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Die Zukunft der Schachbundesliga

Nachdem wir uns letzte Woche mit den Themen Frauenschach und –bundesliga kritisch auseinandersetzten, möchte ich nun den Blick auf die Schachbundesliga lenken. Hier sieht es nur wenig besser aus. Immerhin kennt man sie, doch gaben 44% der Teilnehmer unserer Kurzumfrage an, sich nicht dafür zu interessieren. 32% sehen sich das Geschehen im Internet an, und nur 22% zieht es in unsere „Stadien“. Dies deckt sich mit meinen Erfahrungen bei der Publikation des SCHACHWELT-Magazins. Auch hier fanden die Bundesligabeiträge ein nur geringes Echo.
Lange Zeit spielte ich in der deutschen Spitzenliga und konnte einen stetigen Abstieg miterleben. Der anfänglich brauchbare Stellenwert der 80er Jahre sank zusehends. Der Schachbund machte es sich einfach und lagerte das Problemkind kurzerhand aus, doch die Selbstverwaltung der 16 Vereine brachte kaum Besserung. Einen Tiefpunkt markierte für mich das Jahr 2002, als es uns mit den Stuttgarter Schachfreunden gelang, mit 0 Punkten die Klasse zu halten. Zu teuer und zu unattraktiv war es für die Aufsteiger der zweiten Bundesligen, um von ihrem Recht Gebrauch zu machen.

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Ich habe auf die Schnelle mein persönliches Für und Wider zusammengetragen:

Pluspunkte

  • Zumeist die weltweit stärkst besetzte Schachveranstaltung des Wochenendes (wird durch dezentrale Austragung relativiert)
  • Gut gemachtes Internetportal mit ausgezeichneter Liveübertragungsplattform. Die Darbietung im Internet lässt jedoch viele potentielle Zuschauer zu Hause bleiben und naturgemäß das Flair einer gutgemachten Schachveranstaltung vermissen. Doch weitaus gravierender erscheint mir hier der Mangel an klarer Konzeption. Welche Sportart hat es nötig, ihre Inhalte zu verschenken? Oder sogar noch dafür zu bezahlen, dass sie übertragen werden kann - der Betrieb eines solchen Portals verursacht sicher erhebliche Kosten. Was ist das Ziel?

Minuspunkte

  •  Stärkste (?) Liga weltweit jedoch ohne Marktwert  
  •  Dezentrale Austragung an vier Orten teilt die Veranstaltung 
  •  Der Drang nach immer elostärkeren Mannschaften (bei nicht steigendem Budget) führt zu Teams, die zum Teil ausschließlich aus hierzulande oftmals unbekannten Ausländern bestehen. Eine Identifikation für den deutschen Zuschauer, die im Schachsport wesentlich stärker über Namen als Elo abläuft, ist nicht mehr gegeben. Soweit mir bekannt ist, ist der DSB der einzige Sportverband, der komplett die Ausländerbeschränkungen fallen ließ.
  • Die Budgetunterschiede der Teams machen die Liga sportlich uninteressant. Anders als bei klassischen Mannschaftsspielen, setzt sich ein Team aus acht Einzelspielern zusammen - die Elozahl ist der entscheidende Punkt!  
  • Oftmals unattraktive Austragungsorte  
  • Kaum Öffentlichkeitsarbeit/Werbung  
  • Kaum Sponsoren – Abhängigkeit von Mäzenatentum  
  • Oftmals keine Angebote für Zuschauer vor Ort – Kommentierung, Spielmöglichkeit etc.. Somit wird die Veranstaltung nicht zum Event – man geht nicht zum (oftmals kostenlosen) Schach, sondern gibt 40 € für Fußball aus. 
  • Das Auftreten der Spieler/Teams ist verbesserungswürdig. Hier könnte eine Kleiderordnung, wie z. B. beim Billard, für Sponsorenakquise von Vorteil sein. 
Eine lange Liste, die sicher an einigen Punkten ergänzt und korrigiert werden kann. Ich hoffe, den Anstoß für eine rege Diskussion geliefert zu haben.
Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

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