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Brutale Bauernendspiele I

Neulich in der Oberliga Württemberg ergab sich folgendes brisante Bauernendspiel:

zellerg51

Weiß am Zug

Harry Messner  (2154) – Gerd Bader (2063)

Stellung nach 45. …g6-g5!

Wie würden Sie die Stellung einschätzen? Kann Weiß am Zug gewinnen? Oder gerade noch Remis halten?

Mein Mannschaftskollege, der die schwarzen Steine führte, kämpfte ums Remis – so dachten wir alle, denn noch wenige Züge zuvor stand er völlig auf Verlust und das sich anbahnende Bauernendspiel schien oberflächlich betrachtet auch sehr günstig für den Weißen zu sein – er plant mit dem König den Bauern auf d4 abzuholen, dann kann Schwarz  aufgeben. Was soll da noch schief laufen, zumal die verbundenen weißen Freibauern eine Macht zu sein scheinen? Doch zwei Dinge über Bauernendspiele lehrt uns dieses Beispiel wieder: verbundene Freibauern im Bauernendspiel dürfen nicht überschätzt werden – viel kostbarer sind meist weit auseinander liegende Freibauern! Und Bauernendspiele sind brutal, weil sie so konkret sind und letztlich jedes Tempo die Dinge schlagartig ändern kann. In keiner anderen Partiephase ist der Grat zwischen Gewinn und Verlust so schmal wie hier!
46.Kf3?, richtig war 46.g4 und nach ...f4 kommen beide Seiten nicht weiter, weil der König jeweils die zwei potentiellen Freibauern bewachen muss, aber der Weiße, der ja schon seit langem den Sieg vor der Nase hat, sieht keine Anstalten, seinen Gewinnplan radikal aufzugeben. Also: 46.g4! f4 (46...fxg4 47.hxg4 d3 48.Kf2! h5 49.gxh5 g4 50.h6 g3+ 51.Kxg3 d2 52.h7=) 47.Kf2 d3 48.Kf3 Kd7 49.c6+ Kd6 50.Kf2 Kc7 51.Kf3 Kd6 52.Kf2=; ebenso geht auch erst 46.d6+ Kd7 und dann 47.g4 fxg4 (oder …f4 =) 48.hxg4 d3 49.Kf2 (auf den Fehler 49.Kf3? sei hingewiesen: …h5 50.gxh5 g4+! gewinnt ein wichtiges Tempo, Schwarz kommt zuerst zur Damenumwandlung) 49...h5! 50.gxh5 g4 51.h6 g3+ 52.Kxg3 d2 53.h7 d1D 54.h8D Dg1+ 55.Kf4 Dxc5=); schlecht war auch 46.Kf2? mit derselben Idee, den König über e2 nach d3 zu führen, wegen 46. …g4! Und Schwarz gewinnt, etwa 47.h4 (47.hxg4 fxg4 48.Ke2 h5 49.Kd3 h4 50.gxh4 g3 51.Ke2 d3+ 52.Kxd3 g2) 47...f4! und Schwarz erhält zwei auseinander liegende Freibauern, die der weiße König nicht halten kann.

zellerh5

46. …h5!!
Wie schwer man sich stets mit der Beurteilung der Bauernendspiele tut (und wie trügerisch vorschnelle Schlüsse sind) zeigte sich vor der Tür, als sich die besorgten Teamkollegen trafen. Wir hofften, Gerd könne noch das rettende Remis erreichen, wonach wir beste Aussichten auf den Gesamtsieg haben würden. Die meisten aus der Runde nahmen …h5 mit leichtem Entsetzen zur Kenntnis! „Warum spielt er nicht das sichere …h6? Das würde doch Remis machen!“ Ich räumte ein, dass das vielleicht gar nicht so klar wäre und es durchaus sein kann, dass …h5 eher remis hält als …h6. Von wegen Remis – das ist das einzige Ergebnis, das in der Stellung gar nicht mehr vorkommt. In Wirklichkeit wäre …h6? ein glatter Verlustzug, denn nach 47.g4! kämpft sich Weiß den Weg nach e4 frei und holt d4 noch rechtzeitig ab. Freilich ist das alles andere als banal nach 47. …f4 48.Ke4 Kd7 49.Kxd4 Ke7 50.Ke4 Kd7, da Schwarz auch einen gedeckten Freibauern hat. Weiß kann nur gewinnen, indem er zunächst den h-Bauern nach h5 spielt, 51.h4! Ke7 52.h5 und danach im richtigen Moment d6 nebst Kd5 folgen lässt: 52. …Kd7 53.d6! Kc6 54.Kd4 Kd7 55.Kd5!! f3 56.c6+. Im Weiteren werden beide Spieler eine Dame bekommen, doch Weiß wandelt mit Schach um und gewinnt den wichtigen Bh6, wonach die Partie theoretisch gewonnen ist.
Dass dagegen 46. …h5!! gewinnt sahen zu diesem Zeitpunkt beide Spieler!  Schwarz wird am Königsflügel durch einen Durchbruch einen zweiten Freibauern bilden können und Weiß wird außerstande sein, diese halten zu können. Zwar hat Weiß die beiden verbundenen Freibauern, aber die sind in diesem Fall erstaunlich zahnlos, der schwarze König kontrolliert sie recht locker.
47.h4 oder 47.Ke2 (47.g4 fxg4+ 48.hxg4 hxg4+ 49.Kxg4 d3) 47. …g4!! 48.h4 f4! und es reicht gerade – Schwarz opfert zwei Bauern und einer kommt dann durch! 49.d6+ Kd7 50.gxf4 g3 51.Kf3 d3–+
47. …g4+ 48.Kf4 48.Ke2 f4! 49.gxf4 g3-+

zellerkf4

Noch Zugs zuvor dachte ich, dass Schwarz nun mit 48. …d3 49.Ke3 f4+! 50.Kxd3 f3 oder ...fxg3 das Remis forcieren kann, denn der weiße König muss auch den schwarzen Bauern im Zaum halten (mein Programm zeigt übrigens hier unbeirrbar +3,5 an!) . Doch langsam dämmerte es mir: warum sollte Schwarz nicht auch gewinnen können, denn, was zieht eigentlich der Weiße nach einem Wartezug? Und prompt spielte Gerd…
48. …Kd7!  
Und siehe da: Zugzwang! Der weiße König blockiert scheinbar wunderbar aktiv, doch sobald er die fünfte Reihe betritt läuft der d-Bauer zur Dame. Ihm bleiben also nur Züge mit den so imposant wirkenden Freibauern, doch die bedeuten auch nur ein sinnloses Wegwerfen. Welch trauriges Los für diese einst so stolzen Burschen!

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