auf den Seiten des Schachbundesliga e. V..

Update 24.10.:

Deep chess zeichnete während der Bundesligarunde ein Interview mit Almira Skriptchenko, Dameneuropameisterin und Brett 16 Werder Bremens, auf:

Donnerstag, 20. Oktober 2011 14:18

Hello again Bad Wiessee

In einigen Tagen ist es wieder so weit: Die Offene Bayerische Meisterschaft in Bad Wiessee steht vor der Tür. Es wird meine zweite Turnierteilnahme sein. Für die eingefleischten Teilnehmer bin ich damit noch ein echter Frischling. Teilnehmer, denen man ohne weiteres bereits die hundertste Teilnahme zutrauen würde, schwärmen vom Tegernsee, den Bergen und den Turnierbedingungen. Das tue ich auch, aber egal.

Was macht das Turnier so besonders?

Normalerweise würden in Bad Wiessee Ende Oktober die Lichter ausgehen, nur das Schachturnier bringt den Wirten eine weitere Woche angetrunkene und fleischessende Gäste. Die Hotels bleiben gut besucht, allein an Spielern sind es 470. Nicht mitgerechnet die Zivis äh bufdis, oder wie die neuerdings heißen, für die Anwärter auf den Seniorenpreis.
Der Altersschnitt, der maximal noch in politischen Partein erreicht wird, macht dieses Turnier für Menschen wie mich attraktiv. Menschen, die einmal über 2400 hatten und sich aufgrund zusammengespielter Normen, jetzt Internationaler Meister nennen dürfen. Das man mit den unter 20-Jährigen  nicht mal eine Fussballmannschaft zusammenbekmmt, verdanken die Teilnehmer der geschickten Planung der Organisatoren, das Turnier direkt außerhalb jeglicher Schulferien zu legen.

Außerdem gibt es interessante Großmeister zu treffen. Mein persönlicher Favorit ist Ulf Andersson. Die Legende holte im letzten Jahr 100%, gut die drei kampflosen Punkte nicht mitgerechnet. Aber ich will jetzt auch nicht kleinlich werden. Des Weiteren spielen aus aller Herren Länder weitere Großmeister mit. Letztes Jahr führte die Deutsche Delegation Daniel Fridman an, der Deutschland dieses Jahr als einziger beim World-Cup vertrat.
Übrigens einer der Großmeister die aus Symphatie-Gesichtspunkte deutlich unterschätzt werden. Ich kann mich an mein einziges Bundesligawochenende erinnern, an dem Daniel am Samstag nach seiner Partie, nicht wirklich der Herr über sein Handy war. Sagen wir so, der Anrufer schien nicht zu wissen, dass 3mal wegdrücken heißt „RUF JETZT NICHT AN!“

Was macht man nach der Partie?

Natürlich wird eines der zahlreichen Restaurants aufgesucht und so lange Weizenbier geschlürft bis man auf einmal  mit drei Läufern gegen vier Springer spielt. In den Restaurants ist der Teufel los. Dass man zufällig den Gegner der gerade gespielten Runde trifft ist nicht außergewöhnlich. Auch das Essen ist gut und wer mich kennt, weiß, dass ich da eine gewisse Kernkompetenz besitze.

Es gibt aber auch Kurioses aus dem Restaurant-Wesen. So musste ein Freund von mir feststellen, dass der Koch eines Restaurants sein Schnitzel großzügig mit Plastikfolie garniert hatte. Gut, dachte ich, wir sind eine sehr liberale Truppe, aber wie sagte schon ein bekannter Politiker aus Bayern: „Äh wer für alles äh offen äh ist, ist nicht äh mehr ganz äh dicht!“ So forderten wir dann auf der Rechnung den präzisen Hinweis auf das Plastik, da wir uns, ob eines möglichen geminderten Mehrwertsteuersatzes bei Plastikprodukten, nicht ganz sicher waren.

Wie kommt man nach Bad Wiessee? Ich habe letztes mal den Flugweg ausgetestet. Als überzeugter Öko und eingefleischter Vegetarier verzichte ich dieses Jahr natürlich auf das Flugzeug und nehme, na? Das Auto natürlich! Da muss man dann auch mal konsequent sein. Aber natürlich, alle die sich nichts aus der Zukunft unserer Kinder machen, also ich arbeite noch dran, aber die Floskel ist einfach zu platt um sie nicht zu benutzen, können auch die Bahn nehmen. Man kann dann mit dem Bus direkt ins Örtchen reinfahren, und direkt ans Brett oder ins Bett fallen.

Ich habe Ihnen den Mund wässerig gemacht? Tja, Pech gehabt, die Teilnehmerliste ist schon seit Tagen voll. Vielleicht nächstes Jahr!


In den letzten fünf Jahren wurde die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden gefühlt ungefähr zwanzig Mal Deutscher Meister. Mit den besten Spielern Deutschlands und den besten Spielern der Welt brachte der Verein in der Herren-Bundesliga immer wieder Mannschaften an den Start, die auch der viermalige Vizemeister SV Werder Bremen und die Berliner Schachfreunde nicht stoppen konnten.

Schach-Welt, das Magazin, das zu den Menschen geht, wollte wissen: wie haben die schachlichen Erfolge das gesellschaftliche Leben in Baden-Baden beeinflusst? Und woran zeigt sich die überwältigende Begeisterung, die die Einwohner Baden-Badens über all diese Meisterschaften empfinden?


Schachstadt Baden-Baden – wer hätte noch nicht davon gehört? Allein die Schachveranstaltungen im Badischen haben eine lange, lange Tradition. Schon seit 1870 richtet das Team von Dr. Markus Keller aus dem Schach-Zentrum Baden-Baden in der wohlig-unaufgeregten Kurstadt Turniere aus. Berühmtheit erlangte dabei vor allem der Schachkongress von 1925, in dem Aljechin nach langem Ringen den ersten Preis davontrug. 1981 gab es ein Großmeisterturnier, und in den letzten Jahren immer mal wieder ein schönes Open.

 Da der Regen in diesem Sommer überall gleich kalt war, musste ich nicht wie sonst auf Berge klettern, am Strand liegen oder Eis essen gehen. Stattdessen reiste ich zum „Sommer“-Open nach Baden-Baden und spielte im angenehm renovierten Kulturzentrum LA8 ein Turnier mit über 200 anderen Spielern.

Rein schachlich wurde es kein ganz großer Erfolg für mich (wie so oft in letzter Zeit), doch immerhin konnte ich während meiner Reise ein wenig für diesen Artikel recherchieren.

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Gutes Wetter und maritime Motive (hier in Bad Wildbad) können über schachliche Rückschläge hinwegtrösten

Turniere sind in der heutigen Zeit keine leichte Sache – überall am Rand des Saales kleben Jugendliche an ihren Laptops und befragen sie vor und nach den Runden. Die Zeiten ändern sich! Früher hatten wir Bücher, heute spuckt der Computer den nächsten heißen Gewinnweg und Feinheiten über das Eröffnungsrepertoire der Gegner aus. Ich fühle mich durchleuchtet – mir machen diese Dinger beinahe mehr Angst als der Bundestrojaner. Vielleicht habe ich im Schach einfach mehr zu verbergen als im richtigen Leben? (Aber ich weiß nicht, ob das für oder gegen mich spricht.)

Beeindruckend sind im Süden natürlich immer die Ortsnamen. Bei einer Autobahnabfahrt in der Nähe Baden-Badens hat man zum Beispiel die freie Wahl zwischen fünf weiteren Reisezielen: Reitlingen, Nürlingen, Plochingen, Wendlingen und Esslingen. Phantastisch!
(Das erinnerte mich gleich ein wenig an den Sportclub Freiburg – vor einigen Jahren endeten dort alle Spielernamen mit der georgischen Endung –vili ! Sehr gut gefielen mir immer die Namen Khizaneishvili und natürlich der berühmte Kobiashvili.)

Und überhaupt, die Sprache im Süden: als Preis für Kuchen und Kaffee sagt die Kellnerin vier Euro fuchzig an. Man gibt ihr einen Zehn-Euro-Schein, und erhält fünf Euro fuchzig zurück. Charmant! Tschüssle und Adele schmücken das Ende vieler Unterhaltungen und runden den hübschen schwäbischen Singsang ab. Vor einigen Jahren versuchte es ein aus Norddeutschland stammender Freund beim Betreten einer Bäckerei sogar mal mit dem raffiniert-konsequenten Grüß Gottle! Man sah ihn böse an, bediente ihn aber dennoch.

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Fleisch fangfrisch vom Forstamt - auch das ist Baden-Württemberg


Doch zurück zum Schach. Wir erleben ja gerade in ganz Deutschland einen Boom des königlichen Spiels (oder täusche ich mich?), und so suchte ich auch in Baden-Baden nach Hinweisen für die herrschende schachliche Euphorie. Denn Baden-Oos ist Deutscher Meister, und, hey, immerhin kommt Jan Gustafsson, der alte Hamburger, extra jedes Mal aus dem Norden angefahren, um für den Schachverein der Stadt ans Brett zu gehen! Auch Arkadij Naiditsch, Großmeister und Nationalspieler, stärkt das Baden-Badener Ensemble, ebenso wie Weltmeister Viswanathan Anand. Kein Wunder, dass die Leute ausflippen!

Ich kenne das ja auch aus Bremen – die Schachmannschaft des SV Werder spielt in der Bundesliga, und die Stadt hält den Atem an. Am kommenden Wochenende wird sogar das Match gegen den Hamburger SK live in der Vereinsgaststätte in der Hemelinger Straße übertragen und kommentiert – wie beim Fußball! Sogar Anhänger des Hamburger SK sind herzlich willkommen. In Bremen kennt auch jedes Kind Luke McShane, den britischen Schachprofi, der mit seinem flexiblen, ideenreichen Schach schon seit Jahren einer der Helden des Werder-Teams ist.

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Bremer Mannschaft auf dem Weg zum Viererpokal

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Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV! - Bremen ist ein schwieriger Markt für die Anbieter bestimmter Biermarken


Soweit zu Bremen - wie aber ist es nun in Baden-Baden?

Traditionell tummeln sich in dieser schönen Stadt viele Russen und wandern die Alleen auf und ab. Wir fragen: warum kommen all diese Russen? Ist es das Klima, sind es die Spätzle, oder ist es der schwäbische Dialekt, der sie immer wieder an den Rand des Schwarzwaldes lockt? Wir meinen: es kann nur die SG Baden-Oos sein, denn alle Russen sind gute Schachspieler, und was könnte da attraktiver sein als ein Besuch in der Stadt des deutschen Dauermeisters? Nicht zuletzt deshalb freut sich auch der amtierende russische Meister Peter Svidler über seinen Platz in der Mannschaft und schaut immer gerne mal wieder vorbei.

Bevor für mich das Sommer-Open begann, wuchs darum schon meine Sorge - wenn nur die Hälfte aller in der Stadt anwesenden Russen am Turnier teilnehmen würde, dann sah es schlecht aus für meine Aussichten auf einen kleinen Preis.
In der dritten Runde wurde ich auch gleich mit einem jungen Russen zusammengelost. Er kam aus Moskau und als Verein stand „Botwinnik Schachzentrum” auf seiner Karte. Beeindruckend! Zum Glück für mich fand er aber in aussichtsreicher Stellung einige schlechte Züge und verlor. Vielleicht muss es daher heißen: Russen können gut Schach spielen, aber vielleicht nicht alle Russen.


Im Kulturhaus LA8 logiert auch das Schachzentrum Baden-Baden in beeindruckenden Räumlichkeiten. So macht Schach Spaß – und viele Besucher auf der LA (Lichtentaler Allee) werfen im Vorbeigehen neugierige Blicke hinein. Schade war es ein bisschen, dass es keine Aushänge gab, wann denn Spielabend sei – es wäre ein entspannter Weg, um Gäste anzulocken. Wahrscheinlich aber hat man das schon geändert, seit dem August.

Auch Weltmeister Anand und der hierzulande noch unbekannte norwegische Schachspieler Magnus Carlsen schauen gerne mal in Baden-Baden vorbei. Anand war zuletzt im Sommer dort, und er hatte bei seiner Ankunft sofort eine Menge Groupies und Anhänger um sich -wie ein echter Popstar! So ist das Schachleben in der Stadt des Deutschen Meisters! Gleich 150 begeisterte Schachfreunden bedrängten Anand (und auch andere Großmeister von nah und fern), auf dass sie eine Partie mit ihnen spielen – und daraus entspann sich ein Mannschaftssimultan unter freiem Himmel, der eine entspannte Begegnung zwischen Großmeistern und dem gemeinen Schachspieler ermöglichte, auch wenn sie schachlich vielleicht nicht ganz ernst gemeint war. Eine tolle Idee!

(Einen Bericht und viele Fotos vom Mannschaftssimultan 2010 kann man auf der Seite www.zugzwang.de finden.)

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Weltmeister Viswanathan Anand beim Simultan in der Trinkhalle, 2011

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Da gibt es doch bestimmt noch einen besseren Zug ....?


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GM Fabian Döttling wandelt auf den Spuren des Weltmeisters


Unter den 150 Schachfreunden in der Simultanrunde befand sich auch der Sponsor der OSG Baden-Baden, Wolfgang Grenke. Weil jeder sie ohnehin schon kennt, wollen wir seine Firma, die Grenke Leasing AG, hier aber nicht mehr extra erwähnen.
(Hinweis: Wer jetzt für den Blog spenden möchte, kann das gerne tun – einfach etwas weiter oben irgendwo links auf den paypal-Spendenbutton drücken!)

In München steht ein Hofbräuhaus – wir wissen das, und wir ahnen, dass diese Volksweisheit auf die bayerische Liebe zum Bier hindeutet. In Baden-Baden dagegen steht ein Festspielhaus – und sofort merken wir den intensiven schachlichen Bezug. Denn Festspielen, das geschieht doch eigentlich den Spielern, die so oft in den höheren Mannschaften des Vereins aushelfen müssen, bis sie sich dort festspielen und nicht mehr zurückkehren können in ihr ursprüngliches Team. Nichts fürchten ja die Kapitäne der zweiten, dritten, vierten Mannschaften mehr, als dass sie so der Spieler ihres Kaders verlustig gehen. Anders ist es scheinbar in der Schachstadt Baden-Baden: dort hat man für diese Spieler sogar ein ganzes Festspielhaus errichtet! Welchen Zweck dieses Gebäude nun so ganz genau erfüllt, ist uns allerdings nicht klar geworden. Wahrscheinlich für Mannschaftskämpfe, aber – wir müssen das wohl noch klären.

Auch an anderen Details kann der aufmerksame Beobachter erkennen, wie sehr sich die Badener mit dem Schachsport verbunden fühlen. In der Stadt des Meisters lassen sich sogar Frauen mit modischen Schachmotiven in die Läden locken:

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Schach-Handetasche

Und auch für den Herren ist etwas in Planung. Der Schneider stellte hier eine bekannte Studie von Grigoriev erstmal mit Knöpfen nach:

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The next best G-Star-Raw-Schachmuster-Hemd für Magnus Carlsen

In Baden-Baden scheint sich Schach also zum Volkssport Nummer Eins gemausert zu haben. Und tatsächlich - für ein besonderes ästhetisches Highlight sorgten die Stadtwerke Baden-Baden, nachdem die OSG Baden-Baden 2008 zum sechzigsten Mal Deutscher Meister wurde (damals sogar noch ohne Jan Gustafsson!). Die Stadtwerke strapazierten die Nerven ihrer Bürger durch einige Nachtbaustellen, hatten dann aber binnen 72 Stunden sämtliche Gullydeckel der Stadt durch Gullydeckel im Schach-Design ersetzt-  ein bemerkenswertes Projekt!

Schön, dass es in dieser Zeit knapper Kassen noch Geld gibt für solch´ großartige Gesten.

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Das wünscht man sich auch anderswo - Schachdesign im öffentlichen Raum

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Aus einer hübschen Partie von Tony Miles (mit Schwarz)

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Schach in Baden-Baden ist immer ein Anziehungspunkt für viele Menschen!

Wir erinnern uns: der alte Bundesliga-Rivale Werder Bremen hat in den letzten Jahren hartnäckig versucht, den Badenern ihren rechtmäßigen Meistertitel streitig zu machen. Vergebens, natürlich – viermal in Folge wurden die Hansestädter nun Zweiter. Die besten Schachspieler findet man nicht mehr in Bremen und auch nicht in Porz oder Solingen. Nach wie vor spielen sie in einer Mannschaft am Nordrand des Schwarzwaldes, und ganz zu Recht singen dort die Menschen nach jedem erfolgreichen Bundesliga-Wochenende „Wer wird Deutscher Meister? Ba-Ba-Ba-Baden Oooos!”, ganz ähnlich der Hymne der HSV-Fans, als ihr Verein noch in der Bundesliga spielte - damals, in den Achtziger Jahren.

Doch auch dem Vizemeister aus Bremen lässt man hier im Badischen Ehre angedeihen, denn schließlich ist auch der beste Meistertitel ohne eine respektable Konkurrenz nichts wert. Es erstaunt daher nicht, dass die Stadtväter eine Straße im Zentrum der Stadt in Werder-Straße umbenannten – ein freundschaftlicher Akt, der Sympathien auch bei dem Besucher aus dem Norden erweckt.
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Ein beliebtes Ausflugsziel für süddeutsche Fußballfreunde

Und sogar ein ganzes Hotel gibt es, dass seine Verbundenheit mit den Hansestädtern ausdrückt – was soll man sagen, es gehört schon Mut dazu, in der Stadt des Deutschen Schachmeisters mit seinen teilweise fanatischen Fans den Namen Bremer Park-Hotel & Spa zu tragen. Respekt!

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Das Bremer Park-Hotel im Herzen Baden-Badens

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Wir sehen – der Schachsport hat der Stadt gut getan, und umgekehrt. Wir freuen uns und finden, dass die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden und ihr Teamchef Sven Noppes das sehr gut hinbekommen haben in all den Jahren.

Doch wie das immer so ist – die Zukunft kommt immer näher, und mit ihr auch die Herausforderungen der neuen Saison. Das erste Bundesliga-Wochenende steht vor der Tür, und ab Freitag treffen sich alle 16 Mannschaften der Liga zu einer zentralen Auftaktrunde in Mülheim an der Ruhr. Aufregend!
(Das sollte man mal im Fußball versuchen, alle an einem Ort …. das würde wohl nichts werden. Aber die Schach-Bundesliga bekommt so etwas hin.)

Schach-Welt, das Magazin für rhetorische Fragen, eröffnet darum heute ein Tippspiel zum Ligauftakt. Weil Baden-Baden als Meister für die nächsten 10 Jahre beinahe schon wieder feststeht, fragen wir die Leser heute vertrauensvoll:

Wer wird Deutscher Vize-Meister 2012?

Alle Tipps können bis Sonntag abend hier in den Kommentaren platziert werden. Der Rechtsweg (was immer das auch sein soll) ist ausgeschlossen.

Preise:

1. eine schöne Tasse Kaffee und ein Schiffs-Quartett (originalverpackt) der Meyer Werft in Papenburg

2. eine feine Packung Hachez- Schokolade aus HB mit Stadtmusikanten-Motiv und dazu ein historisches Saisonmagazin der OSG Baden-Baden aus der Saison 2010/2011

3. eine schöne CD „Rod Stewart Unplugged“ und sonst nichts


Viel Glück beim Tippen, und - viel Spaß ab morgen mit der Schach-Bundesliga!

Mittwoch, 12. Oktober 2011 09:25

Schach - ein Mannschaftssport?

Tja, die Mannschaftskämpfe. Was macht sie eigentlich aus, was sorgt dafür, dass viele Schachfreunde, sofern auf ihre „Karriere“ angesprochen, oftmals ein „Nein, nein, nur noch Mannschaftskämpfe“ antworten? Sicher, es gibt den Teamsport, der irgendwie noch ein wenig höher angesiedelt ist in der Reputation gegenüber dem Einzelsport. Aber Schach ist doch eigentlich gar kein Teamsport? Mit wem sollte man denn, bildlich gesprochen, den so berühmten Doppelpass spielen? Immerhin aber gibt es mindestens einen guten Grund, sich einer Mannschaft anzuschließen: man ist in Gesellschaft und mit Seinesgleichen, oftmals Freunden, zieht man am gleichen Strang. Man verliert zusammen oder man gewinnt zusammen.

Nun gut, selbst dazu gäbe es jede Menge zu erzählen und zu philosophieren: ist ein Team auch im Schach wirklich mehr als die Summe der Einzelspieler? Kann man tatsächlich durch ein wohl erwogenes Manöver den Ausgleich sichern und so, bei Ansicht der anderen, günstig stehenden Partien, den Teamerfolg sicherstellen? Oder wäre es tatsächlich nur ratsam, aus der eigenen Partie das Maximum herauszuholen, damit die Mannschaft die maximalen Siegchancen erhält? Ist es wirklich denkbar, dass man mit ein paar guten Mannschaftskameraden, welche einem im entscheidenden Moment ein zuversichtliches Lächeln schenken, im anderen aber mit besorgter Mine über der gerade eingeleiteten gewagten Kombination auf das Brett schauen, ein höheres Potenzial entfaltet?

All dies Fragen, die sowohl interessant sein mögen als auch auf die Antworten ausstehend sind, nur sollten sie nicht einmal Gegenstand dieses kleinen Textes werden. Hier sollte es viel mehr darum gehen, ob es nicht alternative Austragungsformen oder aber Variationen in den Aufstellungen grundsätzlich und individuell geben könnte und man damit vielleicht ein neues Spannungselement erzeugen kann, welches womöglich sogar wieder mehr Zuschauer auf den Plan zu locken geeignet sind.

Zunächst hatte der Autor ja bereits einmal angeregt, über Mannschaftskämpfe ausgetragen im Scheveninger System nachzudenken. Da dies nur mit beschränkter Bedenkzeit wirklich möglich wäre, soll heute einmal eine Alternative vorgestellt werden, die sich zunächst auf die Variationen in den möglichen Aufstellungen beziehen.

Dennoch eine weitere Vorabüberlegung. Woher stammt diese Idee, welche, wie in Stein gemeißelt zu sein scheint, vor allem, je höher man kommt in den Ligen, dass man seinen besten Spieler an Brett 1 meldet, die Nummer 2 an Brett 2 und so weiter? Es ist ja heute beinahe so, dass es zu einer Pflicht wird für die Mannschaftsleiter, ihre Spieler nach der aktuellen (selbstverständlich zum Zeitpunkt der Meldung, nicht wahr!?) Elo- Rangliste aufzustellen. Geht es hierbei nur um Eitelkeiten oder stehen die Chancen des Teams bei der Aufstellung im Vordergrund? Hat je jemand ernsthaft darüber nachgedacht, die Chancen derart zu optimieren?

Sicher erinnert man sich gut an Zeiten, da es noch reichlich Mannschaftsschnellturniere gab, in denen man ab und an den schwächsten Spieler an Brett 1 erlebte. Die Gegner lächelten dann oftmals, sowohl Schuld bewusst, als auch leicht verlegen, zugleich entschuldigend, da sie ein ehernes Gesetz verletzt zu haben schienen und damit wohl ihre Absicht dokumentierten, eher Erfolgsabsichten als die Ehre im Sinne zu haben bei der Wahl der Brettrangfolge, und des Gegners Schwergewicht an Brett 1 gemeinerweise ins Leere laufen ließen. Oder gelänge gar der Nummer 4 (diees Kämpfe wurden für gewöhnlich an 4 Brettern ausgetragen) des hinterlistigen Gegners das kleine Wunder, ein Remis oder gar mehr gegen den aufgrund dieser Maßnahme leicht erbosten Gegner, welches ihm Teile der Konzentration raubt, zu ergattern?

Was ist aber tatsächlich dran an dieser Überlegung? Hat sich der Gegner denn nun tatsächlich einen Vorteil verschafft? Hier spaßeshalber einmal eine Berechnung, auf ein fast beliebiges Beispiel bezogen, bei der dem Autor das Ergebnis noch nicht bekannt ist zum Zeitpunkt des Verfassens, also die Frage für ihn selbst spannend ist in diesem Moment. Was kommt wohl heraus?

Mannschaft 1:

1 Ernst August 2440
2 Yankale Okosel 2272
3 Horst Halmackenreuter 2094
4 Ella Mesa 2035
Elo-Schnitt: 2210.25
Mannschaft 2:
1 Peter Pan 1881
2 Winnie Puh 1971
3 Axel Schweiß 2069
4 Bibi Blocksberg 2244
Elo-Schnitt: 2041.25

Nun hat Mannschaft 1 nach der gewohnten Rangfolge aufgestellt, streng nach Elo sortiert. Aus Gemeinheit, zur Chancenverbesserung oder als reines Experiment hat Mannschaft 2 das Gegenteil getan, die Sortierung, wenn man so möchte, nach Schwäche vorgenommen, hingegen der Gegner nach Stärke.

Wenn man nun die beiden Werte direkt miteinander ins Verhältnis setzt, also so, als ob Mannschaft 1 mit ihrem Schnitt ein Spieler wäre, Mannschaft 2 der Gegner als ein Spieler, dann ergäbe es mit der Elo-Formel eine Erwartung von 0.7256 Punkten, mit 4 multipliziert also etwa 2.9 Punkte als Erwartung für das bessere Team, entsprechend 1.1 für das schwächere.

Nun wird es aber erst so richtig spannend. Bei der obigen Aufstellung kann man nun für die einzelnen Bretter die Elo-Erwartung ausrechnen und diese aufaddieren. Hat die „taktische Aufstellung“ etwas gebracht? Hier die Ergebnisse:

Brett1

2440

1881

0.96

Brett 2

2272

1971

0.85

Brett 3

2094

2069

0.54

Brett 4

2035

2244

0.23

Summe

2.58

Wirklich ein erstaunliches Ergebnis, da der Außenseiter durch den Kunstgriff der „verkehrten Reihenfolge“ die Chancen des Favoritenteams erheblich verringert hat. Plötzlich erreichen diese nur noch 2.58 Punkte, gegenüber zuvor 2.9 Punkten, die es eigentlich sein müssten? Zwangsläufig muss man ja nun schauen, was herauskäme, wenn sie in der „normalen“ Aufstellung antreten, also ebenfalls streng nach Elozahlen aufstellt. Hier das Ergebnis:

Brett1

2440

2244

0.76

Brett 2

2272

2069

0.76

Brett 3

2094

1971

0.67

Brett 4

2035

1881

0.71

Summe

 

 

2.90

Tatsächlich erzielt Mannschaft 1 nun das Ergebnis, welches sie auch als ein Spieler mit dem Eloschnitt der gesamten Mannschaft gegen den Gegner als einen Spieler mit dem Eloschnitt der gesamten Mannschaft erzielen würde.

Da man nun selbst ein wenig überrascht ist, muss man anfangen, über das Ergebnis nachzudenken.

Die Interpretation hier: der (bereits intuitiv angenommene) Zugewinn, den die Bretter 1 und 2 gegen die erheblich schwächeren Gegner bei der taktischen Aufstellung erzielen reicht nicht hin, um die Einbußen an den hinteren Brettern aufzuwiegen. Bretter 1 und 2 wären auch bei der normalen Aufstellung des Gegners bereits erheblich favorisiert. Die hinteren Bretter aber ebenfalls, was sich in der Summe zu ihren Gunsten auswirkt.

Falls man nun aber zunächst den Schluss ziehen sollte, dass taktische Aufstellungen tatsächlich empfehlenswert sind, so irrt man. Die Welt ist komplexer und nicht in einem Beispiel abzubilden. Zunächst einmal wäre die Frage zu stellen, wie es gegen andere Gegner aussehen würde, die womöglich eine gänzlich andere Verteilung als die im obigen Beispiel angegebene hätten, und als Zweites stellt sich noch eine wichtigere Frage: Welches ist die Zielvorgabe?

Denn: wäre sie, den 1. Platz zu erlangen, so gäbe es garantiert genügend (schwächere) Gegner, bei denen die taktische Aufstellung zum Rohrkrepierer würde. Man hätte sich schlauerweise sozusagen mit den eigenen Waffen ins Knie geschossen -- um die Bildsprache auf den Gipfel der Ungereimtheit zu treiben -- wie sicher ein schlichtes Beispiel aufzeigen würde.

Wenn man also nur die Absicht hätte, für die eigenen Verhältnisse ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen (und man bedenke, dass eine Aufstellung noch immer meist für ein ganzes Turnier gilt), dann könnte es zwar sein, dass es ratsam ist, sich taktisch aufzustellen, jedoch sollte ja im sportlichen Wettkampf eigentlich das Ziel sein, den 1. Platz zu erringen.

Abgesehen davon kämen ja alsbald folgende Überlegungen ins Spiel: was, wenn nun andere Gegner zur gleichen Taktik übergingen? Alle stellen sich nach ihren taktischen Erwägungen auf? Der Topfavorit hat in Vorgängerturnieren (und unter Berücksichtigung dieses Textes) festgestellt, dass die Gegner sich stets dieses Mittels bedienen, und sie kontern diese einfach aus, indem sie selbst vor dem Turnier den Würfel herausholen, um die Aufstellung auszuwürfeln und so alle derartigen Überlegungen aus dem Spiel zu nehmen?

Das sollte nun das eigentliche Thema werden. Gäbe es nicht andere Möglichkeiten, für faire, aber zugleich spannende Wettkämpfe im Mannschaftsformat zu sorgen? Immerhin ist es ja wirklich eine längst nicht geklärte Frage, ob die Zuschauer tatsächlich die größte Form der Anspannung empfinden, wenn immer nur die Besten gegen die Besten und die Zweitbesten gegen die Zweitbesten spielen. „Die Beiden an 1 machen mal wieder die besten Züge. Toll. Gähn. Remis? Na, war doch klar...“

Da ein weiterer Aspekt in Richtung Mangel geht bei der traditionellen Methode, Teamkämpfe auszutragen – nämlich jenen, dass es vorkommt, dass man Jahr für Jahr an seinem Brett (dies betrifft vor allem das 1.) auf die gleichen Gegner trifft und dies einen sogar persönlich langweilen kann, vielleicht macht man gegen einen bestimmten gar immer Remis aus gegenseitigem Respekt – und die oben aufgezeigte Version der taktischen Aufstellung tatsächlich etwas bringt, selbst wenn bisher selten eingesetzt, so empfiehle es sich doch wirklich, über diese mögliche Alternative nachzudenken: man erscheint mit seinen 8 Spielern (oder wie viele es auch sein mögen in dem speziellen Fall) zu einem Mannschaftskampf, der Schiri nimmt die Aufstellung in Form dieser 8 Spieler ungeordnet entgegen – und würfelt die Paarungen aus. Eine ganz miese Idee?

Es gab in Berlin mal eine Zeit, als es in der Firmenschachliga die Regelung gab, keine feste Brettrangfolge einhalten zu müssen, auf Anregung des Autoren hin. Man konnte vor jedem Kampf frei wählen, welchen Spieler man an welches Brett setzt.

Diese Möglichkeit, seine Aufstellung völlig frei zu gestalten, wurde nach eigener Auffassung in der Schweiz über viele Jahre praktiziert (noch immer?). Auch dies an sich eine fairere – und eigentlich auch spannendere – Form der Austragung, wie man gerne weiterhin vertritt. Man hätte immerhin die Chance, seinem besten Weißspieler die weißen, dem lieber-Schwarz-Spieler hingegen die schwarzen Steine zu verschaffen. Darüber hinaus wäre die Idee, dass die Mannschaftsleiter ziemlich frei wählen dürften, aber natürlich gerne auf eine gewisse Gewohnheit beim Gegner eingehen dürften – und sich nach ihr zu richten, sozusagen etwas auszuklügeln.

Ausgeschlossen wäre dadurch sowohl die als langweilige erachtete Form „sehr gut gegen sehr gut, gut gegen gut, befriedigend gegen befriedigend“ und so weiter, als auch die mögliche Begegnung mit immer den gleichen Spielpaarungen. Ansonsten bliebe eigentlich jedem einzelnen – sofern beim dann auch längst schlauen und nicht durchschaubaren Gegner ebenfalls eingesetzt – nur, seine eigene Aufstellung auszuwürfeln (mit der winzigen Einschränkung, auf Weiß und Schwarz Vorlieben einzugehen). Wenn es denn so wäre, dass beide Teams vor dem Kampf ihre eigene Aufstellung auswürfelten – in der gewonnenen Erkenntnis, dass jegliche Art von anderer Taktik keineswegs zur Chancenverbesserung geeignet ist --, dann könnte man auch gleich Vorschlag 1 zum Einsatz bringen: der Schiri würfelt die Aufstellungen aus.

In Berlin wurde die Methode bald wieder abgeschafft. Der Hauptgrund: keiner wusste, mit dieser Möglichkeit etwas anzufangen. Ergebnis: kein Mannschaftsleiter nahm einen Würfel mit, sondern stellte, wie zuvor, streng nach Spielstärke auf, jeden weiteren Kampf aufs Neue, und dies bürgerte sich ein, so dass ein Verstoß dagegen vermutlich als anrüchig, obwohl regelkonform, angesehen worden wäre. Damit war man also keinen Schritt vorangekommen.

Das eigens für sich, in erheblicher aber gerne eingestandener Arroganz formulierte Ergebnis dieses (willkommenen und geförderten) Experiments lautete: die Menschheit war noch nicht so weit.

Vielleicht tragen diese etwas länglichen, aber hoffentlich dennoch unterhaltsamen Ausführungen dazu bei, sie voranzubringen?

Was bislang geschah:

April 2011 – es ist der letzte Spieltag der Schach-Bundesliga. Holger Hebbinghaus tippt hier im Blog am besten, wie viele Mannschaftspunkte Delmenhorst und Bremen in den letzten beiden Runden wohl erzielen werden. Damit holte sich Holger sehr knapp vor Che Falquito den ersten Preis – eine kommentierte Partie seiner Wahl.
Treue Leser dieses Blogs wissen: solche Gewinnspiele gewinnt der FM Hebbinghaus immer! Schon vor kurzem stellten wir daher eine Partie von ihm vor, und aus einem anderen Wettbewerb schulden wir ihm immer noch ein Kurzstreckenticket für die BSAG in Bremen.

Was soll nun werden?

Heute also ist es nun soweit. Es folgt die kommentierte Partie – und das wird ja nun langsam auch mal Zeit, denn ein halbes Jahr ist schon vergangen seit der Ligarunde in Baden-Baden.

Holger schickte uns eine Partie, die er auf einem Quickstep-Tagesturnier 2009 in Bremen spielte (ein Turnier, das Holger auch gewann). Seine Gegnerin ist die junge Wildeshauserin Germaine Kickert, die sich mit einer DWZ von 1926 wohl eher als Außenseiterin in dieser Begegnung gefühlt haben mag. Aber - man weiß ja nie, wie es am Ende ausgeht.

Wir erleben die solide Caro-Kann-Eröffnung. Die Partie entwickelt sich langsam, wogt hin und her und kommt dann ohne viel Taktik zu einem sehr plötzlichen Ende. Wer gewinnt, verraten wir aber noch nicht!


Wer ist überhaupt Holger?

Holger ist FIDE-Meister und hat eine angenehme ELO und DWZ, die beide schon seit geraumer Zeit im erweiterten Bereich der 2200 pendeln.
Ebenso wie Niclas Huschenbeth, Jan Gustafsson und Falko Meyer entspringt Holger der phänomenalen Jugendabteilung des Hamburger SK. Seit einigen Jahren kämpft er für den SK Marmstorf GW Harburg um Punkte.
Nicht nur die Norddeutschen kennen und schätzen ihn schon seit langem für seine freundliche Art und sein furchtloses Spiel. Holger liebt es zu spielen, man sieht ihn viel auf Turnieren, so auch im Sommer am Millerntor beim St.Pauli-Open.
Auch ich saß Holger schon einige Male in Turnierpartien gegenüber – es wurde bisher immer Remis, zumeist nach einigen Aufregungen und Verwicklungen.

Sollen wir etwas von der Kommentierung erwarten?

Nein.

Wir bieten in diesen hektischen Zeiten eine gefühlte Analyse, bei der es nicht um viele Varianten geht. Gleichzeitig findet sich in dem Artikel eine Vielzahl von Diagrammen, so dass man die Partie auch ohne Brett verfolgen kann.

Kommentiert wurde mit Bordmitteln - das heißt, Fritz, Mephisto 3, Stockfish und Konsorten kamen nicht zum Einsatz. Vielleicht finden sich daher grobe Ungenauigkeiten in den Varianten. Wie so oft im Schach ist also Vorsicht geboten.

Doch nun genug der langen Worte – und viel Spaß mit der Partie!

schach macht spa


Germaine Kickert (1943) - Holger Hebbinghaus (2294) [B19]

IX Quickstep Chess Gruppe A Bremen (1), 24.10.2009


1.e4 c6 2.d4 d5 

kickert - hebbinghaus 1

Caro-Kann.
K.O., wann?
Kann Caro Cannes?
Karo? Grand Hand!
Caro kann Cancan.

3.Sc3 dxe4 4.Sxe4

Auf Schnellturnieren im ausgehenden 20. Jahrhundert sah man hier auch manchmal das schöne Gambit 4.f2-f3, doch darauf hofft man als Schwarzer mittlerweile wohl vergeblich.

4...Lf5 5.Sg3 Lg6

kickert - hebbinghaus 10

Verwegen wäre hier 5.. . Sbd7 gewesen, in der Hoffnung auf 6.Sxf5, Da5+ und Dxf5. Allerdings sagt sich Schwarz zu Recht, dass er seinen Läufer am liebsten behalten möchte, um seiner Gegnerin nicht "die kleine Qualität" (= den Vorteil des Läuferpaars) zu überlassen.

6.h4 h6 7.Sf3 Sd7 8.h5

Eilt nach vorne, schubst den Läufer und erobert einigen Raum. Auf h5 ist der Bauer aber auch auf sich alleine gestellt und muss von nun an auf Unterstützung hoffen.

8...Lh7

Einmal mehr bringt sich der Läufer vor dem Abtausch in Sicherheit. Weiß greift darum nun zu energischeren Schritten.

9.Ld3 Lxd3 10.Dxd3 e6 

kickert - hebbinghaus 2

Die Eröffnung ist beendet, und wahrscheinlich geht die Partie für echte Caro-Kann-Spieler nun erst richtig los. Wie ist die Lage? a) Weiß hat Raumvorteil durch den Bauern auf h5. b) Der Läufer c1 hat kein richtiges Angriffsziel. c) Weiß könnte versuchen, lang zu rochieren. d) Schwarz steht kompakt und solide - keine Schwächen, und vielleicht bald ein schönes Springerfeld auf d5. Gesamturteil: irgendwie ausgeglichen.

11.Lf4 Da5+

Verhindert eine allzu leichte lange Rochade und nervt ein bisschen herum auf dem Damenflügel.

12.Ld2 Lb4 13.c3 Le7

Die Älteren werden sich hier an die Leichtfigurenmanöver Anatoli Karpows erinnern - und auch in dieser Partie findet der Läufer nach dem klugen Umweg über b4 ein Zuhause auf e7.

14.Se4 Sgf6 15.c4 Dc7

kickert - hebbinghaus 3

Und da ist er nun - der berühmte Hebbinghaus-Igel. Schwarz hat sich auf den letzten drei Reihen zusammengerollt und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Für Weiß ist es schwer, eine Angriffsmarke zu finden - Germaine probiert es daher mit c3-c4, um das Feld unter Kontrolle zu nehmen und vielleicht beizeiten die Mitte zu öffnen. Einen Nachteil bringt das allerdings mit sich: der Bauer d4 fängt an, ein wenig freihändig in der Luft zu hängen.

igel

              Sieht freundlich aus, hat aber Stacheln: der Igel (Photo: Gibe/ Wikicommons)

16.g3

Versucht weiter aktiv etwas zu tun - doch das mag hier die falsche Idee sein. Warum immer etwas unternehmen? Abwarten wäre vielleicht besser. Andererseits - wie soll Weiß abwarten? Beide Rochaden sind nicht so einfach zu realisieren.

16...0-0 17.Lf4

Erkämpft sich das Feld d6, doch ...

17...Da5+!

kickert - hebbinghaus11

... der Hebbinghaus-Igel fährt seine Stacheln aus! Die Dame überschreitet ein weiteres Mal mutig die dritte Reihe und gibt sogar ein Schach - ein Ausrufezeichen gibt es für die psychologische Wirkung dieses Zuges.

18.Ld2 Lb4

Hello again - die Position der Läufer kommt uns irgendwie bekannt vor. Haben wir vielleicht schon eine dreifache Stellungswiederholung? Immerhin kann Weiß nun das Feld d6 in Besitz nehmen.

19.Sd6 Lxd2+ 20.Dxd2 Dc7

kickert - hebbinghaus 4

Die Dame kehrt zurück und, wie man früher gerne sagte, befragt den Springer. Viele Felder hat dieser nicht zur Auswahl, es bleibt ansich nur ...

21.c5

Hat Germaine erreicht, was sie wollte? Das Feld d5 musste sie zwar aufgeben, doch der Springer d6 zerteilt jetzt das schwarze Lager in zwei Hälften, so dass dort Probleme mit der schnellen Koordination drohen. Wenn Weiß noch zu g3-g4-g5 kommen könnte, wäre alles gut. Doch nun ist der Augenblick gekommen, wo Schwarz gegenhalten kann, und er setzt an bei der stärksten gegnerischen Figur.

21...b6!

Der Igel wird zum Maulwurf und fängt an, das Fundament des Springers zu untergraben.

22.b4 a5!

kickert - hebbinghaus 5

Und Weiß fällt auf den Rücken. Das schwarze Gegenspiel ist SCHNELL, und Weiß hat Probleme, seine Figuren beisammenzuhalten. 23.a2-a3 wäre nun schön, doch es geht leider nicht. Darum alternativ ...

23.bxa5 bxc5!

RuckeldieKatz - nachdem Schwarz so lange ganz friedlich die Figuren bewegt hat, erhöht er nun das Tempo und ribbelt die weiße Mitte auf.

24.Sc4 cxd4 25.Sxd4 Tfd8

kickert - hebbinghaus 6

Das Spiel hat an Tempo gewonnen, die ersten Drohungen tauchen auf. Nach dem Turmzug nach d8 fängt die Dame auf d2 an, sich leicht unwohl zu fühlen. Weiß würde gerne rochieren, doch dann hängt der Bauer auf h5. Und auch einige weiße Felder machen einen ungedeckten Eindruck - die schwarzen Springer streben schon nach f3, d3, d4, um dort für Verwirrung zu sorgen. Jonathan Rowson hat einmal vom "Raumnachteil" gesprochen, in dem Sinne, dass ein Spieler zuviel Raum hat, den er gar nicht mehr decken kann: „We might say that White has a huge castle, but only a few soldiers. while Black has the same number of soldiers and uses all the empty spaces in the castle as posts to attack the white army." (The Seven Deadly Chess Sins, S.63). Überdehnt, sozusagen. Wir sehen das auch in dieser Partie.

26.Dc2

Weiß tut etwas für den Seelenfrieden ihrer Dame und sichert gleichzeitig ein wenig die weißen Felder ab. Vielleicht wäre hier auch die Rochade aussichtsreicher gewesen, um erst einmal die Sorgen um den König zu lindern.

26...Se5!

Behält den Schwung im Spiel und fängt an, so dies und das zu drohen.

27.Sb3 Sxc4

Auch 27...Sd3+ sieht sehr verlockend aus. Es könnte folgen 28.Kf1, und dann ist 28... .Sg4 oder Se4 eine Idee. Weiß hat Probleme damit, die vielen schwarzen Pferde im Zaum zu halten.

28.Dxc4 De5+ 

kickert - hebbinghaus 7

Weite Wege ging die Dame in dieser Partie, und immer auf den schwarzen Feldern. Das ändert sich aber nun - von jetzt an wandert sie weiter auf Weiß.

29.Kf1 Dd5

Im Blitzen wäre Txa5 ein lustiger Zug, der aber nach 30.Te1 nicht so recht weiterhilft. In der Partie dagegen lädt Holger furchtlos ins Endspiel ein. Wenn Weiß nun auf d5 tauscht, wird sie lange unter ihrer Bauernstruktur zu leiden haben. Schwarz kann dann noch lange weiterspielen, mit langen Hoffnungen auf den vollen Punkt. Germaine entscheidet sich darum für einen Zug mit einigem dynamischen Flair.

30.Th4!

Hübsch! Wenn Holger nun die Damen tauscht, ist der weiße Turm gleich mittendrin im Spiel. Darum verzichtet Schwarz (natürlich) lieber darauf.

30...e5

Verhindert den entlastenden Abtausch mit 31.Td4.

31.Tc1

Drückt auf c6.

31...Td6

Und verteidigt c6, während zeitgleich die Turmverdoppelung angebahnt wird.

32.Kg1

kickert - hebbinghaus 8

Es sieht fast so aus, als hätte Weiß sich berappelt. Der König steht endlich froh hinter seinen Bauern, die Figuren spielen mit, und auf der a-Linie lauert sogar ein Freibauer. Doch Schwarz ist am Zug, und er entdeckt eine Schwäche im weißen Lager - das Feld f3!

32...Df3!

Wieder ein psychologisch wichtiger und sehr unangenehmer Zug. Schwarz nimmt in der Nähe des weißen Königs Platz und fängt an, diffus zu drohen. Vielleicht sollte Weiß sofort Dc3 oder Tc3 spielen, um die Dame zu verjagen? Aber dann ist die Partie nach Td1+ sofort entschieden.

33.Dc5 Tad8

Dunkle Wolken ziehen auf ... und wirklich, die weiße Stellung ist nicht mehr leicht zu spielen! Was hilft denn eigentlich noch gegen Td1+?

34.Dc4 Td1+ 35.Kh2 Dh1#

kickert - hebbinghaus 9

So gewinnt Holger, und so gewinnt man wohl auch gerne mal mit Caro-Kann. Eine schöne Partie, in der vielleicht auch die größere Geduld zum Erfolg geführt hat.

igel

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