Nicht ohne meinen Rechner

Können diese Hände lügen? Können diese Hände lügen? O.St.

Auf Anregung unseres verehrten Lesers Roggenossi berichten wir heute über Computer- und Fernschach.
Viel ist es leider nicht, was die kleine Bremer Redaktion, zumal spärlich besetzt, dazu beitragen kann. Doch weil Computerschach, Fernschach und leicht bekleidete Frauen eigentlich immer als Thema gehen, versuchen wir es einfach mal.


Schach ohne Computer

Früher hat man ohne Computer gespielt. Zwar sagt man Napoleon nach, dass er seine berühmten Partien gegen Madame de Rémusat nur mit Engine-Unterstützung gewann, doch belegt ist es leider nicht.
Erst in neuerer Zeit hielten die Computer Einzug in die Lebenswirklichkeit des gemeinen Schachspielers. Viele von uns werden sich aber noch an die seligen Zeiten erinnern, als es noch keine Möglichkeiten gab, sich in irgendeiner Form auf den Gegner vorzubereiten.


Mannschaftskampf des Schleswiger Schachvereins gegen den Preetzer TSV im Jahr 1985 (!) : am ersten Brett der Preetzer würde wohl Peter Marxen spielen, der amtierende Landesmeister. Wie eröffnet der wohl? Preetz ist ja weit weg, und man hat diesen Marxen hier im Nordbezirk noch nicht so oft am Brett gesehen, eigentlich noch überhaupt nicht. Wahrscheinlich eröffnet er mit 1.e2-e4, meint jemand in der Runde, aber sicher ist das nicht! Doch diese Information ist ja schon besser als gar keine, und so schauten wir dann im Buch nochmal auf Verdacht einige obskure Varianten in der Französischen Eröffnung an, kann ja nicht schaden. Und tatsächlich - es passte genau. Glück gehabt!

slotnik

Damals noch mit Büchern: die Geheimnisse der Französischen Verteidigung von B.Slotnik

Ganz anders da schon die Reise zu den NATO-Meisterschaften nach Aalborg 1986. Mit dem Bundeswehr-Team konnte ich mich damals eine Woche lang von der Grundausbildung abmelden (hurra!), und in Dänemark Schach spielen. Eine gute Alternative, auch wenn die lange Anreise durch ein spärlich behügeltes Land ein wenig eintönig verlief.
Die Sensation allerdings war für mich ein dicker Ordner mit Karteikarten – Wolfgang Berger aus Wilhelmshaven hatte als Team-Captain die Eröffnungen der gegnerischen Spieler in den letzten Jahren so katalogisiert, dass wir immer schon vor der Partie sehen konnten, mit welchen Zügen sie uns wohl begrüßen würden. So ein Verzeichnis hatte ich bis dahin noch nicht kennengelernt, und ich glaube, es half ungemein (immerhin wurden wir NATO-Meister!).

Heute ist das alles natürlich Schnee von vor-vorgestern. Die Jugend zuckt müde mit den Ohren und eilt zurück zum Notebook, um mit der aufgespielten Chessbase-Mega-Big-Datenbank vor der nächsten Runde noch eben die Gegner zu durchleuchten. Keine Überraschungen mehr - it´s you against the machine.

Das Gleiche trifft auf Analyse-Programme zu. Heute gibt es Fritzen, Rybka (oder gibt es den schon gar nicht mehr?), und es gibt Stockfish, den man im Internet irgendwie umsonst bekommen kann. Früher dagegen mussten wir alles noch selber berechnen, und das im Kopf!
Eigens dafür gab es die Hängepartien – bei jedem Mannschaftskampf wurde nach fünf Stunden das Spiel unterbrochen, die Stellung säuberlich notiert, und dann ging´s ab in die Analyseräume, wo sich die Mannschaften innerhalb von 30 Minuten gemeinsam die nächsten Züge überlegen konnten. Die Emotionen kochten dabei oft so hoch wie in der spanischen Primera División, wenn es um die Frage nach dem besten Zug ging.

Und heute? Keine Hängepartien mehr und keine offiziellen Pausen – und das macht auch Sinn, denn es wäre nurmehr ein Ringen der Taschencomputer, die in den dreißig Minuten nach einer guten Lösung suchen würden. Will man das? Nein.


Schach mit Computer

Meinen ersten Computer bekam ich in den frühen Achtzigern. Es war ein Mephisto III – so ein kleines kompaktes Teil, aufregend schwarz, und er piepte, wenn er seinen Zug gefunden hatte.
Der Mephisto III war der jüngste Bruder der Familie, die vorher schon die Modelle I und II auf den Markt gebracht hatte. Dem Münchner Hersteller Hegener & Glaser ging es gut, denn der Markt war ergiebig, und neben den kleineren Modellen gab es auch die noblen Teile, bei denen das Brett gleich mit integriert war. Sehr schick! Die Firma geriet später ins Straucheln, als ein Hamburger Hersteller ein Schachprogramm für den PC entwickelte. Da war es bald vorbei mit den analogen Geräten.
Auch mein kleinen Mephisto geriet in Schwierigkeiten, nachdem ein umstürzendes Weinglas bei einer Silvesterparty bei ihm eine Art Rotweinschaden auslöste. Die Züge kamen nicht mehr so flüssig daher, und manchmal streikte die Anzeige. Das war das Ende des Mephisto III.

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So sah er aus! (Photo von Sascha Warnemünde bei schach-computer.info)

Man weiß, dass heute viele Spieler ihre Partien hinterher noch einmal vom Computer durchleuchten lassen, um versteckte Mängel in der taktischen Berechnung aufzuzeigen. Unangenehme Dinge kommen da ans Licht.
Man sagt auch, das fördert den Blick fürs taktische, doch ich bin mir nicht sicher. Vielleicht fördert es auch nur den Konsum, ohne dass man für die nächste Partie besser gewappnet wäre? Letztlich hilft dann doch immer nur eigenes Denken, aber leider ist auch das oft schon schwierig genug. –

Der unselige Einfluss des Computers ermöglichte solch reizvolle Skandale wie Toiletgate 2006, als Team Topalow bei der Schach-WM dem führenden Team Kramnik vorwarf, auf der Toilette illegal Zugang zu Computerrecherchen zu nehmen. Ähnliche Gerüchte machten die Runde, als Topalow in San Luis 2005 überragender Weltmeister wurde – einige sagen, eindeutige Gesten seines Managers Silvio Danailow hätten ihm dabei hilfreiche Computerzüge übermittelt. Ob´s stimmt, weiß man natürlich nicht. Dennoch – der Einfluss des Computers auf unser Spiel macht sich mehr und mehr bemerkbar.

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Ein wahrer Weltmeister: Vladimir Kramnik (Zeichnung von Emese Kazár, vielen Dank!)


Um Quote zu machen, wollen wir hier auch noch schnell das Thema Fernschach anreißen. Die guten postalischen Verbindungen ermöglichen es dem modernen Menschen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und mit Hilfe von Postkarten die Züge auszutauschen. Das war schon immer gut für SchichtarbeiterInnen, SchrankenwärterInnen, LeuchtturmwärterInnen und Geheimagenten, die keine Möglichkeit fanden, den regulären Vereinsabend zu besuchen. Wer heute keine Postkarten mehr schicken möchte, kann die Züge auch mit Email-Programmen versenden. Der Computer macht es möglich.

Fernschach ist ein interessantes Thema, eigentlich. Die Partien beginnen irgendwann, und nach Monaten erst sind sie beendet. Das britische Schachmagazin Not the British Chess Magazine berichtet sogar von einer Partie, die im Mittelalter von zwei Kreuzrittern begonnen und über die Jahrhunderte trotz einiger Schwierigkeiten bis in die heutige Zeit fortgesetzt wurde. Mit 750 Jahren Spieldauer ist dies wahrscheinlich die längste Fernpartie der Welt – aber wer weiß?
(Sollte einer unserer Leser (Roggenossi?) sogar schon noch länger an einer Partie sitzen – bitte melden!)

Dennoch ist es eines der sieben großen Menschheitsrätsel, warum überhaupt noch Fernschach gespielt wird. Ich hätte bei jedem meiner Züge ein mulmiges Gefühl, dass die Gegner meine Tricks durchschauen und einen ihrer vier treuen Computer auf mich ansetzen. Wenn mein Schach sogar schon in Fünf-Minuten-Partien ständig widerlegt wird – wie soll es denn dann erst beim Fernschach funktionieren? Immerhin habe ich gehört, dass Holländisch eine gute Fernschach-Eröffnung ist. Ich selber würde mich aber auch über 1.g2-g4 freuen.


Schach dem Computer

Die Menschheit steht am Abgrund, seit wir die Vertreter der Menschen von Computern besiegt sehen:

Stefan Raab 2006 – leider verloren gegen Deep Fritz

Vladimir Kramnik 2006 – leider ebenfalls verloren gegen Deep Fritz

kramnik - deep fritz hell

Garry Kasparov 1997 – leider verloren gegen Deep Blue

Anthony Miles 1989 - leider verloren gegen Deep Thought (mit einem fiesen Trick - siehe unten!)

Olaf Steffens 1983 - leider immer wieder verloren gegen Mephisto III


Tja, was kann man tun? Wo auch das Fernschach nun schon von Computern erobert worden ist, bleiben uns eigentlich nur noch im Blitzschach und auch im Schnellschach kleine Reservate für das herkömmliche Schach von Menschen gegen Menschen. Hier kommt es noch auf den Augenblick an und man kann von Computern unbeeindruckt seine Kreise ziehen.
Vor Mannschaftskämpfen dagegen und bei größeren Open kommt man fast nicht mehr ohne Computervorbereitung aus, will man nicht ahnungslos in des Gegners gefährlichen Aufbau hineinlaufen. Denn schließlich – unsere Gegner durchleuchten uns ja auch! So durchleuchten alle alle, und wem ist damit gedient? Ich gehe eigentlich lieber ins Kino. Und erst am nächsten Tag dann zum Schach.

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Abschließend noch das Computerrätsel des Tages, verbunden mit Grüßen nach Kassel, Lüneburg, Eindhoven und Hünstetten:

miles - deep thought

Anthony Miles - Deep Thought, Long Beach 1989

Unser Mann mit den weißen Steinen dachte sich hier nichts Böses, als ihn der Computer mit 12....Sxe4! aus der Behaglichkeit riss. Wahrscheinlich hatte Miles diesen Zug vorausberechnet, aber falsch eingeschätzt. Nach 13.Lh4xd8, Se4xd2 14.Ld8xc7 ergab sich die folgende Stellung:

miles - deep thought1

Schwarz am Zug hat nun einige hübsche Züge zur Auswahl, doch nach zum Beispiel 14....Sxc4 oder 14....Lxc7 kann Weiß noch mit einigen Aussichten um das Remis kämpfen.
Für welchen Zug entschied sich Deep Thought - sehr zum Leidwesen von Tony Miles?

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

+1 #1 Dirk Paulsen 2012-01-04 13:25
Also der Schockzug, an den kann ich mich noch bestens erinnern. Der Computer entkorkte hier Ld6xh2!, und fortan war ihm der Respekt der gesamten Schachwelt gesichert. Ein Zug, den man als Mensch einfach nicht findet.
Zur Vorbereitung mit dem Computer: ich gebe Olaf völlig recht, dass man komplett durchleuchtet wird. Dies hat nur zur Folge, dass ich mich, wie vor 30 Jahren ebenfalls nicht, weiterhin nicht vorbereite, sondern mich gezwungen sehe, mir am Brett schon in den ersten Zügen etwas Neues einfallen zu lassen. Als mir ein Schachfreund versicherte, mir nach der Partie (sie ging an mich) zu erzählen, wie es denn wäre, sich auf mich vorzubereiten, kam eigentlich kaum mehr als ein Stottern. Er meinte, er hätte sich einfach so Partien, die er finden konnte, beinahe nach Belieben angeschaut. Dies hatte mir immerhin einigen Respekt eingebracht, und vielleicht deshalb den vollen Punkt?!
Hier dennoch ein Beispiel für Kreativität in den ersten Zügen in meiner letzten Partie beim Winter Open des SC Zugzwang: Weiß: Dr Kapr, Schwarz: Dirk Paulsen
1. e4 c6 (angetäuschter Caro-Kann; mein Sohn, 13, beriet mich auf der Hinfahrt: "Spiel dich Caro-Kann!") 2. d4 Sf6 (leitet über in Aljechin, falls...; jedenfalls war die Idee, den schlechten Springer b6 zu vermeiden -- indem man nach e4-e5 Sf6-d5 c2-c5 Sd5-c7! das Feld c7 nutzt, von welchem man dann in 20 Jahren sagen wird, dass er dort noch viel schlechter steht als auf b6. Immerhin: eine Idee. Und: es steht anders, als der Gegner erwartet hat). 3. Sc3 (falls er sich darauf einließe; nun hingegen...) g6 (...haben wir eine Art Caro-Kann - Aljechin -Pirc - Gemisch).
Also, Leute, Kopf hoch -- direkt nach dem Einschalten desselben. Es gibt noch genug zu entdecken jenseits der Eröffnungstheorie. Vielleicht wird es gar ein Beitrag demnächst, der meine eigenen ungewöhnlichsten Experimente behandelt?
#2 Roggenossi 2012-01-04 16:00
Danke :-) für diesen amüsanten und kompetenten Artikel.

Den Mephisto III kannte ich auch. Unglaublich, daß diess Ding mit - günstigenfalls - zwei bis drei einzelnen Knoten pro Sekunde - immerhin plausibles Schach spielen konnte. (Meistens...)

Heutzutage berechnen Engines Hunderttausende bis zu Millionen von Knoten/Sek., aber man findet noch immer schwierige oder außergewöhnliche Züge bzw. Stellungen, die sie nicht richtig behandeln können oder falsch bewerten. Natürlich sind das eher nur noch Nadeln im Heuhaufen.
#3 Woltmann 2012-01-09 13:35
Auf dieser Homepage kann man im Menüpunkt "Schach", dort "Fernschach" sehr genau nachlesen, was man im Fernschach mit Computern macht und was nicht. Wer nur Engine-Züge reproduziert wird im FS nichts erreichen! Das von Dir benannte Menscheitsrätsel ist zumindest mit den heutigen Rechnern und Engines (zumindest noch) kein solch großes Rätsel. Schau doch mal bei Deinem ehemaligen Verein (Bremer SG) vorbei, wenn sich dort die FS-Mannschaften treffen und über ihre Analysen sprechen!?
#4 Woltmann 2012-01-09 13:36
Menschheitsrätsel muß es heißen. Da ist mir ein H abhanden gekommen.

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