Ausgleich!

{showChessDiagram}r2qr1k1/1ppb1ppp/3p4/p2P4/Pn6/4P1P1/1PNQ1PBP/R4RK1 b - - 0 17{/showChessDiagram}

Schachfans, die sich in diesen Tagen sehnlichst einen möglichst langen Kampf wünschen, am liebsten inklusive Tiebreak gipfelnd in einer Blitzpartie, die über den Titel entscheidet, wurden am Dienstag erhört. Nach einem langen Endspiel gelang Topalow endlich erstmals seit der ersten Partie wieder ein, wenn auch am Ende glücklicher Sieg, mit dem er seinen Aufwärtstrend, beginnend ab der fünften Partie, vorläufig krönen konnte. Anand behandelte dieses Endspiel, wie die Analyse zeigt, allerdings auch erschreckend schwach. Das Match ist nun bei vier ausstehenden Partien augenscheinlich total offen und wir können uns, selbst wenn überraschend einer der beiden zusammenbricht, auf mindestens drei Partien spannendes Schach freuen.

Topalow - Anand (8)

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.Se5 e6 7.f3 c5 8.e4 Lg6 9.Le3 cxd4 10.Dxd4 Dxd4 11.Lxd4 Sfd7 12.Sxd7 Sxd7 13.Lxc4 Tc8

Und täglich grüßt das Murmeltier! Wieder hält Topalow Anands etwas passiven Slawisch-Aufbau für stürmbar und weicht nicht ab. Wieder ist der Inder bereit, die etwas schlechtere schwarze Stellung zu verteidigen. Diesmal will er allerdings wenigstens nicht wieder zu einem Aufbau mit dem hässlich aussehenden ...Tg8 verdonnert werden und wählt mit 13...Tc8 einen Aufbau, in dem der weiße Läufer c4 abgetauscht wird, wodurch Schwarz, schneller zu ...f7-f6 kommen kann, weil e6 nicht hängt. Der Nachteil ist dabei die Königsstellung.

14.Lb5 a6 15.Lxd7+ Kxd7 16.Ke2

Schwarz leidet hier nicht so sehr an einer schlechten Struktur, sondern schlicht an der fehlenden Zeit, seine Entwicklung zu beenden. Er braucht noch drei Züge - ...f6, Ld6 und Ke7, um sich vollständig zu mobilisieren. Er schafft aber zu seinem Leidwesen im Moment nur zwei davon.

16...f6 17.Thd1 Ke8

Nach dem erwünschten 17...Ld6? gewinnt 18.e5! bereits Material.

18.a5N

Partie8-18-a5

18...Le7?!

Was war hier mit der weltmeisterlichen Vorbereitung los? 18.a5 ist zwar formell eine Neuerung, aber sollte doch keinesfalls eine Überraschung sein? Jedenfalls waren hier wohl zwei Möglichkeiten vorzuziehen:

a) 18...Tc6!?, mit der Idee, den Läufer aktiver nach d6 zu stellen, drängt sich schon deshalb auf, weil es vom großen Garri Kasparow favorisiert wurde.

b) 18...Lb4! mit der Idee eines Schein-Turmopfers nach 19.Tac1 Ke7 20.Sa4 Le8! 21.Txc8 Lb5+ und Schwarz übernimmt die Initiative.

Nach der passiven Fortsetzung Anands entwickelt sich das Spiel im Sinne des Weißen.

19.Lb6 Tf8 20.Tac1 f5

Er muss es tun, denn - wie auch schon Jörg Hickl und mir bei der Liveübertragung aufgefallen war - Schwarz kann seinen komischen Knäuel nicht mehr ohne Preisgabe eines der Felder d7 oder d8 entwirren.

21.e5

Natürlich begnügt sich Topalow nicht mit einer unbedeutenden Schwächung der schwarzen Bauernstruktur nach 21.exf5 Txf5 auf, denn im Gegenzug erwachen die schwarzen Läufer.

21...Lg5

Hungrig nutzt der Läufer die ihm gebotene Freiheit.

22.Le3 f4?

Partie8-22-f4

Das ist umso schwerer nachvollziehen, dass es sowohl positionell als auch taktisch doch einige Mängel aufweist. Natürlich musste er hier 22...Lxe3 23.Kxe3 f4+ wählen und wie die Theorethiker zeigten, ist das Endspiel nach 24.Kd4! Ke7 25.Se4 Lxe4 26.Kxe4 g5 haltbar für Schwarz - auch wenn ich verstehen kann, warum man auf den ersten Blick anderer Meinung sein kann.

23.Se4!

Hatte Anand diesen Trick etwa übersehen?

23...Txc1 24.Sd6+ Kd7

Topalow schätze bei der anschließenden Pressekonferenz seine Stellung nach dem Springerschach auf d6 als beinahe gewinnbringend ein. Möglich, dass diese Einschätzung etwas zu optimistisch ausgefallen ist.

25.Lxc1 Kc6 26.Ld2?!

26.Td4 hatte durchaus seine Reize- bereitet nicht nur eín Schahc in der c-Linie vor, sondern nimmt auch sofort den Bauern f4 auf den Radar.

26...Le7 27.Tc1+ Kd7 28.Lc3?

Hier stöhnten alle Kommentatoren dieser Welt laut auf. Warum tut er das? Nach Meinung praktisch aller hätte das logische 28.Lb4 einen deutlich größeren Vorteil versprochen.

28...Lxd6 29.Td1 Lf5 30.h4!

Im bevorstehenden Endspiel wird die schwarze Schwäche auf f4 Topas einziger Trumpf sein.

30...g6?

Die Ursache der Schwierigkeiten. Er will doch eh die Türme tauschen?! Dann zieh doch gleich 30...Td8!

31.Txd6+ Kc8 32.Ld2! Td8 33.Lxf4 Txd6 34.exd6 Kd7

Ein spannendes Läuferendspiel ist entstanden. Die entscheidende Frage ist die, ob es dem weißen König gelingen wird, auf den Königsflügel zu gelangen und dort einen zweiten Freibauern zu organisieren. Guckt man sich auf dem Markt der angebotenen Kommentare um, so scheint die vorläufige Antwort auf diese Frage ein "Nein" zu sein. Aber dieses Endspiel wird die Menschen noch sehr lange beschäfitgen!

35.Ke3

Partie8-35-Ke3

35...Lc2 36.Kd4 Ke8 37.Ke5 Kf7 38.Le3 La4 39.Kf4 Lb5 40.Lc5 Kf6 41.Ld4+ Kf7

Er traut sich nicht, zu der prinzipiellen Alternative 41...e5!? zu greifen, die auf Kosten eines weiteren Bauern die wichtige Diagonale c8-h3 aufmacht und auf diese Weise die Infrastruktur der schwarzen Stellung verbessert. Im Prinzip sollte sich Vishys Wahl ja auch als richtig erweisen, im Prinzip...

42.Kg5 Lc6 43.Kh6 Kg8 44.h5 Le8!

Bietet dem Gegner freundlich an, den Schwächling auf h7 wegzutauschen. Der Bulgare lehnt genau so freundlich dankend ab.

45.Kg5 Kf7 46.Kh6 Kg8 47.Lc5 gxh5

Er muss wegen Zugzwangs zugreifen, aber der Rückgewinn des Bauern wird den weißen Monarchen einige Stücke Gelände kosten.

48.Kg5 Kg7 49.Ld4+ Kf7 50.Le5 h4! 51.Kxh4 Kg6

Hier hätte die Partie im Prinzip vorbei sein können. Remis! Wie um alles in der Welt soll Weiß zu einem zweiten Freibauern kommen?

52.Kg4 Lb5 53.Kf4 Kf7

Beileibe nicht falsch, aber warum dem Weißen wieder den Raum anbieten?!

54.Kg5 Lc6??

Partie8-54-Lc6

Das ist aber wirklich ziemlich hart - so viele Verlustzüge hatte Anand hier nicht zur Wahl. Er "findet" einen davon aber mit schlafwandlerischer Sicherheit. Die vorherige Knetarbeit Topalows findet doch noch Früchte!

Der Trick liegt darin, dass nun der für einen Moment passivierte Läufer nicht mehr dazu kommen wird, den Bauern h7 zu verteidigen. Nötig war hier einer der Züge wie 54...Ke8 oder 54...Ld3, um dann nach 55.Kh6 einfach nichts mehr zu machen und nur noch zu reagieren. So ist aber der schwarze König für immer und ewig vom Freibauern d6 abgelenkt und es genügt, den weißen König nach e7 zu bringen...

55.Kh6 Kg8 56.g4 1-0

Für den Geschmack vieler Zuschauer, die eine Auflösung dieses Schach-Krimis sehen wollten, warf hier der Inder zu früh das Handtuch. Ich dagegen kann seine Entscheidung voll nachvollziehen - er wusste bereits genau, was ihn erwartet und wollte diese, von ihm phasenweise schwach gespielte Partie nicht mehr sehen.

Weiß hätte sich andernfalls im Folgenden leicht das Feld f6 für den König freigekämpft mittels 56...Ld7 57.g5 Lc6 58.Lg7! (touche!) 58...Le8 59.f4 (Zugzwang) 59...Ld7 60.g6 hxg6 61.Kxg6 nebst Kf6, Lh6 und dann wird der traurige schwarze Läufer ein Opfer der Freibauern.

Die Teilnahme an unserer Kommentarfunktion ist nur registrierten Mitgliedern möglich.
Login und Registrierung finden Sie in der rechten Spalte.