Ein deutscher ECU-Präsident, nur welcher?

Bevor Robert von Weizsäcker seine Kandidatur für den Vorsitz der Europäischen Schachunion ECU erklärte, war ein anderer deutscher Name im Spiel. Der von DSB-Generalsekretär Horst Metzing nämlich, der seit Ende der Neunzigerjahre in Personalunion die ECU-Geschäftsstelle in Berlin leitet. Keiner kennt sich im organisierten europäischen Schach besser aus als Metzing. Im Unterschied zu einigen anderen ECU-Größen gilt er als sauber. Einige europäische Verbände haben ihn darum gebeten zu kandidieren. Der Gedanke war nicht abwegig. Nach einiger Überlegung habe er sich indessen dagegen entschieden, schreibt Metzing dem SCHACHWELT-Blog. „Diese Entscheidung habe ich für mich aber bereits zu einem Zeitpunkt getroffen, zu dem von der Bereitschaft des DSB-Präsidenten, sich zur Wahl zu stellen, noch nichts bekannt war.“  Als zweiter Deutscher kann Metzing zwar nicht auf von Weizsäckers Ticket kandidieren, aber „falls Robert von Weizsäcker mit seinem Ticket gewählt wird, wird die Position eines Executive Directors geschaffen, die ich dann übernehmen soll. Aufgabe wäre dann die Leitung des Büros in Berlin und Koordinierung der Aktivitäten des Boards. Im Grunde würde sich dann an meiner jetzigen Tätigkeit nichts ändern.“

Anders sieht es aus, wenn sich der türkische Kandidat Ali Nihat Yacizi durchsetzt, wie Metzing schildert: „Wenn Ali gewählt wird, möchte er Angebote für das ECU-Büro einholen und das beste Gebot dann auswählen. Natürlich vermute ich, dass ein entsprechendes Angebot aus der Türkei erfolgt, so dass spätestens im Herbst 2011 die Verlagerung des ECU-Büros aus Berlin vorgenommen wird.“  Für die Türkei wäre das ECU-Büro ein weiterer Vorposten auf dem Weg in die EU. Für den DSB wäre die Abwanderung der ECU nicht nur ein symbolischer Verlust. Er ist in Berlin quasi Untermieter der ECU. Mit dem internationalen Sportverband wird die Miete großzügig gering gehalten. Alleine hat der DSB mit einer deftigen Erhöhung zu rechnen. Hat von Weizsäcker das bedacht und gibt er sich bessere Wahlchancen als Metzing, wollte der SCHACHWELT-Blog wissen? Beides habe für seine Kandidatur keine Rolle gespielt, schreibt er. Wer hat von Weizsäcker überhaupt ins Spiel gebracht? Kasparow habe ihn angerufen und gebeten, sagt der DSB-Präsident selbst. Wenn das so ist, wer hat Kasparow auf von Weizsäcker gebracht? Alles deutet auf Frederic Friedel. Der Chessbase-Mitgründer und der Münchner VWL-Professor verstehen sich ausgezeichnet.  Von Weizsäckers soll eine Alternative zum zu Iljumschinows Lager zählenden Ali Nihat Yacizi darstellen und unter den europäischen Verbänden eine zweite Front bilden im größeren Kampf um die FIDE-Präsidentschaft, der wiederum einem größeren Ziel dient, nämlich Kasparows Mühen um Demokratie in Russland und Kampf gegen den Kreml, dessen bisheriger Kandidat Iljumschinow gestürzt werden soll.

War von Weizsäcker wenigstens die erste Wahl für Karpow und seinen Strategen Kasparow? Angeblich suchten sie zuerst das Gespräch mit Topalow-Manager Silvio Danailow, der seine Kandidatur für den ECU-Vorsitz schon im März angekündigt hatte. Danailow soll abgelehnt haben, weil er sein Team selber aussuchen wollte. Dass er mit Nigel Short angetreten wäre und der Engländer mit dem Bulgaren, ist allerdings nicht wahrscheinlich.

Von Weizsäcker hat seine Mitstreiter Short, Ivan Sokolov und Johann Hjartason kaum selbst gefunden, sondern, was man in der Politik ungerne eingesteht, mit angetragen bekommen. Prominente Namen, gewiss, aber keiner der Großmeister hat sich als Organisator oder in seinem nationalen Verband besondere Meriten verdient. Metzing wäre für die europäischen Verbände ein berechenbarer, kenntnisreicher und pragmatischer Kompromisskandidat gewesen, jedenfalls ein Kandidat mit Chancen. Wie von Weizsäcker und sein Team eingeschätzt werden, ist schwerer zu sagen.

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