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Der Deutsche Schachbund im Dialog (2) Interview mit Michael S. Langer

by on19. Mai 2011
Michael S. Langer Michael S. Langer

Heute folgt Teil 2 unseres Interviews mit Michale S. Langer. Im ersten Teil nahm präsentierte er die Meinung des Deutschen Schachbundes zu Image und Finanzen sowie Betrug im Schach, jetzt nimmt er Stellung zu dem heiß diskutierten Them des letzten Jahres Nationalmansnchaft/Bundestrainer und dem Frauenschach.

Nationalmannschaft/Bundestrainer

SW: Vor einiger Zeit verließ Schalke 04s Trainer Felix Magath den Verein, als es zu Differenzen mit den Spielern kam. So erlebt man Fußball und andere Sportarten ständig. Im Schach hingegen war es an der Mannschaft zu gehen – der Trainer blieb. Bitte definieren Sie Job und Aufgaben unseres Bundestrainers.
ML: Beide Bundestrainer, Uwe Bönsch und Bernd Vökler (originär ist er für unseren Nachwuchs zuständig) sind für die Betreuung und Ausbildung aller unserer Kaderspieler zuständig. Ein großer Teil ihrer Arbeit entfällt auf administrative Tätigkeiten. Die Stellenbeschreibungen beider Trainer sind mit dem Bundesinnenministerium abgestimmt und damit ein Mosaikstein unserer Förderung aus öffentlichen Zuwendungen.
Hier ein kurzer Überblick von Uwe Bönschs Kernaufgaben:
  • Koordinierung und Planung des Trainings und der Wettkämpfe der A/B/und C-Kaderspieler der Frauen und Männer sowie der Finanzplanung und Abrechnung
  • Delegationsleiter und Mannschaftsleiter bei der Schacholympiade, Mannschaftswelt- und Europameisterschaften, dem Mitropacup und Länderkämpfen der Frauen und Männer
  • Inhaltliche Planung, Organisation und Durchführung der A- Trainerausbildungen und A- Trainerweiterbildungen
  • Inhaltliche Planung und Durchführung von nationalen und internationalen Lehrgängen der FIDE Trainerakademie sowie Aufgaben als Direktor der Akademie und Mitarbeit in der Trainerkommission der Fide
SW: Wofür brauchen wir A-Trainer? Soweit ich das System verstanden habe liegen die Aufgaben des C-Trainers auf Vereins-, die des B-Trainers auf Landes- und des A-Trainers auf Bundesebene. Und da gibt es zwei Stellen. Derzeit haben wir aber mehr als 30 Lizenzierte?! Letztlich bilden wir aus, ohne eine Verwendung zu haben. Oder gibt es hier genug Bedarf?
ML: Die Unterscheidungen zwischen den einzelnen Ausbildungszielen sind in unseren Ordnungen fest geschrieben. Dass diese Ordnungen auf die Anforderungen des DOSB zugeschnitten sind und sein müssen, ist selbstredend.
Ein Ziel unseres gesamten Ausbildungswesens besteht in einer möglichst hohen Anzahl förderungsfähiger (Geldmittel der Sportbünde) Trainer. Darüber hinaus muss auch die Qualität der inhaltlichen (sowohl schachspezifisch als auch methodisch und didaktisch) Arbeit mit der jeweiligen Zielgruppe gewährleistet werden.
In Summe haben wir m.E. eher zu wenig ausgebildete Trainer und Betreuer.

SW: Über das Thema Nationalmannschaft wurde bereits in epischer Breite berichtet. Hier interessiert eigentlich nur noch ein Punkt: In Pressemeldungen des DSB hieß es schlichtweg, die Forderungen der Spieler konnten nicht erfüllt werden. Sie verglichen das Prozedere mit Tarifverhandlungen. Doch dort reagiert man auf Forderungen mit einem Angebot. Hat es ein solches jemals gegeben?
ML: Es hat vor jedem Großereignis ein Angebot des Deutschen Schachbundes bzw. genauer gesagt, der Wirtschaftsdienst GmbH an die Spieler gegeben. Im letzten Jahr wurde dieses dem im finanziellen Umfang denen der Vorjahre entsprechende Angebot abgelehnt. Seit dieser Ablehnung arbeiten Präsidiumsmitglieder des DSB gemeinsam mit der WD GmbH  verstärkt daran, den im Vorfeld von Khanty – Mansijsk genannten Forderungen der Spieler so weit wie möglich und dabei unsere eigenen Vorstellungen berücksichtigend gerecht zu werden.
Im Moment wird das Angebot für die Mannschafts-EM im November in Heraklion von der WD GmbH abschließend ausgearbeitet. Dieses Angebot wird ob der Tatsache dass wir zwei Sponsoren akquirieren konnten (ein Gesamtsponsor und ein weiteres Unternehmen, das den Fokus seiner Förderung auf den Spitzensport legen wird), eine deutliche finanzielle Verbesserung für die Spieler darstellen!

SW: Von Seiten des Schachbunds hörte ich vor langer Zeit, dass man junge Spieler so lange mit Turnierbeschickungen unterstützen würde, bis sie den Großmeistertitel erreicht hätten. Ab dann wären sie auf sich gestellt. Rückblickend würde ich dies als verantwortungsloses Handeln bezeichnen. Fördert man sie doch bei der Erlernung einer brotlosen Kunst (Sport, Wissenschaft oder wie auch immer). In kaum einem westeuropäischen Land sind die finanziellen Rahmenbedingungen für Schachprofis so schlecht wie in Deutschland. Ist das Eigennutz oder gibt es inzwischen eine Stelle, die junge Spieler entsprechend ehrlich berät, bzw. ihnen nahelegt, einem gut bürgerlichen Beruf nachzugehen?
ML: Sind die Rahmenbedingungen in anderen westeuropäischen Ländern tatsächlich (so viel) besser? Die meisten beschriebenen Probleme sind leider auch auf die meisten anderen Nationen übertragbar!
Zumindest im Bereich der Honorare bewegt sich der Deutsche Schachbund weltweit -und in diese Betrachtung beziehe ich auch unsere europäischen Nachbarn ein-  betrachtet, eher im oberen Segment.
Unstrittig ist aber, dass die Zahl der Veranstaltungen in Deutschland, die ob ihrer Preis- und Startgelder das Schachprofitum interessant und lukrativ abbilden würden, leider nur  überschaubar groß ist.
Der letzte Teil Ihrer Frage ist schwierig zu beantworten. In letzter Konsequenz muss jeder für sich selbst entscheiden, welchen Weg (Schachprofi oder eben doch „bürgerlich“) er / sie einschlägt.
balkosofa1SW: Und da es wieder einmal um das liebe Geld geht…. Viele Besucher des Blogs haben nicht die geringste Ahnung, was im Schach verdient wird, was zu Spekulationen über das Einkommen der Schach“profis“ führt). Gibt es Profitum im deutschen Schach oder wie definieren Sie einen Schachprofi? Wahrscheinlich kaum mir der offiziellen Schachbundversion Elo über 2300, wie beim Ramadacup oder weil ein Mensch nichts anderes macht, daraus aber kaum Einkommen generiert?!
ML: Ja! M.E. gibt es Profitum im deutschen Schach. Eine in jeder Hinsicht tragfähige Definition zur Frage „Was ist ein Schachprofi“ kann ich ob der sehr unterschiedlichen individuellen Ausgangssituationen und Sichtweisen nicht liefern.

SW: Ohnehin ist das Image der Topspieler oder derer, die vom Schach leben möchten, sehr mäßig. In polemischen Blogs sehen sie sich Bezeichnungen wie „Gierschlünde“ ausgesetzt und auch auf unserer Plattform waren derartige Tendenzen spürbar. Was in anderen Sportarten voll akzeptiert wird, ist im Schach unredlich?! Der Schachbund hat jedenfalls in der Vergangenheit kaum etwas unternommen, um seine Spitzenspieler in dieser Hinsicht zu unterstützen und so die Kluft zwischen Breiten- und Spitzensport immer größer werden lassen. Im Gegenteil, bei dem noch schwelenden Konflikt mit der Nationalmannschaft konnte man sich zeitweise des Eindrucks nicht erwehren, die Spieler wären ein notwendiges Übel.
ML: Zu allererst: Unsere SpitzenspielerInnen sind ein wichtiger Teil des Ganzen für eine insgesamt erfolgreiche Zusammenarbeit im deutschen Schach!
Beide Seiten, sowohl die Vertreter des DSB-Präsidiums als auch Spieler, haben in dem im vergangenen Jahr öffentlich ausgetragenen Konflikt Fehler gemacht, die dann und dies teilweise auch zu Recht in der Öffentlichkeit massiv kritisiert wurden. Ich hoffe, dass wir zukünftig entspannter miteinander den für mich nachvollziehbaren Wunsch nach einer besseren Bezahlung (wer möchte nicht so gut wie möglich bezahlt werden!?) im Rahmen des jeweils Machbaren bearbeiten und öffentlich kommunizieren.

Frauenschach

Wir stellten das Frauenschach auf den Prüfstand. In den letzten Jahrzehnten wurde verhältnismäßig viel Geld für die Förderung des Frauenschachs ausgegeben. Ihr Anteil am Gesamttopf liegt bei 41% bei einem Mitgliederanteil von unter 5%. Weder in der Breite noch in der Spitze konnten spürbare Ergebnisse erreicht werden. Die einzige deutsche Spielerin, die jemals nennenswert eine Elozahl über 2300 erreichte, ist Elisabeth Pähtz. Doch entstammt diese aus einer schachbegeisterten Familie, der Vater ist Großmeister. Sie hätte ihren Weg auch ohne bevorzugte Unterstützung gemacht. In unserem Forum traf die hohe Förderung  auf wenig Gegenliebe und die nichtschachspielende Bevölkerung reagiert zumeist mit Verwunderung auf den Artenschutz der Frauen. Sind wir hier nicht weit über das Ziel hinausgeschossen und reichen Jahrzehnte des Misserfolges nicht aus, um hier zu einer grundlegend anderen Einschätzung zu kommen?
ML: Ich bin der Ansicht, dass Frauen im gesamten Schachsport insbesondere  im Hinblick auf Mitgliedergewinnung eine der Zielgruppen der Zukunft sind.  Es muss unser gemeinsames Ziel sein, deutlich mehr Frauen und Mädchen an die Bretter und in unsere Vereine zu bringen. Um dieses Vorhaben zu realisieren ist es wichtig, die mehrheitlich vorgetragenen Wünsche und Motive Schach spielender Frauen (also auch den nach separat durchgeführten Wettkämpfen) zu berücksichtigen.
Unser zukünftiges Hauptaugenmerk muss auf  der Vermarktung auch des Frauenschachs liegen. Wir müssen die Erfolge von Frauen (unabhängig von ihrer ELO) stärker als bisher imagefördernd für das deutsche Schach einsetzen.
Dass dies insbesondere außerhalb der schachspezifischen Öffentlichkeit möglich ist, zeigt u.a. die Präsenz von Elisabeth Pähtz in den Medien.
Zur Förderung im Bereich Leistungssport: Eine Förderung der Frauen ist notwendig und prinzipiell richtig! Nicht desto Trotz muss immer wieder neu geprüft werden, wie finanzielle Mittel so adäquat wie möglich eingesetzt werden. Diesem Anspruch muss aus meiner Sicht unabhängig von der Thematik Frauenschach Rechnung getragen werden. Es muss also Jahr für Jahr unter Einbeziehung externer und interner Faktoren  abgewogen werden, wer in welchem Umfang gefördert wird. Natürlich würde ich mich darüber freuen, deutlich mehr Spielerinnen in höheren Regionen der Frauenweltrangliste zu finden.

SW: Natürlich ist Frau Pähtz ein Aushängeschild, aber ist ihr Werdegang auf Förderung zurückzuführen oder auf das großmeisterliche Umfeld? Lassen wir sie einfachhalber außer Acht.
Dass es jetzt möglich ist, mit gut 1400 DWZ (was ca. Platz 45.000 in Deutschland entspricht) an der Endrunde einer Deutschen Meisterschaft teilzunehmen, verwundert doch sehr. Es erinnerte mich etwas an einige meiner Schnellturniere, bei denen man versuchte, krampfhaft einen Damenpreis loszuwerden, sich jedoch keine Teilnehmerin fand. Was ist das messbare Ergebnis jahrzehntelanger Sonderförderung?
Das eine (die 1400) hängt mit dem anderen (der Förderung unserer Leistungsspitze) zumindest nicht direkt zusammen. Alle Teilnehmerinnen haben sich für die DEM qualifiziert und gehen damit zu Recht in Bonn an den Start. Wenn die Qualifikation mit einer DWZ von knapp über 1400 möglich ist, dann ist das eben so.
Und trotzdem::
Es wäre schöner, wenn es bei zukünftigen Teilnehmerfeldern unserer DEM´s  gelänge, den DWZ-Schnitt deutlich zu steigern!

SW: Herr Langer, wir danken für die Beantwortung unserer Fragen.
Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

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