Diese Seite drucken

Deutsche Meisterschaft auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit

Stimmte mich vor einigen Tagen das Interview des potentiellen neuen Präsidenten Dr. Weyer optimistisch, trübt der heutige Tag die Stimmungslage erheblich. Auf der Website des Deutschen Schachbundes wurde das Teilnehmerfeld der nächsten deutschen Meisterschaft in Bonn veröffentlicht: Die Setzliste folgt der unrühmlichen des Vorjahres. Konnte man damals von den TOP 100 neun Spieler für „das gute Open ohne ausländische Beteiligung“ gewinnen, sah es diesmal anscheinend noch düsterer aus. So dunkel, dass Bundestrainer Uwe Bönsch vor einer Woche noch kurzerhand drei Freiplätze dem letztjährigen „Feindeslager“ A-Kader anbot. Doch auch dies kann die Veranstaltung nicht retten. Bei sehr knapper Bedenkzeit war die Sache Einigen zu kurzfristig, für Andere die Gegnerschaft einfach keine sportliche Herausforderung. Letztendlich fanden sich mit Gustafsson, Fridman und Buhmann noch drei Spieler. Wohl einzig aus materiellen Gründen, denn es würde sehr überraschen, sollte ein anderer Spieler für das (weder zu einer amateur- noch zu einer Profimeisterschaft passende) Preisgeld bei gut 100 Elopunkten Differenz infrage kommen.
Andere Spieler über Elo 2500 sucht man vergebens, erwartet der Schachbund doch, dass diese sich über eine Landesmeisterschaft (Turniere mit ca. 200 Punkte schwächerem Schnitt) qualifizieren. Somit haben arrivierte Großmeister wie Hübner, Jussupow etc. noch nicht einmal die Möglichkeit an dieser Meisterschaft teilzunehmen.

Da der Schachbund großen Wert auf eine Teilnahme der Vertreter der Landesverbände legt, empfehle ich, die Veranstaltung in den Ramada-Cup, die Deutsche Amateurmeisterschaft, zu integrieren, was zudem den strapazierten Etat erheblich entlasten könnte…

Anzeige
Schnäppchen - Hanseatisches Wein & Sekt Kontor - Jetzt einkaufen!

Die Besetzung anderer Deutscher Meisterschaften, ob Blitz- oder Schnellschach, sieht keineswegs besser aus. Die letzten hochkarätigen Veranstaltungen findet man im letzten Jahrtausend: Bremen 1998 mit 24 der TOP 25 und auch Altenkirchen 1999 waren durchaus noch brauchbar besetzt, danach wurde es immer dünner.

Auch die Einigung mit der deutschen Nationalmannschaft ist möglicherweise noch nicht unter Dach und Fach. Ein desillusionierter Georg Meier, für den Deutschland keine vernünftigen Turniere zu bieten hat, geht nun zunächst für zwei Monate nach Uruguay (ohne Schach) und anschließend ist ein Studium in Amerika im Gespräch. Damit wäre er das zweite deutsche Großtalent (nach Leonid Kritz) mit Elo 2600+, auf das das deutsche Schach verzichten muss.

Lieber Herr Weyer, ändern Sie schnellstens etwas an der Schieflage, sonst muss ich meine voreilig abgegebene Stimme zurücknehmen.

Verwandte Artikel:

Kein Interesse an Deutschlands TOP10?, Jörg Hickl, 13.02.2011

Stell dir vor, es ist Deutsche und niemand geht hin! Ilja Schneder, 10.02.2011

 


Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

Die Teilnahme an unserer Kommentarfunktion ist nur registrierten Mitgliedern möglich.
Login und Registrierung finden Sie in der rechten Spalte.