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Kleine Schachrevolution – oder warum Zusehen immer schwieriger wird als Spielen!
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Kleine Schachrevolution – oder warum Zusehen schwieriger wird als Spielen!
Früher, ja früher war alles besser – sogar die Zukunft war früher besser und einfacher hört und sagt man immer wieder gerne. Früher waren die Spitzengroßmeister gottgleiche Künstlerpriester und die einzigen, die die Geheimnisse des Schachs durchschaut haben und wir Zuseher und Patzer (in Erinnerung an Bobby Fischer) konnten nur staunend und voller Bewunderungen deren Äußerungen lauschen. Es war eine ideale Welt: da die Fans dort die Meister!

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Aber stimmte das wirklich so – ja das wurde so gelebt, aber die Grundlagen dazu waren gar nicht gegeben, denn Schach ist im Wesen ein endliches Spiel in einem endlichen Raum und damit theoretisch lösbar. Künstlerische Freiheit existieren überhaupt nicht, denn für jede einzelne Stellung gilt, dass sie entweder gewonnen, remis oder verloren ist – mehr geben die Regeln nicht her, auch wenn uns dieses Wissen nur für wenige Stellungen zweifelsfrei zugänglich ist. Aber diese immer schon existierende und bekannte theoretische Einschränkung wurde von der Schachfangemeinde nahezu „religiös“ ignoriert, so wie Kreationisten die Evolutionstheorie ablehnen.

Hilfreich dabei waren die ersten Auftritte der Schachcomputer, die man locker schlagen konnte und jene, die die 2000 Elomarke überschritten waren anfangs sehr teuer. Doch das änderte sich rasch als die ersten Programme auf Diskette verfügbar wurden und sich IBM mit einem Großrechnerteam einschaltete und in den Jahren 1996 und 1997 die Sache eigentlich klärte. Dann kam das neue Jahrhundert und Mitte der Nullerjahre war eigentlich klar: Maschine schlägt Mensch! Die Romantik war damit vorbei.

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Nun kam 2017 der nächste „Schock“ AlphaZero – ein künstliches neuronales Netzwerk - erlernte Schach in affenartiger Geschwindigkeit selbst und zerlegte – wenn auch in nicht ganz sportlich fairer Manier – die besten Engines und stieß damit die Tür in neue Welt auf.

Wo liegt nun das Problem für uns? Nun die Profis sehen das schon lange pragmatisch, wenn auch manchmal etwa gereizt, wie beispielsweise eine Reaktion von Magnus Carlsen gegen GM Maurice Ashley bezeugt, als dieser ihn auf eine gewinnbringende Enginevariante in einem Interview ansprach. Liest man dann aber genauer, kann man erkennen, die Profis wissen was sie können und was sie nicht können. Und sie wissen auch Maschine schlägt Mensch - das ist ja schon seit 1997 keine weltbewegende Neuigkeit mehr! Also verhalten sie sich typisch menschlich und schauen, was sie davon zu ihrem Nutzen verwenden können und was für sie unbrauchbar ist und bauen das Brauchbare ganz pragmatisch in ihre Arbeit ein. Das menschliche Schach profitiert damit ganz klar vom Computer – aber dennoch hat sich im Kampf am Brett nichts Wesentliches verändert: es gewinnt der vorletzte Fehler!

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Und jetzt kommen wir Schachfans ins Spiel – wir sind die „Verlierer“ dieser Entwicklung. Früher – vergessen wir nicht da war alles herrlich – saßen wir vor der Zeitung oder dem Bildschirm (Teletext) und spielten die Partien der Stars nach und verstanden nichts oder sehr wenig. Dann kamen die gedruckten Analysen und wir verstanden das was dort geschrieben war, ob das nun stimmte oder nicht war eigentlich egal. Da uns die Fähigkeiten und die Möglichkeiten fehlten, mussten wir das tun, was Menschen in solchen Situationen schon immer taten: GLAUBEN!! Und wir waren glücklich, denn aus unserem Unvermögen strahlten Stars hervor zu denen wir bewundernd hochblicken konnten.

Mit der Niederlage von Kasparov gegen die Maschine und die folgende Chancenlosigkeit kommender Weltmeister gegen die Engines zerbrach diese einfache Glaubenswelt und die Götter wurden zu fehlbaren Sterblichen wie wir auch. Und damit begann unser großes Dilemma, denn mittlerweile ist es einfacher, ja sehr viel einfacher Schach zu spielen als Schach zuzusehen! Verstanden wir früher nichts, so liefern uns die Maschinen jetzt eine „nahezu perfekte“ Einschätzung der Stellung und dennoch wieder haben wir ein Verständnisproblem: was davon kann der Mensch – dessen Fan wir vielleicht sind – am Brett sehen und was bleibt – bzw. muss – ihm verborgen bleiben? Wieder können wir die Ereignisse nicht richtig einordnen und wieder sind wir in einer emotionalen Geisterbahn ohne Ausweg gefangen.

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Unsere Situation hat sich damit nicht wirklich verbessert, denn unsere eigenen schachlichen Fähigkeiten helfen uns gleich wie früher nichts, um ohne Computer das Geschehen am Brett einschätzen zu können und mit Computer wissen wir nicht, was Topprofis sehen können und was nicht. Fakt ist ja, dass die Fähigkeiten des Menschen durch viele Faktoren begrenzt sind. Kein Mensch kann alle 5 Steiner sicher nach Hause spielen, geschweige denn 6 oder gar 7 Steiner. Damit ist klar, dass wir auch in allen anderen schachlichen Phasen Irrtümer begehen müssen. Ist Schach damit ein Glücksspiel? Ich würde mit einem klaren JEIN antworten – theoretisch für Menschen JA, praktisch aber NEIN! Denn eigentlich ist Schach für uns Menschen ein Kampfsport und solange das so bleibt, ist alles gut und schön!

Nur Zusehen müssen wir neu lernen!! Und dabei können uns die Maschinen noch nicht helfen – aber damit eröffnet sich doch ein weites neues Feld für Schachsoftwarefirmen und für Weihnachtswünsche!

Schachbund sucht neuen Geschäftsführer
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Nach dem krankheitsbedingten Ausfall des bisherigen Geschäftsführers/Sportdirektors Uwe Bönsch im April sucht der Deutsche Schachbund nun acht Monate später einen Nachfolger - oder auch nur eine Zwischenlösung. Schnell gehen soll es auch: Bereits zum 01.04. ist die Stelle neu zu besetzen. Mit einer Befristung auf 18 Monate und knackigen Anforderungen, die in Deutschland wohl noch nicht einmal eine Handvoll Kandidaten erfüllen, wird die Suche nicht ganz einfach. Aber sehen Sie selbst: (jh)


Der Deutsche Schachbund e.V. mit Sitz in Berlin sucht zum 1. April 2018 einen Geschäftsführer (m/w) / einen Sportdirektor (m/w) in Vollzeit


Aufgaben

  • Führung der Geschäftsstelle
  • Beratung und Unterstützung des Präsidiums in organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Fragen
  • Vorbereitung und Umsetzung von Präsidiumsbeschlüssen
  • Zusammenarbeit mit den Landesschachverbänden, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Weltschachbund (FIDE) und der Europäischen Schachunion (ECU)
  • Planung und Durchführung von Leistungssportmaßnahmen
  • Mitarbeit in der Kommission Leistungssport
  • Organisation der Aus- und Weiterbildung der Trainer


Anforderungsprofil

  • Erfahrung in Personalführung
  • Praxiserfahrung im organisierten Sport und Berufserfahrung
  • Teamfähigkeit sowie kommunikative Kompetenz und Organisationsgeschick
  • Fachlich überzeugende, belastbare und dynamische Persönlichkeit
  • Bereitschaft zur Wahrnehmung von Wochenendterminen und Dienstreisen
  • Bezug zum Schachsport
  • Gute englische Sprachkenntnisse
  • Erfolgreiche Ausbildung und Erfahrung im Bereich Betriebswirtschaft, Personalwirtschaft und Veranstaltungsmanagement

Die Stelle ist vorerst bis zum 31.10.2019 nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz zu besetzen. Eine unbefristete Weiterbeschäftigung ist denkbar. Zur Wahrung der Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen sind Bewerbungen von Frauen mit entsprechender Qualifikation ausdrücklich erwünscht. Schwerbehinderte werden bei gleicher Eignung besonders berücksichtigt.


Ihre aussagefähigen Bewerbungsunterlagen – vorzugsweise per Email – senden Sie bitte unter Angabe Ihrer Gehaltsvorstellungen an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder per Post bis spätestens zum 15. Januar 2018 an

Deutscher Schachbund
Horst Metzing
Hanns-Braun-Str./Friesenhaus 1
14053 Berlin

Soeben wurden die Figuren aufs Brett gekegelt
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So kann Schach sein - während wir alle älter und gesetzter werden (ja, auch heute schon wieder), gibt es einen im großen Schachzirkus, der noch so richtig mit den Schachfiguren auf den Gegner einholzt, und wie auf den Bolzplätzen unserer Jugend den Ball aufs Tor zimmert.

Hikaru Nakamura heißt der Mann, bekannt und beliebt für seine Bulletkünste und diverse Experimente mit der Boris Becker Eröffnung 1.e2-e4, e7-e5 2.Dd1-h5 im ernsthaften Schach.

HikaruNakamura11a Stefan64
Einer der stärksten Spieler unserer Galaxie:
Hikaru Nakamura, hier mit Anzug und coolen Koteletten (Foto: Stefan64, vielen Dank)

Nachdem Naka vor einem Jahr bereits in einem atemberaubenden Angriffswirbel Wesley So königsindisch zerlegte, war heute nun Magnus Carlsen an der Reihe. Auch wenn die Partie noch läuft - dem Weltmeister wird mächtig eingeheizt, und dann auch noch in Swinging London - das ist vielleicht kein gutes Omen für die WM im nächsten Jahr an gleicher Stelle? Doch bis dahin ist noch viel Zeit, und Magnus wird sich erholen.

Wir freuen uns erstmal an Nakamuras energiegeladenem Figurenzauber, und sagen Danke! an das Team der Chess Classics - schon während der Partie gibt es die Live-PGN zum Herunterladen. Wow.

Hier! geht es zur Partie mit einigen sehr leichten Kommentaren. Es ist mein erster Versuch mit dem wundervollen Chessbase Reader online .. ich hoffe, das wird klappen!

Turnierseite London Chess Classics

*****

Und schon Zeit für ein Update - es hat nicht ganz gereicht für Hikaru, die Partie wurde Remis. Was ihm neben dem wohl enttäuschenden halben Punkt bleibt, ist der kreative Wirbel und der Mut, den er gezeigt hat - auch wenn es sich in der Turniertabelle nicht sogleich niederschlägt. Morgen dann vielleicht!

Naka Carlsen

Schachseminarturnier in Rotenburg
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Es avanciert zu einem festen Bestandteil der deutschen Turnierszene: Zum sechsten Mal fand in Rotenburg/Fulda das etwas andere Schachturnier statt.

Ein Teilnehmerbeitrag von Dr. Bernhard Hellrung. jh


Vom 1.10. bis 8.10.2017 trafen sich ca. 30 Schachbegeisterte um von Großmeistern bzw. IM’s zu lernen und insbesondere in die Kunst der Partieanalyse eingeweiht zu werden. Das Teilnehmerfeld bestand aus Spielern der Spielstärke von DWZ ~2100 bis ca. 1300 aus mehreren Bundesländern aber auch aus der Schweiz.

fulda und schloss
Blick auf die Fulda und das Schloss

Als Reiseveranstalter dieser Veranstaltung ist GM Jörg Hickl schon mehrfach mit dieser Art der Schachschule erfolgreich unterwegs, was auch durch die zahlreichen Mehrfachteilnehmer zum Ausdruck kommt. Als Mitstreiter von GM Jörg Hickl waren im IM Dr. Erik Zude, IM Frank Zeller und IM Jonathan Carlstedt am Brett.

Das Konzept dieser Veranstaltung ist das im Mittelpunkt stehende Lernen der Partieanalyse unter Anleitung des GM’s bzw. der IM’s in Verbindung mit verschiedenen Angeboten z.B. spezieller Eröffnungstheorie, strategischer Themen aber auch praktischer Tipps, etc.

Der Tagesablauf war i. d. R. so gestaltet, dass eine Runde gespielt und anschließend je nach Zeitplan die Analyse mit einem der Meister für etwa eine Stunde durchgeführt wurde. Die Partien wurden nicht DWZ-ausgewertet, so dass jeder ein wenig experimentieren konnte (soweit es für die Betreffenden überhaupt eine Rolle spielt).    

Am 1.10.17 wurde die 1. Runde nach der offiziellen Begrüßung und Einführung gespielt. Die Analysen fanden aufgrund des nachmittäglichen Spieltermins in den Abendstunden statt. Die Analyse meiner ersten Partie mit meinem Gegner fand unter Anleitung von GM Jörg Hickl statt. Er forderte uns immer wieder auf, die Ideen des Gegners in den Mittelpunkt zu stellen und daraufhin die eigenen möglichen Fortsetzungen zu prüfen. Es war für mich interessant zu sehen, wie ein GM seine Partieanalyse anlegt und welche Schwerpunkte er setzt. Des Weiteren wurden wir auf etwaige Denkfehler hingewiesen und uns mögliche bessere Fortsetzungen genannt. Bei der Analyse waren beide Beteiligte stets gefragt nach ihren eigenen Ideen, also um aktives Mitdenken.

Turniersaal

Blick in den Turniersaal

Die Folgespieltage bis zur Runde 5 liefen ähnlich ab. Ich persönlich war mindestens einmal bei jedem der GM bzw. IM’s zur anstehenden Analyse. Jeder unserer Mentoren hat dabei einen eigenen spezifischen Stil, jeder hat uns stellungsgerechte Spielideen mitgegeben.

Zwei Tage (u.a. der 3.10.) waren spielfrei, aber nicht schachfrei, d.h. spezielle Angebote sorgten für einen durchdachten Verlauf der Schachwoche.

Dazu zählte bspw. die Vorstellung einer Partie von GM Hickl gegen GM A. Jussupow, in der uns großmeisterliche Ideen in einer stark verschachtelten Stellung nahegebracht wurden.  Weitere Angebote waren u.a. folgende:

  • Läufer vor und hinter der Bauernkette (Referent: IM Erik Zude)
  • Die Weltmeister (Partienauswahl einiger Schachgrößen) – Referent: IM Frank Zeller
  • Die Englische Eröffnung - Referent: Jonathan Carlstedt

Des Weiteren fand ein Blitz-Rundenturnier statt, das für Spaß und Kurzweiligkeit sorgte. Zum Ausgleich war eine kleine Wanderung eingeplant, wurde jedoch aufgrund des schlechten Wetters nur von wenigen Teilnehmern wahrgenommen.

Blitzturnier
Das Blitzturnier

Als Fazit steht für mich persönlich eine gelungene Schachwoche insbesondere bereichert durch die Präsenz der GM / IM’s bzw. deren Ideen und Anregungen für das eigene Spiel. Auch die Stoffvermittlung war didaktisch ansprechend wie auch durch Nutzung moderner Technik. Dafür ein herzliches Dankeschön an den Veranstalter und dessen Team.

Auch die Lokalität - das Posthotel mit seinen modern ausgestatteten Zimmern sowie Tagungsräumlichkeiten und dem hervorragenden Essen soll nicht unerwähnt bleiben. Deshalb an den Inhaber/Betreiber und dem Personal ebenso herzlichen Dank.

Auf jeden Fall macht das ganze Lust unter den hier gegebenen Rahmenbedingen auf weitere Lektionen im nächsten Jahr.



Das nächste Seminarturnier findet vom 02.-11.03.2018 auf Lanzarote statt (mit Elowertung) - nur noch noch 2 freie Plätze.

Das Seminarturnier Rotenburg steht wie immer Anfang Oktober auf dem Programm.

Turnierseite: www.schachreisen.eu

de Haas (2107) - van Dorsten (1436) 1/2
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01. Dezember 2017

Goliath gegen David remis

Die Schlusstellung (Titelbild) suggeriert bereits, dass es eine turbulente Partie war - Schwarz konnte nun das bunte Treiben mit Dauerschach beenden und war damit wohl zufriedener als sein Gegner. Ein paar Hinweise auf das zuvor Geschehene liefere ich vorab. Die Damen wurden früh getauscht - im dreizehnten Zug, objektiv war das aus schwarzer Sicht unglücklich. Viel später (nach 47 Zügen) bekamen beide wieder eine Dame - das gibt es im Schach, im Leben (man heiratet mehrfach) ja auch mitunter. Die weisse Dame konnte sofort wieder vom Brett verschwinden, dann hätte Schwarz gar gewonnen! Eine andere Gewinnchance hatte er direkt zuvor: seinen König aktivieren, was Weiss bereits viel früher und nicht unbedingt absichtlich oder freiwillig tat. Objektive Wahrheit ist, dass Weiss zuvor auch gewinnen konnte - dann gäbe es diesen Artikel eher nicht. Beide hatten mal eine Qualität mehr - das sagt vielleicht wenig über die Qualität der Partie, aber u.a. dadurch war sie (auch unabhängig vom "Goliath gegen David" Motiv) unterhaltsam bzw. spektakulär.

Das Ganze in einem Mannschaftskampf am 7. Oktober in Heerhugowaard - dieser Beitrag war seither geplant, nun isses soweit. Zunächst dokumentiere ich das Gesamtergebnis doppelt:

07-10-2017 Heerhugowaard  -  En Passant 4½ - 3½
1 7838963  Kevin Tan  2187  -  7145039  Co van Heerwaarden  1507 1-0
2 6286907  Piet de Haas  2107  -  8570430  Jon van Dorsten  1436 ½-½
3 8241464  Dennis Keetman  2010  -  7779233  Abe Zijm  1460 1-0
4 6172914  Gerrit van Oostrum  1951  -  8039955  Thomas Richter  1970 1-0
5 7643053  Rob Spaans  1870  -  6435528  Kees de Best  1861 0-1
6 7640798  Johan Wester  1836  -  6244502  Jaap Dros  1918 ½-½
7 8290678  Kasper van der Meulen  1813  -  7698317  Gerard Postma  1710 ½-½
8 8285563  Sandra Keetman  1768  -  7602177  Jaap de Wijk  1659 0-1
   1942    1690  
  wl. Piet Konijn

So steht es hier - drei Namen in meinem Team nicht fett gedruckt, da keine Stammspieler. In den Niederlanden darf man die Brettreihenfolge frei wählen, wir stellten taktisch auf und konnten das nominell im Schnitt klar bessere Team damit fast ärgern. Dass es nicht für einen Mannschaftspunkt reichte lag daran, dass ein gewisser Thomas Richter nach abgelehntem Remisangebot gegen einen nominell ziemlich gleichwertigen Gegner überzog - ich dachte, dass ich unbedingt gewinnen muss (diese Partie nur in vereinsinternen Datenbanken).

20171007 172013

Und so wurde es vor Ort dokumentiert - wir haben also die gegnerische Vorbereitung durchkreuzt: eigenes Team und unsere Stammspieler vorab ausgedruckt, drei Reservisten handschriftlich ergänzt. Offenbar wussten sie, dass unser drittes Gelegenheitsbrett im Golfclub Arie heisst, im Schachverein und für den Schachverband allerdings Abe. Zu den beiden an der besprochenen Partie beteiligten Spielern zeige ich noch Archivfotos:

20170401 135653

Links hinten Piet de Haas beim Mannschaftskampf der letzten Saison auf Texel - damals bekam er einen anderen nominell klar unterlegenen Gegner und gewann glatt. Diesmal haben wir die hier gezeigten eigenen Spieler - Gerard Postma damals gegen Kevin Tan, Jaap de Wijk damals gegen Piet de Haas  - an Brett 7 und 8 aufgestellt. de Haas ist Jahrgang 1952, also durchaus ein erfahrener Spieler. Fotografiert hatte mein Vereinskollege Frans Eijgenraam, ich spielte ja selbst.

Jon van Dorsten 1

Und das (eigenes Handyfoto) ist Jon van Dorsten im Januar im Amateurbereich in Wijk aan Zee. Er ist Jahrgang 1978, hat erst als Erwachsener mit Schach begonnen und macht seither durchaus Fortschritte - mit Elo 1436 ist er wohl etwas unterbewertet.

Ich konnte diese beiden Fotos eventuell mit Photoshop kombinieren. Schwierig allerdings, da eine Stellung aus der nun besprochenen Partie und den dazu gehörenden Hintergrund Cafe de Swan in Heerhugowaard einzubauen. Dieses Cafe kenne ich, Ilja Schneider kennt es auch, Leser dieses Blogs haben vielleicht hier bereits Fotos gesehen. Am 25.11. war ich da zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen zur 50-jährigen Jubiläumsfeier des SV Heerhugowaard. Noch ein bisschen Geplauder bevor ich endlich zur Sache komme: Der Vorsitzende Gerrit van Oostrum (ja, mein Gegner in diesem Mannschaftskampf) erwähnte u.a., dass einige Mitglieder schon seit 1967 dabei sind, dass sie fünf Jahre lang einen Grossmeister hatten (Harmen Jonkman) und trotzdem nie überregional spielten, und dass sie seit 1979 jährlich ein starkes Schnellturnier haben.

Sie haben zwei Kaninchen im Verein - die vermehren sich bekanntlich rapide, aber Piet M Konijn und Piet C Konijn sind nicht miteinander verwandt. Zwei Hasen haben sie auch - Piet de Haas und sein Bruder Maarten de Haas (*1947). Im kleineren und schwächer besetzten Schnellturnier spielte ich, diesmal Nummer zwei der Setzliste, dann nicht gegen Piet de Haas aber immerhin gegen Maarten de Haas. Drei Keetmänner haben sie auch, zwei davon (Maaike, die für einen anderen Verein höherklassig spielt, und Sandra) weiblich, Dennis männlich - auch das sind Geschwister, wohl nicht verwandt mit Karel Keesman oder hat sich da mal jemand vertippt?

Im dritten Mannschaftskampf dieser Saison wollte Heerhugowaard auch mal mit einer anderen Aufstellung antreten statt mit der vom Gegner erwarteten, also haben sie ihre Brettreihenfolge ausgelost - Kevin Tan an eins, aber Piet de Haas an fünf und Dennis Keetman an sieben kam dabei heraus. Und nun wirklich zur Sache:

Piet de Haas (Heerhugowaard, Elo 2107) - Jon van Dorsten (En Passant, Elo 1436)

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 Jon kopiert schon wieder "meine" Eröffnung! Kurz zuvor spielte er in der Vereinsmeisterschaft plötzlich Grünfeld (nicht gegen mich, ich spiele ja 1.e4), und nun Sveshnikov - was ich auch jahrzehntelang spielte, allerdings (es wurde zuviel Wiederholung) seit gut zwei Jahren nicht mehr. Diesmal hatte er es vereinsintern vorab angekündigt, und ich habe ihn ein bisschen vorbereitet - dazu später mehr. 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 b5 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 (2002 spielte Piet de Haas gegen Elo 1649 hier 10.c3 Sxe4 11.Sxb5 axb5 12.Lxb5 und gewann später - dennoch vermute ich nicht unbedingt Absicht, eher einen Fingerfehler: Lxf6 vergessen) 10.-Lxf6 11.c4 (1984 spielte de Haas hier 11.c3 und darauf war Jon vorbereitet - natürlich immer die Frage, wie "relevant" einzelne Partien vor vielen Jahren sind. Ich informierte Jon, dass 11.c4 hier inzwischen auch 'bekannt' ist - das wurde vielleicht nicht registriert - und dass Schwarz dann 11.-b4 spielt. Laut Datenbanken 20334 Partien mit 11.c3 und nur 4684 mit 11.c4 (Stand kurz nach dieser Partie - das Schachleben geht weiter, derzeit sind es 20364 und 4711). Zu 11.c4 gibt es weniger Theorie, wobei das relativ ist: in seinem 2014 erschienenen Sveshnikov-Buch bespricht GM Kotronias c4 in Kapitel 26-28 und das traditionelle c3 in Kapitel 29-37) 11.-Sd4!?

move 11

Dieses Bauernopfer fand er am Brett! Auch das gab es bereits, allerdings nur 162-mal (wieder Stand nach der Partie, seither wurde es noch zweimal in anderen Ligen gespielt - deutsche Bundesliga und britische 4NCL). Elobeste Schwarzspieler sind Moiseenko, Sutovsky und Kryvoruchko, weiter unten vor allem Damen - fünfmal Muzychuk (einmal Mariya, also viermal Anna), Harika und Paehtz. Spielerinnen mit Elo unter 2600 sind dabei bekannter als vergleichbare Spieler: Roiz kennt man eventuell, da er sich seit 2004 auf Elo über 2600 verbesserte, Shomoev und Sulava kennt man nicht unbedingt, den Fernschachspieler Jueri Siigur erst recht nicht. Nur einer wurde später bekannt: der Georgier Gaioz Nigalidze, der es mal gegen den bereits erwähnten Kotronias spielte. Aber das ist nicht Thema dieses Artikels. Ich habe mir danach noch diverse Partien mit 11.-Sd4 angeschaut: schwarze Kompensation im Stile des Wolga-Gambits mit einer Prise Wodka - oft wilde Stellungen.

12.cxb5 Da5+ (das ist nun fast neu - noch vier Partien, Schwarz hatte Elo 1873-2108 und verlor viermal. Üblicher ist 12.-0-0 [inzwischen vielleicht widerlegt], 12.-Lb7 oder 12.-Le6. Das reicht nun was Vorgeschichte betrifft, die die Spieler wohl ohnehin nicht unbedingt kannten) 13.Dd2 Dxd2+ (siehe erster Absatz) 14.Kxd2 Lg5+ 15.f4 (noch eine Partie mit 15.Kd1, aber 15.f4 ist der Computerzug) 15.-Lxf4+ 16.Kc3 Se6 Hier konnte Schwarz durchaus eine Qualität opfern/anbieten: 16.-axb5 17.Sc7+? Ke7 18.Sxa8? b4+! 19.Kd3 (19.Kxb4 Ld2+ 20.Kc4 La6+ 21.Kd5 Tc8 nebst -Lb7# oder -Tc5# - Stockfish ist sich nicht sicher, welches Matt er bevorzugt, z.B. 22.b3 Lb7# aber 22.h3 Tc5#) 19.-bxa3 20.Sb6 axb2 21.Tb1 Lc1 -+). Stand Schwarz bereits auf Gewinn? Nein, Weiss kann einfach 17.Sxb5 Sxb5 18.Lxb5+ Kd8 19.a4 ± spielen. 17.Sc4 0-0

move 17

Hier ist 18.b6± wohl der Grund, warum 12.-Da5+ selten gespielt wird. Aber es kam 18.Sxd6 axb5 19.Se7+ Kh8 und schon wieder ein Diagramm:

move 19

Weiss kann nun wieder eine Qualität gewinnen, aber beide haben - offenbar richtig - eingeschätzt, dass Schwarz dann ausreichende Kompensation hat: 20.Sxc8 (egal welcher zuerst) 20.-Txc8+ (auch egal welcher zuerst) 21.Sxc8 Txc8+ 22.Kb4 (oder nach 22.Kd3 z.B. 22.-Lc1 droht -Sf4# 23.Ke2 Lxb2 24.Tb1 Ld4) 22.-Sd4=. Immer noch ging hier 20.Lxb5 La6 21.a4±, aber es kam 20.Td1 Sd4 (20.-La6) 21.Lxb5? (Nun musste Weiss wohl mit 21.Sxc8+ Txc8+ 22.Sxc8 Txc8+ 23.Kb4 Tc2 eine Qualität erobern, wobei Schwarz nach wie vor Kompensation hat. Stattdessen opfert/verliert er nun eine Qualität:) 21.-Lg4! (der Se6 hatte ja wieder Platz gemacht) 22.Lc4 Lxd1 23.Txd1 Ta7! (Röntgenverteidigung von f7) 24.Sef5

move 24

Nun nehmen Computer auf h2 und haben viel lieber Schwarz, aber es kam 24.-g6 25.g3! Lg5 (die Staubsauger-Fortsetzung 25.-gxf5 26.gxf4 fxe4 27.fxe5 Sf3 usw. gibt Schwarz vielleicht noch etwas Vorteil, im Gewinnsinne wohl zu wenig) 26.Sxd4 exd4+ 27.Kxd4= Lf6+? (Tempoverlust) 28.e5 Td7 29.Kd5!

move 29

Das ist nun ein Endspiel, in dem der weisse König nicht mehr verwundbar ist, sondern aktiv. 29.-Le7? 30.Kc6 Lxd6? (30.-Ta7 und das Beste hoffen) 31.Kxd7?! (31.exd6! und die weissen Freibauern sind partieentscheidend, Analysediagramme immer in metallisch-grau:)

move 31 Variante

Ein Schachfreund, dem ich die Partie vorab schickte, schrieb "Warum Weiß nicht exd6 statt Kxd7 gespielt hat, erschließt sich mir nicht. Es liegt doch auf der Hand, dass der d-Bauer und die beiden freien a- und b- schnell gewinnen werden?!". Er hat nochmals fast 300 Elopunkte mehr als Piet de Haas und einen Schachtitel - Weiss war wohl froh, dass er die Qualle zurück bekommt. 31.-Lxe5 32.b4

move 32

Wobei man auch hier sagen könnte "der Rest ist Technik". 32.-h5 33.b5 h4 34.gxh4 Lxh2 (ging bereits 12 Züge zuvor, da war es vorteilhaft) 35.Ke7 zunächst dachte ich hier "warum?", aber es konnte zum nach Spielerelo und derzeitiger Stellung "richtigen" Partieergebnis führen 35.-Kg7 36.h5?! (36.Td8! Txd8 37.Kxd8)

move 36 Variante

und dieses Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern ist glatt für Weiss bekommen: Schwarz bekommt zwar den weissen h-Bauern, aber die weissen Freibauern sind, vom König unterstützt, viel gefährlicher. Engines glaube ich das, während einer Partie wäre ich mir auch nicht unbedingt 100% sicher. Aber Weiss spielte ja 36.h5?! und es folgte 36.-gxh5 37.Td2?! (37.Th1 Lg3 38.Txh5+-) 37.-Lg3 38.Tg2 h4

move 38

Hatte Weiss nicht gesehen, dass Schwarz mit dieser Konstruktion seinen Laden beieinander hält? 39.a4?! (nur nach 39.Ld5! hat Weiss offenbar noch Gewinnchancen) 39.-f5?! (39.-Tc8! - Turm aktivieren hier wichtiger als zweiten Freibauern laufen lassen - 40.Ld5 Tc7+ 41.Kd8 Tc3 = u.a. kann nun der schwarze h-Bauer weiter laufen, da er nicht mehr den Lg3 decken muss. Leser denken vielleicht, dass Zeitnot eine Rolle spielte und könnten recht haben - es gibt in dieser Spielklasse allerdings nur eine Zeitkontrolle für die gesamte Partie: 1h40min plus 10 Sekunden Inkrement ab dem ersten Zug. Wie knapp die Bedenkzeit hier bereits beiderseits war weiss ich nicht - später wurde sie jedenfalls knapp und dabei blieb es bis Partieende.) 40.a5 (wieder 40.Ld5!) f4 41.b6 f3 42.Tg1 Tc8 43.a6??!

move 43

Sicher mit Idee gespielt - Weiss war davon überzeugt, dass nun ein Freibauer (und zwar ein weisser) durchlaufen wird. Das stimmt wohl auch, aber Schwarz hat auch Freibauern. 43.-Txc4 44.a7 Ta4 45.Kd7 f2 46.Tb1 Tb4?!

move 46

Ausrufezeichen für den Showeffekt, Fragezeichen für den objektiven Wert dieses Zuges. Hier ging stattdessen 46.-Kg6 47.Kc6 h3 48.Kb7 h2 49.a8D Txa8 50.Kxa8 Kg5 51.b7 Kg4 52.b8D Lxb8 53.Kxb8 Kf3

move 46 Variante

Weiss hat in der Partie zweimal geheiratet (die erste Dame bekommen ja beide, ohne sich darum zu bemühen) und wurde jeweils sofort Witwer - dieses Schicksal erwartet nun Schwarz, aber die zweite Ehe ist dann glücklich bis zum Ende der Partie.

Nach 46.-Tb4 kam 47.Txb4? (47.Ta1 Ta4 48.Txa4 f1D 49.a8D)

move 47 Variante

Unterschied zur Partie ist, dass der weisse Ta4 die Da8 deckt - wenn Schwarz nicht sofort Dauerschach gibt, kann Weiss wieder Gewinnversuche unternehmen. 47.-f1D 48.a8D?? Logisch, aber es sollte verlieren! Letzte (Remis-)Chance für Weiss war 48.Tg4+ Kf6 49.Txg3! Dh1 (nach 49.-hxg3 50.a8D g2 hat Weiss Dauerschach) 50.Tc3! Db7+ 51.Tc7 Dd5+ 52.Kc8 Da8+ 53.Kd7 h3 54.Tc6+

move 48 Variante

Kann Schwarz das gewinnen? In der Partie konnte er forciert gewinnen, aber nach 48.a8D??

move 48

(hatten wir bereits als Analysediagramm, mit dem einerseits kleinen andererseits grossen Unterschied weisser Turm auf a4) kam 48.-Dh3+?? - 48.-Df5+ 49.Ke7 Df7+ 50.Kd8 Df8+ 51.Kd7 Dxa8 -+ war, wenn man es sieht, einfach! 48.-Df7+ 49.Kc8 Df8+ 50.Kb7 Dxb4 (Turm- statt Damengewinn) ging eventuell auch, ist allerdings danach noch technisch kompliziert. 49.Ke7?! (nach 49.Kd8 De6 50.Da1+ kann Weiss wieder auf Gewinn spielen!) 49.-Df5 (Zeitnot, also in zwei "kurzen" Zügen von f1 nach f5 - hier der einzige Remiszug) 50.De4 (nach 50.Da1+ ist 50.-Kg8! der einzige Remiszug, aber Weiss kann dann noch weiterspielen. So kam hier Dauerschach:) 50.-Df6+ 51.Kd7 Dd6+ 52.Ke8 Df8+ 53.Kd7 Dd6+ 54.Ke8 Df8+

Schlusstellung

Dieses Diagramm hatten wir bereits. Im 52. oder 54. Zug konnte sich Weiss auch Kc8 Db8+ zeigen lassen, aber auch das ist (Teil von) Dauerschach.

Wie immer die gesamte Partie auch zum Durchklicken. Eventuell bot es sich an, im Artikel nur die Diagramme zu überfliegen - aber ich setze den Link bewusst erst am Ende.

Fazit: Wie hat David gegen Goliath eher eine Chance? Mit Komplikationen oder wenn er eher passiv abwartet, dann hat der Gegner eine "Bringschuld"? Man kann natürlich auch "so wie immer" spielen ... . Bei allem Respekt für meinen Teamkollegen wundert es mich durchaus, dass der nominell klar überlegene Gegner den Sack nicht zumachen konnte. Elo gewinnt dabei nicht automatisch, und auch eine Gewinnstellung muss man (egal op Computer +3, +10 oder +50 sagen oder am Horizont bereits ein Matt sehen) noch gewinnen. Letzteres gilt dabei für beide Spieler.