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DEM Verden: Ein Prinz in meinem Wohnzimmer

Corona-Krise 2020, keine neuen (Schach-) Veranstaltungen mehr, alles abgesagt!

Wenn man schon nichts Neues mehr spielen darf, was liegt da näher, als einfach ein altes Turnier noch einmal auszutragen? Gedacht, gemacht - und die Landesverbände des DSB (leider ohne DSJ) einigten sich nun im Rahmen einer Telefonkonferenz auf die Deutsche Meisterschaft 2014 im schönen Verden an der Aller. Dieses historische Turnier wird nun ohne Rücksicht auf Kosten, Mühen und den spektakulär hohen Kaffeekonsum erneut gespielt - bis es wieder weitergehen kann mit der auf Eis gelegten Saison 2019/2020 und den aktuellen Meisterschaften in Land und Bund.

Darum: Verden 2014? - Wir sind (noch einmal) mit dabei!

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Daniel Fridman federt alles ab

Tag der Jugend in Verden

Auch für diesen Dienstag hat die umsichtige Turnierleitung schon wieder eine Runde bei den Deutschen Meisterschaften angesetzt, und obwohl es erst am Nachmittag losgeht, lauern die 44 Spieler bereits am Morgen und richten sich so langsam auf die kommenden Gegner ein.

Die Frage „Wer wird der Nächste sein?“ wurde noch des Nachts mit der Veröffentlichung der Rundenauslosung beantwortet, und schon begann die Arbeit der Meister und mit ihr der Blick in den Variantenkoffer, den Laptop, ins Internet, um den nächsten Gegner ein wenig besser zu verstehen und die ersehnte Lücke zu finden in seinem Repertoire. Groß ist die Kunst der Vorbereitung, und die wahren Meister sind auch darin versiert und beschlagen. Wenn sie sich später dann ans Brett setzen, ist der Matchplan schon entworfen und die ersten Züge tief erdacht.

Turnierleitung, nach der 4.Runde. Souverän wie immer: Torsten Bührmann (Netz und so), Dirk Rütemann (Schiedsrichter), Ralph Alt (Hauptschiedsrichter)

Manche Teilnehmer gehen am Vormittag vielleicht noch spazieren oder schwimmen eine Runde im sehr ansprechenden Verdener Hallenbad Verwell, sie statten den Pferden auf der nahen Koppel neben dem Hotel einen großmeisterlichen Besuch ab, frühstücken sogar und trinken Kaffee, doch eigentlich ist dies alles nur der Rahmen – der Tag beginnt um 15 Uhr, und alles kulminiert in diesem Beginn der neuen Runde.

Turniergericht (nach der 2.Runde)

Noch immer ist das Feld in Verden dicht beieinander, doch mit einem wohltuenden halben Punkt hat sich GM Daniel Fridman bereits von den anderen Spielern absetzen können. In der populären Rubrik Deutschland prüft die Schachprinzen (DPrDSchPr) hatte Fridman gestern selbstlos die Rolle des Jurymitgliedes übernommen, um in einem ereignisreichen Match mit Matthias Blübaum das Nachwuchs-Förderkonzept des DSB auf die Probe zu stellen. Der Punkt in einem knapp entschiedenen Endspiel ging dabei an den Mülheimer Großmeister, der nun heute mit Dennis Wagner gleich den nächsten Prinzen bei sich am Spitzenbrett begrüßen wird.

Kunin - Wagner: die weißen Felder sind schwach, und der h-Bauer läuft mal so los

Wird das Spitzenbrett in Verden zu Daniel Fridmans neuem Wohnzimmer? Dennis Wagner würde diese Geschichte lieber anders weitererzählen, und in der Tat scheint er in guter Form zu sein. Erst gestern konnte er mit den schwarzen Steinen einen schwungvollen Punkt gegen GM Vitaly Kunin einfahren. Heute um 15 Uhr also die neue Episode von DPrDSchPr!

Weiteres Voranschleichen nach h3?
Und nun kommt auch noch der Turm ins Spiel - und bald wurde der weiße König matt
 
Schöner Sieg gegen starken Titelträger: Dimitrij Kollars

Offenbar war es der inoffizielle Tag der Jugend gestern bei den Meisterschaften - nicht nur, dass Dennis Wagner stürmisch gewann, nein, auch Rasmus Svane spielte nach und nach GM Lev Gutman an die Wand, und Dimitrij Kollars vom Delmenhorster SK wehrte sich zäh gegen den IM Martin Breutigam aus Oldenburg. Nach einem Bauernsturm in der Eröffnung sah es erst nicht gut aus für den 15-jährigen Beinahe-Prinzen, doch nach einer Ungenauigkeit seines ideenreichen Gegners übernahm er die Kontrolle und verfolgte seinen König über das halbe Brett. Punkt für die Jugend in einer dramatischen Partie!

Ein großer Tag für Vincent Keymer!

Während Spartak Grigorian (ebenfalls jung) vom SV Wildeshausen gegen Reinhold Müller (er auch!) einen halben Punkt absicherte, konnte ein weiterer junger Mann in dieser vierten Runde brillieren - wenn das so weitergeht, wird sich der Deutsche Schachbund nie mehr Sorgen machen müssen über seine Zukunft!

Der zehn Jahre alte Vincent Keymer behielt souverän den Überblick und die Nerven in einem schwierigen Lavierspiel gegen IM Yuri Boidmann. Sein erfahrener Gegner hatte wohl die Chance auf eine vorteilhafte Abwicklung, indes als diese ungenutzt blieb, schlug die Stunde des deutschen U10-Meisters. Punkt für Vincent, und zugleich der erste Sieg für ihn gegen einen Titelträger in einer Turnierpartie. Wir gratulieren!

Doch seien wir ehrlich - wie ist das überhaupt möglich? In so einem Alter schlägt man doch noch keinen Internationalen Meister, und wenn doch, dann höchstens in einem Simultanspiel mit vierzig Teilnehmern! Früher wäre so etwas nicht erlaubt gewesen, und daher soll man vielleicht noch abwarten, ob die Turnierleitung das Ergebnis der gestrigen Partie tatsächlich werten wird.

Ich meine, zehn Jahre - in diesem Alter wusste ich noch gar nicht, dass es überhaupt Schachvereine gibt, geschweige denn Internationale Meister! Aber was nützt es, die Zeiten ändern sich, und schon mit acht Jahren reiste Vincent begleitet von seinen Eltern und den ehrenamtlichen Betreuern des DSB schon zu den Jugend-Europameisterschaften in die Slowakei - ein vierter Platz wurde es damals, vor zwei Jahren. Mon dieu! Was ist hier los?
Im Namen aller erwachsenen Teilnehmer bleibt uns daher nur Dank zu sagen an Dr. Hauke Reddmann, dem es in der dritten Turnierrunde gelang, dem eigentlich unstoppbaren Vincent Keymer eine Niederlage beizubringen - sonst wäre er sicherlich gleich durchmarschiert ins Wohnzimmer von Daniel Fridman!

Dies und das

Was bleibt noch zu sagen? Der Niedersachsenhof hatte ein freundliches Einsehen und gab in der gestrigen Runde eine Runde Kaffee, Wasser und heißes Wasser (für Tee) aus - als kleine Wiedergutmachung für die recht späten Arbeitszeiten, die aufgrund des Tanznachmittags am Sonntag notwendig geworden waren. Das in dieser Runde etwas reichlicher gedeckte Getränkebuffet wurde allgemein gewürdigt und genossen. Hoffen wir darum zum Wohle des Schachsports, dass auch in den nächsten Runden der Kaffeetisch so großzügig für alle gedeckt bleibt.

Heute kommt das Fernsehen, sie sind wahrscheinlich schon im Haus!, und interviewen Spieler und Turnierleiter. Auch zum Rundenbeginn sind die Journalisten von Radio Bremen noch im Saal - und das ist ungewohnt. Bilder, Fotographen, das kennen wir ja ein bisschen, aber Fernsehen, richtiges Fernsehen? Hui! Wir melden uns wieder, wenn es einen Bericht online zu sehen gibt im Netz.

Bis dahin aber - Schach gucken und genießen. Um 15 Uhr geht´s los!

dem2014.schachbund.de

Olaf Steffens

Olaf Steffens

Olaf Steffens ist FIDE-Meister, wohnt in Bremen und spielt dort für den SV Werder II in der Oberliga Nord-West. Obwohl das Schachspiel eigentlich viel zu schwierig für ihn ist, versucht er es immer wieder und schreibt darüber zusammen mit anderen auf www.schach-welt.de.

Während der Deutschen Einzel-Meisterschaft 2014 schreibt er für den Deutschen Schachbund.

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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