Aufgeben-aber wann?

1) Ein paar philosophische Vorüberlegungen

Sicher wird sich jeder schon mal darüber Gedanken gemacht haben, wann denn der richtige Zeitpunkt zur Partieaufgabe wäre. Sicher wird es jedem auch schon einmal passiert sein, dass ihn ein Gegner in längst verlorener Stellung noch über Stunden hinhielt, obwohl die Stellung glasklar als „aufbagereif“ eingestuft wurde. Traut er mir nicht zu? Will er mich quälen? Sieht er nicht, dass er verloren ist? Hofft er auf ein Wunder, auf einen Herzinfarkt oder einen Gehirnschlag?

Genauso mag es einem aber schon passiert sein, dass man nach einem übersehenen Schockzug oder gar nach reiflicher Überlegung die Hoffnungslosigkeit einer Stellung einsah, das Pfötchen rüberreichte, aber auf der Heimfahrt plötzlich die rettende Idee hatte, möglich aber auch, dass ein Gegner diesem Anfall von Schachblindheit erlegen war und kapitulierte, woraufhin man zwar dankend aber dennoch verblüfft die Aufgabe annahm (in einer anderen Kinderpartie diskutierten die Kleinen jüngst, ob man denn gezwungen sei, eine Aufgabe anzunehmen; eine interessante Überlegung), nur um dem Gegner im Anschluss vorzuführen, wie fern man nach jenem Verteidigungszug der Realisierung des Vorteils – falls es je gelänge – wäre.

Natürlich ist es eine Charakterfrage. Der eine hasst sich selbst so sehr dafür, in eine so grausame Stellung geraten sei, dass er nicht länger in diese Kloake blicken will und sie schlichtweg so schnell wie möglich über Bord schmeißt, ungeachtet der vielleicht noch möglichen Rettungsideen, welche, Ungenauigkeiten des Gegners vorausgesetzt, einen winzigen Hoffnungsschimmer in Aussicht stellten. Der Andere hingegen flüstert stets und ständig die Parole „Schach ist ein Kampfsport.“ vor sich hin und sucht in jeder Stellung nach den absurdesten Möglichkeiten, den Gegner irgendwo in einen dunklen Hinterhalt zu locken, um ihm dort entweder nur ein Bein zu stellen oder ihn gar in den Abgrund hinabzustoßen. Vielleicht erfreut er sich sogar an der gewissen Hoffnungslosigkeit der Stellung, da er, als Sanguiniker, sich bereits vorab mit einer wie der anderen möglichen Niederlage abgefunden hätte, aber nun, in dieser konkreten Partie, dies ebenfalls längst getan hat – um fortan wie der angeschlagene Boxer, nach dem „lucky punch“ zu suchen, welcher, falls er denn ausbleibt, einem selbst keinen weiteren (moralischen) Schaden anzurichten imstande ist.

Natürlich wurden längst im Bekanntenkreis Stimmen eingefangen, welche teils als Ergebnis reichlicher Überlegung, ab und an aber auch spontan und an praktischen Beispielen orientiert getätigt werden. Es gibt jene „Pakettheoretiker“, welche der Ansicht sind, dass meist zu zeitig kapituliert wird und man doch bitte ausschließlich Pakete (und selbst jene nicht zur Unzeit) aufzugeben hätte. Andererseits gibt es ganz sicher jene Schachästheten, welche sich dazu eine eigene Aufwertung versprechen davon, dem Gegner den Respekt zukommen zu lassen und ihm die Gewinnführung ab einem gewissen Moment zutrauen, zugleich die Blamage nicht eingehen möchten, dass vielleicht Zuschauer vorbeischauen (oder beim Nachspielen feststellen), dass doch dieser Spieler nur über ein geringes Schachverständnis verfügt, wenn er einen derartigen Schrotthaufen weiter betreuen wollte.

Eine eigens entwickelte Theorie lautet so: man möchte aus Respekt vor dem Schachspiel, selbst wenn es immer eine theoretische Chance gibt, die sich sowohl an reinen Stellungsgegebenheiten als auch an der gegnerischen Unpässlichkeitschance festmachen ließe, nicht, dass eine derartige Stellung noch verhunzt wird, nein, das würde der Ästhet einfach nicht hinnehmen können. Diesem (rein schachlichen) Desaster, so die vage Theorie, beugt der Rechtzeitig-Aufgeber vor.

Einen weiteres Aspekt hat das Sinnieren über den richtigen Zeitpunkt der Aufgabe übrigens noch zutage gefördert, da man jahrelang neben dem Schachgroßmeister Robert Rabiega spielen durfte und immer und immer wieder sah, wie er seinen Gegnern keine Chance ließ – in Schnell-, Blitz- aber auch Turnierpartien – und sie quasi zur Aufgabe zwang durch konsequentes und unbedingtes Nachsetzen, aber auch durch sein Brettverhalten.

Man selbst hat nämlich folgende Eigenschaft entwickelt – mit den zugehörigen Konsequenzen, welche einem erst spät klar wurden: Sobald ein Spieler nämlich in einer klar gewonnenen Stellung beginnt, gründlich nachzudenken, Bedenkzeit zu investieren, selbst wenn sich Zuschauer dabei fragen sollten, worüber er denn grübelt, und er darauf zur Antwort geben könnte: „Natürlich über den besten Zug, wie in jeder anderen Stellung auch.“ oder aber, das fast noch einleuchtendere „Ich überlege, wie ich den Gegner am schnellsten von der Sinnlosigkeit der Partiefortsetzung überzeugen kann.“. Gerade dieses Verhalten ist es, welches den Gegner beinahe zum Gegenteil, also zur Fortführung der Partie zwingt.

Die leserseitige Verblüffung – so sie denn ausgelöst – dürfte sich bald legen, wenn man die beiden Gründe schlüssig erläutert: der erste ist jener, dass man mit dem längeren Nachdenken dem Gegner irgendwie suggeriert, dass man noch Probleme sieht. Man beginnt darauf, überhaupt Ansätze für diese Probleme zu erkennen – und wird vielleicht gar fündig von einer versteckten, erträumten Möglichkeit, auf die man sonst niemals gestoßen wäre. Der zweite Grund ist aber noch viel überzeugender: wenn man lange nachdenkt, egal, wie einfach die Stellung auf diese oder jene Art gewonnen wäre – vielleicht auch einer ganz banalen, welche der Gegner aber erkennbar nicht einschlägt, da er beispielsweise den möglichen Damentausch verschmäht und stattdessen den König in noch größere Bedrängnis bringt, trotz des bereits erwirtschafteten Materialvorteils, so wird es bald zur Verpflichtung, sich die ausgeheckte, vielleicht traumhaft schöne Kombination, das hübsche Schlussspiel, zum Erhalt für die Schachwelt vorzeigen zu lassen.

2) Der Anlass: ein Kinderschachturnier

In jüngster Zeit hat man eingedenk der Tatsache, dass sich der eigene Nachwuchs mit wachsender Frequenz bei Turnieren, insbesondere Kinderturnieren, zur Teilnahme einschrieb, die Gelegenheit gehabt, in die kindliche Perspektive Einblick zu gewinnen. Da werden mit teils wachsender Begeisterung absolut hoffnungslose Stellungen weitergespielt, jedoch ohne, dass das kindliche Gemüt je einen Schatten der Beeinträchtigung der Freude zu erkennen gibt.

Als der eigene Sohn einmal eine Stellung mit Turm und Springer gegen einen außer dem König figurenlosen Gegner, ohne jegliche Zeitbedrängnis, zum Siege führen wollte, den König auch bereits vorbildlich auf die Grundlinie abgedrängt hatte, jedoch nun, in der Auffassung, den Gegner mit der Maßnahme, vor der Mattsetzung zunächst sämtliche Bauern abzuräumen, endgültig hilflos zu machen und damit den Widerstand zum Erlahmen zu bringen, gewann man höchst selbst die Erkenntnis, dass gerade das Gegenteil der Fall wäre. Man besann sich einer 1-Minuten-Blitzpartie gegen Hans-Jörg Grupe, gespielt bei einer Deutschen Meisterschaft (zum Chill-out), als er einmal strahlend nach und nach haufenweise Figuren einbüßte, dazu aber im dem seiner Heimat entsprechenden Karlsruher Dialekt den legendären Satz sprach: „Nimm du nur“, erkennend, dass jeder Schlagzug für mehr Zeiteinbuße sorgte und er somit bald danach auf „Zeit“ reklamieren konnte.

So dachte wohl dieser Gegner auch: „Nimm du nur.“, fortgesetzt mit „nur so kann ich zwar kampf- und zugunfähig gemacht werden, aber wenn ich mich zu dem Zeitpunkt der endgültigen Handlungsunfähigkeit keinem Schachgebot ausgesetzt sähe, so wäre die Partie dank des ausgeklügelten Regelwerks eben nicht verloren sondern Remis.“ Tatsächlich war der Gegner für einen Moment in einer Pattsituation, welche Ben-Luca jedoch aufhob – und den Punkt einfuhr. Obwohl er nach der Partie glaubhaft versichern wollte: „Ich setz doch nicht Patt“, so hat man doch diese oder jene Schweißperle gelassen und den Rat erteilt: „Einfacher UND sicherer ist es UND schneller geht es auch, auf das Abräumen überzähliger , nutzloser Bauern zu verzichten und direkt den König ins Visier zu nehmen.“

 a. Der Pattwitz

 1

Weiß: Mert Acikel Schwarz: ???

Den Weißspieler kannte man bereits und hatte ihn ab und an beobachtet (eine Chance hier: Namen merken, er spielt erst kurz, hat aber glänzende Anlagen), der Name des Schwarzspielers war nicht festzustellen. Der 10-jährige Mert hatte schon seit vielen Zügen einen Turm und einen Springer weniger, dennoch schaute man ab und an vorbei. In einem Moment fand man die folgende Stellung vor, auf welche sein Coach aufmerksam gemacht hatte. Sicher, ja, auf den zweiten Blick erkannte man die sich hier bietende Chance. Sein Coach – Heinrich Burger – war höchst skeptisch, ob er die Idee 1. h2-h4 finden würde, denn, für dieses eine Mal hätte sich das Weiterspielen doch gelohnt haben können, sofern Schwarz der Verlockung des Bauernraubes auf g3 nicht widerstehen könnte. Der weiße König stünde auf Patt und man müsste sich nur noch mit beliebigen Schachgeboten des überzähligen Turmes entledigen, beginnend mit 2. Tg7-b7+ (Anmerkung: auch dies dürfte objektiv nicht ausreichen für eine Rettung, sofern der schwarze den korrekten Königsmarsch findet und entweder mit dem Td6 entlang der d-Linie den Schach bietenden weißen Turm schlagen kann, oder aber der Springer dasselbe tut; im Kinderschach aber könnte man mit allem rechnen, vor allem mit dem sofortigen Nehmen auf b7).

Tatsächlich wurde Heiner bestätigt: der Junge sah den Bauernraub auf g6 – und griff dort zu. Man wendete sich wieder ab, Chance vertan, damit aber Partiefragment noch lange nicht verloren sondern zur Vorführung geeignet.

Riesig die Verblüffung, als man an ebenjenem Brett kurze Zeit später helle Aufregung erlebte und mehr und mehr das Wörtchen „Patt“ die Runde durch den gesamten Turniersaal machte. Man warf nur einen kurzen Blick auf die Stellung und rekonstruierte mühelos:

1. Tg7xg6 Td6xg6+ 2. Kg5xg6 Sg4xh2 3. Kg6xh5 (!) Tc3xg3 4. Kh5-h4 Tg3-g8 5. Kh4-h3 Sh2-f3 Patt1, 1/2:1/2

Tatsächlich war es zu einer zweiten Pattchance gekommen in dieser Partie, welche mit dem Motiv der ersten absolut nichts zu tun hatte. Und, noch kurioser: diesmal wurde sie genutzt!

Das Weiterspielen hatte sich gelohnt. In diesem Falle. Wie die Wirkung allerdings sein mag, auf alle Kinder, die Zeugen dieses Spektakels wurden? Sagt sich denn jetzt nicht erst recht jeder, dass man doch sähe, was so alles passieren kann und das sich ein Weiterspielen demnach nachweislich immer lohnt? Wie wären die Folgen davon, wenn sich jeder tatsächlich der Theorie hingibt, dass es in jeder Stellung, so lange noch legale Züge ausführbar sind, eine Chance gibt, selbst wenn es jene des Handyklingelns oder der plötzlichen Malässe des Gegners sei? Und, on top of that, ist, selbst wenn man keine legalen Züge mehr hat, nicht einmal dann der Partieausgang in allen Fällen der Partieverlust, wie gerade gesehen?

b.Katharina Du – Dennie Shoipov Weiß am Zuge

2

In dieser Partie aus dem jüngst besuchten Turnier trafen ausgerechnet zwei der begabtesten eigenen Schützlinge – zwei Teilnehmer einer Trainingsgruppe – aufeinander. Natürlich war man gespannt, da Dennie, der Schwarzspieler, in seiner Altersklasse (er ist Jahrgang 2002) zumindest in Berlin so ziemlich alles klar in den Schatten stellt, während Katharina, Jahrgang 2000, selbst in der Konkurrenz mit den verschiedengeschlechtlichen Altersgenossen ebenfalls ganz vorne mitmischt. Katharina hat noch einen kleinen Vorsprung, welcher sich auch in der DWZ widerspiegelt.

Es war ihr in einer beiderseits recht gut geführten Partie, ihre leichte Überlegenheit aufs Brett zu bringen. In der oben abgebildeten Stellung nun war es soweit: der Sieg stand unmittelbar bevor. Denn immerhin verfügt sie über das (wie man zuvor sah, vorbereitete) eigentlich tödliche 1. Dc2-c8+. Der König hat sozusagen nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera, kann also nach e7 ausweichen, wonach unvermeidlich der Turm auf c7 eindringen würde, mit vernichtenden Folgen, oder dem Partiezug 1. ... Kd7-d6. Katharina dachte eine Weile lang nach, was einen allmählich in dem Sinne besorgte, dass man sich, angesichts ihres längst festgestellten Topniveaus in dieser Klasse, einfach nicht vorstellen konnte, dass sie das auf der Hand liegende 2. Tf2xf6+ nicht sah. Man sah Dennie an seinem verstohlenen Blick an, dass er es natürlich bemerkt hatte, den Zug, welcher unvermeidlich das Shake-Hand zur Folge gehabt hätte. Sie zog überraschend 2. Dc8-b8+.

Schulter zuckend bewegte Dennie seinen König zurück nach d7. 2. ... Kd6-d7. Nun erkannte das Mädchen, dass das (wie sie später verriet) geplante 3. Tc1-c7+ nicht ginge und korrigierte. 3. Db8-c8+. Selbstverständlich – jeder Computer hätte den gleichen Reflex – stellte Dennie den König nun wieder nach d6. 3. ... Kd7-d6. Immerhin gab es ja nun die entfernte Chance einer versehentlichen Zugwiederholung,

Diesmal wanderte die Dame auf ein ganz anderes Feld, noch immer hat der weibliche Nachwuchsstar nicht das Auge auf die bis f6 offene f-Linie gerichtet. 4. Dc8-f8+. Nicht, dass man sich direkt Sorgen machte, immerhin war es ja die Paarung der beiden zuletzt Betreuten, so dass jedes Ergebnis recht zu sein hätte. Viel eher traf es das: Verwunderung. Der König trat erneut zurück. 4. ... Kd6-d7. Nun könnte ja vielleicht die Dame erneut nach c8 bewegt werden, vielleicht gar den längst forcierten Gewinn erkennend und Schwarz hätte die Ausflucht in die Regelparagraphen gehabt, in denen fest verankert ist, dass man dann ein Remis einfordern könnte, wenn man mit seinem folgenden Zug (diesen hätte man vorzuzeigen) die gleiche Stellung ein drittes Mal herbeiführen könnte? Nichts da, Katharina hatte andere Pläne. Sie fasste die Dame an – und schwebte tatsächlich für einen Moment über dem Felde f7 – nicht loslassen! – um dann auf g7 zu landen. 5. Df8-g7+. Der König hatte kaum Alternativen, denn nun wäre die Flucht nach d6 gewisslich ohne Perspektive, den erneut verpassten Turmeinschlag auf f6 der Weißspielerin nicht zuzutrauen. 5. ... Kd7-d8. Jetzt war der Plan erkannt – und erschien flugs auf dem Brett:

6. Dg7xf6+ Db6xf6 7. Tf1xf6. Danach diese Stellung auf dem Brett:

Katharina Du – Dennie Shoipov, Berlin 2011, Schwarz am Zuge

3

Man selbst verließ den Turniersaal, in der Gewissheit, dass, nach dem verzogenen Pulverdampf, Weiß seinen klaren Vorteil sicher demnächst verwerten würde. Verblüfft war man, als man wenige Minuten später die beiden einträchtig miteinander ebenfalls den Turniersaal verlassen sah. Was war geschehen, so plötzlich und abrupt? Nun, die Nachfrage belehrte einen: Schwarz hielt den Zeitpunkt für gekommen, in der abgebildeten Stellung die Waffen zu strecken! 1:0.

Ausgerechnet nachdem er dem Tod sehenden Auges von der Schippe gesprungen war – und es ihm damit viele Male besser ging als noch Minuten zuvor, sieht er keinerlei Hoffnung mehr? Dies ist, so hoffnungslos die Stellung auch sein mag, rein psychologisch gesehen, kaum vorstellbar – und führte entsprechend zu den weitergehenden Philosophien zu dem Thema. Sicher, ja, wenn diese Stellung auf „normale“ Art zustande gekommen wäre und der Damentausch gerade die letzte Hoffnung geraubt hätte, dann wäre es nachvollziehbar, selbst wenn man ja gerade kurz davor Zeuge werden konnte, wie wesentlich schlechtere Stellungen ohne Bedenken und ohne Gram oder Scheu oder Scham weitergespielt werden im gleichen Turniersaal. Aber nachdem man gerade so das Matt, welches man selbst erkannt hatte mit Schwarz abgewendet hatte? Tja, wie auch immer: Dennie ist natürlich absolut kein Vorwurf zu machen und sicher wird diese Partieaufgabe von mindestens einem der oben angeführten Punkte abgedeckt. Selbst wenn von einem Kind von kaum 9 Jahren ausgesprochen, es zeigt vielleicht seine persönliche, etwas höhere Reife gegenüber den altersgleichen Kindern.

c.Jirawat Wierzbicki

Weiß: ??? Schwarz: Wierzbicki Weiß am Zuge

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Jirawat Wierzbicki, ein schon lange bekannter Jugendlicher, mittlerweile ebenfalls 10 Jahre alt, hatte schon eine ganze Weile lang in ziemlich verlorener Stellung nach einem Rettungsweg gesucht, oder, man könnte sagen, er hat einfach weiter Schach gespielt so gut er konnte. Die Stellung war lange Zeit vorher schon wesentlich schlechter als die abgebildete, er hatte im Prinzip beständig seine Chancen verbessert.

Hier nun zog sein Gegner 1. Dd6-d5. Sicher kein ganz schlechter Zug, obwohl man vielleicht einen Mattangriff inszenieren könnte mit Dame und Turm, aber der erzwungene Damentausch hat auch seine Meriten.

Jirawat führte die Partie nach Beendigung draußen vor – übrigens, von seinem Vater angeleitet, sollte er alles aus dem Kopf vorspielen und es gelang ziemlich gut – und man war ehrlich gespannt, wie es denn nun weiter ginge, zumal der Weißspieler, selbst wenn DWZ-Favorit, zuvor eine ganze Menge Luft reingelassen hatte. Wie ging es also weiter? Auch Jirawat hielt, nachdem ihm sein weichtiges „Spielzeug“ abhanden käme, ähnlich wie Dennie Shoipov, den Zeitpunkt zur Kapitulation gekommen. 1:0.

Ein noch etwas kurioserer Fall als jener zuvor. Vergleichbar zwar der Teil, dass der Weißspieler zuvor nicht immer die stärkste Fortsetzung gefunden hatte und man somit Anlass hätte, sich wachsender Hoffnung hinzugeben, analog auch der Teil, dass die gewichtigste Figur in nachteiliger Stellung abgetauscht wurde und somit vielleicht wieder ein zusätzlicher Anlass gegeben wäre, Hoffnungen schwinden zu sehen. Absolut nicht vergleichbar jedoch der Charakter der Stellung sprich: die Überlegenheit des soeben zum Sieger gekürten.

Man schüttelte ein wenig verwundert den Kopf und begann, ein paar Züge auszuführen, nur um nachzuschauen, ob der Junge denn tatsächlich einen „einfachen Gewinn“ für den Gegner gesehen hätte. Man zog abwechselnd, mit vertauschten Farben, aber von der falschen Brettseite aus, und rasch 1. ... Da2xd5 2. Td8xd5 h7-h6 3. Td5xd3 Sg8-f6, und an dieser Stelle machte Kinderhand den leichten, aber den Gegner sicher nach vorher gesehenem „zuzutrauenden“ Zug 4. Td3-b3? (stattdessen sollte man mit 4. Td3-d8+ gefolgt von Annäherung an die Bauern von hinten gewinnen können, trotz vorhersehbarer, geringer Schwierigkeiten und trotz der Erkenntnis, dass dies nur im Fernschach oder in einem WM-Kampf der Aufgabe wert wäre) und danach gesellte sich sogar GM Kalinitschew zur Analyse hinzu, welche nicht einmal einen klaren Gewinn für Weiß – falls überhaupt einen – ergab nach den Zügen 4. ... b7-b6 5. Tb3-a3 a7-a5 6. Ta3-b3 Sf6-d7!

Welche Erkenntnisse liefert die Summe der Beobachtungen? Geben Kinder zu früh auf? Geben sie zu spät auf? Was veranlasst sie, was veranlasst einen Erwachsenen, was veranlasst einen überhaupt zur Aufgabe, was zum Weiterspielen?

3) Figura - Paulsen

Man selbst hat aus der eigenen Praxis natürlich ein paar Beispiele beizusteuern, eines davon das nun folgende: die Partie wurde gespielt im Firmenschach, also kein übertrieben bedeutsamer Anlass. Dennoch natürlich will man als ehrgeiziger Schachspieler unter keinen Umständen schlecht spielen geschweige denn verlieren. Das Firmenschach – in den letzten 20 Jahren nach und nach aufgewertet und ernster und ernster genommen – bietet nach wie vor die Chance zu Kräftemessen außerhalb der regulären Spielzeit, in welchen man eventuell ein wenig experimentierfreudiger zu Werke geht.

In einer wirklich spannenden Partie hatte der Schwarzspieler seinen erklecklichen Vorteil, welcher bereits eine Bauerneinheit (deutlich) überschritt gegen einen kampfeslustigen, versierten und wild entschlossenen Gegner nach und nach verspielt. Die abgebildete Stellung entstand und man hatte gerade, der Not gehorchend, aber zuvor mit ein paar unsauber berechneten Varianten, den weißen Turm auf f1 geschlagen. Nun verblüffte der Gegner mit dem Zug...

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Figura – Paulsen, Berlin 2007, Weiß am Zuge

1. Sf4xg6! Natürlich war einem dieser Einschlag entgangen, natürlich war man geschockt, natürlich rechnete man dennoch rasch ein paar Varianten, mit entscheidendem Nachteil, natürlich wollte man sich keine Blöße geben, einen solch offensichtlichen Zug nicht vorhergesehen zu haben, dennoch gäbe es Anlässe zur Besonnenheit, vor allem jener, das Formular nicht stehenden Fußes abzuzeichnen mit dem Resultat von 1:0.

Man hatte wirklich aufgegeben, ja, fast spontan und fast ohne Besinnen der Vielfältigkeit des Schachspiels und ohne eine einzige Variante wirklich zu Ende zu berechnen, abgesehen von jenem Gedanken, eine versteckte Möglichkeit zu suchen.

Die erste Überraschung folgte direkt nach dem gegnerischen Zugriff auf die ausgestreckte Hand. „Ja, danke, äh, aber, wieso gibt’s du denn auf?“ Nun, man führte rasch vor was man (einzig) gesehen hatte: 1. ... h7xg6 2. Dg5xg6+ Kg8-h8 3. Dg6-h6+ Kh8-g8 4. Dh6xf8+! mit Gewinn. Der Gegner, mittlerweile längst Freund, Atila, überrascht: „Oh, das habe ich ja gar nicht gesehen. Ich dachte, es wäre Dauerschach.“ Nun, zuzutrauen ist ihm allemal, dass er den Zug noch vor der eigens eingeleiteten Zugwiederholung mit sich wiederholenden Schachgeboten von g6 und h6 aus, gesehen hätte, aber dennoch: eine Chance war es ja zumindest, die man da verpasst hat.

Man setzte sich zur Heimfahrt ins Auto, sicher ein wenig schockiert, ebenso nachdenklich, aber nicht zur längeren Analyse mit Gegner bereit. Im Auto begannen die Gedanken um die Schlussstellung zu kreisen. Was wäre eigentlich, wenn...? Die erste Idee war diese: Warum habe ich Hornochse denn aufgegeben, wo die Stellung doch gewonnen war? Wie?

Nun, man verfiel auf die Idee, zunächst den Springer herzugeben, dann den Turm zu retten und schließlich den Freibauern zu stoppen : 1. ... Sf1-g3+ 2. h2xg3 Tf8-f1+ 3. Kh1-h2 Kg8-f7. Selbstverständlich hätte man, wenn man gesehen hätte, dies Zugfolge gewählt, ausprobiert. Nur erkannte man doch bald, dass in der Schlussstellung dieser Variante der Zug 4. Dg5-e5! gewänne. Man hätte sich zeigen lassen, na klar, man hätte sich zeigen lassen müssen, keine Frage, Nur beruhigte man sich insoweit, als die Stellung ja „glücklicherweise“ doch verloren war.

bannersr400anzZu Hause angekommen und Kopf noch lange nicht in Ruhe befindlich fütterte man sein (archaisches) Schachprogramm mit der Stellung. Würde jener die Berechtigung akzeptieren? Gab es nicht doch noch eine Möglichkeit?

Fritz grübelte wirklich nur ganz kurz und spuckte den total verblüffenden Zug (in der Aufgabestellung {nicht etwa der AufgabeNstellung!} nach 1. Sf4xg6) 1. ... h7-h6! aus. Zugleich schätzte er die weiße Stellung, wenn überhaupt vorteilhaft, dann nur sehr gering und keinesfalls als aufgabereif ein, hätte doch der weiße zumindest noch diese oder jene Klippe zu umschiffen gehabt.

Nun schlug man sich wirklich gegen den Kopf. Eine völlig sinnlose, total übereilte Aufgabe in (halb) spielbarer Stellung, ohne auch nur den leisesten Gedanken an das Auffinden versteckter Ressourcen (wie den beiden gezeigten Varianten) zu verschwenden? Nein, das war nun wirklich mehr als dumm.

Ein paar Minuten später war der Computer so weit. Er hatte die folgende Variante gefunden:

1. Sf4xg6 h7-h6 2. e7xf8D+ Db4xf8 3. Dg5-e5! Df8-g7 (einziger Zug) 4. De5-e8+ Kg8-h7 5. Sg6-f8+ Kh7-h8 (einziger Zug) 6. Sf8-e6+ Dg7-g8 7. De8-e7! (droht 8. De7-f6) 7. ... Dg8-g6 8. De7-d8+ Dg6-g8 (auf 8. ... Kh8-h7 folgt 9. Se6-f8+) 9. Dd8-f6+ Kh8-h7 10. Se6-f8+ mit Damengewinn.

Alternativ rettet auch 7. ... Dg8-g4 die Partie nicht, jedoch gewinnt hier Weiß „nur“ prosaisch den Springer f1 durch den (noch zu findenden) Zug 8. h2-h3, wonach Schachgebote nicht helfen ( 8. ... Sf1-g3+ 9. Kh1-h2 Sg3-f1+ 10. Kh2-g1) und die Dame die g- Linie halten muss wegen Matt auf g7, aber den Angriff auf den Springer e6 nicht aufrecht erhalten kann.

Insgesamt schließt der Computer irgendwann mit soliden +5 (oder mehr) für Weiß, wonach man getrost aufgeben dürfte.

Keine Frage, dass man nicht nur im Sinne eines eigenen. möglichen guten Ergebnisses die Partie hätte fortsetzen müssen, nein, man hätte auch der Schachwelt ein kleines Kunstwerk mit der hübschen Gewinnführung vorenthalten -- so sie denn der Gegner gefunden hätte. Immerhin wurde hier der Versuch gestartet, sie zu erhalten.

4)Was beendet eine Partie?

Ein kleiner philosophischer Exkurs zum Abschluss, selbst wenn man reichlich weitere Beispiele parat hätte für Aufgabe zur rechten oder zur Unzeit (und diese vielleicht in einer Fortsetzung präsentieren könnte).

Man lernte autorenseitig im Schiedsrichterlehrgang Mitte des Jahres 2011, dass sowohl eine Pattstellung als auch eine Mattstellung die Partie unwiderruflich beenden würde. Ebenso wurde erwähnt, dass eine Partieaufgabe diese beendet und das ein spontanes shakehand – aus einem praktischen Beispiel – weder als Danksagung noch als Entschuldigung noch als Akzeptanz des Remisangebots ausgelegt werden könne ohne andere Anhaltspunkte, sondern ebenfalls die Partieaufgabe bedeutete.

Andererseits erfuhr man in dem gleichen Lehrgang, dass es den kuriosen Fall gab, dass ein Spieler eine Partie aufgab, beide den ausgelegten Zettel mit dem eingetragenen Ergebnis unterzeichneten und diesen bei der Turnierleitung abgaben. Als sich am Ende der Runde herausstellte, dass das Ergebnis verkehrt herum eingetragen war, bestand der davon Bevorteilte aber auf Beibehaltung des Ergebnisses. Seine Argumentation insoweit logisch (selbst wenn damit nicht zum Vorbild empfohlen): „Er hat unterzeichnet, dass er verloren hat. Also hat er verloren.“

Tja, was beendet eine Partie also wirklich? Die Aufgabe ist es nicht ... höchstens hätte man jene, dies herauszufinden.

Kommentare   

#1 schmusebaer26 2012-01-11 19:25
Nun wenn ich (DWZ ca. 1700) am Vereinsabend gegen einen Clubkamerad (DWZ ca. 1900) im Blitzen mal schlecht stehe und z.B. eine Figur eingestellt habe, pflegt er - leicht ungeduldig - gerne mal (rhetorisch) zu fragen, woran man einen guten Schachspieler erkenne (durchs frühe aufgeben nämlich). Selbiger Spieler wird aber gern leichtsinnig und übermütig, wenn im Vorteil und hat es schon "geschafft", nach meinem Dameneinsteller noch eine Partie zu verspielen, weswegen ich dann gerne mal erwider, dass durch Aufgeben aber noch keine Partie gewonnen wurde.
Letztlich muss das jeder auch nach Tagesform doch für sich entscheiden, wann Schluss ist. Das Recht, bis zum Matt weiterzuspielen hat man und ab einem gewissen Punkt machts ja auch keinen Spaß mehr, daher regelt sich das im Schachalltag doch von alleine.

Blöd ist nur - da erinner ich germ mal an das Kortschnoi Video hier im Blog - wenn aufgrund eines großen Spielstärkeunterschieds die Stellungsbewertung weit auseinander geht. Da sollte man für den Schwächeren ein gewisses Maß an Toleranz mitbringen (wenn er die kaputte Stellung als solche nicht erkennt) bzw. Respekt dem Särkeren ggü. (da muss man ja nicht alles bis zum Ende weiterspielen, wenn man selbst fühlt, es taugt nichts, dann wirds jemand mit 200-600 Punkten mehr wohl zu Ende bringen können).
#2 Gerhard 2012-01-11 22:51
Ja, wann sollte man aufgeben?
Wenn man zum Flieger muß! Tatsächlich gab und gibt es wohl Schachfreunde, die, um eine Mannschaft komplett zu machen, antreten, ohne je die Chance zu haben, die Partie fertig zu spielen.
Mancher gab da schon nach 3 Zügen auf…und hinterlies vielleicht einen Gegner, der 3 Stunden unterwegs war, um diese Partie zu spielen!
Ich hatte mal einen Gegner, der trotz Figurenverlust und – 600 DWZ nicht aufgeben wollte. Ansonsten immer die Fairness selber, verzog ich mich nach einer gewissen duldsamen Phase in ein nahegelegenes Cafe‘ und schaute gelegentlich nach, wie meine Partie stand.
Korrekt war das nicht, aber ich sorgte so wenigstens für mich.
Ich denke manchmal bei Großmeisterpartien, die sich jenseits einer gewissen Marke weiterziehen: Wieso nicht, WENN der Gegner wirklich hochklassiges Schach gezeigt hat, ihm zur Ehre rechtzeitig aufgeben und seine Leistung honerieren?! Spasski soll das ja mal gemacht haben, als Fischer 1972 die 5te (?)Partie gewann. Er stand auf und applaudierte!
Meine eigenen Erinnerungen weisen leider solche Beobachtungen nicht auf. Aber vielleicht ähnliche, schwächere: In einer Bundesligapartie wurde ich gewahr, wie der Gegner meines Mannschaftskamerads plötzlich ausrief: „Jetzt ist es genug!“. Er fühlte sich überspielt und obwohl materiell noch garkein Übergewicht vorlag und es auch dem König nicht zu Krage ging, zog er es vor, aufzugeben. Vermutlich war die Stellung einfach nicht sein Standard und er fand es unter seine Würde, weiterzuspielen.

Die Anmerkung der Kinder: „Muß man eine Aufgabe annehmen?“ rührt vielleicht noch an eine Ehrschranke, die im Zeichen des Wettkampfkults verloren gegangen ist. Ich kann mich an 2, 3 Schachspieler erinnern, denen zuzutrauen gewesen wäre, dem Gegner weitere Bedenkzeit nach einer Aufgabe einzuräumen. Das sind dann zumeist die, die eine geschlossene, „schöne“ Partie haben wollen, ohne Abbruch zur Unzeit. Die Stellungen wie eine blühende Wiese begreifen und ob ihrer Schönheit andächtig verharren.
#3 schmusebaer26 2012-01-12 22:18
zitiere Gerhard:
Ja, wann sollte man aufgeben?
Wenn man zum Flieger muß! Tatsächlich gab und gibt es wohl Schachfreunde, die, um eine Mannschaft komplett zu machen, antreten, ohne je die Chance zu haben, die Partie fertig zu spielen.

Stimmt! Das habe ich beim Mannschaftskampf vor 3 Jahren mal miterlebt. Allerdings war dem Spieler das Schachglück hold und sein Gegner hatte das gleiche Problem. Kaum losgelegt, stand es daher nach ca. 30 Min. 1/2 zu 1/2. Zufälle gibts!

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