Der Schach-Geist von Malente (I)

Wo man trainiert, da lass Dich ruhig nieder - der Dieksee bei Malente Wo man trainiert, da lass Dich ruhig nieder - der Dieksee bei Malente Oliver Raupach


         






Beliebte Trainingsdomizile

Wo trainieren Schachspieler eigentlich für ihren geliebten Sport?

Laien denken bei so einer Frage gerne an den großen Eichentisch neben der alten Stehlampe, an dem sich die lichtscheuen Kampfdenker im Halbdunkel niederlassen. Die Vorhänge sind zugezogen, das Brett sorgsam aufgestellt und daneben ein Schachbuch und ein Krug mit Kaffee. Vielleicht glüht irgendwo noch eine Zigarette.

Tatsächlich war es auch so, in meiner Jugend – alle Welt übte neben solchen Stehlampen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Stehlampen und (seit dem 1.September) Glühbirnen sind nicht mehr en vogue, und so müssen Deutschlands Schachspieler weiterziehen und sich nach neuen Trainingsorten umsehen.

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So sah es aus, damals, als es noch keine Computer gab

Die Bedeutung des Ortes für den turnierschachlichen Erfolg ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Bereits im berühmten Caesar-Zitat „Alleea schachtam est“ – „Ich übte Schach in der Allee“ schlug es sich nieder.
Vladimir Kramnik brachte sich für sein WM-Match gegen den Chef Kasparov in einem kleinen Ort an der Nordseeküste in Stimmung, und auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wurde vor allem immer dann Weltmeister, wenn der DFB charismatische Orte für das abschließende Trainingslager aussuchte – der legendäre Geist von Malente lässt herzlich grüßen, denn im Anschluss an die Aufenthalte im schönen Schleswig-Holstein wurde Deutschland zweimal Weltmeister (1974, 1990, hurra!).

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Sepp Maier, die Katze: erst Training in Malente, dann Weltmeister 1974!  Foto: R. Engelhardt

Nehmen wir also unser Schachbuch (Laptop ist zu umständlich, und auch Brett und Figuren lassen wir zu Hause) und machen eine kleine Trainings-Standortanalyse.
Wir fragen: wo geht´s hin mit dem Schachbuch, und wo lässt es sich trefflich üben? Zur Auswahl stehen:

a) Das Badezimmer

b) Das Bett

c) Am Strand, im Wald und auf der Wiese

d) Beim Frühstück

e) Auf Turnieren

f) Auf Turnieren, unter den Augen der Meister

g) In der Kneipe

h) Im Verein

i) Im Zug

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a) Das Badezimmer: In Bad und WC ist Training ok

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Gemeinhin bieten Bad und Toilette die Ruhe und den Frieden, den Schachspieler brauchen, um ihrem Hobby intensiv nachgehen zu können. Es gibt einen Sitzplatz, und man kann sich in diese Oase ungestört für ein paar Minuten zurückziehen aus den Stürmen des Alltags. Die Tür ist zu, verschlossen gar, und nichts (auch keine Katze) lenkt mehr ab. Her mit dem Buch, und schon kann es losgehen mit dem Lösen von Kombinationen.

Ich kenne Spieler, bei denen stapeln sich die Schachmagazine neben der Toilette. Im Prinzip bieten sich dadurch ungeahnte Möglichkeiten für eine ansprechende Tagesgestaltung.

Von Homer wissen wir, dass schon die alten Griechen diese Lokalität für ihr tägliches Taktiktraining nutzten – immerhin boten Toiletten gerade auch im schon damals strengen griechischen Sommer oft angenehme Kühlung.

Leider werden Toiletten in Verbindung mit Smartphones mittlerweile auch als Trainingsdomizil während der laufenden Partie genutzt. Auf Deutschen Meisterschaften führt so etwas gerne mal zum Partieverlust und immerhin zwei Jahren Sperre. Doch eigentlich ist das gar nicht die Schuld der Toilette.

b) Im Bett

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Das Bett ist ein sehr guter Trainingsort. Kurz vor dem Einschlafen, das Tagwerk ist getan, nun lässt es sich gut üben! Wenn sich dann noch die Kopfkissen hübsch zusammenknuddeln lassen, kann es schon losgehen mit der Abtauschvariante in der Französischen Verteidigung.

Auch das Unterbewusstsein wird dabei gleich mit einbezogen. Was man kurz vor dem Einschlafen lernt, wird nachts im Kopf noch weiterverarbeitet, so dass man am nächsten Morgen schachlich gestählt in den Tag startet.

Ein Problem allerdings bleibt: manchmal steht zusammen mit dem Bett auch ein Fernseher im Raum, oder man schläft nicht alleine im Zimmer. Wenn dann plötzlich jemand den Fernseher an- oder die Stehlampe ausstellt, tun sich schon gleich wieder die ersten Hindernisse für eine erfolgreiche Schachkarriere auf. Aber was soll man tun – es gibt einfach Kräfte, die sind stärker als wir.

c) Am Strand, im Wald und auf der Wiese

Immer gut!
(Im schönen norddeutschen Sommer sollte man unter freiem Himmel allerdings immer heranziehende Regenwolken und Kaltluftfronten im Auge behalten.)

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Hier lässt es sich gut üben. Oder doch ein bisschen schlafen?


d) Beim Frühstück

Ein effektives Schachtraining wird mit ungarischer Salami gleich noch viel effektiver. Eine Hand frei für das Buch, dann Brötchen geschmiert, Honig, Salami, und Kaffee bereitstellen. So ein Mini-Trainingslager lässt sich leicht auch auf den Rest des Tages ausdehnen, denn für das körperliche Wohl ist ja gesorgt.

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Warnhinweis: wenn Essen auf dem Tisch steht, soll man immer gerne zumindest ein Auge auf die Katze haben – falls man eine hat. Das mindert allerdings die Konzentration und damit leider auch den Trainingseffekt. Das Leben ist kompliziert.

e) Auf Turnieren

Wir können üben und üben und üben – doch bringt es auch wirklich etwas? Oder verhindern wir bestenfalls, dass wir immer nur noch schlechter werden? Eine unangenehme Vorstellung.
Die einzige Möglichkeit, um das zu überprüfen, ist die gespielte Partie.
Wenn man schon seit einiger Zeit Eröffnungen in a) Bad und WC, hübsche Mittelspieltricks in g) der Kneipe und klassische Turmendspiele am d) Frühstückstisch geübt hat, ist es wichtig, das alles nun endlich auch anzuwenden – denn was sollte sonst der Sinn gewesen sein?
Ebenso oft wie wir üben, sollen wir spielen, und danach analysieren. Nur dann sehen wir, was uns noch fehlt, und woran wir weiter üben können.

Auf also zum nächsten Turnier – siebenrundig, neunrundig, Schnellturnier, Blitz, fast egal.

Oder man spielt lange Partien in Bayerisch Eisenstein, und trifft dort vielleicht sogar Großmeister Michael Hoffmann und den Schachtherapeuten aus der Pfalz.
Trainieren kann man eigentlich überall, und es mag ja auch eines Tages mal wieder besser werden mit unserem Schach. Doch sicher ist das nicht.

(Teil II mit weiteren wichtigen Informationen folgt demnächst. Bleiben Sie dran!)

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Gerald Fix 2012-09-13 11:37
In einem SPIEGEL-Gespräch, das in dem Buch "Schachweltmeister - Der Titelkampf 1981" von Werner Harenberg (Rowohlt) abgedruckt ist, hat der Sportwissenschaftler Pofessor Hans Eberspächer Robert Hübner vorgeschlagen, "in einer Turnhalle, in der zu der Zeit Fußball gespielt wird, in einer lauten Gaststätte oder in einem gut besuchten Schwimmbad gegen starke Gegner" anzutreten.

Hübner hat Interesse gezeigt, allerdings ist es wohl nie zu dem Trainingsprogramm gekommen. Es hat aber, wie mir scheint, etwas für sich - vor allem bei Spielern, die sich leicht stören lassen.
#2 Woltmann 2012-09-13 17:44
Mir passiert es leider viel zu oft, dass ich mich zum Trainieren hinsetze und dann denke, dass man ja zur Einstimmung schnell noch ein wenig im Netz rumblitzen könnte - meistens bleibt es dann dabei.
Da sollte ich mich vielleicht mal mit der Toiletten-Idee anfreunden!?
#3 Olaf Steffens 2012-09-19 07:37
Hallo Herr Woltmann!

Da bist Du ja schon weiter als ich - immerhin setzt Du Dich hin mit dem Vorsatz zu trainieren!
Ich wäre schon froh, bekäme ich das mal hin. Bei mir ist es alles eher zufällig. Wenn ich dann aber wirklich mal was studiert habe, freue ich mich sehr.
Spontanes Blitzen ist immer gefährlich. Die Toiletten-Idee (bzw. nennen wir es vielleicht Badezimmer-Idee, klingt irgendwie freundlicher) mag eine Lösung bieten. Immerhin gibt es dort in der Regel kein Internet - und das ist oft schon die halbe Miete dafür, dass man mal zur Ruhe kommt.

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