Diese Seite drucken

Aus der Provinz (II):

Verblichener Charme im Ruheraum Verblichener Charme im Ruheraum

 

Während in Wijk aan Zee unter den Augen der Weltöffentlichkeit Schach auf spielerisch wie organisatorisch hohem Niveau gepflegt wird fand ein ähnliches Schachfestival auch im tschechischen Marienbad statt: drei Rundenturniere für Titelträger und solche die es werden wollen, dazu noch ein Open fürs gemeine Schachvolk zur Abrundung. Im Westböhmischen blieb die Öffentlichkeit abgeschnitten vom Geschehen, und das war auch gut so, denn vorzeigbar war die Veranstaltung beileibe nicht.

Schon seit Jahren wollte ich mal in solch einem Rundenturnier mitspielen, bei dem man jeden Tag einen gleichstarken oder stärkeren Gegner bekommt. Üblicherweise spiele ich nur in den Open in meiner näheren Umgebung. Da treffe ich in neun Spielen meist auf sechs oder mehr Gegner, die ich durch meinen Elovorteil eigentlich zu schlagen habe. Zudem wollte ich mal wissen, ob ich mit über 40 noch in der Lage bin, auf Großmeister-Norm zu spielen. Dummerweise schlug ich vor ein paar Jahren die Einladung zu einem Rundenturnier in Wien aus, um stattdessen ein anderes Turnier zu spielen –dies wurde dann das allerschlechteste meiner „Karriere“! Hoffentlich werde ich irgendwann noch einmal nach Wien eingeladen?!

http://schach.wienerzeitung.at/Tnr2582.aspx?art=4

So nahm ich die Chance wahr, zu Jahresbeginn in Marienbad, tschechisch Marianske Lazne, zu spielen. Zunächst muss man sich „einkaufen“, sprich Startgeld in nicht unbeträchtlicher Höhe entrichten. Das verstehe ich durchaus, nur hätte ich dann auch was fürs Geld geboten, nicht „nur“ die nackte Voraussetzung, gegen drei Großmeister spielen zu dürfen.

Vor Ort erwartete mich ein Kulturschock. Zwar ist Marienbad insgesamt ganz reizend, viele alte Villen sind renoviert und auf Hochglanz poliert worden. Barocke Pracht blitzt durch die Baumreihen hervor, üppige vier Sterne-Plus-Hotels gibt es zuhauf. Solcherlei Zuckergussansichten kennt man aus der Internetberichterstattung, ich denke da an das Duell Snowdrobs versus Oldhands (Mädels gegen Altmeister), ein Format, das seit ein paar Jahren in Marienbad unter ausgezeichneten Bedingungen stattfindet. Doch zunächst bot sich mir dieses Bild dar: kalter Winter, Nebensaison, das in die Länge gezogene Städtchen (besteht im Prinzip nur aus einer langen Strasse) eher verwaist, die kulturellen Angebote ausgedünnt, Museen geschlossen. Aber vor allem: das Hotel Kossuth, das Spiellokal, ist von der Aufbruchsstimmung der tschechischen 90er nicht berührt worden. Es befindet sich in einem erbarmungswürdigen Zustand, wenngleich man erahnen kann, dass es vor hundert oder mehr Jahren reichlich Glanz versprühte, denn es bietet, an einem erhöhten Ort liegend, einen prächtigen Blick über den Marienbader Kessel. Der Bau an sich, aus drei aneinander gereihten Häusern bestehend, ist riesig, wuchtig und würde die ideale Grundmasse für eine Nobelhotelkette bieten.

Leider hat sich in Zeiten des Sozialismus und auch danach niemand seiner erbarmt und so führt das Haus heute eine Notexistenz und treibt gelassen seinem Untergang entgegen. Als es mal stark regnete wurden im Flur große Eimern verteilt, um den Regen, der durch das marode Dach triefte, aufzufangen. Behelfszustand und Resignation eben.

Für eine Provinzveranstaltung des Schachsports bietet so ein kostengünstiges Ambiente den willkommenen Rahmen. Es ist ja nicht zuletzt eine Geschäftsidee, die die Organisatoren von Czechtour umtreibt, und so gilt es mit möglichst wenig Kosten und Aufwand die Struktur zur Verfügung zu stellen. Ansprüche, so lernte ich, muss man freilich zurückstellen und alles dem Ziel, Norm, unterordnen. Ich bemühte mich und es funktionierte auch. Anfänglich fiel es mir noch schwer, mich mit dem Spielmaterial anzufreunden. Als Bretter dienten vergilbte braun-gelbe Kartons, aus zwei Teilen bestehend und in der Mitte mit einem dunklen Klebeband zusammengehalten. Einmal war das Klebeband auf meinem Brett so breit wie eine Reihe, so dass es wirkte, als hätte das Brett neun Reihen – ich tauschte es schnell aus. Zwischendurch fand ich es auch ganz amüsant in diesem vor sich hinwelkenden Hotelrelikt in seinem muffigen Plüsch, und wenn sich mal eine Sprungfeder meines Stuhles knarzend durch den Stoff Bahn brach oder der Untersatz bei jeder Bewegung zu zerbersten drohte, nahm ich das belustigt hin, schnappte mir einen freien Stuhl, der noch robust wirkte, und spielte unverdrossen weiter.

Drei Großmeister, allesamt ihrer besten Zeit schon entwachsen, stellten sich der Veranstaltung zur Verfügung, von denen einer, Malanjuk, vor ein, zwei Jahrzehnten noch zur erweiterten Weltspitze zählte. Sein Genie blitzt auch hie und da auf, vor allem in der Post-Mortem-Analyse, die ich mit ihm führen konnte. Ansonsten betätigten sich die Großmeister überwiegend als Remisschieber. Kamen im Trainingsanzug und mit Schlappen zum Brett, wurden im Hotel Kossuth abgespeist, zogen ein paar Mal, boten Remis und gingen wieder auf ihr Zimmer. Von den fünf Partien des Großmeisterturniers waren zwei oder gar drei stets nach wenigen Zügen beendet, die gleichzeitig stattfindenden IM-Turniere boten deutlich mehr Abwechslung und Kampfgeist.  Gern traf man die Großmeister auch beim Rauchen auf dem Flur an. In Tschechien gehört der blaue Dunst noch zum Alltag, in Gaststätten gibt es stets ein Raucher- und ein Nichtraucherzimmer. Aber wehe, wenn die Großmeister provoziert werden! Ich erdreistete mich als einer der wenigen, Remisofferten auszuschlagen beziehungsweise opferte als Schwarzer frühzeitig einen Bauern, um die Titelhalter gleichsam zum Spielen zu zwingen. So kommentierte Malanjuk meine Eröffnungswahl 1.d4 Sf6 2.Sf3 c5 3.d5 e6 4.Sc3 b5!? nach 5.dxe6 fxe6 6.Sxb5:

Malaniuk

„I was one pawn up – I couldn`t offer draw!”

Die verdiente Strafe folgte auf dem Fuße: ich musste zweimal gegen die Altmeister hinter mich greifen. In der Tabelle warf es mich auch zurück, doch darauf kam es nicht mehr an, die Norm (6,5 aus 9) war eigentlich nach 5 Runden (2,5) kaum mehr zu erreichen.

http://czechtour.net/marienbad-open/results-and-games/

Dass es alternde Schachprofis nicht leicht haben weiß man eigentlich schon, und doch ist es irgendwie deprimierend, aus nächster Nähe zu sehen, wie sich etliche Profis ihr Gnadenbrot in zugigen Kaschemmen verdingen müssen, ihre Zahl ruinierend und immer bereit, mal ein Spiel für etwas Taschengeld verkaufen zu können. Wozu will ich eigentlich Großmeister werden, wenn solche Aussichten locken?!

Ich bin jetzt auch erst mal „geheilt“ und verspüre zunächst mal keine Lust mehr auf eine „Ochsentour im Osten“. Es gibt sicher eine glamouröse Seite im Schach. Da partizipieren die oberen 2700er und noch die Spitze im Damenschach. Schön ist es auch, nachdem man mal eine andere Perspektive eingenommen hat, wieder zu erkennen, auf welch hohem Niveau hierzulande viele Schachveranstaltungen, offene Turniere ausgetragen werden. Was freue ich mich nun wieder auf Deizisau, dem Mekka des Deutschen Schachs über Ostern! Aber es gibt etwas, das weder attraktiv noch erstrebenswert ist. Schach am Rande des Existenzminimums. Schach am Rande der Gesellschaft. Schach verzagt eben. Und diese Seite unseres einst edlen Spiels ist leider gar nicht so selten anzutreffen…

 

Die Teilnahme an unserer Kommentarfunktion ist nur registrierten Mitgliedern möglich.
Login und Registrierung finden Sie in der rechten Spalte.