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Die virtuelle Liga

Gefährliche Ermittlungen im Schachspielermilieu? Gefährliche Ermittlungen im Schachspielermilieu? O.St.

Heute abend kommt der Münchner Tatort, und er heißt „Der traurige König“. Schachspieler landauf, landab mögen nun die Hoffnung hegen, dass es in diesem Film um Schach geht, um einen mattgesetzten König vielleicht, oder um einen entthronten Vereinsmeister – doch dem ist nicht so, wie schon so oft.
Selten geht es um Schach, wenn das Fernsehen berichtet. Und falls doch mal eine Kamera vorbeischaut und ein Reporter, ziehen sie die Schachspieler durch den Kakao. Zuletzt berichtete davon ja sehr schön Stefan Löffler in seinem Artikel über österreichische (!) Killer und Womanizer. (Ich muss ihn nochmal fragen, wie er dieses Video so schön eingebaut hat in seinen Artikel.)

Aber was soll es auch, was brauchen wir das Fernsehen? Wir Schachspieler haben ja das Internet! Dort lief gestern die Übertragung der 10.Runde der Schachbundesliga, und obwohl ich wusste, dass die Partien schon um 14 Uhr begannen, fiel es mir selber erst um 17:55 Uhr wieder ein, dass da ja die Bundesligakämpfe zugange waren, mit meinem eigenen Verein Werder, dem HSK, König Tegel und all den anderen Clubs!
Doch wie gesagt, ich hatte es zwischendurch einfach vergessen. Stattdessen hatte ich den Nachmittag mit Aufräumen verbracht („Ein Mann räumt auf“), es war mal notwendig, und im Radio den Reportern gelauscht, die von der Fußball-Bundesliga berichteten. Darüber die Schach-BL glatt aus den Augen verloren –wer könnte es einem verdenken? Dennoch ist es peinlich für einen ziemlich echten Schachfreund, zumal auch vor Ort in Bremen ein Public Viewing angeboten wurde, mit Live-Kommentaren und Kaffee aus dem Vereinsheim.

Aber nun ist es zu spät, die Runde ist vorüber, und der HSK hat leider schon wieder verloren. Macht es gut, Jungs, heute dann besser!

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Die Schach-Bundesliga betreibt mit ihren 16 Vereinen einen enormen und sympathischen Aufwand, um ihre Liga-Spiele in die Welt hinauszutragen. Während es früher noch hieß „Fahr´ selber hin und gucke zu. Oder warte auf die Schachzeitschrift!“, werden die Partien heute in Echtzeit gesendet und können komfortabel nachgespielt werden. Wer einen Zug nicht versteht, kann sich sogar online eine Computeranalyse dazuschalten lassen. Es gibt spannende Vorberichte von Georgios Souleidis, Bilder von jedem Spieler, Statistiken und einiges Drumherum zum Nachlesen – das alles wurde mit viel Energie und Elan eingerichtet. Ich finde das toll, die Seite ist Wahnsinnn. Damals in den Achtziger Jahren, als die meisten von uns noch erheblich jünger waren, gab es diesen Komfort noch nicht. Aber heute? Sechs Stunden pro Spieltag können wir zuschauen, und es kostet uns keinen Pfennig.

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     René Stern gewinnt, und die Welt ist dabei!

Auf der anderen Seite – wer will, wer kann sechs Stunden konzentriert zugucken? So schön es auch ist für die Spieler, in Ruhe und mit genügend Zeit ihre Endspiele durchdenken zu können, so wenig Nervenkitzel bietet das ausgedehnte Warten für die auf Züge lauernden Zuschauer. Doch das war schon immer so, und Turnierschach bleibt die feinste Form des schachlichen Wettkampfs. (Nur leider dauert es so lange!)

Doch zurück zur Live-Übertragung. Manche fragen, wo der Punkt ist bei diesen ganzen Übertragungen. Halten sie vielleicht sogar die schachspielenden Fans davon ab, das eigentliche Sportereignis zu besuchen? Die große Mülheimer Bundesliga-Eröffnungsrunde im Herbst 2011 wurde im Internet ausgestrahlt, und der Veranstaltungsort selber, eine große Sporthalle – sie blieb überschaubar besucht, um nicht zu sagen, sie blieb relativ leer. Beißt sich da die Katze nicht selber in den Schwanz?
In Chanty-Mansijsk war es ähnlich. Die besten Spieler der Welt ermittelten den Sieger des Weltcup-Turniers 2011, und bis auf ein paar Schiedsrichter und ein paar Übertragungskabeln war sonst kaum jemand in der Sporthalle zu sehen. Gähn! Das schafft keine Atmosphäre. Doch wer sollte da auch zuschauen? Das Turnier fand ja in Sibirien statt, und soweit tragen uns die Füße nur in traurigen Ausnahmefällen. Außerdem gab es ja eine tolle Video-Liveübertragung

In Bremen hatten wir im Dezember eine Bundesliga-Runde, und die Zahl der zahlenden Zuschauer von außerhalb des Vereins hielt sich am Samstag in überschaubaren Grenzen. Der Spielort lag mitten in der Stadt, die Eintrittspreise waren kommod. Doch nicht viele waren dort – und dabei wäre doch, neben vielen anderen sehr sehr starken Spielern bei Hockenheim vielleicht sogar Karpov mit dabeigewesen. Doch niemanden locken mehr so richtig die Schachgroßmeister. Was soll man da tun? Es mag ein Bremer Phänomen sein, dass wir Hanseaten nicht dringend beim Bundesligaschach zusehen wollen. An anderen Spielstätten mag da mehr los sein, in Berlin, oder in Baden-Baden. Insgesamt aber ist es langweilig im Turniersaal, wenn kaum noch jemand vorbeikommt. Schöner ist es doch, wenn sich die Zuschauer ums Brett kuscheln und mit langem Hals der Zeitnotphase folgen. Vielleicht liegt es auch an den Eintrittspreisen, fünf Euro waren es in Bremen. Aber - wenn niemand mehr dafür bezahlen will, mal den einen oder anderen (promintenten!) Großmeister spielen zu sehen, dann wird es irgendwann ganz eng.

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Anatoli Karpow - lange schon war er nicht mehr Bremen! (Photo Juerg Vollmer, Maiakinfo)


Die Schach-Bundesliga kann  ihr Web-Angebot bei einer großen Zahl von Zuschauern besser vermarkten und  Werbegelder einholen. Doch heute, als ich die Seite der Schach-Bundesliga besuchte, stieß ich auf keine auffällige Werbung, nur auf eine super gestaltete Live-Übertragung (nochmal: Kompliment!). Warum also eine Live-Übertragung? Und wo ist die Idee einer Vermarktung, wenn es nichts zu vermarkten gibt, bzw. wenn damit keine Einnahmen erzielt werden? Die Bundesliga wird wohl auf Dauer von wenigen wohlwollenden Sponsoren abhängig bleiben, wenn sie nicht ihre eigenen Einnahmequellen schafft. Ob es helfen würde, die Live—Übertragung im Netz kostenpflichtig zu machen?

Auch bei manchen Fußballspielen bleiben ja die Ränge weithin leer, weil das Spiel zeitgleich im Fernsehen übertragen wird. Da spart man sich als Zuschauer das viele Geld, guckt lieber zu Haus, kann dabei bügeln und muss nicht frieren. Für die ausrichtenden Fußballvereine ist es gar nicht so schlimm, wenn das Stadion nicht voll wird. Zwar leidet die Atmosphäre, doch immerhin zahlt ja das Fernsehen einen stolzen Preis für die Übertragungsrechte. Beim Schach bleiben die Zuschauer zwar auch gerne zu Hause und schauen virtuell zu, doch einen (finanziellen) Ersatz gibt es für die ausrichtenden Vereine nicht.

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So war das damals, als das Internet noch nicht erdacht war


Ich fürchte, je mehr es Schach umsonst und live im Internet gibt, desto mehr graben wir der Atmosphäre vor Ort das Wasser ab. Wenn noch nicht einmal mehr Schachspieler, die dieses Spiel meist sehr lieben, vorbeikommen und sich die Kämpfe in echt ansehen, dann haben wir ein Problem.

Die kostenlosen Live-Übertragungen sind eine noble Geste der Liga-Vereine. Doch weiß ich einfach nicht, warum es dieses Angebot gibt, und ob sich die Bundesliga damit wirklich einen Gefallen tut. Ich sehe aber gerne weiter zu, und wenn im März Baden-Baden zu Besuch in Bremen ist, dann bin ich sicher auch im Stadion dabei.

Vorher aber erstmal ein Blick auf den Münchner Tatort "Der traurige König". Mal sehen, vielleicht steht ja irgendwo wieder ein falsch aufgebautes Schachbrett im Raum herum.

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*****

À propos Tatort - hier noch ein Hinweis in (irgendwie) eigener Sache:
Am Donnerstag, dem 15.März, ist der französische Großmeister und
Nationalspieler Laurent Fressinet zu Besuch beim SV Werder für ein Simultanspiel. Laurent ist einer der Sympathieträger in der Bremer Bundesligamannschaft und bekannt für sein kämpferisches Schach.

Unter den Lesern des Schachwelt-Blogs verlost der SVW einen der 25 Startplätze. Wer Interesse hat und eine ELO bis maximal 2100, melde sich bitte flugs und bis zum 4.März unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Der Platz für die Blog-Leser wird dann ehrenvoll verlost!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

+1 #1 Gerhard 2012-02-27 11:47
Unbestritten ist es schön, ein Turnier zuhause verfolgen zu können und immer wieder zwischendurch anderen (wichtigen) Tätigkeiten nachgehen zu können.
Gäbe es diese Möglichkeit nicht, dann müsste ich schon in der Stadt der Veranstaltung wohnen, um eine solche Veranstaltung live zu verfolgen. Ich würde das aber dann auch nur höchstens 1x im Jahr tun - weil man zuvieles andere hat, was auch "demanding" ist und seine Zeit fordert.
Uns allen gemeinsam ist doch eine Situation wie diese, die ich erlebt habe: Ich wollte mit einem Freund in ein bestimmtes Museum gehen, schaffte das mit ihm aber über Jahre nicht - bis dieses gemeinsame Ziel aufgegeben wurde.
"Früher" war es doch wohl so, zu Großvaters Zeiten, da gab es den Freitagabendstammtisch, der Höhepunkt der Woche - und einigermaßen leicht herstellbar: Man mußte nur rechtzeitig mit dem Arbeiten aufhören und zu einer bestimmten Uhrzeit seine Schritte zur Dorfkneipe lenken.

Also ich denke, die Leute sind heutzutage schwer motivierbar, regelmässig zu einer solchen Veranstaltung zu pilgern. Das schaffen wohl nur junge Leute, die vor allem auch stark motiviert sind.

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