SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Donnerstag,17 Mai 2012

Aktualisiert17:43:48 Thu

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Mittwoch, 28. März 2012 04:56

Schach will Schule machen

Sollen alle Kinder in der Schule Schach lernen? Armenien hat Schach als erstes Land als Pflichtfach eingeführt. Immerhin an die 15 deutsche Schulen probieren es ebenfalls. Auf der Dialogseite des Kanzleramts hat der Vorschlag reichlich Unterstützung und gute Chancen, als einer der ersten zehn zu einer Veranstaltung mit Kanzlerin Merkel eingeladen zu werden.

Dass sich das Europäische Parlament für Schach in der Schule ausgesprochen hat, ist vor allem der Initiative Kasparows zu verdanken. Der Russe jettet derzeit um den Globus, um für Schulschach zu werben. Die letzten Tage verbrachte er in Südafrika, um dort die Kasparov Chess Foundation Africa aus der Taufe zu heben. An diesem Mittwoch wirbt er in Paris mit einer Rede in der UNESO bei den Journées de l´Innovation für Schach in der Schule.

Auch die FIDE hat neuerdings ein ehrgeiziges Schulschachprogramm. Als Hauptsponsor tritt die halbstaatliche russische Ölgesellschaft Rosneft auf. An diesem Donnerstag präsentiert Ali Nihat Yacizi das Chess in Schools-Programm der FIDE (CIS100) in Wien.

Ebenfalls in Wien veranstalte ich in genau einem Monat in der Albertina einen international besetzten Workshop über die Chancen, die sich für Schach im Schulsystem insbesondere dank der Unterstützung auf EU-Ebene bieten, eingebettet in das Zweite Wiener Kinderschachfest mit als Headliner einem Uhrensimultan von Wesselin Topalow gegen eine internationale U18-Auswahl.  

 

 

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Donnerstag, 16. Februar 2012 20:49

Gute Nachrichten aus Strasbourg

Die Schachdelegation hat bei der Sitzungswoche des EU-Parlaments in Strasbourg ganze Arbeit geleistet. Fast hätten sie alle gefordeten Unterschriften bereits beisammen für eine Erklärung des Parlaments zugunsten von Schach in den Schulen. Laut Garri Kasparow, einem der Initiatoren, fehlen jetzt noch drei. Und die sind während der Sitzungswoche am 12.-15.März mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit zusammenzubringen. Und noch einige mehr, denn ein paar Dutzend Abgeordnete, die ihre Unterstützung versprochen haben, haben noch nicht unterschrieben. Kasparow hat sich seit Monaten ins Zeug gelegt, um die politische Unterstützung für Schulschach zu sichern, und wird zu dem Zweck auch im März noch einmal nach Brüssel reisen.

bannerendspiel anzZu denken gibt allerdings die unterdurchschnittliche Unterstützung unter den deutschen EU-Abgeordneten, vor allem bedingt durch die Haltung der Christdemokraten, die keine einheitliche Empfehlung im Schulwesen wollen, auch wenn sie, wie die Saarbrückerin und Kulturausschuss-Vorsitzende Doris Pack Schulschach persönlich unterstützen. Mit Begeisterung unterschrieben hat dagegen Angelika Niebler (CSU), deren Buben selbst an der Schule Schach haben und die den Vorsitzenden der Deutschen Schulschachstiftung Walter Rädler kennt und schätzt. Auch von den französischen und britischen Abgeordneten haben weniger als erwartet oder erhofft unterschrieben. Besser schaut es bei den Österreichen aus. Ganz vorne liegen die Osteuropäer. Sie haben nicht so viele Abgeordnete, aber ein sehr hoher Teil von ihnen unterstützt Schulschach. Die bulgarischen Delegierten gleich zu 100 Prozent.

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Dienstag, 14. Februar 2012 09:36

110 EU-Abgeordnete für Schach gesucht

Wer die Weltrangliste anführt, wer in Wijk aan Zee oder Linares gewinnt, welcher Verein Deutscher Meister wird, welche Variante am besten gegen Grünfeldindisch punktet, all das sind Kinkerlitzchen und beeinflussen unser Spiel wenig verglichen mit der Entscheidung des Europäischen Parlaments über eine Initiative, Schach im Schulsystem zu verankern. Es muss ja nicht gleich als Pflichtfach sein wie seit kurzem in Armenien an den Grundschulen. Wenn mindestens 369 Abgeordnete bis 15.März unterschrieben haben, ist die Initiative angenommen, und die öffentliche Förderung des Schachs an Schulen kann und wird in vielen EU-Ländern massiv zunehmen. Angesichts dieser Bedeutung ist es vergleichsweise ruhig um die Initiative in den Schachmedien. Eigentlich beschämend ruhig.

259 Unterschriften waren vor dieser Sitzungswoche bereits zusammen, berichtet El País. Das Ziel ist noch nicht erreicht, aber in Reichweite, und diese Woche ist vorentscheidend. Dieser Tage sind die beiden Initiatoren von schachlicher Seite Garri Kasparow, der eine Stiftung für Schulschach ins Leben gerufen hat, und Silvio Danailow, der Präsident der Europäischen Schachunion, im EU-Parlament in Strasbourg. Am Mittwoch stehen ein Seminar und eine Simultanvorstellung auf dem Programm. Die Hoffnung, dass Abgeordnete fraktionsweise ihre Unterstützung erklären, hat sich nicht erfüllt. Um jede Unterschrift muss während der wenigen Sitzungswochen gekämpft werden. Gerade von den deutschen Abgeordneten haben viele noch nicht unterschrieben. Jeder, der einen Draht zu seinem Abgeordneten oder einer Partei hat, kann etwas beitragen.

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Sonntag, 27. November 2011 11:27

Ein Audi in Nordafrika

Welch eine Woche. Lang hat an 46 Brettern kurzen Prozess gemacht. Der Weltmeister hat sich dort, wo er seinen nächsten fetten Scheck abzocken wird, mit einem Vishywaschi-Resultat beliebt gemacht. Hou hat sich (und vielleicht mögliche Geldgeber) für einen Zweikampf gegen Judit warmgespielt. Kasparow hat sein Schulschachengegament in der FAZ erklärt. Die FIDE hat das nächste Kandidatenturnier nahezu stillschweigend in ein doppelrundiges Achterturnier umgemodelt. Fridman hat in Sachen Nationalmannschaft und DSB zu retten versucht, was an Common Sense geblieben ist. Und Naiditsch ist mal eben nach Nordafrika gedüst und hat einen Audi abgeliefert - soll keiner glauben, dass ein noch im Nachhinein so umkämpfter Europameistertitel keine Spuren hinterlässt. Sein Team Marcote war denn auch die große Enttäuschung des Finals der im von hohen Zäunen umgebenen Mellila ausgetragenen Spanischen Mannschaftsmeisterschaft. Zwei mit hochrangigen Legionären bestückte und mit baskischem Geld finanzierte Teams, Sestao und Gros Taldea aus San Sebastian, haben es dominiert. Als Einzelspieler domingierte Dominguez. Fehlt noch was?    

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Dienstag, 12. Juli 2011 11:24

Hopp auf, zum Schachturnier!

Der Sommer ist theoretisch da, der Urlaub kann theoretisch beginnen, alles wird gut. Sommerzeit ist Open-Zeit, und der Möglichkeiten sind viele, um in Deutschland, Österreich und in anderen schönen Teilen der Welt an Turnieren teilzunehmen. Glücklich die Schachspieler, die den Alltag hinter sich lassen und auf Reisen gehen können. 

Und überall klangvolle Namen, klangvolle Spielorte: auch heute sitzen schon wieder 223 Spieler beim St.Pauli-Open an den Brettern, Anish Giri fährt in ein paar Tagen zum Open nach Dortmund, und Jan Gustafsson steht auf der Teilnehmerliste für den Politiken Cup in Kopenhagen, der Ende Juli beginnt. In Baden-Baden geht Anfang August Rainer Buhmann an den Start, und die Niedersächsische Schachjugend macht sich als U18-Nationalmannschaft auf den Weg und tigert nach Rumänien zur Europameisterschaft.

Wobei es eigenartig anmuten mag, dass man durch die ganze Welt reist und so viele Kilometer überwindet, wenn man dann doch wieder nur am Schachbrett sitzt und vom Gegner und/ oder der Slawischen Verteidigung in tiefe Frustrationen gestürzt wird. Es gibt auf Turnieren ja viel Zeit, um zu bereuen – gerade nach enttäuschenden Partien. Bereue!

Doch wie wir alle wissen: nicht nur der Erfolg in den Partien macht so eine Schachreise zu einem schönen Erlebnis, auch das ganze Drumherum gehört dazu. Wenn wir nette Leute treffen, Zeit haben und ein offenes Auge finden für den Spielort und die neue Umgebung, dann wird es eine tolle Reise. Gleich um die Ecke warten ja schon schöne Sehenswürdigkeiten, die Alster und der Schwarzwald vielleicht, der Tivoli in Kopenhagen oder die Zeche Zollverein in Duisburg. Und außerdem – wer sagt denn, dass unsere Schachpartien immer schlecht ausgehen müssen? Manchmal enden sie auch gut für uns, und dann ist das Open-Glück schon ziemlich perfekt.

Bei der klassischen Turnierform spielt man neun Runden in neun Tagen. Viele Spieler legen viel Wert darauf, dass die Partien nicht zu früh angesetzt werden, so dass man in den Tag hineinleben kann – denn immerhin ist es ja Urlaub. Doch auch andere Modi sind denkbar. Bei einem Zwei-Mann-Open 1984 in Moskau beispielsweise spielten Karpov und Kasparov an 151 Tagen über 48 Partien – vom 10.September 1984 bis zum 08.Februar 1985! Diese etwas extremere Form des Schachturniers hat sich so allerdings nicht weiter durchsetzen können. Ganz im Gegenteil ballen sich heute in vielen Wettbewerben sieben Runden an vier Tagen zusammen – das ist intensiv und flott. Bei diesem Modus bleibt wenig Zeit für eine genaue Vorbereitung auf den Gegner. Somit sind alle Teilnehmer immerhin mehr oder weniger gleich ratlos, wenn sie sich ans Brett setzen.

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Kennen wir uns nicht schon aus der letzten Runde?
Quelle: Owen Williams, The Kasparov Agency

Eine angenehme Mischform bietet das Open in Baden-Baden, bei dem man sieben Runden an fünf Tagen spielt. Dadurch gibt es nur zwei Doppelrunden, und das ist nicht unangenehm. Vor elf Jahren reisten ein paar Freunde vom Lübecker SV und ich schon einmal zu diesem Turnier, und was soll man sagen - einladend ist die Stadt und reizend die Umgebung, besonders auch, wenn man von der Küste kommt! Auch trifft man alte Freunde wieder, oder aber man findet sich als Norddeutscher wieder in einem Feld von 200 badischen Schachspielern, die man noch nie in seinem Leben gesehen hat. Auch das ist reizvoll. Gens una sumus - wir sind eine (große!) Familie.

Das Baden-Baden Open 2000 gewann damals der Lübecker Stefan Lindemann in großem Stil – vielleicht lag es daran, dass er nicht mit uns in der Wohnung schlief, sondern auf halber Treppe im Hausflur auf einer Couch übernachtete. So wird man Turniersieger! Vielleicht machte diese Abwechslung den Unterschied aus, doch wahrscheinlich war es einfach seine gute Form und Spielstärke, durch die er das Turnier gewann. (Dennoch werde ich beim nächsten Open vielleicht mal campen und auf einer Isomatte schlafen – wer weiß, was es bringt!)

Für mich endete das Turnier mit einem kleinen Geldpreis, nachdem ich in der letzten Runde noch eine wilde Partie gewinnen konnte. Agonie befiel mich allerdings in der sechsten Runde nach der verlorenen Partie gegen das Karlsruher Urgestein Clemens Werner:

steffens-werner intro

Stellung nach 27..Td1-d6

In leicht verworrener Stellung und bei für beide Seiten kitzliger Zeitverteilung folgte nun  

27….Sf6-d5, 28.Se3xd5, c6xd5 29.Td6-d8,  Dc5-b5.

steffens-werner rtsel

Der Tor zum vollen Punkt steht nun plötzlich weit offen. Wie hätte Weiß spielen sollen? (Hat er aber nicht!)

a) Weiß steht eigentlich gut nach 30.Td8xe8.
b) Weiß steht eigentlich prima nach 30.Tf1-f3.
c) Weiß steht eigentlich bestens, muss aber irgendetwas anderes spielen als 30.Txe8 und 30.Tf3.

d) Weiß sollte lieber schnell Remis anbieten, denn nachher hat er ja noch verloren!

Hier die Partie zum Nachspielen:


Wir fragen abschließend: Steigert Turnierspielen das Lebensglück? Natürlich ist diese Frage schwer zu beantworten, doch wie so oft können wir dazu den Nürnberger Altmeister Siegbert Tarrasch zitieren:

„Schach hat wie die Liebe, wie die Musik die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. (Indes - bei einem Interview mit New in Chess im Jahr 1970 hat Tarrasch seinen Ausspruch zwar noch um „Sehr schön sind allerdings auch die fränkischen Weine und die Fußball-Bundesliga!“ ergänzt, doch konnte sich diese Version nie ganz gegen das Original durchsetzen.)

In diesem Sinne – allen Lesern einen schönen Schach-Sommer und eine tolle Open-Saison!

lasker-tarrasch_1908

Tarrasch und Lasker bei einem frühen Zwei-Mann-Open im Jahr 1908
Quelle: wikicommons


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1992 konnten sich der Weltschachbund, Weltmeister Garri Kasparow und sein Herausforderer Nigel Short nicht über die Austragungsmodalitäten des anstehenden WM-Kampfes einigen. Es kam zum Bruch. Kasparow und Short gründeten ihren eigenen Verband, PCA (Professional Chess Association) – der Wahlspruch der FIDE „Gens una Sumus“ (wir sind eine Familie) galt nicht mehr. Zustände, die beim Boxen schon lange zuvor an der Tagesordnung waren, hielten Einzug: Zwei Verbände mit zwei Weltmeistern, wobei der Titel der FIDE ohne die schillernde Persönlichkeit des weltbesten Spielers, Kasparow, immer mehr an Bedeutung verlor.

Doch auch Kasparow hatte es nicht leicht, für das Match gegen Short Sponsoren zu finden. Bei den Buchmachern galt er mit 4,5:1 als klarer Favorit und seine Anpassung an Boxersprüche mit "It will be Short and it will be short!" erleichterte die Sache nicht unbedingt. Doch gelang es mit Hilfe der Times of London in Englands Hauptstadt einen würdigen Rahmen zu schaffen. Doch die Buchmacher sollten recht behalten. Nach 9 Runden stand es 7:2 am Ende 12,5:7,5 für Kasparow.

Im Oktober soll es nun unbestätigten Angaben zufolge zu einem Rematch im belgischen Leuven im Oktober kommen. Natürlich nur ein Schaukampf mit verkürzter Bedenkzeit, denn nach seinem überraschenden Rückzug vom Turnierschach vor sechs Jahren, hat Garri keine elogewertete Partie mehr gespielt. Sein Fokus gilt der russischen Politik mit dem Bestreben Präsident zu werden. Allerdings agiert er hier deutlich weniger erfolgreich als im Schach. Seine Partei kämpft auch nach Jahren noch mit der 5%-Marke.

short400classicDer Wahlgrieche Short hingegen, derzeit mit Elo 2682 die Nummer 54 der Welt und hierzulande bestens bekannt durch seine permanente Präsenz auf dem Schachserver schach.de, ist nach wie vor aktiver Turnierspieler. An der Einschätzung der Buchmacher wird sich aber auch 18 Jahre später wenig geändert haben.

In Erinnerung blieb mir Shorts Äußerung in einem Interview vor langer Zeit auf der Jugend-WM. Auf die Frage nach seinem größten Hobby antwortete er „chasing girls“. Möglicherweise auch ein Grund, weshalb der Englands größtes Talent sich nie in den TOP10 positionieren konnte.

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Donnerstag, 19. Mai 2011 08:08

Nochmals Kandidatenkrämpfe

An diesem Donnerstag gehen die Kandidatenkrämpfe in die letzte Runde. In einer Woche ist die Qualifikation ausgestanden. Für diejenigen, die wie ich am Modus leiden, ist sie es jetzt schon, denn der Schaden ist ja bereits angerichtet, und im Finale zocken spielen Gelfand und Grischtschuk (live ab 13 Uhr, der Sonntag ist dieses Mal frei) den Herausforderer über vertretbarere sechs statt vier Partien aus. Für die FIDE und Weltmeister Anand fängt die Qual dagegen gerade an. Ein Mindestgebot von einer Million Euro Preisgeld und an die 300 000 für diverse FIDE-Töpfe ist von Bewerbern ums WM-Finale gefordert. In Europa ist das für ein sportlich wahrscheinlich einseitiges Match nicht zu holen. Vielleicht in Indien. Das Zeitfenster für eine Debatte um ein besseres System ist kurz. Vor dem Weltcup, der heuer schon am 26.August in Chanti-Mansisk beginnt und den nächsten WM-Zyklus eröffnet, muss Klarheit herrschen.

nic2Für die taz ist dieser Donnerstag aber aus ganz anderen Gründen ein besonderer Schachtag. Autor Hartmut Metz erzählt allerdings nur die halbe Geschichte, Chessbase ist etwas ausführlicher und bildreicher, lässt aber auch ein interessantes Detail aus. Vor genau 25 Jahren traf ein Bonner Physikstudent einen gleichaltrigen Schachprofi aus Baku in Basel, wo der gerade einen englischen Kollegen in einem Schaukampf zerzauste und zeigte ihm eine 200 Partien umfassende Datenbank. Garri Kasparow war begeistert, und die deutsche Erfindung half ihm dank seiner schnellen Auffassungsgabe in den folgenden Jahren, seine Rivalen zu dominieren. Matthias Wüllenweber wurde nicht Physikprofessor sondern Mitinhaber einer mittelständischen Firma, die heute jeder Schachspieler kennt, nämlich Chessbase, und das nur weil die Niederländer, die zu dem Zeitpunkt schon seit mindestens zwei Jahren eine funktionierende Schachdatenbank am laufen hatten, so sehr mit der Produktion ihrer New in Chess-Magazine und -Jahrbücher beschäftigt waren, dass sie nicht erkannten, dass sie ein Produkt mit rasch wachsenden Absatzchancen und vor allem einer höheren Marge nur intern nutzten (auch Wüllenweber konnte sie nicht abkupfern, sondern programmierte selbst), statt es auf den Markt zu bringen. Die später lancierte NiC-Base holte den Vorsprung von Chessbase nie mehr auf.       
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Dienstag, 22. Februar 2011 12:57

Kortschnois Geburtstagsmarathon

Es ist noch einen Monat hin. Genauer gesagt auf den 23.März fällt Viktor Kortschnois Achtziger. Aber der (für dieses Alter) Marathon für den Jubilar geht bereits los. Ab diesem Mittwoch bestreitet er in Cannes einen Schaukampf gegen den seit vielen Jahren in Frankreich lebenden Anatoly Vaisser (daher unser Bild). Am 19.März steht in Zürich ein Benefizsimultan an etwa dreißig Brettern zugunsten von Minenopfern an. Am 26.März dann gleichenorts ein Handicapspiel an zehn Brettern gegen Schweizer Junioren sowie ein Abendessen mit illustren Gästen wie Garri Kasparow. Im April dann die Teilnahme an einem Open im schönen San Sebastian. Dass Kortschnoi trotz nachlassender Gesundheit noch fit genug für dieses Programm ist, zeigte er kürzlich beim Open in Gibraltar, wo er unter anderem Caruana schlug und nur durch eine Schlussniederlage gegen Vallejo einen schönen Preisrang verpasste.  

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Sonntag, 20. Februar 2011 19:19

Als Bobbys Paranoia ihren Zweck verlor

Frank Brady ist Bobby Fischers ausgewogenster Biograph, aber nicht der schnellste. Als "Profile of a Prodigy" ein Jahr nach dem Match des Jahrhunderts erschien, ebbte die Fischermanie bereits wieder ab. Bradys Gesamtwürdigung "Endgame - Bobby Fischer´s Remarkable Rise and Fall - From America´s Brightest Prodigy to the Edge of Madness" (Crown, 26 US-Dollar, Leseprobe bei Amazon) brauchte sogar drei Jahre nach Fischers einsamem Tod in Island. Kein geringerer als Garri Kasparow und sein Ghostwriter Michael Greenguard haben das kürzlich erschienene Buch für die New York Review of Books lobend - und lesenswert - besprochen. Dass es dabei auch reichlich um Kasparow selbst geht, versteht sich von selbst. Fischers Rückzug vom Schach, seine Bedeutung fürs Profischach und sein Einfluss auf die Dynamisierung des Schachs in den Siebzigern kommen aber auch nicht zu kurz. Kasparow bemerkt, dass Brady über die vielleicht wichtigste biografische Enthüllung über Fischer, nämlich dass der ungarische Jude Paul Nemenyi sein leiblicher Vater ist, mit wenigen Worten hinweggeht, kommentiert es aber nicht (ich vermute, dass Brady einfach zu lange selbst an Gerhardt Fischers Vaterschaft geglaubt und diesem nachrecherchiert hat). Schön finde ich die Beobachtung, dass Fischers Paranoia ihren Zweck verlor, als er nicht mehr spielte.

Bradys Buch wird natürlich nicht das letzte über Fischer sein. Im Sommer bringt der Promifotograf Harry Benson einen Bildband mit vielen bislang unveröffentlichten Fotos Fischers heraus.

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Donnerstag, 17. Februar 2011 20:22

Russland hat doch Talente

Das Aeroflot-Open, dem nachgesagt wird, dass es das stärkste der Welt ist aber wegen einiger Wechsel an der Spitze des Sponsors zum letzten Mal stattgefunden haben könnte, hat einige junge Russen (und den 16jährigen Chinesen Yu Yangqi, der Platz vier teilt) ins Gespräch gebracht. Ich meine nicht Witjugow und Tomaschewski, die am Ende mit dem das ganze Turnier über führenden Le Quang gleichauf zogen (das Ticket für Dortmund geht aber wohl wieder an den Vietnamesen) sondern drei jüngere Spieler, die alle GM-Normen erzielten: Danil Dubow, Jahrgang 1996, Wladimir Fedosejew und Iwan Bukawschin, beide Jahrgang 1995 (den letztgenannten Namen traf ich kürzlich schon einmal an. Bukawschin war nämlich 2006 U12-Europameister und ließ damals unter anderem den ein Jahr älteren Anish Giri hinter sich). Ihre Aeroflot-Resultate sind doch recht ordentliche Leistungen für 15jährige in einem harten Turnier, das Wesley So, Wijk aan Zee-C-Gruppensieger Daniele Vocaturo oder auch unseren Deutschen Meister Niclas Huschenbeth klar überforderten. Nehmen wir noch den 18jährigen Sjugirow, die beiden 20jährigen Jan Nepomnjaschtschi und U20-Weltmeister Dimitri Andreikin sowie den ukrainischen Zugang Sergei Karjakin dazu, sieht es doch gar nicht schlecht aus mit dem Nachwuchs in der zuletzt nur noch nominell führenden Schachnation. Vielleicht ist Garri Kasparows Ausblick zum Schach in Russland, es fehle an Leidenschaft und dass nur Geld und Macht und nicht die Förderung von Talenten zähle, doch zu düster.

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