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American Football in Plovdiv

Häh? Das ist doch ein Schachblog!? Dann muss ich den Titel wohl erklären: Zu American Football kann man mir gerne völlige Ahnungslosigkeit unterstellen oder vorwerfen, aber meines Wissens geht es darum die gegnerische Grundlinie zu erreichen. Im Schach ist das so eine Sache: Mit einem Bauern ist es meistens gut. Mit Schwerfiguren kann man es auch probieren (könnte ja Matt sein). Springer und Läufer haben da, zumindest als Einzelkämpfer, eher nicht zu suchen oder zu finden. Und mit dem König kann es böse enden, muss aber nicht.

Olaf Steffens hatte ja bereits die Europameisterschaft im fernen Plovdiv erwähnt. Ich habe zwei Partien herausgesucht die zu obigem Thema passen - na gut, erst die Partien dann das Thema. Sie haben noch mehr gemeinsam: beide wurden nicht ganz oben gespielt (Brett 32 und 29), und in beiden Fällen konnte man nach den ersten paar Zügen nicht unbedingt ein Spektakel erwarten. Aber den Wanderkönig ereilte ein unterschiedliches Schicksal. Die erste Partie ist übrigens auch Chessbase bzw. Alejandro Ramirez aufgefallen. Der geneigte Leser muss mir glauben dass ich - ausnahmsweise - genauso schnell dachte wie ein Grossmeister, aber nicht so schnell schreiben konnte. Dass der Kommentar zum Teil ähnlich ist ist auch Zufall oder Telepathie.

[Event "13th EICC round_4"]
[Site "Plovdiv BUL"]
[Date "2012.03.23"]
[Round "4.32"]
[White "Vallejo Pons, Francisco"]
[Black "Nabaty, Tamir"]

1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. e3 e5 4. Lxc4 exd4 5. exd4 Ld6 6. Sf3 Sf6 7. De2+ De7 8. Dxe7+ Kxe7 Damentausch die Luft ist raus? Wie lange dauert es noch bis die beiden sich friedlich einigen? Wenn dem so wäre würde ich die Partie nicht hier besprechen ...  Vallejo-Nabaty move 8. 9. O-O Le6 10. Te1 Kd7 11. Se5+ Lxe5 12. dxe5 Lxc4 13. exf6 gxf6 14. Sc3 c5 15. Lf4 Sc6 16. Ted1+ Hier zitiere ich doch mal Ramirez: "A fabulous move." 16.Tad1+ erscheint naheliegender, aber dann kann sich Schwarz nach 16.-Sd4 17.b3 La6 18.b4 mit 18.-The8 und Turmtausch entlasten. Ke6 16.-Sd4 wäre auch hier (relativ) besser gewesen. Schwarz tut so als ob das ein Endspiel wäre, aber es ist eher ein damenloses Mittelspiel. 17. b3 Vallejo-Nabaty move 17Nun verpasst Schwarz vielleicht seine letzte Chance: Engines plädieren für (freiwillig) 17.-Kf5 und betrachten dann 18. bxc4 Kxf4 19. Td5 als nicht ganz aussichtslos. Auch verschiedene Züge die den Lc4 gratis verschenken waren "besser" als der Partiezug 17.- La6 18. Td6+ Ab hier spielen beide immer den besten Zug - für Schwarz sind das aber nur noch lebensverlängernde Massnahmen für einen todkranken Patienten Kf5 19. Sd5 Nun ist 19.-La6xd5 wie Vlasti Hort sagen würde "gägän die Rägäl"! Sd4 20. Txf6+ Hier beginnt die Abteilung Problemschach: 20.-Kg4 ist Matt in zwei Zügen Ke4 21. f3+ Kd3 21.-Kxd5 (Sterbende dürfen alles essen) ist sofort Matt 22. Td1+ Kc2 22.-Ke2 war einzügig Matt 23. Td2+ Kb1 24. Sc3+ Ka1 24.-Kc1 war einzügig Matt, leider mit Nebenlösung (Houdini sagt 25.Te2, Stockfish 25.Tf2). Vallejo-Nabaty move 25Und jetzt? Weiss verlor den Faden, besann sich dann aber auf die alte Regel "wenn Dir nichts einfällt, ziehe einen Randbauern!" 25. a4 Es folgte noch 25.-h5 (Schwarz fiel auch nichts mehr ein) 26.Ta2# [Na gut, das hab' ich erfunden - Nabaty liess sich das nicht mehr zeigen, schade eigentlich ...] 1-0

 

 

 

 

 

[Event "13th EICC round_5"]
[Site "Plovdiv BUL"]
[Date "2012.03.24"]
[Round "5.29"]
[White "Khismatullin, Denis"]
[Black "Stefansson, Hannes"]

1. c4 gähn, wird wohl eine langweilige Partie Sf6 2. Sc3 e5 3. Sf3 Sc6 4. g3 Sd4 Hier wird fast immer 5.Lg2 gespielt und das wird dann auf höchstem Niveau remis - mit einigen Ausnahmen vor allem im Blitz- und Blindschach. Stattdessen schnappt Weiss sich einen Bauern, der ist aber nicht ganz gratis. 5. Sxe5 De7 6. f4 6.Sd3 wird matt - zwei Spieler mit Elo 1410 und 1550 sind darauf reingefallen. 6.Sf3 ist noch schlechter da es auch noch eine Figur einstellt. d6 7. Sd3 Lf5 8. Kf2 DIAGRAMM - ich nehme meinen Kommentar zum ersten Zug zurück! Der erste von insgesamt 19 Königszügen, fast jeder vierte in der Partie Khismatullin-Stefansson move 8 g5 9. Lg2 O-O-O 10. e3 Lg7 11. fxg5 Lxd3 12. exd4 h5 wohl nicht ganz korrekt, dafür aber interessant 13. gxf6 Dxf6+ 14. Df3 Dxd4+ 15. Ke1 d5 16. cxd5 Lc2 17. Lh3+ Kb8 18. d3 Lxd3 19. Le3 The8 20. Kf2 Db4 21. Tad1 Txe3 22. Dxe3 Ld4 23. Txd3 Dxb2+ 24. Kf3 Lxe3 25. Txe3 Dc2 26. The1 a6 27. T1e2 Dg6 28. Kf2 h4 29. Lg2 Df6+ 30. Ke1 Dd4 31. Kf1 hxg3 32. hxg3 Td6 33. Le4 Tb6 34. Td3 Dh8 35. Kg2 Th6 36. Kg1 DIAGRAMM So, Weiss hat rochiert - wurde aber auch Zeit! Aber wo steht die weisse Majestät nach nochmal zehn bzw. zwKhismatullin-Stefansson move 36anzig Zügen? Schau'n mer mal f5 37. Lxf5 Th1+ 38. Kf2 Dh2+ 39. Kf3 Tf1+ 40. Kg4 Dh8 41. Lg6 Dh6 42. Te6 Th1 43. Rf3 Dh3+ 44. Kf4 Dh6+ 45. Kf5 Dh3+ 46. Ke5 Khismatullin-Stefansson move 46DIAGRAMM Die erste Frage wäre beantwortet Dg4 47. Tf8+ Ka7 48. Se4 De2 49. Te7 Db2+ 50. Ke6 Db6+ 51. d6 cxd6 52. Tf6 Db2 53. Kf7 Te1 54. Txd6 Dxa2+ 55. Kf8 Db2 56. Kg8 Touchdown! Auch diese Partie ist damit fast vorbei - wobei aber der weisse Wanderkönig überlebt während der schwarze in seiner eigenen Ecke gleich ins Gras beissen muss.Khismatullin-Stefansson move 56 Db3+ 57. Lf7 Db4 Der Vollständigkeit halber: Engines (die die Stellung lange als etwa ausgeglichen bewertet hatten) sehen nach 57.-Df3 noch Hoffnung für Schwarz. 58. Tdd7 Db6 59. Sd6 Df2 60. Txe1 Dxe1 61. Txb7+ Ka8 62. Ld5 1-0




 

Dann noch zum Turnier insgesamt zunächst mal aus deutscher Sicht - der Ruhetag eignet sich ja für eine Zwischenbilanz. Naiditsch und Fridman spielen vorne mit, Naiditsch momentan nach Wertung ganz vorne. Seine Partie gegen Sokolov war auch interessant, auch er spielte c4 (aber nicht im ersten Zug). Khenkin und Buhmann spielen auch mit. Huschenbeth fährt Achterbahn, gewinnen mit Weiss und verlieren mit Schwarz (hat aber wohl auch mit der Spielstärke der Gegner zu tun). Fridman machte es ähnlich nur dass er mit Schwarz remisierte - ob er morgen gegen Bacrot auch einen Weissieg einfahren kann? Frank Holzke hat immerhin in einer Partie girig eine Figur einkassiert, was Anish letztes Jahr in Wijk aan Zee gegen Carlsen gelang. Wie schon im Kommentar erwähnt bekam FM Christian Braun auch einen 2700er - sicher ein Erlebnis auch wenn er verloren hat. Und Richard Meyers hat mit einem Sieg gegen den furchterregenden Volodymir Vdovenko jetzt seine Elo-Zahl (fast) bestätigt.

Noch ein bisschen über den Tellerrand schauen: Als Wahl-Niederländer vermisse ich neben Giri derzeit auch Smeets und l'Ami in der Liveübertragung. Und da ich auch ein bisschen Franzose bin (habe einige Zeit in Brest und Bordeaux verbracht) freue ich mich auch über bzw. für Fressinet, Vachier-Lagrave und Bacrot - der morgen gegen Fridman spielt, da gibt es für mich quasi kein falsches Ergebnis. Dass Mamedyarov, Giri und Navara morgen schön nebeneinander spielen, damit konnte man vielleicht rechnen - nicht unbedingt mit Brett 75-77. Dabei ist Mamedyarov immer noch ungeschlagen, hat aber (gegen Elo ca. 2500) auch noch nicht gewonnen.

Und noch was habe ich Sonntag gelernt: Georgien kennt keine Sommerzeit. Können die denn kein Deutsch bzw. lesen sie diesen Blog nicht? Olaf hat sie doch schon vor einem Jahr gewarnt ! Offenbar muss man Grossmeister sein um trotzdem an der Uhr zu drehen und pünktlich zu erscheinen - die Herren Jobava, Mchedlishvili und Pantsulaia schafften es jedenfalls.


Kommentare   

#1 Olaf Steffens 2012-03-28 00:15
Hallo Thomas,

schönen Dank für den Blick auf die beiden Partien - die zweite war ja ECHT unglaublich. (Und das mit Englisch ...)

Was mit den Georgiern los war, ist ein großes Rätsel. Die Tücken der Zeitumstellung, immer wieder. Und ich hatte noch gewarnt! :-)
Wie heißt es doch in einem Lied? "Völker, hört die Wecksignale!"

Naiditsch hat heute verloren, das ist schade. Richard Meyes arbeitet an seinem zweiten Punkt und rechtfertigt weiterhin seine Nominierung.
Als Bremer freue ich mich, dass Fressinet so weit vorne mit dabei ist. NIcht unbedingt eine Überraschung, denn er ist ja auch ein Guter. Seine gute Form deutete sich schon an, als er gegen 26 Bremer mit 25:1 gewann (args).
Die Niederlage gegen Adams in der Bundesliga war danach wohl eher sowas wie ein Ausrutscher.... (wenn man das so sagen kann, gegen Adams)

Allez les Bleus!
#2 Thomas Richter 2012-03-28 08:44
Laut chessbase.com hatten die Georgier ihre Uhren nicht vor- sondern zurückgestellt!? Kamen sie dann zwei Stunden zu spät zur Partie?
Bei einer Runde am Morgen (was einige Schachspieler eh nicht mögen) kann es dann schiefgehen, aber Rundenbeginn war 15:00 Ortszeit. Begeben sich die Spieler vorher gar nicht in die Oeffentlichkeit, schlafen sie bis 14:30? Sonst hätte ihnen z.B. auffallen können dass es um 9:00 im Hotel kein Frühstück mehr gibt da dies 11:00 Echtzeit entspricht ... .
#3 Thomas Richter 2012-03-28 08:46
Huch mir fällt gerade auf dass der Schach-Welt Server anscheinend auch keine Sommerzeit kennt - ich sass nicht um 7:44 am Computer, bei mir ist es 8:44 !

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