Wünsche an Caissa

Da nun die Hochsaison für Wunschzettel an das Christkind, den Weihnachtsmann und weitere bekannte, aber dennoch anonyme Bittempfänger ist, hat sich die Krennwurzn in ihrer kindlichen Unbefangenheit aufraffen können ebenfalls einen Wunschzettel an die Schachgöttin zu schreiben.

Liebe Caissa,

bevor ich zu meinen Wünschen komme, möchte ich Dir herzlich für das Schachjahr 2011 danken – es hätte für mich wohl nicht besser kommen können. Trotz wenig Zeit für Schach kam ich in den heurigen Urlauben an schönen Orten mit Schach in Berührung. Zuerst im Frühling in Budapest der Besuch des legendären Szechenyi-Bad und dann noch im September eine Werbeveranstaltung für Sport in Florenz vor der Kirche Santa Maria Novella.

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(Schachbretter vor der Kirche Santa Maria Novella in Florenz)

Am Brett hast Du mich dieses Jahr total verwöhnt – ich spielte zwar wie meist grottenschlecht, aber dafür punktete ich hervorragend und blieb bis jetzt ohne Niederlage in einer Turnierpartie – mir ist klar, dass diese Serie beim 20. Donauopen in Aschach enden muss!

Nun aber zu meinem Wünschen – vor allem wünsche ich mir mehr Realitätssinn bei uns Schachspielern und ein wenig mehr Farbe im Denken. Das typische schwarz-weiß-Denken wird zwar vom Spiel vorgegeben, eröffnet aber abseits des Brettes in Kombination mit sportlich ehrgeizigem Sieg oder Niederlagedenken mehr Konfliktpotential und lässt vor allem wenig Raum für das schachtypische Remis – das sich dann Kompromiss nennt – oder sich im Grundsatz „Leben und leben lassen“ wiederspiegelt.

Dann wünsche ich mir weniger Neid im Schach – manchmal hat man das Gefühl, dass sich die Akteure nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln vergönnt sind. Nahezu endlose Diskussion zu Bezügen von Funktionären und Spielern auf Verbandsebene legen hier ein sehr schlechtes Zeugnis ab, wie auch die unsäglichen Diskussion über die Verteilung der Preisgelder. Sei es die unsinnige Frage, ob man Rückflüsse an die Masse der Einzahler (Ratingpreise) zulassen soll oder nicht oder die ebenfalls endlose Fragerei welche Zweitwertung bei Turnieren angewandt werden sollte. Ein besonders krasses Beispiel hierzu ist, dass ein namhafter Schachspieler in diesem Zusammenhang sogar von Gelddiebstahl spricht und offensichtlich gar nicht daran denkt, dass man das als Wunsch nach jener Zweitwertung sehen könnte, die aktuell persönlich das meiste Geld ins Tascherl spült. Ein Wunsch, den nicht einmal Sie verehrte Caissa erfüllen können, denn Zweitwertung kann nicht bedeuten: jedem das Meiste, sondern bedeutet zwangsläufig fast immer „ungerecht“ Teilen. 

Da ich ja unersättlich bin, habe ich noch einen Wunsch, den die FIDE erfüllen könnte und der den meisten Ländern, die keine Schachspieler „exportieren“, helfen würde: ein Spieler ein Verein und zwar weltweit! Die Mitgliederzahlen sinken und viele beklagen, dass es immer schwieriger wird als Profi das Auslangen zu finden und da sollen „Wanderarbeiter“ die Lösung sein? Junge Leute kann man auf Vereinsebene leichter heranführen, wenn es fix bezahlte Profis im Verein gibt, deren Aufgabe neben den Meisterschaftsspielen auch das Trainieren und Sichten von jungen Talenten ist. Ein Verein kann sich dann schwerer eine Kaderliste voller Profis leisten, die nur zu den Spielen anreisen und sonst nicht zur Verfügung stehen. Vielleicht entwickelt sich aus einem fix angestellten Spieler ein „Localhero“ und dieser lockt dann seinerseits junge Spieler und Sponsoren an – wäre das nicht eine Zukunftsvision – gerade für die reichen mitteleuropäischen Länder?

Und da wir schon bei den Sponsoren sind, kannst Du, liebe Caissa, den Profis einmal im Schlaf den Unterschied zwischen einem Mäzen, der Geld zur eigenen Freude verschenkt und einem Sponsor, der für sein Geld eine Gegenleistung haben möchte, klar und verständlich erklären? Auch ein Sebastian Vettel muss Sponsorentermine wahrnehmen und sein Arbeitgeber nagt bei Gott nicht am Hungertuch.

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(legendäres Szechenyi-Bad in Budapest) 

Damit wir mit Schach nicht baden gehen, wäre es auch Zeit mit dem längst nicht mehr gültigen und widerlegten „Mythos vom Talent“ aufzuräumen – sogar in der Fischerdokumentation wurde klar angesprochen was viele moderne Studien längst bewiesen haben: der Erfolg, der zur Meisterschaft führt, kommt vom Arbeiten (viele 10.000e Stunden)!

Ich hätte noch so viele Wünsche, aber der Zettel neigt sich dem Ende, so bleibt mir nur noch zu sagen, dass es mich als Österreicher ungeheuer gefreut hat, dass der schachliche Underdog Deutschland Europameister wurde und mich als Zyniker die Aftershowparty zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Schade nur, dass uns Österreichern auch in Zukunft so eine Chance nicht geboten werden kann.

Deine Krennwurzn

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Natürlich darf jeder wissen wer die Krennwurzn ist und man darf es auch weitererzählen, aber man sollte es nicht schreiben, denn die Krennwurzn hat so eine abkindliche Freude damit „anonym“ zu sein – lassen wir ihr doch bitte diese Illusion!

Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 

Kommentare   

+1 #1 Tiger-Oli 2011-12-23 10:54
Hey Krennwurzn,

hübsch, ich hoffe, für Dich gehen morgen alle Wünsche in Erfüllung!
Leider hat mich Dein Wunschzettel auch ernüchtert, und das ist schade. Ich hoffte bisher, ich wäre ein (kleines) Talent, aber mit den 10.000 Trainingsstunden hast Du mir richtig Angst gemacht. Wann soll ich denn dann einkaufen gehen? Und Fußball gucken?

Wenn ich mal reich sein sollte in diesem Leben, will ich ein großer Schachmäzen werden. Oder ein Schachsponsor. Aber das ist doch das gleiche, oder? Oder ist es dasselbe?

Grüße nach Österreich!
#2 Max Bouaraba 2011-12-24 13:09
Mein liebes Krennwurzn,
defakto ist es meist ein Mäzen der durch seine Begeisterung & Leidenschaft am königlichen Spiel Gefallen an der Überlegung findet, man könne ja mal den ein oder anderen Groschen springen lassen. Vielleicht ist ein jeder ein Mäzen, der sich über seinen Geldbeutel hinaus fürs Schach engagiert. So liebes Krennwurzn würdest auch Du per Definition zum Kreis der Mäzene gehören, denn auch Du opferst hier völlig selbstlos Deine Zeit und Geld, nur um uns hier mit allerlei Östereichischer Spitzfindigkeit zu unterhalten. Zum Sponsor mutiert der Mäzen erst dann, sobald er mit erhobenen Zeigefinger bemerkt, dass er gnadenlos ausgenutzt wird! Als Folge dessen fängt er zunächst subtil später dann schon eher bestimmt an, Forderungen für seine Zuwendungen in den Raum zu stellen die - sollten Sie ihm erst einmal erfüllt werden - ihn zum Sponsoren werden lassen. Schon bald aber wird er aber bemerken, dass das was hier geschieht, nichts mehr mit dem zu tun hat, was er einst einmal beabsichtigte. Arbeit wohin man nur schaut und schon beginnt ihm sein einstiges Engagement lästig zu werden. Was hat er nur falsch gemacht wird er sich fragen. Nichts! Die Bestie Verein verschlingt eben jeden, der sich auch nur ansatzweise engagiert. Deswegen hier meine dringliche Warnung an jeden: passt bloß auf was Ihr da heute in die Kollekte tut! In diesem Sinne, ein frohes Weihnachtsfest nach Östereich, bleibe es tapfer und gesund.
#3 Krennwurzn 2011-12-24 17:00
Lieber Max - mit österreichischer Spitzfindigkeit möchte ich Dir antworten, dass man um als Mäzen zu gelten eine gewisse Geringwertigkeitsschwelle überschritten werden muss und daher die Krennwurzn maximal als unbedeutender Nettozahler im System Schach gelten kann - ein Schicksal, das auf die meisten und dennoch zuwenige zutrifft!

Ein schönes Weihnachtsfest allen Lesern wünscht die Krennwurzn!
#4 Roggenossi 2012-01-03 18:53
Mein österrreichischer Wunsch an 2012 wäre, daß man eventuell die Mumie durch eine - realistisch gedacht - etwas jüngere Mumie ersetzen könnte.

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