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DEM 2014: Verden Fight Club

Das Verd! Das Verd!

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern frohe Ostern und viele bunte Ostereier! Kommt alle gut durch diese Zeit. Wir sehen uns wieder, wenn unsere Schachfiguren
und Holzbretter wieder freigegeben sind - und dann gibt's Kaffee und Kaltgetränke! Bis dahin, bleibt gesund!

Hase

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Corona-Krise 2020, keine neuen (Schach-) Veranstaltungen mehr, alles abgesagt!

Wenn man schon nichts Neues mehr spielen darf, was liegt da näher, als einfach ein altes Turnier noch einmal auszutragen? Gedacht, gemacht - und die Landesverbände des DSB (leider ohne DSJ) einigten sich nun im Rahmen einer Telefonkonferenz auf die Deutsche Meisterschaft 2014 im schönen Verden an der Aller. Dieses historische Turnier wird nun ohne Rücksicht auf Kosten, Mühen und den spektakulär hohen Kaffeekonsum erneut gespielt - bis es wieder weitergehen kann mit der auf Eis gelegten Saison 2019/2020 und den aktuellen Meisterschaften in Land und Bund.

Darum: Verden 2014? - Wir sind (noch einmal) mit dabei!

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Verden Fight Club

23.11.2014

Der Deutsche Schachbund hat sich ordentlich ins Zeug gelegt, um eine bundesweit flächendeckende Schachversorgung zu gewährleisten. Und so kann man aktuell in Dresden das deutsche Frauen-Masters besuchen, etwas weiter nördlich die Vorrunde der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaften (DSAM) verfolgen, und wenn man sich noch weiter in den Norden traut, kommt man irgendwann sogar nach Verden, wo 44 Teilnehmer heute die zweite Runde der Deutschen Meisterschaften und viele strenge Züge absolvierten.

Mehr Schach geht eigentlich nicht innerhalb der bundesdeutschen Grenzen. Geht doch? Nun gut, heute schalten sich aus der Ferne noch Vishy Anand und Magnus Carlsen wieder live dazu aus Sotschi, und dann wird es für die Schachfreunde allenthalben richtig hart, unter all den angebotenen Partien im Netz eine ausgewogene Auswahl zu treffen. Persönlich würde es mich wohl nach Dresden ziehen, cherchez la femme, und überhaupt, vielleicht auch zu Ralf Mulde nach Magdeburg, der von den DSAM-Turnieren schon viele Jahre mit viel Esprit und einem kenntnisreichen Blick für die freundlichen Details am Rande berichtet. Und wenn der Fernbus am Verdener ZOB morgens nicht schon so früh abfahren würde, käme selbst ein Abstecher nach Sotschi zur WM in Frage. Doch hier in Verden, da möchte ich gar nicht sein!

Verden nämlich, das muss einmal gesagt werden, ist schachlich ein recht hartes Pflaster. An jedem einzelnen Brett der Deutschen Meisterschaften lauert mindestens ein Gegner mit respektabler Elo darauf, seinem Spielpartner das Leben möglichst schwer zu machen. Wenn's sein muss wird man stundenlang hier gequält, angesprungen, überrollt, und kaum einer nimmt so richtig Rücksicht darauf, welche empfindlichen Auswirkungen eine schmerzvolle Niederlage für das Feierabendglück nach sich ziehen kann. Kurz gesagt: es ist einfach nicht immer eine Freude, ein Mitglied unserer großen Schachfamilie zu sein. Schachfamilie? Fight Club würde es eher treffen.

So richtig nett und chillig entspannt sind Schachspieler ja ohnehin nur, wenn ihre Partie nicht läuft. Hat aber die Runde begonnen und der Schiedsrichter die Uhr gedrückt, verwandeln wir uns in wilde Tiere auf der Suche nach dem nächsten vollen Punkt (ich ja auch, zugegeben, mit dem Unterschied nur, dass wilde Tiere nicht so viel Kaffee trinken). Man sieht es vielleicht nicht, doch die Ellenbogen werden ausgefahren und jeder dunkle Trick ist nun erlaubt, um den Gegner, der ja im Zweifel ähnlich handeln würde, in die Tiefe zu stoßen. In meiner Jugend gab es zur Abmilderung der schlimmsten Auswüchse dieses Treibens noch die edle Möglichkeit des Remisangebotes – damals durften Schachspieler noch selber vereinbaren, wie lang und intensiv sie kämpfen wollten.
Leider wird diese noble Geste auf Betreiben der FIDE mehr und mehr kassiert. Freundliche Unentschieden sind nun vor dem zwanzigsten Zug und, wenn man ganz großes Pech hat, vor dem vierzigsten Zug kaum mehr erlaubt. Und so sitzen wir da und wehren uns stundenlang unserer Haut, moderne Gladiatoren, die kämpfen müssen, bis jemand in die Knie geht oder das Reglement gnädig eine Punkteteilung gewährt. The show must go on, doch Autonomie sieht anders aus. Wenn sonst schon in allen Bereichen des Lebens wütend liberalisiert wird, warum nimmt man gerade den Schachspielern ihre Freiheit und erlaubt ihnen im Zweifel nicht, die Waffen zumindest nach zwanzig Zügen auch mal ruhen zu lassen?

Nun habe ich es ja schon lange geahnt und befürchtet, dass man mir und meinem Schach irgendwann mal auf die Schliche kommen würde. Doch muss es unbedingt hier in Verden soweit sein? Mein Gegner Rüdiger Kürsten vom SV Lok Engelsdorf jedenfalls hatte keine Probleme, meine einerdeutschenmeisterschaftunangemessenen Rechenkünste zu widerlegen und mir die zweite Niederlage beizubringen. In schlechter, aber optisch für beide Seiten recht zweischneidiger Stellung hätte ich wohl gerne einmal ein Remisangebot eingeworfen, doch – siehe oben. Damit habe ich nun stolze 100% nicht gemachte Punkte, und wie gesagt, eine nette Reise nach Magdeburg zu Ralf Mulde, das wäre vielleicht besser gewesen heute für mich.

Doch das Schöne beim Schach ist – wir gewinnen gemeinsam, und zusammen verlieren tun wir auch. Jedenfalls gibt es immer einige arme Teufel, die ebenso unfreiwillig wie man selbst als zweiter Sieger vom Tisch aufstehen, und so lassen uns zumindest einige unserer Brüder und Schwestern im Turnier in der Enttäuschung nie ganz allein. Man kann immer davon ausgehen, dass auch andere Turnierteilnehmer die Bürde der verlorenen Schachpartie wacker mitzutragen bereit sind. René Stern ist beispielsweise so jemand, der sich heute hier mit mir solidarisch zeigte und in einer sehr langen Partie wohl ungern, aber dennoch selbstlos gegen Thilo Kabisch unterlag. Gens una sumus!

Spartak Grigorian misst sich mit dem Präsidenten Herbert Bastian

Auch Vadim Reimche, Joachim Asendorf und Spartak Grigorian hatten nach langer Gegenwehr das Nachsehen und helfen mit, dass ich mich am Tabellenende nicht ganz so einsam fühlen muss. Hinzu gesellt sich zu unserer kleinen Schar noch der Saarländer Reinhold Müller, der vom Werder Bremen-Schachtrainer Matthias Krallmann sehenswert ausgeknockt wurde. Sicher aber werden auch wir Tagesverlierer bald noch Punkte machen und mit etwas Glück eine irgendwie gelungene Partie spielen. Es gibt immer Hoffnung, und selbst Borussia Dortmund hat ja gerade erst einen Punkt geholt in Paderborn. Darum: wir kommen wieder! (Allerdings, und wenn es nach mir gehen würde - Vadim Reimche von den SF Ravensburg darf sich mit seiner Aufholjagd gerne noch ein wenig Zeit lassen. In der dritten Runde nämlich spielt er erst einmal gegen mich.)

Nun aber genug des Trübsals, wer will schon von den Verlierern hören? Und was sollen die deutschen Schachfrauen in Dresden von uns denken? Darum wechseln wir jetzt schnell von den armen Teufeln zu den glorreichen Tagessiegern! Den Baden-Württemberger Thilo Kabisch haben wir ja schon erwähnt, und tun dies auch gerne noch einmal, denn nicht alltäglich ist es allemal, einen so versierten Großmeister wie René Stern mit Schwarz in gutem Stil vom Brett zu ringen. Glückwunsch noch einmal, Thilo, sehr beeindruckend!

Trotz Wanderkönig auch nach sechs Stunden nicht noch die Ruhe selbst: Thilo Kabisch mit Schwarz gegen René Stern

An der Spitze des Verden Fight Clubs haben sich nach zwei Runden einige weitere bekannte Gesichter eingefunden. GM Daniel Fridman hat auch heute gewonnen (hat er ?) und damit ebenso zwei Punkte wie sein Kollege Vitaly Kunin, der gegen Lev Gutman ein mutmaßlich remisliches Endspiel noch in einen überraschenden Sieg ummünzen konnte.

In der beliebten Serie „Prüf den Prinzen (PdP)“ versuchten Sergej Kalinitschew und Willi Skibbe (heute mit Löwen-T-Shirt) ihr Glück. Gegen Matthias Blübaum und Dennis Wagner allerdings verließen sie den Saal mit leeren Händen. Beide Nachwuchskräfte des DSB holten damit gutgelaunt ihren zweiten Sieg, der allerdings durch die Niederlage von Prinz Rasmus (Svane) gegen Tomislav Bodrozic überschattet wurde.
Noch zwei weitere Spieler liegen von Minuspunkten unbelastet vorne – der Niedersachse Sebastian Plischki setzte sich gegen Igor Khenkin durch, und Sebastian Zehnter vom Ilmenauer SV nahm gegen Felix Graf beide Fäuste hoch und wählte mit der (wenn man weiß, wie es geht) schönen Tschigorin-Verteidigung eine kämpferische Verteidigung. Im Bemühen, den Druck auf seinen Gegner konstant aufrecht zu erhalten, verfiel Graf dabei auf eine schwungvolle, doch letztlich unglückliche Idee:

Graf - Zehnter nach 18 Zügen
Graf - Zehnter nach 18 Zügen

Weiß spielte a4 und nahm nach bxa4 den Bauern auf b7. Einen Zug später allerdings gab er sich geschlagen. Warum? (Antworten siehe im Partienbereich)

Sebastian Zehnter:
Zwei Runden, zwei Titelträger und zwei Punkte! (Foto: privat)

Heute bereits folgt die nächste Runde, die dritte schon von neunen wird vom Schiedsrichter-Gespann Ralph Alt und Dirk Rütemann eingeläutet. Wer möchte, kann im Internet seines Vertrauens alle Partien live verfolgen, interessanter allerdings ist möglicherweise ein Besuch vor Ort hier in der Reiterstadt. Es gibt hier Kaffee und Kuchen im schönen Restaurant, denn immerhin ist ja auch Sonntag, und ein Gartenschach steht auch vor der Tür!

Schachspieler-Paradies

Sehr schöne Bilder von Andreas Burblies aus Runde zwei erwarten Sie auf dieser Seite.

dem2014.schachbund.de

Olaf Steffens

Olaf Steffens

Olaf Steffens ist FIDE-Meister, wohnt in Bremen und spielt dort für den SV Werder II in der Oberliga Nord-West. Obwohl das Schachspiel eigentlich viel zu schwierig für ihn ist, versucht er es immer wieder und schreibt darüber zusammen mit anderen auf www.schach-welt.de.

Während der Deutschen Einzel-Meisterschaft 2014 schreibt er für den Deutschen Schachbund.

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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