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Bad Wörishofen 2016 - Abschlussbericht

Dick im Geschäft (v. l.): Igor Naumkin, Aloyzas Kveinis, Jan Werle, Aleksandar Karpatchev Dick im Geschäft (v. l.): Igor Naumkin, Aloyzas Kveinis, Jan Werle, Aleksandar Karpatchev Chessorg, Jürgen Wempe

Werder ist überall! Reicht es nicht, dass Werder Ruhm, Ehre und Unsterblichkeit in der Schachbundesliga erkämpft hat, indem sie am 13.3.2016 Baden Baden mit 5:3 besiegt haben und damit Solingen den Gewinn der ersten nicht badischen Meisterschaft seit Bobby Fischers Geburt wesentlich erleichtern? (Anm. des Autors: Ich verwende dieses Vergleichsereignis nicht, weil ich der weit verbreiteten Bobby-Obsession erlegen bin, wenngleich ich einst in Island andere Schachtouristen mit bösen Worten von (nicht an!) Bobbys Grab verscheucht habe, sondern, weil es die Seltenheit und Wichtigkeit dieser Großtat besonders betonen soll) Offensichtlich nicht. Bei mir im Hotel abgestiegen war Stephan Buchal, der sich hartnäckig weigerte, zur Bremer SG zu wechseln. Nichts gegen Dich, Olaf! Aber die BSG als Ex-Verein ist mir dann doch näher. Außerdem hat es ja nichts genutzt und es wäre durchaus möglich gewesen, dass mir das schon wieder jemand übel genommen hätte. Überhaupt: Was machen so viele Werder-Spieler im tiefen Süden? Aus Wettkampfgründen in München lasse ich aus Gründen der Tradition ja noch gelten - wer erinnert sich nicht an legendäre Schlachten mit Pizarro auf beiden Seiten? Aber sonst? Es gibt doch sehr schöne Turniere auf halber Strecke, vom alljährlichen Sekt-oder-Selters Turnier zu Pfingsten in Bielefeld über Dortmund bis zum Open der Schachfreunde aus Bad Godesberg. Die billige Ausrede, dass die ja alle nicht im März stattfinden, kann ich bei Betrachtung des Anreiseweges nicht gelten lassen. Vermutlich wird es ein Geheimnis bleiben.

 

Ebenfalls in meinem Hotel einquartiert hat sich ein Schachfreund, der Hosenträger der Düsseldorfer Fortuna trug und mir als Effzeh-Fan damit schon beim täglichen Frühstück den Blutdruck steigen liess. Der Mann, der mich optisch unweigerlich an einen tierischen TV-Star erinnerte, den hier zu nennen vermutlich fälschlich als Beleidigung interpretiert würde, war bedauerlicherweise ansonsten ausgesprochen nett, so dass ich hier leider keine unqualifizierten Vorurteile gegenüber der Düsseldorfer Fortuna mehr anbringen kann. Überhaupt hätte ein Karikaturist bei diesem Turnier enorm viele Mustervorlagen an erstklassig karikierbaren Schachfreunden zur Verfügung gehabt. Ich wünschte zwischendurch mehrfach, ich hätte auch nur den Funken von Zeichentalent oder einen Karikaturisten an der Hand. Die Vermarktung hätte mich garantiert reich und in Schachkreisen berühmt gemacht. Was für eine verpasste Chance...

 

Wieder zum schachlichen Aspekt des Turniers:

Wenn man sich die Führenden der letzten Runden mal so angesehen hat, dann musste man sich zwangsläufig fragen, ob diejenigen, die an Schach als Sport zweifeln, nicht doch Recht haben. Igor Naumkin, Aloyzas Kveinis und Aleksandar Karpatchev auf den Plätzen 1, 2 und 4 übertreffen sogar mich, ohne Nachmessen zu müssen, an Körperfülle und Schachqualität. Jan Werle (Werder!) als Dritter geht im Vergleich als hagerer Schuljunge über die Ziellinie. Wenn man dann noch an Vladimir Epishin, den zunehmend zunehmenden Arkadij Naiditsch und den früheren Peter Svidler denkt, wird einem ganz schwermütig. Naja, trotz dieser schwerwiegenden Indizien zur Relation zwischen Körpergewicht und schachlicher Meisterschaft versuche ich mich schachlich zunächst ohne forcierte Gewichtszunahme zu verbessern.

 

Das Turnier blieb auch weiterhin vergleichsweise leise, die Störungen kamen, wenn überhaupt, von Senioren, die ihr post mortem auch nach Hinweis auf noch laufende Partien, im Turniersaal und nicht wortlos hinter sich bringen wollten. Das blieb aber ein Einzelfall. Dass die blinden Schachspieler um Oliver Müller (woher kommt der wohl? Natürlich. Von Werder.) ihre Züge ansagen müssen, lasse ich als Störung nicht gelten, auch wenn eine Schachfreundin ihre Züge gelegentlich durch den ganzen Saal ansagte.

Als besonders erwähnenswert darf ich nicht vergessen, dass man sich an vielen Stellen in Bad Wörishofen pflegen lassen konnte. Ich hatte einen professionellen Masseur im Hotel, der mich in 5 Sitzungen so weich klopfte, dass ich meine Verspannungen von Rücken und Nacken in nutzbringende Anspannung im Hirn während der Partien umwandeln konnte. Sehr erfolgreich, nebenbei bemerkt. Auch das sollte mal gesagt werden: Beim Schach besser zu werden, ist keine Frage des Alters, sondern der Trainingsqualität und des eingesetzten Trainingsaufwands. Ich habe dafür zahlreiche Beweise und Schachfreund Jörg Hickl, der schon alleine für den Betrieb dieses Blogs regelmäßig lobend erwähnt werden sollte, (von seinen schachlichen Erfolgen noch ganz abgesehen,) sicherlich auch.

 

Was bleibt übrig:

Leises Turnier mit vielen Schiedsrichtern, die wissen, was sie tun, wenige Kinder, viele blinde Schachspieler, angenehme Umgebung, hohes Startgeld, dafür eine Menge Gegner mit Ratings zwischen 1900 und 2250 und neben der hübschen Landschaft gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten, sich körperlich zu pflegen. Wer abends Parties sucht ist allerdings eher falsch hier. Alles sehr entspannend!

Dennis Calder

Engagierter Schach-Spüler mit Hang zu salopper und ironischer Ausdrucksweise. Außerdem noch Fide-lizenzierter Trainer (Fide Instructor) und Buch-Rezensent.

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