Ein Jammer für die Liga
Der Hamburger SK von 1830 ist nicht nur Deutschlands ältester sondern auch, wenn man nicht allein nach sportlichen Titeln rechnet, erfolgreichster Schachverein. Der HSK hat die meisten Mitglieder, darunter viele, die sich für Schach engagieren, ein eigenes Haus, in dem fast jeden Tag Schach geboten wird, neuerdings eine eigene Schachschule und Mannschaften in praktisch jeder Spielklasse, ob Männer, Frauen oder Jugend. Aber wohl nur noch bis zum Sommer. Die erste Mannschaft des HSK ist nämlich so nah am Abstieg wie noch nie in keiner der vorangehenden 31 Spielzeiten der eingleisigen Schachbundesliga, der sonst nur die SG Solingen von Beginn an angehört. Am Wochenende kamen Rivalen zu überraschenden Erfolgen (Emsdetten schlug Mülheim-Nord und Tegel Hockenheim jeweils 4,5:3,5), während Hamburg gegen den direkten Konkurrenten Trier mit 2,5:5,5 unter die Räder kam (bei Vorgabe einer Weißpartie, weil Huschenbeth erst ein Flieger ausfiel und der am kommenden Tag reichlich Verspätung hatte). Das Restprogramm spricht eher gegen den HSK. Und dass die Zweitligamannschaft durch einen Sieg in der Nordstaffel den Abstieg neutralisiert, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber ziemlich unwahrscheinlich.
Mit Niclas Huschenbeth, Dirk Sebastian, Karsten Müller, Thies Heinemann und Dorian Rogoczenko gibt es immerhin fünf Hamburger im Stammkader. Nur Tegel, das Überraschungsteam der Saison, hat mehr Spieler aus der eigenen Stadt. Beim HSK fiebern zahlreiche Mitglieder mit der Bundesligamannschaft, aus deren Reihen regelmäßig jemand gleich am Montag nach der Ligarunde im Klubhaus die Partien und Kämpfe kommentiert. Erwischt es den HSK, leiden auch die damit zum Mitabstieg verurteilten unteren Mannschaften. Den sportlich meistversprechenden Hamburger träfe der Abstieg allerdings am wenigsten. Huschenbeth studiert ab Herbst in den USA. Der HSK wird (ein Jahr) ohne die Liga leben können, aber kann die Liga ohne den HSK leben? Braucht die Bundesliga nicht intakte Vereine, die mehr vorzuzeigen haben als eine zusammengekaufte Truppe ohne Bezug zum Restverein oder wenigstens zur örtlichen Schachcommunity?
Wieder die anderen
Heißer Tanz in den Mai
An diesem Samstag endet die Bundesligasaison mit dem Stichkampf zwischen SF Berlin und PHF* Griesheim um den Klassenerhalt. Man trifft sich auf halbem Wege zwischen Hannover (Ilja Schneider) und Poznan im Rathaus Schöneberg. Zuschauer sind auch online willkommen. Der Gastgeber plant zusätzlich einen Liveticker. Vor dem schachlichen Showdown sind beide Mannschaften beschäftigt, aktuelle Turnierwebsites zu studieren, um herauszufinden, wer vom anderen Team gerade verhindert ist und auf wen man sich darum vorbereiten sollte. Die Berliner sind nach Elo und aufgrund des 5,5:2,5 im direkten Vergleich favorisiert. Mannschaftsführer Rainer Polzin ist wohl noch besoffen vom Schlussrundenkrimi und erwartet "Maximale Spannung". Geht es 4:4 aus, entscheidet die Berliner Wertung. Womit der Farbauslosung unmittelbar vor Spielbeginn einige Bedeutung zukommt, prädestiniert Weiß an den ungeraden Brettern doch für einen Sieg nach Berliner Wertung (fairer wäre wohl, was ich mir als Kind spontan darunter vorgestellt hätte: einen Riesenberg Krapfen, Faschingsküchle, Pfannkuchen oder eben Berliner auszupacken,und welches Team mehr davon verdrückt, gewinnt...). Wer verliert, ist am Tag darauf quasi schon an der richtigen Stelle, um sich abzureagieren. Der Sieger darf sich nächste Saison mit Trier, vielleicht Remagen und den starken Aufsteigern Dortmund und Hockenheim (die beiden anderen, Tegel und Dresden, dürften wenig Chancen haben) um den Klassenerhalt prügeln. So oder so ist und bleibt die Liga eine ziemlich westliche Angelegenheit. Mit zwei (falls sich Griesheim durchsetzt) oder drei Ausnahmen drängeln sich alle Erstligavereine im westlichen Drittel der Republik. Das größte Bundesland Bayern ist gar nicht vertreten, das bevölkerungsstärkste NRW stellt dagegen fast die Hälfte der Teams.
*Polnisch-Hessische Freundschaft, früher bekannt als Polonia Griesheim
Weiß am Zug - verliert!
Es kommt ziemlich selten vor, dass sich ein Spieler beim Stand von 3:4 und Mannschaftspunktewertung in unklarer Stellung in eine Zugwiederholung fügt. Doch Piotr Murdzia konnte damit am Sonntag seinem Verein Polonia, Verzeihung SV Griesheim , wenigstens einen Stichkampf um den Klassenerhalt sichern. Der hessische Verein ist nun nämlich mannschafts- und brennpunktgleich mit den Schachfreunden Berlin auf Rang 12 und 13 oder vielmehr beide genau dazwischen. Als ich mich gegen halb drei aus der Internetübertragung der letzten Saisonrunde ausklinkte, war Berlin, für mich der SC Freiburg der Schachbundesliga, praktisch abgestiegen, und das Team zerraufte sich im Rückblick auf eine Saison voller verpasster Chancen, denn Griesheim hatte an gleicher Stelle im Parallelkampf gegen den HSK mindestens ein Unentschieden auf den Brettern und war damit uneinholbar. Doch Griesheims Marcin Tazbir schaffte es mit Weiß, die Diagrammstellung gegen Lubo Ftacnik sogar noch zu verlieren (wie beschreibt Georgios Souleidis). Worauf Murdzia es seinem Landsmann nicht gleichtun wollte.
Über die Details des Stichkampfes zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Teams (Berlin setzt zu drei Viertel deutsche Spieler ein, Griesheim zu drei Viertel polnische) wird anscheinend noch verhandelt. Der direkte Vergleich während der Saison ging am Samstag mit 5,5:2,5 schon mal klar zugunsten Berlins aus. Aber das Reglement sieht nun mal kein Drittkriterium vor. Grotesker Ausblick: Erwischt es Griesheim, kann das Team es ja in der polnischen Liga versuchen. Erwischt es Berlin im Stichkampf, bleibt die Filiale, die in der Ostmark kürzlich Vizemeister wurde.
Fußball? Schach? FC Spassky 04!
Vorbei die langen Tage ohne Fußball – am Abend geht es wieder los mit der Jagd nach frischen Punkten in der Bundesliga. Während in Dänemark und Schweden der Ball noch ruht bis weit in den Februar hinein, können sich die deutschen Clubs für den internationalen Wettbewerb schon einmal warmspielen – wenn sie denn noch dabei sind.
Heute abend steht mit Leverkusen vs Dortmund gleich eine hübsche Begegnung auf dem Programm, und morgen dann – der HSV! auf Schalke! -
Und die Schachspieler, spielen die auch? Aber unbedingt! Wie es bei uns gute Sitte ist, trotzen wir „Klötzchenschieber“ (SF Franz Beckenbauer) Schnee, Eis und Regen und tragen unsere Kämpfe auch bei den wirklich widrigsten Witterungsbedingungen aus. Zwar wird in der Schach-Bundesliga noch pausiert bis zum 5./6. Februar, doch ab der Zweiten Liga abwärts gehen vielerorts wieder die Ligaspiele los. Auf ein Neues also, in 2011!
Dass zwischen Schach und Fußball nicht immer nur Welten und unendliche Weiten liegen müssen, zeigen die immer wieder gern besuchten Fußball-Schachturniere. Berühmt dafür ist/ war (?) ja immer die SVgg 1920 Plettenberg im Sauerland. Und auch in den goldenen Siebzigern/ frühen Achtzigern gab es Mannschaften, die es sowohl schachlich als auch fußballerisch mit den ganz Großen aufnahmen und auf den einschlägigen Schachfußballturnieren für einige Unruhe sorgten. Ein schöner Beleg dafür findet sich bei den Mainzer Chess Tigers – sie verlinkten vor vielen Jahren auf ihrer bemerkenswerten Homepage ein Bild des legendären FC Spassky 04, das hiermit vorübergehend der Vergessenheit entrissen werden soll:
Zum Bild auf der Website der Chesstigers (Fotograf uns nicht bekannt) (man muss ein bisschen "herunterscrollen" auf der Seite, aber - der lange Weg lohnt!)
FC Spassky 04:
Stehend von links: Boris Spassky, Simon Triggs, Tony Miles (!), Guy Novik, Larry Christiansen, Nigel Short, Jan Timman (!) Yasser Seirawan, Ulf Andersson
Vorne von links: Simon Brown, Eddie Pen, Colin Clifton, Ljubomir Ljubojevic
Das waren noch Zeiten! Wo und wann genau dieses Bild aufgenommen wurde, ist mir nicht bekannt. Die Photo-Originaldatei sprechen von "Spassky Football Club Fulham". Der Vereinsname FC Spassky 04 geht dagegen wohl zurück auf einen Chess Tiger. Vielleicht weiß ein Leser etwas Genaueres? -
Viel Spaß beim ersten Rückrundenspieltag!
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Im März reden sie weiter
Von Weizsäcker hat wie erwartet seinen Rückzug angekündigt und Weyer seinen Anspruch auf den DSB-Vorsitz. Ob aus dem Arbeitskreis der Landesverbände ein Gegenkandidat kommt, wollen diese erst im März bei einem Treffen in Frankfurt am Main. Gut möglich ist es, denn vom aktuellen Präsidium minus von Weizsäcker erwarten die „Landesfürsten“ wenig. Bevor sie über einen Gegenkandidaten reden, wollen sie erst einmal unter sich klären, was im DSB alles zu tun ist.
Der größte Fortschritt kam bei der Hauptausschusssitzung in Gladenbach weder vom Präsidium noch aus dem Arbeitskreis der Landesverbände, sondern vom Treffen der Gemeinsamen Kommission Schachbundesliga: Am 14. bis 16.Oktober 2011 startet sie ihre nächste Saison in Mülheim mit einer zentralen Dreierrunde. Eine alte Idee Wunsch wird endlich verwirklicht.


