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Deutschlands verhinderter Weltmeister

Zu stark für einen Amateur: Claus Riemann Zu stark für einen Amateur: Claus Riemann Chessdom.com

Der Weltmeister aller Klassen wird derzeit in Moskau ermittelt, den Amateurweltmeister suchte man im April im griechischen Urlaubsort Porto Carras. Wäre dort alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte wahrscheinlich ein Deutscher gewonnen, nämlich Claus Riemann aus Bonn. Zwei Runden vor Schluss führte er mit einem halben Punkt Vorsprung und hatte den späteren Sieger gerade in einer wilden Partie geschlagen. Dass er kurz nach Beginn der achten Runde kollabierte, war nicht nur der Hitze geschuldet. Gemobbt wurde Riemann ab der ersten Runde. Zuerst nur von seinen Gegnern, dann von den Schiedsrichtern und Organisatoren. Selbst im Nachhinein wird er von manchem für einen Betrüger gehalten. Der Veranstalter hat nämlich nichts dafür getan, die Ehre von Claus Riemann wiederherzustellen. Der Name taucht ab Runde acht, obwohl er da am Spitzenbrett saß, einfach nicht mehr in den Tagesberichten auf. Vor einigen Monaten habe ich mit ihm in der Zweiten Österreichischen Liga in einem Team gespielt. Als ich seinen Namen nun las, habe ich mir natürlich seine Sicht der Dinge schildern lassen.  


Vorweg: Alles hängt zusammen mit dem Elobusiness. Die FIDE hat die Einstiegselozahl mehrfach gesenkt, um mehr Spieler in ihre Liste zu holen und bei den nationalen Verbänden dafür abzukassieren. Aus dem gleichen Grund erfindet sie immer neue Wettbewerbe, deren Notwendigkeit nicht jedem einleuchtet. Einer davon ist die Amateurweltmeisterschaft, die nichts anderes ist als ein elobeschränktes Open, bei dem die FIDE mitkassiert. Die Amateur-WM ist offen für Spieler, die keine internationale Elo über 2000 haben.


Claus Riemann hat keine internationale Elo, aber eine DWZ von 2068, auf die er den Veranstalter auch vorher hinwies. Aber in die Starterliste schrieben sie ihn mit 0. Ein Gegner nach dem anderen erwartete anscheinend, dass Riemann keine fünf Züge am Stück schafft, ohne etwas einzustellen. So musste er sich, nachdem er sie schachlich abgewatscht hatte, eine Beschimpfung nach der anderen anhören. Einige gingen gleich zu den Schiedsrichtern und behaupteten, er sei ständig auf der Toilette oder verwende elektronische Hilfsmittel. Auch dass er seine Hände meist unter dem Tisch hatte und dass er Ohrstöpsel trug, erregte Verdacht. Hatte er ein Morsegerät versteckt? Oder einen Sender? Riemann zeigte wiederholt seine transparenten Ohrstöpsel vor und bot wiederholt an, dass seine Hosentaschen oder sein Rucksack durchsucht wird, seinetwegen auch vor aller Augen. Dass es alles andere als besonderer Erklärungen bedarf, wenn ein Spieler mit DWZ 2068 Spieler mit 1900 FIDE-Elo in den Sack steckt, begriff kaum einer. Ich habe mir Riemanns Partien angesehen: fehlerfrei oder von typischen Computerzügen gespickt war sein Spiel nicht.  


Vor der achten Runde begab sich Riemann trotz Hitze in den Nachbarort, um Mitbringsel für seine Familie zu besorgen, vertat sich dabei mit der Zeit (Griechenland ist eine Stunde voraus) und kam mit Sack und Pack, darin auch ein Uralt-Navi mit leerer Batterie, direkt zum Spielsaal, um sich nicht zu verspäten. Vor der Runde eröffneten die Schiedsrichter, dass an den ersten Tischen alles genau untersucht werden müsse, um Betrug vorzubeugen. Das erledigten Sicherheitsleute, wie man sie von Flughäfen kennt. Dabei wurde aus Riemanns Rucksack das Navigationsgerät zutage gefördert und diskutiert. Sein Rucksack wurde konfisziert. Schließlich durfte er seine Partie dann aber doch beginnen. Ihm war heiß, und nach wenigen Zügen eilte er auf die Toilette, um sich Wasser über den Kopf zu gießen. Dort entdeckte er, dass er völlig rot war, und brach kurz darauf zusammen. Zum Glück waren Ärzte unter den Teilnehmern, und er konnte auch rasch ins Krankenhaus gebracht werden. Als Diagnose entschied man sich für Hitzschlag.


Die achte Runde war verloren. Auf ärztlichen Rat verzichtete Riemann darauf, zur neunten Runde anzutreten (in der ihn ein Sieg immer noch auf Platz eins gebracht hätte). Vom Veranstalter sah und hörte er nichts. Wieder zuhause stellte er fest, dass ihm trotz der beiden kampflosen Niederlagen 150 Euro Preisgeld zustanden. Er bat den Veranstalter per E-Mail, das Geld an die Gewinner der Jugendpreise zu verteilen, und fragte, ob in seinem Rucksack etwas entdeckt worden sei. Auf Antwort wartet Riemann bis heute. Statt einem schönen Schachurlaub blieb ihm am Ende nur Verdruss.  


Eigentlich ein spannender Fall für die Ausbildung von Schachorganisatoren, wie sie die FIDE zwecks Füllung der Taschen Kassen neuerdings anbietet. Der Leiter dieser Seminare Theodoros Tsorbatzoglou hat sicher interessante Überlegungen zum Umgang mit Riemann. Tsorbatzoglou war der Veranstalter der Amateur-WM.

Kommentare   

+1 #1 Tiger-Oli 2012-05-18 11:49
Hoppla, eine unangenehme Geschichte. Für den Hitzschlag kann die FIDE natürlich nichts, aber all die Dinge davor muss sie sich schon mit anziehen.

Gut zu wissen, dass die FIDE nun auch die Rucksäcke vor den Partien durchsucht. Man kann ja nie wissen! Ob ich meinen mp3-Spieler noch mitnehmen sollte zum Turnier?
Jedenfalls scheint es immer mehr notwendig zu sein, uns Spieler generalsverdachtsmäßig erstmal zu durchleuchten. Traurig, eigentlich.
Demnächst spielen wir alle nur noch Schnellschach - damit kein Verdacht auf Cheating entsteht.
#2 Max Bouaraba 2012-05-18 12:57
Ob ich nun eine Heizdecke kaufe und dabei dem Verkäufer glauben schenke, sie würde mein Rückenleiden heilen, oder ob ich zu einem Open fahre im Glauben man könne dort Weltmeister werden, beides scheint mir gleichermaßen schwach-sinnig zu sein. Was mag wohl Claus Riemann bewegt haben, daran teilzunehmen? Hatte der spätere Sieger (keine Ahnung wer) wirklich das Gefühl sowas wie ein "Weltmeister" zu sein!? Ich sehe das jetzt mal so, dass man Claus Riemann eher dazu beglückwünschen kann NICHT gewonnen zu haben. Ein Hitzeschlag im rechten Moment sozusagen, um die Peinlichkeit einer solchen Farce von sich abzuwenden. Gute Besserung.
#3 Woltmann 2012-05-23 17:17
Lieber Herr Bouaraba, ich verstehe diesen sehr abfälligen Kommentar nicht. In vielen Sportarten gibt es verschiedene Möglichkeiten, einen WM Titel zu ergattern. Warum muß dieser Amateurtitel also gleich peinlich sein? Ein schönes Open in ansprechender Umgebung und dazu noch so ein Anreiz? Ich glaube, das muß man nicht so verkrampft sehen.
Genau wie bei dem CM Titel oder dem FM - einigen ist so ein Titel eher unangenehm, andere freuen sich. Das ist doch völlig ok!?
Andere Dinge bei diesem Turnier sind offenbar nicht gut gelaufen. Aber wenn schon nicht von den Veranstaltern, sollten die Teilnehmer wenigstens von uns etwas respektvoller behandelt werden.
Max Euwe wurde übrigens 1928 zunächst Amateurweltmeister, und erst 1935 als Amateur Weltmeister!
In diesem Sinne, SF Riemann, viel Erfolg beim nächsten Versuch!!
-1 #4 leAchim 2012-05-25 12:59
Balken und Splitter in den Augen
zitiere Woltmann:
..., ich verstehe diesen sehr abfälligen Kommentar nicht. ...


Gemessen an dem Inhalt, den SF Woltmann als Admin-C auf der Homepage seines Vereins unter den Schlagworten Knigge bzw. Fairplay letztlich mit zu verantworten hat ( bremersg.de/aktuelles/calder-s-klötzchenschieber-knigge/ Teil2: "Dreistigkeit, Unverschämtheit, niederträchtiges Frettchen, Schreiberling N.N." ), empfinde ich die Aussage von SF Bouaraba allenfalls als pointiert.
+1 #5 Tiger-Oli 2012-05-25 15:54
Hey hey, leAchim,

da scheint ja Deine investigative Ader voll durchgekommen zu sein.

SF Woltmann ist der Admin und nicht der Redakteur. Soviel ich weiß, ist man damit nicht direkt verantwortlich dafür, was jemand anderes an Texten einstellt. Und über Geschmack lässt sich streiten.

Mich überrascht nur, dass Du hier soviel Energie aufbringst und in den Kellergewölben der BSG herumwühlst, um SF Woltmann irgendwie etwas vorzuwerfen. Eigenartig, irgendwie.
#6 leAchim 2012-05-25 17:11
Den Tonfall, den man als Admin-C und lt. Impressum Verantwortlicher seinen Redakteuren / Autoren zugesteht, sollte man Anderen nicht zum Vorwurf machen.
#7 Thomas Richter 2012-05-25 23:12
@leAchim: Unabhängig von Sinn oder Unsinn einer Amateur-Weltmeisterschaft mal ein Zwischenruf von einem "Schreiberling": Wer hätte denn noch Lust sich (auch in dem Fall wohl ehrenamtlich und unbezahlt) im Internet zu betätigen wenn der Admin derartige Texte redaktionell bearbeitet bzw. ganz löscht? Für mich wäre hier schnell Schluss wenn Jörg Hickl zensierend eingreifen würde.

Es gibt Grenzen, die liegen da wo es - sowohl für den Chef als auch für den Mitarbeiter - juristisch relevant werden könnte: persönliche Beleidigungen, unbewiesene Behauptungen (z.B. wenn man Herrn Riemann Betrug unterstellt hätte) oder auch Verletzungen des Urheberrechts. Nichts davon trifft auf den Beitrag auf der Homepage der Bremer SG zu.
#8 Dennis Calder 2012-05-27 18:11
Die negative Bewertung des Titels "Amateur-Weltmeister" kann ich gut nachvollziehen, auch wenn ich diese negative Bewertung nicht teile.
Ebenso kann ich die um Toleranz werbende Kritik an der negativen Bewertung gut nachvollziehen. Es ist doch grundsätzlich schön, wenn man versucht, anderen Menschen im Rahmen einer gewollten Diskussion auch andere Sichtweisen nahe zu legen.

@LeAchim: Mir leuchtet nicht ganz ein, wie eine persönliche Kritik an einem Kommentator in eine Diskussion über die Amateur-Weltmeisterschaft passt: Beide Beiträge, von Bouaraba und Woltmann, hatten das Thema Amateur-WM zum Inhalt und es wurde auch niemand persönlich angegangen, sondern lediglich das Turnier. Ihr Beitrag, SF LeAchim, befasst sich jedoch nur mit Woltmann. Das wiederum interessiert hier doch niemanden, weil es bei "Schach-Welt" um Schach und nicht um Woltmann geht. Dafür gäbe es z. B. Single-Börsen oder Paar-Therapien (kleiner Scherz).
Außerdem ist der von Ihnen zitierte Beitrag auf der Vereins-Homepage der Bremer SG noch nicht einmal von Woltmann geschrieben worden, sondern von einem anderen, namentlich genannten Autor. Die Verbindung von Woltmann mit dem Verein Bremer SG zu verwenden, um einen sachfremden (weil nichts zum Thema Schach beitragend) Kommentar abzugeben, finde ich weit hergeholt.

@Kommentatoren und Redakteure:
Als Jurist kann ich Tiger-Olli zustimmen, dass bei konkret genannten Autoren etwaige Admins ohnehin nicht verantwortlich sind, sondern allenfalls Homepage-Redakteure (Wir sind hier ja nicht bei einer offiziellen Zeitung, die mit Gewinnerzielungsabsicht unterwegs ist). Im Übrigen kann ich in dem zitierten Beitrag bei der Bremer SG ("Dreistigkeit, Unverschämtheit, niederträchtiges Frettchen") überhaupt keine Angriffe auf bestimmte oder bestimmbare Personen erkennen. Und den Begriff "Schreiberling" abwertend zu verstehen, finde ich persönlich äußerst bizarr, erst Recht, weil die Titulierung "Schreiberling" mit einem Lob über den "lesenswerten Artikel" von Dirk Paulsen einherging.

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