Der Deutsche Schachbund im Dialog (1) Interview mit Michael S. Langer

by on11. Mai 2011
Michael S. Langer Michael S. Langer
Jahrzehntelang war die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Schachbundes kaum messbar. Zeitweise gelangten noch nicht einmal Ergebnisse der so wichtigen Schacholympiaden zu den Presseagenturen. Doch gibt es erste Anzeichen, dass sich daran etwas ändern könnte.
Unser Portal entwickelte sich in den letzten Monaten zu einer Plattform, auf der unliebsame Themen zur Sprache kamen, was bei verschiedenen Funktionären große Zustimmung fand.
Nun möchten wir auch den oftmals Hauptbetroffenen, den Deutschen Schachbund, zu den kontrovers diskutierten Themen Stellung nehmen lassen.

Den Anfang macht Michael S. (Sebastian) Langer, 44, Vizepräsident Finanzen des Deutschen Schachbundes und ebenfalls Präsident des Niedersächsischen Schachverbandes
(Aufgrund der Länge des Interviews erfolgt eine Aufteilung in zwei Blöcke. Wir starten mit „Image und Finanzen“ sowie „Betrug Im (Online-)Schach). In Teil 2 folgen „Nationalmannschaft und Bundestrainer“ und „Frauenschach“)
Guten Tag Herr Langer, vor wenigen Wochen standen Sie ChessBase für ein längeres Interview zur Verfügung. Wir möchten dieses nun durch Fragen erweitern, die in Zusammenhang mit unseren viel diskutierten Blogthemen stehen.

Image und Finanzen

SW: Schach als Spiel genießt in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert – geschätzte 8 Millionen Deutsche sollen der Regeln kundig sein. Zu Zeiten des Kalten Krieges erreichten die Fernsehsendungen mit Helmut Pfleger eine Million Zuschauer! Viele Firmen nutzen Schach für Werbezwecke. Besteht hier nicht ein riesiges Potenzial?
ML: Leider ist der Deutsche Schachbund nicht der Inhaber der „Rechte“ am Schachspiel. Das bedeutet u. a., dass Großkampagnen, in denen Schach als positiv wirkendes Instrument genutzt wird, nicht die Zustimmung des DSB erfordern. Wenn wir mit Sponsoren verhandeln, müssen wir Ihnen also prinzipiell mehr als das positive Image unseres Spiels liefern (Erfolge, Sympathieträger, Chancen auf Amortisation ihrer Investition….).
Zur TV- und generell Medienpräsenz: Nicht nur Schach ist weitgehend vom Fernsehschirm verschwunden. Eigentlich gibt es dort nur noch Fußball, Boxen und Formel 1. Im Winter dann noch ein bisschen Biathlon (weil wir dort megaerfolgreich sind!?) und ein klein bisschen Skispringen (da waren wir vor noch nicht zu langer Zeit megaerfolgreich). In der von mir gelesenen Lokalzeitung gibt es im Sportteil Fußball, Fußball und zum Schluss noch mal Fußball.


SW: Der DSB sieht sich permanenter und oftmals berechtigter Kritik ausgesetzt. Doch scheint mir die ehrenamtliche Struktur nicht geeignet zu sein, um die Anforderungen zu erfüllen. Kaum einem Mitglied ist jedoch bekannt, wie der Schachbund sich finanziert und worin seine Aufgaben liegen.
ML: Der Deutsche Schachbund finanziert sich aus derzeit knapp 600.000,-- € Beitragsgeldern und ca. 150.000,--€ aus öffentlichen Zuwendungen. Die weiteren Einnahmen sind in erster Linie durchlaufende Posten. Die größte Ausgabenposition besteht in unseren Personalkosten (Sportdirektor Horst Metzing, Geschäftsführer DSJ Jörg Schulz, Büroleitung Louisa Nitsche, Mitarbeiter Finanzwesen Guido Feldmann, Teilzeitkraft im Sekretariat, Anja Liesecke und unsere bereits erwähnten zwei Bundestrainer), die für das Haushaltsjahr 2011 inkl. Nebenabgaben in Höhe von 352.000,-- € kalkuliert wurden. Es folgen der Leistungssport mit 119.000,-- € und der Zuschuss an die Deutsche Schachjugend in Höhe von 56.500,-- €.
Unmittelbar nach dem DSB-Kongress werde ich, wie schon in den Jahren zuvor den Jahresabschluss 2010 und die dann dort verabschiedeten Planzahlen für die nächsten Jahre (bis einschließlich 2013) auf www.schachbund.de veröffentlichen.
Zur Einnahmenseite muss ich noch anmerken, dass die Einnahmen aus Beitragsmitteln ob der zurückgehenden Mitgliederzahlen in den letzten Jahren rückläufig sind. Noch vor wenigen Jahren beliefen sich die eingehenden Mitgliedsbeiträge auf 640.000,-- €.


SW: Es gibt viele engagierte Mitarbeiter, die Energie und Zeit opfern, um ihren Aufgaben gerecht zu werden. Zum Teil bringen diese wohl noch mehr Geld mit als das sie kosten. Hier schmerzen öffentliche Angriffe oftmals sehr. Doch kann Schachpolitik auf ehrenamtlicher Basis langfristig funktionieren?
ML: Öffentliche (und intern) vorgetragene Angriffe ärgern mich dann, wenn sie unsachlich und pauschal sind. Mir (und den meisten anderen!?) würde es in diesen Fällen also nicht besser gehen, wenn wir bezahlt würden. Ich glaube schon, dass ein Großteil der Arbeit auch zukünftig ehrenamtlich geleistet werden kann. Ich befürworte aber, dass insbesondere imagefördernde Arbeiten (Öffentlichkeitsarbeit, Kontakte zu Sponsoren,…) ob der notwendigen Sicherung von Nachhaltigkeit im professionellen Bereich angesiedelt werden. In diesem Sektor sehe ich eines der schnellstmöglich zu behebenden Defizite in der Arbeit des Deutschen Schachbundes.
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SW: In dem Artikel „Schach – der Billigsport“ regten wir an, eine großangelegte Imagekampagne zu starten um langfristig Schach der breiten Bevölkerung näherzubringen und zu zeigen „Schach ist toll“ – wir haben ein Produkt, das sich verkaufen lässt und nicht im Hinterzimmer einer dunklen Kneipe verschwinden muss. Das geht jedoch nur mit einer professionellen Mannschaft. Die Startfinanzierung sollte über eine deutliche Beitragserhöhung sichergestellt werden. Außer den Vereinsbeiträgen (in denen auch die Verbandsabgaben enthalten sind) haben unsere Schachspieler nur geringe Aufwendungen für die Ausübung des Sportes aufzuwenden. Ist es in diesem Zusammenhang Ihnen nicht zuzumuten, etwas in einen funktionierenden Verband und die Zukunft zu investie
ML: Hier müssen wir alle einen Schritt zurück! Zuerst müssen wir sowohl innerhalb unserer Strukturen als auch in der Öffentlichkeit (nochmals) erkennbar herausarbeiten, dass wir in Deutschland einen herausragend flächendeckend organisierten Spielbetrieb, solide Haushaltsführungen, eine perfekte DWZ-Auswertung und in der Breite Turnierangebote „en masse“ vorweisen. Hiermit unterscheiden wir uns von mindestens 90 % der Schachwelt. Dieser Status Quo wurde weitgehend ehrenamtlich in den verschiedenen Organisationsebenen des deutschen Schachs aufgebaut und gepflegt. Ich betone diese Aspekte nicht, um nach Komplimenten zu fischen. Es ist mir wichtig, dass diese Basics auch zukünftig die Grundlage unserer Arbeit darstellen (müssen). Im zweiten Schritt müssen wir endlich unsere Defizite benennen (keine echte Weltklasse –Top Ten-, zu wenig lukrative Spielmöglichkeiten für unsere Spitze, zu wenig zielgerichtetes Marketing, Rückgang der Mitgliederzahlen, Vereinssterben,…), diese priorisieren und in erster Instanz abschließend die notwendigen to do´s  und Zuständigkeiten zum Abstellen dieser Defizite verbindlich vereinbaren. Wenn diese Vereinbarungen mit den derzeit vorhandenen finanziellen Mitteln  nicht realisiert werden können, muss dies  transparent abgebildet werden. (Erst) an dieser Stelle wäre es dann unsere gemeinsame Aufgabe, die ggf. notwendigen Gelder sowohl extern als auch intern (also aus Beitragsgeldern) zu akquirieren. Zum Stichwort „Gemeinsam“: Damit meine ich alle: Präsidium, Spieler, Länder, Vereine,……! Der Deutsche Schachbund muss sich unter Einbeziehung aller Ebenen seinen Aufgaben stellen. Das Präsidium des DSB muss erkennbar als Ideen- und Impulsgeber auftreten!


Betrug im (Online-)Schach

wird anscheinend in unserem multimedialen Zeitalter ein ernstzunehmendes Thema, über das der Schachwelt-Blog mehrfach berichtete. Jüngst verhängte der französische Verband drakonische Strafen von 3 bis 5 Jahren Sperre gegen eine Gruppe um Nationalspieler Feller.
Die mir bekannten Betrugsfälle im deutschen Schach mit denen der Schachbund bisher konfrontiert wurde, liegen lange zurück und  betrafen Clemens Allwermann und die jetzige Nummer 1, Arkadij Naiditsch. Die Strafen fielen mehr als moderat aus – im Fall Naiditsch verhängte man eine Sperre für ein Turnier, an dem er ohnehin nicht teilgenommen hätte, und soweit ich mich noch erinnern kann, wurde Allwermann nur auf Ebene des Bayerischen Schachbundes gesperrt. Können professionell aufgestellte Verbände leichter mit solchen Themen umgehen oder handelt es sich für den DSB dabei nur um Bagatelldelikte?
ML: Das Verhängen von Strafen ist im Deutschen Schachbund nicht einfach. Unsere (die des DSB) Mitglieder sind gemäß Satzung die Mitgliedsorganisationen und die Ehrenmitglieder. Die einzelnen Spieler sind nur mittelbar dem Deutschen Schachbund angeschlossen (eingetreten sind sie in ihren jeweiligen Verein). Es ist aus diesem Grund am ehesten möglich, etwaige Sanktionen in den eigenen Verantwortungsbereichen (also vom DSB ausgerichtete Meisterschaften, Mitgliedschaften in Kadern) vorzunehmen. Für alles über unseren Kernbereich Hinausgehende sind langwierige Verfahren (und ich finde dies prinzipiell auch richtig) einzuleiten.
Zur inhaltlichen Beurteilung: Das Thema Betrügen in all seinen Facetten ist m. E. eine der größten Gefahren, der unser Sport ausgesetzt ist. Ich hoffe, dass es gemeinsam mit Veranstaltern möglich ist, diese Bedrohung auf das erreichbare Minimum zu beschränken. Ebenso hoffe ich, dass diejenigen, die auf sportlichem Wege „ihre Punkte“ einfahren wollen, immer noch fast 100% der Schachszene darstellen!
Zur Frage des Umgangs mit diesem Thema: Eventuell verliefen Verfahren in einem professionell geführten Verband schneller!?
Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

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