Eine Copyrightklage und eine alte Rechnung

Liveübertragungen sind ein wichtiger Teil des Schachgeschäfts. Veranstalter übertragen die gerade gespielten Züge im Internet, um Aufmerksamkeit für sich zu kriegen und vor allem ihre Sponsoren und Werbekunden, die schließlich genau dafür zahlen. Schachserver greifen die Züge gerne ab, um ihren eigenen zahlenden Kunden einen interessanten Service zu bieten. Wer einen Wettbewerb auf einem Schachserver verfolgt, sieht aber nicht die Logos der Sponsoren, Veranstalter und ihrer Werbekunden. Viele Veranstalter klagen seit Jahren, wie schwer es ist, Sponsoren zu kriegen und festzuhalten, wenn ein großer Teil des Onlinepublikums nie auf die Seiten der Veranstaltung kommt.

Die beiden führenden Schachserver verfolgen einen ähnlichen, aber nicht ganz übereinstimmenden Ansatz. Sie pochen darauf, dass Schachzüge nicht urheberrechtlich schützbar seien. Der Internet Chess Club greift die Züge ab und ignoriert alle Proteste. Am Gerichtsstand USA fühlen sich die Betreiber sicher. Freundlicher geht Chessbase vor: Das Hamburger Schachmedienhaus bietet den Veranstaltern an, im Gegenzug für die Übertragung der Züge auf ihren redaktionellen Seiten für die Veranstaltung zu werben und die Webadresse der Veranstaltung anzugeben.

Viele Veranstalter gehen gerne darauf ein. Schließlich will man die dank ihrer drei Sprachen (Englisch, Spanisch und Deutsch) wahrscheinlich meistgelesene Schachwebsite der Welt nicht gegen sich haben. Dass Miss- oder Geringachtung durch Chessbase die Aufmerksamkeit des Schachpublikums reduziert, haben schon viele erfahren. So wird etwas die Erwähnung oder Verlinkung der SCHACHWELT oder dieses Autors auf den Chessbase-Seiten tunlichst vermieden.

Aber nicht alle Veranstalter kuschen. Wenn ihr Wettbewerb aus Sicht von Chessbase interessant genug ist, werden die Züge dann eben gegen den Willen der Veranstalter auf dem Fritz-Server übertragen. Es gebe ja kein Copyright. Schließlich sagt das Vishy Anand in einem natürlich bei Chessbase veröffentlichten Interview und nennt es einen wichtigen Grund für das Blühen unseres Spiels. Und ist der Weltmeister im Schach nicht die höchste Autorität?

Nun ist Anand kein Jurist. Und Chessbase hat zumindest voriges Jahr eine kostenpflichtige Unterlassungserklärung abgegeben und die Übertragung eingestellt, als ein Veranstalter ernst machte. Freilich hat die Firma kein Interesse, dass sich das herumspricht und weitere Veranstalter vorstellig werden, oder dass sich die Rechtslage zu ihren Ungunsten klärt. Genau das könnte nun passieren.

Am Landgericht Berlin wird voraussichtlich im Herbst eine Klage der WM-Veranstalter gegen Chessbase verhandelt. Diese hatten für die Übertragungsrechte einen fünfstelligen Betrag gefordert (für die erheblich kleinere SCHACHWELT gab es moderatere Konditionen, so dass die WM hier legal übertragen werden konnte). Chessbase lehnte ab, weckte den Eindruck, an der WM nicht interessiert zu sein, übertrug dann aber doch vom ersten Zug aus Sofia an und gab den prompt eintreffenden Unterlassungserklärungen nicht klein bei.

Darauf hat Silvio Danailow anscheinend nur gewartet. In diesem Interview wirft er Chessbase vor, damit sogar die FIDE-Ethikregeln zu verletzen. Vor dem Landgericht in Berlin wird es allerdings darum gehen, ob Schachzüge unter den Urheberrechtsschutz für Datenbanken fallen und ob die unbewilligte Übertragung auf kostenpflichtigen Seiten die Veranstalter wettbewerbsrechtlich schädigt.

Vertreten werden die Bulgaren vom Berliner Bundesligaspieler und Rechtsanwalt Rainer Polzin. Auf Umwegen bekommt er bereits zu spüren, was es heißt, sich mit dem wichtigsten Sponsor des Deutschen Schachbunds anzulegen.

Man könnte denken, dass Chessbase an einem Vergleich gelegen wäre, um weitermachen zu können wie bisher. Doch dieser Streit wird wahrscheinlich nach Sofia-Regeln ausgetragen: Der einzige der Remis machen kann, ist vermutlich der Richter. Denn Danailow geht es nicht nur und wohl eher in zweiter Linie darum, die Rechte der Veranstalter zu stärken und damit die Ausgangslage fürs Sponsoring zu verbessern. Er will wohl vor allem eine alte Rechnung begleichen: Danailow macht die einseitige Berichterstattung und Parteinahme von Chessbase für Kramnik während der Skandal-WM 2006 für das bis heute beschädigte Image Topalows verantwortlich.

(Nachtrag:) Siegesgewiss strebt Danailow einen hohen Streitwert an, um seine Hamburger Feinde zu treffen. Gegenüber einer bulgarischen Zeitung sprach er von 500.000 Euro.

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