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Ein Tag mehr oder weniger in Sibirien

Wer sich schon gefragt hat, was die Elefanten auf dem Logo der diesjährigen Schacholympiade verloren haben, sind diese Tiere doch im sibirischen Chanti-Mansisk nicht zuhause, weiß es nun: Man muss schon ein Dickhäuter sein, um die Reise zu dieser Schacholympiade ohne Murren anzutreten.

Die von den Veranstaltern organisierten Charterflüge von Mailand, München, Moskau und einigen anderen Städten wurden bereits mehrmals geändert, berichtet Chessvibes. Eine ganze Reihe Teams mussten ihre Anreise an die Abflugorte umbuchen, unterwegs Hotelzimmer auftreiben oder sich auf längere Wartezeiten einstellen. Für die Rückreise zeichnen sich ähnliche Probleme ab. Auf einen Tag mehr oder weniger in Sibirien kam es schon zu Zeiten des Gulag nicht an. Karpow hat für seine Anhänger einen eigenen Flieger ab Kiew gebucht, doch mit glaubhaften und verbindlichen Informationen ist es dem Vernehmen nach auch da nicht so weit her.

Wer von den in Öl schwimmenden Sibiriern wenigstens Luxus nach Ankunft erwartet, dürfte auch enttäuscht werden. In Chanti-Mansisk warten zu wenige fertige Hotelzimmer. Ein Gebäude soll überhaupt noch im Bau sein. Der Rat kursiert, reichlich Schokolade und Traubenzucker einzupacken als Notproviant, falls es Versorgungsprobleme gibt. Nach Istanbul, Bled, Mallorca, Turin und Dresden ist diese Schacholympiade ein Rückfall auf den Standard, den Kalmückien 1998 gesetzt hat: Kaum Zuschauer, als Schlachtenbummler fast nur Funktionäre und eine Baustelle bis vor oder vielleicht sogar nach dem angesetzten Beginn.

Ob Iljumschinow so rasch einen Grund in New York erwerben will, um den Wettbewerb kurzfristig in die gut erreichbareund mit Hotelzimmern ausgestattete Metropole zu retten?

Statt zu spekulieren kann man schon in den Aufstellungen stöbern. Würde Karjakin nicht für Russland spielen sondern noch für die Ukraine, wäre diese knapp Favorit. Die Elozahlen ließen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen diesen beiden erwarten, würden wir früher 14 Runden nach Brettpunkten gespielt. Doch es nur noch elf Runden und Mannschaftspunkte sind, kommen mindestens noch China und Armenien für Gold in Frage. Sowie Russlands zweites Eisen im Feuer, nominell die vierstärkste Mannschaft.

Bulgarien bringt den gerade 14 gewordenen Berbatow als Ersatzspieler. Frankreich, das mangels Bacrot nur an zehn aufscheint, hat seinen derzeit eloschwächsten Tkachiev taktisch auf eins gesetzt. Bei der Niederlande kommt erstmals der junge Aufsteiger Anish Giri zum Einsatz, allerdings nur an vier. Damit ist er der vielleicht heißeste Kandidat auf eine Goldmedaille an diesem Brett - wäre da nicht Algerien, das seinen 200 Elopunkte über dem Teamschnitt geführten einzigen IM ebenfalls auf Position vier nominiert hat.

Deutschlands C-Team ist knapp vor Österreich (46) und der Schweiz (48) auf Rang 43 gesetzt. Bevor das Trauerspiel und der verschobene Abflug losgehen, hat Bundestrainer Bönsch Naiditsch und Meier ihre Kritik vorgehalten. Man kann ferner schließen, dass der Bundesuwe am meisten für die deutschen Chancen hätte tun können, wenn er zuhause bliebe und die nächsten zweieinhalb Wochen auf Marta Michnas und Keti Kachianis Kinder aufpasste.

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