Ein Königreich für Pferdezüge

Ein Königreich für Pferdezüge OSt

Auf vielfachen Wunsch - ein Leser hatte sich zwischenzeitlich erkundigt - kommen wir nun auf die vor kurzem erfolgte Ankündigung "Ein Königreich für ein Pferd" zurück. Viel Spaß beim Lesen und beim Partienstudium!

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Spätestens heute wird es Zeit, für unseren verehrten Stammleser Holger Hebbinghaus eine Partie zu kommentieren, die uns ebenjener bereits vor einigen Monaten Wochen zugesandt hat. HOLGER ist nämlich nicht nur erfolgreicher, unbesiegter Spitzenmann des SK Marmstorf in der Oberliga Nord-Nord, auch ist er der Gewinner des Schachwelt-Bundesliga-Tippspiels, welches in diesem kleinen Blog für die Saison 2017/2018 durchgeführt wurde.

Der Hamburger SF Hebbinghaus ist mittlerweile nicht nur stadt-, sondern eigentlich mindestens weltbekannt, pflegt er doch einfach alles zu gewinnen, was wir an Kompetitionen hier im Blog auf den Markt schmeißen, ganz unabhängig von Fragestellung, Gegnerschaft und Raumtemperatur.

Holgers Gewinn in unserem zugegebenermaßen schon ein wenig zurückliegenden Tippspiel war das Kommentieren einer von ihm höchstselbst eingesandten Schachpartie. Und darum frischauf, wir begrüßen alle nah und fern:

Vorhang auf für GM Vladimir Sergeev - FM Holger Hebbinghaus!

keksfreunde
                Alles kommt mit mehr Genuss, wenn Kekse in der Nähe sind

 
Sergeev,Vladimir (2469) - Hebbinghaus,Holger (2246)
Norderstedter Osteropen 2018

1.Sf3, 1...d5

Diesen Zug spielte bereits Weltmeister Garri Kasparov, allerdings als Antwort auf 1.d2-d4. Bedauerlicher sehen wir in dieser Partie nicht das berühmte Holga-Gambit 1.d2-d4, Sg8-f6 2. c2-c4, c7-c5 3. d4-d5, b7-b5! Sehr schade!

2.g3, Sc6

3.c4, d4

Die Welt schaute auf diese Partie während des Norderstedter Oster-Opens 2018. Großmeister Vladimir Sergeev führt die weißen Steine und beginnt das Spiel verhalten mit Financhetto und einer Anfrage an den schwarzen Bauern d5. Dieser zieht vorbei und erobert für sein Team etwas Raum auf der gegnerischen Seite - sieht gut aus!

4.Lg2, e5

5.0-0, Sf6

6.d3, Sd7!?

Holger 2

In meiner Jugend brachte man uns bei, keine Figuren zweimal zu ziehen in den ersten Zügen - warum also Sf6-d7, und das gegen einen veritablen Großmeister? Der Zug beweist zum Einen, dass FM Hebbinghaus auf den 64 Feldern nichts und niemanden fürchtet, und er zeigt zudem, dass er sich gut auskennt - 5....Sf6-d7 ist solide Theorie, das erste Mal gespielt von Juri Balashow 1969. Der Springer möchte nach c5, und dann kann man weitersehen. Und à propos Springerführung - was tippt das verehrte Publikum, wie oft das Rösslein wohl noch ziehen wird? Bitte notieren Sie Ihre Vorhersage hier: ____________ .

7.b3

Man kennt das ja: bereitet man hier "straight" mit a2-a3 den Vorstoß b2-b4 vor, blockt Schwarz mit a7-a5 alles ab - und Weiß kommt nicht recht voran. Darum wählt GM Sergeev einen etwas langsameren, jedoch nachhaltigeren Aufbau, bei dem der Springer zunächst über a3 nach c2 mäandert, gefolgt von a2-a3 und dann wirklich mal b2-oder b3-b4, mit Raumgewinn und endlich etwas Spiel am Damenflügel. (Anmerkung: warum nur all diese Mühe? B2-b4 kann man doch auch sehr schön bereits im 1.Zug durchsetzen!)

7...Le7

8.Sa3, 0-0

9.Sc2, a5

10.Tb1, Te8

11.a3

Auf die alte Weise - Weiß ist bereit zu b3-b4! (Nochmalige Anmerkung, siehe oben: warum nicht b2-b4 gleich im ersten Zug, wenn es doch so erstrebenswert erscheint?) - Schwarz kann b4 nun nicht mehr stoppen. Macht ja aber nichts!, sagt Holger und spielt ...

11...Tb8!?

Holger 3

Huch?

12.b4, axb4

13.axb4, b5!

Holger 4

Ein schmuckes Konzept frisch aus der norddeutschen Tiefebene - nun erklärt sich auch der ominöse Turmzug im 11.Zug. Schwarz stoppt die weiße Expansion, und markiert den Bauern b4 als mittelfristiges Angriffsziel für den Tb8, den Springer c6 und den Läufer e7. Hübsch!

14.Sd2, Lb7

[%draw arrow,g2,c6,black][%draw !,f4,black][%draw !,d6,black][%draw !,c5,black][%draw !,h1,black]14....bxc4, 15.Lg2xc6! The white bishop rises.

Pardon, liebe internationale Leserschaft, ich habe keine Ahnung, was die ganze geballte Ladung an Schriftzeichen in der ersten Zeile bedeuten soll. Sieht aber nach was aus, immerhin. Es muss was mit der Diagrammfunktion bei der SCID-Schachsoftware zu tun haben - die ist ganz großartig, aber mit den Diagrammen war es etwas kompliziert.

15.c5

Macht den Laden erstmal dicht. Stockfish findet 15.e3 plausibler, aber wer soll das immer alles durchschauen?

15...Sf6

Ähnlich wie Anatoly Karpov ist Holger Hebbinghaus ein Meister der Springerführung. Kaum hat der Kollege auf d7 keine Zukunft mehr, wendet er sich via f6 neuen Zielen zu: auf nach d5, auf nach c3! (Damit, man beachte, bewegt sich das Pferd zum dritten Mal. Aber warum auch nicht? It's a free country.)

16.Sb3, Dd7

17.Lb2, Sd5

18.Dd2

Langsam dämmert es nun auch dem oberflächlichen Kommentator - noch immer wurde in dieser Partie nichts abgetauscht! Wie soll es da jemals zu einer Entscheidung kommen?

18...Ta8

Weiteres Manövrieren. Wir sagen nur: Karpov.

karpov bundesliga
                                                The boss of it all

19.Ta1

Türme tauschen, und dann Remis?

19...Ta4!

Holger 5

Immer wieder eine wunderbare Idee - wenn schon Turmtausch auf der a-Linie, dann nur zu Holgers Bedingungen. Bei jedem Tausch entsteht nun ein entfernter schwarzer Freibauer. Bei jedem Nicht-Tausch drückt der schwarze Turm unangenehm auf b4. Darum:

20.Txa4, bxa4

21.Sc1, Sa7

Wie immer im Schach kann man schwer sagen, wer eigentlich vorne liegt - das unterscheidet uns von unserem großen Brudersport Fußball. Steht Schwarz hier besser? Bekommt Weiß nun Spiel? Am besten spielt man einfach weiter, dann wird man es schon sehen. - Wir möchten nicht versäumen, ein weiteres Mal auf die hohe Spielkunst des Schwarzen hinzuweisen - kaum hat der Bauer b5 (buchstäblich) das Feld geräumt, schickt sich das Pferd auf c6 an, via a7 nach b5 zu wandern. Und von dort - nach c3?

22.Sa3, Lf6

Stockfish findet hier Tb8 besser, mit Druck auf den Bauern b4. Doch wer hat schon einen Computer während der Partie? Der Textzug Lf6 ist bringt erst einmal Ruhe ins Spiel, sichert die Mitte. Alles Weitere kommt später.

23.Sa2, La8

24.Sc4, Se7

Gewieft! Mir wäre das nicht eingefallen - der Läufer a8 ist doch eigentlich einer von den Guten? Lieber würde ich ja den Läufer f6 abtauschen, guckt dieser doch lediglich auf den Rücken seiner Bauern. Indes:

25.Lxa8, Txa8

[%draw circle,g1,yellow][%draw circle,d7,purple][%draw circle,e4,purple][%draw circle,f3,purple][%draw !,g4,purple][%draw arrow,a7,b8,black][%draw arrow,b8,a1,black][%draw arrow,a4,b7,black][%draw !,a6,black][%draw arrow,a7,a3,black]

Schon wieder diese heftigen Buchstabenkonglomerate! - warum auch immer. Aber siehe da - schon steht der Turm hinter dem Freibauern a4! Eine sehr gute Konzeption von Schwarz, vor allem in der praktischen OTB (over the board - so ein Begriff macht sich immer gut in jedem Artikel) - also, vor allem in diesen sogenannten OTB-Partie kann das nicht ganz verkehrt sein.

26.e4

Sichert die Mitte, und macht den schwarzen Läufer f6 noch ein bisschen schlechter. Allerdings wäre nun das forsche dxe3 en passant interesant gewesen: der Bauer d3 wird/ bleibt schwach, und der Springer kann auf d5 einfallen. Schwarz spielt etwas anderes, und auf einmal hat die weiße Stellung Stabilität - wer weiß, nun kann auch mal f2-f4 kommen? Alle, die hier lieber Weiß hätten, heben stehen bitte kurz mal auf und klatschen in die Hände.

26...Sec6

27.Ta1

Das war es erstmal mit dem f2-f4-Plan.

27...Sb5

28.Sc1

Holger 6

28..... h6

29.Se2, Dg4

30.Kg2, Lg5

In dieser schwerblütigen Partie zeigen sich die ersten Anzeichen von agressiven Handlungen: Schwarz greift die weiße Dame an und droht sie im nächsten Zug zu schlagen! Auch sonst hat Holger, der frühere hamburgische Nachwuchsspieler, alles unter Kontrolle, was ja immer ein gutes Omen ist. Die weiße Dame muss weichen, und dabei am Besten weiterhin den Bauern b4 bewachen - keine sehr ehrenvolle Aufgabe, für eine Königin.

31.De1, Ta7

Ein etwas rätselhafter, wohl aber tiefer "move in mysterious ways" - Alpha Zero wird ihn besser verstehen als ich.

32.h3, De6

33.h4, Lf6

34.Lc1, Kh7

35.Ld2

Das verhaltene Manövrieren setzt sich auf beiden Seiten fort. Langsam nähern sich aber beide Spieler, GM sowohl als FM, der ersten Zeitkontrolle. Werden beide die Nerven bewahren und ruhige, langsame Züge machen, oder kommt es zum gefährlichen, zeitnottypischen "lashing out"?

35...Le7

36.Dd1

Ein kluges Umgruppieren - jetzt, wo der Läufer den Bauern b4 deckt, ist die Dame frei, den Kollegen a-Bauern in den Blick zu nehmen. Und wie soll Schwarz den jetzt noch halten?

36...f5!

Holger 7

Sehr gut - Holger verteidigt durch prophylaktisches Verwirren. Erst einmal muss der weiße König etwas luftiger gestellt werden.

37.f3, fxe4

38.fxe4

Sichert die gute Struktur, aber wie wir wissen: jeder Bauernzug hinterlässt zwei schwache Felder!

38...Dg4!

Holger 8

Ein prächtiges Feld wurde frei - hier stellt man seine Dame gerne hin, und zunächst einmal droht (wenngleich plump) der schöne Zug Lxh4.

39.Kh2, a3

Links drückt der a-Bauer, rechts droht die schwarze Dame - Flügelzange! Man beneidet GM Sergeev eher nicht um seine Verteidigungsaufgabe. Erst einmal versucht der Favorit seine Figuren besser zu harmonisieren. Irgendwie aber arbeiten diese auch weiterhin nicht zusammen.

40.Ta2, Ta8

41.Le1, Tf8!

Ein kleines Ausrufezeichen für die Freiheit des Geistes: eben noch deckte der Turm den Freibauern a3, doch wird dieser nun zurückgelassen. Der weiße König ist ein lohnendes Ausflugsziel!

42.Dd2, Tf1

Nun andersherum: wer hier lieber mit Schwarz spielen würde, winke bitte mit dem rechten Arm, schreite ans Fenster und rufe etwas laut in die Gegend hinaus!

43.Sxa3

HOLLA! Ein massiver Zug, prinzipiell, entscheidend, gewagt! Weiß entscheidet sich für volles Risiko und kassiert endlich auf dem Damenflügel ab - was aber wird sein König dazu sagen, so ganz allein auf der anderen Seite?

43...Sxa3

44.Txa3

Und nun, SF Hebbinghaus? Auf das intuitiv attraktive Dg4-f3 hält Weiß mit Se2-g1 seinen Laden wohl zusammen, und dann läuft alsbald der b-Bauer los. Was aber ist mit ...

44...Sxb4!

Holger 9

Yep! Dasselbe Motiv wie vorhin! Der Springer macht einen entscheidenden Sprung in die gegnerische Hälfte.

45.Sg1, Lxc5

46.Tb3, De6

Konsolidierung und Kontrolle, nachdem der Mehrbauer eingefahren wurde - so gewinnt man gegen Großmeister!?

47.Tb1, Sa6

48.Kg2, Tf8

49.Sf3, Ld6

50.Dc2, Df6

51.De2, Sc5

holger 10

Elegante Technik und gute Springerführung - alle Figuren bleiben im Spiel, werden ohne Eile auf bessere Felder gestellt, und irgendwann setzt man den Mehrbauern in Bewegung. Dvoretzki hätte seine helle Freude gehabt!

52.Tb2, De6

53.Lb4, Sd7

Springerzug! Holger wird in dieser Partie zum Pferdeflüsterer.

54.Lxd6, cxd6

Oder alternativ Dxd6, ohne dass die Bauern verdoppelt werden.

55.Df2

Trickreich ... denn 55...Sf6 [55...Sc5 56.Sg5+! hxg5 57.Dxf8]

56.Tb7, Dc8

So mancher (ich zum Beispiel ...) hätte hier den "logischen Zug" Sg4 erwogen, und einige (ich zum Beispiel ..) hätten ihn sogar gezogen. Schade nur!, dass dann wieder Sf3-g5+ kommt, und weg ist der Turm auf f8. Darum der kluge Damenzug mit Tempo zurück nach c8: nun ist der Springer frei und kann nach g4 kommen!

57.Db2, Sg4

Erneut ein Springerzug, hinauf auf ein Riesenfeld - das rechtzeitige Anschwächen f6 - f5 x e4 im 36.Zug hat sich gelohnt.

58.Sg1, Se3+

Dieses Pferd - vor langer Zeit ins Rennen gegangen von seinem Heimathof auf g8 - findet den Weg nun fast im Schlaf.

59.Kh2, Tf2+!

Holger 11

Bestens gelöst - keine Freude mehr für den großmeisterlichen Gegner, die Dame wird vom Brett genommen, und es kommt ein Endspiel, in dem auch Tricks keine Hoffnung mehr bieten. Agonie.

60.Dxf2, Sg4+

Springerzug!

61.Kg2, Sxf2

62.Tb3, Sd1

BIG HORSE STRIKES AGAIN.

Dieser schöne Rappe hat seine Reise auf g8 begonnen, zog dann über f6 früh nach d7, schaute man am Damenflügel vorbei, zog hinüber zum Königsangriff, gewann dabei die weiße Dame und machte dann auch noch den letzten Zug der Partie.

Sechzehn Züge machte dieses Pferd, mehr als 25% der Holgerschen Züge insgesamt. Das muss man erst einmal schaffen, ohne abgetauscht zu werden! Und darum jetzt, verdientermaßen:

0-1

Holger 12
  Am Ende einer langen Reise: der Springer g8 erreicht die gegnerische Grundreihe!

Die sehr gelungene Hebbinghaus'sche Partie kann hier

http://view.chessbase.com/cbreader/2019/6/23/Game81219553.html

noch einmal interaktiv nachvollzogen werden, mit Dank an die Firma Chessbase, die dieses tolle Feature global und kostenfrei ermöglicht.

Wir bitten indes, uns etwaige kleine Rechtschreibinakuratessen in selbigem Link gnädig nachzusehen - der dort hinterlegte Text war ein eher noch rohes Skript, das wir aus organisatorischen, technischen und finanziellen Gründen nicht mehr adäquat nachbereiteten. Die Züge allerdings stimmen - und das ist ja auch die Hauptsache.

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen. Seit

2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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